Bernhard Pappe

Der Krieger – Der Kelch – Der Kampf (Eine Art Märchen)


Der Krieger schlug die Augen auf und blickte in das noch nicht ganz heruntergebrannte Feuer. Er spürte, dass der Morgen nicht mehr fern war. Kleine Flammen leckten in der Asche die letzten Holzreste auf. Sie malten seltsame Zeichen auf das Antlitz des Kriegers. In der Nacht hatte er sehr nah am Feuer geruht, dessen Wärme in sich aufgenommen. In was für ein seltsames Land war er geraten, braune Steppe mit teils hohem Gras. Wenn Bäume in diese Eintönigkeit hineingeragten, dann schien ihnen die Kraft zu fehlen, sich im Himmel auszubreiten.
Der Krieger wollte das Lager und dieses seltsame Land schnell verlassen. Keiner der Männer, die eingehüllt in Mänteln und Decken schlummerten, würde ihm folgen. Zufällige Begegnungen. Die meisten kannte er erst seit Einbruch des Abends. Mit dem einen ritt er seit dem gestrigen Morgen durch diesen Landstrich. Der hatte nicht viel von sich und seinem Ziel preisgegeben. Der Krieger tat es ihm gleich. Eine Notgemeinschaft auf Zeit ohne feste Bindung, die Schutz bot gegen das Land ringsum. Sie stellten jedoch für die Nacht keine Wachen auf. Pferde, Waffen, alles war noch da. Das Vertrauen hatte sich ausgezahlt.
Der Krieger nahm seine wenigen Habseligkeiten, seine Vorräte und seine Waffen auf, um sie hinüber zu den Pferden zu tragen. Arjuna, der schwarze Hengst hatte seinen Herren längst gewittert und begrüßte ihn mit einem freudigen Schnauben. Er tätschelte dem Pferd liebevoll den Hals.
„Du bist ein lieber Freund. Wollen wir weiterziehen?" Arjuna blähte seine Nüstern. „Du bist voller Ungeduld. Ich auch Arjuna, ich auch."
Zügig war der Hengst gesattelt, der Beutel mit den Vorräten am Sattel festgebunden. Ebenso der Spieß. Das Schwert samt Scheide, das Schild und den Bogen verstaute der Krieger auf seinem Rücken. Sein Dolch hatte bereits einen Platz im Lederwams gefunden. Er schaute sich um. Seine Lederrüstung wollte er für den Ritt nicht anlegen. Ihre Bestandteile band er mit Riemen zusammen. Ein letztes Bündel galt es noch, für die Weiterreise zu verstauen. Es enthielt des Kriegers Kleidung, ein paar Schmuckstücke und den Kelch. Der Krieger erfühlte sorgsam die Formen des Kelches zwischen den Kleidungsstücken, stopfte das Bündel zusätzlich in einen Lederbeutel, der bereits am Sattel hing, bestieg seinen Hengst Arjuna und ritt hinein in die Dunkelheit. Hinter seinem Rücken graute der Morgen.

