Hans K. Reiter

Freunde und Bekannte - ein Dialog

Freund oder Bekanntschaft? So genau nehmen es unsere Zeitgenossen heutzutage umgangssprachlich nicht mehr und, um es gleich noch deutlicher zu sagen, auch in der realen Einschätzung nicht.

Ja, es drängt sich sogar der Eindruck auf, dass die individuelle Bewertung oftmals nicht unmaßgeblich von der gesellschaftlichen Position des oder der so Betrachteten bestimmt ist.

Wir werten uns auf!

Es ist so, als wollten wir unserem Status auf der Tauschbörse der uns umgebenden und zufliegenden Bekanntschaften und Eitelkeiten mehr Wert und Aufmerksamkeit verschaffen.

Gerne muss sich nicht jedermann diesen Schuh anziehen, denn es mag noch Exemplare unter uns geben, denen solches Gebaren fremd ist.

Für all die anderen gilt: Es macht einfach mehr her, so denken wir, den Herrn Professor sowieso oder die Frau Doktor irgendwas, um Beispiele zu nennen, als Freunde, denn als bloße Bekannte zu erwähnen. Bei genauer Betrachtung wären diese Personen oft noch nicht einmal Bekannte, hat man sie doch lediglich anlässlich einer Veranstaltung, egal welcher Art, ganz kurz oder noch nicht einmal das, begrüßt oder auch nur entfernt gesehen. Entscheidend ist, wir waren dort, wo SIE auch gewesen sind!

 

Dies nur als Vorspiel, um die Bedeutung des nachfolgend erlauschten Dialoges besser einordnen zu können.


„Ja, grüße Sie, Frau Thomachevski!“

„Frau Edelberger, was machen Sie denn hier?“


Frau Edelberger, ob dieser knappen Erwiderung irritiert, nahm sich zusammen, blieb freundlich und ließ sich die empfundene Kränkung nicht anmerken.

„Das gleiche wie Sie, liebe Frau Thomachevski, ich liebe die Oper und genieße diesen herrlichen Abend. Ist doch immer wieder ein Erlebnis, diesen wunderbaren Tenor zu hören, finden Sie nicht?“


Frau Thomachevski war die verborgene Spitze nicht entgangen.

„Ja, ja..., wunderbar..., meinen Sie? Unser Freund, der bekannte Kritiker Lobenstein, ist da allerdings ganz anderer Ansicht!“


„Anderer Ansicht, sagen Sie? Herr Lobenstein, der sich erst kürzlich in der SZ so grandios über diesen begnadeten Sänger geäußert hat?“

„Begnadet...?“

„Ja, Liebe Frau Thomachevski, so hat er ihn bezeichnet. Begnadet und mit einem besonderen Talent gesegnet, hatte er noch angefügt. Haben Sie es nicht gelesen?“

„Nein, äh..., ich weiß nicht mehr. Ich lese ja so viel, wissen Sie, schon meines Berufes wegen. Wir Anwälte..., aber, was rede ich? Vielleicht haben Sie sich vertan, ich meine, es kann einem ja passieren, wenn man nicht so geübt ist im Aufnehmen komplizierter Texte und komplexer Sachverhalte.“

Na, das war stark, und Frau Edelberger reihte diese Antwort augenblicklich in die Kategorie Unverschämtheit ein, war aber nicht gewillt, klein beizugeben. Ihren Trumpf würde sie noch spielen, aber alles zu seiner Zeit.

„Da haben Sie wohl recht, liebe Frau Thomachevski, den ganzen Tag mit solchem Ungemach umzugehen, macht Sie das nicht manchmal ganz irre im Kopf?“

Was nimmt die sich denn heraus, diese hergelaufene, ich weiß nicht was, jedenfalls untermeinem Niveau! Das gebe ich dir zurück, du Schlampe (dachte Frau Thomachevski, sprach es aber nicht aus, Gott sei Dank!).

„Wissen Sie, Frau, ähh..., Edelberger, glaube ich, nicht wahr? Ist alles eine Frage des Niveaus. Was machen Sie denn eigentlich, wenn Sie nicht zuhause sind, ich meine beruflich?“

„Liebe Frau Thomachevski, das wissen Sie nicht? Einen Augenblick nur, ich erkläre es Ihnen sofort, wenn es Sie interessiert, aber hier kommt gerade mein Bruder.“

„Ihr Bruder...?“

„Ja, mein Bruder, Waldemar Lobenstein, der Kritiker. Wenn ich Sie bekannt machen darf, aber Sie kennen sich ja, sind doch Freunde, wie Sie bemerkten?“

„Ja, äh..., bitte, äh..., kennen..., nein, ich weiß nicht...?"


Du kleines miserables Miststück (Gedanken im Kopf nur), lässt mich hier auflaufen, führst mich vor. Das wirst du mir noch büßen. Ich werde es dir heimzahlen, irgendwann!


„Lieber Waldemar, Frau Thomachevski, eine Bekannte, eine Nachbarin sogar, die sich sehr für die Oper interessiert und deine Kritiken besonders wertschätzt, wenn sie auch wenig Zeit findet, sie aufmerksam zu lesen. Frau Thomachevski ist Anwältin, musst du wissen.“

„Angenehm. Ich wüsste nicht, das Vergnügen schon gehabt zu haben, eine Verwechslung, vielleicht..., gnädige Frau?“

Pause

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