Hans-Jürgen Graf

In einem Land vor meiner Zeit

(Kurzgeschichte aus den Sudeten)

 

Es ist ein großes Haus, gleich neben der Dorfkirche. Es muss auch groß sein, denn darin gibt es die Fleischerei meines Großvaters und die Gastwirtschaft vom Onkel. Sanft streicheln die ersten Sonnenstrahlen die Dachfirste der Häuser in diesem großen Dorf. Groß, nein eher in die Länge gezogen. Oberund Unterort gibt es hier. Die Sonne schickt sich an, mit ihrer Wärme den Ort weiter zu beleben. Ja, im Haus ist es bereits schon einige Zeit lebendig. Ein Tag dort beginnt nicht um 6 Uhr, nein für die große Zahl der Landwirte, Handwerker, Geschäftsleute dort beginnt der Tag manchmal schon um 4 Uhr morgens und endet erst spät in der Nacht. Sehr oft fragte ich mich, warum eigentlich von der „guten alten Zeit‘ gesprochen wird, wo doch die Menschen früher viel mehr körperlich arbeiten mussten. Es gab einfach noch nicht sehr viele oder manchmal noch überhaupt keine neuen technischen Errungenschaften, die das Leben erleichterten. Erst später begriff ich, dass die „gute alte Zeit‘ eine Zeit war, die zwar geprägt war von schwerer Arbeit, langen Tagen und viel Müh’ und Plag, aber in all dem doch getragen wurde von einem weit verbreiteten Gottvertrauen, einer liebevoll geprägten Nachbarschaftshilfe und einem Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft, wie sie heute wohl nur noch kaum gefunden wird. Natürlich bestätigten auch die Ausnahmen hiervon die Regel! Mit jedem zusätzlichen Sonnenstrahl an diesem wunderschönen Morgen kehrt mehr Leben in die Häuser des Dorfes ein. Manch Werkzeug ist schon zu hören, wo in anderen Häusern das Kinderlachen die Wände zittern lässt. Eigentlich sollte man denken, dass die Menschen in dieser Zeit nicht viel zu lachen hatten, aber ein gläubiges Herz lacht auch in bitterster Zeit. In unserem Haus ist nun auch schon das volle Leben eingekehrt. Oma hat schon lange alles vorbereitet, damit Opa mit seinen Lehrlingen und Gesellen die Arbeit beginnen kann. Die drei Kinder sind ebenfalls schon fertig und können sich nach Morgengebet und Frühstück auf den Weg in die Schule machen. Sie ziehen los. Eine Straße im heutigen Sinne gibt es nicht, und dort auf der Dorfstraße zu laufen macht auch keinen Spaß. Da nehmen sie lieber die Abkürzung durch die Wiesen und an den Feldern entlang. Wiesen und Felder damals waren anders als heute. Wiesen in voller Blüte, eine Blume reiht sich an die andere, ihre Farben blenden einen fast mit ihrer Pracht aus Farbe und Sonneneinstrahlung. Und diese Wiesen duften noch, ein wahrer Konkurrenzkampf der Düfte. Die Wiesen sind lang und weit. Auf den Feldern steht das Getreide in voller Ähre. Noch kein leichter Grauschimmer auf den Feldern, die direkt oder fast unmittelbar an Straßen enden. Goldgelb ragt das Getreide dem Himmel entgegen, als wüsste es wer ihm das gute Gedeihen schenkt. Bald wird es Zeit sein für die Ernte. Ein sonnenheller Morgen mit einem wunderschönen blauen Himmel, der nur vereinzelte weiße Tupfen aufweist. Alles erstrahlt in einem wunderbaren Glanz. Die Vögel singen aus ganzer Kehle, und so viele Stimmen hört man dort. Manches Tier rennt über die Wiese und verschwindet wieder im dichten Wald. Ja, die Wälder sind noch dicht und sehr dunkel, sie spenden noch Kühle an heißen Tagen. Laub- und Nadelbäume mit dichtem Geäst und Laubwerk. Hier hat noch mancher Erwachsene Skrupel diesen Wald nachts zu durchqueren, denn diese Wälder sind wirklich groß und dunkel. Auch am Dorfbach gibt es Gelegenheit, sich ein wenig aufzuhalten. Es ist einfach schön, das Geräusch des fließenden Nass, das über kleine Hindernisse, Miniaturausgaben der Niagara- und Victoriafälle bildet. Klares, reines Wasser und so kalt. Es erfrischt Körper und Seele.

