Manfred Bieschke-Behm

Auf dem Weg zum Frühling

Das Zebra Zebrella, das Löwenbaby Lion, der Papagei Tweety, die Giraffe Langhals, das Erd-männchen Stehauf und der Elefant Trompete liefen seit vielen Stunden von der anderen Seite des Hügels durch einen tief verschneiten Wald. Alle hatten sich auf den Weg gemacht, den Frühling entgegenzulaufen. Hätten einige gewusst, dass der Weg so beschwerlich sein wird, wären sie nicht mitgelaufen. Die Idee für das Abenteuer hatte Trompete der Elefant. Seine Sehnsucht nach Wärme, Sonne und frisches Gras war riesengroß. „Mag der Winter beim Auftauen auch schreckliche Schmerzen erleiden, hält sich mein Mitleid in Grenzen“, verkündete Trompete. „Mir dauert es zu lange, bis die Tage länger werden und die Erde frei von Schnee ist. Solange sollten wir nicht warten“, erzählte der Elefant den anderen Tieren und erhielt dafür Applaus. Die belesene Giraffe Langhals fügte hinzu: „Irgendwann muss die Zukunft beginnen.“ Voller Begeisterung machten sie sich auf den Weg. Das Zebra Zebrella, von allen das kälteempfindlichste Tier, merkte sehr schnell, dass ihm das Stapfen durch zum Teil kniehohem Schnee schwerfiel . Bei jedem Schritt hob Zebrella ein Beine wie eine Ballerina in die Höhe und schüttelte es kräftig. Das sah seltsam aus und ergab weder für das Zebra noch für die begleitenden Tiere einen Sinn. Stehauf das Erdmännchen war schlau. Von Anbeginn hatte es sich einen Platz auf dem Kopf des Elefanten gesichert. Zunächst wurde seine Wahl der Fortbewegung nicht begrüßt. „Wenn ich auf Trompetes Kopf reise und mich hin und wieder aufrichte, werde ich der Erste sein, der den Frühling nahen sieht“, begründete das Erdmännchen seine Transportwahl. Seine Erklärung wurde von allen akzeptiert außer von Tweety dem Papagei. „Ich werde der Erste sein“, protestierte Tweety. „Ich habe während des Fluges den totalen Weitblick. Ich bin euer Flugbegleiter. Ich schwebe über euch.“ Der Elefant hatte sich gefragt, wie lange die Streiterei noch gehen wird. ‚Wenn es mir zu bunt wird, stoße ich einen gewaltigen Trompetenstoß aus, und dann ist Ruhe im Karton‘, überlegte er. „Du bist keine Konkurrenz für mich Tweety“, quietschte Stehauf das Erdmännchen. „Die Mütze ,die du dir aufgesetzt hast, ist mindestens zwei Nummern zu groß und wie ich sehe, rutscht sie dir ständig über die Augen. Wie willst du dabei den Weitblick haben? Außerdem verlierst du ständig Federn. Wenn du so weiter machst, kommst du nackig an und fliegst womöglich gegen einen Baum.“ „Das wird nicht passieren, du neunmalkluges Erdmännchen. Pass auf, dass dir deinen Ohren-schützer nicht wegfliegen. Bei dem ruckeligen Gang, den dein Transportmittel hat, kann das leicht passieren. Jetzt wurde es dem Elefanten zu bunt. „Mir reicht es“, sagte er, hob seinen Rüssel und stieß einen ohrenbetäubenden Ton aus. Der war so laut und kräftig ,dass der Papagei vor lauter Schreck weitere Federn verlor und das Zebra vergaß, eines seiner Beine zu heben.  Von allem unberührt blieb der kleine Löwe Lion. Mit wachen Augen, grüner Pudelmütze und großer Bommel als Krönung trottete er gleichmäßig vorneweg. Er war in dem Glauben, die Karawane anzuführen. Natürlich war es der Elefant, der das Kommando hatte. „Nicht müde werden“, trötete er und trottete, ohne nach rechts oder links zu schauen, weiter geradeaus. Die Giraffe Langhals musste höllisch aufpassen, wollte sie nicht den Anschluss verlieren. Durch ihre langen Beine hatte sie Mühe, Tritt zu fassen und das Tempo zu halten. „Geht’s ein bisschen langsamer“, fragte sie vorsichtig und hoffte auf Einsicht und Verständnis. „Wenn es nach mir ginge, könnten wir an Tempo zulegen. Je schneller wir vorwärtskommen, desto eher erreichen wir unser Ziel.