Karl-Konrad Knooshood

Der Ordnende


 

Eines gleich vorab: Ich bin kein Mensch. Auch bin ich kein Tier. Nicht mal eine Pflanze. Nein, ich bin ein Qualitätsprodukt aus Deutschland, "Made in Germany", aus einer Zeit, als dieses Prädikat noch ein wertvolles und nicht immer hohler und unwahrer, zu einem reinen Werbeversprechen, das nach China ausgelagerte Produktionsstätten verheimlichend verklären soll. Ein Lügenhintergrund. Als es noch nicht ein nur noch in Deutschland Konzipiertes war, dessen Einzelteile im globalen Großproduktionsprozess der immer komplizierteren Produktionsketten rund um den Globus war. Meine sämtlichen Materialien, aus denen ich zusammengesetzt bin, sind nicht nur bester Qualität und alles andere als diese moderne schlampig-dreiste Schrottverarbeitung des Wegwerf-Konsumzeitalters, der zu ständig neuem Kauf animieren soll. Ich war und bin eigentlich für die Ewigkeit gemacht – und jedes meiner Einzelteile stammt aus dem guten alten Deutschland, sowohl die Rohstoffe als auch die verarbeiteten Bestandteile des Ausgangsproduktes. Gegenstände für den täglichen Gebrauch und den langfristigen Bürobedarf wie mich stellt meine Herstellerfirma, deren Namen ich aus wettbewerbstechnischen Gründen nicht nennen werde, schon seit 1871 her. Sie ist ein deutsches, noch lokaler schwäbisches Traditionsunternehmen, welches alle wesentlichen Produkte rund ums Büro und den dortigen Bedarf herstellt.

 

Ich wurde im Jahre des Herrn 1920 fertiggestellt, ein Massenprodukt, schon zu der Zeit, am Fließband entstanden, aber hochwertig. Die Zeiten waren ruhiger, der Bedarf noch geringer, die Stückzahlen relativ überschaubar, wenn auch riesig. "Massenprodukt" also nicht im absoluten, heutigen Sinne.

 

In all den Jahren, die ich seither erlebt habe, in den 100 Jahren meines bewegten Lebens, ist mir viel Interessantes widerfahren.

Ich diente vielen Menschen als Legitimation für ihre Taten, hielt ihre schriftlich festgehaltenen Lügen und Heucheleien in mir fest, bewahrte ihre Rechtfertigungen und Selbstgerechtigkeiten tief in meinem Inneren.

 

Ich enthielt Schriftstücke, das war seit jeher meine Bestimmung. In meinem Inneren, in meinem Rücken, befinden sich zwei starke Klammerbügel, die in all den Jahren ziemlich ausleierten. Schließlich hatte ich viele schwere Lasten zu tragen: Kontoauszüge, DIN-A4-Blätter, in Steinbeiß- und Perlweiß-Farbe, in Klarsichthüllen oder Pappschubern, ich hatte sie alle, spürte sie in meinem Bauch, bis zu 2 kg, was viel ist.

 

Das Erste, das ich mit mir herumtrug, waren die Personalakten der Mitarbeiter eines mittelständischen Dienstleistungsunternehmens, Buchstaben M bis Q. Ein Mitarbeiter hatte bereits mehrere negative Einträge: Er neigte dazu, betriebseigene Kleinigkeiten wie Kugelschreiber, Bleistifte, Radiergummis zu stibitzen, außerdem stellte er den weiblichen Büroangestellten nach. Ein ganz schlimmer Finger alias Schürzenjäger!

Ich könnte heute noch rot werden in Anbetracht all seiner Sperenzien, all dessen, das er angestellt hat, der Angestellte, der den Angestellten nachstellte.

Bis man ihn außer Dienst stellte.

 

Damals, in der Weimarer Zeit, wir schrieben das Jahr 1924, in einer noch tatsächlich patriarchalischen, männerdominierten Gesellschaft, in der Frauen (Goldene 20er) zwar selbstbewusster wurden, aber immer noch Übergriffigkeiten der Männer ausgesetzt waren.

