Klaus-Peter Behrens

Artefaktmagie, Teil 52

Liebe Leser,

sorry, ich hatte diese Geschichte völlig aus den Augen verloren. Daher nun ein längerer Teil. Ich verspreche, der Rest wird auch noch folgen.

Für die, die neu einsteigen, die Ultra Kurzfassung..

 

Einst wurde das Tor zur Finsternis für immer versiegelt, um die Bedrohung vor den Kreaturen der Unterwelt zu bannen. Mit der Zeit geriet die Bedrohung jedoch in Vergessenheit und wurde zum Mythos. Nun aber hat das Tor Risse bekommen, und eine längst vergessen geglaubte Gefahr wird plötzlich wieder real. Unheimliche Jäger streifen durch das Land und verbreiten Furcht und Schrecken. Und es kommt noch schlimmer. Eine gewaltige Armee der Finsternis steht hinter den Toren bereit, das Land zu unterjochen und es in Chaos und Verderben zu stürzen.

Die einzige Hoffnung: Ein magischer Schlüssel, das Artefarkt, mit dessen Hilfe es allein möglich ist, das Tor zur Finsternis erneut zu verschließen. Doch durch ein magisches Versehen ist das Artefarkt in der Welt des fünfzehnjährigen Michael gelandet, der nicht ahnt, was er da in den Händen hält. Der Vorsitzende des Elbenrates der Zauber schickt daraufhin seine Tochter Glyfara auf die gefährliche Suche nach dem Artefakt. Doch Glyfara ist nicht die einzige, die von seiner Existenz weiß. Die Jagd hierauf hat schon längst begonnen. 



Bleibt gesund



Die dumpfen Trommelschläge, zu denen sich die Horde unerbittlich auf das Tor zu bewegte, hallte bis zu den Mauern der Verteidiger herüber. Eine Viertelmeile war der dichte Pulk noch entfernt, doch der Anblick löste schon jetzt Beklemmung aus. Wie Insekten wimmelten unzählige dämonische Krieger um den gewaltigen Rammbock herum, der sich unerbittlich vorwärts wälzte. Sturmleitern ragten rund um das hölzerne Ungetüm zuhauf aus der Masse der Krieger auf, und überall wurden Schwerter, Spieße und Keulen angriffslustig in die Höhe gereckt.

An den Flanken ritten die gefürchteten Ulogs auf ihren mächtigen, pechschwarzen Streitrössern auf und ab und bellten Befehle, während die Trommeln dumpf dröhnten.

Bumm. Bumm. Bumm.

Auf der Mauer betrachteten Grüneich und seine Mitstreiter mit dem Mut der Verzweifelten die gewaltige Streitmacht, die sich auf sie zubewegte.

Wie sollten sie einem so übermächtigen Feind standhalten?

Mit grimmiger Entschlossenheit warf der Troll einen Blick in den Burghof, wo der Karren einsatzbereit am Tor stand. Das tödliche Faß lag bereits oben auf der Rampe, ein zweites stand ein Stück abseits.

Mehr hatten sie nicht aufzubieten.

Einer der Torwächter wartete mit einer Fackel nervös neben dem Wagen auf Grüneichs Befehl, der andere war seinem Blick entzogen. Grüneich wußte aber, daß er in diesem Moment mit vermutlich schweißnassen Händen am Tor auf den Befehl wartete, die Öffnung für die Rampe beiseite zu schieben.

Bald würde er dazu Gelegenheit bekommen.

Inzwischen war der verhaßte Feind in Pfeilschußreichweite gelangt. Sofort gab der Obertorhüter den Befehl zum Beschuß, worauf die zwanzig Bogenschützen, unter denen sich auch die von Glyfara ausgebildeten Frauen befanden, zischende Pfeilsalven auf die Angreifer losließen. Tödlicher Beschuß regnete nun auf die Feinde herab, und nicht allen gelang es, rechtzeitig Schilde zum Schutz hochzureißen. Sofort folgte eine zweite und eine dritte Salve. Dutzende der Pfeile gingen ins Ziel. Trotzdem war dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Bedrückt mußten die Verteidiger feststellen, daß der Beschuß den Feind noch nicht einmal für einen Moment in seinem Vorwärtsdrängen hatte innehalten lassen. Dafür folgte nun der Gegenangriff. Hörner blökten, Ulogs brüllten Befehle, und einen Augenblick später prasselten Pfeile und Bolzen gegen die Brustwehr und zwangen die Verteidiger in Deckung.

Viel Feind, viel Ehr.

Grüneich hatte ein Leben lang nach diesem Motto gelebt und keine Auseinandersetzung gescheut. Diesmal hätte er allerdings nichts dagegen gehabt, wenn die Ehr ein wenig geringer ausgefallen wäre. Fluchend hielt er den Kopf unten, während Pfeile und Bolzen klirrend an der Brustwehr zerbrachen oder wie zornige Hornissen über ihn hinweg schwirrten, um irgendwo an steinernen Mauern zu zerschellen.

