Hans Fritz

Goldener Greif


In seinem Stammlokal, der ‘Bärenklause’, findet Kleinmöbelhändler Uli Pfrundiger im neuesten Wochenjournal einen Artikel über den Goldenen Greif. Es handelt sich um eine Statue, die lange als verschollen galt und vor ein paar Wochen in einer Berghöhle versteckt worden sein soll. Für Uli ist sofort klar: ‘Das ist diese verrufene Sterzerhöhle, darauf gehe ich jede Wette ein’. Schnell reift der Entschluss die Höhle so bald wie möglich zu durchwandern, um das Goldstück aufzuspüren und wenn möglich zu bergen, bevor das andere tun.
Also macht Uli sich auf den Weg. Für den passionierten Alpinist ein willkommener Anlass für eine wieder mal fällige zünftige Bergtour. An der Baumgrenze macht er Halt, um seine Bergsteigerausrüstung ein letztes Mal zu überprüfen. Nach langem Suchen findet er den engen, knapp meterbreiten Einstieg zur Höhle. Jetzt wird es Zeit die Stirnlampe einzuschalten. Zunächst führt ein steiler Pfad zu einer Felsplatte, die mit einer grünlichen Masse überzogen ist. Hierher gelangt noch spärliches Licht, genug fürs Überleben von Algenkolonien und Flechten.
Über glitschiges Gestein geht es weiter. Der matte Schein der Lampe fällt nun auf ein paar fahlgelbe Stalaktiten, die sich vom Graugrün der steinernen Decke bedrohlich weit nach unten erstrecken. Spätestens jetzt lernt Uli den Schutzhelm schätzen. Einen Weg gibt es nicht mehr. Er tastet sich über ein Plateau, das mit Felsbrocken übersät ist. Ein reissender Bach ist auch für den geübten Höhlengänger ein schwer überwindbares Hindernis. Nicht für Uli. Mit kräftigem Anlauf und Abstützen mit seinem Wanderstock gelingt es ihm, die andere Seite zu erreichen. Weiter geht es über bröckelndes Gestein. Gerade, als Uli erste Zweifel am Gelingen seines Plans beschleichen, trifft der Schein der Lampe auf eine goldglänzende Figur, die auf einem Marmorsockel ruht. Kein Zweifel! Das ist der Goldene Greif! Etwa einen Meter hoch mit einer geschätzten Spannweite der Flügel von anderthalb Metern. Nach Ulis Einschätzung passt der Vogel in keine bekannte Ornis. Weder Adler, noch Habicht, noch Geier. Aber was soll’s. Wenn das pures Gold ist, wäre es vielleicht ein paar Millionen wert. Aber wie den Vogel wegtransportieren? Allein schafft er das nicht. Schweren Herzens entschliesst er sich seinen Mitarbeiter Gerold Grotenbill in seine Entdeckung einzuweihen und für den Abtransport des Greifs zu gewinnen.
Die Freunde treffen sich in der ‘Bärenklause’, um sich über die Bergung des Greifs zu beraten. Gerold ist zunächst unschlüssig und gibt zu bedenken, dass sie mit ihrer Aktion, juristisch gesehen, einen Diebstahl begingen. Doch Uli gelingt es alle Bedenken unter dem Ausmalen eines nicht zu verachtenden Geldgewinns in der Form eines Finderlohns zu zerstreuen. Etwas ist den beiden im Eifer des Gesprächs entgangen. Am Nachbartisch schien ein Hüne noch an Länge zu gewinnen, als er das Gespräch der beiden aufmerksam belauschte.
Am folgenden Samstagmorgen brechen sie auf, der Uli, Gerold und dessen Schwager Franjo, den Gerold ohne Ulis Wissen zur Teilnahme am Coup überredet hat.
Der Weg, den die drei gehen ist der gleiche, den Pionier Uli ging. Der Bach wird allerdings hundert Meter weiter oben überquert, wo die Strömung nicht so stark ist. Die Stelle wo der Vogel stehen sollte ist verwaist! Keine Spur vom Greif. Auch der Sockel ist weg. «Der Lange vom Nachbartisch –, da gibt es keinen Zweifel», meint Gerold. «So wären wir Opfer des Systems ‘Feind hört mit’ geworden», meint Uli zerknirscht. Zutiefst enttäuscht treten die Abenteurer den Rückweg an.
Wieder vertieft sich P. in die Zeitung. ‘Sensationelles Ausstellungsstück im Stadtmuseum’ steht da zu lesen. ‘Aus einem vor Jahren zur Aufbewahrung antiker Schätze zweckentfremdeten Bierkeller wurde eine goldene Figur von unschätzbarem Wert entwendet und vermutlich von einer unbekannten Täterschaft samt dem Marmorsockel in die Sterzerhöhle transportiert’. Uli rührt lustlos in seiner scharfen Vorspeise herum, als der Gerold auf ihn zustürmt. «Was ist da passiert?» «Ich sage dazu nur: pass immer auf, ob dein Gespräch belauscht werden könnte».

Die beiden wollen gerade das Lokal verlassen, als ihnen der Hüne entgegenkommt. «Tja meine Herren, dank Ihres anregenden Gesprächs habe ich den Fund seinem eigentlichen Stammplatz im Museum zugeführt. Sie müssten mir eigentlich dankbar sein, dass ich wahrscheinlich einen Diebstahl verhindert und Sie vor einer möglichen, dem Wert des Gegenstands angemessenen Strafe bewahrt habe».
Uli und Gerold erhalten per eingeschriebener Post je ein Zweijahres-Abo zum freien Eintritt ins Museum. Während Gerold keinen Gebrauch davon macht, besucht Uli jeden Freitagnachmittag die Heimstätte allermöglicher Kunst. Er bewundert immer wieder aufs Neue sein hinter Panzerglas aufgestelltes Fundstück. Einmal spricht ihn eine junge Dame an: «Ist das nicht wunderbar. Aus purem Gold, vielleicht Millionen wert». «Ja, da haben Sie völlig recht», meint Uli. Die Dame blättert in ihrem Katalog und sagt: «Von einem Herrn Pfrundiger wiederentdeckt, steht da. Der wird wohl gut daran verdient haben». «Nein, hat er nicht». «Woher wissen Sie, sind Sie etwa-?» «Ja, das stimmt. Ich habe lediglich freien Eintritt für zwei Jahre bekommen». «Der ursprüngliche Fundort ist wohl unbekannt», meint die Dame. «Wahrscheinlich schon vor Jahrhunderten aus Südamerika nach einem europäischen Hafen verschifft», meint Uli. «Doch was dann mit der Statue geschah, bevor sie in einem Bierkeller und dann in der Sterzerhöhle eine provisorische Heimat fand, werden wir wohl nie erfahren».

Dem Dialog im Stadtmuseum folgt ein gediegenes Dinner bei Kerzenlicht in der ‘Bärenklause’. Dort wo alles begann. Nun beginnt ein Bund fürs Leben, dem Uli Pfrundiger willkommener als alles Gold der Welt.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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