Patrick Rabe

Californischer Wein - Gedichtroman

Patrick Rabe

Californischer Wein

 

Rock’n Roll,

Sex,

der amerikanische Mythos,

und die Killing Floors unter der amerikanischen Demokratie

 

 

Gedichte, Kurzgeschichten und Essays

 

Februar 2021

© by Patrick Rabe, 2020, 2021

 

 

***

 

 

„Is it tomorrow, or just the end of time?“

 

( Jimi Hendrix, „Purple Haze“)

 

„I’ve been down on the killin‘ floors“

 

(Bob Dylan, „Soon after midnight“)

 

„Charlotte’s a harlot, dresses in scarlet,

Mary dresses in green“

 

(Bob Dylan, „Soon after midnight“)

 

„The Killer awoke before dawn“

 

(Jim Morrison, The Doors, „The end“)

 

„Whatever it is, that girl put a spell on me“

 

(Jimi Hendrix, „Purple Haze“)

 

 

 

 

 

Vorwort

 

Wieder einmal ist der Präsident der vereinigten Staaten gewählt worden. In diesem Jahr geht es aus meiner Sicht aber um mehr. Fast überall auf der Welt. Wir befinden uns in einem Stadium der Menschheitsgeschichte, wo noch einmal alle großen Ideen auf den Prüfstand kommen, und wo die Herzen, Seelen und Geister der verschiedenen Nationen sich aufbäumen und behaupten müssen gegen den Feind Unmenschlichkeit, Herzenskälte, Vergessen von Kultur und Mythos, Lebensverdruss, Desillusion, die nicht zur Erleuchtung, sondern zum Sterben von Träumen führt, Angst voreinander  und Hass aufeinander. Die ganze Menschheit scheint auf dem Prüfstand zu stehen, und Amerika wird –gerade auch mit seiner diesjährigen Wahl- eine Schlüsselrolle in der ganzen Sache spielen. Was wird siegen? Die stählern hochgereckte Faust des „Nein!“, der Selbstbehauptung um jeden Preis, das Sich-Abschotten gegen andere und das Überall-nur-noch-Feinde-Sehen, oder das Wieder-Sanft-werden, das Den-Anderen-erkennen, lieben, umarmen und würdigen? Amerika hatte, von den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgehend, eine große Kultur des Umarmens und der spirituellen Erneuerung. In jenen Jahren fand Amerika seinen ganz ureigenen Mythos, eine Sprache, die nur von dort kommen konnte, einen Geist, der die Welt anrührte und ihr zum Frieden verhalf. Es darf nicht übersehen werden, dass dieser Geist bereits in der Jahren seiner Grundlegung von Ereignissen wie den Morden an John F. Kennedy und Martin Luther King, sowie an der Schwelle zu den 1970er Jahren von schwer greifbaren Traumata wie dem auf das friedliche Woodstock-Konzert folgende, in Gewalt umschlagende Festival am Altamont Speedway und den Morden von Charles Manson und seiner Gruppe, die man ja auch für harmlose Hippies gehalten hatte, überschattet wurde. Aus meiner Sicht waren dies stets Versuche alter Nazi-Dämonen, die guten, neuen Entwicklungen hinterrücks zu kapern und vor der Welt zu diskreditieren, und sie in ein schlechtes Licht zu stellen. Es geht mir bei diesem Buch mit Gedichten, Betrachtungen und Kurzgeschichten darum, Amerika und Deutschland Mut zu machen, diesen wunderbaren Mythos von der Einigkeit der Menschheitsfamilie wieder zu entdecken, und nicht an dem Sich-Aufbäumen alter, völkischer und falsch patriotischer Vorstellungen zugrunde zu gehen. Ich werde dabei nicht davor zurückschrecken, die diesen Traum bedrohenden Dämonen klar beim Namen zu nennen, möchte aber dennoch auf die Kostbarkeit des in den 1960ern gesäten Saatgutes hinweisen: Ein Mythos, der aus meiner Sicht immer noch die vitale Kraft hat, Menschen zu erneuern und zueinander zu bringen. Vor allem geht es mir darum, zu zeigen, dass dieser Mythos das originär Amerikanische ist, welches in seiner Zusammenbringung und Versöhnung der unterschiedlichen Volksgruppen eine Einheit auf einer höheren und gleichzeitig tieferen Ebene schaffen konnte, die allgemein-menschlich war und ist. Das zentrale Moment scheint mir dabei das Integrieren des „idianischen“ Geistes zu sein, also sich den amerikanischen Ureinwohnern und ihrer Kultur wieder mit Ehrfurcht, Liebe und Wertschätzung zu nähern, wie dies unter anderem die „Doors“ taten. Besonders sie und auch andere Kulturschaffende zeigten, zu welch fruchtbaren Ergebnissen man kommen kann, wenn man sich Menschen unstrategisch und fern des alten kolonialistisch-ausbeutenden Geistes nähert, nämlich, um sie wirklich kennen zu lernen, und nicht, um sie zu überlisten, das Beste aus ihnen herauszusaugen und sie dann als Schrott zurückzulassen. Menschen und Volksgruppen merken, wenn ihnen jemand wertschätzend gegenübersteht. Und dann blühen sie auch auf, und tragen ihren besten Teil zur gemeinsamen Kultur bei. Das kann man aber nicht faken, fälschen oder erneut strategisch-listig in eine rückschrittig-konservative und rechtsgerichtete Politik einfügen, die doch wieder dem alten Kolonialgeist und der Tendenz, andere zu übervorteilen, huldigt. Denn dieser Geist des Amerikas der 1960er hat etwas zutiefst Pures, Reines und Ehrliches, der auf einer ganz unverfälschten Ebene die Menschen miteinander verbindet. Dieser Geist spürt sofort, wenn er für irgendetwas vereinnahmt werden soll, und dann verflüchtigt er sich oder kippt ins Düstere. Das wäre aber aus meiner Sicht besser zu verkraften, als wenn uns dieser Geist ganz verließe. Es ist der Geist von allem, was uns als Menschen ausmacht. Seien wir demütig und ernten wir diese kostbaren „Californen“. Nicht wie Mörder, Räuber und Diebe mit Sicheln, Gewehren und Messern, sondern mit offenen, dankbar diese Kostbarkeiten annehmenden Händen. Möge Amerika den Weg zurück zu seinem tiefsten Mythos finden, und möge die ganze Welt zurückkehren zu Liebe, Freiheit, Einigkeit und Menschlichkeit.

 

 

 

 

 

 

„Are you experienced?“

 

Schlüsselsongs zum Verständnis der Hippiekultur im Licht der Gesamtgeschichte der USA im 20. Jahrhundert

 

Wer sind eure Lieblingsfiguren in der Rocky Horror Picture Show? Meine – wärt ihr drauf gekommen?- sind Brad und Janet. Bin ich ein Langweiler? Ich glaube nicht. Ich mag ja das ganze Musical, auch MIT den ganzen Horrorgestalten, um die es da letztendlich geht. Und „The Rocky Horror Show“ ist schon eine geniale Parodie auf klassische Horrorfilme, wo einem jungen Pärchen der Sprit ausgeht, und sie deswegen versehentlich in einem Spuk-oder Vampirschloss unterkommen und sich dort bewähren müssen.

 

Ich sehe in der Story jedoch noch wesentlich mehr. Und mit Brad und Janet identifiziere ich mich letztendlich, weil sie die Menschen symbolisieren, und die für die Story klassischen Sympathieträger sind. Mich angesichts der gesamten Tragik des 20. Jahrhunderts nur alleine mit irgendetwas oder irgendwem anders als den Menschen identifizieren zu können, käme mir nicht in den Sinn. Ich bin doch selber Mensch. Und auch das 21. Jahrhundert hatte schon genug heftige und tragische Erlebnisse für uns parat, als dass wir dieser Tragik überhaupt ausweichen könnten oder sollten. Kunst, Kultur und Religion sollten eine Auseinandersetzung mit dem uns umgebenden Geschehen sein, keine Flucht vor ihm. Und gerade in den 1960er Jahren bis noch weit in die 70er hinein, waren Kunst und Kultur, die aus dem anglo-amerikanischen Raum kam, eine Auseinandersetzung MIT dem Leben, und eben keine Flucht in rosa-flauschige Traumwelten, wie dies in Deutschland mit dem Schlager und dem Heimatfilm der Fall war. Nicht umsonst sind deutsche Jugendliche der 1960er auf diese Kultur und ihre Echtheit und Ehrlichkeit angesprungen. Selbst mir – ich bin 1976 geboren, ging es noch so, dass ich das spüren konnte, etwa, als ich das erste Mal beim Tanzen in einem dunklen Club den Song „Help!“ von den Beatles hörte. Ich hörte am Text, an der Musik und an dem Gestus, wie John Lennon das sang, dass es hier „um die Wurst ging“. Er sang da etwas, was er WIRKLICH singen wollte, worum es ihm tief im Innern ging. Und das ist es, was Herz, Hirn und Seele erreicht. Immer.  Schon  im „Faust 1“ von Goethe sagt Faust zu seinem Assistenten Wagner: „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen.“, „Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen, wenn es euch nicht von Herzen geht.“ Und „Erquickung hast du nicht gewonnen, wenn sie dir nicht aus eig’ner Seele quillt.“ Das kann man aber nicht spielen oder künstlich erzielen. Man kann niemanden darauf trainieren, „ehrlich zu singen“, oder „ehrliche Rockmusik“ zu machen, selbst, wenn das in Deutschland ein noch so gerne gehörtes Schlagwort ist. Genau deswegen geht das auch immer daneben, wenn man damit für eine Agenda werben oder Mitglieder ködern will, wie dies in religiösen Bewegungen z.B. der Fall ist. Was jemand wirklich denkt und fühlt, ist nicht fälschbar. Und nur das erreicht Zuhörer. Genau deswegen ist Kunst eigentlich auch keine Manipulation. Und wenn sie zur Manipulation eingesetzt wird, ist es streng genommen schon keine Kunst mehr.

