Rita Hassing

Die Tote im Park

Köln im Jahr 1969. Kriminaloberkommissarin Edda Keuter schaute aus dem großen, hohen Fenster ihres Büroraumes, welcher sich in dem imposanten Polizeigebäude inmitten von Köln-Ehrenfeld befand. Es war ein kalter, nasser Tag Mitte November. Die Mittagspause war vorbei. Nun war es fast 14 Uhr. Die Oberkommissarin teilte sich mit ihrem Assistenten Martin Wilde, einem 30 Jahre alten jungen Mann mit blondem, kurz geschorenem Haar, der eine große, schlanke und sportliche Erscheinung abgab, das Büro. Beiden gemeinsam war ihre große Wissbegierigkeit und sachlich-analytische Denkweise, die sie für den Polizeiberuf prädestinierten. Edda Keuter war eine nicht ganz einfache Persönlichkeit und nicht wenige hatten sich an ihr schon die Zähne ausgebissen. Sie konnte sehr stur und beharrlich sein, auch schroff und nicht immer besonders feinfühlend. Diese Charaktereigenschaften passten zu ihrer äußeren Erscheinung: Sie war zwar eine recht kleine Frau, aber mit kantigen, männlich wirkenden Gesichtszügen. Oberhalb ihrer wachen grauen Augen befanden sich ausgeprägte Denkfalten. Darüber ihre kurzen rötlich-getönten Haare. Sie war eine Frau von 55 Jahren, hatte eine schlanke, wenig weibliche Figur. Ihr Kleidungsstil war ebenfalls wenig feminin. Sie bevorzugte bequeme Stoffhosen und Jeans, dazu Woll- und Baumwollpullover. Darüber trug sie ihren grauen Staubmantel, nicht mehr der neueste, sondern mittlerweile schon in die Jahre gekommen. Aber sie hing an diesem Mantel. Verheiratet war Edda Keuter mit dem erfolgreichen Rechtsanwalt Dr. Klaus Keuter. Mit ihm hatte sie zwei mittlerweile erwachsene Söhne.

Während Edda Keuter vor dem Fenster stand und hinausblickte, wurde sie plötzlich aus ihren Gedanken gerissen; das Telefon auf ihrem Schreibtisch schrillte energisch. Sie ging zu dem Apparat, nahm den Hörer ab, meldete sich mit ihrem Namen. Die Polizeisekretärin war am anderen Ende der Leitung und teilte mit routinierter Stimme mit, dass soeben im Kölner Rheinpark eine Frauenleiche entdeckt worden war. Sie beschrieb der Oberkommissarin den genauen Fundort an einer ruhigen, eher unübersichtlichen Stelle in eben diesem Park. „Wir fahren sofort los!“, teilte Edda Keuter ihr geschäftsmäßig mit und legte auf. Sie ließ ihren Assistenten Martin Wilde, der sich irgendwo im Polizeigebäude aufhielt, zu sich kommen und wenige Minuten später saßen sie im Polizeiauto auf dem Weg in den Kölner Rheinpark. Es hatte angefangen zu regnen. Edda Keuter betätigte die Scheibenwischanlage des VW-Käfers. Keiner sprach ein Wort während der Fahrt. Man hörte lediglich das Prasseln des Regens, der jetzt stärker geworden war sowie die Scheibenwischer, die in regelmäßigen Abständen hin und her schlugen. Der Himmel über Köln färbte sich bedrohlich dunkel und die Lichter der Scheinwerfer spiegelten sich auf der nassen, glatten Fahrbahn. Die Fahrt dauerte 20 Minuten, dann waren sie am Leichenfundort im Park angekommen. Die Spurensicherung und Gerichtsmedizin waren bereits vor Ort. Man kannte sich, grüßte sich gegenseitig flüchtig. Edda betrachtete die leblose Gestalt, die in der Nähe einer alten dunkelgrünen Parkbank, von einem kahlen Haselnussstrauch bedeckt, da lag. Sie war vollständig bekleidet mit Jeans, rotem Pullover, brauner Lederjacke und sah auf den ersten Blick aus als schliefe sie lediglich. Das Gebiet um den Leichenfundort war wegen der polizeilichen Ermittlungen abgesperrt worden. Martin Wilde ging auf einen jungen Mann zu, der einen Bernhardiner an der Leine führte und der die Leiche entdeckt hatte. Er stellte diesem Fragen zum Fund des Leichnams. Edda wandte sich derweil an die Spurensicherung und Gerichtsmedizin. „Die Tote hatte einen Ausweis dabei.“ Dr. Wolter von der Gerichtsmedizin zeigte auf die kleine, schwarze Lederhandtasche. „Es handelt sich um Sabine Meier, 45 Jahre, wohnhaft in Köln“, klärte er Edda Keuter auf. „Es gibt bisher und oberflächlich betrachtet keine Anzeichen von äußerer Gewalt. Allerdings weist die Leiche leuchtend rote Flecken am Körper auf, welche typisch für eine Vergiftung sind. Genaueres können wir Ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, Edda.“ „Gut“. Edda Keuter blieb ruhig. Sie kannte die Prozedur. „Sobald Sie konkrete Ergebnisse haben, melden Sie sich bitte bei mir im Kommissariat.“ „Selbstverständlich“, entgegnete Dr. Wolter. „Ich denke, wir werden morgen schon die ersten Ergebnisse haben.“ Edda entfernte sich vom Leichenfundort und steuerte auf ihren Assistenten Martin Wilde zu, der sein Gespräch mit dem Finder der Leiche inzwischen beendet hatte. „Irgendetwas Besonderes über den Mann?“ Edda wies mit dem Kopf in Richtung des jungen Mannes mit dem Hund, der sich langsam entfernte. Martin Wilde schüttelte den Kopf. „Nein, bisher nichts Auffälliges. Namen und Adresse habe ich. Ein Herr Otto Winter... Er war auf einem Spaziergang im Park als sein Hund plötzlich den Leichnam witterte und ihn zu diesem führte. Das sei vor etwa einer Dreiviertelstunde, also gegen 17 Uhr, gewesen. „Okay, Wilde. Lassen Sie uns zurückfahren und auf die Ergebnisse der Gerichtsmedizin warten. Dann wissen wir mehr...“

Am nächsten Tag, kurz nach der Mittagspause, meldete sich Gerichtsmediziner Dr. Wolter telefonisch bei Edda Keuter. „Die Tote im Rheinpark hat unseren bisherigen Untersuchungen nach ein Kräutergetränk, etwa einen Tee, der mit Zyanid, sprich Blausäure, versetzt war, zu sich genommen. Zyanid führt in wenigen Minuten zum Atem- und Herzstillstand, der gestern zwischen 14 und 16 Uhr eingesetzt haben dürfte. Die Frage ist jetzt, ob die Tote von jemandem vergiftet wurde, es also Mord war, oder ob sie sich das Gift selbst zugefügt hat, es sich also möglicherweise um einen Suizid handelt“, konstatierte der Gerichtsmediziner. „Anzeichen äußerer Gewalt gibt es keine.“ „Danke Dr. Wolter. Bitte schicken Sie mir, wie üblich, Ihren Bericht zu“, beendete Edda Keuter das Gespräch. Dann wandte sie sich ihrem Assistenten Martin Wilde zu, der an seinem Schreibtisch saß und sie aus seinen blaugrauen Augen erwartungsvoll ansah. Edda informierte ihn über das vorläufige Ergebnis der Gerichtsmedizin. „Wir müssen warten, was die Spurensicherung sagt...“, schloss Martin Wilde. „Wir müssen einen Suizid ausschließen oder ihn zumindest für unwahrscheinlich erklären können.“

Die Spurensicherung hatte vor der Parkbank, in dessen Nähe sich die Leiche befunden hatte, Reste von einem verschütteten Getränk gefunden. Die Analyse dieser Getränkereste bestätigte, dass es sich dabei um den mit dem Zyanid versehenen Kräutertee handelte. Es wurde auch nach einem benutzten Trinkbecher oder ähnlichem gesucht. Der Abfalleimer neben der Parkbank beinhaltete einige leere Dosen und Flaschen, die in die Kriminaltechnik gegeben wurden, wo sie auf Inhalt und Fingerabdrücke untersucht wurden. Auch einige frische Fingerabdrücke an der Parkbank mussten untersucht und abgeglichen werden. Außerdem fand man ein kleines Büschel kurzer schwarzer Haare in der Nähe des Leichenfundorts. Nach einigen Tagen waren die kriminaltechnischen Untersuchungen vorerst beendet. Man hatte weder den passenden Trinkbehälter noch Fingerabdrücke einer in den polizeilichen Akten geführten Person ermitteln können. An der Parkbank wurden Fingerabdrücke der Toten gefunden. Man vermutete, dass sie dort gesessen hatte, als sie das vergiftete Kräutergetränk zu sich nahm. „Vielleicht hat sie jemand im Park gesehen, allein oder zusammen mit einer anderen Person? Wir sollten eine Anzeige in sämtlichen regionalen Zeitungen aufgeben und auf diese Weise eventuelle Zeugen ausfindig machen.“ „Ja, veranlassen Sie dies bitte, Wilde! Ich gehe mittlerweile davon aus, dass wir es mit Mord zu tun haben, sonst hätten wir das Trinkgefäß in der Nähe der Parkbank auffinden müssen. So aber... Wahrscheinlich hat der Mörder das Gefäß mitgenommen...“ „...weil es auf ihn hinweisen könnte“, ergänzte Wilde. „Wir müssen jetzt das nähere Umfeld der Toten erkunden“, fuhr Edda fort. „Wer hat ein Motiv? Wer kommt an das Zyanid heran? Vielleicht finden wir sogar Fingerabdrücke, die zu denen auf der Parkbank passen...“ „Die Tote, Sabine Meier, war Lehrerin für Deutsch und Englisch am Humboldt-Gymnasium in der Kölner Innenstadt. Sie wohnte in der Heidtstraße 27 in Deutz in einer beschaulichen Wohngegend.“ „Gut. Sie schauen sich in der Wohnung der Toten um... in Begleitung eines Kollegen. Vielleicht stoßen Sie dabei auf etwas Interessantes. Ich werde zu der Schule fahren, in der Fräulein Meier arbeitete, und mich dort einmal umhören...“ Edda Keuter und Martin Wilde machten sich sofort auf den Weg. Draußen regnete es wieder einmal...

Martin Wilde hatte seinen Kollegen Fritz Bäumler mitgenommen. Die Fahrt über nach Deutz hatte es wie aus Eimern gegossen. Endlich, nach 20 Minuten, kamen sie an dem Haus in der Heidtstraße 27 an. Es war ein zweistöckiges kleines Einfamilienhaus, eigentlich zu groß für eine einzelne Person, und es lag, wie Wilde bereits erkundet hatte, in einer beschaulichen, grünen und ruhigen Gegend. Prächtige Häuser und Villen mit schönen Gärten säumten die Straße, die rechts und links von großen, alten Eichen umrandet war. Martin Wilde und Fritz Bäumler stiegen die kleine steinerne Treppe zur überdachten Haustür aus weiß lackiertem Holz hinauf und öffneten diese mit einem Spezialschlüssel, da sie davon ausgingen, dass sich niemand im Haus befand. Als sie in die große Diele traten, rief Martin Wilde dennoch: „Hallo, ist hier jemand?“ Wie erwartet, antwortete niemand. Sie zogen sich dünne Gummihandschuhe über und gingen durch die mit einem großen Perserteppich ausgelegte Diele weiter ins Wohnzimmer und in die übrigen Räume des Erdgeschosses. Die Decken und Fenster der Räume waren hoch, typisch für einen Altbau aus den 30er Jahren. Die Fußböden waren allesamt mit Parkett ausgelegt und knarrten unter den Füßen der Kriminalbeamten. Von der Diele führte eine Holztreppe, die mit einem roten Läufer ausgelegt war, nach oben ins Schlafzimmer. „Sie schauen sich unten um, ich nehme mir derweil das Obergeschoss vor“, wies Wilde seinen Mitarbeiter an. Das Schlafzimmer war schlicht eingerichtet. Es gab ein breites Bett, einen großen Kleiderschrank sowie eine Kommode mit Spiegel, alles im Stil der 50er Jahre gehalten. Wilde schaute sich um, öffnete Schubladen und Schränke, fand dort aber nichts außer Kleider, Wäsche, Bücher, Hefter, Schmuck... Die Wände waren weiß und fast kahl. Vereinzelt hingen ein paar moderne Druckgrafiken von bekannten Künstlern an den Wänden. Es deutete auch nichts auf einen Einbruch hin. Alles lag ordentlich an seinem Platz. Der Schmuck schien unberührt. „Kommen Sie Wilde!“, hallte plötzlich Bäumlers Stimme von der Diele her. Wilde stieg die Stufen hinab in die Diele und ging ins Wohnzimmer, wo Bäumler auf ihn wartete. „Kommen Sie!“ Bäumler winkte Martin Wilde, ihm in das Arbeitszimmer zu folgen, das sich nebenan befand. In der Mitte des Arbeitszimmers, das mit zahlreichen Bücherregalen und Literatur vollgestellt war, stand ein großer rustikaler Schreibtisch. Das Licht aus dem hohen, großen Fenster fiel großzügig auf dessen Arbeitsfläche. Ansonsten aber wirkte das Zimmer aufgrund der schweren Eichenmöbel recht düster. Bäumler griff nach einem kleinen Buch, das auf dem Schreibtisch lag. „Diesen Terminkalender habe ich in einer der Schreibtischschubladen gefunden“, erklärte er. „Vielleicht steht was drin, was uns weiterbringen könnte.“ Er blätterte kurz in dem kleinen Buch. „Das nehmen wir auf jeden Fall mit“, sagte er dann, klappte es zu und legte es in eine Plastiktüte, die er mitführte. Die beiden Kriminalbeamten durchsuchten auch die anderen Zimmer gründlich, fanden aber außer einem Karton mit einigen Fotos und Briefen, den sie ebenfalls mitnahmen, keine besonderen Hinweise. Es dämmerte bereits als die Polizisten das Haus in der Heidtstraße verließen und sich auf den Weg zurück zum Polizeikommissariat machten. Der Regen hatte derweil nachgelassen, aber die Straßen waren nass und glatt und erschwerten die Autofahrt. Schließlich gegen 18 Uhr kamen sie am Polizeigebäude an. Martin Wilde suchte seine Kollegin Edda Keuter. Die aber hatte, wie man ihm am Empfang mitteilte, gerade Feierabend gemacht.

