Helga Moosmang-Felkel

Maurice

Die weiße Katze

 

 

Maurice duckte sich tiefer in eine Mauernische. Der volle Mond tauchte die verwinkelte Gasse in ein unwirkliches Licht. Maurice, ein pechschwarzer Kater, schob seinen Kopf vor und zurück. Er witterte in die Nachtluft hinein, seine langen Barthaare bebten.

Er befand sich in einem fremden Revier. Sein Instinkt warnte ihn, die gewundene Gasse steckte voll geheimer Fallen.

Reglos wartete er, lauerte. Er wartete darauf, dass die Gefahr sich zeigte. Er war dem Lied einer Katze gefolgt, einem Lied von einer unglaublich berückenden Süße. Das Lied rauschte in seinen Ohren und es hatte ihn über die Grenze des Brachlandes gezogen, wo er unten am Fluss in einem alten Schuppen hauste, in das Revier des großen Grauen. Maurice kannte ihn nur gerüchteweise und war ihm glücklicherweise nie begegnet. Gerüchte verbreiteten sich unter den Katzen wie im Flug. Der große Graue sollte einem Luchs ähnlich sehen mit langen Ohrbüscheln und einem grinsenden Raubtiergebiss.

Maurice schluckte. Er spitzte die Ohren. In den frühen Abendstunden war der Gesang der Katze plötzlich verstummt, aber er summte in dem geschmeidigen Körper von Maurice wie ein ganzer Bienenschwarm.

Kurz erwog er die Flucht zu ergreifen, doch die Erinnerung an den Gesang ließ ihn ausharren. Das Lied schien sein Gehirn zu kochen.

 

Vorsichtig verließ er seine Deckung und schlich die ansteigende Gasse hinauf. Er sah seinen eigenen Schatten, der sich ins Riesenhafte vergrößert auf der Häuserwand abzeichnete. Es begann zu nieseln und sein Fell wurde unangenehm feucht. Schon nach wenigen Metern schlug ihm ein durchdringender Geruch entgegen. Der Graue hatte sein Revier gründlich markiert. Wieder zögerte Maurice.

Plötzlich hörte er etwas hinter sich rascheln und verharrte kurz bewegungslos. Sein Instinkt sagte ihm, dass sich der Graue in der Dunkelheit hinter ihm verbarg. Er hatte ihn bereits im Visier. Maurice wusste, dass er sich in jeder Hinsicht im Nachteil befand, aber er wollte nicht mehr zurück. Geräuschlos setzte er zum Sprung an.

Schnell setzte er über eine niedrige Mauer und fand sich in einem Hinterhof wieder, in dem ein verkrüppelter Holunderbaum stand. Plötzlich setzte der Gesang der Katze wieder ein. Diesmal klang er überwältigend nah.

Wieder entzückte er Maurice und ließ ihn jede Vorsicht vergessen. In seinem Leichtsinn stieß er fast eine Mülltonne um, schüttelte sich kurz und folgte wie hypnotisiert den Klängen des Gesangs, wild entschlossen, sich durch nichts aufhalten zu lassen. Geschmeidig durchquerte er zwei enge, kleine Gassen und erreichte in einem Gefühl der Unbesiegbarkeit ein hell erleuchtetes Fenster im Erdgeschoss eines schäbigen Hauses am Ende der Gasse.

 

Seine smaragdfarbenen Augen glommen auf, als er ins Innere spähte. Eine unglaublich weiße Katze rollte auf einem nachtblauen Teppich herum. Sie hatte sehr zarte Knochen und ihr Fell war von so einem strahlenden Weiß, dass Maurice unwillkürlich zwinkerte. Ihre Schnauze glänzte rosig und ihre Ohren waren fast durchsichtig. Sie schien Maurice überhaupt nicht zu bemerken, was seine drängende Ungeduld in den Raum zu gelangen, noch verstärkte. Selbstverliebt putzte sie ihren endlos langen, weißen Schwanz. Plötzlich richtete sie ihren Blick starr auf das Fenster und erschrocken sah Maurice, dass sie ein gelbes und ein blaues Auge hatte. Etwas Unheimliches, fast Unirdisches lag in diesem Blick. Maurice starrte sie ununterbrochen an, sein Schwanz begann auf und ab zu peitschen.

Im gleichen Augenblick fühlte er den Aufprall eines schweren Körpers, der ihn mit sich zu Boden riss. Spitze Zähne bohrten sich in seinen Hals und er spürte, dass Blut sein Fell tränkte. Der große Graue war über ihm. Er roch nach scharfer Pisse und nach Asche und aufgewühltem, schlammigem Flusswasser. Maurice spürte seinen Willen unter der Wucht der fremden Klauen erlähmen. Vor seinem inneren Augen sah er immer noch die ungleichen Augen der weißen Katze, als wären sie in seine Gedanken eingedrungen. Sie zogen ihn in einen wirbelnden Sog. Er schien rückwärts zu fallen, in einem dunklen Fluss zu schwimmen, unter Wasser zu tauchen. Mit aller Macht lehnte er sich gegen den Sog auf, der ihn in den Todesstrudel hinunterreißen wollte. Plötzlich spürte er keinen Schmerz und keine Begrenzung mehr. Er verbiss sich von unten in die Kehle des Grauen, bis dieser völlig unerwartet zurückfuhr und kurz von Maurice abließ.

Im Bruchteil einer Sekunde duckte sich Maurice unter ihm weg und verschwand in einem dunklen Kellereingang. Dort verschmolz er mit der Nacht. Das letzte was er sah, war die weiße Katze. Hoch aufgerichtet saß sie im Fenster und das Mondlicht versilberte sie, als wäre sie nicht von dieser Welt. Ein kleines Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel. Maurice verbarg sich hinter mehreren Kisten mit eingelagerten Rüben und leckte seine Wunden. Eine verzehrende Sehnsucht nach der weißen Katze brannte tief in seinem Bauch. Es gelang ihm nicht, sie abzuschütteln. Die ganze Nacht über kam er nicht zur Ruhe. Am liebsten hätte er sein Versteck verlassen und wäre zurückgelaufen zu dem erleuchteten Fenster. Ein Rest von Vernunft hielt ihn zurück. Er war angeschlagen und befand sich in einem feindlichen Revier.

Sobald der Morgen dämmerte verließ er die Gasse. Sein Körper schmerzte, als er sich dehnte. Er spie auf den Boden und buckelte kurz, dann verschwand er aus dem Revier des Grauen, so als hätte es ihn nie gegeben.

 

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