 

Ich möchte mit diesem Gedichtband meine Liebe zur Hippie-und Rock’n Roll-Kultur ausdrücken und bekräftigen, dass diese die eigentliche Kulturleistung des 20. Jahrhunderts gewesen ist, die zurecht von Amerika aus auf Europa ausgestrahlt hat, und über den Weg der British Invasion mit den Beatles, den Rolling Stones, den Animals, den Troggs, Cream, the Who und unzähligen anderen Bands ihren Weg in die ganze Welt gefunden hat. Bereits Buddy Holly, Elvis Presley, Little Richard, Chuck Berry, Jerry Lee Lewis und Bill Haley hatten die Musik revolutioniert und der kriegstraumatisierten Generation nach 1945 die Möglichkeit gegeben, ihre Traumata und Aggressionen wegzutanzen, die der 2. Weltkrieg als Vermächtnis hinterlassen hatte. Die Jugendlichen merkten sehr schnell, dass es dabei aber noch um mehr ging. Sie entdeckten die Lebenslust wieder. Und den Sex. Es musste mehr geben, als das, was vorher dagewesen war. Und viele verstanden ab irgendeinem Punkt das, was Menschen wie die Psychoanalytiker C.G. Jung und Sigmund Freud schon ab dem 19. Jahrhundert deutlich gemacht hatten. Dass die Verdrängung und Unterdrückung von Sexualität nämlich zu schaurigen Ergebnissen führt. Jahrhundertelang hatte man – vor allem durch das Wirken der Kirche – ein Idealbild vom Menschen gepflegt und hochgehalten, das triebfrei, enthaltsam, keusch und als höchstes Ideal sogar zölibatär (also ganz ohne Sex) sein sollte. Nicht nur Frauen wurde dies eingebläut, sondern auch Männern. Im-und teilweise auch explizit wurde Sexualität als schlimmste Entgleisung und Sünde des Menschen angesehen, unter anderem deswegen, weil man die Sündenfallsgeschichte gar nicht richtig verstand, und glaubte, die Sünde von Adam und Eva sei der Sex gewesen. Dass sie aber vor dem Biss in die „verbotene Frucht“ nackt und völlig schamlos waren, und dass das eben der gesunde Zustand war und nicht der sündige, wurde in der Kirchengeschichte ins Gegenteil verkehrt. Ich persönlich glaube, dass durch den Biss in diese Frucht, die möglicherweise ein Halluzinogen enthielt, ein Zerfall des Menschen mit sich selber entstand, und eben ein innerer Abstand zum Trieb der Sexualität, der bewirkte, dass man diese ab da als etwas Absonderliches wahrnahm. Das entspricht auch der Bedeutung des Wortes „Sünde“, nämlich „Sund“ (Graben, Abgrund, Abstand). Damit ist ein Abstand zu sich selber oder einzelnen Teilen von sich selber gemeint, und im Wissen darum, dass Gott in einem wohnt, auch ein Abstand zum Göttlichen in sich selber. Jede Ablehnung von etwas, was aber doch da ist, bewirkt, dass das Abgelehnte sich von dem Rest trennt und möglicherweise eine Existenz als ein den Ablehnenden Bekämpfendes beginnt. So, denke ich, ist das Entstehen von Dämonen, Teufeln und anderen „Gegenmächten“ zu verstehen. Diese Mächte sind abgespaltene Seelenanteile oder Triebkräfte, die zum Menschen zurückwollen und von ihm wieder geliebt und integriert werden wollen. Nur dann entsteht wieder Ganzheit. Wenn dies nicht gelingt, wird es irgendwann zu Menschen kommen, die eine ganze Gesellschaftsordnung entweder verlassen, oder bekämpfen und zum Einsturz bringen. Etwas, was da ist, ist da. Jemand, der da ist, ist da. Etwas oder Jemanden nicht da sein und zu seinem Recht kommen zu lassen, schafft notwendigerweise Unfrieden. So kommt es unter anderem zu Phänomenen wie Hitler.

 

Viele konservative Sittenwächter haben den Rock’n Roll als erneutes Aufflammen des Bösen wahrgenommen und in ihm dieselben dämonischen Kräfte vermutet, die auch hinter Hitler und den Nationalsozialisten steckten. Das Gegenteil ist der Fall. Der Rock’n Roll, und alles, was auf ihm aufbaut, war eine konstruktive Strömung, ein Gestalten, ein Erschaffen, eine Kulturleistung. Hitler war ein mit sich selber zerworfener Mensch. Er konnte nichts anderes hervorbringen als Zerstörung und Vernichtung. Dieses alles im Rock’n Roll sehen zu wollen, wie es Kirche und Sittenwächter taten, ging in genau die falsche Richtung. Der Rock’n Roll half, Dinge wieder ganz zu machen, den Menschen wieder mit seinen Trieben zusammen zu bringen und ihn damit wieder zu „erden“. Die Gefährlichkeit des Sex ist ein Mythos, der nun aus meiner Sicht endlich auf den Müllhaufen der Geschichte gehört, bevor dieser verklemmte Unsinn wieder in Unterdrückung mündet, über von aus meiner Sicht von Kranken gesteuerten Plattformen wie Metoo, der ewigen, meist unbegründeten, hysterisierten Angst von jungen Familien vor Pädophilen und immer wieder aufflackernden Unsinnsgeschichten, dass zuviel Sex aggressiv mache. Abgelehnte und nicht ausgelebte Sexualität führt Menschen ins Krankwerden, nicht zur Gesundung. Bevor eine „Notwendigkeit zur sexuellen Enthaltsamkeit“ womöglich noch einmal religiös begründet wird,  und damit erreicht wird, dass geglaubt wird, die höchste Autorität im Universum würde so etwas fordern, ist es, denke ich, eher an der Zeit, mit organisierten Religionen Schluss zu machen. Denn dass dies an der gesunden Religiosität und Spiritualität von Menschen nichts ändert, hat sich, denke ich, ebenfalls im 20. Jahrhundert erwiesen. Es sind immer nur Konservative und ewig Gestrige, die nichts dazulernen, und nichts begreifen wollen, und die einen Status Quo des einmal Erreichten um jeden Preis fordern.

 

 

Es geht immer um Ganzheit, Einheit, und Miteinander; die Einheit des „Leibes Christi“, die Einheit der Rock-und Hippiekultur; die Einheit von Völkern und Nationen, die Einheit der Menschheit und der Weltgemeinschaft;  und es geht um Unterschiede, die die Einheit verhindern, um die Tendenz, sich voreinander zu verschließen, voreinander und gegeneinander Mauern zu bauen, sich am gegenseitigen Wissen und den gegenseitigen inneren und äußeren Schätzen nicht mehr teilhaben lassen zu wollen, aus Angst davor, verletzt oder verraten zu werden, um die Frage, ob es einen Feind gibt, und wenn ja, wer es denn ist; und es geht darum, zu schauen, ob eine Einheit von ALLEM wirklich das erstrebenswerteste aller Ziele ist, oder, ob nicht gerade in der Verschiedenheit die Qualität und der Reiz von allem besteht; jedoch auch darum, ob diese Verschiedenheit dann bedeuten würde, sich nicht mehr begegnen zu können, oder zu dürfen.

