Wolfgang Scholmanns

Totgeschlagen

Es war in den frühen Sechzigern. Meine Eltern und ich, fuhren am Nachmittag mit unseren Fahrräder zu meiner Tante. Tante Lisa war die älteste Schwester meiner Mutter und eine ganz liebe, tüchtige Frau, die stets für ihren Mann und ihre fünf Kinder parat stand. An diesem Tag hatte sie Geburtstag und wie immer war die ganze Verwandtschaft eingeladen. Selbst unsere Oma kam auf ihren schweren Holzkrücken, denn so ein Familientreffen war immer ein besonderes Ereignis. Nur der Opa blieb zu Hause, auf dem Hof. Er war ein alter verbitterter Mann, sehr herrisch und meistens auch knurrig. 1889 geboren, hatte er beide Weltkriege und auch einige andere Schicksalsschläge hinter sich, was sein egoistisches Verhalten allerdings in keiner Weise entschuldigen soll.

Der jüngere Bruder meiner Mutter lebte mit seiner Frau und seinem Sohn auch in dem großen Haus meines Opas. Sie alle hatten oft unter den Launen des Alten zu leiden. Unsere Oma, also seine Frau, hatte er in die Dachgeschosswohnung verbannt. Unten jedoch, in der großen Wohnung, herrschte er, hatte dort ein großes Büro, in dem er seine Geschäfte abwickelte. In einer Ecke dieses Büros, am Schrank, hinter seinem Schreibtisch, lehnte eine alte Schrotflinte. Wen auch immer er damit erschrecken wollte, geladen war die sowieso nicht. Soviel ich weiß, war er auch mal Bürgermeister oder vielmehr Gemeindevorsteher des Ortes, aber das war vor meiner Zeit. Mein Onkel arbeitete vierzehn Stunden am Tag auf dem Hof und war von der harten Arbeit, die er von seinem dreizehnten Lebensjahr an verrichten musste, schwer gezeichnet. Manchmal hatte er eine oder zwei Hilfskräfte, die es hier aber, unter der „Herrschaft“ des Alten, nie länger als ein halbes Jahr aushielten. Bei Tisch z.B. musste stets gewartet werden, bis der „hohe Herr“ kam. Wenn es dann endlich so weit war, der Alte sich auf seinem Stuhl niederließ und seinen Kautabak sabbernd in ein Taschentuch wickelte, das er anschließend neben seinen Teller legte, waren alle ganz stumm. Erst wenn er das Tischgebet gesprochen hatte und anschließend Mahlzeit rief, durfte gegessen werden. Oft ließ er sich Zeit, beobachtete die hungrigen Gesichter und grinste. Meine Tante war eine gute Köchin, doch nie kam ein Wort des Lobes oder gar des Dankes über die Lippen des Großvaters. Meinen Vater mochte er nicht, aber das war auch kein Wunder denn, wen mochte er überhaupt. Kinder waren eigentlich auch nicht seine Kragenweite, aber mit mir sprach er ab und zu. Manchmal nahm er mich mit in sein Büro. Das war immer sehr, sehr langweilig. Ich saß dann meistens, ihm gegenüber auf einem Stuhl, und er kramte in seinen Akten herum. Waren Äpfel und Birnen reif, nahm er mich mit in den großen Garten und gab mir, großzügiger Weise, eine oder zwei dieser Früchte. „Da hast du etwas Gutes vom Opa bekommen.“, tönte er dann immer. Mittwochs, oder war es donnerstags, trafen sich die Töchter der Familie immer in Omas Dachkammer. Es wurde über dieses und jenes gequatscht, Kaffee getrunken, Rezepte ausgetauscht usw. Wir Kinder bekamen von Oma immer dicke Weißbrotschnitten mit Rübenkraut oder Zucker, was sich, in späteren Jahren, sehr zum Nachteil der Gesundheit unserer Zähne herausstellte.

So, jetzt aber wieder zurück zu dem Geburtstag meiner Tante. Oh Gott, wenn die wüsste, was ich hier alles ausplaudere. Die alte Dame lebt übrigens noch, ist einundneunzig Jahre alt und kerngesund.

Tante Lisas und Onkel Gerds Kinder, vier Jungs und ein Mädel, sind alle wesentlich älter als ich. Der Jüngste hat glaube ich elf und der Älteste fünfzehn Jahre mehr auf dem Buckle. Einer der Söhne ist vor drei Jahren gestorben, er war Anfang sechzig, noch viel zu früh. Irgendwann einmal, hatte mir meine Tante ein Foto gezeigt, auf dem, meiner Meinung nach, ich abgebildet war. Ich konnte mich zwar an die Klamotten die ich auf diesem Foto trug, überhaupt nicht erinnern, war aber fest davon überzeugt, dass ich dieser Junge sei.