 

Der notorische Schwerenöter bekam seine gerechte Quittung: Er heiratete schließlich eine burschikose Zicke von Frau, eine mit sprichwörtlichen Haaren auf den Zähnen, die ihm gewaltig den Marsch blies. Fortan war er ein Pantoffelheld unter der Ägide seiner Frau.

 

Als ich als Ordner ausrangiert wurde, geriet ich in die Hände eines Inhaftierten, der seinem Zellengenossen in zackigem, bellendem Kasernenhofton seine dreckigen Thesen in die Schreibmaschine diktierte. Ein unsympathischer Fanatiker und Schwätzer war das, der seine antisemitischen Hassthesen und Ressentiments gegen andere Minderheiten und die meisten Menschen im Allgemeinen genüsslich-gehässig vortrug.

Nach einem gescheiterten Putschversuch saß er nun in sog. "Festungshaft". Ich war derjenige, der seine gesammelten geistigen Galle-Ergüsse aufbewahren musste, immer nur einzelne Teile des Manuskripts, die an Mittelsmänner außerhalb des Gefängnisses, die regelmäßig zur "Audienz" erschienen, weitergegeben wurden. Wie mir später zu Ohren kam, formte der Wahnsinnige und Despot später nicht nur ein ganzes menschenverachtendes Regime, sondern ließ die Manuskripte zum leider weltweit immer noch verbreiteten, nach dem KORAN bösartigsten Hass-Buch des Planeten Erde zusammenstellen,  zu einem widerlichen antisemitischen, antiziganischen, antikommunistischen sowie antidemokratischen Hetz-Machwerk voll unfreiwilliger Komik neben der Menschenverachtung, das vor allem wegen eines antisemitischen Bias in der islamischen Welt und selbst der halbwegs säkularen Türkei (!) regen Andrang fand.

Es wurde bedauerlicherweise ein Long-Bestseller. Und ist es, auch zu meiner Schande, bis heute…

 

Leider war dieser Despot noch zu weitaus Schlimmerem, menschlich Monströsem fähig, zum Grausamsten, das aus kranken menschlichen Geistern hervorgehen kann. Sein Buch war die Blaupause für millionenfachen Mord, systematisch und organisiert. Es war die Vorlage für das beispiellose Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

 

In den folgenden Jahren "diente" ich, unfreiwillig, meinem Schicksal schutzlos ausgeliefert, einem fürchterlichen Regime. Ich stand in diversen Büros der NS-Behörden, etwa des Reichssicherheitshauptamtes, später trug ein speichelleckerischer Parvenü, ein Karrieregeiler mit fettiger, parfümierter Gel-Frisur mich mit sich, das war auf einer großen Konferenz. Er hatte in mir Listen von Bevölkerungsgruppen, die aus Sicht der Nationalsozialisten "auszulöschen", "auszurotten" waren. Widerwärtig bis aus meiner bescheidenen Aktenordner-Sicht surreal war das: Menschen, die systematisch Genozid planten, in einem großen Versammlungshaus an einem schönen See in der damaligen Hauptstadt des Landes. Ich war zutiefst verstört und ekelte mich vor meinem Inhalt.

Weder konnte ich mich jedoch von ihm befreien noch mich waschen. Ich schämte mich. In den folgenden Jahren, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, wechselte ich noch mehrmals den Besitzer, ein netter Typ, seines Zeichens konservativer Monarchist, entwickelte erst langsam einen Widerstandsgeist gegen das Dritte-Reich-Regime. Er hielt in mir ein paar geheime Notizen auf großen Blättern fest, auch strategische Karten und Pläne. Ideen für einen Staatsstreich, einen Umsturz – nach einem als notwendig erachteten Attentat auf den "Führer".

 

Wir wissen alle, dass es leider schiefging.

Über weitere Umwege, die ich selbst nicht ganz begreife, geriet ich in den Besitz des Volksgerichtshofes. dessen abscheulicher Vorsitzender, der Schrei-Richter ROLAND FREISLER, ließ in mir Teile der Anklageschriften gegen die Mitglieder der Weißen Rose und die Attentäter rund um den leider gescheiterten STAUFFENBERG zusammenfügen. Mir gefiel es nicht, diese Lügen und üblen Anschuldigungen zu beinhalten, all die Straftatbestände von Leuten, die nach ihrem reinen Gewissen reinen Herzens gehandelt hatten, in diesem Unrechtsregime aber bestraft wurden, da das System inhuman war.