 

Auf dem Heimweg kann man ja dann mal die Füße reinhängen, ja das machen wir. Der Bach mündet nicht weit davon in einen Dorfteich. Das Leben im Dorf ist in vollem Gange. Der Milchfahrer ist bereits schon durch das Dorf gezogen, übrigens der einzige der ein Auto besaß. Kramerladen und Fleischerei haben geöffnet. Ein jeder geht seiner täglichen Arbeit nach, und die ist nicht wenig. Opa hat das Fuhrwerk angespannt, er fährt heute zu den Bauern um Vieh anzusehen, das geschlachtet werden soll. Geselle und Lehrlinge bleiben im Haus um die Arbeit dort sicherzustellen. Langsam rattert das Fuhrwerk Richtung Unterort. Vielleicht, wenn er Zeit hat, schaut er dort auch kurz bei den Schwiegereltern rein. Uroma und Uropa mit ihrer kleinen Landwirtschaft. Uropa arbeitet auch noch als Taglöhner am Bau und ist wieder einmal kurze Zeit zuhause. Es liegt eine wundersame Ruhe über dem Tal. Ein Tag, der einem Dank an den Schöpfer abringt für das Geschaffene. Er darf nicht vergessen, am Abend trifft man sich beim Nachbarn. Der braucht ein neues Dach für die Scheune, und da helfen alle zusammen. Oma ist derweil im Laden beschäftigt, wie auch zwischendrin im Schlachthaus. Die Preise im Laden sind „Durchschnittspreise‘“, je nach „Einkommen“ der Kunden. Oder es gibt auch mal eine Portion mehr kostenlos dazu. Die Schule ist zu Ende. Es ist keine allzu große Schule, die gab es damals nur in den Kreisstädten und Großstädten. Eine Dorfschule eben, wie überall. Die Kinder laufen lachend, spaßend nach draußen, einige keilen sich auf dem Heimweg. Unsere Kinder machen sich auf den Weg zur Großmutter und dem Großvater. Ja, der Opa ist heute wieder da. Eigentlich ist es doch ein wenig unhöflich, wenn sich die Personen der Handlung in dieser Geschichte so überhaupt nicht vorstellen. Vielleicht lesen dies ja auch einige der älteren Generation der Sudetendeutschen und die kennen diese Leute vielleicht noch, meine Familie. Ich sortiere die Familie dann mal von alt nach jung. Die Uroma und der Uropa, das sind Franziska Tenikl eine geborene Kinzl und der Johann Tenikl, sie wohnten im Unterort von Schönbrunn. Die Oma ist die Amalia Schauer, eine geborene Tenikl, der Opa ist der Alois Schauer, mit Dorfnamen Dremls Floscher. Die Kinder sind meine Mutter, Helena, meine Tante Irmgard und mein Onkel Alois. Sie wohnten im Oberort von Schönbrunn. Kennen lernen durfte ich den Uropa nicht mehr, er starb bereits 1957 ın Mimberg (Kreis Nürnberg). Uroma ist mir noch vertraut, sie wurde 92 Jahre alt. So konnte ich sie gute 8 Jahre erleben. Oma hat uns leider schon 1969 verlassen. Opa folgte ihr 1977, meine Mutter dann 2004 und Onkel Alois 2005. Das ist der Lauf des Lebens, für jeden ist er unterschiedlich lang. Doch jeder Heimgang ist ein sehr, sehr schmerzhafter für die, die zurück bleiben.