Sobald eine Lücke im Beschuß auftritt, laßt eure Pfeile wieder fliegen!“, ertönte die kräftige Stimme des Obertorhüters, der ebenfalls zusammengekauert hinter der Brustwehr hockte. Sein Blick glitt zu den Feuerstellen im Hof, wo dem Kindesalter gerade entwachsene Jünglinge in Ermangelung von Teer Wasser in großen eisernen Töpfen zum Kochen brachten. Der Obertorhüter nickte ihnen aufmunternd zu. „Schürt das Feuer unter den Kesseln. Wir werden jede Menge kochendes Wasser brauchen, und ihr anderen achtet auf die Kriegsleitern und Haken! Laßt nicht zu, daß sie auch nur einen Fuß auf unsere Mauern setzen!“

Ein vielstimmiger Schrei der Zustimmung war die Antwort.

Erneut regnete der Tod nun auf den Feind im Form von Bolzen und Pfeilen herab. Abgeschossen von verbissenen Kämpfern, die sich auch angesichts der erdrückenden Übermacht den Kampfmut nicht nehmen ließen. Aber trotz der erbitterten Verteidigung drang der Feind weiter unaufhaltsam vor, auch wenn er jeden Fuß breit Boden mit hohem Blutzoll bezahlen mußte. Grüneich sah mehrere der kräftigen Ulogs von Pfeilen getroffen aus den Sätteln ihrer Reittiere kippen, während an anderer Stelle verletztes Fußvolk zu Boden sank und von den Nachfolgenden gnadenlos niedergetrampelt wurde. Dieser Feind kannte noch nicht einmal mit seinesgleichen Erbarmen, und nun hatte er den Fuß der langen Auffahrt zum Tor erreicht. Triumphierendes Gebrüll drang zu ihnen herauf, während neue Pfeile und Bolzen gegen die Brustwehr prasselten und die Kriegstrommeln dröhnten.

Bumm. Bumm. Bumm.

Unter den harschen Befehlen der Ulogs bildeten feindliche Fußsoldaten mit mächtigen Schilden einen zusätzlichen Schutzwall rund um den Rammbock, der sich nun die Auffahrt zum Tor hinauf wälzte. Dahinter ergoß sich die Zahl der Angreifer wie eine Flut über die Ebene, die mit Leitern und Greifhaken bewaffnet auf den südlichen Festungswall losstürmten.

Auf den Mauern knirschten die Verteidiger bei diesem Anblick mit den Zähnen und beteten, daß die Kriegslist des Trolls gelingen möge, während sie weiter Pfeile auf ihre Feinde niederregnen ließen. Aber auch der Feind ließ sich nicht lumpen, und zwang die Verteidiger immer wieder hinter der Brustwehr in Deckung zu gehen, wenn dämonische Armbrüste und Bögen den Beschuß erwiderten.

Als die erste Welle der Angreifer den Wall erreichte und unter Gebrüll Kriegsleitern anlegte und Greifhaken schwirren ließ, wuchteten die Verteidiger oben auf der Mauer mehrere gewaltige Kessel auf die Umrandung. Ehe die Angreifer reagieren konnten, ergoß sich bereits ein Schwall kochendheißen Wassers über die Zinnen und verbrühte im weiten Umkreis unzählige Dämonen. Schreiend versuchten sich die Überlebenden zurückzuziehen, nur um den schwirrenden Langbögen der Verteidiger zum Opfer zu fallen, die mit grimmiger Entschlossenheit Pfeil um Pfeil in die brodelnde Masse versenkten, während die Kriegstrommeln unablässig dröhnten.

Bumm. Bumm. Bumm.

Inzwischen war der vorderste Teil des Trosses rund um den Rammbock keine sechzig Schritt mehr von dem Tor entfernt. Dahinter bereiteten sich die Verteidiger auf das Unmögliche vor, den übermächtigen Feind zurückzuschlagen.

Bumm. Bumm. Bumm.

Torwächter!“, brüllte Grüneich. „Haltet Euch bereit. Es ist gleich soweit.“

*

Die kleine Schaluppe tanzte auf den Wellen, indes Gorgor an der Pinne unablässig die Stelle absuchte, an der er das Dingi zuletzt gesehen hatte. Trotzdem konnten er keine Spur des Dingis entdecken. Jedesmal, wenn das kleine Boot auf dem Kamm einer hohen Welle ritt, schweifte der Blick des Dämonen prüfend über das Wasser. Jedesmal mit dem gleichen negativen Ergebnis.

Das Dingi blieb verschwunden.

Noch nicht einmal Trümmerteile oder Leichen trieben im Wasser. Daß sie an dieser Stelle an Land gegangen waren, hielt der Dämon für ausgeschlossen. Die Klippen wirkten wie glatt poliert und ragten nahezu lotrecht gute zweihundertfünfzig Fuß aus dem unruhigen Meer in den nächtlichen Himmel auf. Dort hinauf zu kommen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Lediglich ein paar zähen Pflanzen war es gelungen, auf dem unwirtlichen Untergrund hoch über den unablässig gegen den harten Stein schlagenden Wellen Fuß zu fassen.

Wütend drosch Gorgor mit der Faust auf die hölzerne Wandung, daß das Holz protestierend knirschte. Dann ließ er das Boot in einem weiten Kreis wenden, um erneut nach Spuren zu suchen. Irgendwo mußte das Dingi ja sein. Seine Finger trommelten unruhig auf der hölzernen Pinne während sein Blick über das schwarz glänzende, unruhige Wasser, auf dem sich das geisterhafte Licht des Mondes widerspiegelte, zu den hoch aufragenden Klippen wanderte, an denen sich die Wellen brachen.

Und dann sah er es plötzlich.