 

Verschiedenheit und Getrenntsein voneinander bedeutet eben auch die Möglichkeit zur Individualität. Und diese ist gesund. Herdentrieb, Herabsetzung des eigenen Denkens und Vereinheitlichung von Menschen hingegen macht anfällig für Manipulation und die Möglichkeit, wieder in die Hände eines Menschen zu fallen, der einen erst zu falschen Überzeugungen und Glaubenssätzen führt, und dann in Untergang, Krieg und Zerstörung. Dieser Band mit Gedichten, Kurzgeschichten und Essays soll als Summe meines bisherigen Lebens und als in ein überdachtes, wenn nötig verändertes, und in sich verstandenes Weiterleben mündendes Werk verstanden werden, sozusagen als Zwischenbilanz, die für einen Mittvierziger wie mich ja auch nicht allzu ungewöhnlich ist. Ich bilanziere dabei sowohl mein eigenes Leben, als auch das Vermächtnis meiner Generation und das, der Generation vor unserer. Es ist also in besonderer Weise eine Auseinandersetzung mit der Generation, die man heute gerne die „Alt-68’er“nennt, jener Generation, die meine geprägt hat. Da meine Eltern nicht zum revoltierenden Teil dieser Generation gehörten, sondern eher konservativ und religiös grundiert waren, habe ich einen dementsprechenden Blick darauf. Für meine Biographie war es außerordentlich wichtig, zu erfahren, dass sich hinter den 1960ern etwas Gutes verbirgt, das vor Kreativität, Genie und Liebe nur so funkelt. Es wird mir auch in Zukunft nicht möglich sein, diese Generation und ihr Wirken zu verteufeln, sie negativ zu sehen, oder ihre Lebensleistung kleinzureden, auch wenn all dies heute gerne gemacht wird. Ich sehe hingegen in den neokonservativen Flügeln der heutigen politischen Parteien und der Gesellschaften, sowie in der konservativen und fundamentalistisch verstandenen Religion eine große Gefahr für die Menschheit. Es erweist sich gerade gegenwärtig wieder sehr deutlich, dass diese Strömungen zu Menschenverachtung, Genozid, „Euthanasie“, Krieg und Zerstörung führen, dass also das, was da jeweils erhalten und konserviert werden soll, des Erhaltens gar nicht wert ist. Wir sind hingegen heute leider auf dem besten Wege, nicht das Schlechteste des 20. Jahrhunderts endlich über Bord zu werfen, sondern das Beste. Nämlich die Kulturleistungen dieses Jahrhunderts. Als da wären: Kunst, Musik, Literatur, Demokratie, gutes Zusammenleben, Toleranz, Freiheit, die menschliche Einheit von Geist, Gefühl und Trieb, und eine echte, menschgemäße Spiritualität. Wenn wir das loswerden wollen zugunsten unseres Rechtes auf Gewalt, Zerstörung, Krieg und unkontrollierte Tabula Rasa, dann sind wir wirklich eine bedauernswerte Spezies.

 

 

Öffentlich mache ich diese Arbeit, weil ich glaube, dass ihre Thematik für viele Menschen interessant ist, und auch genau den geschichtlichen Wendepunkt berührt, an dem wir uns gerade befinden. Eine neue Entwicklung sollte man erst dann angehen, wenn die zurückliegende alte Entwicklung verstanden und verarbeitet ist, gerade dann, wenn sie in sich gescheitert ist. In blindem Aktionismus weiter zu hasten, etwa, weil man meint, einem säße der Tod im Nacken, ist nicht besonders ergiebig. Man wird dann lediglich in verwandelter Form die alten Fehler wiederholen. Diese Bilanz wird heftig und unbequem. Stellt euch drauf ein.

 

 

Die Horror-Musical-Komödie „The Rocky Horror-Show“, und ihre noch populärere Filmversion, „The Rocky Horror Picture Show“ werfen ein augenzwinkerndes Licht auf den Kulturclash, der in Amerika (USA) in den Jahren zwischen 1966 und 1969 stattfand, also das Aufeinandertreffen der Hippie-und Rock’n Roll-Kultur mit den sich im gleichen Alter befindenden amerikanischen „Jungspießern“, also den eher pietistisch christlich geprägten Jugendlichen. Hierbei stehen Brad und Janet in ihrer ganzen putzigen Gelecktheit und Naivität für letztere, und die Monster und Freaks aus Dr. Frank `n Furters Schloss für die Hippies und Rocker, die Brad und Janet nicht nur älter, sondern auch wie Zombies, Leichen und Gestalten aus Horrorfilmen vorkommen, einfach, denke ich, weil sie auf älteres Wissen und auf mehr Erfahrung zurückgreifen konnten. Dieses Wissen – so glaube ich – ist auch immer das Wissen vom „Alten Europa“, das vor allem den christlichen und jüdischen amerikanischen „Siedlern“, die ja eigentlich von den europäischen Kirchen verbannte sogenannte „Irrlehrer“  und ihnen folgende „Falschgläubige“ waren, verloren gegangen war, und das ihnen nach dem zweiten Weltkrieg von den nach Amerika einreisenden, geflüchteten Juden zurückgebracht wurde. Die europäischen Juden waren angesichts dessen, was sie dort in Amerika an Glaubensvorstellungen vorfanden, einigermaßen frappiert und verwundert, vor allem darüber, dass die Tatsache, dass man in Amerika an solche Sachen glaubte, nie nach Europa durchgesickert war, und auch darüber dass die Amerikaner trotz der aus ihrer Sicht kindlich bis kindisch naiven Weltsicht eine funktionierende Zivilisation hinbekommen hatten.

 

Der große Krieg jedoch hatte beide Seiten – Europa UND Amerika- auf sehr unsanfte Weise wach gemacht. Und nun versuchte man, dies künstlerisch-kulturell in Worte, Bilder und Musik zu kleiden. Brad und Janet sind solche typischen pietistischen Naivgläubigen-Amerikaner, denen völlig der europäische, kulturelle Bodensatz und die entsprechende Bildung fehlt, und die, da sie sich auf naive Weise mit dem aber aus Europa kommenden Kapitalismus und der industriellen Entwicklung verbunden haben, auf „echte“ Europäer eigentlich wie „Zombies“, Roboter, ferngesteuerte Aliens, mit Lachgas aufgefüllte Irre und „Androiden von Outer Space“ wirken müssen. Auf Brad-und-Janet-Menschen hingegen wirkten die aus Europa Kommenden so. Was in der Rocky Horror Picture Show also letztendlich gezeigt und verarbeitet wird, ist das Aufeinandertreffen, dieser beider konträren Welten. Das Musical selber ist, denke ich, auch als Gegenentwurf zu „Hair“ zu verstehen, das von den meisten Hippies als Verballhornung ihrer Bewegung begriffen wurde, erstens, weil es von Konservativen und kommerziell denkenden Menschen gemacht wurde, und zweitens, weil die Musik, die darin vorkam, kein Rock’n Roll war. Überhaupt lehnten Hippies und Rocker die Broadway-Musicalwelt eher ab. Richard o’Brian und seine Mitstreiter am Londoner Westend sagten sich: „Was für ein Musical würden WIR denn wirklich machen, wenn wir eines machen würden? Jedenfalls nicht so etwas wie „Hair“.  Das ist ja nur die Vorstellung, die die Spießer von uns haben. Wir zeigen denen glaub ich mal, was ein Rock’n Roll-Musical ist und harken denen damit über ihre kurzhaarigen Köpfe!“

 

Das Musical zeigte dann den Clash dieser beiden Welten. Damit ist es jedoch nicht getan, denn die Uhr der Entwicklung war ja seit Ende der 1940er weiter gegangen. Nur verblüffender Weise für die Brad-und-Janet-Menschen nicht. Die blieben kleine, putzige Roboter-Menschen, die sich am Broadway ihre naiven Zuckerguss-Musicals ansahen. Jedoch: Irgendetwas rief und lockte. Nicht von Ungefähr ist es die Hochzeit, die Brad und Janet empfänglich macht für den Ruf aus Dr. Frank ´n Furters Schloss. Denn jetzt kommt ein Element ins Spiel, der diesen süßen, kleinen, christlichen Dummies ein wenig Würze in ihre Spießersuppe kippt: Der Sex. Das Lied, mit dem Brad und Janet in die Geschichte von „The Rocky Horror Picture Show“ eingeführt werden, „Dammit, Janet!“ ist zugleich ein Hinweis darauf, wie den beiden nun frisch Verheirateten die Lust nach etwas Neuem, was sie aus ihren amerikanischen Spießervorstädten nicht kennen, ins Gesicht geschrieben steht. („Dammit, Janet“ ist das einzige Lied aus der Rocky Horror Show, das eins zu eins klingt wie eine typische Broadway-Musical-Melodie, alles andere ist bereits Rock’n Roll. Auch das Wort „Dammit!“, „Verdammt noch mal!“, deutet auf den Wunsch nach Ausbrechen aus der vertrauten Enge hin. ) Sie wollen mal so richtig versaut sein. Und zwar am Liebsten nicht nur in den Flitterwochen, nach denen sie sich dann wieder an den ermüdenden, amerikanischen Usus anpassen müssen, sondern, sie wollen das völlig Andere. Das völlig Neue. Und das ruft sie aus der nun vor ihnen liegenden, nach Amerika eingereisten, europäischen Kultur. Womit sie nur nicht rechnen, ist, dass diese von den Juden dort hin gebrachte, natürlich sehr reiche Kultur, von Krieg, Verfolgung, Holocaust und anderen Dingen zutiefst traumatisiert ist, und den offenen und neugierigen Brads und Janets nicht in voller Güte zur Verfügung steht. Die Eingereisten sind wie Schatten. Freaks. Vampire. Irre. Dennoch tragen sie all die ganze, von den Amerikanern so heiß ersehnte, europäische Hochkultur in und mit sich. Jedoch merken bald beide Seiten, dass man sich da in Hunger und Durst gegenübersteht und nicht in Wohlstand und Haben, ja teilweise nicht mal in Sein.

