Hans Fritz

Hoch Echsenstein


Viele fast märchenhaft anmutende Geschehnisse, die auf der Erde höchstwahrscheinlich nie Realität werden könnten, seien auf den fernen, wohl für immer unerreichbaren fiktiven Planeten Tambosirk transponiert.

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Der Juniorchef eines Bauunternehmens, Uhlon Rupekzan, blättert in einem Bildband, den er kürzlich einem Sammler irdischer Dinge abgeluchst hat. Da ist die Burgenherrlichkeit Europas glanzvoll dargestellt. Die festungsähnlichen Zwingburgen haben es dem Geschäftsmann besonders angetan. Eine tambosirkische Festung nach einem solchen Muster muss her! Bald darauf stimmen die Regierenden der Bezirksmetropole Moghsunda in seltener Einigkeit für die Verwirklichung des Projekts. Erwartungsgemäss bekommt die Firma Rupekzan den Auftrag zugeteilt.

Nach viereinhalb Jahren Bauzeit erhebt sich stolz die Burg ‘Hoch Echsenstein’ auf dem Grauen Hügel am Ostrand der Stadt. Ein Prachtbau, der alle bisher in der Region Moghsunda errichteten Bauwerke in jeder Hinsicht übertrifft. Minarettähnliche Türme überragen das wuchtige, überwiegend rote Mauerwerk der Gebäude. Ein Kunsthistoriker glaubt im praktizierten Baustil die Verwirklichung einer neu geschaffenen Tambosirk-Gotik erkennen. «Das getreue Abbild eines zünftigen Herrschersitzes», schreibt die Tagespresse. Doch wer soll da herrschen? Das derzeit über Tambosirk herrschende Triumvirat verweigert den Einzug in die Burg, was sich zunächst als verhängnisvoll, dann als sehr geglückt erweisen soll. Denn bald erklärt sich eine Gruppe oppositioneller Bürger, die jede Art von Mitbestimmung des Volkes, Ansätze zu einer Demokratie kategorisch ablehnt, zu den Burgherren. Als sie der etablierten Regierung mit einer Racheaktion unter dem Einsatz bombenbestückter Flugkörper drohen, kommt die überraschende Wende. Soweit die von Teilen einer vorwiegend im Untergrund agierenden Presse verbreitete Meinung. «Wo das tägliche Leben keine Feindbilder liefert, müssen solche erfunden werden, wie es der sensationshungrige Leser fordert», meint ein Verfechter Moghsunder Kommunalpolitik. Er steht einer parareligiösen Gruppe nahe, die den Frieden auf Tambosirk wiederherstellen möchte, der durch Neid, Hass und groteske Ausmasse annehmenden Rassismus bedroht ist.

Kurz nach der ‘Inbetriebnahme der Burg’ (Originalton Rupekzan) grassiert in Moghsunda und anderen Regionen des Kontinents eine von bakterienähnlichen Gebilden verursachte Seuche, die bereits viele Einwohner hinweggerafft hat. Eine im Zentrum der Stadt wohnende vierköpfige Familie bereitet sich auf die Ausreise zum angeblich noch sicheren ‘Pyramidenkontinent’ vor. Beide Eltern schaffen es nicht. Die beiden Kinder, die vierzehnjährige Bhinot und ihr zwölfjähriger Bruder Gebad, finden mit Mühe und Not den Weg zur Gartenlaube hinter den Sportplätzen. Die Laube gehörte einmal einer ewig alleinstehenden, inzwischen verschollenen Verwandten. Die Kinder überstehen eine leicht verlaufene Infektion und beraten sich über ihr künftiges Leben. «Droben in der Burg nehmen sie Genesene auf», glaubt Gebad zu wissen. «Wahrscheinlich sind die Burgleute auf ihr Blut scharf, wegen der Immunität», sinniert Bhinot. «Gehen wir doch dorthin, vielleicht haben wir Glück», meint Gebad. «Schliesslich ist es egal wo und wie wir weiterleben». «Wie sollen wie die Burgleute überzeugen? Wir brauchen so etwas wie einen Pass». «Vielleicht kann uns da der Menidak helfen», meint Gebad. Menidak ist ein, sagen wir mal Heilkundiger, der schon in vielen fast aussichtslosen Fällen geholfen haben soll. Und er hilft aufs Neue.

Nun stehen die Geschwister vorm grossen Burgtor, das auf den ersten Blick aus einem massiven holzähnlichen Material, nach Gebads Einschätzung aus einer gepressten Rohfasermasse gezimmert ist. Vom Wachturm tönt eine Stimme: «Habt ihr die Seuche überwunden, seid ihr willkommen, wenn nicht, kehrt schleunigst um». «Wir haben einen Gesundheitspass», ruft Bhinot so laut sie kann nach oben. Schon baumelt am Ende eines herabgelassenen Taus eine Schale, in die Gebad das verheissungsvolle Dokument einlegt. Es dauert eine Weile bis das Seil nach oben gezogen wird. Nach einer weiteren kurzen Wartezeit öffnet sich unter fürchterlichem Knarren das Tor. Zögernd treten die beiden Abenteurer ein. Das Erscheinen einer Dame mit goldglänzendem Diadem und schwefelgelber Robe beruhigt leidlich. «Kommt einmal mit», fordert sie die Kinder mit sanfter Stimme auf. Nach zehnminütigem Marsch betreten sie einen prunkvoll ausgestatteten Kuppelbau. Ein mutmasslicher Adjutant mit selbst zuerteilter Befehlsgewalt spricht: «Na, ihr beiden stattet uns wohl einen Besuch ab um herumzuspionieren? Als Immunisierte seid ihr allerdings höchstwillkommen. Im Übrigen dürft ihr Hoch Echsenburg nie mehr verlassen. Jetzt sucht schleunigst unsere Kommandatur auf, wo in wenigen Minuten unsere tägliche Empfangszeremonie mit oder ohne Neuzugänge stattfindet». Das Wort Kommandantur weckt in den Geschwistern böse Erinnerungen an das von absoluter Hilflosigkeit und Inkompetenz geprägte Interregnum in Zeiten der Seuche. Fast bereuen sie schon ihre Flucht auf die Burg.

