Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 1

Eine blaugraue Katze lief schnell durch die Altstadt. Es war Oktober und ein klarer Herbsttag mit fast wolkenlosem Himmel neigte sich der Nacht entgegen. Die Nächte waren bereits kalt und Blue, die als Straßenkatze lebte, hatte noch kein passendes Winterquartier gefunden. Blue war eine hübsche Katze, deren Fell silbrig schimmerte. Es war glatt wie Atlasseide. Am Rücken verlief es wellig und am Bauch war es weißlich. Ihre kleine Schnauze trug sie hoch in der Luft und über ihrem tiefschwarzen Näschen funkelten ein paar cognacfarbene Augen. Sie hatte einen langen, buschigen Schwanz, den sie gerne beim Sitzen um sich herum legte wie einen Schal. Sie lief durch die gewundenen Gassen der Altstadt auf der Suche nach etwas Fressbarem. Sie witterte in die Luft und schlug die Richtung zum Marktplatz ein, wo oft Reste des Fisch- oder Käsehändlers liegen blieben. Dort am Brunnen trafen sich auch die Katzen der Altstadt, um Neuigkeiten auszutauschen oder sich zu verabreden. Mit einem schnellen Satz erreichte sie den Brunnen und schmiegte sich kurz unter die Höhlung des Brunnenbeckens, um sich umzusehen. Der Platz lag verlassen in der Dämmerung. Die Händler- und Marktstände waren schon verschwunden und zu allem Überfluss begann es auch noch zu nieseln. Nur noch ein paar Stücke angefaultes Gemüse lagen herum. Blue benetzte ihr Mäulchen mit dem feinen Regen, der auf ihr Fell fiel. Sie stöberte kurz zwischen den Abfällen und beneidete die Katzen, die mit fetten Bäuchen in den Häusern lebten. Sie duckte sich zu Boden und begann sich zu putzen. Sie leckte über die Wölbung ihres Rückens, dann über die Locken am Bauch, während sie innerlich seufzte. Danach drehte sie eine Runde um den Platz herum, schnupperte sehnsüchtig am verlassenen Stand des Fischhändlers und bog ab in die Katzengasse, wo in einem der Hinterhöfe das „Chat Noir“ lag.

 

Das „Chat Noir“ war ein Kellerraum in einem der mit Holunder und Efeu überwucherten Hinterhöfe, in dem sich etliche Katzen des Altstadtviertels nachts trafen. Verstohlen schlich Blue sich durch einen Spalt in der Mauer und stolperte fast über mehrere angefaulte Äpfel, die zu Boden gefallen waren. Die Zweige der Apfel- und Holunderbäume ragten in den dunklen Himmel. Sie lief über ein kurzes Stück nebelfeuchtes Herbstgras und stahl sich durch ein Loch im Kellerfenster in den bereits von Katzen überfüllten Raum. Sie hoffte, Robby, der weiße Birmakater, der hier den Ton angab, würde sie nicht bemerken und wieder hinauswerfen, weil sie nur eine Straßenkatze war. Sie wollte sich gerade in eine mit Spinnweben überzogene Ecke drücken, da hörte sie schon sein leicht meckerndes Lachen. „Ich glaube es einfach nicht, jetzt treibt sich schon wieder diese Regenkatze hier herum…“, hörte sie seine nasale Stimme hinter sich. „Mach dich vom Acker, Regenkatze…, das hier ist ein Treffpunkt für Rassekatzen…“ Robby nannte Blue immer Regenkatze, als ob sie keinen Namen hätte, weil sie ein paar Mal völlig durchnässt im „Chat Noir“ aufgetaucht war.