 

Beide Seiten, Brad und Janet UND die Vampir-und Frankenstein-Wesen aus dem Horrorschloss, sind ausgetrocknete Bedürftige, ferngesteuerte Zombies, Freaks und Verlorene. Sie sind wirklich wie zwei lediglich in der Form unterschiedliche Seiten derselben Münze. Was kann helfen? Die Beschwörung außerirdischer Kräfte, wie dies Frank´n Furter und Brad und Janet tun, wohl eher nicht. Jedenfalls nicht die Herabrufung von Aliens oder Spinnen vom Mars. Es gilt, das gemeinsame Trauma zu verstehen und zu verarbeiten. Was hilft? Der Rock’n Roll. In Woodstock, beim großen Love-and-Peace-Festival schien der Traum bereits verwirklicht. Und dann kam Altamont. Und der Absturz in ein weiteres Trauma.

 

Im Folgenden versuche ich mich diesen spannenden Dingen zu nähern. Was genau war es, das diesen gemeinsamen Traum zum Einsturz brachte, noch ehe er richtig blühen konnte? Was genau war das „Eine“, mit dem niemand rechnete? Und warum wirkte es zerstörerisch? Es ist eine Entdeckungsreise, deren Endpunkt auch ich noch nicht erreicht habe. Nicht in allen Fragen bin ich zu fertigen Antworten gekommen. Aber ich möchte wissen. Ich möchte verstehen. Und ich möchte andere daran teilhaben lassen, was ich auf meiner Reise finde. Seid ihr bereit, mich zu begleiten?

 

Zunächst habe ich hier drei Songs aus dieser Umbruchszeit, zwei davon aus den 1960ern, einer aus den 1970ern, die sich diesem zunächst beglückenden und dann erneut traumatisierenden Aufeinandertreffen von Amerika und Europa nähern. Es sind aus meiner Sicht alles drei Schlüsselsongs des entscheidenden Wendepunktes, der die Sache zum Kippen brachte. Hier sind sie:

 

 

 

*

 

 

 

Ballad of a thin man

 

(by Bob Dylan)

 

You walk into the room with your pencil in your hand
You see somebody naked and you say, "Who is that man?"
You try so hard but you don't understand
Just what you will say when you get home
Because something is happening here but you don't know what it is
Do you, Mr. Jones?

 

You raise up your head and you ask, "Is this where it is?"
And somebody points to you and says, "It's his"
And you say, "What's mine?" and somebody else says, "Well, what is?"
And you say, "Oh my God, am I here all alone?"
But something is happening and you don't know what it is
Do you, Mr. Jones?

 

You hand in your ticket and you go watch the geek
Who immediately walks up to you when he hears you speak
And says, "How does it feel to be such a freak?"
And you say, "Impossible!" as he hands you a bone
And something is happening here but you don't know what it is
Do you, Mr. Jones?

 

You have many contacts among the lumberjacks
To get you facts when someone attacks your imagination
But nobody has any respect, anyway they already expect you to all give a check
To tax-deductible charity organizations

 

Ah, you've been with the professors and they've all liked your looks
With great lawyers you have discussed lepers and crooks
You've been through all of F. Scott Fitzgerald's books
You're very well-read, it's well-known
But something is happening here and you don't know what it is
Do you, Mr. Jones?

 

Well, the sword swallower, he comes up to you and then he kneels
He crosses himself and then he clicks his high heels
And without further notice, he asks you how it feels
And he says, "Here is your throat back, thanks for the loan"
And you know something is happening but you don't know what it is
Do you, Mr. Jones?

 

Now, you see this one-eyed midget shouting the word "Now"
And you say, "For what reason?" and he says, "How"
And you say, "What does this mean?" and he screams back, "You're a cow!
Give me some milk or else go home"
And you know something's happening but you don't know what it is
Do you, Mr. Jones?

 

 

Well, you walk into the room like a camel, and then you frown
You put your eyes in your pocket and your nose on the ground
There ought to be a law against you comin' around
You should be made to wear earphones
'Cause something is happening and you don't know what it is
Do you, Mr. Jones?

 

 

 

 

*

 

Lola

(by the Kinks)

 

I met her in a club down in old Soho
Where you drink champagne and it tastes just like cherry-cola [LP version - Coca-Cola:]
C O L A cola
She walked up to me and she asked me to dance
I asked her her name and in a dark brown voice she said Lola
L O L A Lola la-la-la-la Lola

Well I'm not the world's most physical guy
But when she squeezed me tight she nearly broke my spine
Oh my Lola la-la-la-la Lola
Well I'm not dumb but I can't understand
Why she walked like a woman and talked like a man
Oh my Lola la-la-la-la Lola la-la-la-la Lola

Well we drank champagne and danced all night
Under electric candlelight
She picked me up and sat me on her knee
And said little boy won't you come home with me
Well I'm not the world's most passionate guy
But when I looked in her eyes well I almost fell for my Lola
La-la-la-la Lola la-la-la-la Lola
Lola la-la-la-la Lola la-la-la-la Lola
I pushed her away
I walked to the door
I fell to the floor
I got down on my knees
Then I looked at her and she at me

Well that's the way that I want it to stay
And I always want it to be that way for my Lola
La-la-la-la Lola
Girls will be boys and boys will be girls
It's a mixed up muddled up shook up world except for Lola
La-la-la-la Lola

Well I left home just a week before
And I'd never ever kissed a woman before
But Lola smiled and took me by the hand
And said dear boy I'm gonna make you a man

Well I'm not the world's most masculine man
But I know what I am and I'm glad I'm a man
And so is Lola
La-la-la-la Lola la-la-la-la Lola
Lola la-la-la-la Lola la-la-la-la Lola

 

 

 

*

 

 

 

Hotel California

 

(by the Eagles)

 

On a dark desert highway
Cool wind in my hair
Warm smell of colitas
Rising up through the air


Up ahead in the distance
I saw a shimmering light
My head grew heavy and my sight grew dim
I had to stop for  the  night

 

There she stood in the doorway
I heard the mission bell
And I was thinkin‘ to myself
‚This could be heaven or this could be hell


Then she lit up a candle
And she showed me the way
There were voices down the corridor
I thought I heard them say:

 

Welcome to the Hotel California
Such a lovely place (such a lovely place)
Such a lovely face
Plenty of room at the Hotel California
Any time of year (any time of year)
You can find it here

 

Her mind was Tiffany-twisted
She got the Mercedes Benz, uh
She got a lot of pretty, pretty boys
That she called friends
How they danced in the courtyard
Sweet summer sweat
Some dance to remember
Some dance to forget

 

So I called up the Captain
„Please bring me my wine“
He said, „We haven‘t had that spirit here since 1969“
And still those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of  the night
Just to hear them say

 

Welcome to the Hotel California
Such a lovely place (such a lovely place)
Such a lovely face
They livin‘ it up at the Hotel California
What a nice surprise (what a nice surprise)
Bring your alibis

 

Mirrors on the ceiling
Them pink champagne on ice
And she said, „We are all just prisoners here of our own device“
And in the master‘s chambers
They gathered  for the feast,
They stab it with their steely knives
But they just can‘t kill the beast

 

Last thing I remember
I was running for the door
I had to find a passage back
To the place I was before


 

„Relax“, said the night man
„We are programmed to deceive
You can check out any time you like
But you can never leave“

 

 

 

 

*

 

 

***

 

Drei Songtexte, die aus meiner Sicht alle denselben, entscheidenden Wendepunkt beschreiben, auch wenn dies zumindest von den Songwritern der ersten beiden Songs wohl kaum so begriffen worden sein dürfte. Es markiert in allen drei Fällen das Treffen der Unschuld (eines Unschuldigen) auf eine Welt, die er nicht versteht; mit weitreichenden Konsequenzen. Die von vielen auf Homosexualität gedeuteten Metaphern in Dylans "Ballad of a thin man", wie "The sword swallower" "clicks his high heels" etc. griff Ray Davies von den Kinks in "Lola" auf und ließ in diesem Song ein unbelecktes britisches Landei in einem Club mit einem Transvestiten tanzen, den er erst ganz zum Schluss als einen solchen erkennt. "Lola" darf, denke ich, als direkte Parodie auf "Ballad of a thin man" gewertet werden, wobei klar sein dürfte, dass Bob Dylan seinen Song weder so vereindeutigend, noch so komisch meinte, sondern mehr im Sinne einer grundsätzlichen Verstörung, die über Homosexualität und ihre Spielarten weit hinausgeht. Es geht in seinem Song mehr um die Frage: "Wo zum Teufel bin ich hier eigentlich!!!???"

Im Song "Hotel California", den die Eagles knapp ein Jahrzehnt später schrieben, wird die Frage beantwortet mit "Hölle". Jedenfalls für den, dem der Schleier von den Augen gezogen wird. Die Ausgangslage ist ähnlich wie in "Ballad of a thin man" und "Lola". Ein "ganz normaler", unschuldiger Mensch fährt mit seinem Auto durch die Wüste. Der Sprit geht ihm aus, und er hält bei einem mystisch auf ihn wirkenden Hotel. Die weibliche Person, die ihn in Empfang nimmt, klingt an Janis Joplin an (Her mind was Tiffany-Twisted, she got the Mercedes Benz), und er hat gleich das Gefühl, dieser Ort könnte der Himmel oder die Hölle sein. Arglos bestellt er Wein. Frappiert sagt ihm der Kellner, man habe "diesen Geist" nicht hier gehabt seit 1969. Der Gast denkt, dass der Kellner von dem Wein redet. Der Kellner meint aber den Ankömmling. Einen echten, unverbrauchten Menschen, der noch den Geist Christi ausstrahlt, jenen Geist, der in Woodstock und auch schon davor alle auf so harmonische und schöne Weise miteinander verbunden hatte.