Die Morgensonne erhellte langsam das Land. Der Krieger schaute sich trotz des Galopps aufmerksam um. Die Landschaft war hügeliger geworden. Zwischen braunem Gras reckte sich zartes Grün empor. Reiter und Pferd drosselten ihr Tempo. Sie waren offensichtlich am Rande des Ödlandes angekommen. Nach einer weiteren Stunde überwog das Grün ringsum. Arjuna witterte Wasser und führte seinen Reiter zu einem Bachlauf. Der Bach floss noch nicht mit großer Kraft in seinem Bett. Seine Quelle konnte nicht weit entfernt sein, mutmaßte der Krieger. Er stieg ab und führte Arjuna am Zügel den Bachlauf hinauf. Der Ursprung des Baches ließ nicht lange auf sich warten. Die Quelle versteckte sich hinter Buschwerk, das teilweise mit Dornen gespickt war. Es gibt keinen leichten Weg zur Reinheit, dachte der Krieger bei sich.
„Arjuna, mein treuer Gefährte, ich muss einen Teil meiner Waffen bei dir ablegen. Ich vermag es nicht, mit ihnen auf dem Rücken zur Quelle vorzudringen. Passe gut auf diese Schätze auf."
Arjuna schnaubte, wie zur Bestätigung und der Krieger nickte zufrieden. Aus dem Lederbeutel angelte er den alten, abgeschabten Kelch und machte sich auf den Weg zur Quelle. Das Buschwerk, das die Quelle verbarg, wehrte sich gegen das Eindringen des Kriegers. Er braucht viel von seiner Energie, um diesen Widerstand zu überwinden, zumal er beim Kampf gegen Gestrüpp und Dornen auf den Kelch achtzugeben hatte. Die grüne Mauer war überwunden und machte einer kleinen Wiese Platz. Fast in deren Mitte lag eine kleine Ansammlung von Felsen. Hier sprudelte die Quelle, hier wurde der Bach geboren. Der Krieger ließ sich neben den Felsen in das Gras sinken. Er war außer Atem und auf seiner Stirn stand der Schweiß, den er mit dem linken Arm abwischte. Es war sein Schwertarm. Mit ihm focht er seine Kämpfe aus und mit der linken Hand tauchte er auch den Kelch in das Wasser der Quelle. Der Trunk gab ihm seine Energie zurück und er taucht den Kelch erneut ein. Das Wasser im Kelch glitzerte im Sonnenlicht.
„Du erfrischt dich und mich. Das ist gut. Ich bin schon lange nicht mehr mit so etwas Reinem gefüllt worden", ließ sich eine Stimme in der Nähe des Kriegers vernehmen. Er lächelte, denn zu ihm sprach der Kelch, der sich seit Jahrhunderten im Besitz der Familie befand. Seine Herkunft lag im Dunkel der Vergangenheit. Manche meinten, der Kelch stamme gar aus dem Heiligen Land. Nach dem Tod des Vaters war er der rechtmäßige Besitzer geworden. Sein Vater hatte ihn den Kelch der Erkenntnis genannt. Zuerst galt es, ihn mit etwas besonders Reinem zu füllen. Erst danach sei der Kelch erfrischt genug, um dem jeweiligen Besitzer den rechten Weg zu weisen.
„Nun Kelch, bin ich auf den rechten Weg? Antworte mir", forderte der Krieger.
Die Stimme lachte. „Wenn du keine Geduld aufbringst, dann muss du deine Frage an Arjuna richten. Der wartet geduldig dort unten."
Der Krieger verzog das Gesicht.
„Geduld ist immer Teil eines Weges. Umsicht und Achtsamkeit ebenso. Sei dankbar für den Weg, denn dieser lehrt dich etwas. Mein Dank für den Trunk aus der Quelle."
Der Krieger schwieg.
„Du bist auf dem richtigen Weg. Reite hinein in die Nacht. Sie ist nicht so dunkel, wie du glauben magst. Es hat sich eine Macht erhoben, der du dich stellen musst. Sie mag groß erscheinen und dennoch kannst du sie niederringen. Mache dich auf dem Weg, damit Arjuna nicht der Geduldsfaden reißt. Und vergiss mich nicht, auf dem weiteren Weg wirst du mich brauchen."
Der Krieger umklammerte fest den Kelch und bahnte sich entschlossen seinen Rückweg durch das Gestrüpp. Er erschien ihm weniger beschwerlich als der Weg hinwärts zur Quelle.
Arjuna schnaubte freudig als er den Krieger kommen sah. Er scharrte ungeduldig mit den Vorderhufen. Der Krieger lächelte und musste an das Lamento des Kelches denken. Er lud sich seine Waffen wieder auf den Rücken, verstaute den Kelch im Lederbeutel. Er bestieg Arjuna und ritt dem Abend entgegen. Die Sonne hatte ihren Zenit überschritten.