Die Nackenhaare von Blue sträubten sich und sie überlegte, ob sie Robby mit der Pfote eine wischen sollte, traute sich aber dann doch nicht. Denn sofort flöteten zwei blaublütige Katzendamen, die auf einem alten Diwan lagen: „Robby hat wirklich Recht, das hier ist ein Treff für Katzen mit Stammbaum…“ „Ach lass sie doch…, draußen ist es ungemütlich,…sie tut doch keinem was…“, brummte ein silbergrauer Perser mit einem gutmütigen Gesicht. Der Wind frischte gerade auf und wehte ein Lindenblatt und ein paar Papierfetzen herein. Doch Robby schüttelte den Kopf: „Meinst du, ich möchte Flöhe oder Katzenseuche…, verschwinde Regenkatze…“, sagte er und erhob sich langsam zu seiner ganzen beeindruckenden Höhe. Sein rötlicher Schwanz begann hin- und herzupeitschen. Robby war viel größer und massiger als Blue. Er hatte sie schon einige Male verprügelt und gebissen. Die Sanftheit seiner tiefblauen Augen war trügerisch, er war ein aufgeblasener und ziemlich zänkischer Kater. Blue ging langsam rückwärts. Der auffrischende Wind streifte sie. Draußen regnete es jetzt heftiger. Robby trieb sie Schritt für Schritt zurück, als plötzlich ein Tumult an der Treppe entstand. Ein blassroter Kater sprang über die mit Kohlenstaub bedeckte Treppe und landete aufgeregt mitten im Raum. Alle wandten sich ihm zu und Blue nutzte die Gelegenheit, um blitzschnell unter einem der zerschlissenen Sessel zu verschwinden. Nur ihre Schwanzspitze lugte noch hervor. Der Kater war der rote Clarence mit dem Silberblick, ein eher schüchterner, noch ziemlich junger Kater.

Neben der Mülltonne am schwarzen Kanal liegt wieder eine Katzenleiche…“, sagte er atemlos. „Sie hatte ganz abgemagerte Pfoten…“ An seinem Fell klebten Apfelschalen und Clarence wirkte sehr beunruhigt. In den letzten Wochen waren mehrere Katzenleichen aufgetaucht. „Ein übler Geruch hing in der Luft, ein scharfer Geruch nach saurer Milch…“ Robby wandte sich Clarence zu und murrte: „Kannst du nicht gefälligst gepflegter auftreten…, dein Fell ist ganz verklebt, das ist ja ekelhaft…, das hier ist ein Treff für Rassekatzen…“ „Entschuldige…“, sagte Clarence unsicher, „ich habe mich sehr beeilt, um hierher zu kommen… und euch die Nachricht zu überbringen…“ Aufgeregt umdrängten die Katzen Clarence, um mehr zu erfahren. „Eine Straßenkatze mehr oder weniger, das ist doch alles nur Gesindel…“, murrte Robby in sich hinein, aber niemand hörte auf ihn. Alle bedrängten Clarence mit Fragen. „Ihre Vorderpfoten waren mit grünlichem Schleim überzogen sie hatte sich wohl erbrochen und weiße Pulverreste klebten auf der Straße…außerdem war ihr Hals zerkratzt…, sie hatte mehrere tiefe Schrammen…“, erzählte Clarence. „Ich glaube, sie war eine Verflossene von Ralf… Ich habe ihn mal mit ihr durch die Altstadt ziehen sehen.“ Viele Der Katzen flüsterten aufgeregt untereinander. „Meinst du, es war Sooty, die Voodookatze…?“ fragte Lucy, eine bläuliche Katze aufgeregt. „Voodoo?“ grunzte Robby verächtlich und kicherte albern. Die kleine Mona, eine der jüngsten Katzen, die anwesend waren, bekam ganz runde Augen vor Angst. „Voodoo…“, sagte Robby wieder und grinste in sich hinein, „dass ich nicht lache, Sooty ist nur ein altes herrisches Biest…“ Ebony eine pechschwarze Kurzhaarkatze schüttelte energisch den Kopf: „Sooty ist eine Zauberkatze, sie ist in alle neun Mondzauber eingeweiht und wahrscheinlich auch in die schwarze Magie der neun Todesarten…“, flüsterte sie heiser. Ihre smaragdgrünen Augen leuchteten. „Vielleicht nimmt sie mich als Schülerin an…“, murmelte sie und ihre Stimme klang wie gurgelndes Wasser. „Was du nicht sagst…“, sagte Robby und grinste hämisch. Er plusterte sich auf: „Meine Linie der ehrwürdigen Klosterkatzen in Birma, alle Nachfahren des großen Mahazedi also,…hat eine ganze Horde bewaffneter Krieger mit bloßen Pfoten in die Flucht geschlagen, ich betone mit bloßen Pfoten…“, sagte er. Der graue Perserkater, der ein ausgesprochen friedliches Naturell besaß, stöhnte leise. Er hatte Robbys Heldengeschichten aus Birma schon zigmal gehört. Robby spreizte seine Pfoten und schloss hoheitsvoll die blauen Augen: „Wegen diesem Heldenmut bekamen wir ja von der Göttin diese schneeweißen Pfoten…Keine andere Rasse kann da mithalten…, kein Perserpuppenkater…“, er warf Said einen vielsagenden Blick zu, „und keine Waldkatze und schon kein Kater aus Siam…“, sagte er wegwerfend. Er wollte schon zu einem weiteren Redeschwall ansetzen, da unterbrach ihn Lucy, eine ziemlich vorwitzige Waldkatze: „Jetzt lass Clarence doch endlich weitererzählen, was er noch gesehen hat…“