In den Alpträumen der Nacht kippt die Szenerie. Als der Gast nachts aufwacht und abermals hinunter in den Tanzsaal geht, sieht er, dass die Leute dort immer noch feiern. Aber nun ist es eine Horrorszenerie. "Spiegel an der Decke, pinker Champagner auf Eis, und sie sagte: 'Wir sind alle Gefangene hier, auf unseren eigenen Wunsch.'. Und in den Räumen des Meisters gierten sie nach dem Festmahl, sie stachen mit stählernen Messern auf es ein, doch sie konnten das Tier nicht töten." (Mit dem Tier ist hier das Tier aus der Offenbarung des Johannes mit der Nummer 666 gemeint.) Der Gast sieht, dass dies hier nicht das "Abendmahl des Herren" und das "Neue Jerusalem" ist, sondern das armselige, elende Vegetieren und Sich-In-Einen-Rausch-Feiern auf miesen und gepanschten Drogen. Aber auch er kann nun nicht mehr fliehen. Die Stimme des "Nachtmannes" sagt ihm: "Wir sind programmiert, zu täuschen. Du kannst jederzeit auschecken. Doch du kannst niemals gehen."

Ich finde es spannend, nun, fast 45 Jahre nach "Hotel California" einerseits einmal wieder zu schauen, wo wir stehen, und andererseits zu versuchen, das Zurückliegende angemessen zu VER-stehen, ohne das noch aktive Trauma des 2. Weltkrieges. Wie gehen wir Heutigen an diese ganze Thematik heran?

 

Patrick Rabe, 2. Oktober 2020, Hamburg.

Das Copyright © für die drei von mir hier angeführten Songs liegt bei den jeweiligen Songwritern, bzw. ihren Plattenfirmen.

 

 

 

 

 

Erster Teil

 

A spring clean for the may queen

 

Gedichte

 

 

 

 

 

 

 

 

Hotel California

 

Autobahn in der Wüste, kalter Wind im Haar,

der Geruch von Colitas umwehte mich wie ein Mahr.

Irgendwo in der Ferne sah ich ein schimmerndes Licht,

über mir leuchteten Sterne, macht's jetzt der Motor nicht?

 

Sie stand dort im Torweg, ich hörte Glockenklang,

und ich dachte, dass dieser Ort Himmel und Hölle sein kann...

Sie entzündete eine Kerze, ging ins Haus mir voran,

ich hörte Stimmen im Korridor, ihren Wechselgesang:

 

"Willkommen im Hotel California,

so ein schöner Ort, hier willst du nie mehr fort!

Viele Zimmer im Hotel California,

stets und jederzeit stehen sie bereit!"

 

Ihr Geist war kaufhausgeschädigt, sie fuhr den Mercedes Benz,

um sie rum war'n hübsche Jungs, sie nannten sich ihre Friends

tanzten sie im Gerichtssaal im süßen Sommerschweiß,

um zu erinnern, was niemals war, um zu vergessen, was keiner weiß?

 

Ich rief nach dem Kellner und bestellte mir Wein,

er sprach: "Wir hatten diesen Geist nicht hier, seit Nienteen Sixtynine!"

Und die Stimmen, sie sangen die ganze Nacht,

erinnerten mich, wo ich war, sobald ich aufgewacht.

 

"Willkommen im Hotel California,

so ein schöner Ort, hier willst du nie mehr fort!

Lass es dir gut geh'n im Hotel California,

der Tag kommt früh genug, beendet den Betrug..."

 

Spiegel an der Decke, pinker Champagner auf Eis,

und sie sagte: "Wir sind alle Gefangene hier, was jeder von uns weiß!"

Und in den Meistersälen nahm ein Festmahl seinen Lauf,

sie stachen das Tier mit Messern aus Stahl, doch es stand immer wieder auf.

 

Das letzte, was ich erinner: ich rannte schnell nach der Tür,

nur eine Passage nach draußen, weg, weit weg von hier!

"Entspann dich!", sagte der Mann der Nacht, "Du wirst es schon noch versteh'n.

Du kannst auschecken, wann immer du willst, doch du kannst niemals geh'n!"

 

© by the Eagles, Asylum Records 1976

Übersetzung: © by Patrick Rabe, 2016.

 

***

 

 

 

 

 

Aion of Noia

 

„Mir ist langweilig!“, sagte das kleine Mädchen.

„Du störst mich in wichtigen Überlegungen.“, sagte der Vater.

„Bei was denn?“, fragte das Mädchen.

„Das verstehst du nicht.“, sagte der Vater.

“Du bist klein, und du bist ein Mädchen.“

 

Ihm, dem berühmten Theologen,

der jahrelang in seiner Kirche darum gekämpft hatte,

dass man „Metanoia“  nicht mehr mit „Buße“,

sondern mit „Neu verstehen“ übersetzen müsste,

war aufgefallen,

dass das zweite Wort davon, „Noia“

rückwärts gelesen „Aion“, also „Zeitalter“ bedeutete.

Am Ende des Zeitalters,

so hieß es in der Bibel,

würde Jesus wiederkommen.

 

Seine Tochter sah ihn unverwandt aus neugierigen Augen an.

Und er konnte nicht anders.

Versonnen murmelte er:

„Weißt du, was Noia heißt?“

 

„Ja!“, sagte sie,

„Mädchen!“

 

Der Vater sprang vom Stuhl auf

Wie von der Tarantel gestochen.

 

„Du ungehöriges kleines Ding!

Das heißt ‚Verstand‘!“

 

„Versteh ich nicht!“,

rief das Mädchen.

 

Wütend schlug der Vater

ihr mit der flachen Hand

ins Gesicht.

 

„Geh in dein Zimmer, du ungehörige Göre!“

 

Weinend lief das Mädchen raus.

 

Seine Ehefrau,

die mit dem Essen beschäftigt war,

stellte das Radio an.

 

„Weiterhin Unruhen zwischen der Black Lives Matter-Bewegung, Polizei und Regierungstruppen.“,

sagte der Sprecher.

„Der Corona-Virus breitet sich rasend schnell aus.

Das Institut für die Erforschung psychischer Krankheiten in Washington

meldet einen drastischen Anstieg

von paranoider Schizophrenie

mit politischen und religiösen Inhalten.

Das Wetter: Strahlender Sonnenschein mit goldener Corona.“

 

Plötzlich klopfte es an der Tür.

Der Vater ging hin.

Draußen standen Soldaten.

 

„Sie haben doch einen wehrpflichtigen Sohn

von 21 Jahren

namens William John?

Wir müssen ihn zum Dienst im eigenen Land einziehen!“

 

„Sie liegen daneben.“, sagte der Vater,

„Ich habe eine 12-Jährige Tochter

namens Billie Jean.“

 

„Das ist doch dasselbe.“, sagte der Soldat

und schob sich eine Paranuss in den Mund.

 

„Wie bitte?“

 

Dem Vater blieb der Mund offen stehen.

 

„Alles eine Frage des Standpunktes!“,

sagte der Soldat.

„Wir müssen ihre Tochter jetzt einziehen.“

 

„Haben sie dafür überhaupt einen dokumentierten Befehl,

den sie mir zeigen können?“,

 

fragte der Vater.

 

„Brauchen wir nicht mehr.“, sagte der Soldat,

„Das wurde wegen der nationalen Lage

und wegen Gefahr in Verzug

abgeschafft.“

 

„Wir brauchen nur eine Unterschrift von ihnen,

falls ihre Tochter noch nicht volljähig ist.“

 

„Sie spinnen wohl!

Die kriegen sie nicht!“

schrie der Vater.

 

„Verweigerung, oder?“,

fragte der eine Soldat seinen Kameraden nuschelnd,

und schob die Paranuss in die andere Backe.

 

„Jep!“, sagte dieser nüchtern,

zog das Gewehr

und schoss dem Vater in den Bauch.

Mit einem erstickten Schrei

fiel er auf die Dielen

des Eingangsbereiches seines Hauses.

 

Die beiden Soldaten sahen einander mit glasigen Augen an.

„Nichts weiter zu tun, oder?“, fragte der eine.

„Nö.“, sagte der andere.

„Die Order gibt nix anderes her.“

 

Die beiden grinsten sich an,

und gingen.

 

Drinnen stellte die Mutter das Essen auf den Tisch.

„Lecker, Mami!“, rief die Tochter.

Voller Vorfreude setzten sich die Beiden

und füllten das Essen auf die Teller.

 

Im Hausflur stöhnte der Vater.

 

Die Mutter zuckte mit den Achseln,

 und begann, zu essen.

 

Zum ersten Mal seit unzähligen Jahren

hatten Mutter und Tochter

vorher nicht gebetet.

 

***

 

 

 

 

 

 

 

Worterklärungen:

 

Noia, altgriechisch: Verstehen, Verstand.

 

Noia, katalanisch: Mädchen, Langeweile, langweilige Person, Störung.