Die Kinder sind bei den Großeltern eingetroffen. Uroma ist der strenge Teil der großelterlichen Gemeinschaft, Uropa ist der ruhigere und zugänglichere. Er hat sich schon auf die Enkelkinder gefreut, und empfängt sie bereits vor der Türe. Was aber auch ein Zeichen sein kann, dass der Haussegen leicht bis mittelschwer verrutscht sein könnte, denn dann ist Uropa meist irgendwo auf dem Grundstück zu finden. Nach einem kurzen, freudigen Empfang wird erst mal weitgehende Ruhe vereinbart zwischen Opa und Enkelkindern, was ganz sicher ein Zeichen ist, dass der Haussegen nicht mehr waagrecht hängt. Nachdem der Haufen ruhig ist, gehen alle ganz brav erst mal zur Oma hinein. Die ist, wie sie es meistens ist wenn beide miteinander einen Streit hatten, sehr ruhig. Auch wenn sie mal im Unrecht war, so konnte sie nicht so einfach nachgeben. Das dauerte immer noch eine Zeit. Für die Kinder gibt es eine Kleinigkeit zu essen und sie helfen den Großeltern bei so mancher Tätigkeit auf deren kleiner Landwirtschaft. Aber sehr schnell ist auch die Zeit gekommen, wo sie sich auf den Weg machen mussten nachhause. Denn Oma wartete sicher schon auf ihre Kinder. Sie machten sich auf den Weg. Auch hier ist die Abkürzung über Feld und Wiese doch die schönere, und schließlich hatte man sich vorgenommen, wenigstens ein klein wenig noch die Füße in den Bach zu hängen. Dazu ist bestimmt noch Zeit, und ein bisschen davon holen wir noch auf, wenn wir halt rennen und nicht nur laufen. Gesagt, getan und schon saßen sie am Dorfbach. Ja, es ist wunderbares, klares Wasser, so schön kalt. Es erfrischt die Füße und sie brennen nicht mehr so, wenn man sie im kindlichen Drang manchmal doch ein wenig überstrapaziert hat. Schön, das tut gut. Aber Vorsicht ist da doch angesagt, denn da gibt es Krebse. Die Füße hängen im kühlen Nass, der Rest liegt auf der Wiese und lässt sich von der Sonne bescheinen. Guckt man mal ganz kurz, ein bisschen in die Sonne, dann sieht man Farben, stellen die Kinder fest. Und wenn man ganz fest seine Augen zuhält, dann kann man das Weltall und die Sterne sehen! Jetzt aber auf, ihr Drei! Oma wartet zuhause auf ihre Kinder. Daheim angekommen ist Oma wie immer, bei der Arbeit zu finden. Die Kinder gehen ins Haus und machen ihre Hausaufgaben. Das fällt schon schwer, denn von draußen kitzelt die Sonne immer wieder die Nasen der drei, und da hält es keinen so leicht im Haus. Aber vorzeitig, ohne dass Oma kontrolliert hat ob alle Aufgaben gemacht sind, das Haus zu verlassen ist ein waghalsiges Unternehmen und mit hoher Wahrscheinlichkeit von Misserfolg gekrönt, das dann noch ein Nachspiel haben könnte. So lassen es die Kinder lieber doch sein. Denn das letzte „Vergehen“‘ ist noch nicht so lange her. Oma kommt in die Küche und möchte die Aufgaben sehen. Es ist alles soweit in Ordnung, also kann jetzt jeder seine Aufgaben im Haushalt erledigen. Ja, das musste schon sein, denn alles alleine konnte Oma auch nicht machen. Jeder hat seinem Alter gemäß diese oder jene Aufgabe und erledigt sie aber zumeist doch gerne. Etwas Zeit um draußen zu spielen war eh noch.

