Wolfgang Hoor

Damals die Wolken

Damals die Wolken

Damals, im Sommer des Jahres 1947, sah es nach einer großen Dürre aus. Tagelang war der Himmel wolkenlos geblieben und die Eltern klagten, wenn es so weitergehe, werde alles verdorren und es werde noch schlimmer mit den Lebensmitteln und dem Hunger. Und ich würde dann jeden Morgen mit ansehen müssen, wie das Brot, das die Mutter auf neun Köpfe verteilen müsste, weniger und weniger würde, und wer weiß, ob dann überhaupt noch was für mich übrig bleiben würde. „Seid froh, dass ich noch was in der Eifel besorgt habe“, meinte mein Vater, „wenn ich mit leeren Taschen zurückgekommen wäre, müsste das Frühstück ganz ausfallen.“ Eine grässliche Vorstellung!

Damals war ich sechs, ging noch nicht in die Schule und hoffte, dass ich mal etwas ganz Großes für die Familie tun könnte. Ich, der Kleinen, lief nur allen im Haus in den Füßen herum. Es war schwer gewesen, für mich einen Kindergartenplatz zu bekommen und es war schwer, mich jetzt, in den Schulferien, den ganzen Tag zu beschäftigen. Also musste ich mich nützlich machen. Ich würde als erster sehen, wie die Wolken kommen und sich zusammenziehen, wie sich der große Regen ankündigt, und dann würde ich der Familie die Erlösung ankündigen. Sie würden mich dann, dachte ich, zum Helden ausrufen und würden tagelang nur noch von mir sprechen. Was für eine Aussicht, wenn man der Kleine und das sechste Kind ist!

Also lag ich im Gras und beobachtete den makellos blauen Himmel. Ich lag lange da, ohne dass etwas geschehen wäre. Nur ein paar Wespen summten um meinen Kopf herum und einmal fuhr auf unserer Straße ein Auto. Ich hörte die Kinder, die Zigarettenkippen sammelten. Und als ich schon fast genug hatte, in den Himmel zu starren, kamen sie doch noch, die Wolken. Zuerst ganz kleine Schäfchen, die sich in mein Gesichtsfeld heranpirschten und durcheinander hoppelten und sich verwandelten und plötzlich alle zusammen ein grau-weißer böser Wolf wurden. Er wurde immer größer und breiter und düsterer. War das schon die Regenwolke?

Aber dann bewegte sich auf ihn hin eine Seele – ich wusste damals nicht, wie Seelen aussehen, aber so schön, so strahlend weiß, wie sie war, musste es eine Seele sein. Sie bewegte sich furchtlos auf den Wolf zu, der plötzlich kleiner wurde. Und dann sah ich wie der Wolf verzweifelt davonjagte und die schöne weiße Seele sich dem Tempel Salomos näherte.

Den Tempel Salomos kannte ich aus der Bilderbibel meiner Eltern. Er erhob sich mächtig, groß und schön. Durch seine Fenster konnte man aber immer noch das Blau des Himmels sehen. Auf diesen Tempel schritt nun die Seele zu, sie erhob ihr mächtiges Haupt, zog in den Tempel ein und der Tempel wurde von der Seele aufgesaugt. Sie stand schließlich groß und gewaltig da, hatte kleine Einbuchtungen , die wie Augen und Münder aussahen.

Ich hatte längst vergessen, dass ich auf Anzeichen des großen Regens wartete und auf meine große Stunde als Prophet und Held der Familie. Ich wartete inzwischen darauf, dass am Himmel wieder etwas ganz und gar Ungewöhnlich passieren würde, wo doch jetzt die Seele und der Tempel Salomos miteinander verschmolzen waren. Und siehe, da quollen kleine Wölkchen aus den Einbuchtungen der Seele, Brote, Brote, eine unendliche Fülle von Broten. Das war das Zeichen, das wir uns bald satt essen könnten. DAS war die Ankündigung des Regens

Ich war derart verzaubert von dem Schauspiel der sich verwandelnden Wolken, dass ich nicht bemerkte, wie mein Freund Dieter, drei Schritte von mir entfernt, stehen geblieben war und dabei überheblich lachte: „Sag mal Wolfgang, was machst du denn da? Was starrst du da in den Himmel? Spielt da etwas der FC Saarbrücken?“ Ich richtete mich wie ein Junge auf, der im Kindergarten einen Anpfiff bekommen hat. „Ich warte darauf Regenwolken zu entdecken“, behauptete ich. „Wenn ich den Regen richtig voraussage, bekomme ich 10 Franken.“ Ich hatte damals 10 französische Franken von meiner Tante geschenkt bekommen.

„Komm, such mit mir nach Regenwolken. Die 10 Franken teilen wir dann, wenn wir die Regenwolken als erste entdecken.“ Das überzeugte Dieter. Er legte sich zu mir. Wir warteten gemeinsam und warteten und warteten. Und meine Brotwölkchen und meine reine Seele verschwanden. Der Himmel war wieder wolkenlos. Dieter sagte unwillig: „Ich mach nicht mehr mit. Regenwolken sind tiefdunkel“, und er verschwand. Ich war überzeugt: Dieter hatte die zärtlichen Wölkchen vergrault und mich durch seine üble Laune verärgert. Als eine Stechmücke sich an meinem Blut labte, hatte auch ich genug.

Um acht am Abend brachte mich meine Mutter ins Bett. „Was hast du denn heute so gemacht? Du warst doch hoffentlich nicht auf der Straße bei den Kindern, die Zigarettenkippen sammeln!?“ Ich schüttelte müde und traurig den Kopf. „Ich hab‘ auf die Regenwolken gewartet. Die sind aber nicht gekommen und statt dessen nur eine Seele.“ – „Was hast du gesehen?“ – „Eine Seele. Sie fliegt am Himmel herum. Sie ist so weiß wie ein frisch gewaschenes Betttuch.“

„Ach wie schön“, sagte meine Mutter und gab mir einen Kuss. „Ich hab‘ noch nie eine Seele gesehen.“ – „Obwohl du schon so groß und alt bist?“

Und ich war nun doch mächtig stolz auf diesen Tag und darauf, dass ich, was die Seele betrifft, mehr gesehen hatte als meine Mutter in ihrem ganzen Leben.

  1. Ende ist in diesem Jahr doch nicht alles verdorrt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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