 

Metanoia, altgriechisch (biblisch): Umdenken, weiter denken, neu verstehen,

von einer höheren Warte aus verstehen.

Luther und alle folgenden deutschen Bibelübersetzer übersetzten dieses Wort mit „Buße“.

 

Paranoia/Paranus: Neben dem Verstand. In der Psychologie und Psychiatrie ein Begriff für eine Erkrankung bzw. psychische Störung, in der der Patient wahnhaft alles auf sich bezieht und überall Verschwörungen politischer oder spiritueller Art wittert.

 

Aion: Zeitalter, biblisch auch „Weltzeit“ oder generell „Zeit“. Damit ist der Ablauf der Zeit von Jesu Himmelfahrt bis zu seiner Wiederkunft gemeint. Luther übersetzte „Aion“ einfach mit „Welt“. Daher kommen auch die ganzen Vorstellungen von einem „Weltuntergang“ im Zusammenhang mit „Armageddon“ und der Offenbarung (Apokalypse) des Johannes. Die Griechen und andere Völker und Religionen verstanden unter „Aion“ einfach nur ein Zeitalter im Sinne einer geschichtlichen Epoche, nach dessen Ablauf ein neues kommt.

 

 

***

 

 

 

 

 

Als die Alligatoren die Gullis verließen

…kamen die Ratten aus ihren Löchern

 

(Amerika, Update 2020)

 

Hab nie gesagt, ich bin subtil

und sanft wie eine Feder,

ein veritables Krokodil

bin ich und zieh vom Leder.

 

Und dabei bleibt es dann auch nicht,

sagt ihr es auch der Presse,

ich lösch euch euer Funzellicht,

und schlag euch in die Fresse.

 

Denn wer mir vor den Karren pisst,

den hau ich von der Straße,

bin kein Poet, kein Mensch, kein Christ,

ich mess mit ander‘m Maße.

 

Das Tier in mir, das war erwacht,

als sie mein Türholz brachen,

 da wusste ich: `s heißt „Gute Nacht!“,

die sprechen and’re Sprachen.

 

Und nicht in Zungen, engelsgleich,

sondern mit Faust und Knarren,

die Diktatur, das vierte Reich,

ganz ohne Hitlers Schnarren.

 

Man schütze Staat und Republik,

Demokratie und Recht,

erlaubt sei mir ja die Replik,

würd mir beim Sterben schlecht.

 

Ich könnt‘  die Polizei verklagen,

grinst fröhlich-frech der Bulle,

dürft nur nichts gegen Bullen sagen,

und haut mich platt wie Stulle.

 

Das sind Momente, da vergisst man

glatt das zarte Dichten.

Demokratie braucht Klartext:

Einen Feind muss man vernichten.

 

Und wer mir meine Tür zerschlägt

und nachts mich überrumpelt,

mich unsanft auf die Fresse legt,

der ist mir nicht verkumpelt.

 

Schreist du zu laut: „Demokratie“,

nimmst ihre Werte ernst,

dann schlachten sie dich ab wie Vieh,

damit du etwas lernst.

 

Zum Beispiel, dass es sie nicht gibt,

sondern, dass „Oben“ siegt,

und dass ein Herrscher es nicht liebt,

wenn er nicht oben liegt.

 

Am besten lernt man ja als Toter,

wusste schon Britney Spears,

entpuppst du dich als echter Roter,

kein Schläger sich mehr ziert.

 

Und ungläubig, weil du was glaubst,

so blinzelst du zur Sonne.

Sie stimmt dir zu: kein Licht du raubst,

der Müll kam aus der Tonne.

 

Man hatte wohl die Eigenliebe

mit Hitler weggeschmissen,

 das Kind im Bad, gesunde Triebe…

Ergebnis ist beschissen.

 

Hab nie gesagt, ich bin subtil

und singe süße Lieder,

ich sah noch nie ein Krokodil,

doch es trägt kein Gefieder.

 

 

 

***

 

 

 

 

 

Staubsturm

 

Es klopft an der Tür. Wer da?

"Gestatten, ich bin der vielköpfige Affenmensch,

der die Monde seiner Mörder wie Fußbälle

im Fischernetz über dem Rücken trägt."

 

"Danke, angenehm", sagt die Kleine mit den blutroten Lippen,

"Ich bin Sweet Little Sixteen. Treten sie ein."

 

Und ich trete ein.

Als erstes trete ich die gute Kinderstube von Sweet Little Sixteen ein.

Nichts bleibt davon übrig.

Die wohlerzogene Kleine wird vollends zur geilen Konkubine,

bereit, die bürgerliche Bravheit dieses Ortes mit brennendem Blick

im Schlangengift der Königskobra zu ertränken.

 

Vater, Mutter und zwei kleine Schwestern.

Vater höflich, aber argwöhnisch, Mutter nervös und servil.

 

Abendbrottisch. Wir beten.

"Sei höflich.", sagt der Vater, "Reich dem Herrn die Butter."

Sweet Little Sixteen reicht mir die Butter

und Herz, Lippen und Muschi

über den Tisch.

Vater spricht von Politik.

"Unser Präsident ist so ein guter, gottesfürchtiger Mensch."

Ich nicke und sage: "Auf eine weitere republikanische Amtszeit."

Die schwarze Sklavin schenkt uns Quellwasser ein.

Voodoo Child.

Wir gehen ins Bett.

 

Mein Jagdmesser steht schwanzsteif in äffischer Hand.

Jetzt bin ich ihr Herr und mein Messer ihr Abschiedsgeschenk.

Ich bade meinen Penis in ihrem Blut.

 

Morgens entlasse ich die schwarze Sklavin

und fliehe auf dem dreckigen Schimmel des Hausvaters.

Hinter mir die Kleine mit den blutroten Lippen.

Sie presst sich schwitzend an mich,

Sweet Little Sexteen,

ihre Brüste sind Munition in meinem Rücken.

Und wir reiten in den Staubsturm,

von der Sonne gegerbt.

The men don't know, but the little girls understand.

 

 

 

Inspiriert von den Dust Bowl Ballads des Amerikas der großen Depression.

 

***

 

 

Frühstück mit Freunden

(light my candles in a daze)

 

Abstürzen aus dem Schrott Deutschlands

in die überreifen Früchte Californiens,

und merken, dass man allein ist.

Auch die Californier verstehen sich nur noch

mit den Stahlträgern der Redneck-Agenda,

die ihre Plastikwelt aufrecht erhalten.

 

Aber ich höre den Mythos flüstern

in den Trauben

und unter den Schuttbergen.

 

Und ich greife die Hand

eines Wesens, das noch daran glaubt,

so wie ich,

und nicht an Schnaps, Korn und Bier,

wie meine Freunde,

 

die meinen Funk

mit ihren deutschen Käsekuchengehirnen

nur als Bildstörung auf ihren Fernsehern

erkennen können,

wenn das Programm

plötzlich nach Tod

und nach mit Blut übergossenen Krankenwagen riecht,

 

statt nach Micky-Maus-Amerika-Erklärungen,

Israeldeutungen aus dem

„Das darf man nicht mal im Traum in seinem Unterbewusstsein

als noch nicht geborenen Gedanken

als erahntes Gefühl wahrnehmen“-Maulkorb,

den man als Schmuck im Kopf trägt,

 

und nach Merkel, die man für alles verantwortlich machen kann,

deutscher Vergangenheitssülze in Dokumentationen von Guido Knopp und Heinrich Breloer,

 und Großer Kloalition mit Pissoirabfluss

in den asozialen Medien.

 

Und wir erwecken die Toten

und sie tanzen.

Doch im mir verhassten Heimatflughafen Deutschland

riecht Californien anders.

Alle denken, dass es stinkt,

weil wir hier immer noch

Jacobs Gammelmundgeruch-Kaffee saufen,

denken, er wird progressiver,

wenn wir ihn mit „C“ schreiben,

und dass wir Afrika und das Trinkwasser retten,

wenn wir keinen Nescafe trinken.

Doch wir erschufen damit nur

10 kleine Negerlein,

die in einer Zeitschleife gefangen sind

und immer wieder in einem Schlauchboot im Mittelmeer ertrinken.

 

Gimme a Leonard Cohen-Afterworld!,

fleht Kurt Cobain.

Und er zündet in dumpfer Morgeneuphorie

eine Kerze an,

im lila Nebel des LSD-Meskalin-Heroin-Gemisches,

das die Hippies übriggelassen haben,

 Mutterkorn-Sodbrennensäure,

die Timothy Leary

aus seinem verfaulten Kopf geschwitzt hatte,

um die letzten Deutschen zu vergiften

und sich von Albert Hoffmanns Nazivergangenheit zu befreien.

Dumm nur, dass er damit auch jede Menge Amerikaner erwischte.

„Das ist nicht Gott!“, murmelte Kurt.

 

„Nein.“, sage ich,

„Da hilft auch kein Klebstoff und kein Terpentin,

um den Teufel auszutreiben.

Wir müssen einsehen,

wo Gott zu einem Kind wurde,

und dann müssen wir

die blitzende Würznutte

im Salzeiter heilig heißen

und sie möglichst unverfälscht in den Salpeter gießen.“

 

Rasch brennt ein gelbes,

wahnwitziges Feuer

unter dem irren Gelächter

des Schwefelgeistes.