Über den Hof ziehen die Düfte des bereits in Arbeit gegangenen Abendessens. Die Kinder spielen mit den kleinen Katzen und dem Hund. Opa hatte erst einen Wolfshund, der den Grund bewachte und später eine deutsche Dogge. Beide hörten auf’s Wort. Greif heißt die deutsche Dogge. Er ist ein sehr lieber Hund wie auch der Wolfshund es war, er bewacht die Kinder und folgt ihnen wohin sie gehen. Wenn sie den Grund verlassen, so wartet er auf seinem Gebiet, behält sie aber meist solange im Auge bis er sie nicht mehr wahrnimmt. Einmal, so erzählte es mir meine Mutter, rettete ihr Greif das Leben. Sie war, obwohl nicht erlaubt, allein an den Dorfweiher gegangen und hinein gefallen. Schwimmen konnte sie noch nicht. Greif hörte zuerst ihre Rufe und lief so schnell er konnte in die Richtung der Schreie, er packte sie am Kragen ihres Kleides und zog sie an den Rand des Teiches. Opa war heim gekommen. Und die Kinder haben ihn schon begrüßt. Er hat ihnen erklärt, dass morgen Vieh gebracht wird, das geschlachtet werden soll. Sie wissen schon, dass es für sie bedeutet, bestimmte Teile des Hofes sind ab Mittag für sie tabu. Besonders dort, wo die Tiere abgeliefert werden. Denn für Kinder ist es dort dann sehr gefährlich. Es werden oft auch Stiere gebracht, und die sind dann sehr aufgeregt, haben Angst. Da heißt es dann, sich fern zu halten von Schlachthaus und der Umgebung. Ein klein wenig kühler ist es geworden. Der Abend meldet sich langsam an. Das Essen ist auch fertig. Nun heißt es waschen und umziehen und dann zu Tisch. Auch Geselle und Lehrlinge essen mit. Das Tischgebet wird gesprochen und dann wird zu Abend gegessen. Draußen hat sich die Luft noch etwas weiter abgekühlt. Es wird auch etwas ruhiger. Die Hühner, Gänse und anderes Getier ist nur noch ab und an zu hören. Oma sitzt nach der Hausarbeit ein wenig in der Stube und näht. Opa ist schon eine Weile beim Nachbarn und wird erst später heimkommen. Da sind die Kinder dann längst im Bett. Kurz nach dem Abendessen ist die Uroma zu Besuch gekommen. Jetzt sitzen sie alle noch ein wenig vor dem Haus, während Oma weiter näht und Uroma etwas strickt. Hinzu kommt noch eine Nachbarin und eine weiter entfernt wohnende Bekannte. Zuerst unterhalten sie sich etwas über den Tag im Dorf. Mit einem Male beginnt Uroma alte Volksweisen zu singen. Sie hat eine schöne Stimme. Die anderen stimmen mit ein. „Hohe Tannen“ erklingt und „Es freit ein wilder Wassermann“ aber auch Glaubenslieder werden gesungen. Die Kinder bekommen dies alles noch mit, da sie noch nicht einschlafen können. Oma hat sie vor kurzem ins Bett geschickt. In ihrem Zimmer hören sie den Stimmen der Eltern und Großeltern zu. Wunderschöne alte Lieder, getragen, traurig oder auch mit Schwung erklingen vor ihrem kleinen Fenster, das erst in einen rötlichen Schimmer getaucht und zusehends immer rötlich goldener wird. Der Sonnenuntergang taucht das ganze Dorf in einen die kindliche Phantasie anregenden, goldenen Schimmer. Wiesen erstrahlen wie ein goldenes Band, übersät mit farbigen, bunt glänzenden Edelsteinen. Felder liegen, wie große Barren des edlen Metalls in der Landschaft. Der Dorfbach erstrahlt im abendlichen Sonnenuntergang wie ein riesiger Diamant edelster Güte. Ja, sogar der Dorfteich erstrahlt ein wenig wie ein funkelnder Smaragd. Und das Antlitz der Menschen, die im hereinkommenden Abend noch am Haus vorübergehen, strahlt im Licht der untergehenden Sonne eine tiefe Zufriedenheit und ein klein wenig Glück aus. Ja, dieses Land ist von Gott gesegnet. Nun schlaft ruhig, ihr Kinder und träumt von dem Land, das uns ein kleiner Spiegel zu sein scheint vom Paradies, und erwacht wieder dort, wo Eure Seele Heimat gefunden hat.