Edda Keuter war derweil, wie mit Martin Wilde abgesprochen, zum Humboldt-Gymnasium gefahren, um sich dort umzuhören. Sabine Meier hatte mehrere Klassen von der 7. bis zur Abiturklasse in Deutsch und Englisch unterrichtet. In der 10a war sie Klassenlehrerin gewesen. Edda wollte zunächst mit dem Schuldirektor des Gymnasiums, einem Herrn Dr. Gerhard Winkler, über dessen nun tote Mitarbeiterin sprechen. So meldete sie sich denn im Sekretariat an, wies die Angestellte darauf hin, dass sie in einem dringenden Mordfall ermittelte, während sie ihren Polizeiausweis vorzeigte. „Einen Moment“, sagte die Sekretärin freundlich, trat in den Flur hinaus und kopfte an jene Tür, auf welche der Gang geradewegs zuführte. Dann verschwand sie in dem Zimmer. Nach einer Minute kam sie zurück. „Kommen Sie bitte, Frau Keuter.“ Sie begleitete Edda bis zur Tür und lies sie ein. Dr. Gerhard Winkler saß hinter einem modernen Schreibtisch, welcher in dem weiträumigen Zimmer ein wenig verloren wirkte. Er war ein großer, schlanker Mann Anfang 60, hatte graues, kurzgeschnittenes, aber trotz seines Alters volles Haar. Als Edda eintrat, erhob er sich und blickte sie prüfend aus seinen klugen, grauen Augen, welche hinter einer intellektuell wirkenden schwarzen Hornbrille lagen, an. Er kam auf sie zu, reichte ihr seine Hand. „Setzen Sie sich, Frau Kriminaloberkommissarin.“ Er wies mit der Hand auf eine kleine Sitzgruppe, die sich in einer Ecke des Raumes befand, bestehend aus zwei großen, tiefen, mit grünem Leder bezogenen Sesseln und einem kleinen, hellen Holztisch in der Mitte. Edda nahm in einem der einladenden Ledersessel Platz. Dr. Winkler setzte sich ihr gegenüber, bereit für ein längeres Gespräch. „Nun, wie kann ich Ihnen also helfen, Frau Keuter?“, fragte er ihr zugewandt während die Sekretärin zwei Tassen Kaffee, Milch und Zucker auf einem Tablett servierte. Edda wartete bis die Sekretärin den Raum verlassen hatte, dann sagte sie: „Herr Dr. Winkler, ich ermittle im Mordfall Sabine Meier und habe einige Fragen diesbezüglich an Sie.“ „Ja, man hat mich informiert. Eine schreckliche Geschichte mit Fräulein Meier. Ich bedaure das alles zutiefst.“ Dr. Winkler zog ein Päckchen Zigaretten aus seiner grauen Anzugtasche. „Möchten Sie auch eine?“, fragte er Edda und hielt ihr die geöffnete Packung entgegen. „Nein, danke.“ Gelassen lehnte er sich in seinen Sessel zurück und entzündete die Zigarette mit seinem schweren silbernen Feuerzeug. Er nahm einen tiefen Zug. „War es denn tatsächlich Mord?“, fragte er. „Wir gehen davon aus“, sagte Edda lapidar. „Und... Was möchten Sie wissen?“ Edda Keuter schaute in seine intelligenten Augen hinter der Hornbrille. „Was war Fräulein Meier für ein Mensch? War sie beliebt bei Kollegen und Schülern? Oder gab es vielleicht Probleme... Hatte sie Feinde...?“ Der Schuldirektor beugte sich zu Edda vor. „Fräulein Meier wurde von ihren Kollegen im allgemeinen geschätzt und mit Respekt behandelt.“ Er legte die Stirn in Falten und blickte Edda aus ernsten Augen an. „Dennoch... Der Umgang mit ihr fiel nicht jedem Kollegen immer leicht. Sie konnte sehr stur und bestimmend sein... Die meisten kamen gut mit ihrer sachlichen, nüchternen Art klar. Manche fanden sie allerdings zu kühl und wenig mitfühlend. Von den Schülern wurde sie respektiert, vielleicht auch ein wenig gefürchtet, weil sie streng und kompromisslos sein konnte. Es gab in der Vergangenheit mehrere Schüler, die wegen Fräulein Meier einen schlechten Notendurchschnitt  - gerade auch im Abitur – erhielten und dadurch die gewünschte Ausbildung, das gewünschte Studium womöglich nicht absolvieren konnten. Ich erinnere mich an eine Schülerin, die wegen Fräulein Meier durch´s Abitur gefallen war. Sie konnte sich ihren Wunsch von einem Studium letztendlich nicht erfüllen, hat dann nur eine betriebliche Ausbildung gemacht. Aber so ist das nunmal in unserem Beruf. Man macht sich eben nicht nur Freunde...“ Dr. Winkler nahm einen Schluck Kaffee und streifte die Asche seiner Zigarette an dem kristallgläsernen Aschenbecher, der vor ihm auf dem kleinen Holztisch stand, ab. Edda Keuter beobachtete ihn aufmerksam. „Ansonsten...“, fuhr der Schuldirektor fort, „hat das Humboldt-Gymnasium einen, ich möchte schon sagen, sehr guten Ruf, sowohl was die Qualität der pädagogischen Leistungen als auch das Schulklima betrifft. Glauben Sie mir, Frau Keuter, es gibt viele, die liebend gerne an unserer Schule unterrichten würden.“ „Hm...“, Edda Keuter trank einen Schluck Kaffee und zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. „Gab es trotzdem mal besondere Anlässe zu Streitigkeiten zwischen den Kollegen? Vielleicht irgendwelche Rivalitäten oder Missgunst?“ Dr. Winkler kniff die Augen zusammen, blickte empor an die Zimmerdecke. Er überlegte. „Nein, nichts von besonderer Bedeutung“, sagte er dann. „Aber ich kann ihnen natürlich nicht sagen wie die privaten Beziehungen zwischen den Kollegen waren... ob es überhaupt besondere private Verbindungen gab.“ „Ja, ich verstehe....“ Edda Keuter leerte ihre Kaffeetasse. Der Schuldirektor beugte sich vor und drückte seine Zigarette in dem Aschenbecher aus. „Vielleicht... Ich weiß nicht, ob es wichtig ist und ich möchte auch niemanden belasten... aber Sabine Meier war für den Posten als zukünftige Schuldirektorin vorgesehen. Sie sollte ab dem nächsten Jahr meine Position einnehmen. Ich bin ziemlich sicher, dass ihr Kollege Herr Schulze sich ebenfalls Hoffnungen auf diese Stelle gemacht hat. Er ist, wissen Sie, schon länger an der Schule tätig als es Fräulein Meier gewesen ist. Demnächst im Februar werden es zehn Jahre. Sabine Meier war acht Jahre an unserer Schule, aber sie hat mehr Durchsetzungsvermögen gehabt als Schulze. Er schien mir für den Posten als Schuldirektor doch etwas zu wankelmütig und zu wenig konsequent. Daher habe ich mich für Fräulein Meier entschieden. Manche hielten sie für etwas kühl, ich selbst bin immer gut mit ihr klar gekommen und ich konnte auf einer sachlichen Ebene, und darauf kommt es schließlich an, gut mit ihr reden. „Ich verstehe“, entgegnete Edda und erhob sich aus dem tiefen ledernen Sessel. Dr. Winkler tat es ihr gleich. „Mit Herrn Schulze würde ich gerne sprechen. Wo kann ich ihn finden?“ „Seinen Stundenplan kenne ich leider nicht. Da müssten Sie sich mal im Sekretariat bei Fräulein Sander erkundigen.“ „Werde ich machen. Auf Wiedersehen, Herr Dr. Winkler und danke sehr für das Gespräch!“ „Gern geschehen!“ Sie reichten sich die Hände. Dann begleitete Dr. Winkler Edda noch bis an die Tür und öffnete ihr diese mit einer leichten, vornehmen Verbeugung.

Wie Edda Keuter von der Sekretärin erfuhr, hatte Herr Schulze an diesem Tag keinen Unterricht mehr und war schon nach Hause gefahren. Mittlerweile war es 15 Uhr. Edda ließ sich von Fräulein Sander Adresse und Telefonnummer von Herrn Schulze geben und beschloss sofort bei ihm vorbeizufahren. Seine große Eigentumswohnung lag in der Kölner Südstadt. Edda klingelte bei Schulze im Erdgeschoss und wartete den Türsummer ab. Eine hübsche, schlanke Frau Mitte vierzig mit langem, blondem Haar und in einem eleganten, grauen Jerseykleid öffnete vorsichtig die Wohnungstür. Edda vermutete, dass es sich um Frau Schulze handelte. „Ja, bitte...“, sagte die Frau, die Tür halb geöffnet und mit fragendem Blick. Edda klappte ihren Polizeiausweis vor ihr auf. „Keuter, Kripo Köln. Ich würde mich gerne mit Herrn Schulze unterhalten. Ist er da?“ Die Frau zögerte einen Moment. Dann erklärte sie: „Ja, mein Mann ist zu Hause. Er ist in seinem Büro und bereitet sich auf den Unterricht vor.“ „Darf ich eintreten?“ „Bitte.“ Frau Schulze öffnete nun weit die Tür und ließ Edda mit einer weisenden Handbewegung in die Wohnung ein. Sie standen in einer geräumigen Diele, von der aus man in alle Zimmer gelangen konnte. Die Einrichtung war in modernem und elegantem Stil gehalten. Frau Schulze wies Edda Keuter in das große Wohnzimmer und rief nach ihrem Mann. Nachdem er nicht antwortete, klopfte sie an seine Bürotür und trat ein. Edda hörte, dass die beiden sich unterhielten. Schließlich verließ Herr Schulze brummend sein Büro und trat, sichtlich bei der Arbeit gestört, ins Wohnzimmer, wo Edda auf ihn wartete. „Kripo Köln? Sie müssen sich in der Wohnung geirrt haben. Ich habe nichts mit der Polizei zu schaffen“, wollte Thomas Schulze das Gespräch abwehren. „Leider nein, Herr Schulze. Ihre Kollegin Sabine Meier ist gestern im Rheinpark tot aufgefunden worden. Vermutlich vergiftet durch ein Toxin, das man ihr in ein Getränk gemischt hat.“ Eine Weile war es still. „Das kann doch nicht sein!“ Herr Schulze schaute Edda unglaubwürdigen Blickes an. „Leider doch!“ Plötzlich schien er betroffen. Er ließ sich in einen der eleganten kleinen Sessel fallen. „Vorgestern habe ich sie noch in der Schule getroffen... Wie kann es da sein, dass sie jetzt tot ist... ermordet?!“ „Genau das, Herr Schulze, versuchen wir herauszufinden. Und wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns dabei helfen würden“, sagte Edda in einem bestimmenden Ton. „Ja... natürlich, wenn ich das denn kann... Mein Gott, ich glaube es immer noch nicht...!“ „Herr Schulze, ich muss Sie das jetzt fragen, das ist Routine... Ich muss wissen, wo Sie vorgestern zwischen 14 und 16 Uhr waren? Das ist das Zeitfenster, in dem Fräulein Meier das Gift zu sich genommen haben muss. Vermutlich in Anwesenheit ihres Mörders.“ „Mein Gott, glauben Sie, ich hätte sie getötet!? Warum hätte ich das tun sollen? Das ist doch lächerlich!“ Thomas Schulzes Stimme klang laut und rauh. Sein Gesicht war rot und verzerrt vor Entrüstung. „Dr. Winkler hat mir erzählt, sie hätten auf die Stelle als zukünftiger Schuldirektor gehofft. Waren Sie nicht wütend, dass Fräulein Meier den Posten nun an Ihrer Stelle bekommen sollte? Vielleicht fühlten Sie sich erniedrigt und gedemütigt?!“ Thomas Schulze fuhr sich durch das schwarze, kurze Haar. Sein Körper war leicht nach vorne geneigt. „Ja zugegeben, ich habe mit diesem Posten gerechnet. Schließlich war ich längere Zeit an der Schule als Fräulein Meier... Aber sowas ist doch kein Grund für mich, sie zu töten. Glauben Sie wirklich, das wäre es mir Wert gewesen?“ Fragend blickte er zu Edda auf. „Was ich glaube ist unwichtig, Herr Schulze. Aber Tatsache ist, es wurde auch schon für weniger gemordet.“ Thomas Schulze sah Edda herausfordernd an. „Vorgestern vormittag war ich, wie immer, in der Schule... bis 14 Uhr. Dann bin ich nach Hause... da war ich gegen 14:30 Uhr. Meine Frau kann das bestätigen. Ich habe was gegessen und mich dann an die Korrektur einer Klassenarbeit gemacht... bis etwa 18 Uhr. Sie sehen, Frau Keuter, ich war zur besagten Zeit zu Hause und ich habe auch eine Zeugin dafür... meine Frau.“ Er richtete sich in seinem Sessel auf und schaute Edda Keuter mit einem spöttischen Lächeln an. Edda ließ sich davon nicht provozieren. „Ich werde mit Ihrer Frau sprechen, Herr Schulze“, sagte sie in sachlichem Ton. „Allerdings für die Zeit zwischen 14 und 14:30 Uhr als Sie mit dem Auto unterwegs waren, haben Sie wohl keinen Zeugen?“ „Leider nein, aber Sie können die Strecke ja abfahren, dann sehen Sie wie lange es dauert.“ „Das werden wir.“ Sie reichte ihm routiniert die Hand und er stand auf und nahm sie zögernd an. Seine Frau bestätigte ihr anschließend sein Alibi. Schließlich gegen 16:30 Uhr verließ Edda die Wohnung der Schulzes und fuhr zum Kommissariat in Ehrenfeld. Sie erwartete ihren Assistenten Martin Wilde dort anzutreffen. Der aber war, wie sie erfuhr, von der Hausdurchsuchung noch nicht zurück. Edda Keuter ging in ihr Büro im ersten Stock, knipste die Lampe auf ihrem Schreibtisch an, da es draußen grau und trübe war. Von der Straßenlaterne fiel ein schwacher Lichtstrahl in das Büro ein. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, legte die Hände auf den Tisch, kniff die Augen zusammen und dachte nach, darüber ob sie Thomas Schulze den Mord zutrauen würde...