Es war so offensichtlich, wenn man nur wußte, wonach man suchen mußte. Vor Begeisterung stieß er einen lauten Triumphschrei aus, der die Ulogs an den Rudern erschrocken zusammenfahren ließ. Ohne zu zögern vollzog er an der Ruderpinne eine Viertelwendung und hielt nun schnurgerade auf eine Stelle der hoch aufragenden Klippen zu, an der die Wellen sich nicht brachen, sondern vielmehr durch das massive Gestein hindurch zu gleiten schienen. Die Ulogs knurrten erfreut, als ihr Anführer ihnen von seiner Entdeckung berichtete und legten sich mit neuem Elan in die Riemen. Diesmal würde ihnen die Beute nicht entkommen.

 

*

Beeilt euch!“

Wengors Befehl hallte laut über den Schlachtenlärm hinweg. Mit dem Schwert in der Hand wies er energisch auf den hölzernen Turm, doch die beiden Träger wußten auch so, was zu tun war. Hastig schlangen sie jeweils einen Strick um den Hals der tönerne Gefäße, während um sie herum der Krieg tobte. Schrille Todesschreie und Schlachtrufe zerrissen die Luft, Metall traf klirrend auf Metall, und Pfeile drangen mit dumpfem Geräusch in lebendes Fleisch. Die Apokalypse war über die Bruderschaft gekommen, aber die beiden Jungen ließen sich davon nicht beeindrucken.

Mit flinken Fingern zogen sie die Knoten fest zusammen und begannen im Anschluß die tönernen Gefäße zuerst langsam und dann immer schneller über ihrem Kopf im Kreis zu schwingen. Mit zusammengekniffenen Augen fixierten sie ihr Ziel. Ihre Herzen hämmerten, aus Angst zu versagen; denn dies war ihr letzter Pechvorrat. Sollte ihr Wurf daneben gehen, würde es keine weitere Gelegenheit mehr geben, um den Turm in Brand zu setzen. Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt für Zweifel.

Weiter und weiter erhöhten sie die Geschwindigkeit der Drehbewegung, bis ihnen die Armmuskeln schmerzten und die Handflächen von der rauhen Oberfläche des Stricks brannten. Schließlich bildeten die Krüge zwei flirrende Kreise über ihren Köpfen.

Feuer“, brüllte Wengor nach einem kurzen Seitenblick aus vollem Hals, worauf die Jungen erleichtert ihre tödliche Ladung fliegen ließen.

Atemlos beobachteten sie, wie die Krüge, die Stricke wie einen Kometenschweif nach sich ziehend, anmutig einen hohen Bogen beschrieben, bevor sie an der Wandung des Turms zerschellten und Holz und Dämonen gleichermaßen mit der klebrigen, schwarzen Flüssigkeit bespritzten, die sogleich an Balken und Holzwänden hinablief.

Gewaltiger Jubel brach unter den Verteidigern aus, als die Brandpfeile der Bogenschützen folgten und einen Augenblick später eine gewaltige Feuerlohe aus dem oberen Teil des Turms in die Höhe schoß. Sofort breiteten sich die Flammen mit atemberaubender Geschwindigkeit aus, leckten an Balken und Planken und schlossen die Kämpfer auf der Rampe von ihrem Nachschub ab. Anstatt blutrünstiger Schlachtrufe erklangen nun qualvolle Schreie aus dem Inneren des Turms, wo Dämonen sich in lebende Fackeln verwandelt hatten und für nackte Panik sorgten. Der Weg zum Sieg hatte sich von einem Moment auf den anderen als Marsch in den Tod entpuppt. Wer fliehen konnte, floh, der Rest starb elend in dem sich gnadenlos ausbreitenden Flammenmeer.

Oben auf der Rampe sah es nicht besser aus.

Das wütende Feuer hatte die Angreifer völlig unvorbereitet erwischt. Auch hier waren viele Dämonen dem Feuer zum Opfer gefallen. Etliche von ihnen hatten sich in ihrer Verzweiflung von der Rampe gestürzt, andere waren durch Pfeilsalven der Angreifer von ihrer Qual erlöst, und einige waren sogar durch die Waffen ihrer Mitstreiter erledigt worden, bevor sie für andere zu einer Gefahr wurden. Das hierdurch entstandene Chaos wurde von ihren Gegner gnadenlos ausgenutzt. Seite an Seite säuberten Grimmbart und Wengor nun die Plattform von ihren Gegnern und wateten dabei in Strömen aus Blut. Als schließlich der letzte Dämon unter Grimmbarts Axt gurgelnd sein Leben aushauchte, übertönte der Jubel der Sieger für einen Moment sogar das Wutgeschrei der Angreifer, die mit ansehen mußten, wie ihr Belagerungsturm endgültig ein Raub der Flammen wurde.

Während Wengor sich überschwenglich bei den Jungen bedankte, eilte Grimmbart bereits besorgt zum Südtor, wo der Troll jeden Moment den Befehl zum Einsatz seiner Wunderwaffe geben würde.

*

Taren war erledigt.

Fertig.

Am Ende.

Tot.

Das Leid der Verletzten und Sterbenden war über sie hereingebrochen wie ein Tsunami.

Gnadenlos und unabwendbar.

Während sie von einer Bahre zur nächsten eilte, Verbände anlegte und die wenigen Heilkräuter verabreichte, über die sie noch verfügten, nahm sie im Unterbewußtsein wahr, daß das dumpfe Tönen der Kriegstrommeln lauter geworden war.

