Indra Seidler

Silberne Schlange

Graue Wolken, aufgebauscht, der Wind wird stärker, die Luft kühler. Ich sitze hier und mir ist das egal. Hier, in meiner Gartenliege, hier bleibe ich.

Man könnte meinen, dass es im Lebensabend nichts mehr zu verlieren gibt und man ohne Konsequenzen willkürlich handeln könne. Du, mein Liebes, hast mich eines besseren belehrt. Wir beide waren, so dachte ich, für einander geschaffen und hatten uns nur zu spät kennengelernt. Die Zeit, sie drängt.

Der alte Greis, er stand plötzlich vor dir. Ich wollte hinein in den Friseurladen, du hinaus. Im Wege standen wir uns, wer sollte ausweichen? Eh ich mich versah, bist du in meine Arme gestürzt, wir lachten. Auf einen Kaffee lud ich dich ein, noch am selben Nachmittag saßen wir im Café und tauschten unsere Gedanken aus. Beide hatten wir vor langer Zeit treue Partner an unserer Seite, doch die Zeit lehrt uns, dass auch die schönsten Dinge nicht für immer ist.

Auf immer häufigere Treffen folgten erste Übernachtungen, bis du schließlich zu mir, in mein Landhaus, gezogen bist. Wir teilten, wir liebten, wir waren zufrieden. Von dir gesteuert, abhängig von dir, so naiv wie ich eben war, lud ich dich ein, meine Frau zu werden. Da konnte ich vor schönster Blindheit nicht ahnen, welch böses Wesen du doch bist.

Nicht einmal Monate vergingen, da warst du abends häufiger unterwegs. Auf der Suche nach... Ich weiß es nicht. Eines Tages, da warst du gänzlich verschwunden. Nur einen kleinen weißen, zerknitterten Brief hast du mir hinterlassen. Nicht einmal das schöne silberne Glanzpapier war ich dir wert. Mein Haus: leer. Über Nacht, du sorgtest dafür, haben sie hier alles ausgeräumt. Was bleibt? Ein hölzerner Stuhl, dessen Sitzkissen nun fort ist, ein kleiner Tisch aus Plastik, meine Gartenliege und dein simpler Brief. Ich gehöre nicht dazu, mein innerstes Wesen hast du ausgelöscht. Meine Lebenslust ist nun mit dir auf Wanderschaft und wird nie zu mir zurückkehren.

Was soll ich mich ärgern? Was soll ich mir Gedanken machen? Das muss ich nicht. Deinen Brief, ich werde ihn nicht lesen. Ich koche mir einen Tee, nehme mir eine Zeitschrift und genehmige mir den Platz auf meiner Gartenliege. Mein Herz war einst so stark voller Liebe und Leidenschaft, doch es war aus Glas. Ich dachte zu wissen, dass du es behütest, aber du warst unachtsam und ließt es fallen. So blicke ich mit leerer Brust in den Himmel.

Graue Wolken, aufgebauscht, der Wind wird stärker, die Luft kühler. Ich sitze hier und mir ist das egal. Hier, in meiner Gartenliege, hier bleibe ich. Dort hinten sehe ich bereits die Blitze aus den Wolken krachen, welche immer näher zu kommen scheinen. Die Nachbarn rennen in ihre Häuser, schließen Fenster und Türen, doch mich bewegt nichts hinfort. Eine schizoide Wand verdrängt das sensible, verängstigte Wesen in mir. Verlieren könne ich als Greis nichts mehr, so dachte ich. Doch das wertvollste, das ich besessen habe, das hast du mir geraubt: Meine Lebensfreude. Mein gesamtes Leben hast du nichtig werden lassen.

Die Fenster an meinem Haus krachen gegen die Wände, Scheiben zerspringen, der törichte Wind pustet nun die letzten Habseligkeiten meiner Wenigkeit hinaus. Dein Brief weht zu mir, ich hebe ihn hoch, halte ihn fest zwischen meinen Händen, er riecht nach dir. Wir werden warten, das Gewitter wird uns schon bald ereilen. Und auch, wenn es uns erreicht, den Brief, ich werde ihn nie öffnen.

 

Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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