Kurz bevor Martin Wilde mit seinem Kollegen Bäumler im Polizeikommissariat eintraf, war Edda Keuter nach Hause aufgebrochen. Sie hatten sich nur um Haaresbreite verfehlt. Am nächsten Morgen als die Uhr am Empfang des Kommissariats acht Uhr anzeigte, betrat Edda Keuter wieder das Büro, noch etwas müde und wie immer in ihrem alten, abgewetzten grauen Mantel. Es war ein kalter Wintertag. Der Himmel war grau und die Sonne ließ sich nicht einmal ansatzweise blicken. Martin Wilde kam nur wenige Minuten nach ihr; er war gut gelaunt und voller Schwung. „Gestern bei der Hausdurchsuchung haben Bäumler und ich etwas Interessantes entdeckt, was uns vielleicht weiterbringen könnte“, platzte er heraus während er seinen braunen Wildledermantel an die Garderobe hing. „Tatsächlich?“ Eddas Neugier war geweckt. „Was ist es?“ Martin Wilde schloss seinen Aktenschrank auf und holte eine große weiße Plastiktüte hervor, die er gestern abend noch dort verstaut hatte. Darin befanden sich - ebenfalls in einer Hülle - der Terminkalender sowie der Karton mit den Briefen und Fotos, die er und Bäumler gestern bei der Hausdurchsuchung gefunden hatten. Martin Wilde zog sich ein Paar Gummihandschuhe über, holte den kleinen Terminkalender vorsichtig aus der Tüte heraus und wedelte voller Stolz damit. „Ich habe gestern schon einen Blick darin geworfen, Edda. Und wissen Sie was?! Dem Terminkalender nach hatte Sabine Meier in dem Zeitfenster ihres Todes ein Treffen mit ihrem Bruder!“ Er tippte mit seinem Zeigefinger auf einen Eintrag im Terminkalender. „Dort steht es! 15:30 Uhr Treffen mit Jörn. So heißt ihr Bruder!“ „Steht dort auch wo sie sich treffen wollten?“, erkundigte sich Edda in großer Erwartungshaltung. „Nein... das nicht. Aber es könnte dennoch eine heiße Spur sein, denke ich.“ „Ja, wir fahren gleich los, Wilde! Soweit ich weiß hat Jörn Meier ein kleines Architekturbüro in Köln-Lindenthal. Finden Sie bitte die genaue Adresse heraus!“ Gesagt, getan. Sie fanden heraus, dass Jörn Meiers Architekturbüro erst um 10 Uhr öffnete und fuhren dementsprechend vom Polizeikommissariat aus los. Zuvor fanden sie noch genügend Zeit den Karton mit den alten Briefen und Fotos zu durchforsten. Es handelte sich größtenteils um Briefe von früheren Verehrern der Toten sowie einigen Erinnerungsfotos aus damaligen Zeiten und auch aus den Kindheits- und Jugendtagen. Eine wirklich interessante Spur war scheinbar nicht dabei. Kurz vor 10 Uhr erreichten Edda und Martin Wilde das Architekturbüro von Jörn Meier. Es war ein zweistöckiges Backsteinhaus aus den 50er Jahren, umgeben von einem hohen, weißfarbenen gusseisernen Zaun. Durch deren Pforte gelangte man in einen kleinen, mit vielen Sträuchern und Bäumen bepflanzten Vorgarten. Parken war nur möglich an den Straßenrändern der von großen alten Eichen umsäumten Allee. Die Gegend war im Sommer sehr grün und trotz der recht großen Straße, die durch sie hindurch führte, nicht sehr laut. Edda Keuter und Martin Wilde fanden einen Parkplatz direkt vor dem Haus. Sie stiegen aus dem grünen Polizeiwagen und öffneten die knarrende Pforte zu dem Backsteingebäude. Neben der Pforte stand auf einem schwarzen Emailleschild in großen goldenen Buchstaben „Architekturbüro Jörn Meier“. Ein kleiner gepflasterter Weg und paar Steinstufen führten zur weißgestrichenen und mit einem kleinen Dach überzogenen Haustür hinauf. Neben der Tür war noch einmal ein Emailleschild mit dem Namen des Architekturbüros, das sich im Erdgeschoss befand, angebracht. Edda Keuter drückte die Klingel und als der Türsummer ertönte, traten sie und Wilde in einen kleinen, dunklen Flur. Auf einer Tür links stand nochmals in großen, goldfarbenen Lettern „Architekturbüro Jörn Meier“. Edda drückte die Türklinke herunter und die Tür öffnete sich. Sie blickten in einen kleinen, aber elegant eingerichteten Raum mit einem Wartebereich bestehend aus einem modernen, niedrigen Glastisch, der von stilvollen, bequemen Stühlen umgeben war. Die großen Fenster, vor denen herrliche Grünpflanzen in großen Kübeln prangten, sorgten für viel Licht und eine freundliche Atmosphäre. Edda Keuter und Martin Wilde schauten sich um, als auch schon eine weitere Tür aufsprang und ein großer, schlanker Mann mit kurzem, braunem Haar und mit einem eleganten, grauen Anzug bekleidet, flugs auf sie zukam. Er mochte um die vierzig Jahre alt sein. „Guten Tag, Jörn Meier mein Name“, stellte sich der Mann schwungvoll vor und streckte den Kriminalbeamten zur Begrüßung die Hand entgegen. „Edda Keuter und mein Kollege Wilde. Wir sind von der Kriminalpolizei“, informierte Edda den Architekten und hielt ihm ihren Polizeiausweis entgegen. „Ohh...! Ja, ich habe es schon von meinen Eltern erfahren... Sabine... ist tot!?“, sagte Jörn Meier nun mit erstem, finsterem Blick und zog seine dunklen Augenbrauen zusammen. „Leider ja. Sie wurde am Montag vor drei Tagen von jemandem vergiftet.“ „Ja, ich habe es gehört... durch Gift in einem Getränk.“ „Herr Meier, es gibt da einen Hinweis, dem wir nachgehen müssen...“ Edda zog den Terminkalender von Sabine Meier aus ihrer schwarzen ledernen Umhängetasche hervor. „Kennen Sie den?“ fragte sie den Architekten und blickte ihm dabei ins Gesicht. Jörn Meier kratzte sich am Hinterkopf. Er betrachtete den Terminkalender aufmerksam, schüttelte dann aber den Kopf. „Nein, noch nie gesehen“, behauptete er. „Das ist der Terminkalender Ihrer Schwester“, klärte Edda ihn auf. Jörn Meier zog die Stirn in Falten. Sein Blick war immer noch auf das grüne Notizbuch in Eddas Hand geheftet. „Ich verstehe nicht...“, begann er zögernd. „Nun, wir haben in dem Terminkalender einen interessanten Eintrag gefunden. Dort steht, dass Ihre Schwester am Montag um 15:30 Uhr mit Ihnen, Herr Meier, eine Verabredung hatte. Laut unserer Gerichtsmedizin hat Sabine Meier am Montag zwischen 14 und 16 Uhr das Gift zu sich genommen. Ihre Verabredung lag also genau in diesem Zeitfenster! Vielleicht haben Sie sie getötet...“ „Nein!“ schrie Jörn Meier dazwischen. Sein Gesicht war verzerrt vor Erregung. „Vielleicht sieht es so aus, aber ich war es nicht!“ Edda blickte ihn aus scharfen grauen Augen an. „Dann erzählen Sie was war... Aber die Wahrheit bitte!“ Der Architekt holte tief Luft. „Ja... es stimmt, ich war zum besagten Zeitpunkt mit Sabine verabredet. Wir wollten uns bei ihr zu Hause treffen. Ich war auch da, aber sie schien nicht zu Hause zu sein. Jedenfalls öffnete sie nicht. Ich habe zwei-, dreimal geklingelt. Danach bin ich zum Auto zurück und habe dort vor ihrem Haus gewartet. Etwa eine Viertelstunde lang. Aber sie kam nicht. Schließlich bin ich weggefahren. Ich habe angenommen, dass sie unser Treffen vergessen hat...“ Jörn Meier atmete noch einmal tief. Sein Blick war zu Boden gesenkt, seine Schultern hingen schlaff herab. Scheinbar klein und hilflos stand er vor den beiden Polizisten. ‚Dieser große, athletische und auf den ersten Blick doch so selbstbewusst wirkende Mann’!, ging es Edda durch den Kopf. Martin Wilde ergriff als erster wieder das Wort. „Warum haben Sie sich mit Ihrer Schwester treffen wollen? Gab es dafür einen besonderen Grund?“, wollte er wissen. Jörn Meier hob den Blick und sah Martin Wilde an. „Ich hatte Sabine seit über einen Monat nicht mehr gesehen. Ich wollte sie einfach mal wieder besuchen... so wie das unter Geschwistern wohl üblich ist... ohne besonderen Grund. Meiner Frau habe ich davon nichts erzählt, weil... ich hielt es nicht für wichtig. Wissen Sie, von berufswegen komme ich öfter mal später nach Hause. Das ist für meine Frau ganz normal. Als ich Sabine zu Hause nicht angetroffen habe, bin ich noch kurz zur Apotheke“, er fasste sich an die Kehle, „Halsschmerzen wissen Sie... Und anschließend bin ich nach Hause gefahren. Gegen 16:30 Uhr bin ich dort angekommen. Das kann meine Frau Ihnen bestätigen. „Hm...“, Martin Wilde strich sich nachdenklich übers Kinn. „Gibt es Zeugen, die gesehen haben, wie Sie an der Haustür klingelten und wieder gegangen sind oder wie Sie im Auto vor dem Haus warteten und schließlich weggefahren sind?“ Jörn Meier hob nachdenklich den Blick. „Nein“, er schaute Martin Wilde, dann Edda Keuter an. „Nein, soweit ich weiß, gibt es keine Zeugen dafür. Vielleicht hat einer der Nachbarn mich gesehen, aber das weiß ich nicht.“ „Wir werden das überprüfen, Herr Meier.“ Martin Wilde blickte zu Edda. „Haben Sie noch Fragen, Frau Kollegin?“ Eddas scharfer Blick blieb auf Jörn Meier geheftet. „Sie waren also in einer Apotheke, Herr Meier“, konstatierte sie. „Womöglich hätten Sie dort an das Gift, das Zyanid, kommen können!?“ „Nein“, rief Jörn Meier sogleich, „ich sagte Ihnen doch, dass ich mir lediglich Halspastillen besorgt habe!“ „Schon gut, Herr Meier“, sagte Edda denn beschwichtigend. Sie reichten dem Architekten die Hände, dann verließen sie das Büro. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, ließ sich Jörn Meier auf einen der bequemen, eleganten Stühle im Wartebereich sinken. Er beugte sich nach vorne, zündete sich eine Zigarette an und atmete tief durch.

„Wir werden einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung und das Architekturbüro von Jörn Meier beantragen. Bitte kümmern Sie sich umgehend darum, Wilde“, wies Edda ihren Assistenten während der Autofahrt nach Ehrenfeld an. „Wird erledigt!“, nahm Wilde den Befehl seiner Vorgesetzten mechanisch entgegen. „Dieser Jörn Meier... Ich weiß wirklich nicht, ob ich ihm glauben kann. Dass er seine Schwester ausgerechnet zu dem Zeitpunkt und ohne besonderen Grund besuchen wollte...“, Wilde schüttelte ungläubig den Kopf, „...nein, das klingt in meinen Ohren recht unglaubwürdig.“ „Da stimme ich Ihnen zu, Wilde“, bestätigte Edda seine Gedanken. „Aber, wenn es keine Zeugen gibt und die Hausdurchsuchungen nichts ergeben, wird es schwer sein, ihm etwas anderes nachzuweisen...“ Als sie in Ehrenfeld im Kommissariat ankamen, ließ Edda Martin Wilde dort aussteigen. Sie selber fuhr weiter Richtung Nippes. Dort wohnten die Eltern der Toten. Von diesen wusste sie nur, dass sie um die 80 Jahre alt und pensionierte Lehrer waren. Edda manövrierte den Polizeiwagen durch den dichten Kölner Stadtverkehr. Es war kurz vor halb zwölf und viele Autos waren unterwegs. Konzentriert schaute sie auf die Fahrbahn. Der Himmel war dunkelgrau und voller Wolken behangen.