Clarence hatte begonnen, sein Fell zu putzen. „Dieser säuerliche Geruch war so widerlich…“, sagte er, „mir ist immer noch ganz übel davon…“ „Vielleicht war ja ihre Zunge verfault…“, sagte Robby und hielt sich seinen Bauch vor Lachen, „oder eine Milchtüte war ausgelaufen und sauer geworden… bei Straßenkatzen ist das eben so…, aus was ihr alles einen Hokuspokus macht…“ Er schüttelte seinen Kopf mit den rötlichen Ohren. „Oder Sooty hat in die Milch gespuckt…gegen die Windrichtung…“, fuhr er fort. Blue platzte fast vor Wut. Sie streckte ihren Kopf unter dem Sessel hervor und fauchte: „Hör endlich auf, dich darüber lustig zu machen, dass eine Katze ums Leben gekommen ist…“ „Eine Straßenkatze…“, sagte Robby betont laut. „Ja, was glotzt ihr denn so dumm…“, fuhr er hoheitsvoll fort, als die anderen Katzen ihn ungläubig anstarrten, „in Birma haben wir in goldenen Pagoden gelebt…, die Mönche räucherten täglich mit Sandelholz und fütterten uns mit dem zartesten Garnelenfleisch. Keine stinkende Straßenkatze wagte sich auch nur in die Nähe des großen Tempels…“ Ebony fiel ihm ins Wort: „Wir sollten Sooty morgen aufsuchen und mit ihr reden…“ Mehrere Katzen miauten entsetzt. Die kleine Mona rief: „Sie ist doch so unheimlich…, das will ich nicht…, nein, da will ich nicht hin…“ „Ach was…“, sagte Robby, „ich bräuchte nur meine Pfote zu heben und sie würde rückwärts aus ihrem schwarzen Teufelsfell kippen…“ Alle Katzen redeten wild durcheinander. Lucy meinte: „Dann schleichen wir uns doch morgen Mittag zusammen zu Sootys Schuppen, vielleicht ist sie ja da…“ Treffen wir uns am Brunnen, wie immer?“ fragte Ebony. Nur wenige Katzen nickten. Viele sahen bestürzt drein und manche hasteten aus dem Keller. Robby erhob sich steifbeinig und sagte: „Morgen kann ich leider nicht, ich bin mit Sugar verabredet, wir wollten zusammen im Rosenpark spazieren gehen…“ Lucy, die sich langsam auch über Robby ärgerte, sagte enttäuscht: „Du traust dich eben doch nicht…, ich glaube du hast die weißen Hosen voll vor Sooty… “ „Das ist lächerlich“, sagte Robby hochmütig, „ ein Date mit Sugar werde ich mir wegen der alten Ruine Sooty nicht entgehen lassen…“

Said sah Robby mit kaum verhohlenem Neid an. Sugar war der Inbegriff einer Katzenschönheit. Sie hatte langes weiches Fell in der Farbe von hellem Milchcafe und hellblaue, strahlende Augen. Blue hielt es nicht länger aus, sie musste Robby einfach einen Dämpfer verpassen. Sie zog die Mundwinkel nach unten und sagte ironisch: „Sugar, dass ich nicht lache, sie würde dich nicht einmal treffen, wenn du auf dem Bauch durch den ganzen Rosengarten rutscht…“ Gereizt fuhr Robby hoch. „Bist du immer noch nicht verschwunden,…ich frage mich schon die ganze Zeit, wo dieser Pissgeruch herkommt…, schwing deinen blauen Arsch nach draußen…, Regenkatze…“ Drohend, mit gesenktem Kopf näherte er sich Blue. Blue fauchte ihn kurz an. Doch als Robby näher kam, sprang sie schnell auf den schmalen Fenstersims. Oben riss sie ihr Löwenmäulchen auf und entblößte kurz ihre scharfen kleinen Zähne, dann sprang sie in die Nacht hinaus.

