Lisa Olesch

Ein Brief an Mich

Hey Ich,
nur zur Erinnerung, seit dem 13.09.2019 ist kein Tag vergangen an dem ich nicht an ihn gedacht habe. Erbärmlich!
Seit dem 06.10.2020 hat er sich nicht mehr gemeldet. Das letzte war: Ich wollte dich nicht so blöd behandeln. Ich freue mich immer noch das wir uns wiedergetroffen haben. Danach nix mehr. Egal was ich auch getan habe. Letztendlich habe ich ihm ja den Brief geschrieben und ihm dazu einen Link geschickt. Den Brief haben mitlerweile schon 372 Leute gelesen. Ob er einer darunter ist, weiss ich nicht. Meine Nummer hat er, wie ich es von ihm gewünscht hatte, nicht gelöscht. Darum musste ich das tun, damit ich nicht mehr darauf warte, das er sich doch noch mal meldet. Das Einzige das ich weiss, ist, dass ich mich genug öffentlich gedemütigt habe und endlich aufhören muss wegen ihm schrecklich, schnulzige Gedichte zu schreiben. Welche Frau schreibt einem Kerl auch schon romantische Gedichte? Läuft das nicht eigentlich umgekehrt?! Es ist ja auch nicht er den ich so sehr vermisse, sondern das Idealbild das ich von ihm geschaffen habe. Die spährlichen Erinnerungen, die mich noch immer verfolgen, sind 23 Jahre alt! Aus den paar Telefonaten und dem wenigen Schreibverlauf, den wir in dem letzten Jahr hatten, kann doch kein Mensch ernsthaft herausfinden, ob und wie sich jemand verändert hat. Ich habe mir nur gerne eingebildet, das er immer noch der Jenige ist, in den ich mich so sehr verliebt habe. Er sieht für mich auch leider echt viel zu gut aus. Und ich nicht. Darum passt das auch gar nicht. Das Schlimme ist nur, das er mir nicht von vornherein gesagt hat, das er kein Interesse an einer Beziehung hat und sich höchstens auf ein einmaliges Abenteuer einlassen würde. Hat sich für mich nämlich so angehört. Als ich ihm sagte, das ich nicht so bin, dachte ich eigentlich Verständnis aus seiner Stimme raus zu hören. Er meinte, du willst eben deinen Prinzipien treu bleiben.

Jeder der sich jetzt denkt, das ist doch der Grund, der Kerl wollte nur mal einen wegstecken und als er gemerkt hat, das da nix läuft, war er weg, hat vielleicht sogar recht. Meine naive Gutgläubigkeit, hat die Aussagen von ihm natürlich gerne so verstanden wie es am besten für mich gepasst hat. Als wir uns verabredet haben, sagte er nämlich, das er dann jetzt schon voll aufgeregt wäre und ich meinte , was soll ich denn sagen? Ich kann bestimmt die ganze Woche nicht schlafen! Zu dem Zeitpunkt hatte ich ihm schon längst gestanden, das ich ihn nie vergessen habe.
Andererseits hat er auch eine, mitlerweile schon fast 8 Jährige Tochter um die er sich wohl alleine kümmert. Was in seinem Leben gerade abgeht, kann ich ja nur erahnen. Und das ich kein Teil davon bin, macht mich echt fertig. Ich würde ihm so gerne bei irgendwas helfen. Verzweifelte Besessenheit! Natürlich würde mein schrecklich verliebtes Herz alles tun um Zeit mit ihm zu verbringen. Das will er ja gar nicht. Jeh mehr ich versuchte ihm näher zu kommen, desto mehr verlor er das Interesse daran mich neu kennen zu lernen. Ich hab's wohl auch etwas übertrieben, was mich echt ein wenig verzweifelt und vielleicht auch verrückt aussehen ließ. Irgendwie kann ich nicht mehr klar denken wenn es um ihn geht. Aber man will ja auch immer das was man nicht haben kann.
Durch unsere verkorkste Kindheit haben wir da wohl gegensätzliche Verhaltensmuster aufgebaut. Ich bin jemand, der sich ständig von anderen abhängig macht, da jegliche Distanz für mich gleichbedeutend ist mit Ablehnung und Einsamkeit. Hab als Kind halt gelernt: Wenn ich geliebt werden will, muss ich eben das tun, was du von mir willst. Im jetzigen alter fällt es mir darum extrem schwer selbst Entscheidungen zu treffen.
Durch das Selbsthilfebuch, Jein! von Stefanie Stahl, konnte ich erkennen, das er höchstwahrscheinlich eigene Erfahrungen als Kind gemacht hat, die ihn heute dazu bringen, allem aus dem Weg zu gehen was ihn zu sehr einengt. Wenn man als Kind keinerlei Freiheit hatte sich vernünftig zu entfalten, möchte man als Erwachsener diese Freiheit auskosten und nie mehr hergeben. Alles was einen triggert, wird so behandelt, wie man es damals gelernt hat.