„Das glaube ich, dass Du das denkst, aber das ist Dein Cousin Walter. Der sah, als er so alt war wie Du, Dir total ähnlich. Doch sieh mal hier, unten am Kinn. Da hat er ein Muttermal.“

Alles klar, das Muttermal überzeugte mich dann. Dieser markante Fleck fehlte an meinem Kinn.

Nach dem übertriebenen Begrüßungsritual, als ob man sich jahrelang nicht gesehen hätte, gab es schon bald Kaffee und Kuchen. Der Kuchen war übrigens vorzüglich, denn backen und kochen konnte Tante Lisa wirklich gut. Anschließend wurde das eine oder andere Likörchen oder Schnäpschen getrunken und Geschichten aus alten Zeiten erzählt. Oh wie langweilig für einen siebenjährigen Jungen. Irgendwann schlich ich mich aus dem Haus, ging in den Garten, der so groß war wie ein halber Fußballplatz und sah mir die Kaninchen an. Mein Onkel hatte bestimmt hundert Stück dieser Langohren von denen keines aussah wie das andere. Irgendwann hatte sich Max zu mir gesellt. Max war der Hund meines Onkels, ein reinrassiger Spitz. Er war falsch, und man musste sich vor ihm in Acht nehmen, denn er hatte schon des Öfteren zugeschnappt. Ich ignorierte ihn mehr oder weniger aber er folgte mir auf Schritt und Tritt. Hinter den Kaninchenställen scharrten Hühner und Hähne im Sand und auf der anderen Seite des Weges, waren große Gemüsebeete angelegt. Die Wiese, die an den Garten grenzte, lieferte gutes Futter für die Kaninchen und schon so manches mal, hatte mir mein Onkel ein paar Körbe in die Hand gedrückt um sie mit frischem Gras zu füllen. Möglichst viel Klee und Löwenzahn sollte dabei sein, dass würden die Kaninchen am liebsten fressen. Na ja, ich habe mich dann auch immer bemüht, einen entsprechenden Kräutermix zusammen zu bekommen und ich glaube, dass die Mischung in Ordnung war. Die Langohren haben sich nie darüber beschwert. Übrigens, die Wiese nutzten wir im Herbst, um unsere selbstgebauten Papierdrachen steigen zu lassen. Das war immer ein Heiden Spaß.

Ein schon etwas älterer Junge, aus der Nachbarschaft Tante Lisas, war Experte im Bauen dieser Windvögel. Ich durfte ihm manchmal dabei helfen, und bald war ich in der Lage, mir selbst so einen Drachen zu bauen. Na ja, ich muss zugeben, ein wenig Hilfe benötigte ich doch noch.

Meine Mutter rief mich irgendwann zu sich. Wir würden in einer Stunde fahren und ich sollte mich doch noch ein wenig zu ihnen setzen. Na ja, als braver Sohn fügte man sich natürlich. Als ich die Tür zum Wohnzimmer öffnete, drängte sich Max an mir vorbei. Er bellte und knurrte. So viele Menschen waren ihm wohl unheimlich. Mein Onkel stand, meiner Meinung nach schon etwas angetrunken, langsam auf, packte den Hund am Halsband und zerrte ihn zur Tür. Da geschah es: Max, der sich wohl bedroht fühlte, biss meinen Onkel in die Hand. Die Wunde blutete wie verrückt, aber das kümmerte Onkel Gerd nicht. Er packte Max in den Nacken, hob ihn zu sich empor und ging strammen Schrittes nach draußen, hinter den Kaninchenstall. Nach einer Weile kehrte er zurück, nahm die Flasche Schnaps, goss einen Teil des Inhaltes über die blutende Wunde und ging dann ins Badezimmer. Als er zurückkam, war die Hand, in die ihn Max gebissen hatte, mit einem Verband umwickelt.

„So, alles wieder in Ordnung.“, sagte er, nachdem er wieder Platz genommen hatte. „Der beisst niemanden mehr. Aber lasst uns noch einen trinken, prost.“

Er trank zwei Schnäpse hintereinander, stand auf und wollte mit Tante Lisa tanzen. „Du gehst jetzt lieber ins Bett, mein lieber Mann.“, entgegnete sie. Der Onkel setze sich wieder auf seinen Platz, schenkte sich noch ein Schnäpschen ein und begann zu singen. Nach und nach verabschiedeten sich die Gäste und auch wir fuhren schon bald mit unseren Fahrrädern nach Hause.

Als ich irgendwann mal wieder bei Tante Lisa und Onkel Gerd zu Besuch war und nachfragte, wo denn Max sei, bekam ich zur Antwort, er wäre überfahren worden. Erst viele Jahre später erzählte mir mein Vater, dass mein Onkel damals den Hund hinter dem Kaninchenstall erschlagen und anschließend dort vergraben hätte.

 

***

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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