Bedrohlicher.

Es bildete einen unheimlichen Kontrapunkt zu dem Stöhnen und Wimmern der Verletzten um sie herum. Der Feind mußte sich inzwischen unmittelbar vor den Mauern der Bruderschaft befinden. Vermutlich würde er versuchen, mit einem Rammbock das Tor zu sprengen. Die Worte Grimmbarts fielen ihr wieder ein.

Wenn der Tag kommt, fällt die Festung.

War es jetzt etwa so weit?

Würde nun das Ende über sie hereinbrechen?

Sie wußte es nicht, und es war ihr auch egal. Sie konnte es ohnehin nicht ändern, und fliehen kam für sie nicht in Betracht. Sie wurde gebraucht, und sie würde bleiben.

Bis zum bitteren Ende.

Aber sie würde nicht kampflos untergehen. Beiläufig fuhren ihre Hände über die verborgenen Wurfmesser unter ihrem blutbefleckten Kittel. Zwölf Stück steckten dort jeweils in zwei umgelegten Lederschlaufen und warteten darauf, in feindliches Fleisch versenkt zu werden.

Das Klappen der Tür riß sie aus ihren düsteren Gedanken. Zwei Sanitäter trugen einen neuen Verletzten herein. Es war der Junge von vorhin, und diesmal ragte ein Pfeil aus seinem linken Oberarm. Ein scheues Lächeln trat auf sein von Schmerzen gezeichnetes Gesicht, als er Tarens vorwurfsvollen Blick auffing.

Es sah wirklich so aus, als würde die Mauer fallen“, beteuerte er. „Ehrlich.“

Taren nickte resigniert. Innerlich wunderte sie sich ohnehin, daß sie nicht schon längst gefallen war. Dann machte sie sich an die Arbeit.

*

Der Abstieg zum Kraterboden würde tückisch werden. Beklommen registrierte Michael, daß der Pfad an einigen Stellen von Erdrutschen weggerissen worden war, so daß sie dort gezwungen sein würden, über schmale Felsvorsprünge am Rande des Abgrunds zu balancieren. An anderen Stellen würden sie sich mit Händen und Füßen in den glatten Fels krallen müssen, um nicht abzustürzen.

Michael schluckte.

In Deutschland wäre ein solcher Bereich weiträumig abgesperrt. Warnschilder wären aufgestellt, und an der Felswand würde auf ein paar schmucklosen Tafeln an die Namen derjenigen erinnert werden, die auf dem Weg nach unten einen einzigen falschen Schritt gemacht hatten.

Es war der nackte Wahnsinn, sich dort hinab zu begeben, aber leider gab es keine andere Alternative.

Resigniert zuckte er mit den Achseln. Es hätte ihn auch gewundert, wenn zur Abwechslung einmal etwas einfach gewesen wäre.

Nach kurzer Diskussion kamen sie überein, daß Glyfara vorangehen würde, da sie über den besten Kletterinstinkt verfügte. Zögernd begann sie mit dem Abstieg über den Pfad, der an dieser Stelle keine zwei Fuß breit war und in einem derart steilen Winkel nach unten führte, daß selbst die trittsichere Elbin ihren ganzen Mut aufbringen mußte, um ihn zu betreten. Mit einer Hand suchte sie an der rauhen Felsoberfläche zu ihrer Rechten nach Halt, während sie sich vorsichtig Schritt für Schritt der Talsohle näherte.

Im Abstand von jeweils fünf Metern folgten die Gefährten. Zunächst Michael, dann der Wühler, dem der Abstieg als einziger offenbar Spaß bereitete. Das Schlußlicht bildete Glyfaras Vater, der kurzzeitig erwogen hatte, ihnen den Abstieg magisch zu erleichtern. Dann aber hatte er die Idee vor dem Hintergrund, daß er seine Kräfte noch beim Versiegeln des Tors brauchen würde, verschoben. Er würde den Abstieg so bewältigen müssen.

Michael schwitzte. An sich machte ihm Klettern Spaß, aber das hier war eindeutig zu viel Spaß. Der Boden unter seinen Turnschuhen war rutschig und steil, und gelegentlich rollten losgetretene, kleine Steine über die Kante, um klappernd in der Tiefe zu verschwinden. Er beneidete den Wühler um seine messerscharfen Krallen, die es ihm ermöglichten, ohne erkennbare Schwierigkeiten den Abstieg zu bewältigen. In Turnschuhen sah die Sache allerdings völlig anders aus.

Als am schwierigsten erwiesen sich die schmalen Felsvorsprünge von gerade einmal zwei Fuß Breite. Mit dem Rücken zur Wand schob sich Michael dort Zentimeter für Zentimeter hoch über dem Kraterboden vorwärts, den Blick starr auf das Ende des Vorsprungs gerichtet. Nur nicht nach unten sehen, sagte er sich immer wieder, während ihm der Angstschweiß in den Augen brannte. Dankbar atmete er auf, als seine Füße wieder Halt auf dem rutschigen Pfad fanden. Und weiter ging es bergab. Schritt für Schritt bis zur nächsten Stelle, an der der Pfad weggerissen worden war.