Arjuna trug den Krieger hinein in das Dunkle. Der Krieger vertraute dem Instinkt des Hengstes völlig. Im Gras lugten immer mehr Felsbrocken hervor. Arjuna wich ihnen aus, musste seinen Schritt jedoch verlangsamen.
„Arjuna, wir lagern hier", entschied der Krieger. "Hier gibt es Gras für dich. Ich habe ein wenig Brot für mich und einen Apfel. Den teilen wir uns und das Wasser, was ich noch habe. Hoffen wir auf morgen. Der Kelch sagte, ich sei, Verzeihung, wir sind auf dem richtigen Weg." 
Ihr Weg des Morgens führte sie immer tiefer in eine Schlucht hinein. An den Seiten wuchsen die Felsen in die Höhe. Der Weg bestand zunehmend aus Sand, das Gras hatte sich zurückgezogen. Arjuna trabte mit gesenktem Kopf weiter. Der Krieger verlor seine Zuversicht jedoch nicht, obwohl die Felsen zu beiden Seiten weit in den Himmel ragten.

Ich erwachte aus dem Traum. Die Kleidung klebte mir am Körper. Ich war erschöpft. Die Nacht hatte mir viel abverlangt. Ich hatte mir viel abverlangt. Eine neue Müdigkeit überkam mich dennoch nicht.
Ich bin der Krieger. Wer sollte es sonst sein?
Ich bin Arjuna, der Hengst. Wer sollte ihn sonst beseelen?
Ich bin der Kelch. Wer sollte ihm sonst eine Stimme geben?
Ich bin der Weg und das Land ringsum. Wer den Anfang bestimmt, der bestimmt auch das Ende.

Arjunas Tritt wurde etwas unsicherer. Er und der Krieger, sie brauchten beide ihr Lebenselixier - Wasser. Das Schnauben Arjunas riss den Krieger aus seiner beginnenden Lethargie. Der Hengst war vor einem Geröllhaufen stehengeblieben. Der Krieger stieg ab. War es ein Trugbild der Sinne, dieses dezente Murmeln eines Baches in unmittelbarer Nähe? Das Geräusch schien vom Geröllhaufen auszugehen. Er sah sich um. Es zeigte sich kein Leben auf dem nun mehr felsigen Boden der Schlucht. Lediglich ein paar Raubvögel zogen in großer Höhe über die Felsen hinweg. Der Krieger entledigte sich seiner Waffen und tätschelte Arjuna den Hals.
„Passe erneute gut auf uns und die Waffen auf, während ich hier grabe."
Stein um Stein trug der Krieger den Geröllhaufen ab. Das Geräusch fließenden Wassers nahm an Lautstärke zu. Der Krieger verdoppelte seine Anstrengungen. Seine Kräfte jedoch ließen nach und er musste eine Pause einlegen. Arjuna ließ ein Schnauben vernehmen. Der Hengst sah zu ihm hinüber.
„Ich werde Zeit brauchen, mein Freund", sagte der Krieger. „Ich werde nicht aufgeben, das verspreche ich dir."
Schicht um Schicht trug der Krieger das Geröll weiter ab. Am Boden der Schlucht sammelten sich die ersten Schatten zur Nacht. Zwischen den Steinen schimmerte etwas Silbernes. Die Melodie eines gurgelnden Baches erhellte des Kriegers Herz. Er räumte die letzten Steine zur Seite. Diese schienen in seinen Händen ihr Gewicht zu verdoppeln. In einem sehr schmalen Spalt floss ein Bach durch den Fels. Er querte so die Schlucht in einer gewissen Tiefe. Nur hier, wo einst der Geröllhaufen aufgeschichtet gewesen war, näherte sich das Wasser ein wenig der Oberfläche. Für einen Wasserschlauch war der Spalt zu schmal. Auch der Kelch würde nicht hineinpassen. Also das Wasser mit der Hand schöpfen. Dies gelang dem Krieger ebenso wenig. Sein Arm reichte nicht weit genug hinab. Ihm kam ein Gedanke. Seinem Dolch besaß ein Gehänge, um ihn damit am Gürtel zu tragen. Der Krieger durchsuchte suchte seine Habseligkeiten danach. Er befestigte die Scheide des Dolches an den Ringen des Gehänges und ging wieder zum Spalt zurück. Die Dolchscheide ließ sich so tief genug in den Spalt absenken, um sie mit dem Wasser des Baches füllen. Dreimal musste er die Scheide hinablassen, um den Kelch einmal auffüllen zu können. Mit ihm ging er zu Arjuna hinüber, der erregt mi den Hufen stampfte und gierig das Wasser trank.
„Du hast es dir verdient", sprach der Krieger sanft. „Du hast das Wasser gefunden und ich habe es ausgegraben."
„Aus mir hat noch nie ein Pferd getrunken, aber Könige, Grafen, edle...".
„Schweig still." Der Krieger schnitt unwirsch des Kelches Rede ab. „Treue und Freundschaft wiegt jeden Titel, jedes Gold, jeden Edelstein auf."
„Niemand zwang euch, in diese Schlucht hineinzureiten."
Der Krieger murmelte unverständliche Worte und wandte sich dem Spalt zu, um mehr Wasser aus dem Bach hochzuholen. Es mochte eine Stunde vergangen sein, in der es dem Krieger gelang, Arjuna und sich selbst zu erfrischen und mit Geduld sogar einen kleinen Vorrat an Wasser anzulegen. Das Licht hatte sich fast komplett aus der Schlucht zurückgezogen. Der Krieger entfachte mit dem letzten Brennholz ein kleines Feuer.
„Arjuna, unsere Vorräte schmelzt dahin. Ich habe noch altes Brot und einen Rest Speck. Magst du?" Arjunas Antwort bestand aus einen bejahenden Wiehern. Der Krieger holte Brot und Speck aus dem Vorratsbeutel. Er breitete ein Stück Leder, das als Tischtuch diente, auf dem Boden aus, schnitt der Speck klein und weichte das Brot ein.
„Greife zu. Wer weiß, wie viel Kraft uns der morgige Tag abverlangt, wenn wir weiterziehen müssen."
„Eure Reise hat hier ein vorläufiges Ende gefunden", meldete sich der Kelch aus dem Hintergrund. „Es ist kein früher Aufbruch notwendig. Erst wenn die Sonne mit ihrem Licht zwei Armlängen über der Stelle weilt, an der das Wasser des Baches in der Felswand verschwindet, dann ist die rechte Zeit für den Kampf gekommen."
Der Krieger legte sich dicht an das Feuer. Auch Arjuna rückte näher heran. Schwert und Dolch lagen griffbereit. In den Schatten der Nacht lauerten keine Ungeheuer.

