Martina Merlo

José der Händler des Glücks

Es war einmal ein Land, in dem die Sommer besonders heiß waren und sich die Leute gerne mit Eiscreme erfrischten. Es gab natürlich, wie überall auf der Welt, Eisdielen, doch das Beste und erfrischenste Eis verteilten kleine Eisverkäufer auf der Straße.
Sie hatten kleine Karren, mit jeweils drei Geschmäckern und knusprigen Eiswaffeln an den Seiten. Während den warmen Monaten des Jahren spazierten sie durch die Straßen und riefen: „Eis, liebe Leute, leckeres, frisches Eis!“. Und die Bewohner der Stadt kauften voller Freude das Eis und schleckten es mit Genuss. Da es eine große Stadt war, war jeder Verkäufer für eine Gegend zuständig; anders hätten sie sich die Füße wund gelaufen, so ausgedehnt waren die Wege und Viertel. Es gab also etwa vierzig oder fünfzig Eisverkäufer, die morgens das frische Eis beim Hersteller abholten, es tagsüber verkauften und dann ihren Karren abends bei sich abstellten. Stehlen war unüblich, weshalb sie keine Bedenken hegten, ihn über Nacht vor ihrer Tür zu lassen.
So vergingen die Sommer voller Frische, lustigen Kindern und Schlecken wie im Flug. Im Herbst, wenn die Hitze vorbeiging und der Wind sich immer öfter über das Land erhebte, verschwand die Lust nach Erfrischung und somit auch die Eisverkäufer. Sie brachten ihre Karren in einen Abstellraum und gingen während der kühlen Zeit des Jahres anderen Beschäftigungen nach.

José war ein junger Eisverkäufer, er hatte diesen Beruf von seinem älteren Bruder übernommen. Dieser hatte eine bessere Arbeit gefunden und ihm seinen Karren überlassen. Eigentlich interessierte sich José nicht besonders fürs Eis, er mochte es nicht wirklich. Doch da er gerne träumte und sich dachte, dass ihm das Laufen durch die Stadt dies ermöglichen würde, nahm er den Wagen und den Beruf ohne Murren an. Sein Bruder hatte ihm bereits im Frühjahr alles erklärt und übergeben. Aber als José den alten, verschleiften und vernachlässigten Karren sah, war er entgeistert: „Was, und daraus soll ich frisches Eis verkaufen?“ Die Familie verstand seinen Einwand nicht, er sollte schließlich das Eis und nicht den Karren an den Mann bringen.
Aber José ließ dieses Problem keine Ruhe. Er hatte noch etwa einen Monat Zeit, bevor die Saison beginnen würde. Also kaufte er Farbe und Lack, schliff das Holz glatt und besserte seinen Karren auf, sodass er glänzte. Er war fast noch ein Kind, weshalb alle staunten, mit welchem Fleiß und welcher Sorgfalt er seinen Karren auf Vordermann brachte.
Am ersten Sommertag stach er sofort zwischen allen Händlern vor der Fabrik hervor. Er war zufrieden über seinen schönen Stand. Doch er verstand schnell, dass ihm nicht viel Zeit zum Träumen blieb. Es war ein heißes Jahr und die Leute, vor allem die Kinder waren besonders gierig auf die frische Süße. Stattdessen bemerkte er, dass es ihn mit Freude erfüllte, die Kinder lachen zu sehen. Er begrüßte sie daher stets mit einem Lächeln und war großzügig mit seinen Portionen – er hatte das Gefühl, nicht nur Eis, sondern auch ein Stück Glück und Überraschung zu verteilen.
Die Leute in seinem Viertel mochten ihn schnell und erzählten den anderen von ihrem netten Eisverkäufer mit seinem funkelnden Wagen. Also kam es vor, dass auch Bewohner anderer Stadtteile zu ihm kamen. Und noch jemand kam zu ihm, ohne dass er darum gebeten hätte: Die Katzen.
Er gab ihnen kein Eis, das wollten sie nicht. Er verteilte unter ihnen nur simple Gesten der Zärtlichkeit. Ab und zu gab er ihnen den Rest seines Mittagessens, wenn es ihm zu viel war.
Ehe er sich versah, war auch schon der Sommer, zwischen Kindergelächter, erwachsenem Schlecken und schnurrenden Katzen vorbeigezogen. Er räumte also den Karren wie alle anderen weg und organisierte sich, um auch im Winter über die Runden zu kommen.