Als sie sich nach einer weiteren Viertelstunde endlich dem Kraterboden näherten war Michael grenzenlos erleichtert. Sein Blick glitt kurzfristig zu dem schwarz glänzenden Wasser hinüber, und für einen Moment schoß ein irrwitziger Gedanke durch seinen Kopf. Er hatte plötzlich ein grenzenloses Verlangen zu schwimmen, ins kühle Wasser einzutauchen und den ganzen Schmutz der vergangenen Wochen abzuspülen, wenn das Ganze hier überstanden war. Für einen Moment beneidete er wieder seinen Freund Thomas, der das Glück gehabt hatte, sich in den warmen Fluten des Mittelmeers zu aalen, während er von Dämonen gehetzt durch dieses gefährliche Land gehastet war. Dann schüttelte er unwillig den Kopf und konzentrierte sich wieder auf den Abstieg; denn er hatte nicht die Absicht, ausgerechnet auf den letzten Metern noch abzustürzen.

 

Der Kies knirschte unter dem Kiel der Schaluppe, als das Boot von einer Welle auf den Strand getragen wurde. Sofort sprangen die Ulogs über Bord und zogen ihr Gefährt höher auf den Strand. Dann verhakten sie den kleinen Anker an einem Felsbrocken, damit das Boot nicht von der Flut weggespült werden würde. Erst dann sahen sie sich um, wo sie gelandet waren. Aber der blasse Schein der Buglaterne, die ihr Anführer gerade noch rechtzeitig entzündet hatte, bevor sie in den finsteren Tunnel eingetaucht waren, offenbarte nicht sehr viel. Einer der Ulogs hob die Laterne ein Stück höher und entdeckte im geisterhaften Licht ein Stück weiter den Strand entlang eine unförmige, längliche Masse, die sich kaum sichtbar gegen die rabenschwarze Finsternis dahinter abhob. Knurrend machte er ihren Anführer darauf aufmerksam, worauf sich auf dessen Gesicht ein zufriedenes Grinsen breit machte. Der längliche Gegenstand, der sich dort aus der Dunkelheit schälte, konnte nichts anderes sein, als das gesuchte Dingi.

Sieht so aus, als hätten wir ihre Spur gefunden. Sehen wir uns das Ganze einmal näher an“, sagte er mit kehliger Stimme, worauf die Ulogs blutrünstig knurrten. Im leichten Trab bewegten sie sich über den kiesigen Untergrund durch die Dunkelheit auf das schemenhafte Objekt zu, das sich tatsächlich als das gesuchte Dingi entpuppte.

Spuren“, knurrte einer der Ulogs, der den Kiesstrand um das Boot sorgfältig untersucht hatte und nun in die Knie ging. Seine rechte Klaue fuhr im Licht der blassen Laterne über den feuchten Untergrund, bevor die nächste Welle über den Strand hinweg rollte. „Sie sind dort entlang gegangen.“ Mit der Laterne wies er vorwärts in die Dunkelheit. Zwar hatten die anbrandenden Wellen nahezu alle Spuren ausgelöscht, aber der Ulog war ein erfahrener Spurensucher und konnte selbst die kleinste Unregelmäßigkeit im Untergrund entdecken. Gorgor, der über diese Fähigkeiten nicht verfügte, zweifelte nicht an der Aussage, obwohl der Strand für ihn völlig eben aussah. Er wußte um die Fähigkeiten der Ulogs, denen sogar nachgesagt wurde, sie könnten einer mehrere Tage alten Spur nur mit der Nase folgen.

Laßt uns jagen“, knurrte er zufrieden.

*

Funken stoben wie wahnsinnige Glühwürmchen in die Höhe als der Turm mit lautem Getöse in sich zusammenstürzte. Am Boden sprinteten entsetzte Dämonen auseinander, um nicht von den herabstürzenden Balken und Turmteilen erschlagen zu werden, während ihre Gegner auf den Zinnen begeistert johlten und die Überlebenden mit einem Pfeilhagel eindeckten. Ungeachtet dieses Desasters war die Horde an der Südfront indes unter dumpfen Trommelschlägen weiter vorgerückt.

Bumm. Bumm. Bumm.

Der mächtige Rammbock war keine fünfzig Fuß mehr vom Tor entfernt und würde jeden Moment an selbiges hämmern und Einlaß fordern. Die mit schweren Schilden bewaffneten Dämonen spähten mißtrauisch zu dem Bollwerk hinauf, das drohend vor ihnen aufragte.

Dutzende Pechnasen versprachen einen qualvollen Tod und ließen die Krieger mit ihren Schilden enger zusammenrücken, während von den Zinnen Pfeile und Bolzen auf sie niederprasselten. Viele prallten wirkungslos von den Schilden ab, aber etliche fanden auch ihr Ziel und rissen klaffende Lücken in den Schildwall, wenn Dämonen tödlich getroffen zu Boden sanken.

Hoch über dem Geschehen stand der Troll in der für ihn typisch stoischen Gelassenheit und beobachtete den Vormarsch des Feindes, während vor seinem inneren Auge sein bisheriges Leben Revue passierte. Inzwischen zählte er siebzig Sommer und hatte einiges in seinem Leben erlebt. Auf vieles war er nicht gerade stolz und manches würde er im Nachhinein gerne wieder ungeschehen machen, aber nichts davon war vergleichbar mit der Herausforderung, der er nun gegenüberstand. Vielleicht war dies die Strafe für so manches düstere Kapitel in seinem Leben. Fast schon beiläufig registrierte er ein paar vorwitzige Dämonen, die auf ihren Sturmleitern den Zinnen schon bedenklich nahegekommen waren. Lässig ließ er seine Tötzwanzig vernichtendes Feuer spucken, indes seine Gedanken sich weiter mit seiner derzeitigen Situation beschäftigten.