 

FREISLER und seinen Beisitzern weine ich gewiss keine Träne nach, sowie ca. 90 Prozent meiner vorherigen und von da an noch kommenden Besitzer. Das Ende des krakeelenden Richters, der seine Opfer, die Angeklagten und Delinquenten bevorzugt als "schäbiger Lump" bezeichnete, ist schnell erzählt und von einigermaßen gerechtem schlechtem Karma, das er zeitlebens auf sich gezogen hatte: Als ein Bombenangriff auch auf das Hauptgebäude des Volksgerichtshofes stattfand, wollte FREISLER in den Keller nächsten Bunker fliehen, bemerkte aber auf halber Treppe, dass er wichtige Gerichtsakten (u.a. mich samt Inhalt) im Obergeschoss vergessen hatte. Dabei wurde er von herumfliegenden Schrapnell-Geschossen tödlich getroffen. Das Karma ist ein Flittchen…

 

Aus den Trümmern wurde ich sicher geborgen, samt meinem Inhalt. Nach dem Krieg, den man später als Zweiten Weltkrieg bezeichnen würde, lag das Land in Trümmern.

 

Ich verblieb im Osten der Gebiete, die nun von Besatzungsmächten provisorisch regiert und kontrolliert wurden. Die östlichen Gebiete gerieten unter sowjetische Besatzung, die ersten sozialistischen Staatsbildungsbestrebungen wurden u.a. zwischen meinen beiden Ordner-Deckeln und der Rückseite zusammengefasst. In den Schreiben ging es um Enteignungen von Privatbesitzern, allen voran von Großgrundbesitzern und die Neuordnung und Neustrukturierung des neuen Staates; ab 1949 nahm er Gestalt an. Man nannte ihn ironischerweise (aber auch zynisch, wie ich finde) DDR = Deutsche Demokratische Republik – obwohl er mit Demokratie ungefähr so viel gemein hatte wie meine Erscheinung mit der einer vollbusigen Klischee-Sexbombe.

 

In den nächsten Jahren erlebte ich nicht viel, da war ich Aktenordner im Büro einer LPG (Landesproduktionsgenossenschaft). Als Anfang der 1960er Jahre der Mauerbau begonnen und wenig später vollendet wurde (WALTER ULBRICHT hatte auf einer Pressekonferenz noch eine der historisch dicksten Lügen in die Welt gesetzt: "Nüümond hat die Absüscht, eine Maoer zu errischdn!", mit dem ihm eigenen Dialekt)…, begann das zunächst zweitfinsterste Kapitel meiner Lebensgeschichte: Ich wurde Stasi-"Mitarbeiter", versah ohnmächtig und stoisch meinen Dienst als Ordner dieser ihr eigenes Volk bespitzelnden, ausspionierenden Denunziationsauswertungs- und Dissidentenverfolgungsbehörde, ein gewisser "IM Erdbeertorte" wurde in mir verewigt: seine gesammelten Essays…"Werke" fanden Eingang in mich. Ich war zum Bersten voll mit Berichten und kurzen Notizen, die der "Inoffizielle Mitarbeiter" über seine eigenen engsten Familienmitglieder akribisch sammelte. Die Personen wechselten, die Aufgabe nicht.

 

Ständig gab es dann neue IM, die ihre Berichte in mir abhefteten: Ein Vater, der seine Familie bespitzelte, eine Tante, eine freundliche, rüstige Oma, ein Spitzel in einer ihm vertrauensvoll gegenüberstehenden Nachbarschaft, der mit großer Vorliebe Leute denunzierte und wohl heimliche Ausreisepläne in einzelnen Familien zu wittern glaubte.

 

Eine wahrhaftig widerwärtige Persönlichkeit.

