Doris Fischer

Schicksalsnacht

Meine  Studienarbeit war der Grund dafür, dass ich an dem  Abend im Dezember des Jahres 1978  die wöchentlich stattfindende  Diskoveranstaltung in der Mensa der Universität besuchen wollte, um zusammen mit meiner Freundin meinen „ Erfolg“ zu feiern. Sie aber hatte keine Lust zum Feiern, woraufhin ich mich spontan dazu entschloss, diesen Abend  eben alleine zu verbringen.

Rückblickend werte ich diese Entscheidung heute als eine Art von Schicksal oder Fügung, denn in dieser Nacht kreuzten sich die Wege  zweier Menschen, die schon seit vielen Jahren in tief verbundener Liebe und großer Vertrautheit Seite an Seite durchs Leben gehen.

So  betrat ich also ohne große Erwartung den Saal, aus dem schon von weitem laute Musik und Gelächter zu hören war.

„Scheint ja bereits eine super Stimmung zu herrschen“, dachte ich und schob mich ins Foyer der Mensa.

Unentschlossen hielt ich zunächst Ausschau nach  Leuten aus meinem Semester, bevor ich mich, ein wenig enttäuscht, niemand erspäht zu haben, ins Gedränge stürzte. Überall bildeten sich kleine Gruppen von Studierenden, die sich angeregt unterhielten und Spaß miteinander hatten. Manche von ihnen hielten sich eng umschlungen und tanzten zum Rhythmus der Musik. Andere wiederum standen herum und nippten an ihren Getränken. Langsam bewegte ich mich vorwärts und schaute mich weiterhin im Saal nach bekannten Studienkollegen um.

Die Mensa füllte sich mehr und mehr mit vielen gut gelaunten Studierenden und die ausgelassene  Stimmung und die Qualität der Musik steigerten sich von Stunde zu Stunde. Inzwischen wurde ich von der fröhlich feiernden Menge kreuz und quer durch den Saal geschoben. Die Luft war heiß und stickig und ich beschloss, mir ein kühles Getränk zu ergattern.

Auf dem Weg zum Getränkeverkauf verspürte ich mit einem Mal  ein seltsam prickelndes  Gefühl hinter mir..

Augenblicklich drehte ich mich um – und da stand er vor mir und lächelte mich an.

Unsere Blicke trafen sich und ich schaute in ein Paar samtbraune Augen, die so viel Wärme und Zärtlichkeit ausstrahlten, dass ich weiche Knie bekam.
Mein Herz begann erregt zu klopfen und ich brachte vor Aufregung keinen einzigen Ton über die Lippen. Ich war wie gelähmt und schaute ihn nur sprachlos an.
Er war groß und hatte dunkelbraunes, gelocktes Haar. Ich vergaß alles um mich herum, stand da und umklammerte die Flasche Cola in meiner Hand.
Minutenlang blickten wir  uns nur in die Augen, ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Diese Begegnung war so tief und fühte sich fast schon  vertraut an,
als ob wir uns  bereits eine Ewigkeit kennen würden und dabei sind wohl noch keine zehn Minuten vergangen, seitdem wir uns begegnet sind.

Endlich durchbrach er diese knisternde  Stille mit der schüchternen Frage, ob ich gerne mit ihm tanzen wollte. Und ob ich das wollte! Nichts lieber als das!

Auf der Tanzfläche bewegten wir uns rhythmisch zu einem langsamen und gefühlvollen Musikstück und ich fühlte mich dabei wie im siebten Himmel.
Wir schauten uns unentwegt in die Augen und plötzlich küsste er mich zärtlich und behutsam auf die Stirn. Beinahe flüsternd begannen wir entspannt miteinander zu erzählen und nichts auf der Welt konnte uns dabei stören. Ich fühlte mich in seinen Armen von Anfang an sicher und geborgen und Tränen des Glücks stiegen in mir empor.

In dieser Nacht gab es nichts, was uns trennen konnte. Wir ließen keinen Tanz aus, redeten über Gott und die Welt und lagen uns stundenlang in den Armen.
Diese schicksalshaften Begegnung war der Beginn einer wunderschönen Beziehung zwischen zwei Menschen, die bis zum heutigen Tag gemeinsam durch alle Hochs und Tiefs des Lebens gehen.

 

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