War dies das Ende, das ihm vorherbestimmt war?

Falls ja, dann wäre es ein ehrenvoller Abtritt, von dem die Barden noch lange singen würden, vorausgesetzt, jemand würde überleben, um von diesem Kampf zu berichten.

Ob dies jedoch der Fall sein würde, war fraglich.

Sein Blick glitt über den angreifenden Feind, der einem Haufen wuselnder Wanderameisen glich.

Aggressiv in ihrem Verhalten.

Unbeirrbar in ihrem Ziel.

Übermächtig in ihrer Zahl.

Er konnte sich nicht erinnern, jemals von einem unausgeglicherem Verhältnis gehört zu haben. Die Frage war nicht, ob sie gewinnen, sondern wieviel Feinde sie mit ins Grab nehmen konnten, und Grüneich hatte vor dafür zu sorgen, daß er reichlich Begleitung auf seiner letzten Reise haben würde. Er bedauerte nur, daß er erst so spät in seinem Leben wahre Freundschaft kennengelernt und einen Platz gefunden hatte, wo er gerne sein restliches Leben in Frieden verbracht hätte. Aber zumindest würde er in guter Begleitung für eine höhere Sache sterben, wenn das Schicksal bestimmen sollte, daß es nun an der Zeit sei, abzutreten. Aber bis dahin würde er seinen Gegnern einen höllischen Kampf bieten, über den man noch in hunderten von Sommern berichten würde. Vielleicht würde er auf diese Weise ein klein wenig Unsterblichkeit erlangen.

Mit zusammen gekniffenen Augen schätzte er die Entfernung zum stetig näher rückenden Feind ab. Jeden Moment würde er die kritische Distanz erreicht haben. Als er sich der dreißig Fuß Grenze näherte, brüllte er den Befehl zum Angriff.

Jetzt!“

Lautstark hallte Grüneichs Befehl über den Platz bis zu Grimmbart hinüber, der gerade den südlichen Wallabschnitt erreichte und den Troll mit riesigen Sprüngen die Treppe zum Tor hinab hasten sah. Indes riß der Wächter unten am Tor bereits den schweren Balken zurück und stemmte sich gegen die stahlgehärtete Platte, die daraufhin auf gut geölten Rollen zur Seite glitt. Begeistertes Johlen erklang nun jenseits des Tores, als die Dämonen die Öffnung in dem Tor entdeckten, und die ersten gut gezielten Pfeile und Bolzen zischten durch sie bereits in den Burghof. Grüneich, der inzwischen an der Seite der Torwächter war, schob, die Gefahr ignorierend, mit einem Ruck die Rampe durch die klaffende Öffnung, während der Torwächter mit der Fackel bereits die Lunte in Brand setzte. Ein furchteinflößendes Grinsen glitt über Grüneichs Gesicht, als er die schnell abbrennende Lunte betrachtete.

Wohl bekomm´s“, brummte er vergnügt. Dann löste er mit seiner beharrten Pranke die Arretierung, worauf sich das Fass mit seiner tödlichen Ladung rumpelnd in Bewegung setzte und einen Augenblick später durch die Öffnung verschwand, wo es Tempo aufnehmend auf den heranstürmenden Feind zurollte.

*

Michael atmete erleichtert auf, als sie endlich den Grund erreichten und nun durch die dichte Vegetation dem Verlauf eines kaum mehr sichtbaren Pfades zum Mittelpunkt der Insel folgten, wo der düstere Monolith wie ein Hochhaus in den nachtschwarzen Himmel ragte. Anders als zuvor kamen sie nun gut voran und standen schon kurze Zeit später am Rande des völlig unbewegten Sees. Kein Windhauch kräuselte die Oberfläche. Wie poliertes Glas schimmerte das Wasser im blassen Licht des Mondes und bildete damit das perfekte Pendant zu der glasiert wirkenden Oberfläche des Monolithen. Hier dar trieben leichte Nebelschwaden über das totenstille Wasser, das auf Michael den unwiderstehlichen Reiz ausübte, dort ein wenig Leben hineinzubringen. Aus purem Übermut hob er einen flachen Stein auf, um ihn über die Wasseroberfläche tanzen zu lassen. Bevor er jedoch zum Wurf ausholen konnte, wurde er von Gelon gestoppt.

Laß das“, befahl er mit gebieterischer Stimme. „Niemand weiß, was in den Tiefen dieses Sees lebt, und keiner hat bisher die Lust verspürt, es herauszufinden. Aber vielleicht werden wir es bald wissen, wenn du es mit deinen Steinwürfen neugierig machst und aus der Tiefe an die Oberfläche lockst. Ich denke, auf diese Erfahrung können wir verzichten.“