 

Mehr geschah in all den Jahren vorerst nicht, ich versauerte in der Stasi-Behörde, Aktenschränke von Meinesgleichen leisteten mir Gesellschaft, eh ich nach 1990, der deutschen Wende und Wiedervereinigung, einem der besten, schönsten, erhebendsten und noch heut positivsten Momente der bundesdeutschen Geschichte, nachdem ich in GRABOWSKIs Nähe gelegen und einige nichtige Unterlagen zur Grenzöffnung an der Bornholmer Straße enthielt, ein Inhalt, der mich sehr glücklich machte, wurde ich zum Aktenordner für viele kleine Einzelprozesse gegen allerlei bösartige menschliche Individuen der Ex-DDR-Schickeria, der Stasi und anderer, ihr angeschlossener Behörden. Nur die SED-Mitglieder wurden, bis auf wenige Ausnahmen, unbehelligt, gründeten im neuen Westen die PDS, aus der schließlich mit frustrierten SPD-Abtrünnigen die LINKSPARTEI wurde, die noch heute als wandelnde Schande die Parlamente der BRD verunziert.

 

Schuften, Schurken-Kreaturen unterster Kategorie, wurde ich bald darauf zum Sichtschutz gegen neugierige Kameraaugen: Menschlicher Abschaum nutzte mich entweder beim Betreten des Gerichtssaals, wo er mich mit seinen ordnungsgemäß mit Handschellen fixierten Händen vor sein feiges Abschaum-Antlitz hielt, um der stets anwesenden Presse keine Fotos zu ermöglichen. Oder: als eine Art "Verhüllung", "Schutzschild" diente ich den hässlichsten Hackfleischfressen abscheulicher Mörder und Kinderschänder – und/oder trug in meinem Inneren die vom Gericht, der Staatsanwaltschaft oder sonstigen Justizorganen gesammelten Daten über die Verbrechen solcher Menschen. Ein geldgieriger Ex-Jura-Student, der aus einer Erpressung heraus einen seinerseits entführten Bankierssohn, einen noch sehr jungen Jungen, entführt und dann "in Panik" oder aus Impuls getötet hatte, war ebenso dabei wie eine Schweinerotte, die zwei Polizisten per fingiertem Notruf in ein einsames, entlegenes Waldstück gelockt und dort kaltblütig erschossen hatte. Auch im NSU-Prozess, wo eine Bande mieser Nazipissfrösche im Laufe mehrerer Jahre Ausländer regelrecht auf abartig gewissenlose, kaltblütige Weise umgebracht hatten; die Opfer allesamt arglose, harmlose und eher topintegrierte Deutsche mit ausländischen Wurzeln, die eigentlich nicht "verdient" hätten (wer verdient schon den Tod, außer mörderische Verbrecher, versteht sich), die selbst aus Nazi-Sicht eben nicht Teil des Problems mit gewissen anderen Staatsangehörigen waren, war ich ein Aktenordner, der einen Teil der Anklageschriften und pikante Hintergrunddetails enthielt. Die Hintergrundinformationen wurden später weggeschlossen, archiviert für die nächsten 120 Jahre! Ich hatte pures Glück, nicht von diesem Verschluss der Akten betroffen zu sein. Nachdem die überlebende Arschkrampensaufotzenschabracke der NSU, Frau BEATE ZSCHÄPE, verurteilt worden war (zu Lebenslänglich, wie sich das gehört), wurden etliche Aktenordner, unter ihnen ich, entleert und die Akten, wie gesagt, unter Verschluss gebracht. Dazu kamen sie in Spezialbehälter, welche verschlossen und versiegelt wurden.

 

Auch war ich Ordner beim erneuten Prozess gegen die wohl am BUBACK-Mord beteiligte VERENA BECKER. Das Kapitel der linksextremistischen Terrorgruppe RAF ist auch noch nicht gänzlich Geschichte, doch darüber kann und darf ich nichts verraten. Ich bitte um Verständnis…

 

Ferner war ich noch Ordner beim spektakulären Prozess gegen die sog. "Sauerlandgruppe" gewesen, einer kleinen Clique wahnsinniger deutscher Islamkonvertiten, die mehrere großangelegte Sprengstoffanschläge geplant hatten. Auch diese menschlichen Monsterscheusale waren der letzte menschliche Dreck, hatten Dinge geplant, die Dutzende, wenn nicht Hunderte oder gar Tausende Menschenleben gekostet hätten.

