Karl Wiener

Der Turmbau zu Babel

 

Die Bibel erzählt von einem Volk, das eine einheitliche Sprache sprach. Es wollte eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis zum Himmel reicht. Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschen bauten. Nun befürchtete er, daß ihnen nichts mehr unerreichbar sein würde, was sie sich auch vornehmen sollten. Das heißt, daß das Volk übermütig werden könnte und vor nichts mehr zurückschrecken würde, was ihm auch immer in den Sinn kommen sollte. Um das zu verhindern verwirrte Gott ihre Sprache und verstreute sie über die ganze Erde. Die gemeinsame Arbeit am Turm endete gezwungenermaßen, weil die Sprachverwirrung die notwendige Verständigung der am Turmbau beteiligten Menschen unmöglich machte.

Dies soll vor Jahrtausenden so geschehen sein. In der Folgezeit begegneten die Menschen einander lange Zeit kaum, denn die Welt war groß, und es waren deren nur wenige, die sie durchstreiften. Aber die Bibel gebot den Menschen auch, fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Davon machten diese reichlich und gern Gebrauch. Viele von ihnen hatten das Gebot aber mißverstanden und mehrten ihren Besitz auf Kosten anderer. Das führte zu Mißgunst und Neid. In der Folge rotteten sie sich gruppenweise zusammen und zogen aus, um sich der Habe anderer zu bemächtigen. Sie schreckten nicht davor zurück, sich gegenseitig zu töten. Am Ende solcher Raubzüge war die Menschheit jedes Mal ärmer geworden als zuvor. Nur einige wenige konnten aus diesen Auseinandersetzungen ihren Vorteil ziehen.

Immer wieder gab es auch Stimmen, die vor den Folgen solchen Tuns warnten. Aber die Menschen sind vergeßlich. Jedes Mal, wenn nach dem Ende solcher Feindseligkeiten genügend Zeit vergangen war und nur noch wenige sich der schlimmen Ereignisse erinnerten, glaubten sie, daß ein erneuter Zwist an das Ziel ihrer Wünsche führen könnte. Durch die babylonische Sprachverwirrung war es ihnen auch nicht vergönnt, sich über das Verwerfliche ihres Tuns zu verständigen.

    Wenn der Herr noch einmal herabsteigen würde, um zu sehen, was die Sprachverwirrung bewirkt hat, würde er bemerken, daß sich oft sogar Menschen gleicher Muttersprache nicht mehr einander zulächeln können, weil sie sich nicht verstehen. 

 

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