Ich danke meiner Mutter, dass sie mich über die Jahre meiner Kindheit, Jugend und des Erwachsenseins immer wieder teilhaben hat lassen an ihren Erinnerungen an das Sudetenland. Davon ist diese Geschichte nur ein kleiner Teil, und auch ein bisschen ausgeschmückt und mit meinen Gefühlen versehen, die ich hatte, wenn Mutter von Schönbrunn und der Gegend dort erzählte. Ein Land, vor meiner Zeit, aber ein Land das ich — obwohl ich es nie in dieser Art kennen lernen durfte — trotzdem als ein Stück Heimat bezeichnen möchte. Und in meiner Art der Definition von Heimat scheint eine große Diskrepanz zu liegen zu der Definition wie ich sie in den Fernsehdiskussionen um die Vertreibung immer wieder zu erkennen schien. Ich möchte hier auf keinen Fall eine rechtliche Definition oder ähnliches von mir geben. Mir geht es um einen Heimatbegriff, den ich vielleicht mehr in der Richtung der Moral, Ethik oder auch der Philosophie sehen möchte. Natürlich hat ein Mensch eine sehr tiefe, ich möchte fast sagen die tiefste Verbundenheit, zu dem Landstrich in dem er geboren und/oder aufgewachsen ist. Dieses Land, welches er erlebt hat. Doch möchte ich noch ein Stück weiter gehen. Ich glaube, dass ein Mensch im Laufe seines Lebens seine „Heimat‘ um die Länder, Gegenden und Landstriche erweitert die seine Seele positiv berühren, und die er vielleicht nicht immer freiwillig aufgesucht hat. Mir ist es mit den Erzählungen meiner Mutter von Schönbrunn und den Geschichten aus Heimatbüchern dieser Region so ergangen. Meine Sehnsucht wurde groß und immer größer, diese Orte einmal zu sehen. Mutter sagte erst immer, dass sie nicht wieder dorthin zurück möchte, weil sie es vielleicht nicht aushalten könnte, wieder vor ihrem Elternhaus zu stehen, vor dem Haus oder Grundstück der Urgroßeltern und ihre Erinnerungen würden dann so lebendig werden, wie sie es vielleicht noch nie waren. In den 80er Jahren bot sich eine Gelegenheit des Heimatbundes per Bus dorthin zu fahren und ich fragte Mutter, ob sie vielleicht nicht doch mit mir fahren möchte. Ich glaube, wegen mir willigte sie dann doch ein. Wir fuhren nach Schönbrunn und es war wirklich keineswegs leicht für meine Mutter. Je näher wir dem Ort kamen umso ruhiger wurde sie. Das zeigte, dass sie sehr aufgeregt war. Als unser Bus dann direkt vor ihrem Elternhaus, am Kirchplatz, hielt konnte sie sich nicht mehr halten und weinte sehr. Hier spürte ich ganz deutlich einen Schmerz, den ich so nicht kannte. Den Schmerz einer verlorenen Heimat. Als sie sich gefasst hatte, nahm sie mich bei der Hand und ging mit mir durch den Ort. Ich sah nun all die Orte, von denen ich immer erzählt bekommen habe. Sie waren fast alle noch da. Das Haus meiner Urgroßeltern war in einem sehr guten Zustand. Die Fleischerei und die Gastwirtschaft waren teilweise schon sehr verfallen und einige Gebäude standen nicht mehr. Das hielt meine Mutter aber nicht ab, mir genau zu erklären wo was gestanden hat, wo ihre Zimmer waren. Wo sie und ihre Geschwister zur Schule gegangen sind und vieles mehr. Ich staunte sehr, dass meine Mutter sich dies alles so über die Jahrzehnte gemerkt hat, denn zum Zeitpunkt der Vertreibung war sie ja gerade 10 oder 11 Jahre alt. Aber sie wusste alles noch sehr genau. Und das zeigte mir die tiefe Verbundenheit dieser Menschen zu ihrer „Heimat“ und diese wurde dann auch meine „Heimat“. Ich würde niemals reelle Besitzansprüche davon ableiten wollen.

Aber in meinen Gedanken und meiner Phantasie gehört zu meiner Heimat auch das Sudetenland dazu. Ein Land, das ich als ein wunderbares, von Gott gesegnetes Land kennenlernen durfte. Mit wunderschönen Fluren, dichten Wäldern, tief religiösen Menschen, ein Land mit Legenden und Sagen. Eines, wo ich auch heute noch in meinen Gedanken durch diese dichten Wälder gehe, ohne Schuhe anzuhaben. Wo mich der Morgentau an meinen Füßen erfrischt und mir einen Teil der Kraft für den Tag gibt. Ein Land, das im Sonnenuntergang seinen Reichtum an „Gold“ und „Edelsteinen“ preisgibt. Dort wo man Vögel hören kann, deren Stimmen bei uns längst erloschen sind. Der Ort, an dem die Seele in Freiheit spazieren gehen kann. Diese Heimat wird besungen in einem Lied, das ich aus einem Heimatbuch kenne. Ich zitiere es hoffentlich nicht gänzlich falsch:

„Zwischen Marsch und Adler breitet sich ein reich begnadet Land, das den Wandrer der’s durchschreitet, wie ein süßer Zauber bannt. Segen ruht in diesem Tale ....“

