Hans K. Reiter

Glauben und Wahrheit

Im Januar 2020 war alles noch normal.

Der Saal beim Buchinger Wirt war bis auf den letzten Platz gefüllt. Merkwürdig war lediglich der Umstand, dass in wenigen Augenblicken eine Veranstaltung beginnen sollte, bei der kein Bier ausgeschenkt würde.

300 Leute im Saal und kein Bier! Das hat es selbst nach Auskunft der ganz Alten in diesem Ort noch niemals gegeben, wie vermutlich im gesamten Landkreis nicht, ja, vielleicht noch nicht einmal im ganzen Land.

Seine Hochwürden Monsignore Felgenhuber stand diesem Ereignis ohnehin skeptisch gegenüber, was aber weniger am fehlenden Bier, sondern vielmehr am Thema des angekündigten Vortrages lag.

Die örtliche Partei der fortwährend von der Zukunft Schwadronierenden, ohne jemals erkennbar besondere Verdienste hierfür erworben zu haben, hatte eingeladen. Ein wahrlich erbaulicher Abend sollte es werden - so der Plan.

 

Aber, es kam anders.

Das Samtene des Ordensgewandes verströmte Luxus, wie man ihn sonst bei den Damen und Herren der höheren Gesellschaft antraf. Zweifellos war dies nicht die Kutte eines gewöhnlichen Ordensbruders. Nein, der Träger war Weihbischof und Abt des benachbarten Klosters, eines der letzten großen im Freistaat mit beträchtlichen Millionenumsätzen aus Landwirtschaft und dem Brauen von Bier. Ja, vornehmlich aus Letzterem sprudelten die Gewinne.

Der Herr Monsignore blühte sichtlich auf, als seine Eminenz der Herr Bischof mit dem feinen Gewande auf dem Stuhl neben ihm Platz nahm.

Nach übereinstimmender Meinung der befragten Besucher, war der eigentliche Grund für den Massenandrang die unter der Hand gestreute Indiskretion über die Teilnahme seiner Eminenz des Herrn Bischofs.

Nicht vertreten waren die sogenannten einfachen Leute. Nein, von ihnen war keiner anwesend. Das holen wir später nach, hätten die Verantwortlichen der Partei geantwortet und hinzugefügt, dass man eben bedauerlicherweise keinen größeren Saal am Ort besitze.

Die als Stimmvolk, ein Schweizer Ausdruck, für jede Partei am dringendsten Gebrauchten, waren also nicht in diesem Saal. Vielleicht, wer hätte es behaupten können, wäre der Abend mit ihnen anders verlaufen. Der sogenannte einfache Bürger besitzt ein Gespür für Nuancen, wie es den oberen Köpfen längst abhandengekommen ist, bemerkte einmal ein Zeitungsschreiber des Ortes.

 

Und so begann der Vortrag.

Leichtfüßig schwebte ein Mann um die Vierzig auf die Bühne. Sein Gesicht und seine gesamte Körperhaltung strahlten etwas Philosophisches aus. Natürlich, jetzt erkannte man ihn..., das war doch der..., ja, der war es! Im Fernsehen sehen sie ja immer etwas anders aus, zurechtgemacht, geschminkt, aber heute und hier stand er vor ihnen, ein Mann ihres Schlages.

Was auch erklärt, warum das Stimmvolk, wie schon erwähnt, nicht anwesend sein durfte. Heute würde ER zu ihnen sprechen, zu IHNEN, den Auserwählten, den Menschen mit Intellekt, den Machern, den Leuten von morgen!

So jedenfalls mag der Leichtfüßige gedacht haben, als er sich kurz verbeugte und...,

Noch bevor er sogleich loslegen konnte, schob sich gewandt eine Frau vor IHN und bedeutete mit einem Lächeln, das munter wirken sollte, aber ihr Gesicht eher schmerzverzerrt erscheinen ließ, dass SIE ihn doch erst noch ankündigen müsse und, nicht gesagt, aber im Ausdruck ihrer Mimik widerspiegelnd, wieso er überhaupt jetzt schon auf die Bühne gerast sei und nicht noch auf das vereinbarte Zeichen habe warten können.

...verehrte Eminenz, Monsignore, Herr Bürgermeister, meine sehr verehrten Damen und Herren..., hier ist UNSER Vorsitzender, UNSER Herr...

Just in diesem Augenblick verursachte eine Rückkopplung oder was immer es gewesen ist, ein ohrenbetäubendes Pfeifen aus den Lautsprechern, sodass sich alle reflexhaft die Ohren zuhielten und das gerade von der Frau am Mikrofon noch Gesprochene unterging.

 

ER, der Parteivorsitzende mit dem philosophischen Habitus erkannte augenblicklich seine Chance, schob die Frau kurzerhand beiseite und begann zu sprechen.

Zu viele ähs... und andere künstlich klingende Wort- und Satzverbindungen, auch die verwendeten und hinlänglich bekannten Phrasen und Worthülsen, ermunterten die Auserwählten eher zum sanften Entschlummern, denn zu wachsamer Aufmerksamkeit. Selbst seine Eminenz, so wird erzählt, sein mehrfach kurz eingenickt.