 

Viele Erlebnisse taten weh.

 

Bin ich auch kein Mensch, so litt und leidet meine Seele doch erheblich unter alldem, das ich mit mir herumtrug, mit dem in meinem Innern vielmehr, mit dem ich getragen, ins Regal gestellt, gelegt, gelagert wurde: All die schmutzigen Geheimnisse, Sex, Lügen, Weimar, Drittes Reich, DDR, BRD, Verbrecher, Verbrechen, Schutzumschlag, Verbergen, Spitzel(n), Stasi, all der ganze Mist.

Ich habe Gewissensbisse!

Nicht für was ich bin.

Ich wurde hergestellt, war vom Schicksal vorgesehen, Dinge mit mir zu tragen, in meinem Innern, an den Metallklemmen. Klarsichtfolien, Akten, Aktenblätter, Blätter: chlorfrei gebleicht, in Steinbeiß, sogar Bütten, vorher noch anderes.

 

Ich beinhaltete auch Pläne zur Neuansiedlung aus Krisengebieten in aller Welt in der BRD, Beschlüsse, die die Bundesregierung quasi klammheimlich, mehr oder minder verschwiegen, in Hinterzimmern, ähnlich wie Jahre zuvor TTIP, getätigt hatte – betreffend einen sog. "Migrationspakt" der UNO, angereichert mit eigenen Vorschlägen der Bundesregierung MERKEL, die eifrig den Abbau Deutschlands betreibt. Ja, ich bin ein deutsches Qualitätsmarkenprodukt, worauf ich stolz bin, ebenso wie auf mein rundes Alter von stolzen 100 Jahren.

 

Nachdem ich zuletzt im Besitz konservativer, sympathischer Patrioten war, die von linker Seite zu Unrecht als Nazis bezeichnet wurden, obwohl sie aus Liebe zu ihrem Land, ihrer Kultur und ihrer Lebensweise erhalten und retten wollen, ohne dabei irgendjemandem ernsthaft zu schaden, wehzutun.

 

Irgendwann war ich, stark abgewetzt, zu stark für alle bisherigen Besitzer, die meisten waren ja längst nicht mehr unter den Lebenden. Ich wurde in einen Restmüllbehälter geworfen, wo ich jetzt im Dunkeln liege und vor mich hin verrotte.

 

Mein Leben war lang, ereignisreich und relativ angenehm, wenn man von den ekligen, bizarren menschlichen Abgründen absieht, derer ich ansichtig und teilhaftig wurde.

Ich nehme an, dass ich glücklich bin, bereit, jetzt zu sterben. Möge mich jemand zerdrücken und mein Todeswarten beenden.

 

- Doch da: Jemand öffnet den Deckel des Containers! Will wohl etwas hineinwerfen. Schaut mich skeptisch an, fischt mich raus – es ist einer der Patrioten, denen ich zuletzt gehörte.

 

Er fischt mich raus aus meinem dunklen, stinkenden Todesverlies – und rettete mein reich betagtes Leben. Allerdings wurde ich von seinem apolitischen Mitbewohner verschleppt.

 