Die Eltern von Sabine Meier reagierten auf Eddas kriminalpolizeilichen Besuch recht gefasst. Über den gewaltsamen Tod ihrer Tochter hatte man sie unverzüglich informiert. Edda saß den beiden Herrschaften an einem hohen, mit einem weißen Spitzentischtuch bedeckten Tisch im Esszimmer gegenüber. Die Stühle, auf denen sie saßen, waren trotz grüner Stoffbezüge recht hart, zudem hochlehnig und führten zu steifer Sitzhaltung. Die Einrichtung des Hauses war vorwiegend in rustikalem, dunklem Eichenholz gehalten. „Zuletzt hatten wir kaum noch Kontakt zu unserer Tochter“, erzählte die alte Frau Inge und wischte mit einem Taschentuch ein paar Tränen aus ihrem Gesicht. „Was meinen Sie mit ‚zuletzt’“?, wollte Edda wissen. Frau Meier blickte neben sich zu ihrem Mann, aber der schaute nur starr auf die Tischdecke. Dann sagte sie zögernd: „Das letzte Mal haben wir Sabine vor etwa zwei Monaten gesehen. Da hat sie uns hier besucht. Naja... bloß... ich meine... unsere ganze Familie lebt hier in Köln und trotzdem sehen wir uns so selten.“ „Nun ja, es gibt andere Gründe als den gemeinsamen Wohnort, um sich zu besuchen“, meinte Edda und schaute in das faltige Gesicht der alten Dame. „Manchmal versteht man sich einfach nicht besonders, manchmal hat man vielleicht nicht die Zeit dazu.“ „Achje, Frau Kriminaloberkommissarin, wenn man will, hat man die Zeit... Für alles andere hat man sie ja schließlich auch oder man nimmt sie sich halt!“ „Ja, da ist durchaus was dran, Frau Meier“, musste Edda denn doch zugeben. Sie selber besuchte ihre seit zwei Jahren verwitwete Mutter nur äußerst selten, obwohl sie sich die Zeit dafür schon hätte nehmen können, wenn sie es denn gewollt hätte. Aber Eddas Verhältnis zu ihrer mittlerweile 80jährigen Mutter war nicht besonders gut und auch nicht einfach. Die Mutter war immer recht dominant und streng gewesen. Edda aber hatte schon als Kind ihren eigenen Kopf gehabt und wollte sich der Mutter gegenüber nichts sagen lassen. Dass Sabine Meier ihre Eltern zuletzt nur noch selten besucht hatte, deutete womöglich ebenfalls auf ein nicht so gutes oder einfaches Verhältnis zwischen diesen hin. „Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrer Tochter?“, fragte Eddda in diese Gedanken hinein. Jetzt blickte Heinrich Meier vom Tisch auf und antwortete, den Kopf geradeaus gerichtet, ohne Edda anzusehen: „Wir haben immer ihr Bestes gewollt. Sie hat stets gute Schulen besucht, sie hat studiert, es fehlte ihr an nichts.“ „Es ist ja auch was Anständiges aus ihr geworden“, sagte Inge Meier nachdrücklich. „Als Gymnasiallehrerin ging es ihr finanziell gut. Sie haben ja ihr Haus gesehen und ein Auto konnte sie sich auch ohne Probleme leisten.“ „Wir beide, Inge und ich, haben es ihr vorgelebt, dass man gut leben kann, wenn man nur ehrgeizig ist und was dafür tut. Wir sind beide pensionierte Lehrer, wissen Sie, und wir können unseren Ruhestand heute Gott sei Dank genießen. Sabine lag ebenfalls immer viel daran selbständig zu sein und ein finanziell abgesichertes Leben zu führen. Daher war sie in der Schule und im Studium immer sehr tüchtig und ehrgeizig.“ „Hm... ich verstehe“, sagte Edda tonlos und zog die bräunlichen Augenbrauen zusammen. „Aber wie war Ihr emotionales Verhältnis zu Ihrer Tochter?“ Heinrich und Inge Meier blickten sich an. Dann öffnete die alte Dame den Mund: „Naja... wie gesagt, war Sabine immer schon sehr selbständig. Über ihr Leben, ihre Probleme hat sie mit uns kaum gesprochen. Aber auch mit sonst niemandem, glaube ich. Sie wollte keinem zur Last fallen, wollte im Gegenzug aber auch nicht belastet werden. Nach dem Abitur ist Sabine gleich von zu Hause ausgezogen. Sie hat dann hier in Köln Germanistik und Anglistik auf Lehramt studiert. Seitdem führte sie ein sehr unabhängiges Leben... noch unabhängiger als sowieso schon.“ Inge Meier sah Edda an, aber Eddas Blick blieb kühl und undurchsichtig. „Wie ist es mit Freundschaften und Beziehungen Ihrer Tochter?“, fragte sie weiter. Die alte Frau Meier räusperte sich. „Nun, Frau Keuter, dazu können wir nicht viel sagen. Sabine hat uns kaum von ihren Freundschaften und Bekanntschaften erzählt. Ich glaube, sie hatte kaum Freundinnen, war diesbezüglich eher eine Einzelgängerin. Dauerhafte Beziehungen ist sie auch kaum eingegangen, da sie ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit liebte und wohl auch brauchte. Ich denke, sie neigte eher zu kurzen Affären. Jedenfalls kenne ich nur zwei Männer, mit denen sie mal über längere Zeit – einige Monate oder so – liiert war.“ Eddas Augen weiteten sich interessiert. „Wissen Sie noch deren Namen?“, fragte sie. „Ja... einen Moment....“ Inge Meier legte die Stirn in Falten und dachte sichtlich angestrengt nach. Ihr Mann kam ihr zu Hilfe. „Ulf Bach hieß der eine“, sagte er. „Richtig!“ Inge Meier warf ihrem Mann einen kurzen, dankbaren Blick zu. Dann hatte sie plötzlich selber einen Geistesblitz. „Christian Köhler. Das war´s. So hieß der andere!“ Zufrieden lehnte sich Frau Inge in den Stuhl zurück und verschränkte die Arme. Edda blickte die alte Dame amüsiert an. Dann schrieb sie die Namen der beiden Männer in ihr kleines, rotes Notizbuch. „Wissen Sie, wo sich die beiden Herren derzeit aufhalten?“, fragte Edda weiter. „Nein, keine Ahnung. Ich habe beide schon ewig nicht mehr gesehen und auch nie wieder was von ihnen gehört“, teilte Frau Inge der Polizeioberkommissarin mit. „Na, macht nichts“, meinte Edda „das werden wir schon herausbringen. Wie würden Sie denn das Verhältnis Ihrer Tochter mit Christian Köhler bzw. Ulf Bach beschreiben?“ Edda blickte fragend von Inge zu Heinrich Meier. Diesmal fand Heinrich Meier als erster Worte. „Wir haben Sabine mit den beiden Herren kaum gesehen. Sie war ja schon von zu Hause ausgezogen als sie die Beziehungen zu den beiden hatte. Und allzu oft kam sie mit den beiden nicht zu uns. Sabine hat uns auch nie viel von ihnen erzählt. Wir wissen nur, dass sie die Beziehungen jeweils beendet hat, wohl vor allem deswegen, weil sie einfach kein Beziehungstyp war. Sie brauchte ihre Freiheit und Selbständigkeit, wissen Sie. Wahrscheinlich hatte sie danach nur noch kurze Affären und dergleichen...“, brummte Heinrich Meier und es war ihm anzumerken, dass er die Affären seiner Tochter keinesfalls begrüßte. Edda nickte stumm. Dann fragte sie: „Wie ist es mit Ihrem Sohn Jörn Meier? Wie sahen Sie sein Verhältnis zu seiner Schwester?“ Heinrich Meier räusperte sich. „Ich würde sagen, es war im großen und ganzen neutral. Sie haben sich nie viel gestritten. Aber sie haben auch nicht allzu sehr aneinander gehangen. Sabine hat uns erzählt, dass sie zuletzt kaum noch Kontakt hatten....“ Ahh...“, sagte Edda leise und zog die Stirn in Falten. Dann legte sie den Kugelschreiber in ihr Notizbuch und klappte es zu. Sie erhob sich aus dem harten, unbequemen Stuhl und das Ehepaar Meier tat es ihr in langsamem Tempo nach. Sie verabschiedeten sich voneinander und Edda brauste im Polizei-VW durch den grauen, kalten Novemberhimmel davon. Als sie im Polizeikommissariat ankam, war gerade Mittagspause. Edda stärkte sich in der betrieblichen Kantine mit Kohlrouladen und Salzkartoffeln. Dann ging sie in ihr Büro im ersten Stock. Auf ihrem Schreibtisch lag eine Nachricht von ihrem Kollegen Wilde. „Bin zum Humboldt-Gymnasium. Schülerbefragung“, stand dort in krakeligen Buchstaben geschrieben.

Martin Wilde beabsichtigte, die Schulklasse 10a, in der Sabine Meier Klassenlehrerin gewesen war, zu befragen. Er hatte mit Herrn Vogel, dem Mathematiklehrer, der zu dieser Zeit Unterricht in der Klasse erteilen sollte, vorab gesprochen und dieser hatte sich damit einverstanden erklärt, dass Martin Wilde den Schülern während seiner Unterrichtsstunde einige Fragen zum Mordfall Sabine Meier stellte. Nachdem die Schulglocke das Ende der Pause eingeläutet hatte, begab sich Wilde in den Klassenraum der 10a und stellte sich dort vor das Lehrerpult auf. Nach und nach stürmten die Schülerinnen und Schüler, Mädchen und Jungen im Alter von 16 Jahren, in das Klassenzimmer. Auch Herr Vogel war schon dort. Er hatte sich auf einen freien Platz vorne in der ersten Reihe gesetzt und wollte Martin Wilde zunächst das Wort überlassen. Endlich befanden sich alle Schüler im Klassenraum und es wurden fragende und neugierige Blicke auf den Polizeibeamten geworfen, der da so ungewohnt vor dem Lehrerpult stand. Martin Wilde hob die Hand und bat um Ruhe. Das Gerede und Geflüster verstummte und Wilde hatte nun das Wort. „Liebe Schüler“, begann er, „mein Name ist Martin Wilde und ich bin Polizeibeamter bei der Kripo hier in Köln....“ Einige Schüler begannen nun hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln und zu flüstern, aber Martin Wilde ließ sich davon nicht beirren und fuhr fort. „Bestimmt habt ihr von dem Mord an eurer Klassenlehrerin Fräulein Meier am letzten Montag gehört. Ich möchte gar nicht viel reden. Ich möchte euch lediglich darum bitten, dass ihr euch bei mir im Polizeikommissariat meldet, wenn ihr irgendetwas dazu wisst, euch etwas aufgefallen ist, ihr eine Beobachtung gemacht habt. Jede noch so kleine Beobachtung kann wichtig sein. Also, wenn ihr etwas wisst oder auch nur einen kleinen Verdacht hegt, habt keine Scheu und meldet euch bei mir oder meinen Kollegen.“ Wieder tuschelten und redeten die Schüler durcheinander. Martin Wilde bat noch einmal um Ruhe. „Möchte jemand schon jetzt etwas dazu sagen oder gibt es vielleicht noch Fragen diesbezüglich?“ Der Polizeibeamte ließ seinen Blick durch das Klassenzimmer schweifen, aber niemand machte Anstalten etwas zu sagen oder nachzufragen. „Nun gut“, schloss Martin Wilde und blickte noch immer in die Klasse. „Danke für´s Zuhören. Ich gebe jedem von euch eine Visitenkarte an die Hand. Ich könnt mich oder meine Kollegen jederzeit kontaktieren.“ Er verteilte die Visitenkarten, gab Herrn Vogel die Hand und bedankte sich noch einmal bei ihm. Dann winkte er kurz in die Klasse, sagte „Tschüss!“ und verließ das Klassenzimmer.

Noch am selben Tag gegen 15 Uhr läutete das Telefon auf Martin Wildes Schreibtisch im Polizeikommissariat. Wilde, mitten aus seiner Arbeit mit Papierkram gerissen, nahm den Hörer ab, meldete sich wie beiläufig. „Hallo... Herr Kommissar, hier ist Simon Hölscher!“,sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung etwas zögerlich. „Ich bin Schüler am Humboldt-Gymnasium. Sie waren heute morgen in unserer Klasse.... Es gibt da etwas worüber ich gerne mit Ihnen sprechen würde... wegen des Mordes an Fräulein Meier....“ Martin Wilde horchte interessiert auf. „Hallo, Simon! Was möchten Sie mir sagen?“, fragte er freundlich in den Hörer. Wilde hörte, wie der Junge tief atmete. „Es... es gibt da so einen Jungen bei uns in der 10a. Karsten Schmidt heißt er. Er ist schon 18. Einmal sitzengeblieben, wissen Sie. Naja, ich weiß halt, dass er in Fräulein Meier verliebt war. Hab da mal zufällig so ein Gespräch bzw. einen Streit zwischen ihm und Fräulein Meier mitbekommen....“ „Aha...“, machte Wilde aufhorchend. „Und worum ging es in dem Gespräch bzw. Streit?“ „Naja... Fräulein Meier hat Karsten wohl versucht klarzumachen, dass er sich keine falschen Hoffnungen machen soll. Sie hat ihn eiskalt abgewiesen. So wie es halt ihre Art ist... eben nicht gerade feinfühlig war sie. Naja, und Karsten... der ist es gewohnt jede zu bekommen. Normalerweise lässt er die Mädchen stehen, wenn er keinen Bock mehr auf sie hat. Aber wie die Meier mit ihm umgesprungen ist.... Naja, jedenfalls war er tierisch wütend. Er ist sowas ja nicht gewöhnt. Ich glaube, er fühlte sich von Fräulein Meier gedemütigt und in seinem Stolz gekränkt. Ich bin zwar weiß Gott nicht mit ihm befreundet, aber so gut kenne ich ihn dann doch. Äußerlich wirkt er vielleicht stark, aber innerlich ist er doch sehr labil. Er hat dann in dem Streit zu Fräulein Meier gesagt, dass sie es ihm büßen werde, aber sie hat ihn daraufhin stehenlassen und ihn auch nicht weiter beachtet.“ Simon Hölscher machte eine Pause, in der er noch einmal tief Luft holte, dann sagte er mit gedämpfter Stimme: „Ich möchte wirklich niemanden zu Unrecht beschuldigen. Es schien mir aber wichtig, Ihnen davon zu erzählen, Herr Polizeikommissar.“ „Sie haben das Richtige getan, Simon“, bestätigte Martin Wilde in ruhigem Ton. „Vielleicht ist das alles ganz harmlos, aber es ist es auf jeden Fall wert, dass wir dem einmal nachgehen....“ „Ja“, erwiderte Simon Hölscher leise. „Ich wäre Ihnen bloß dankbar, wenn Sie mich da raushalten würden. Ich möchte keinen Ärger bekommen....“ „Ihr Name wird nicht fallen, das verspreche ich Ihnen, Simon“, entgegnete Wilde dem Jungen vertrauensvoll. „Eines würde ich noch gerne von Ihnen wissen... Ist Karsten Schmidt schon einmal in irgendeiner Weise durch gewalttätiges Verhalten aufgefallen?“ Eine kurze Pause entstand, dann sagte Simon Hölscher leise: „Ich weiß es nicht... nein... ich glaube nicht.“ Da es in Köln sehr viele Familien mit dem Nachnamen „Schmidt“ gab, wollte Martin Wilde noch den Vornamen des Vaters von Karsten Schmidt wissen. Simon Hölscher wusste diesen und nannte ihn ohne Umschweife: Hans-Georg. Wilde versprach Simon Hölscher der Sache auf den Grund zu gehen ohne ihn als Informanten preiszugeben. Danach beendeten sie das Telefongespräch. Der Polizeikommissar legte den Hörer auf die Gabel und tat einen raschen Blick auf seine wertvolle Goldarmbanduhr, die er von seiner Freundin zu seinem letzten, seinem 30. Geburtstag, bekommen hatte. Es war 15:15 Uhr. Er holte das Telefonbuch aus der unteren Schreibtischschublade hervor, schlug es auf, schaute unter „Sch“ und fand schließlich die Adresse von Hans-Georg Schmidt in der Rybniker Straße in Köln-Buchheim. Martin Wilde überlegte kurz. Karsten Schmidt durfte mittlerweile aus der Schule gekommen und wahrscheinlich zu Hause anzutreffen sein. Er griff nach einem der Autoschlüssel, die an einem Haken an der Wand nahe der Tür hingen und verließ zielstrebig das Büro.

