Helga Moosmang-Felkel

Maurice Kap 2

 

Maurice und die Mafiakatzen

 

 

Maurice lief am Fluss entlang. Er war immer noch aufgewühlt und seine Gedanken kreisten ununterbrochen um die weiße Katze, was ihn verdross. Die Sonne ging auf und der Himmel verfärbte sich rötlich. Der Fluss strömte machtvoll dahin, wie ein silbergraues Band zerteilte er das hügelige Land. Maurice lief schneller. Der Pfad war schlammig und seine Pfoten wurden dreckig. Die stachligen Zweige und Büsche der Uferböschung streiften seinen Körper, doch er achtete nicht darauf. In seinem Ohr hörte er die einschmeichelnde Melodie der weißen Katze. Es zog ihn mit aller Macht zurück in die Altstadt.

Er schnellte dahin und erreichte den alten Schuppen, der ihm als Quartier diente. Sein Freund Pierre, ein dicker silbergrauer Perserkater lag zusammengerollt in einer dunklen Ecke und schlief. Durch die Holzritzen fiel das helle Morgenlicht. Stäubchen tanzten in der Luft. Brennnesseln wucherten durch die verwitterten Holzdielen am Boden. Ungeduldig stieß Maurice Pierre an. Der murrte im Schlaf und rollte sich noch mehr zusammen. Doch Maurice ließ nicht locker. „Pierre, wach auf,...ich muss dir was erzählen...“, flüsterte er und drückte seinen Kopf gegen Pierre. Ärgerlich fuhr Pierre hoch. Er riss die blauen Augen auf und schimpfte: „Maurice, sei still,...ich will schlafen,...wo hast du dich überhaupt die ganze Nacht herumgetrieben...?“ „Ich habe eine weiße Katze getroffen,...sie hat gesungen..., sie hat ein Lied gesungen,...so etwas hast du bei den Flusskatzen noch nie gehört..., wir müssen noch einmal dahin...“, stieß Maurice hervor. Er platzte fast vor Ungeduld, in die Altstadt zurückzukehren. Pierre setzte sich auf und begann, sich ausgiebig zu putzen. Sein dichtes Silberfell war sein ganzer Stolz. Er musterte Maurice, entdeckte seine Schrammen und sagte: „Hmmm, du bist wohl verprügelt worden,...? Von der weißen Katze...?“ „Ich habe mit dem großen Grauen gekämpft...“, sagte Maurice und warf sich in die Brust. Pierre kicherte ungläubig: „Du hast dich doch nicht etwa in sein Revier hinein gewagt...?“ „Und ob,...dort wohnt die weiße Katze...“, sagte Maurice stolz, „und jetzt beeil dich,...ich muss sie dir unbedingt zeigen...“ „Ach weißt du,...Maurice..., ich wollte eigentlich zu den Flussschiffern hinunter, dort gibt es immer frische Fischabfälle...und ich möchte nicht auch noch verprügelt werden...“, sagte Pierre ausweichend. Pierre schlug sich nicht gerne. Er war ein sehr sanftmütiger Kater. Maurice richtete seinen Schwanz zu einer Drahthaarbürste auf und sagte steif: „Gut, Pierre...dann werde ich eben allein gehen...“

 

Es dauerte nicht lange und Pierre willigte seufzend ein. Gemeinsam trotteten sie los. Sie machten einen großen Bogen um das Revier des großen Grauen herum und näherten sich der Gasse von hinten über eine steile Treppe, die an malerischen Hinterhöfen und begrünten Balkons vorbeiführte. Sobald sie die Grenze der Altstadt überschritten hatten, bewegten sie sich lautlos und so geduckt, dass ihre Bäuche fast die Straße streiften. Sie lauerten in alle Richtungen und nahmen immer wieder ein paar Stufen auf einmal. Außer einem alten, fetten Kater, der in der Morgensonne vor sich hin döste und sie nicht beachtete, begegneten sie keiner Katze.

Endlich erreichten sie das Haus, in dem Maurice die weiße Katze gesehen hatte. Seine Ohren zuckten aufgeregt, als sie um die Ecke bogen. Maurice starrte durch das Fenster. Er sah wieder den nachtblauen Teppich, das Zimmer, das bei Tageslicht seltsam glanzlos wirkte,... alles war so, wie er es letzte Nacht gesehen hatte, nur die Katze war spurlos verschwunden. Pierre sah ihn fragend an: „Wo ist sie...?“ fragte er und schnüffelte: „Ich kann nicht mal die Ausdünstung eine Katze hier riechen...“ Maurice sah sich unsicher um: „Gehen wir um das Haus herum, wahrscheinnlich liegt sie im Hinterhof...“ schlug er dann hastig vor.