“ „Du hast gut reden, du Erdmännchen. Du thronst auf dem Kopf des Elefanten und lässt dich durch die Gegend tragen“, protestiert Zebrella das Zebra. „Wenn du willst, kannst du für ein bis zwei Stunden meinen Platz einnehmen“, bietet Stehauf dem Zebra an. „Was noch eine bis zwei Stunden“ hechelt Langhals die Giraffe. „Das halte ich nicht durch. Ich falle vorher um.“ „Keiner fällt mir um“, bestimmte der Elefant. „Und, ob es noch ein bis zwei Stunden dauert, bis wir unser Ziel erreicht haben, weiß keiner von uns. Und selbstverständlich stehe ich dem Zebra als Transportmittel nicht zur Verfügung. Nur damit das klar ist Erdmännchen. Was für eine absurde Idee.“ „War nur ein Scherz“, meinte das Erdmännchen und rückte seine Ohrenwärmer in Position, was mit roten Fäustlingen gar nicht so einfach war. Die Giraffe ärgerte sich, dass sie sich, als es losging, den viel zu kurzen lila Schal gegriffen hatte. Sie hätte auf ihre Lieblingsfarbe verzichten sollen und lieber den rot-gelb-gestreiften Schal, den sich der Elefant um den Hals geschlungen hat, nehmen sollen. Der ist zehnmal so lang und hätte ihren ganzen langen Hals warm eingepackt. ‚Wer eitel ist, muss leiden‘, sagte sie sich und schielte auf den Schal des Elefanten. Wiederholt klagte das Zebra über kalte Füße. Zebrella hatte vergessen, dass sich in dem Rucksack, den sie auf den Rücken gebunden hatte, Gamaschen befanden. Als es hieß, jeder darf sich einen Gegenstand mit auf die Reise nehmen, dachte sie sofort an den Rucksack, in dem sich gut einiges verstauen ließe. Jetzt hatte das Zebra ein Problem. Weil es hieß, dass jedes Tier nur einen Gegenstand mitnehmen darf, wären die Gamaschen und davon gleich vier, vier weitere verbotene Teile gewesen. Also blieb Zebrella nichts anderes übrig, als die Gamaschen spazieren zu tragen, anstatt sie anzulegen. Wäre das Zebra pfiffig gewesen, hätte es sagen können, dass das Erdhörnchen Ohrenschützer und Handschuhe mitgenommen hat, also insgesamt drei Gegenstände. Das hätte, keiner weiß es, vielleicht Ärger gegeben, vielleicht aber auch zur Einsicht geführt. Zebrella verhielt sich ruhig und litt und fror weiter vor sich hin. Unter den Tieren hatte er einen schweren Stand. Einmal erwähnte Zebrella, dass nach Vorbild ihres Felles die Fußgängerüberquerungen, die sogenannten Zebrastreifen, über die Millionen von Fußgänger weltweit laufen, benannt wurden. Seitdem galt das Zebra als Außenseiterin. Keines der anderen Tiere hatte auch nur ansatzweise gleichwertvolles vorzuweisen. Plötzlich hielt der kleine Löwe Lion inne. Die anderen Tiere hatten Mühe, abrupt stehen zu bleiben. Die Giraffe stieß gegen den Po des Elefanten, was dazu führte, dass das Erdmännchen fast heruntergefallen wäre. Der Löwe erklärte voller Freude, dass er frisches Gras riechen würde. Gleich darauf meinte das Erdmännchen in naher Ferne eine Wiese voller Frühlingsblumen entdeckt zu haben. Tweety der Papagei bekam trotz Federverluste Frühlingsgefühle und sowohl die Giraffe als auch das Zebra vergaßen, das sie froren. Trompete. Der Elefant war froh, dass es nur noch wenige Minuten dauern würde, bis sie ihr Ziel erreichen würden. Für heute zum letzten Mal hob er seinen Rüssel, stieß erneut einen lauten Elefantenton aus und sagte: „Der Weg hat sich für uns alle gelohnt. Den Winter haben wir hinter uns gelassen.“ Der Papagei überlegte eine Weile, ob sich auch für ihn die Reise gelohnt hat. Die Befürchtung, dass er mit vermindertem Federkleid keine Partnerin finden würde, bestätigte sich nicht. Er fand sehr schnell ein Papageienfrauchen, mit der er zwei Kinder bekam. Später wird er sagen: „Es kommt nicht auf das Äußere an. Innere Werte zählen.“

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