Als Martin Wilde in der Rybniker Straße in Buchheim ankam, war es 15:45 Uhr. Wilde parkte den Polizeiwagen auf dem regennassen Seitenstreifen, stieg aus und blickte die riesigen Hochhäuser empor, die das Bild in diesem Stadtteil prägten. Dann ging er den Bürgersteig entlang, hielt Ausschau nach dem Mietshaus mit der Nummer 18. Kurze Zeit später hatte er es gefunden und klingelte bei Hans-Georg Schmidt im vierten Stock. Der Türsummer ertönte und Wilde verschwand in dem riesigen Hochhaus. Er fuhr mit dem kleinen, engen Lift in den vierten Stock hinauf und als er diesen erreicht hatte, sah er die Tür zu den Schmidts bereits halb geöffnet. Eine kleine, dickliche Frau mit kurzem, schwarzem Haar steckte den Kopf durch die Tür. Martin Wilde vermutete, dass es sich um Frau Schmidt, Karstens Mutter, handelte. Er ging auf die Frau zu, die ihn aus scharfen, fragenden Augen ansah. Unter ihrem aufmerksamen Blick stellte er sich vor, zeigte ihr seinen Polizeiausweis, worauf sie ihn widerwillig in die Wohnung einließ. Er trat in den winzigen Flur der kleinen, engen Wohnung. Die Möbel in dem beengten Wohnzimmer wirkten verbraucht, waren teilweise sehr schäbig. In den Ecken wuchs die Unordnung. Zeitschriften stapelten sich auf dem niedrigen, hölzernen Wohnzimmertisch und auf den Schränken. Ein Bügelbrett und Wäschekörbe standen mitten im Raum, der Fernseher lief. „Ich bin gerade dabei zu bügeln“, sagte Frau Schmidt und lief zum Bügelbrett hinüber, um ihre Arbeit fortzusetzen. „Ich würde gerne mit Ihrem Sohn Karsten sprechen“, kam Wilde direkt zur Sache. „Ist er da?“ Frau Schmidt wurde hellhörig und schaute vom Bügelbrett auf. „Was wollen Sie denn von meinem Sohn?“, fragte sie während sie mit dem Bügeln innehielt. „Es geht um seine tote Klassenlehrerin Fräulein Meier. Sie haben doch davon gehört nehme ich an?!“ Als er ihren widerwilligen Blick sah, fügte er hinzu: „Das ist rein routinemäßig, Frau Schmidt.“ „Er ist in seinem Zimmer“, sagte Frau Schmidt mürrisch. „Kommen Sie schon mit!“ Sie ging voran durch den kleinen, dunklen Flur; Martin Wilde folgte ihr. Vor einer Tür blieb sie stehen, klopfte laut, rief: „Karsten, jemand von der Polizei möchte dich sprechen!“ Aus dem Zimmer hörte man nur ein lautes Brummen. Dann wurde die Tür aufgerissen und ein großer, schlanker Junge, eine brennende Zigarette in der Hand, stand vor ihnen. Seine dunklen Augen wirkten böse. Vermutlich wurde er bei irgendetwas gestört. Martin Wilde stellte sich dem Jungen vor, worauf dieser ihn widerwillig in sein Zimmer eintreten ließ. Der Polizist bat Frau Schmidt sie nun allein zu lassen. Als sie dann unter vier Augen waren, musterte Martin Wilde den Jungen genauer. Sein kurzes, schwarzes Haar war zerzaust. Er trug einen verwaschenen, grauen Baumwollpullover und eine ebenso abgewetzte, hellblaue Jeans. Die Augen des Jungen funkelten Martin Wilde an. Wilde ließ sich dadurch nicht beirren. „Es geht um Ihre tote Klassenlehrerin Fräulein Meier...“, begann er vorsichtig das Gespräch. Die böse wirkenden Augen des Jungen schauten ihn aufmerksam an. „Ja, eine üble Sache ist das mit Fräulein Meier...“, Er schaute sich in dem kleinen, unaufgeräumten Zimmer nach einem freien Platz um. Als er keinen fand, hob er den Stapel Krimskrams von seinem Schreibtischstuhl, setzte sich, nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Dann sah er zu Wilde auf, der immer noch in der Tür stand. „Aber was wollen Sie da von mir...?“, fragte er und lehnte sich in den Stuhl zurück. „Nun, es gibt einen Zeugen, der ein Gespräch bzw. einen Streit zwischen Ihnen und Fräulein Meier mitbekommen hat....“ „Wer?“, warf Karsten Schmidt sofort dazwischen. „Das tut nichts zur Sache... Karsten, Sie sollen in Fräulein Meier verliebt gewesen sein...?“ „Absoluter Blödsinn! Wer hat Ihnen sowas erzählt?“ Karsten Schmidt war von seinem Stuhl aufgesprungen und verschränkte die Arme. „Geben Sie´s doch zu, Karsten, dass Ihnen etwas an Fräulein Meier lag! Wir werden es doch herausfinden.“ Karsten Schmidt blickte zu Boden, er zögerte, dann sagte er leise: „Ja... stimmt schon, sie war mir nicht egal. Ich fand sie attraktiv. Aber sie war wohl nicht an mir interessiert....“ „Na, siehst du. So lässt es sich doch schon viel einfacher reden. Worum genau ging es in dem Streit?“, forschte Wilde weiter. „Naja, ich habe ihr gestanden, dass ich sie mag und mich für sie interessiere, aber sie hat mich abgewiesen, einfach eiskalt stehenlassen... Da bin ich dann vielleicht etwas zu laut geworden... Habe Sachen gesagt, die ich eigentlich nicht so meinte... Das hat dann anscheinend jemand in den falschen Hals gekriegt... Sonst wären Sie ja jetzt nicht hier, oder?!“ „Du bestreitest also Fräulein Meier aus einem Gefühl der Demütigung und Rache heraus am Montag, den 10. November dieses Jahres vergiftet zu haben?“ Karsten Schmidt atmete tief durch. „Ich war wütend auf sie, ja... Aber ich habe sie nicht umgebracht! Ich habe noch Ziele in meinem Leben... Will raus hier... Was aus mir machen... Verstehen Sie das?! Da bin ich doch nicht so blöd, bringe diese Frau um, damit ich anschließend ins Kittchen gehen darf und auf immer und ewig gebrandmarkt bin!“ Wilde blickte den Jungen aufmerksam an. „Natürlich... Das verstehe ich, Karsten. Allerdings aus verschmähter Liebe hat schon so mancher den dummen Fehler begangen und gemordet.... Es ist ein starkes Mordmotiv!“ „Ich habe sie nicht getötet!“ „Wann hast du Fräulein Meier das letzte Mal gesehen?“ Karsten Schmidt runzelte die Stirn, überlegte kurz. „Das war am Montag in der Deutschstunde.“ „Du hast ihr das Gift nicht vielleicht in ein Getränk gemischt?“ „Nein!“ Der Junge schrie es heraus. „Wie war dein Tagesablauf an diesem Montag?“ Wieder entstand eine kurze Pause, in der Karsten Schmidt nachdachte. „Ich war, wie jeden Tag, bis zum frühen Nachmittag in der Schule. Anschließend bin ich nach Hause, habe gegessen, Hausaufgaben gemacht....“ Er leierte es ostentativ herunter. „...Später bin ich mit einem Kumpel in die Stadt gegangen.“ „Wann später?“, warf Wilde ein. „Na... so gegen 17 Uhr .“ „Und nach der Schule warst du die ganze Zeit daheim? Kann das jemand bezeugen?“ „Ja, meine Mutter natürlich...“ Der Polizeikommissar hatte alles notiert und klappte das Notizbuch zu.

Am Abend meldete sich eine alte Dame im Polizeikommissariat. Sie gab an, sie wolle eine Aussage zum „Mordfall Sabine Meier“ machen. Eine Angestellte fuhr mit ihr den Lift hinauf ins erste Stockwerk und führte sie in das Büro von Edda Keuter und Martin Wilde, die beide an ihren Schreibtischen saßen und wie immer jede Menge Papierkram zu erledigen hatten. Es war gegen 17 Uhr und die Dämmerung war bereits eingebrochen. Nur die beiden Schreibtischlampen erhellten den schummrigen, in graues Licht getauchten Raum. Als die kleine, magere Dame das Zimmer betrat, begrüßte sie die Polizeibeamten höflich und stellte sich selbst als Grethe Behringer vor, eine langjährige Nachbarin der Eltern der ermordeten Sabine Meier. Edda Keuter bot der alten Dame den Platz ihr gegenüber am Schreibtisch an und diese setzte sich, dankbar, dass sie nicht länger zu stehen brauchte. Sie begann in ihrer braunledernen Handtasche zu kramen, zog einen Pass heraus, legte ihn der Kriminaloberkommissarin vor. Edda Keuter blickte kurz darauf, nickte stumm. „Was möchten Sie also aussagen, Frau Behringer?“ Martin Wilde war derweil hinzugekommen. Er lehnte sich gegen das große, hohe Fenster, hörte aufmerksam zu. „Nun“, begann Grethe Behringer und ihre kleinen grünen Augen blitzten auf. „Ich kenne die Meiers seit eh und je. Habe gesehen wie die beiden Kinder Sabine und Jörn aufgewachsen sind. Zu den Eltern haben ich und mein vor zwei Jahren verstorbener Mann immer ein gutes, nachbarschaftliches Verhältnis gehabt. Vor ein paar Monaten hat die alte Frau Meier mir gegenüber erwähnt, dass fast das ganze Erbe an ihre Tochter Sabine übergehen wird und der Sohn Jörn lediglich ein lebenslanges Wohnrecht in dem Elternhaus erhalten sollte....“ „Hm... Der Inhalt eines Testaments war uns in der Tat noch nicht bekannt, Frau Behringer...“, warf Edda Keuter durchaus interessiert ein. „Es ist nicht nur das, Frau Kriminaloberkommissarin! Wenn Sie mich fragen... Der Junge war immer schon das schwarze Schaf der Familie.“ „Wie kommen Sie zu dieser Behauptung?“, fragte Edda mit durchdringendem Blick. „Nun“, die alte Dame räusperte sich, „Jörn wurde gegenüber seiner älteren Schwester oft benachteiligt. Jedenfalls hatte ich immer stark den Eindruck. Sabine war schon in der Schule immer die bessere. Jörn war zwar auch ehrgeizig, aber es fiel ihm nichts zu. Er musste sehr hart dafür arbeiten. Aber seine Schwester war die intelligentere. Die Eltern hatten viele Pläne mit ihr, unterstützten sie bereitwillig, anfangs auch finanziell, wenngleich Sabine das gar nicht wollte. Sie stand immer im Mittelpunkt der Eltern, Jörn hingegen wurde leicht übersehen. Als Sabine mit 18 von zu Hause auszog, lobten die Eltern ihre Selbständigkeit. Aber Jörn, der sich ebenfalls früh von zu Hause abgesetzt hatte, trauten sie nicht zu, dass er alleine klarkommen würde. Sie behandelten ihn beinahe wie ein unmündiges Kind... Ich weiß, dass er heute so gut wie keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern hat. Jedenfalls haben mir das seine Eltern erzählt. Und ich kann es verstehen. Das habe ich den Eltern natürlich nicht gesagt. Es geht mich ja eigentlich auch nichts an....“ Grethe Behringer seufzte, strich sich eine graue Strähne ihres hochgesteckten Haares aus dem schmalen, von vielen Falten durchzogenen Gesicht. „Sabine war für ihre Eltern immer die Gute und Jörn der Verlierer, der nichts auf die Reihe kriegte“, fuhr sie fort. „Der Junge tat mir manchmal ehrlich leid....“ Die alte Dame senkte den Blick. „Ja“, sagte Edda Keuter, „das vernachlässigte Kind. Und Sie meinen also, Frau Behringer, dass Jörn Meier sowohl wegen des Erbes als auch aus Hassgefühlen gegenüber seinen Eltern und seiner bevorzugten Schwester einen Mord begangen haben könnte?“ Grethe Behringer zögerte. „Ich weiß es nicht... Aber es könnte doch so gewesen sein, oder?!“ Die alte Dame blickte Edda Keuter fest in die Augen. „Wissen Sie, wie das Verhältnis zwischen Sabine und Jörn Meier in der letzten Zeit war? Haben sie sich öfter gesehen?“ „Ich glaube nicht“, sagte Grethe Behringer. „Es würde mich jedenfalls wundern falls doch... Wie gesagt, ich denke, dass das Verhältnis ausgesprochen schlecht war.“ „Hm...“, machte Edda Keuter. „Also es ist das, was Sie persönlich glauben und denken, Frau Behringer, aber Beweise für all dies gibt es nicht....“ „Nein“, musste die alte Dame zugeben. „Aber man hört ja immer wieder, dass wegen Erbstreitigkeiten und Neid gemordet wird. Das kommt in den besten Familien vor.“ „Da haben Sie recht“, sagte Edda.

Das Testament der Eheleute Meier existierte tatsächlich in der Form wie Grethe Behringer es berichtet hatte. Fast das gesamte, große Geld- und Sachvermögen der Meiers sollte an deren Tochter Sabine übergehen. Jörn Meier stand nur ein verhältnismäßig kleiner Geldbetrag von ein paar Tausend Mark zu sowie ein lebenslanges Wohnrecht im Haus der Eltern. Die Polizeibeamten hatten auch Einsicht genommen in die Bücher und Finanzunterlagen von Jörn Meiers Architekturfirma und seinem Privatvermögen. Es stellte sich heraus, dass Jörn Meier enorme Geldprobleme hatte. Sein Architekturbüro stand tief in den roten Zahlen, er hatte Schulden von mehreren Hunderttausend Mark. „Na, wenn das mal kein kräftiges Mordmotiv ist“, platzte Martin Wilde heraus. Auch Edda Keuter stellte fest, dass diese Neuigkeiten ein anderes Licht auf die Sache warfen. Sie mussten noch einmal mit Jörn Meier sprechen, ihn mit seinen offensichtlichen Geldproblemen konfrontieren. Gegen zehn Uhr des nächsten Tages, vier Tage nach dem Mord an Sabine Meier, fuhren die beiden Kriminalbeamten noch einmal raus zu Jörn Meiers Architekturfirma. Als Jörn Meier sie erneut bei sich erblickte, erstarb sein affektiertes Lächeln; er wurde ernst. Edda Keuter kam direkt zum Punkt: „Herr Meier, Sie haben erhebliche Schulden wie wir herausgefunden haben. Mehrere Hunderttausend Mark. Warum haben Sie uns das verschwiegen?“ Jörn Meiers Gesicht wurde aschfahl. „Ich habe es nicht als relevant angesehen, Ihnen davon zu erzählen“, erklärte er zögernd ohne die Beamten anzusehen. „Nicht relevant!?“ Edda Keuter blickte den Architekten aus unglaubwürdigen Augen an. „Ich bitte Sie, Herr Meier! Sie haben sich dadurch noch mehr verdächtig gemacht! Schließlich werden Sie nun aller Wahrscheinlichkeit nach das gesamte, große Vermögen Ihrer Eltern allein erben. Damit wären Sie all Ihre Geldsorgen los. Das ist ein starkes Mordmotiv!“ Jörn Meier senkte den Blick. In seinem Kopf arbeitete es angestrengt. „Diese Geldprobleme sind lediglich vorübergehend“, behauptete er schließlich. „Das liegt an dem jährlichen Winterloch. Es leuchtet Ihnen doch sicherlich ein, dass ein Architekturbüro im Winter längst nicht so viele Aufträge reinbekommt wie im Sommer oder Frühjahr!“ „Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Sie hoch verschuldet sind!“, warf Martin Wilde ein. „Doch!“, widersprach Jörn Meier. „Im Sommer bekomme ich das alles wieder rein und mache zudem noch Gewinn.“ „Das ist doch alles völliger Unsinn!“, rief Edda Keuter. „Sie sind hochverschuldet, Herr Meier, und zwar ganz unabhängig von der Jahreszeit! Das ist eindeutig aus Ihren Finanzunterlagen ersichtlich! Also versuchen Sie nicht, uns etwas vorzumachen!“ Dagegen konnte Jörn Meier nichts hervorbringen. Nach einer kurzen Weile sagte er leise, mit herabhängenden Schultern: „Ja, es stimmt. Ich bin hoch verschuldet....“ „Na, sehen Sie...“, entgegnete Edda. „Und weil Sie das Geld so dringend brauchten, haben Sie Ihre Schwester umgebracht, sie vorsätzlich vergiftet! Als künftig alleiniger Erbe hofften Sie, Ihre Geldsorgen endlich los zu sein!“ „Nein!“, rief Jörn Meier. Er blickte Edda Keuter in die Augen, hob verzweifelt die Hände, ließ sie wieder sinken. „Ja, sicher würde es finanziell Vieles erleichtern“, gab er zu und seine Lippen zitterten, „aber ich habe meine Schwester trotzdem nicht umgebracht!“ „Warum wollten Sie sich an dem besagten Montag mit Ihrer Schwester treffen? Ging es um Geld?“, drängte Edda weiter und ihr Ton wurde noch schärfer. „Nein!“, wiederholte Jörn Meier und in seiner Stimme klang Verzweiflung. „Es gab doch einen besonderen Grund, weshalb Sie Ihre Schwester aufsuchen wollten. Ich bin sicher, Sie wollten Geld von Sabine Meier und als sie Ihnen keines geben wollte, da haben Sie sie auf einen Spaziergang in den Park gelockt und dort vergiftet, indem Sie ihr ein tödlich wirkendes Getränk verabreichten!“ „Nein, nein, nein!“, schrie Jörn Meier und sein Gesicht war totenbleich. Kalte Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Erschöpft ließ er sich in einen Sessel sinken. Dann hob er langsam den Kopf. „Ja, es ging um Geld“, sagte er mit erstickter Stimme. „Ich wollte Sabine bitten, mir etwas zu leihen. Aber ich wollte es ihr auch so schnell wie möglich zurückzahlen....“ „Wieviel Geld wollten Sie von ihr?“, fragte Martin Wilde. Jörn Meier schaute ihn an. Seine braunen Augen quollen aus seinem schmalen, blassen Gesicht hervor, seine fahlen Lippen bebten. „Hunderttausend Mark“, antwortete er mit heiserer Stimme. „So wie es um Ihre Firma steht, hätten sie das Geld niemals zurückzahlen können!“, konfrontierte ihn Edda Keuter weiter und blickte mit kalter Miene auf Jörn Meier herab, der zusammengesackt in dem Sessel saß und dadurch klein und mickrig wirkte. Er senkte erneut seinen Kopf. „Nein...“, sagte er leise und es klang durchaus schuldbewusst. „Aber zu dem Treffen ist es wirklich nicht gekommen! Es war so wie ich es Ihnen erzählt habe! Sie war nicht zu Hause als ich bei ihr klingelte.“ „Würden Sie das auch unter Eid bezeugen?“, wollte Edda wissen. „Wenn es sein muss... Ja, das würde ich.“ Er blickte immer noch starr zu Boden als er es aussprach. „Sie hätten uns sagen müssen, dass Sie sich wegen Geldproblemen mit Ihrer Schwester treffen wollten. Da Sie es vor uns verbergen wollten, macht es Sie noch mehr verdächtig“, sagte Edda mit vorwurfsvoller Stimme. „Ja...“, Jörn Meier seufzte tief. „Aber können Sie das nicht verstehen, Frau Oberkommissarin?! Ich wollte doch nicht, dass meine Frau und Kinder von den Geldsorgen erführen. Und ich dachte mir, wenn ich der Polizei davon erzählte, würde es mich nur verdächtig machen...“ „Das macht es Sie jetzt erst recht!“, warf Martin Wilde ein. „Ich weiß...“, sagte Jörn Meier und schaute zu den beiden Polizeibeamten auf. „Aber ich habe meine Schwester nicht umgebracht!“