Ja, hier ruht Segen. Eines der Länder dieser Erde, in denen der Finger des Schöpfergottes die Seele und das Herz seiner Kinder berührt. Solch ein Land, das Heimat ist, zu verlieren ist ein unermesslicher Schmerz, das kann ich nachvollziehen. So hat die damalige Vertreibung nicht nur zum Zeitpunkt als sie stattfand Leben gefordert, nein, vielleicht auch noch Jahre und Jahrzehnte danach. Weil so mancher über diesen Verlust letztlich nicht hinwegkam. Vertreibung ist ein fürchterliches Unrecht, welches Sudetendeutsche, Schlesier und viele andere Völker und Volksgruppen auf diesem Erdball mitmachen mussten im Laufe der Jahrtausende. Der Mensch kann sehr einfallsreich sein, wenn er dem Menschen Schmerzen und Leid zufügen will. Doch durch die Erzählungen meiner Mutter, der Großeltern und vieler anderer Sudetendeutscher kann ich sagen, dass ich unbewusst lernte, dass Heimat auch die Erinnerung sein kann. Selbst wenn man jetzt noch dorthin zurückgehen würde, da es möglich wäre, so würde man nie wieder das Land vorfinden, das in den Erinnerungen noch so lebendig ist. Jetzt, da auch so ganz langsam der Zeitpunkt naht, dass es nicht mehr sehr viele Zeitzeugen der Vertreibung geben wird. Jetzt möchte ich ein wenig Trost geben, soweit mir das überhaupt möglich ist. Denen, die jetzt noch leben und die Vertreibung selbst erlebt haben, aber auch uns, die wir Nachkommen sind und den tiefen Schmerz unserer Eltern und Großeltern so manches mal miterlebten, wenn sie vielleicht Bilder aus der damaligen Zeit ansahen oder darüber redeten. Wenn ich so manche Gegend auf dieser Erde betrachte, wie eben das Sudetenland aber auch andere und die oft überwältigende Schönheit dieser Länder wahrnehme, so registriere ich dies meist als einen kleinen Ausblick auf dieses herrliche Land, das uns vielleicht hinter den Wolken, dem Nebel des Sterbens, erwartet. Und dieses Land ist dann unsere ewige Heimat. Erinnerung soll uns Möglichkeit sein, Schönes und Wunderbares im Herzen, der Seele und in den Gedanken zu bewahren. Warum eigentlich? Vielleicht, weil wir einst, wenn wir den irdischen Weg beendet haben, wieder auf den herrlichen und wunderbaren Wiesen und Feldern laufen werden, die wir so sehr vermissen. Die Wälder durchstreifen die so dicht und grün sind und die Wasser sehen werden, die dem Dorf Leben spendeten? Und vielleicht werden dann, wenn wir ankommen, bereits alle Vorausgegangenen dort sein und uns begrüßen mit den Worten „Dü bist a scho du? Kumm, sitz diech hara!‘“ (Verzeiht mir, wenn es nicht ganz so stimmt!) Und Du wirst erkennen, von hier kann Dich keiner mehr vertreiben! Lasst die verlorene Heimat zur Heimat der Erinnerung werden, damit sie vielleicht dann zur ewigen Heimat werden kann? Ich meine, dann ruht auch die Seele gut. Solange ich lebe, werden die Erzählungen meiner Lieben, die eigenen Eindrücke und die Dokumente die ich bei mir aufgehoben habe, mir helfen die Erinnerung meiner Familie aufrecht zu erhalten. Auch ich werde, als Nachkomme vom Sudetenland erzählen. Das ist mir auch ein besonderes Anliegen. Ich möchte auch in meinem bescheidenen Rahmen, die Erinnerung an das geschehene Unrecht nicht verblassen lassen. Nein auch die nachkommenden Generationen sollen die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten als ein Unrecht kennen lernen, das man nicht vom Tisch wischen kann. Ihr mögt mich für verrückt, schwärmerisch, kitschig oder was auch immer halten, aber meine Seele hat Ruhe gefunden, als ich für mich erkannte, dass vielleicht Mutter, Onkel, Oma, Opa, Uroma und Uropa jetzt noch viel herrlicher und ohne Schmerzen und Leid, die Wege und Straßen, Wiesen und Felder wieder beschreiten, die sie so manches Mal schmerzlich vermissen mussten. Vielleicht, denn das kann ich nur glauben. Glaube ist ein Überzeugtsein von dem, was im Verborgenen ist.

© Hans-Jürgen Graf, Nürnberg, alle Rechte vorbehalten. Gewidmet meiner Mutter, Helena, geboren 1935 in Schönbrunn (Jedlovä) im Schönhengstgau, gestorben 2004 in Schwarzenbruck, ihren Geschwistern Alois, geboren 1937 dort und gestorben 2005 in Postbauer-Heng und Irmgard, geboren 1932 dort und noch am Leben, meinen Großeltern, und all denen die das Leid, die Schmerzen und die blanke Angst der Vertreibung am eigenen Leib erlebt haben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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