Es muss noch erwähnt werden, dass es natürlich für niemanden einfach ist, der weder schwarz noch anderweitig der dominierenden Partei im Freistaat verbunden, eine eben solche Zuhörerschaft zu fesseln. Dem politischen Philosophen jedenfalls gelang es nicht. Erschwerend kam hinzu, dass Philosophieren im ländlichen Raum ohnehin nach völlig anderen Gesetzmäßigkeiten erfolgt, als dies der wackere Vortragende zuwege gebracht hätte. Als nicht Einheimischer und eben schon gar nicht der aus hiesiger Sicht richtigen politischen Richtung zugehörig, konnte er nur Schiffbruch erleiden.

Die Organisatoren hätten es wissen können, wissen müssen. Aber da auch sie nicht von hier stammten, also keine Hiesigen waren, besaßen sie das Lebensgespür für die Umstände nicht.

Soweit wäre es noch einigermaßen glimpflich abgelaufen, wenn nicht, ja wenn nicht plötzlich jene zuvor beiseitegeschobene Frau von irgendwoher aus dem Hintergrund auf die Bühne gestürmt wäre und lauthals in das mitgeführte und per Funkübertragung verbundene Mikrofon die folgenschwere Ankündigung gemacht hätte, dass die verehrten Anwesenden nunmehr Fragen stellen dürften.

 

Erst rührte sich nichts.

Dann war es Monsignore Felgenhuber, der mit einem Ruck aufstand, gerade so, als läge es an ihm, diese Veranstaltung noch zu retten.

„Wissen Sie“, sagte er mit fester Stimme, „ich verstehe nicht, wieso ausgerechnet Sie einen Vortrag über das Thema Glauben und Wahrheit zum Besten geben oder was Sie dafür gehaltenhaben“.

Das war Provokation pur! Das war Absicht! Der Monsignore wollte zweifellos die Gunst der Stunde nutzen und bei seiner Eminenz punkten.

 

Na sowas! Und warum?

Kirchenväter tun das gerne, erlaube ich mir als Berichterstatter erklärend anzufügen. Provozieren gehört zu ihren vornehmsten Aufgaben, seit jeher, aber kaum einer merkt es oder wenn doch, dann sieht man es mit einer gewissen Milde und unterstellte weder Absicht oder gar noch Schlimmeres.

 

Zu gleichen Zeit, weit entlegen jedes Irdischen, in den Sphären des göttlich Himmlischen, waren die hohen Heiligkeiten des göttlichen Rates zusammengekommen. Für uns Menschen ist ein solches Geschehen nur schwer begreifbar, entzieht es sich doch vollends dem menschlichen Vorstellungsvermögen, geschweige denn, dass man Sphärisches hätte rational erfassen können.

>>> Sind sie nicht putzig, diese Menschen? Haben wir sie dereinst nicht so hingestellt, wie wir alles hingestellt haben, eine aus dem Nichts kommende Sammlung göttlicher Gedankenblitze. Haben wir diesem Gebilde nicht ALLES und NICHTS gegeben, um sich frei zu entwickeln und um zu werden, was es wird?

Und ist dieser Mensch nicht das Eigenartigste unter all dem anderen der Schöpfung? Ist es nicht bemerkenswert, dass sich aus dem ALLES und NICHTS überhaupt so etwas wie der Mensch herausgeschält hat?

Dass das ALLES und NICHTS ihnen, den Menschen, eine Masse geformt hat, die sie Gehirn nennen, gleich dem der Tiere und anderen Erdenkreaturen, und sie es dazu benutzen, sich Gedanken zu machen, Ideen zu gebären, zu meinen, sie seien dem anderen Leben auf ihrer kleinen Kugel überlegen, dass sie überhaupt auf die Ausweglosigkeit verfallen sind, die merkwürdigsten Geschichten über Leben und Tod zu erfinden?

Und dass sie, weil sie nichts begreifen und verstehen, Göttliches sich vorstellen, proklamieren und zum Vorbilde nehmen, selbst jedoch nichtgöttlich sich gebärden, dass ihnen der Trugschluss ihres Denkens auffallen sollte, ja, sie gerade ablassen müssten von jener Irrsüchtelei ihrer Gedanken.

Sie können es nicht besser, als der Augenblick es erlaubt. <<<

 

„Sie meinen also, und ich verstehe Ihre Frage, wie sie gemeint ist, nämlich als Aufforderung, mich zu erklären, zu sagen, dass ich nicht befugt sei, über den Glauben zu sprechen, denn dies sei alleine Ihre Zuständigkeit, ihre Expertise?“


Eisige Ruhe im Saal, jetzt! Gerade noch Gesprochenes im ausgestoßenen Atem wie gefroren! Was erdreistet sich diese Person?

Der Monsignore sagt nichts, ringt sich nur ein geringschätziges Lächeln ab.