 

Doch ich fasse ihm in die Hand

Und sage ihm:

„Wir dürfen nicht immer füreinander eintreten,

wenn wir befürchten, dass es der andere nicht hinbekommt.

So vermasseln wir alles.

Ich bin kein Karmaberater.

Dafür bin ich zu da

und zu wenig dort.“

Ich entzünde eine Kerze.

Aufatmen. Refuge.

And not the last.

 

Auch, wenn der gammelige Wackelchinese,

der mich immer wieder belästigt,

das gerne so hätte.

 

Er grabscht in seinen Kopf

und holt sich die Würmer heraus,

die seine Chinockenbedürfnisse sind:

zwei vergewaltigte Drachen,

die erhaben geblieben wären,

hätte er China oder den Himmel nie verlassen

und wäre nicht in die Hände

einer irren Nazifamilie gefallen,

die Chinesen adoptieren,

ihnen deutsche Namen geben,

und sie in amerikanische Käsetoastsandwiches

mit deutschem Spießerfrühstückgeschmack verwandeln,

um ihre nackte Colakälte

und ihr trocken wahnwitzig überkanditeltes Sibirien-Straflagerfrieren

als kalten, katholischen Schüchternheitsschweiß

evangelisch in den Kaffee aller Juden zu kippen,

die sie im Staub der Kakerlakenkacke

in den Gaskammern von Auschwitz noch vermuteten.

 

Und das Schwarze ergießt sich

als Hiroshima-Sorgen

aus seinem am deutschen Wesen

nicht genesenen

Chinesenkopf

 

und wird zu Aalschlangen in meinem Brechreizmüsli,

in denen ich seine hinterhältig im Hintergrund bleibende,

schweigende, dürre, deutsche Nazimutter erkennen kann,

die mir den Weihnachtsmann vermiesend

als türkische, eckig geformte, arrogante

Nikolaus-Theologen-Feigenklumpen-im Bauerngewand-Kotze

mit „Es gibt keinen Weihnachtsmann, sondern nur das Christkind-Geschmack“

in meine Kinderseele hineinvorwurft,

statt Lindt-Weinachtsmänner aus Schokolade

oder wenigstens leckere Rosinen,

damit ich ewig im Pietistenmatsch waten soll,

bis ich den von ihnen erwünschten Heimweg

nach Germanien gefunden habe.

 

Mein Gebet für heute Morgen lautet:

„Deutschland, verrecke!

Amerika muss düster

Und Israel heilig bleiben.“

 

Ich weiß wohl, dass das auf dem irdischen Plan kaum zu schaffen ist,

sondern nur im Geiste,

und auch das nicht,

wenn wir uns alle unsere Geister in die Tonne kloppen.

 

Ich brülle.

Und mit zittrigen Händen sehen die Amerikaner,

wie ihr geliebtes Deutschland,

in dem sie hofften,

noch ein käsegelbes Nazireich

ohne den jüdisch-schwarzhaarigen Hitler

errichten zu können,

morsch in Rost zusammenfällt

und mit mumpfigen Geräuschen

im Matsch eines norddeutschen Moores versinkt,

 

wo reine Satansgeister

lachend die bleichen, germanischen Juden

schwedisch aufschlitzen

und auf ihrer eigenen Hochzeit tanzen,

und wahre Ströme und reißende Flüsse von Jauche

durch das Land fließen lassen.

 

Unter wahnwitzigem Gelächter

kippt Donald Trump

als kleine Zimbeläffchenfigur

von George Harrisons Kamin

 

und fällt an meinen Cornflakes vorbei,

weil Billie Eilish

ihn schnell noch

mit einem geübten Hip-Hop-Tritt

wegkickt.

 

Lachend und lallend

gießen wir uns Wein hinter die Binde

und versinken

mit Kurt Cobain

 im Matsch.

 

Gut, dass man Freunde hat.

 

 

 

„Today I found my friends. They’re in my head.“

 

(Kurt Cobain,“Lithium“)

 

***

 

 

 

 

 

Merica (Süße Californen)

 

Siehst du nicht, der süße Wein

wird für dich gemostet?

Ich werd weiter bei dir sein,

bis du ihn gekostet.

 

Blut und Feuer in der Nacht,

schwarze Früchte fallen,

da hast du mich angelacht:

„Liebe gehört allen!“

 

Und der bleiche Leichenzug

Wackelt durch das Dunkel,

ihre Stimmen sind wie Trug

in unserm Gefunkel:

 

„Ja, mit Messern ritzen wir

alle Aktivisten,

opfern sie dem großen Tier,

ficken sie zu Christen!“

 

Wer es sah, America,

ist vor ihm geflohen,

kam erst westwärts wieder klar,

in des Satans Lohen.

 

Schob sich seine Leiche rein

in die eig’ne Möse,

rief mit zitterndem Gebein:

„Christus, komm, erlöse!“

 

 

Doch ich brannte, und ich bleib,

leg ihn dir zu Füßen,

meinen dir geweihten Leib,

und den Most, den Süßen.

 

Und ich tauche in dich ein,

fahre tief hinab,

immer will ich bei dir sein,

in der Sonne Grab.

 

Und sie leuchtet, und sie scheint

in geheimen Bornen,

und dort essen wir vereint

süße Californen.

 

***

(Bllie Eilish gewidmet)

 

 

„Animals, evidence
Pearly gates look more like a picket fence


Once you get inside 'em
Got friends but can't invite them

 

Hills burn in California
My turn to ignore ya
Don't say I didn't warn ya

 

All the good girls go to hell…“

 

 

aus „All the good girls go to hell“

 

Written by Billie Eilish o‘ Connell

© 2019 Darkroom/Interscope

 

***

Zweiter Teil

 

„Wenn er wiederkommt…“

(Barblin in „Andorra“ von Max Frisch)

 

Kurzgeschichten

 

 

 

 

 

 

Nothing else matters

oder

Zwischen zwei Weihnachtsabenden

 

Aus den dunklen Vorhängen der Nacht schält sich „Nothing else matters“ und berührt mit seiner Majestät die Sterne. Ganz vorsichtig wird eine silberhelle Melodie auf den Saiten hervorgebracht, zart und zerbrechlich, wie Silberfäden, die erst tastend, dann immer mutiger in der Dunkelheit zu atmen beginnen und der strahlenden Nacht ihre Geschichte erzählen. James Hetfield beginnt zu singen.  Ganz ungewöhnlich sanft klingt seine Stimme. Eigentlich wollte er diesen Song gar nicht mit auf dem „schwarzen Album“ haben. Er sei viel zu privat, und die Fans könnten denken, er sei zur Heulsuse mutiert. „Bist du wahnsinnig?“, sagte Lars Ulrich, „Das ist der beste Song, den du je geschrieben hast. Der muss mit drauf.“

 

„Ich habe mich noch nie so geöffnet.“, singt James, „Das Leben ist unser, wir leben es auf unsere Weise. All diese Worte sage ich nicht einfach so. Und sonst interessiert nichts. Glaub mir, ich suche und ich finde in dich, jeder Tag für uns etwas völlig Neues, offenen Geistes für eine neue Sichtweise. Und sonst interessiert nichts.“

 

Als ich nach Jahren, in denen ich keine Kirche von innen gesehen hatte, wieder bei meiner alten Heimatgemeinde anlangte, war viel geschehen. Ich hatte eine zehrende Zeit auf der weiterführenden Schule hinter mich gebracht, auf der ich meinen Glauben an Gott nahezu verloren hatte. Von schweren Depressionen und Selbstmordgedanken begleitet, roch ich aber dennoch das frische, grüne Gras, während ich neben Nina saß und sie sich Rücken an Rücken an Florian lehnte, dabei jedoch  höhnisch und schelmisch zu mir herüberblinzelte. Gott fiel mit Gepolter im Emailliegeschirr auf den dreckigen Fliesenboden der Lehrküche, wo wir Rührteig für Eierkuchen zubereiteten. Wie ein schneidiger Wind sahen die kalten Augen der stylischen Isabell in meine warme Deckenzelthöhle, in die ich mich manchmal zurückzog. „Also, ich hör am liebsten Britpop.“, sagte sie mit einer Stimme, die in der Luft nicht resonierte, sondern klirrte. Ich sah sie mit meinen warmen Rehaugen ein bisschen mitleidig, ein bisschen altklug an und sagte: „Ja, ich auch. Aber ich würde das nicht Britpop nennen. Das ist doch nur ein Wort, das die Zeitungen erfunden haben. Man nennt das eigentlich Rock’n Roll.“

 