Arjuna stieß den Krieger mit dem Kopf an und wieherte leise. Der Tag war längst angebrochen und flutete mit seinem Licht die Schlucht. Die Sonnenstrahlen kletterten unaufhörlich an den Felswänden empor.
„Guten Morgen Arjuna. Gut, dass du mich weckst. Ich habe so fest geschlafen, wie ein unschuldiges Kind oder eben ein Fels. Wir haben kein Frühstück. Ein Becher frischen Wassers muss uns genügen."
Der Krieger ging hinüber zum Spalt im Boden. Das Lied des Baches war noch zu hören. Mittels der Scheide des Dolches füllte er den Kelch. Einmal für Arjuna und einmal für sich. Die Stimme des Kelches blieb aus. Der Krieger setzte ihn an seine Lippen, entschied sich jedoch, nicht daraus zu trinken.
„Warum so schweigsam, Kelch?"
„Auch mein gestriger Tag war voller Mühsal. Ich muss erst erwachen." Der Krieger ging auf die Bemerkung des Kelches nicht ein.
„Die Sonne hat an der Felswand jenen Stand erreicht, den du gestern beschrieben hast. Wo liegt der Ort meiner Bestimmung?"
„Dich dürstet nach einem Kampf?" fragte der Kelch.
„Ich will mich dem stellen, was sich als Ungeheuer erhoben haben soll."
„So sei es."
„Ich verstaue alles und packe meine Waffen zusammen. Dann können wir losreiten."
„Nicht so hastig. Es ist nur ein Fußmarsch notwendig."
Der Krieger wirkte erstaunt.
„Dein Waffenarsenal wirst du nicht benötigen. Arjuna wird darauf achtgeben"
„Schutzlos breche ich nicht auf", beeilte sich der Krieger zu sagen.
„So nimm Dolch und Schwert an dich. Folge der Felswand zur Linken. Du wirst auf einen Lichtschimmer und hernach auf einen Spalt im Fels stoßen. Er ist für dich breit genug. Schlüpfe getrost hindurch. Der Spalt wird am Fuße eines Hügels enden. Den Hügel gilt es zu besteigen. Oben angekommen tauche mich in die Wasser des Brunnens ein, den du auf der Spitze des Hügels vorfinden wirst."