„Glauben Sie ihm, Frau Keuter?“, fragte Martin Wilde seine Chefin als sie wieder im Polizeiwagen saßen auf dem Weg zum Kommissariat. Edda Keuter spürte seinen Blick. Sie lenkte den Wagen, schaute dabei konzentriert nach vorne, blickte ihren Kollegen nicht an. „Er hat ein starkes Mordmotiv...“, antwortete sie langsam. „...aber es erscheint mir zu einfach und zu offensichtlich, wenn Sie verstehen, was ich meine...“ „Nein, nicht ganz“, musste Wilde zögernd zugeben. „Nun...“, sagte Edda Keuter, den Blick nach vorne gerichtet, „...es wäre doch ziemlich dumm von Jörn Meier unter den gegebenen Umständen einen Mord an seiner Schwester zu begehen. Sein Mordmotiv wäre zu offensichtlich. Jeder würde ihn sogleich verdächtigen.... Nein, ich halte Jörn Meier nicht für so naiv!“, sagte Edda und schüttelte den Kopf. Wilde legte seine Stirn in Falten, dachte nach. „Ja, da ist natürlich was dran... Allerdings, wenn man in so großer, finanzieller Not steckt wie Jörn Meier, da reagiert man vielleicht schon mal unüberlegt und dumm. Hinterher bereut man es dann...“ „Hm...“, machte Edda nachdenklich. „Das wiederum stimmt natürlich. Er wäre nicht der Erste, der in finanziellen Notsituationen den Kopf verlöre.“ Martin Wilde nickte zustimmend. „Vielleicht wird Jörn Meier aber argumentieren wie Sie, Frau Keuter. Vielleicht wird er behaupten, dass es unter den gegebenen Umständen ziemlich dumm von ihm gewesen wäre, wenn er seine Schwester umgebracht hätte, da der Verdacht dann sofort auf ihn fallen würde.“ „Ja, es wäre möglich, dass er auf diese Weise versuchte, von sich abzulenken“, musste Edda zugeben.

Später als sie im Büro saßen, gingen sie noch einmal die Liste der bisher hauptverdächtigen Personen durch. Es waren der rivalisierende Schulkollege Herr Schulze, der Schüler Karsten Schmidt, der in die Lehrerin verliebt gewesen war sowie Jörn Meier, der Bruder der Toten, der hoch verschuldet war. Sie alle hatten ein Motiv. „In der Wohnung der Toten hat man diese Sorte Kräutertee nicht gefunden. Wir müssen davon ausgehen, dass Sabine Meier sich mit ihrem Mörder im Stadtpark getroffen und dieser ihr das Giftgetränk verabreicht hat“, fasste Edda Keuter zusammen. „Sabine Meier hatte an besagtem Montag, ihrem Todestag, kurz nach 13 Uhr die Schule verlassen. Danach wurde sie nicht mehr gesehen. Todeszeitpunkt ist, laut Gerichtsmedizin, zwischen 14 und 16 Uhr. Laut Terminkalender hatte Sabine Meier in besagtem Zeitfenster, nämlich um 15:30 Uhr, ein Treffen mit ihrem Bruder. Allerdings habe das Treffen Jörn Meier zufolge nicht stattgefunden, weil seine Schwester nicht zu Hause gewesen sei. Er sagte, er sei stattdessen am Rheinufer spazieren gegangen, dann noch kurz in die Apotheke... und schließlich gegen 18 Uhr zu Hause eingetroffen, was seine Frau bestätigte.“ „Ein Alibi für die Tatzeit hat er nicht“, fuhr Edda nachdenklich fort und runzelte die Stirn. „Der Apotheker konnte zwar bezeugen, dass Jörn Meier am frühen Abend dort war und sich Halspastillen besorgt hat, aber für die Zeit am Rheinufer gibt es anscheinend keine Zeugen... Kann das sein? Irgendjemand muss ihn doch dort gesehen haben!“ „Naja, wenn er keine Bekannten getroffen und auch nirgendwo eingekehrt ist, kann es schon sein, dass er niemandem aufgefallen ist. Die anderen beiden Hauptverdächtigen, dieser Schulkollege Thomas Schulze und der Schüler Karsten Schmidt, haben zur Tatzeit jeweils ein Alibi...“ „Ja, Schulze war angeblich zu Hause und hat Hausarbeiten korrigiert, was aber nur seine Frau bezeugen kann. Und Karsten Schmidt hat als Zeugin lediglich seine Mutter angegeben.“ Martin Wilde seufzte und stützte sein Kinn in die rechte Hand. „Wir müssen überlegen, wer von den Verdächtigen überhaupt an dieses Gift, an das Zyanid, kommen konnte. Das dürfte nämlich normalerweise nicht so einfach gewesen sein.“ Sie rätselten noch eine ganze Weile hin und her ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Ihre Ermittlungen waren zu diesem Zeitpunkt ins Stocken geraten und führten sie nicht weiter.

Am nächsten Morgen waren die rauchenden Köpfe vom Abend zuvor wieder etwas klarer geworden. Edda Keuter und Martin Wilde hatten die von den Eltern der Toten genannten früheren Liebhaber von Sabine Meier - Christian Köhler und Ulf Bach - ausfindig gemacht und sie zu Gesprächen im Kommissariat vorgeladen. Christian Köhler war zuerst an der Reihe. Er war ein großer, schlanker Mann mit kurzen, braunen Haaren und einer randlosen Brille, hinter der sich kluge, braune Augen verbargen. Er war Neurologe, verheiratet, hatte eine zehnjährige Tochter, lebte in Düsseldorf. Zu Sabine Meier konnte er nicht allzu viel sagen. Er sei zwei Jahre mit ihr liiert gewesen; da sei Sabine Meier um die 20 gewesen. Die Trennung sei damals von ihr aus gegangen, da sie wohl ihre Freiheit und Abwechslung brauchte. Demnach sei sie eher der Typ für kurze Affären gewesen. Zu Sabine Meiers Affären und Freundschaften konnte Christian Köhler nichts sagen. Er habe nie mit ihr darüber gesprochen; Freunde von ihr habe er nie kennengelernt. Das Gespräch mit Christian Köhler ergab nichts Neues zu Sabine Meiers Tod. Der Neurologe selber schien kein Mordmotiv zu haben, war er doch seinen Worten zufolge, glücklich verheiratet und gut situiert. Außerdem sei er zur Tatzeit in seiner Arztpraxis gewesen. Edda Keuter und Martin Wilde schickten ihn wieder nach Hause, widmeten sich anschließend dem Gespräch mit Ulf Bach in der Hoffnung, dass es aufschlussreicher verlaufen würde. Auch Ulf Bach, ein großer Mann um die 50 und mit einer stattlichen Figur, schien ein gänzlich solides Leben zu führen. Er war Staatsanwalt beim Amtsgericht in Köln, hatte ebenfalls eine Frau sowie zwei Kinder, mit denen er in Köln lebte. Ulf Bach nahm auf einem Stuhl am Schreibtisch gegenüber von Edda Keuter Platz und heftete seine hellblauen Augen gespannt auf die Oberkommissarin. Martin Wilde stand mit verschränkten Armen neben Edda Keuter. „Nun, Herr Bach...“, begann Edda, „...Erzählen Sie uns bitte von Ihrem Verhältnis zu Sabine Meier. Was war sie für eine Frau? Wie hat sie gelebt? Hatte sie vielleicht Missgönner oder Feinde?“ Ulf Bach fuhr sich mit der Hand durch das kurze, mittelblonde Haar und lehnte sich in den Stuhl zurück. Sein etwas untersetzter Bauch quoll unter dem grauen Tweedmantel hervor. Seine Schilderungen zu Sabine Meier ähnelten sehr denen von Christian Köhler. Und auch er schien kein Mordmotiv zu haben, hatte zudem ein Alibi zur Tatzeit. Er war als Staatsanwalt des Amtsgerichts Köln in seiner Kanzlei gewesen. Von den Affären, die Sabine Meier gehabt haben sollte, wusste er nichts. Was die Freundschaften der Ermordeten betraf, erinnerte er sich nur an eine damalige Freundin aus dem Studium: Maria Wagner. Allerdings sei diese mehrjährige Freundschaft plötzlich abgebrochen. Sabine Meier habe sich auch nicht erklären können weshalb sich die Freundin plötzlich nie mehr bei ihr meldete. „Aber es hat sie auch nicht allzu sehr getroffen, weil Sabine nicht so sehr an Freundschaften wie auch an festen Beziehungen gelegen war und sie eher eine Einzelgängerin war“, stellte Ulf Bach fest. „Also, wenn Sie mich fragen“, fuhr er fort, „Sabine hat in ihrem Leben kaum Freunde gehabt. Und wenn doch, dann nur, wenn sie einen Nutzen von ihnen hatte.“ „Interessant“, sagte Edda Keuter. „Und welchen Nutzen, meinen Sie, könnte Sabine Meier von der damaligen Freundin, dieser Maria Wagner, gehabt haben?“ „Naja...“, Ulf Bach wurde ein wenig unsicher. „Ich weiß nicht... Maria schien sich für Sabines Probleme zu interessieren und hörte ihr zu. Bei Maria konnte sie sozusagen all ihren seelischen Balast loswerden... Aber das basierte keinesfalls auf Gegenseitigkeit wie bei normalen Freundschaften üblich. Sabine interessierte sich überhaupt nicht für Maria Wagner. Maria war eine unscheinbare, blasse Person, die selbst auch nur wenig Freunde und Bekannte hatte. Ich denke, sie könnte sich mit der Zeit von Sabine ausgenutzt gefühlt und deshalb den Kontakt gänzlich abgebrochen haben.“ „Hm... Wie lange ist das jetzt her? Ich meine, dass diese Freundschaft abgebrochen ist?“ Ulf Bach dachte nach. „Ungefähr acht Jahre ist das her“, sagte er dann. „Hm... acht Jahre...“, wiederholte Edda Keuter nachdenklich und zog die dunkelblonden Augenbrauen zusammen. „Was sollte sie nach acht Jahren noch für ein Mordmotiv haben?“ „Ich habe nicht die leiseste Ahnung“, warf Ulf Bach ein und zuckte die Schultern. „Wir werden uns mit der Dame wohl mal unterhalten müssen“, sagte Edda leise vor sich hin und lauter sagte sie, Ulf Bach anblickend: „Danke Herr Bach für das Gespräch. Bei Bedarf werden wir uns wieder bei Ihnen melden.“