„Dann will ich Ihnen antworten: Ich, wir alle zusammen, haben vielleicht über den Glauben mehr zu sagen als Sie und Ihre Kirche! Ist es nicht das unverhohlene Unterfangen Ihrer Bemühungen über alle Zeit gewesen, mittels beliebiger Auslegungen den Glauben, ja, die Religion, als Druck- und Machtmittel zu missbrauchen? Und tun Sie es nicht heute noch? Im 21sten Jahrhundert!“

Aufgeregtes Flüstern. Das, eine weitere unverzeihliche Dreistigkeit, die an sich eine unverzügliche Ahndung durch die zuständigen Heiligen herbeiführen sollte.

Aber es geschah nichts!

Bevor noch der Monsignore seine Stimme erheben konnte, sprang seine Eminenz vom Stuhle hoch, dreht sich um Fassung ringend zu den Leuten im Saal und rief mit zitternder Stimme: „Das ist unerhört, ein Affront gegen uns und unsere heilige Kirche!

 

>>> Schauen wir für einen Augenblick auf das Geschehen in diesem Ort in Bayern. Da streiten Weltliche und geistliche Würdenträger, obgleich die Geistlichen so weltlich sind wie die Weltlichen. Die Geistlichkeit beruft sich auf das Göttliche. Wenn WIR das sein sollen, wir haben sie nicht gerufen. Haben wir es nicht so gehandhabt, dass alles so werden soll, wie es wird? Mehr Freiheit, um es in menschlichen Kategorien auszudrücken, gibt es nicht!

Und hat der weltliche Redner nicht recht, wenn er anführt, dass nicht wir, die Göttlichen, den Glauben zu den Menschen gebracht, sondern diese ihn sich selbst gegeben haben? So, wie wir niemals ein Volk auserwählt oder Regeln aufgestellt haben, wonach das Menschengeschlecht so und so zu leben habe, niemals eine Ansicht zu diesem oder jenem geäußert haben, weil es Ansichten im Göttlichen nicht gibt, niemals jemandem gesagt haben, schreibe dies oder das und binde es in ein Buch, niemals kundgetan haben, dies oder das sei Sünde und auch nicht die Existenz einer Hölle geschaffen haben, sowenig wie die Anlage einer Erbsünde. Sünde ist kein Maßstab im Göttlichen. Solle der Mensch mit einer Sünde bestraft werden dafür, dass er sich so entwickle, wie wir es angelegt haben? Wäre es nicht absurd, eine Strafe zu verhängen, die auf uns als Schöpfer zurückfallen müsse? Und wir beziehen dies auf alle Bestrebungen in den Menschenköpfen, sich ihresgleichen durch angeblich göttliche Anordnungen gefügig und untertan zu machen. Gleichgültig, ob sie es Glauben oder Religion oder wie auch immer nennen mögen, von uns kommt all dies nicht. Die Menschen mögen sich Regeln geben, glauben oder nicht glauben, Mysterien und Mythen schaffen, Philosophie und Metaphysik betreiben, es ist ihre Sache, die nicht von uns kommt, gewünscht oder nicht gewünscht ist. Göttliches ist wunschlos. Sie sind sich selbst verantwortlich, wie ihr Entwicklungsgang es hervorbringen mag, wir beziehen keine Stellung, weil alles von Anbeginn an angelegt ist.

Und so dürfen und können sie tun, was sie tun, denn, ich betone es noch einmal: Alles soll so werden, wie es wird! Und nur dies ist die göttliche Idee!

So ist es eben folgerichtig, dass alle menschlichen Zulänglichkeiten und Defizite, alles menschliche Vermögen und Nichtvermögen als eine Einheit im Glauben ihrer Wahl Wiederklang findet.

Warum streiten sie?

Weil wir es nicht anders angelegt haben!

Sollen wir eingreifen?

Nein, wir könnten es, aber wir tun es nicht! Wir haben es niemals getan und so soll es auch bleiben.
Wie sonst soll alles werden, wie es wird? <<<

 

Im bayerischen Wirtshaus wogte das Gesagte hin und her. Ein Teil im Saal stand hinter der Geistlichkeit, der andere hinter dem Politiker.


Der göttlich himmlische Rat hat sich anderen Themen zugewandt. Die Überschätzung der Menschen hinsichtlich ihrer Bedeutung im göttlichen Kreislauf ist dem Rat bekannt, einer weiteren Debatte jedoch nicht wert.

 

Prolog: Der Berichterstatter hat einen kurzen Einblick in Verhältnisse ermöglicht, die uns nicht erschlossen sind. Lassen wir es dabei! Seien wir aber skeptisch bei allen kategorischen Urteilen, dieses und jenes habe seinen Ursprung bei Gott und seinen Geboten, gleich welchen Glaubens, Religion oder Ideologie sie entlehnt sind.

Und noch eine kurze Anmerkung: Verfehlungen bleiben Verfehlungen, auch wenn sie vertuscht werden. Mit göttlichem Anspruch hat solches nichts zu tun, auch nicht, wenn sie von Würdenträgern begangen werden, gerade dann nicht!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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