„Weißt du,...“, sagte er zu Pierre, während sie vorsichtig um die Ecke bogen „sie hat zwei verschiedenfarbige Augen..., du musst sie unbedingt sehen...“ Pierre sah ihn erschrocken an: „Sie hat was...?“ fragte er. „Sie hat ein gelbes und ein blaues Auge...“, wiederholte Maurice störrisch. „Hmmm...“, sagte Pierre, „ich glaube, ich möchte eine mit normalen Augen...“ „Du bist eben ein Langweiler...“, sagte Maurice, der sich darüber ärgerte, dass sie nirgends eine Spur von der weißen Katze entdecken konnten. Sie umkreisten das Haus und stöberten im Hinterhof herum. Maurice war klar, dass sie sich bereits viel zu lange hier aufhielten. Sie konnten jeden Augenblick von den Schergen des großen Grauen entdeckt werden. Aber er wollte um keinen Preis aufgeben. Er rannte durch die Gasse ohne auf seine Deckung zu achten, sprang vor und zurück und versuchte, die Spur einer rolligen Katze aufzunehmen. Von Minute zu Minute sank sein Mut. Er musste zugeben, dass Pierre Recht hatte, man konnte nirgends eine Katze riechen. Die weiße Katze war wie ausgelöscht. Pierre stieß Maurice mit der Schulter an und sagte: „Wir verdrücken uns jetzt,...vielleicht hast du geträumt,...“ Er grinste schief. „Nein...“, schrie Maurice außer sich vor Anspannung und Wut, „sie war hier,...verdammt, dreimal verdammt,...wir müssen sie suchen...“ Fast hätte er Pierre die Krallen über die Nase gezogen.

„Ist ja schon gut, ich mein ja bloß...“, stammelte Pierre, „allzu lange sollten wir hier aber nicht rumlaufen,...ich will keinen Ärger,...“ Doch Maurice lief in einem Höllentempo voraus, raste durch die verwinkelten Gassen und roch an jeder Straßenecke herum. Dann lauschte er wieder, als könnte er die weiße Katze singen hören. Aber er hörte keinen Laut. Sie bogen auf den Domplatz ein. Die Sonne stach fast senkrecht herunter und die Glocken begannen laut zu dröhnen. Pierre zuckte zusammen und wollte so schnell wie möglich den Platz verlassen. Immer widerwilliger trottete er hinter Maurice her und blieb immer weiter zurück. Vorsichtig sah er sich um und erschrak furchtbar. Von allen Seiten des Platzes näherten sich ihnen hochbeinige, zerzauste Katzen. Sie sahen nicht nach rechts und links, sondern kamen unauffällig, aber beharrlich immer näher. Sie bildeten einen Ringe um Maurice und Pierre, der immer enger wurde. „Maurice, die Mafiakatzen,...sie sind hinter uns her...“, Pierres Stimme überschlug sich beinahe. Maurice fuhr herum. Er sah die Katzen, die nun nicht mehr sehr weit entfernt waren. Sie wirkten alle wie erprobte Kämpfer. Viele hatten Narben. Einem rot gescheckten Kater fehlte ein Auge. Maurice entdeckte den großen Grauen in ihren Reihen. „Wieso Mafiakatzen,...ich habe noch nie davon gehört...“, fragte er atemlos den zu Stein erstarrten Pierre. Pierre stemmte seine Pfoten auf den Boden und seine runden Augen waren weit aufgerissen. „Die Mafiakatzen erledigen jeden, der sich ihnen in den Weg stellt,...du hast den großen Grauen verärgert,...wir haben keine Chance...sie sind in der Überzahl...“ Maurice Nackenhaare stellten sich auf. Seine Augen flogen über den Platz, suchten einen Ausweg. Er begann rückwärts zu gehen, fuhr herum und entdeckte in seinem Rücken einen bulligen Kater mit verstümmeltem Schwanz, der ihn gemein angrinste. „Rennen wir einfach los,..., vielleicht kommen wir durch...“, zischte Maurice Pierre zu. Doch der rührte sich nicht von der Stelle, er schien auf dem Platz Wurzeln schlagen zu wollen. „Verdammt,...Pierre, renn los...“, versuchte Maurice es wieder.

In diesem Augenblick raste eine kleine, blaugraue Katze in atemberaubender Geschwindigkeit quer über den Platz. Sie schoss nach links, machte kehrt und flog in die andere Richtung. Sie irritierte die Mafiakatzen, von denen einige verblüfft inne hielten. Die kleine Katze tanzte durch die Reihen der Mafiakatzen, die sie anfauchten und wütend mit den Schwänzen peitschten. Mit wilden Sprüngen lenkte sie den bulligen Kater hinter Maurice ab und im gleichen Augenblick erkannte Maurice die Chance, stieß Pierre an. Sie stürzten los. Sie überschlugen sich fast. Maurice blickte kurz zurück und sah, dass die kleine Katze in den Ästen eines Lindenbaums hing und mit der Pfote nach den Schnauzen von zwei Mafiakatzen schlug. Zwei struppige Kater verfolgten Maurice und Pierre. Maurice sah, dass die Türe zum Dom noch einen Spalt geöffnet war und fegte hinein. Pierre schoss hinter ihm her. Die Türe rastete ein. Vorläufig waren sie in Sicherheit.

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