Die ehemalige Studienfreundin, Maria Wagner, war nicht schwer aufzufinden gewesen. Sie lebte schon seit vielen Jahren nicht weit von Köln, in dem benachbarten Düsseldorf. Maria Wagner wurde zu einem Gespräch im Kölner Polizeikommissariat vorgeladen; die Anfahrtskosten dafür wurden übernommen. Es war elf Uhr morgens als sich Maria Wagner am Empfangsbereich des Ehrenfelder Polizeikommissariats vorstellte. Sie war eine hagere, blasse Gestalt mit aschblondem, schulterlangem, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenem Haar und braunen Augen hinter einer auffallenden, dunklen Hornbrille. Nachdem sie sich an der Zentrale gemeldet hatte, musste sie noch eine Weile im Wartebereich verbringen bevor sie schließlich zum Gespräch aufgerufen wurde. Mit einem etwas unsicheren Gang betrat sie das Büro von Edda Keuter und Martin Wilde. Sie war eine Frau von 42 Jahren, aber älter wirkend. Tiefe Falten gerbten sich in ihr schmales Gesicht. Sie schien eine vom Leben bereits viel gezeichnete Frau. Nach Aufforderung von Edda Keuter nahm Maria Wagner am Schreibtisch gegenüber der Oberkommissarin Platz. Martin Wilde zog einen Stuhl heran und setzte sich neben seine Vorgesetzte. Einen Moment lang saßen sie alle nur so da, still und schweigend. Maria Wagner schlug die dünnen Beine, die unter dem hellbraunen Kamelhaarmantel hervorlugten, übereinander und bat, sich eine Zigarette anzünden zu dürfen. Man gestattete es ihr. Nachdem sie einen tiefen Zug genommen hatte, begann Edda Keuter zunächst Fragen zur Person der Vorgeladenen zu stellen. Maria Wagner berichtete über ihre derzeitigen, nicht gerade rosigen Lebensverhältnisse. Sie war vor zwei Jahren in Frühverrentung gegangen... wegen allgemeiner Erschöpfungszustände. Davor war sie Lehrerin an einer Hauptschule gewesen. Von ihrem Lebensgefährten – sie war nie verheiratet gewesen – war sie vor kurzem aufgrund ihrer Erkrankung verlassen worden. Sie hatte keine Kinder, ihr Vater war bereits verstorben, aber sie hatte eine enge Beziehung zu ihrer Mutter, verstand sich immer schon gut mit dieser. Nachdem die aktuelle Lebenssituation von Maria Wagner abgeklärt war, ging Edda Keuter dazu über, Fragen zum Verhältnis zu der ermordeten Sabine Meier zu stellen. Doch auch Maria Wagner konnte nicht allzu viel Neues sagen über ihre ehemalige Freundin und über eine Freundschaft, die nun schon seit acht Jahren nicht mehr zwischen ihnen bestand. Von den Affären und Freundschaften, die Sabine Meier danach hatte, wüsste sie überhaupt nichts, erzählte Maria Wagner. Edda Keuter brannte eine Frage auf der Zunge. „Warum ist Ihre Freundschaft zu Sabine Meier so abrupt abgebrochen?“, fragte sie und blickte Maria Wagner forschend an. Diese schien durch den Blick etwas verunsichert, antwortete dann aber mit fester, klarer Stimme: „ Es war keinesfalls abrupt, Frau Kommissarin. Nach mehreren Jahren der Freundschaft hatten wir uns irgendwann nichts mehr zu sagen. Wir hatten uns beide verändert, uns sozusagen auseinandergelebt.“ „Hm...“, mischte sich nun Martin Wilde ein. „Inwiefern haben sie sich beide verändert?“ Maria Wagner senkte den Blick und betrachtete die brennende Zigarette in ihrer Hand. „Nun ja“, sagte sie zögernd, „Sabine und auch ich waren ja schon immer Einzelgänger gewesen. Das hat sich im Laufe der Jahre noch verstärkt. Wir haben uns gegenseitig irgendwann nicht mehr gebraucht und schließlich ganz aus den Augen verloren...“ „Ich verstehe...“, sagte Martin Wilde und blickte Maria Wagner nachdenklich an. „Was wissen Sie über Beziehungen, die Sabine Meier zu Männern hatte?“, fuhr Edda Keuter das Gespräch fort. Maria Wagner runzelte die Stirn, überlegte kurz. Dann sagte sie mit entschiedener Stimme: „Mir ist noch die Affäre mit dem Studienkollegen Stefan Hofer in Erinnerung geblieben... “ „Stefan Hofer?!“, wiederholte Edda. „Ja, der war schon sehr verliebt in Sabine gewesen und wollte eine richtige Beziehung mit ihr eingehen. Aber Sabine wollte das nicht... Wissen Sie, sie war Einzelgängerin und überzeugte Alleinstehende. Die Affäre oder wie man es nennen soll ging daraufhin unglücklich zu Ende. Ist ja auch klar, wenn beide so unterschiedliche Vorstellungen von der Art ihrer Beziehung hatten.“ „Ja, das leuchtet ein“, sagte Edda Keuter lakonisch. „Wie ist es dann zwischen den beiden weiter gegangen?“ „Es war nicht so einfach“, bekannte Maria Wagner. „Stefan Hofer fand dann zwar eine neue Freundin, die auch eine echte Beziehung mit ihm haben wollte, aber über Sabine ist er, glaube ich, nicht so richtig hinweggekommen.“ „Woraus schließen Sie das?“, fragte Wilde. „Nun ja, er hat sich so verhalten. Er versuchte immer wieder mit Sabine zu sprechen, sie doch noch zu überzeugen. Er rief sie auch öfter mal an oder stand sogar vor ihrer Haustür. Sabine hat mir davon erzählt. Sie war ziemlich genervt von Stefan Hofer.“ „Sie meinen, er hat sie bedrängt?“, wollte Martin Wilde wissen. „Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das doch etwas zu drastisch ausgedrückt...“ „Ja, vielleicht“, murmelte Wilde. „Glauben Sie, Fräulein Wagner, Ihre Freundin war unfähig eine längerfristige Beziehung einzugehen?“, fragte Edda. Die Wagner zögerte, in ihrem Kopf arbeitete es, dann sagte sie: „Es stimmt, eigentlich hat Sabine die Männer immer nur ausgenutzt und sie kurze Zeit später fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Solange ich mit Sabine befreundet war, gab es wohl niemanden, mit dem sie es wirklich ernst gemeint hätte.“ Die Befragte seufzte, senkte den Blick. „Fühlten Sie sich von ihr damals auch fallengelassen wie eine heiße Kartoffel so wie wohl die meisten anderen Freunde und Bekannten von Sabine Meier?“, hakte Edda nach. Maria Wagners Gesicht nahm eine rötliche Farbe an. „Nein, wir haben uns einfach auseinandergelebt; das sagte ich Ihnen doch bereits!“, rief sie ein wenig gereizt. „Vielleicht gab es unter den verschmähten Liebhabern von Sabine Meier einen, der sich dafür rächen wollte. Verschmähte Liebe ist ein durchaus gängiges Mordmotiv“, sagte Edda. Maria Wagner hatte sich schon wieder beruhigt. Sie drückte ihre Zigarette in dem gläsernen Aschenbecher aus, der vor ihr auf dem Schreibtisch stand. „Dazu kann ich nichts sagen“, antwortete sie und schwieg.

Als nächstes wurde denn auch der ehemalige Studienkamerad der Ermordeten, Stefan Hofer, der laut Maria Wagner so arg in die Tote verliebt gewesen sein sollte, vorgeladen. Stefan Hofer schien kaum wahrhaben zu können, dass Sabine Meier tot, ermordet worden, war. Immer wieder während des Verhörs schüttelte er ungläubig den Kopf. Er war ein mittelgroßer, schlanker, dabei aber kräftiger Mann Anfang 40 mit blondem, kurzgeschorenem Haar und hervorstechenden grauen Augen. Selbstbewusst, in aufrechter Haltung, saß er mit einem grauen Trenchcoat bekleidet den beiden Kommissaren gegenüber. Er hatte scheinbar seinen Weg im Leben gemacht – auch ohne Sabine. Er lebte mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in Bonn, arbeitete ebenda als Lehrer für Politik und Geschichte an einem renommierten Gymnasium, führte, seinen Angaben nach, ein gutes und zufriedenes Leben. Zwar gab er zu, dass er Sabine nie ganz habe vergessen können – er habe sie sehr geliebt – aber er hätte sie niemals umbringen können, beteuerte er mit fester Stimme. Er stieß an, warum er einen Mord überhaupt hätte begehen sollen nach so langer Zeit. Dazu hätte er kein Motiv. Er habe sich längst damit abgefunden, dass die Tote, Sabine Meier, damals keine feste Beziehung mit ihm gewollt hätte. Er gab an, zur Tatzeit zu Hause bei seiner Frau gewesen zu sein, um sich – wie immer – auf den Unterricht des nächsten Tages vorzubereiten. Edda Keuter und Martin Wilde schien das alles soweit plausibel und auch glaubwürdig. Sie schickten Stefan Hofer nach Hause, sicher ihn nicht mehr weiter in dem Mordfall behelligen zu müssen.

Am nächsten Tag meldete sich überraschend ein Mann im Polizeikommissariat. Er gab an, im Mordfall Sabine Meier eine Aussage machen zu wollen. Sein Name war Anton Häuser, 48 Jahre alt. Er war, wie er den Polizeibeamten am Empfang mitteilte, ein Lehrerkollege der Ermordeten gewesen und zugleich ein Bekannter von Maria Wagner, der ehemaligen Freundin der Toten. Er habe den Verdacht, dass damals irgendetwas vorgefallen sein musste zwischen Sabine Meier und Maria Wagner. Darüber wollte er mit den zuständigen Polizeikommissaren nun sprechen. Da Edda Keuter und Martin Wilde sich nicht mitten in einem anderen Verhör befanden und zur Zeit auch keine Außentermine hatten, meldeten die Mitarbeiter des Empfangs Anton Häuser direkt zu einem Gespräch an. Ein Polizist ging voraus und führte Anton Häuser zu dem Büroraum, klopfte an und teilte Edda und Martin Wilde mit, dass sich ein Herr Anton Häuser als weiterer Zeuge im Mordfall Sabine Meier gemeldet hätte. Edda Keuter und Martin Wilde blickten interessiert auf, baten Anton Häuser einzutreten und Platz zu nehmen. Anton Häuser folgte der Aufforderung. „Nun“, begann Edda das Gespräch, „Sie wollten uns etwas zum Mordfall Sabine Meier mitteilen, Herr Häuser.“ Sie blickte den großen, schlanken und sehr athletisch wirkenden Mann mit den intelligenten hellblauen Augen und dem kurzen dunkelbraunen Haar aufmerksam an. Er saß da, ganz entspannt, leger gekleidet in Jeans und grünem Pullover. „Sie kennen die Ermordete und auch Maria Wagner?“, fragte Edda.  Anton Häuser fuhr sich mit der rechten Hand über sein ausgeprägtes Kinn, mit der anderen Hand umklammerte er seinen grauen Hut. „Wissen Sie, ich bin auch Lehrer. Ich kenne Maria Wagner von der Universität. Wir haben zusammen studiert. Ich Sport und Biologie, sie Deutsch und Englisch. Nach dem Studium bin ich am sehr angesehenen Humboldt-Gymnasium hier in Köln gelandet und als dort ein Lehrer für Deutsch und Englisch gesucht wurde, habe ich gleich an Maria gedacht. Ich habe ihr davon erzählt und ihr zudem versprochen, mich für sie beim Personalchef einzusetzen, wenn sie sich auf die Stelle bewerben würde.“ Anton Häuser räusperte sich, hob den Blick, schaute Edda in die Augen. „Der Streit zwischen Maria und Sabine... Ich hatte schon damals den Verdacht, dass er irgendwas mit der Bewerbung zu tun hatte.“ Anton Häuser stockte, sah den fragenden Blick der Oberkommissarin. „Ich war mit dem Personalchef gut befreundet, wissen Sie, und hatte durchaus Einfluss auf ihn, also auf seine Personalentscheidungen. Maria wusste das. Sie zeigte auch großes Interesse an der Stelle. Umso mehr wunderte ich mich, als keine Bewerbung von ihr einging. Naja... Sabine Meier bewarb sich jedenfalls auf die Stelle und bekam sie dann auch aufgrund ihrer hervorragenden Qualifikationen.“ Anton Häuser schwieg einen Moment, dann sagte er: „Aber es geht noch weiter...“ Er heftete seinen Blick nun auf Martin Wilde. „Ein paar Wochen später rief Maria bei mir an. Sie wollte sich wegen ihrer Bewerbung erkundigen. Ich bin natürlich aus allen Wolken gefallen, weil eine Bewerbung von ihr niemals bei uns eingegangen war. Und die Stelle war ja nun auch schon besetzt – ausgerechnet von ihrer Freundin Sabine!“ „Verstehe, aber vielleicht gab es eine ganz einfache Erklärung für all das“, sagte Edda. „Es konnte sich durchaus um einen Fehler bei der Postzustellung handeln. Und Sabine Meier hatte, wie wir wissen, in der Tat ausgezeichnete Zeugnisse vorzuweisen. Sie hatte sehr gute Chancen, die Stelle zu bekommen.“ „Letzteres bezweifle ich nicht“, pflichtete Häuser der Oberkommissarin bei. „Ich denke allerdings, dass Maria nicht an eine Unschuld Sabines geglaubt hat. Als ich damals am Telefon Maria mitteilte, dass ihre Bewerbung überhaupt nicht bei uns eingegangen war und Sabine nun die Stelle bekommen hätte, sagte sie mit aufgebrachter Stimme: „Das soll sie mir büßen!“ und legte auf . Damals habe ich dem Ausspruch keine große Bedeutung beigemessen, aber jetzt nach dem Mord an Sabine ist er mir plötzlich wieder ins Bewusstsein gekommen. Jetzt, wo Sabine zur Schuldirektorin avanciert werden sollte.“ Anton Häuser richtete den Blick wieder auf Edda. „Verstehen Sie, es muss damals irgendwas passiert sein, sonst wäre Maria nicht so wütend gewesen und hätte Köln nicht so Hals über Kopf verlassen.“ Die Oberkommissarin blickte Anton Häuser ernst an. „Sie kennen Maria Wagner besser als wir... Trauen Sie ihr den Mord an Sabine Meier zu?“ Häuser wich ihrem Blick aus, legte die Stirn in Falten. „Ich weiß es wirklich nicht“, sagte er endlich ohne sie anzusehen und ballte nervös die Hände zu Fäusten. Wider entstand eine kurze Pause. Dann erhob sich Edda, reichte Anton Häuser die Hand. „Vielen Dank, Herr Häuser. Wir werden der Sache nachgehen.“

„Sie war es bestimmt!“, sagte Martin Wilde immer wieder mit Nachdruck. „Aber wir müssen es eben auch beweisen können, lieber Kollege!“, entgegnete Edda in ihrer stets nüchternen Art. Das Gespräch mit Anton Häuser hatte die beiden Kommissare dazu veranlasst, für die Düsseldorfer Wohnung von Maria Wagner einen Hausdurchsuchungsbeschluss zu beantragen. Die Durchsuchung der Wohnung war bereits vor einigen Tagen von der Spurensicherung durchgeführt worden. Es folgten teilweise akribisch genaue Untersuchungen, die zu möglichst neuen Erkenntnissen im Mordfall Sabine Meier führen sollten. Eines Nachmittags schrillte das Telefon auf Eddas Schreibtisch. Sie nahm ab, meldete sich. Martin Wilde blickte neugierig und mit gespitzten Ohren zu seiner Chefin hinüber. Diese lauschte aufmerksam in den Hörer. „Das ist ja sehr interessant“, sagte sie schließlich und legte auf.