 

Es hatte aufgehört zu regnen. Leichte Nebel umhüllten die Holundersträucher. Blues Magen knurrte. Sie hörte, dass die Katzen im Keller nacheinander aufbrachen und duckte sich hinter eine der überquellenden Mülltonnen. Sie redeten immer noch über die tote Katze. Mehrere verabredeten sich für den nächsten Tag am Brunnen, um Sooty zu besuchen. Blue beschloss, in ihrem Versteck zu warten, bis Said herauskam. Der gutmütige Perserkater nahm sie manchmal mit auf den kleinen Balkon vor seiner Wohnung. Dort stand sein Trockenfutter in einem blauen Napf. Es war knackig und roch nach Kaninchen in Butter gebraten. Für Blue war es ein richtiger Leckerbissen. Endlich hörte sie das tapsende Geräusch seiner dicken Pfoten. „Said…“, rief sie leise und sah, wie er seine Ohren spitzte. Sein Schatten fiel über den Weg. Durch das dicke Silberfell wirkte Said viel massiger als er war. „Gehen wir eine Runde durch den Rosenpark?“ fragte Blue. Said zögerte kurz. Hinter ihm tauchte Robby auf. „Na so was…“, sagte er amüsiert, „triffst du dich jetzt schon mit Straßenkatzen..., alter Freund…, findest du nichts Besseres…“ Er schüttelte verdrießlich den Kopf: „Hast du keine Erinnerung an Persien…, an kandierte Rosenblüten und die weichen Kissen in den Palästen…, die Pfauenfedern…“ Said schwieg beklommen. „Du solltest dich schämen…, jede Rassekatze hat das vollständige Gedächtnis ihrer Linie…, man sollte es nicht einfach verraten wegen einer daher gelaufenen Katze…“, fuhr Robby fort.

Said trat unangenehm berührt von einem Fuß auf den anderen, bis Robby endlich vorbeistolziert war. Dann nickte er Blue unauffällig mit dem Kopf zu und sie liefen zusammen los.

 

Immer wenn Blue mit Said zusammen war, befiel sie eine übermütige Stimmung. Das Pflaster der kleinen gewundenen Gässchen glänzte feucht im Flutlicht des Mondes. Inseln von Licht schwammen am Boden. In der Ferne rauschte einer der Kanäle, die die Altstadt durchzogen. Hinter manchen Fensterscheiben glühten noch Lichter. Blues Pfoten tanzten über das Pflaster. „Dieser Robby ist eine Plage…“, sagte sie plötzlich. Sie wusste zwar, dass es in Gegenwart von Said besser war über das Thema Robby zu schweigen, aber sie konnte sich diesen kleinen Nadelstich einfach nicht verkneifen. „Sein Gerede ist unerträglich…“ Said schüttelte den Kopf: „Er ist mein ältester Freund…, wir haben uns als Kitten im Garten gebalgt und zusammen unsere erste Maus gejagt…“ Sie erreichten das hohe schmiedeeiserne Tor, das in den Rosengarten führte und duckten sich unter den Eisenstäben hindurch. Der Kies knirschte leise unter ihren weichen Pfoten. Stachelige Fruchthüllen von Kastanien lagen am Boden, aus machen quollen die glänzenden Früchte. Der starke Duft verblühender Rosen hüllte sie ein. Blue zögerte kurz, aber dann sagte sie: „Eigentlich verstehe ich nicht, wie du überhaupt mit ihm befreundet sein kannst…, er ist so herzlos und denkt nur an sich…“ Sie schaffte es einfach nicht, den Mund zu halten. Die Stimmung zwischen ihnen war plötzlich bedrückt. „Er hat eine uralte Abstammung…“, sagte Said lahm. „So ein Quatsch…“, schimpfte Blue, „du bist doch auch ein Perserkater mit einem astreinen Stammbaum…“ Said senkte traurig den Kopf. Sie standen unter dem kleinen Kupferbrunnen, das Wasser der kleinen Fontäne plätscherte über ihnen. „Ich kann mich an nichts erinnern,…an überhaupt nichts…, aber Robby weiß alles von diesen Mahazedis, er weiß sogar, dass er in einem Körbchen lag, das mit Seide in der Farbe seiner Augen ausgeschlagen war…, und seine Augen sind so blau wie der Himmel an einem Sommertag…“ „Phhhhh…“, machte Blue schnippisch und nippte an den Regentropfen, der auf den Rosenblättern lagen. Er schmeckte köstlich und sie leckte schnell über die Blüten. Wieder platzte sie heraus: „Ich will jedenfalls nichts mit ihm zu tun haben…, auch nicht, wenn seine Augen veilchenblau oder violett wären…“ Said, der sich nicht gerne herumstritt, ließ den Kopf hängen. „Ich kann mich an nichts erinnern, was mit Persien zu tun hat,…“, sagte er wieder und schüttelte den Kopf über sich selbst, „ich kann nicht sehen, wie Robby,…“

Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit, die Blue sonst immer empfand, wenn sie mit Said unterwegs war, waren wie weggeblasen. Sie sah zum Mitternachtshimmel hinauf und entdeckte ein Sternbild, das dort wie ein riesiger Schmetterling mit ausgebreiteten Flügeln saß. Wenn sie lange genug hinauf sah, wurde ihr ganz schwindlig. Ein unangenehmes Schweigen lag zwischen ihnen. Um das Thema zu wechseln, fragte sie: „Glaubst du, Sooty hat etwas mit der toten Katze zu tun?“ Sie bemerkte, dass Said schon bei dem Namen Sooty zusammenzuckte und einen kleinen Hüpfer zur Seite machte. „Ich will damit nichts zu tun haben…“, sagte er schnell und abweisend und hastete zum Ausgang des Rosengartens.

 

Über eine steile Seitentreppe erreichten sie den kleinen Balkon, der zu Said Behausung führte. Unten im Haus war ein Trödelladen, der ein Sammelsurium aus türkischen, griechischen und armenischen Waren führte. Auf dem schmalen Balkon nickte Said Blue kurz zu: „Du kannst alles auffressen…“, sagte er leise und schlüpfte in das Innere des Hauses. Alleingelassen blickte Blue kurz durch die Fensterscheibe. Sie sah ein mit Büchern voll gestopftes Regal und witterte einen Geruch von feinem Zimt, der bis nach draußen drang. Blue schüttelte den Kopf: „Diese Rassekatzen waren ein seltsamer Haufen…“ Sie ließ sich trotzdem das Trockenfutter schmecken. Es hatte einen köstlichen Beigeschmack nach Anis und Koriander. An der Missstimmung zwischen ihr und Said war nur dieser alberne Robby schuld, aber sie würde sich den Appetit nicht verderben lassen. Mit jedem Bissen wurde sie übermütiger. Neugierig drückte sie ihre Nase wieder an die Fensterscheibe. Said hatte sich auf einem flauschigen Teppich mit wunderschönen Webmustern zusammen gerollt und schien zu schlafen. Sein Besitzer, ein älterer Herr, dem der Trödelladen unten gehörte, döste auf einem weinroten Diwan. Er trug dicke schwarze Socken. Blue hatte keine Lust zu schlafen. Mit einem wilden Satz sprang sie auf die Brüstung des Balkons und hechtete hinunter auf das gläserne Dach eines verschachtelten Wintergartens. Unter sich entdeckte sie blaue fingerförmige Blätterschatten. Sie ließ sich den Nachtwind um die kleine Nase wehen. Sie sehnte sich nach einem Stückchen frischer Makrele, um das Essen abzurunden. Die Luft über den Schornsteinen schien zu vibrieren.

Die Kirchenglocke schlug. Schnell und geschmeidig bewegte sich Blue über mehrere flache Dächer von kleineren Häusern. Es juckte sie in den weichen Ballen ihrer Pfoten. Sie nahm mehrere Abkürzungen und bog in die Pariser Straße ein. Dort lag das „Moulin Rouge“, eine kleine Bar. Gelegentlich traf sie dort Philippine und Mitsou, zwei Katzendamen, die dort anschaffen gingen. Manchmal gab es dort gebratene Makrele. Ein Betrunkener torkelte durch die Gasse, der in einer Hand eine offene Flasche Cognac hielt. Er lallte vor sich hin und lehnte sich gegen die Hauswand des „Moulin Rouge“. Blue schlug einen Bogen um ihn und sog die vertrackte Kombination verschiedener Düfte ein, die das „Moulin Rouge“ umgaben. Es roch nach scharfen Spirituosen und süßlich-schwülen Parfüms, nach säuerlichem Erbrochenem und nach dem Dunst abgestandenen Biers. Schnelle Cancan-Musik drang durch den schwarzen Samtvorhang, der den Eingang verhüllte. Schnell huschte Blue durch den Vorhang und entdeckte unter der ausgetretenen Treppe, die in den Keller führte, die rote Philippine. Sie flirtete gerade mit dem dicken Eunuchenkater Omar, dessen fetter Bauch fast am Boden schleifte. Philippine war eine sehr dürre Katze mit fuchsrotem Fell, die dauernd kicherte. Auch jetzt grinste sie über das ganze Gesicht und bewegte ihre Vorderpfoten dauernd im Rhythmus des Cancan. Als sie Blue entdeckte, rieb sie ihren Kopf an ihrem Fell und lachte noch lauter. „Hallo Blue, mein Mäuschen…“, zwitscherte sie.