Dummkopf“, brummte der Wühler und schüttelte sein pelziges Haupt. Die Vorstellung, daß sein Weggefährte beinahe ein Ungeheuer aus der Tiefe auf sie aufmerksam gemacht hätte, sagte ihm gar nicht zu. Vorwurfsvoll sah er zu Michael auf, der angesichts der Gefahr, in die er sich und seine Gefährten möglicherweise mit seiner unbedachten Reaktion gebracht hätte, betreten nickte. Steine über die Wasseroberfläche tanzen zu lassen war für ihn immer etwas völlig Banales gewesen. Er sah jedoch ein, daß Gelon Recht hatte. Nur zu gut erinnerte er sich noch an die Bewohner des Sumpfes, die ihr Floss attackiert hatten. Falls dieser See ähnliche Ungeheuer beherbergen sollte, waren sie wirklich besser beraten, sich möglichst nicht bemerkbar zu machen. Vorsichtshalber trat er ein wenig vom Ufer des wie tot darliegenden Sees zurück. Dann folgte er Gelon und Glyfara, die sich bereits auf den Weg zu der hölzernen Brücke gemacht hatten, die eindeutig schon bessere Zeiten gesehen hatte. Die Feuchtigkeit hatte den Bohlen im Laufe der Jahre arg zugesetzt und selbst die massiven, hölzernen Stämmen, die in der Schwärze des Sees verschwanden und die Konstruktion stützten, wiesen unübersehbare Zeichen des Verfalls auf.

Eigentlich müßte hier ein Schild mit der Aufschrift „Einsturzgefahr, Betreten verboten“ stehen, ging es Michael durch den Kopf, als er beobachtete, wie Gelon probeweise die erste Planke mit seinem Gewicht belastete. Ein leichtes protestierendes Knirschen ertönte, aber die Planke hielt.

Ich werde als erster hinübergehen. Dann folgst du, Glyfara, dann der Wühler und zum Schluß Michael. Ich glaube zwar nicht, daß die Brücke einstürzen würde, wenn wir alle drei zugleich hinübergingen, aber ich will kein Risiko eingehen. Also haltet euch bitte an meine Anweisung.“

Glyfara und Michael nickten folgsam, worauf Gelon sich umwandte und nun Schritt für Schritt über die betagte Brücke ihrem Ziel entgegen schritt. Die Zurückgebliebenen beobachteten mit angehaltenem Atem, wie der betagte Magier sich der anderen Seite näherte. Der schwarze See wirkte plötzlich noch dunkler, bedrohlicher, und Michael erwartete förmlich, jeden Moment ein apokalyptisches Ungeheuer durch die stille Oberfläche brechen zu sehen. Nur zu gut erinnerte er sich an die Szene im „Herrn der Ringe“, als die Riesenkrake aus dem Wasser hervorgebrochen war, um die Gefährten am Betreten der Mine zu hindern, aber nichts derartiges geschah hier, sah man einmal von sich langsam ausbreitenden, konzentrischen Kreisen rund um die Stützpfeiler ab, die durch die Vibration der alten Bohlen erzeugt wurden. Ansonsten blieb die Oberfläche ruhig wie ein Gemälde. Dies ist eben die Realität und kein Kinoabenteuer, beruhigte er sich selbst, wenngleich ihm alles andere als wohl bei dem Gedanken war, den unheimlichen See über diese wackelige Konstruktion zu überqueren. Ein kalter Hauch striff sein Gesicht und ließ Michael frösteln, als der alte Magier die andere Seite erreichte und mit der Hand prüfend über das schwarze Gestein fuhr. Zögernd blickte Michael zu Glyfara hinüber und konnte an ihrem Gesicht ablesen, daß auch sie es gespürt hatte.

Es geht los“, sagte sie ehrfurchtsvoll. „Der Stein spürt die Ankunft seines Meisters.“

Michael warf einen Blick zur anderen Seite hinüber und mußte einräumen, daß Glyfara mit ihrer Einschätzung Recht zu haben schien. Der Monolith hatte sich verändert. Dunkle Wellen schienen über seine Oberfläche zu gleiten, und es war spürbar kälter geworden. Zudem lag plötzlich ein Hauch von Ozon in der Luft. Offenbar hatte es der alte Magier für angebracht gehalten, nicht auf seine Begleiter zu warten und schon einmal mit der Beschwörung der Magie begonnen. Zumindest hielt er das Artefakt in beiden Händen und befand sich in dem von Michael gefürchteten Trancezustand. Zumindest sah es aus dieser Perspektive für ihn so aus, denn der Magier stand wie erstarrt vor der hoch aufragenden Säule und schien von innen heraus zu leuchten. Michael sollte es Recht sein. Je eher dahin, je eher davon, sagte er sich. Sollte er doch ruhig schon ohne sie anfangen. Hauptsache, diese Geschichte ging endlich zuende, und er konnte wieder nach Hause.

Sein Blick wanderte zurück zu Glyfara, die sich bereits auf dem Weg zur anderen Seite befand. Anders als ihr Vater schritt sie leichtfüßig über die alten Bohlen, so daß kaum ein Knarren ertönte und selbst die konzentrischen Kreise rund um die Pfeiler ausblieben. Als nächstes folgte der Wühler, der die alte Brücke zwar mit beneidenswert sicherem Schritt überquerte, aber immer wieder mißtrauische Blicke auf die tiefschwarze Oberfläche des Sees warf.

Einfach“, verkündete er, als er auf der anderen Seite angelangt war.