Der Krieger nahm Dolch und Schwert auf, verstaute den Kelch in einem Lederbeutel an seinem Gürtel. „Arjuna, ich kehre bald zurück, versprochen", sagte er sanft und folgte der Wegbeschreibung des Kelches. Der Spalt war schnell gefunden. Er musste zugeben, dass er mit Schild und Speer wohl hier steckengeblieben wäre. Am Ausgang erwartete den Krieger ein Landschaft voller Licht. Es ist so friedlich hier, dachte er bei sich. Die Felsenmauer, aus der er getreten war, umgab sattes Grün. An den Obstbäumen hingen reife, schwere Früchte. Er würde auf dem Rückweg ein paar davon für Arjuna pflücken. Der Hügel vor ihm schien nicht sehr steil zu sein. Der Aufstieg kostete den Krieger Kraft. Immer wieder schaute er den Hügel hinab und auf das friedvolle Land zu seinen Füßen. Was war das für ein Ungeheuer, welches hier sein Haupt erhoben hatte? Er bewältigte die letzten Schritte bis zum Gipfel und gewahrte den Brunnen, der fast bis zum Rand mit Wasser gefüllt war. Er öffnete den Lederbeutel an seinem Gürtel, um den Kelch zu entnehmen. Behutsam füllt ihn der Krieger und erblickte im Wasser sein Spiegelbild. Die letzten Tage und Stunden hatten ihre Spuren hinterlassen. In sich drin spürte er Energie und sah im Spiegel aber nicht den Helden, der es mit einem Untier aufzunehmen vermochte. Die Anmut der Landschaft ringsum verbarg nichts Böses, oder doch? Neben den Brunnen war eine Frau getreten. Der Krieger bemerkte sie spät, seine Hand ertastete der Schwertknauf.
„Du wirst deine Waffen nicht brauchen. Der Einfachheit halber, ich bin der Geist des Brunnens und irgendwie auch der des Kelches. Du stehst vor den Brunnen aller Dinge. Ich zeige mich dir so, wie du mich sehen willst. Dein Vater hat in mir immer einen großen König und Krieger gesehen."
„Mein Vater war hier?" fragte der Krieger ungläubig.
„Alle, die den Kelch besitzen, kommen hierher. Manche einmal, andere hingegen mehrmals."
„Ein Untier soll sich erhoben haben, so lautete die Botschaft an mich. Ich will mich ihm stellen, mag es auch ein Dämon sein. In diesem Land hier herrscht tiefer Friede, so scheint es mir."
„Tritt an den Brunnen heran und schaue in den Wasserspiegel, um das Untier zu sehen."
„Ich habe den Kelch gefüllt und dabei in den Brunnen geschaut, ich sah nur mich", entgegnete der Krieger.
„Nimm einen Schluck vom Brunnenwasser und betrachte danach etwas länger die Oberfläche."
Der Krieger trat an den Brunnen heran. Er sah sich im Wasser als plötzlich etwas Schwarzes hinter seinem Rücken Gestalt annahm. Ein Drache trat aus dem diffusen Nebel heraus. Kopf um Kopf reckte sich empor. Der Krieger umklammerte den Griff seines Schwertes, zog es blitzschnell aus dessen Scheide und wirbelte herum. Vor ihm lag eine anmutige Landschaft, kein Drache, kein schwarzer Nebel. Seine Anspannung ließ nach. Noch war er kampfbereit.
„Schaue erneut in den Brunnen", forderte ihn die Frau auf.
Die Oberfläche des Wassers, ein fast perfekter Spiegel, ließ ihn erneut in sein eigenes Antlitz schauen. Es dauerte ein paar Augenblicke, bevor Nebel und Drache zurückkehrten.
„Lasse dein Schwert in der Scheide stecken und wende dich einfach um", riet ihm die Gestalt am Brunnen.
Weit und breit, kein Nebel und keine Drache.
„Ein Trick oder ist es gar ein Zauber?"