Omar sah Blue mit seinem listigen Gesichtsausdruck an und fragte: „Hast du schon von der toten Katze gehört…, es war die blonde Cornelia…“ Blue nickte und sagte: „Kanntest du sie, Omar?“. Omar grinste durchtrieben und sagte: „Mir entgeht nichts in der Altstadt, Blue,…ich weiß genau, wo jede Katze ihren Pissplatz hat…, Cornelia war ein rechtes Luder…, soviel ist sicher…“ Eigentlich hatte Blue von dem bedrückenden Thema die Nase voll. Schnell fragte sie: „Wo ist denn Mitsou heute?“ „Ralf hat sie in seinen Loft mitgenommen…“, kicherte Philippine. Blue zuckte zusammen. Ralf war ein gelber Kater mit zwei verschiedenfarbigen Augen, der mit allen Wassern gewaschen war. Verschlagen und mit großer Klappe schlug er sich geschickt durchs Leben und vernaschte jede hübsche Katze im Viertel. Er wohnte in einer Art Baumhaus hinter dem Rosenpark, um das ihn viele beneideten und hatte auch schon Blue zu umgarnen versucht. Aber seine Neigung, schlecht über seine Verflossenen zu reden und sich über ihre kleinen Gewohnheiten lustig zu machen, schreckte Blue ab.

Trotzdem verspürte sie einen kleinen Stich der Eifersucht, dass der geschmeidige Ralf nun mit Mitsou, einer unscheinbaren cognacfarbenen Katze unterwegs war. Eine Türe zur Bar wurde aufgerissen und die Cancanmusik dröhnte heraus. „So ein Katzenleben ist zur Zeit schon ziemlich gefährlich…“, sagte Omar nachdenklich. Wie alle Eunuchenkater hatte er einen Hang zum Philosophieren und zur Schwermut. Es war nicht viel los in dieser Nacht im „Moulin Rouge“. Blue dachte an die wilden Nächte und die ausgealssenen Feiern, die sie hier schon erlebt hatte. Plötzlich fühlte Blue sich müde und sehnte sich nach ihrem Schlafplatz unter der kleinen Kanalbrücke.

Ihre gute Laune war verflogen. „Bis bald“, rief sie Philippine und Omar zu und wollte schon durch den Vorhang schlüpfen, als Philippine hinter ihr herrief: „Hast du nicht Lust, noch mit mir bei der Apothekerkatze vorbeizuschauen…, sie teilt manchmal ihre Milch mit mir…“ Blue schüttelte den Kopf. Sie mochte die grobknochige Magnolia, die vom Apotheker verhätschelt wurde, nicht besonders und ihre Milch schon gar nicht. Sie durchquerte mehrere Gassen, bis sie unter die Kanalbrücke schlüpfte, wo sich ihr geschütztes Plätzchen befand. Sie liebte es, am Kanal zu liegen und dem leisen Rauschen und Gurgeln des Wassers zuzuhören. Manchmal hörte sie das fast lautlose Schnappen eines Fisches. Viele Bilder und Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Wieder musste sie an die weiße Katze des Apothekers denken, die immer frisiert, gepudert, parfümiert und zu recht gemacht war. Sie roch nach Mottenkugeln und eine seltsame Starre umgab sie. Blue hatte Philippine nur ein einziges Mal in den Hof der alten Apotheke begleitet. Die Apothekerkatze hatte zwar sehr freundlich getan, aber ihr Blick hatte etwas Lauerndes und Hintergründiges, das Blue Angst einjagte. Ihr kleiner Streit mit Said fiel ihr wieder ein und die tote Katze, die Clarence gefunden hatte. Vorsichtig sah sie sich noch einmal um. Langsam verblassten ihre Gedanken, verloren an Gewicht, wurden flüchtiger, sie döste ein. Auf der Grenze zum Einschlafen fragte sie sich noch, warum sie keiner Rasse angehörte und sich an nichts erinnern konnte. Sie glaubte das Schnurren ihrer Mutter in einem Hinterhof zu hören und das Quietschen ihrer sechs Geschwister. Dann wurde alles um sie herum dunkel und die Sanftheit der Nacht hüllte sie ein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.02.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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