Nun war es nur noch an Michael, die altersschwache Brücke zu überqueren. Sein Blick glitt hinüber zu dem tiefschwarzen Monolithen, der düster in den Himmel aufragte und selbst die Sterne auszulöschen schien, als würde er das Licht absorbieren. Mit einem unguten Gefühl im Magen löste Michael den Blick und konzentrierte sich wieder auf das Naheliegende. Er war der schwerste von ihnen und die Brücke würde unter seinem Gewicht am meisten beansprucht werden. Für einen Moment erwog er, einfach auf der anderen Seite zu bleiben. Was konnte er schon dort drüben ausrichten? Aber dann hätte er in den Augen Glyfaras wie ein Feigling dagestanden, und das wollte er um jeden Preis vermeiden. Also riß er sich zusammen und setzte vorsichtig den ersten Fuß auf die hölzernen Bohlen, die erwartungsgemäß ein bedenkliches Knarren ertönen ließen, aber ansonsten hielten. Nur nicht anhalten, sagte er immer wieder zu sich selbst, während er sich Schritt für Schritt der anderen Seite näherte und nach Möglichkeit versuchte, die bedrohlichen Geräusche zu überhören, die das Holz unter ihm von sich gab. Hatte es ihm vorhin noch nach einem erfrischenden Bad gelüstet, so war davon keine Spur mehr übrig geblieben. Im Gegenteil. Die Vorstellung, in dieses tiefschwarze, unbewegte Wasser einzutauchen, ließ eine irrationale Furcht in ihm hochsteigen. Er hatte etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, als er instinktiv spürte, daß etwas nicht stimmte. Etwas hatte sich verändert.

Ein Kribbeln zwischen seinen Schulterblättern warnte ihn vor einer unsichtbaren Gefahr. Seine Schritte beschleunigten sich unwillkürlich, trommelten nun ein bedenkliches Stakato auf den alten Bohlenbelag, als Glyfara, die unruhig neben dem Wühler am anderen Ende wartete, plötzlich einen Warnschrei ausstieß.

*

Der Wandler war irritiert und wütend zugleich. Sein Geschützturm war ein Raub der Flammen geworden, ohne daß es seinen Männern gelungen war, auch nur einen Fuß auf die steinerne Umrandung zu setzen. Dieser Feind war um ein Vielfaches widerstandsfähiger, als er es erwartet hätte, was den Wandler zutiefst frustrierte. Und nun lag plötzlich auch noch etwas Neues, Beunruhigendes in der Luft. Eine unbekannte Größe war hinzugekommen, die der Wandler nicht einordnen konnte. Eine Präsenz im Randbereich der Schatten, die vor kurzem aufgetaucht war und sich an ihren Flanken entlang zur Südseite schlich. Nervosität befiehl ihn. So sehr er seine Sinne auch auf die Schatten ausrichtete, vermochte er nicht zu erspüren, was sich dort verbarg. Wie ein Waldgeist bewegte sich irgend etwas Massives durch den nachtschwarzen Wald den Berghang entlang Richtung Süden. Nicht greifbare Schatten.

Ein Reitertrupp vielleicht?

Der Wandler überlegte. Sollte er einen Teil seiner Truppen abstellen, um den Wald zu durchkämmen?

Zögernd glitt sein Blick zwischen der Schlacht unter ihm und den Schatten hinter ihm hin und her. In diesem Moment striff ein eiskalter Hauch vom Norden her das Gesicht des Wandlers und ließ ihn erschauern. Er wußte, was das zu bedeuten hatte. Wütend ballte er die Fäuste. Die Bewegung in den Schatten waren unwichtig geworden, denn etwas ungleich Schlimmeres war eingetreten. Etwas, das er gefürchtet hatte. Die Magie des Weltentors war angezapft worden. Jemand hatte sich seinem Einflußbereich genähert. Jemand, der wußte, wie er damit umgehen mußte und über den richtigen Schlüssel verfügte.

Das Artefakt.

Seine Befürchtung hatte sich also als wahr erwiesen. Irgendwie war es seinen Gegnern gelungen, das Artefakt aus der Burg zu schmuggeln und zum Tor zu bringen. Ein unartikulierter Wutschrei entrang sich seiner trockenen Kehle, hallte über das Schlachtfeld und ließ seine Kreaturen erschrocken zusammenfahren. Dann zwang er sich wieder zur Ruhe. Noch war nicht alles verloren. Er hatte seine besten Männer ausgesandt, um das zu verhindern. Vielleicht waren sie in diesem Moment gerade im Begriff, einzugreifen. Immerhin war bisher noch nichts weiter geschehen. Noch hatte sich kein Schlund aufgetan, um ihn und seine Armee zu verschlingen und in ihre Welt zurückzuschleudern. Die Schlacht tobte nach wie vor. Allmählich beruhigte sich der Wandler wieder. Noch gab es Hoffnung, und solange es die gab, würde er weiter kämpfen und seine Gegner dem Erdboden gleichmachen. Unwillig warf er einen letzten Blick auf die bewaldeten Berghänge.

Dann wandte er sich abrupt ab. Im Moment gab es Wichtigeres zu tun, als sich mit den Schatten der Berghänge zu beschäftigen. Seine Männer würden jeden Moment gegen das Tor anlaufen und es mit dem Rammbock aus den Angeln sprengen. Er brauchte jetzt jeden Mann dort, um die Burg im Anschluß zu überrennen. Erst wenn das gelungen war, konnte er sich mit dem beschäftigen, was sich hinter seinem Rücken tat, falls diese Unbekannten bis dahin nicht ohnehin die Flucht angetreten hatten. Mit neuer Zuversicht beobachtete der Wandler den Vormarsch seiner Truppe. Diesmal würde der Gegner unterliegen.

Wird fortgesetzt....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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