Maria Wagner wurde von der Polizeidirektion Köln zu einem Verhör vorgeladen. Zwei Tage später am frühen Nachmittag erschien sie im Kölner Polizeikommissariat. Sogleich wurde sie in einen kleinen, kahlen, nur mit einem spärlichen Licht erhellten Raum geführt. Auf dem Tisch in der Mitte stand ein großes Tonbandgerät, welches das Gespräch aufzeichnen sollte. Maria Wagner war ganz leger mit einer grauen Flanellhose und einem weißen Hemd gekleidet. Ihr blondes, schulterlanges Haar war – wie auch das letzte Mal – streng zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre braunen Augen hinter der schwarzen Hornbrille flackerten unruhig. Ihr Gang war ein wenig hektisch. Maria Wagner hob den Kopf als Edda Keuter den Verhörraum betrat. „Guten Tag, Fräulein Wagner!“, sagte Edda in sachlichem Ton und schaltete das Tonbandgerät ein. Dann nahm sie am Tisch gegenüber der zu Verhörenden Platz. Maria Wagner sagte nichts, schaute Edda nur aus großen, fragenden Augen an. „Bestimmt fragen Sie sich, warum wir Sie noch einmal zu uns haben kommen lassen“, begann Edda Keuter das Verhör. „Fräulein Wagner, wir haben bei der Durchsuchung Ihrer Wohnung eine schwarze Kurzhaarperücke entdeckt. Die Haare dieser Perücke sind absolut identisch mit denen des Haarbüschels, das wir in der Nähe des Leichenfundorts aufgesammelt haben. Es besteht kein Zweifel, dass dieses Haarbüschel zu Ihrer Perücke gehört.“ Die Oberkommissarin machte eine kurze Pause, aber von Maria Wagner kam keine Reaktion. Also fuhr sie fort: „Fräulein Wagner, geben Sie´s zu, Sie waren am Tag des Mordes, am 14. November, mit Sabine Meier im Rheinpark. Sie haben sich mit ihr getroffen und ihr das Zyanid in einem Kräutertee verabreicht!“ Maria Wagner hielt den Blick gesenkt, gab jetzt aber energische Widerworte. „Warum hätte ich Sabine umbringen sollen? Ich habe überhaupt keinen Grund dazu gehabt!“, stieß sie hervor. „Wirklich nicht, Fräulein Wagner?“, gab Edda scharf zurück. „Denken Sie doch mal ein wenig nach!“ Maria Wagner blickte auf. „Nein, wirklich nicht, Frau Oberkommissarin“, entgegnete sie nachdrücklich. „Dann muss ich Ihnen wohl ein wenig auf die Sprünge helfen“, sagte Edda und blickte Maria Wagner angriffslustig in die Augen. Diese senkte erneut den Blick. „Sie haben Ihre frühere Freundin Sabine Meier vergiftet, weil Sie es nicht ertrugen, dass man Fräulein Meier zur Schuldirektorin des Humboldt-Gymnasiums befördern wollte!“ „Das ist doch absoluter Blödsinn!“, protestierte Maria Wagner aufgebracht. „Warum sollte ich ihr den Aufstieg nicht gönnen? Sie war eine gute und durchsetzungsstarke Lehrerin!“ „Das schon“, sagte Edda ruhig. „Der Aufstieg zur Schuldirektorin war auch nur der letztendliche Auslöser für Ihren Mord. Der Ursprung liegt etwa acht Jahre zurück. Sie selbst hatten die Stelle am Humboldt-Gymnasium damals ins Auge gefasst. Sie hatten eine Bewerbung geschrieben und Sie hatten die besten Chancen auf die Stellung. Ihr Freund Herr Anton Häuser wollte sich beim Personalchef für Sie einsetzen. Wahrscheinlich hätten Sie die Stelle bekommen. Aber Sie machten einen entscheidenden Fehler, Fräulein Wagner...“ „Ach...“ Unwillkürlich blickte Maria Wagner auf. Ihre Augen funkelten vor Zorn. „Sie gaben Ihrer damaligen Freundin Sabine Meier Ihre Bewerbung mit, damit diese sie bei der Poststelle für Sie abgab“, fuhr Edda unbeirrt fort. „Das sind doch alles nur Spekulationen!“, warf Maria Wagner dazwischen. „Es muss so gewesen sein, Fräulein Wagner“, sagte Edda. „Anton Häuser erzählte uns, dass Sie sich bei ihm wegen der Bewerbung telefonisch meldeten. Sie wollten, nachdem Sie nichts gehört hatten, über den Stand des Bewerbungsverfahrens informiert werden. Da erzählte Ihnen Herr Häuser, dass das Bewerbungsverfahren bereits abgeschlossen, eine Bewerbung Ihrerseits aber gar nicht eingegangen war. Sie erschienen Herrn Häuser daraufhin sehr aufgebracht und sollen laut: ‚Das soll sie mir büßen!’ ins Telefon gerufen haben. Das kann uns Herr Häuser jederzeit bestätigen!“ „Tut mir leid. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern, Frau Oberkommissarin“, entgegnete Maria Wagner schnippisch. „Ich glaube auch nicht, dass ich das damals gesagt habe. Und wenn doch, so meinte ich damit sicherlich nicht Sabine, sondern die verdammte Post, die meine Bewerbung sicherlich verschlampt hatte!“ „Nein, das glaube ich nicht, Fräulein Wagner! Ich glaube, Sie vermuteten vielmehr eine gemeine Intrige Ihrer Freundin Sabine Meier. Sie glaubten, dass Sabine Ihre Bewerbungsunterlagen hatte verschwinden lassen, um selbst die Stelle am Humboldt-Gymnasium zu bekommen... was dann ja auch tatsächlich eingetreten ist. Und das wiederum machte Sie natürlich rasend vor Wut.“ „Das ist doch alles Blödsinn“, gab Maria Wagner zurück, aber ihre Stimme klang nicht mehr so fest. „Das Ganze liegt außerdem acht Jahre zurück. Warum sollte ich Sabine jetzt nach so langer Zeit noch ermorden?“ „Ganz einfach!“, entgegnete Edda kühl, „Sabine Meier sollte nun an jenem Gymnasium zur Schuldirektorin befördert werden. Das haben Sie, die damals von Sabine Meier reingelegt worden sind, nicht ertragen können. Nicht Sie, der es heute beruflich und privat so dermaßen schlecht geht! Sie sind psychisch erschöpft, arbeitslos, haben kaum Geld, keinen Mann, keine Kinder... Ich denke, da kann man schon mal die Fassung verlieren.“ „Alles Blödsinn!“, wiederholte Maria Wagner und heftete den Blick auf ihre Füße. Eine Weile herrschte bedrückendes Schweigen. Dann fragte Edda in die Stille hinein: „Warum haben Sie sich am 14. November mit Sabine Meier im Kölner Rheinpark getroffen, Fräulein Wagner? Und leugnen Sie bitte nicht, dass Sie Fräulein Meier dort getroffen haben. Ihre Perückenhaare am Leichenfundort sind ein eindeutiges Indiz dafür!“ Maria Wagner blickte noch immer zu Boden. „Ich wollte Sabine nach so langer Zeit einfach mal wieder treffen... Ein bisschen mit ihr erzählen... ohne besonderen Grund.“ „Nachdem Sie den Kontakt zu Sabine Meier damals so abrupt abgebrochen und sich nie wieder bei ihr gemeldet haben?“, sagte Edda und hob fragend die Augenbrauen. Maria Wagner fuhr von ihrem Stuhl hoch. „Nach all dem, was Sabine mir...“, sie stockte und schwieg. „Sprechen Sie ruhig weiter, Fräulein Wagner! ,Nach all dem, was Sabine mir angetan hat’, wollten Sie sagen, nicht wahr?!“ „...Ja schon“, sagte Maria Wagner zögernd. „Aber deswegen habe ich sie doch nicht umgebracht!“ Edda fuhr unbeirrt fort. „Es muss zu einem letzten verzweifelten Kampf Sabine Meiers kurz vor Eintritt des Todes gekommen sein. Sabine Meier hat Ihnen mit letzter Kraft an den Haaren respektive an der Perücke gezogen. Sie haben es vielleicht gar nicht bemerkt... Ach ja, übrigens ist es wohl auch merkwürdig, dass jemand wie Sie, Fräulein Wagner, jemand mit so schönem, langem blondem Haar, eine schwarze Kurzhaarperücke trägt... Es sei denn... ja, es sei denn sie wollten nicht erkannt werden.“ Die Oberkommissarin schaute Maria Wagner eindringlich an. „Ich brauche eben ab und zu eine Typveränderung... Was ist schon dabei?!“ „Sie wissen, dass das nicht der Grund war!“, rief Edda. „Sabine Meier hatte noch ein paar Minuten Zeit ehe das Zyanid tödlich wirkte. Sie merkte, dass Sie von Ihnen vergiftet worden war. Sie bekam keine Luft mehr und riss in ihrer Verzweiflung ein kleines Büschel Haare von Ihrer Perücke ab! Oder können Sie mir eine andere plausible Erklärung für Ihre beschädigte Perücke geben?!“ Maria Wagner schwieg. Plötzlich flossen Tränen über ihr fahles Gesicht. Sie fing an zu schluchzen. „Ja, ich war´s! Ich hab´s getan!“, rief sie aufgelöst. Edda Keuter blickte ihr ruhig in die Augen. „Fräulein Wagner, es war so wie ich es beschrieben habe, nicht wahr? Sie konnten den Erfolg von Fräulein Meier nicht länger ertragen. Nicht, nachdem Fräulein Meier sie damals so linkisch hintergangen und reingelegt hat.“ Maria Wagner sprang von ihrem Stuhl auf. „Sie hat mir mein ganzes Leben zerstört, dieses Biest!“, schrie sie unter Schluchzen. „Bitte setzen Sie sich doch wieder. Und trinken Sie einen Schluck Wasser.“ Edda griff nach der Mineralwasserflasche, die auf dem Tisch stand, goss ein Glas voll ein, schob es Maria Wagner zu. Diese gehorchte, setzte sich wieder, griff mit zittrigen Händen nach dem Wasserglas, trank einen Schluck. Dann sagte sie in leisem Ton: „Es gab Beweise. Beweise, dass Sabine meine Bewerbung nicht bei der Poststelle abgegeben hatte.“ „Aha...“, machte Edda und hob interessiert die Augenbrauen. „Erzählen Sie bitte... Was waren das für Beweise?“ Maria Wagner holte tief Luft. „Ich war bei Sabine und wollte sie zur Rede stellen, nachdem ich von Herrn Häuser erfahren hatte, dass meine Bewerbung am Humboldt-Gymnasium gar nicht eingegangen war... Sabine schwor mir, dass sie meine Bewerbung abgegeben hätte und dass der Fehler nur bei der Post liegen könnte. Dann in einem unbeobachteten Moment – Sabine wollte uns einen Kaffee kochen – habe ich in einem Papierkorb in ihrem Arbeitszimmer die verbrannten Überreste meiner Bewerbung entdeckt. Ich war rasend vor Wut. Ich hatte Sabine vertraut. Sie war doch meine Freundin... und dann das! Ich bin sofort aus dem Haus gestürzt, zornig und aufgebracht wie ich war. Ich wollte Sabine nie, niemals wiedersehen...!“ „Verstehe“, sagte Edda. „Sie haben alle Zelte abgebrochen und sind nach Düsseldorf geflüchtet, um dort ein neues Leben zu beginnen!?“ „Ja“, stimmte Maria Wagner kleinlaut zu. Edda Keuter schaute sie ein wenig mitleidsvoll an wie sie so dasaß – klein und mickrig und mit herabhängenden Schultern. „Ein wenig  kann ich Sie sogar verstehen, Fräulein Wagner“, sagte Edda schließlich. „Aber Mord ist keine Lösung. Er lohnt sich nicht. Sie werden nun für viele Jahre ins Zuchthaus müssen.“ „Ja, ich weiß...“, schluchzte Maria Wagner auf. „Sie selbst sind für Ihr Leben verantwortlich.“ Maria Wagner senkte den Blick. Erneut stiegen ihr Tränen in die Augen. Edda reichte ihr ein sauberes, weißes Taschentuch und ließ sie einige Zeit lang weinen. Dann sagte sie: „Wie ist es also zu dem Treffen zwischen Ihnen und Sabine Meier gekommen?“ Maria Wagner blickte auf und Edda sah in ihre von Tränen geröteten, verquollenen Augen. „Ich klingelte bei Sabine zu Hause und sie öffnete. Da habe ich ihr erzählt, dass ich zufällig in Köln wäre und sie besuchen wollte. Ich schlug vor, dass wir im Rheinpark spazieren gehen könnten und sie willigte ein. Ich kannte diese ruhige, etwas versteckte Stelle am Rande des Parks. Da bin ich dann mit ihr hin.“ Maria Wagner senkte den Blick zu Boden und grinste leicht in sich hinein. „Zuerst hat Sabine mich gar nicht erkannt... wegen der Perücke. Ich erzählte ihr, dass ich öfter mal meinen Typ veränderte und sie glaubte es mir sogar. In Wahrheit wollte ich natürlich von möglichst niemandem erkannt werden.“ „Hm...“, machte Edda und sah die zu Verhörende eindringlich an. „Wie sind Sie an das Zyanid gekommen?“ „Oh, das war gar nicht so schwer“, erklärte die Wagner. „Der Bruder meines früheren Lebensgefährten hat eine Apotheke. Ich habe unbemerkt den Schlüssel zum Giftschrank an mich genommen und vorsichtig etwas von dem Zyanid entwendet. Es reichte nur wenig davon, wissen Sie. Dann habe ich den Schlüssel wieder unbemerkt an seinen Platz gelegt...“ „Wollten Sie einen Suizid vortäuschen?“ „Ja... schon... Wie sind Sie darauf gekommen, dass es keiner war?“ „Wäre es Selbstmord gewesen, hätten wir zumindest ein Behältnis mit dem restlichen Giftgetränk vorfinden müssen... und zwar ausschließlich mit den Fingerabdrücken von Sabine Meier.“ „Ja,... es war dumm von mir den Trinkbecher wieder mitzunehmen... aber meine Fingerabdrücke waren ja leider darauf...“ Sie seufzte. Edda stand auf. „Ich muss Sie jetzt festnehmen lassen, Fräulein Wagner.“ Sie winkte einen Polizeibeamten herbei, der die Verhörte abführen sollte. Mit gesenktem Kopf schritt Maria Wagner an Edda vorbei. Die Oberkommissarin atmete tief durch. In Gedanken ließ sie das Verhör noch einmal Revue passieren. Sie und Wilde hatten wieder Erfolg gehabt. Maria Wagner hatte ein Geständnis abgelegt. Sie war die Mörderin von Sabine Meier. Ein zufriedenes Lächeln zeichnete sich um Eddas Mund und sie verließ den Verhörraum.

 

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Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Rita Hassing).
Der Beitrag wurde von Rita Hassing auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Strophen und Marotten von Götz Grohmann



Dieser eigenwillige, humorvolle und originelle kleine Gedichtband stellt einen Querschnitt der Arbeiten von Götz Gohmann dar mit Gedichten für Kinder und Erwachsene zum lesen und zum singen. Die Lustigen Katzen, die auf der Ausstellung das Erscheinen der Besucher als Modenschau kommentieren, das Mäuschen vor dem leeren Schrank das singt: „Piep, piep der Speck ist weg“ oder die Nachtigall, die spielt Krähe spielt und von ihren schlimmen Beobachtungen aus der nächtlichen Großstadt erzählt, sie alle haben Ihre Marotten, die vielleicht auch manchem Leser nicht ganz unbekannt sind.

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