Bhinot und Gebad betreten einen hohen Saal, der mit grellem grünem Licht erhellt ist. Es öffnet sich, wie in Zeitlupe, eine mit schwarzen Zierleisten geschmückte Flügeltür. Ein Wachhabender mit einer Art kupferner Hellebarde erscheint und ruft: «Erhebt euch und empfangt mit Jubelruf die Administration». Es erscheint die Dame mit dem Diadem. Nun wird den beiden eines klar. Es ist die schon zu Lebzeiten sagenumwobene Herrscherin Aglaia vom Waldkontinent. Deren Blicke richten sich zunächst auf die beiden Neuankömmlinge. «Seid höchst willkommen in unserem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Ein paar Lehrjahren werden sich Wanderjahre anschliessen. Ihr werdet hinausgehen und unsere Botschaft verkünden». Das war es wohl fürs Erste. Kurz und bündig.

Bald gewöhnen sich die Geschwister an die tägliche, meist im Kuppelbau ausgeübte frühmorgendliche Kontemplation mit anschliessender Instruktion. Sie haben einen geräumigen Wohntrakt bezogen, der allerlei Annehmlichkeiten und Abwechslung vom Alltagstrott bietet. In einer Gemeinschaftsschule lernen sie mit Eifer alles, was für den späteren Kontakt mit dem Volk draussen wichtig sein dürfte.

Die Jahre gehen dahin, aber nicht der jugendliche Elan Bhinots und Gebads. In einer schlichten Feier werden sie als ‘Verkünder’ in ihre Missionstätigkeit verabschiedet, mit der Auflage, sich alle zehn Tage auf der Burg zu melden um über Erfolge zu berichten.

Bald müssen die frischgebackenen Verkünder erkennen, dass Neid, Hass und andere Untugenden nur schwer unter Kontrolle zu bringen sind. Anfeindungen und üble Beschimpfungen bleiben den Verkündern nicht erspart. Doch die Menschen kommen im Laufe der Zeit zur Einsicht und unterscheiden sich in ihrer Mentalität bald deutlich von ihren irdischen Vorfahren. Das derzeit herrschende Triumvirat fühlt sich mit Neuerungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens überfordert und tritt zurück. Spät erkennen die drei Herrscher, dass sie mehr und mehr zu Marionetten eines Geheimdienstes mutiert sind, der faktisch das Leben auf Tambosirk kontrolliert.

Unsere Geschichte wäre kein fast glaubwürdiges Märchen, wenn nicht Bhinot und Gebad als neu geschaffenes ‘Duo’ die Nachfolge des Triumvirats antreten, den Geheimdienst ausschalten und hinter Kerkermauern verbannen würde. Nun zieht auf Tambosirk lang ersehnter, ewiger Friede ein. Das Geschwisterpaar herrscht streng aber gerecht im neu errichteten Regierungssitz im Norden von Moghsunda, mit ungetrübtem Blick auf die mittlerweile verwaiste Burg Hoch Echsenstein.

Da überschattet ein schreckliches Ereignis die friedliche Zeit. Eine heftige Explosion erschüttert den Mittleren Kontinent. Die Seismographen schlagen auf dem ganzen Planeten heftig aus. Mehrere Treibstofftanks der Fluggerätewerke sind infolge eines Überdrucks im wahrsten Sinne in die Luft geflogen. Eine gerade vorbeifahrende Zugkombination wird auf eine Versuchsanlage geschleudert. Hunderte Menschen kommen zu Tode.

Ein paar Monate später, nachdem der letzte Verkünder Hoch Echsenstein verlassen hat, wird die Burg in ein Museum umgewandelt. Zunächst hält sich der Besucheransturm in Grenzen. Es ist, als hätten viele Tambosirker eine gewisse Scheu die Stätte aufzusuchen. Doch nach und nach werden es mehr. Es werden Einlasskarten verlost. Wer das Glück hat ein Los zu ergattern, darf sich als eine Art geadelter Tambosirker fühlen. Über den Verbleib der einstigen Mitstreiter Bhinots und Gebads ist wenig bekannt. Nach dem Auszug aus der Burg suchten sie ihre jeweilige Heimat auf. Aglaia soll sich auf dem Waldkontinent in eine bescheidene Unterkunft zurückgezogen haben. Sie arbeitet an einer Schrift über das Leben auf Hoch Echsenstein, nicht ohne eine gehörige Portion Stolz auf ihre einstige Betreuung des tambosirkischen Herrscherpaars Bhinot und Gebad anklingen zu lassen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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