„Ein wenig Zauber wirkt mit, das muss ich zugeben", beeilte sich die Frau am Brunnen zu sagen. Sie ging zwei Schritte auf den Krieger zu. Er sah erst jetzt, dass die Frau tiefrotes Haar besaß und in ein eher schlichtes weißes Gewand gekleidet war.
„Der Drache ist deine Wirklichkeit und wiederum auch nicht. Er ist deine innere Kraft und dein innerer Fluch zugleich. Du gebierst ihn."
Der Krieger schüttelte ungläubig den Kopf.
„Die Köpfe des Drachen sind kaum zu zählen. Jeder hat einen eigenen Namen. Unbeherrschtheit, Jähzorn, Ungeduld - ich will sie nicht alle nennen. Du schlägst dem Drachen einen Kopf ab und der wächst nach. Der Drache ist es, der sich mal wieder gegen dich erhoben hat. Du kannst ihn nicht besiegen. Du kann ihn jedoch zähmen und seine unbändige Kraft zu deinem Nutzen in die richtigen Bahnen lenken."
Der Krieger schwieg, ihm schwirrte der Kopf. Die Frau trat näher an ihn heran als sie seine Unsicherheit sah.
"Es ist ein gutes Zeichen, wenn du den Drachen im Spiegel des Brunnens wahrnehmen kannst. Du weißt um ihn und das macht dich stark. Der Kelch zeigte deinem Vater nicht nur einmal den Weg zum Brunnen auf. Er sah den Drachen ein einziges Mal und negierte ihn."
„Mein Vater, er war doch ein starker König und ein mächtiger Krieger, oder etwa nicht?"
Die Frau berührte den Krieger leicht an der Schulter. „Dein Vater mag ein paar Schlachten gewonnen und ein Reich regiert haben, aber er war ein schwacher Mensch in seinem Innern, nicht fähig, sich gegen seinen Drachen zu erheben. Denke daran, dass jeder Kampf, den du nicht führst, ein gewonnener Kampf für dich ist. Jede Schlacht, die du nicht schlägst, ist ein Sieg für dich. Jeder Krieg, in den du nicht ziehst, beendest du als Sieger."
„Was bringt mir die Zukunft?"
„Du bist es, der sie entstehen lässt. Der Brunnen vermag es nicht, dir deine zukünftigen Taten zu prophezeien. Nimm den Kelch und kehre zu Arjuna zurück. Denke an die Früchte als Belohnung für den Hengst. Werden deine Zweifel einmal zu groß, dann wird dir der Kelch ein Freund sein und dich vielleicht noch einmal hierher führen. Ich glaube jedoch, es wird nicht nötig sein. Einen letzten Rat. Verstaue deine Waffen, aber bleibe achtsam, weil Friede und Glück sehr zerbrechlich sind. Die rechte Seite der Schlucht bietet einen Weg hinaus. Arjuna kennt ihn.."Die Gestalt der Frau löste sich auf. „Zähme deinen Drachen und er wird dir ein treuer Gefährte sein." Ihre Stimme verwehrte, wie Rauch im Wind.

Arjuna erwartete mit Ungeduld die Rückkehr des Kriegers und erfreute sich an den saftigen Früchten. Die Habseligkeiten waren schnell verpackt und auf Arjunas Rücken verstaut. Der Krieger verschloss mit ein paar Steinen die Spalte, in der sich der Bach schlängelte. Jeder muss für sich selbst die Zeichen eines Weges deuten, dachte er. Am Zügel führte er den Hengst aus der Schlucht. Ein befreienden Wiehern entsandte Arjuna in die Landschaft als die Felsen überwunden waren. Der Weg ging bergan. An Horizont zeichnete sich die Silhouette einer Stadt ab. Barg sie Glück oder Kampf in ihren Mauern? Sie barg in ihnen einfach nur das Leben. Hinein in dieses Leben stürmten ein Krieger, ein Hengst, ein Kelch und verborgener, schwarzer Drache.

 

© BPa / 02-2021

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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