Ich weiss natürlich nicht ob es bei ihm so ist und versuche nur irgendwelche Gründe für sein Verhalten mir gegenüber zu finden. Irgendwie muss ich ja einen Weg finden, die Gedanken an ihn zu verdrängen oder am besten endlich zu verarbeiten. Da er zu mir keine Stellung nimmt, bleibt mir nix anderes übrig, als mir etwas aus den Fingern zu saugen. Am einfachsten wäre es natürlich, er würde mir bei unserem nächsten, zufälligen Wiedersehen, welches mit Sicherheit stattfinden wird, da mein Leben nun mal Scheiße ist, sagen, das ich ihn aufgeben soll. Auch wenn es jetzt schon so lange her ist, brauche ich diese Aussage von ihm Persönlich. Sonst wird das nichts mehr mit einer neuen Liebe für mich. Ich sehe nur ihn. Egal wie sehr ich versuche das ganze objektiv zu betrachten und mir ja auch hiermit vor Augen führe, wie aussichtslos das ganze ist, werde ich, bzw. mein Herz, keine Ruhe finden.
Als Kind hat meine Mutter immer gesagt, wenn du groß bist verliebst du dich in jemanden der dich auch liebt. Ha, ha.
Meine erste Beziehung, die ich kurz nach dem Korb meiner großen Liebe eingegangen bin, hat knapp 3 Jahre gehalten und ich war nicht in ihn verliebt. Er war verliebt in mich. Schon seit 3 Jahren. Ich dachte, wenn er mich schon so lange will, dann kann ich mich darauf verlassen, das er mir nicht weh tut. Habe wohl nur zu sehr darauf vertraut. Ist ja auch nicht jeder so wie ich.
Für mich bedeutet das Wort Liebe noch etwas. Auch wenn ich nicht in ihn verliebt gewesen war, war er doch mein damaliger bester Freund und ich hätte ihn nicht enttäuscht. Zumindest was das angeht. Da ich aber seine Gefühle nicht erwiedern konnte und das auch meine erste Beziehung war, habe ich viele Fehler gemacht und das Idealbild das er von mir aufgebaut hatte, zerstört.
Als es dann aus war, hatte ich angefangen zu verstehen was Liebe eigentlich ist. Also Liebe. Nicht das verliebt sein. Das sind zwei verschiedene Dinge.
Verliebt sein heißt, den jenigen zu begehren, ihn zu wollen. In jeglicher hinsicht. Jemanden zu lieben ist etwas anderes.
Verliebt sein ist aufregend und verstörend. Ich weiß manchmal gar nicht mehr wo mir der Kopf steht. Ich denke jeden Tag an ihn. Und diese Gedanken machen mich verrückt vor Sorge oder Eifersucht. Das ist auch so neu für mich.

Und so anstrengend! Ich bin nur noch damit beschäftigt alle Erinnerungen an ihn, oder wünsche mit ihm, zu verdrängen. Jetzt weiß ich, wie sich manche Stalker oder Teene-Fans fühlen müssen.

Ich hoffe einfach nur, das es bald weniger wird und es mal einen Tag gibt, an dem ich mich nicht frage was er gerade macht oder wie es ihm und seiner Tochter geht. Vielleicht werde ich ja mal jemanden kennenlernen, bei dem der Blitz genauso einschlägt wie bei ihm. Dann muss ich nur noch Glück haben, denn wenn dieser jemand dann nicht das gleiche empfindet, bin ich ja wieder genau an der selben Stelle wie jetzt.
Am besten nichts erwarten. Auf die Suche gehe ich nämlich nicht. Jemanden nach besonderen Kriterien auszusuchen, finde ich echt dumm.
Entweder man fühlt etwas oder nicht. Ich weiß ja nun, das Liebe sich auch mit der Zeit einstellt, aber wenn ich vorher nicht verliebt bin, möchte ich keine Beziehung mehr haben. Wenigsten einmal im Leben möchte ich meine Verliebtheit ausleben dürfen. 23 Jahre aufgestaute Lust auf eine Person und kein Ventil! Kein wunder das ich durchdrehe. Ich bin schließlich in der sogenannten Blüte meines Lebens und werde unberührt zu Grunde gehen.
Es geht auch eigentlich eher darum, das es niemanden gibt der meine Liebe braucht. Wo soll ich mit dem was ich zu geben habe hin?
Egal. Was ich fühle ist egal. So muss ich einfach denken, sonst halte ich das ganze nicht mehr aus. Irgenwann ist genug Zeit verstrichen und das Versprechen, an das damalige Kind, den Menschen den ich Lieben werde nie aufzugeben, verliert an Bedeutung. Wie alles im Leben.
Das ist zwar eine tragische Hoffnung, doch Verbitterung ist im Moment alles was mir geblieben ist.
Das ständige Kopf hoch, du findest jemanden der dich verdient hat, was Freunde mir zur Aufmunterung sagen, zieht mich nur noch mehr runter.
Ich will ihn gar nicht aufgeben. Ich will die jenige sein die ihn glücklich macht. Nur ihn. Keinen anderen. So ist das halt bei mir.
Tja, also verdamme ich mich selbst zur Einsamkeit, da ich ihn nicht erreichen kann. Ewige Liebe zu jemanden der das gar nicht will. Viel zu schnulzig für jeden normalen Menschen. Bin wohl doch noch ein Kind.
Genug gejammert!
Ich hoffe er wird jemanden finden, der ihn glücklich macht. Nur wünsche ich mir dann für mich, ihn nie wieder zu sehen. Und gleichzeitig warte ich immer noch darauf, dass er sich meldet. 

Erbärmlich halt...



 



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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