Nach einer kurzen Ohnmacht erwachte ich vor einem alten Walzwerk in Bochum, das zum großen Fernsehstudio umfunktioniert worden ist. Dort begrüßte uns ein Herr mit gepflegtem weißen, schütteren Haar und einem ebenfalls sehr sauberen Schnäuzer in Weiß, einer kleinen, runden Brille und einem gutmütigen Lächeln. Bei ihm stand eine Expertin mittleren Alters mit Doppel-Nachnamen. Sie taxierte meinen Sammlerwert auf bis zu 50 Euro. Der Herr mit Schnäuzer und kleiner runder Brille überreichte dem Jungspund die sog. "Händlerkarte", damit dieser im ersten Obergeschoss sein "Fundstück" (also mich) den dort versammelten fünf Händlern beiderlei Geschlechts feilbieten konnte. Die fünf Kaufinteressenten waren zunächst misstrauisch, ob ich ein weiterverkaufbares Objekt sei. Nach einigem Verhandeln und geschicktem Paktieren des jungen Mannes kaufte ihn ein Händler WALDI, den Ordner, also mich – für seine berühmten "80€ - damit ist der Prüjel jood bezallt", wie er es immer in seinem breiten Rheinländer-Dialekt zu sagen pflegt. Nun stehe ich in einer seiner Vitrinen in seinem Antiquitätengeschäft – und harre der Dinge, die da kommen mögen. Bin gespannt, welch Abenteuer mir als nächste widerfahren mögen. Möge man in interessanten Zeiten leben…






(06.09.2020)(C) Knordner Knordnerood 


Stulle: Eine höchst eigenartige Kurzgeschichte. Du hast sie der Kategorie "Fantasy" zugeordnet. Dem
Inhalt nach: Wieso nicht unter "Historie"?

Knooshood: Weil ich das für überzogen hielt. Es ist ja keine "Geschichte aus der Geschichte", auch wenn
historische Begebenheiten kurz gestreift werden.

Stulle: Auffällig ist, dass viele kleine Anekdoten vorkommen, aus der deutschen Geschichte der letzten
100 Jahre, 101 um auf das Jahr genau zu sein...

Knooshood: Bewusst.

Stulle: Wie bist Du darauf gekommen, ausgerechnet das (fiktive) Leben eines Aktenordners zu
thematisieren?

Knooshood: Ähnlich wie bei meiner zuerst hier veröffentlichten Kurzgeschichte "Leben im Glas" oder so
ähnlich wollte ich mich in die Lage eines Gegenstandes, einer eigentlich toten Materie, versetzen: WENN
es einen Ordner gäbe, der all die geschichtlichen Begebenheiten miterlebt hätte, wie würde sich das aus
seiner Sicht darstellen.

Stulle: Dabei sind auch die unschönen Kapitel der deutschen Geschichte mit von der Partie. Und zwar
sowohl das Dritte Reich als auch die DDR. War Dir das ein Herzensanliegen?

Knooshood: Die dunklen, üblen Kapitel des Bösen gehören leider mit dazu. Leugnen kann und sollte man
sie nicht, sie auszusparen, hätte die Story verfälscht.

Stulle: Am Ende kommt sogar das "Walzwerk" in Pulheim vor, eine klare Anspielung auf die ZDF-Sendung
"Bares für Rares", in der Leute ihren alten Ramsch oder auch wertvolle Gegenstände aller Art zu Geld
machen können, indem sie sechs Antiquitätenhändlern gegenübertreten, die dann jeweils ihre Gebote
abgeben. Der mit dem besten gewinnt.

Knooshood: Warum ich die Sendung erwähnt habe, ist einfach: ich mag sie sehr gern. Sie ist meines
Erachtens eine der drei Sendungen, die mir definitiv fehlen würden, wenn es das ZDF nicht mehr gäbe.
Die anderen beiden sind "Aktenzeichen XY" und (mit Einschränkungen) "Terra X"...

Stulle: Wie wird es mit dem Aktenordner weitergehen? Wird er eine Fortsetzung erfahren?

Knooshood: Offenes Ende, gutes Ende. Nein, nein, das muss nicht sein. Lieber so, als nach 33 Jahren
einen lauen Fortsetzungsaufguss des "Der Prinz aus Zamunda", übrigens nicht im Kino, sondern auf
AMAZON PRIME, diesem Streaming-Dienst. Für mich unanguckbar. Nee, Kurzgeschichten neigen seltener
zu Fortsetzungen, es sei denn, sie sind zu lang (absurd!), sodass man sie in mehrere Teile unterteilt.
Würde ich mit meinem neuen Eichhörnchen-Fan-Fiction-Werk wohl machen...

Stulle: Danke für dieses Gespräch.

Knooshood: Danke ebenfalls.
Karl-Konrad Knooshood, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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