So ging das einige Jahre. Er war sparsam und zuverlässig, weshalb die Leute anfingen, sich zu fragen, warum er denn nicht heiraten wollte. Der Gedanke hatte ihn einige Male besucht, aber, wenn er ehrlich war, lag ihm nichts daran. Er liebte seine Katzen, seinen Wagen, den er Jahr um Jahr verschönerte, und die unzähligen Kinderlächeln. Deshalb hatte er nicht das Gefühl, sich binden zu müssen und er verzichtete darauf. Seine Geschwister hatten Kinder, die er ebenfalls mochte, und da sie oft sehr beschäftigt waren, kam es oft vor, dass er sich ohnehin um die Kleinen kümmerte.
Das Leben nahm seinen Lauf, bis eines Jahr im Frühjahr, José war ein junger Mann geworden, sein Karren nicht mehr da war. Er war wie üblich einen Monat vor Sommeranfang aufgebrochen, um ihn für die Saison vorzubereiten, aber er fand ihn nicht an. Stattdessen stand dort ein alter Wagen, wie seiner zu Zeiten seines Bruders. Erst erschrak er. Doch er fasste sich schnell und nahm den verschmutzten Karren mit nach Hause. Er kaufte erneut Farbe, Lack und schönes Holz und verzierte ihn sorgfältig. Er malte seine Lieblingskatze auf die Vorderseite: rot, mit breiten schwarzen Flecken. Das Resultat war noch viel hübscher als sein alter Wagen und der Ärger verschwand sogleich, als er sich dessen bewusst wurde.

Es wurde ein wunderbarer Sommer. Die Leute liebten seinen neuen Wagen, und beteuerten ihm und allen, dass sein Eis besser schmecke als das aller anderen Händler. Er wusste natürlich, dass dies Unsinn war, doch er lächelte nur und verteilte seine kleinen Portionen Freude.
Ihm fiel aber ebenfalls auf, dass ein anderer Verkäufer dieses Jahr seinen Wagen hatte. Er sah ihn jeden Morgen, grüßte ihn freundlich und war ihm irgendwie dankbar, dass er durch diesen Diebstahl einen noch besseren Karren erzeugt hatte.
„Warum sollte ich ihm böse sein“, dachte er bei sich, „wahrscheinlich war er neidisch und künstlerisch unbegabt. Er hätte mich aber auch um Hilfe bitten können...“

Im nächsten Frühjahr ging José früher als sonst in den Abstellraum. Er fand seinen schönen Wagen nicht mehr. Überraschen tat ihn das nicht- er hatte ja eigentlich schon damit gerechnet. Innerlich freute er sich aber auf die Verzierungsarbeit, die ihm bevorstand. Dieses Jahr konzentrierte er sich auf das Zeichnen der Katzen und der Eistüten und der lächelnden Kinder. Er wägte die Farbmischungen ab und fragte einen Maler, wie er die Töne am besten miteinander vermischen könne.
„Oh, da kommt José, der Katzenmann!“, riefen die Kinder am ersten Sommertag und klatschten in die Hände. Endlich! Er lächelte als er seinen Spitznamen hörte, er gefiel ihm. Er wunderte sich nur, warum sie ihn denn nicht „Eismann“ getauft hatten. Aber derer gab es ja viele wobei er der einzige war, den die Katzen stets begleiteten.

So kam es, dass José Jahr um Jahr einen neuen Karren schmückte und bemalte. Er lernte es, Schattierungen anzuwenden, die Perspektive zu verbessern und Gesichter echter darzustellen. Die Leute liebten ihn und seine Katzen und er mochte sie ebenfalls. Mit der Zeit wurde er älter und die Kinder wurden ebenfalls Erwachsene, die besonders großzügig mit ihm, ihrer lebendigen Kindheitserinnerung, umgingen. Er musste also im Winter kaum noch arbeiten, da er ohnehin nur bescheidene Bedürfnisse hatte und seine Geschwister wegen ihrer Kinder auf ihn angewiesen waren, und ihn so größtenteils ernährten. Er hatte somit die Möglichkeit, ein immer besserer Künstler zu werden.
Gleichzeitig hatten immer mehr Viertel der großen heißen Stadt bunte, neue, hübsche Eiswagen. Die Verkäufer baten ihn auch ab und zu Kleinigkeiten aufzubessern, was José gerne machte. Doch jeden Frühling kümmerte er sich zuallererst um einen der alten Karren.

Eines Tages kam José Anfang April in den Abstellraum und stellte fest, dass kein alter Wagen mehr übrig war; er hatte sie allesamt erneuert. Er schaute an sich herunter: Er war ein alter Mann geworden. Stumm streichelte er seiner Lieblingskatze, einer weißen Schmusedame, über den Kopf. Nun ja, er war alt geworden. Die Kinder seiner Geschwister hatten angefangen selber Kinder zu bekommen. Die Karren waren alle hübsch – die Katzen waren die einzigen, die ihn noch wirklich brauchten.
Aber dann dachte er: „Ja, alle Karren in meiner Stadt sind schön. Aber es gibt doch noch andere Städte!“ Ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht, und er kniff die Katze, die erstaunt aufmiaute.
Gedacht, getan. Noch am selben Tag packte er eine kleine Reisetasche, sammelte seine Pinsel und Farben zusammen und machte sich auf den Weg. Die Leute wunderten sich, als er im Sommer nicht auftauchte, und fragten nach ihm. So erfuhren sie, dass er in eine andere Stadt gezogen war.
Doch seine schönen, lustigen Eiswagen waren ihnen geblieben. Und auch die süße Erinnerungen an das leckere Eis, an das Lächeln des Katzenmannes, an den Händler des Glücks.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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