„U-Huuuh!“, sang Damon Albarn, trat mit voller Wucht auf das Effektpedal seiner Gitarre und sprang hoch. Der ganze Raum explodierte, und Albarn und der Rest von Blur flogen von der Druckwelle getragen gegen die Wände und sprangen wie Flummis in dem kleinen, dunklen, mit gemütlichen Möbeln bestückten Raum umher. Das Video von „Song2“ wurde auf einem Bildschirm in dem Club übertragen, in dem ich dazu tanzte. Fallen lassen. An einem Wochenende, nach einer furchtbar anstrengenden Schulwoche. Überall waren Mädchen mit blutrot geschminkten Lippen. Wir ließen uns treiben in einem Wust aus schwitzenden Körpern, sahen begehrlich in schimmernde Augen, spürten die Konturen der anderen, die wir so liebten. Manchmal konnten wir es zugeben, und manchmal nicht. Als wir von der Disco durch die Nacht zur U-Bahn gingen, packte mich Nina an der Hose und sagte lachend zu mir: „Du hast ja `nen guten Schwanz, ey.“ Ihr Freund erbleichte und wackelte mit seinem unter einem Hip-Hop-Cap befindlichen Gummikopf. Ich lachte auch, schlug Nina auf den  Arsch und grinste. „Was sagt denn dein Freund dazu, dass du hier so an andere Männer rangehst?“

 

Fallen. Immer tiefer fallen. Im Biologieunterricht haben wir einen Film gesehen, in dem der Kommentator zu Bildern von einem ans Ufer rauschenden Meer sagte: „Und dann erschufen die Menschen sich die Götter.“ Alles um mich herum zerfiel zu Molekülen. Reagenzglasanordnungen tanzten seelenlose Atommodelltänze zu Melodien von Mendel und Oppenheimer. Und die wächsernen Fleischpuppen und Zellanordnungen um mich herum versanken in einem faulig stinkenden, morastigen Zombiesumpf und sahen in ihren modisch bunten Kleidchen und Lacoste-T-Shirts nur um so lächerlicher aus. Das ganze wirkte wie eine Szene aus „Gremlins 1“, wo dieser farbige Biologielehrer vor seiner Klasse doziert, während  in dem Käfig im Hintergrund der schleimige Mogwaikokon schon einen Gremlin ausbrütet.

 

Wir waren auf Klassenreise am Weißenhäuser Strand. Ich hätte gerne meine Gitarre mitgenommen, aber sie war zu sperrig für das Reisegepäck. Rio Reiser war gerade gestorben und ich war untröstlich. Quasi gerade erst war ich Ton Steine Scherben-Fan geworden und hörte in meinen grünen Refuges in Vororten von Hamburg, weit von meinem Elternhaus entfernt mit meiner Freundin Micaela  die „Keine Macht für Niemand“. Dag randalierte auf Heroinentzug in der Nachbarwohnung und schmiss Gegenstände an die Wand. Ralf wechselte die Platte. Er legte „Waiting for the sun“ von den Doors auf. Meine Augen versanken in dem pinken Cover, auf dem Jim und seine Mannen durchs hohe Gras dem Sonnenaufgang entgegen gehen. „She lives on Love Street, lingers long on Love Street, she’s got a house and garden, I would like to see, what happens.“ sang Jim Morrison mit dunkler Stimme zu Ray Manzareks Keyboard. Micaela und ich schmiegten uns aneinander. Und ich hatte meinen privaten Sonnenaufgang auf Love Street. Micaela war mit Matthias zusammen, was mich ärgerte, weil ich den Eindruck hatte, viel besser zu ihr zu passen.

 

Und dann zum Weißenhäuser Strand. Weit weg von Micaela, mit dem Blues wegen Rios Tod im Blut. „Der Traum ist aus“ war wie eine Epiphanie für mich gewesen, als ich das Stück zum ersten Mal hörte. Es war im Fernsehen gespielt worden. Und ich saß da, wie vom Donner gerührt und fasste es nicht, dass so etwas in der deutschen Rockmusik möglich war. Rios Platten waren bald mein Ein und Alles. Und in unseren grünen Vororten erschufen wir die 60er neu, mit Lavalampen, Joints und Janis Joplins rauher, dionysischer Whiskeystimme. Fast 16 Jahre lang war Helmut Kohl an der Macht. Wir waren uns einig. Die Revolution musste kommen. Leider kam stattdessen ein paar Jahre später Gerhard Schröder.

 

Der Wind an der Ostsee wehte kalt, und Bianca und ich wurden ganz schön durchgeblasen. Irgendwie merkte ich, dass ich dieses rothaarige, sperrige Mädchen mochte, das mit seinen grüngrauen Augen so skeptisch und dennoch voll lustigem Übermut in meine blicken konnte. An diesem Nachmittag stand nichts auf dem Programm. Die Lehrer waren in irgendeiner Kneipe einen saufen gegangen, was wir grinsend konstatierten. Sie hatten wohl gedacht, wir kriegen das nicht mit. Alles frustrierte Alt-68er, die sich nach den betonseligen 80ern schon nicht mehr trauten, uns 90ties-Kids noch mit ihren Träumen und Visionen zu kommen. Auf die Reste von Revolte, Dutschke, New Age, Liebe und Frieden gossen sie ätzende Flüssigkeiten wie Wodka Gorbatschow oder Küstennebel, doch das Gefühl, man hätte es schaffen können, ging nicht weg. Und aus dem Lautsprecher in der Schummerkneipe dröhnten Lieder von Marianne Rosenberg und Jürgen Marcus. Wenn die wüssten. Manchmal ist die aufgehende Sonne nur einen Steinwurf weiter am Strand, und man sieht es nicht.

 

Wie Papierfetzen wehte der Wind Bianca und mich über den Strand. Ich war das als ostseeerfahrener Mensch gewöhnt, aber Bianca schien sich zu fürchten. Ihre Cord-Tüll-Jacke bauschte sich im Wind und einige Böen ließen sie stolpern und wie eine Papiertüte wegtreiben. Ich nahm sie unter meine Jacke und drückte sie fest an mich. Sie sah mich dankbar und voller Liebe an. Wir suchten Zuflucht im Schutz eines Strandkorbes. „Mir ist oft so, als würde ich mich verlieren.“, sagte Bianca, als sie neben mir saß. Sie hatte ihre Hand in meine gelegt. Angenehm lagen unsere warmen, etwas feuchten Handflächen aufeinander und unsere Finger waren miteinander verschränkt. „Bei dir fühl ich mich geborgen.“, sagte sie. Ich legte meinen Kopf an ihre Haare und sog den Duft ein. „Ja.“, sagte ich, „Es ist manchmal, als hätte man überhaupt keinen Halt. Als würde dieses Leben so über einen drüber gehen wie der Wind hier und man bleibt im Sand als Strandgut zurück.“ „Küss mich.“, sagte Bianca. Und ich wandte ihr meinen Kopf zu und wir sanken tief in einen Kuss, in dem wir alles um uns vergaßen. Mit geschlossenen Augen tauchten wir ein in die wohltuende Nacht unserer Geister und berauschten uns am Geschmack unserer Münder und Zungen.

 

In der darauffolgenden Nacht kam Bianca zu mir aufs Zimmer und wir ließen uns einfach fallen in einen elektrisch knisternden, sexuellen Rausch, der den muffigen Kurort Weißenhäuser Strand und das modrige Zimmer mit den orangen Vorhängen einfach zum Verschwinden brachte. Wir waren eins mit Rio und der anderen Seite des Paradieses, die unsere Gefängnisse öffnete, unsere Tränen trocknete, unser Schiff sanft auf den Wellen wiegte und die Türen auftat für einen neuen Morgen.

 

Diesen Morgen verbrachte ich in der kleinen Wohnung von Bianca und ihren Eltern. Beide waren Althippies, kifften jeden Tag und hörten ihre immense Plattensammlung durch. Bianca kiffte auch und saß völlig stoned wie eine verlorene Erdnussschale auf dem Fußboden ihres Zimmers. Wir waren beide nackt, hatten aber Mühe, die Ekstase vom Weißenhäuser Strand zu wiederholen. „Wenn ich was geraucht hab, wird das nichts.“, sagte Bianca. „Du kannst mich dann anfassen, wo du willst. Ich merk das eh nicht.“ Ich war traurig. Wir lagen dann die ganze Nacht eng aneinander in ihrem schmalen Hochbett und hörten, wie ihr Vater, der mittlerweile auch ordentlich Alkohol getankt hatte, zu seiner verstimmten Akustikgitarre irgendetwas undefinierbares sang.

 

Morgens standen wir nackt vorm Fenster, zogen die Vorhänge weg, das gleißende, weiße Licht strahlte in unsere Augen, und wir wussten beide, dass Schluss war.

 

Wehmütig ging ich ohne sie durch den Herbst, der mittlerweile eingesetzt hatte und mir leuchtend bunte Blätter vor die Füße warf, zur S-Bahnhaltestelle Iserbrook und summte das Lied „Wenn der Morgen graut“ von Element of Crime. „Kurz vor der ersten Straßenbahn sind alle Häuser finster und stumm, dreh dich noch einmal nach mir um, einmal für dich, einmal für mich. Kurz vor der ersten Straßenbahn sind alle Wege öde und leer, lauf noch ein bisschen neben mir her, einmal für dich, einmal für mich. Wo ist der Gott, der uns liebt, ist der Mensch, der uns traut, ist die Flasche, die uns wärmt, wenn der Morgen graut? Kurz vor der ersten Straßenbahn sind die Gedanken müde und schwer, ein Stern fällt ins Wasser und der Mond hinterher, einmal für dich, einmal für mich.“

 

Ein paar Wochen später erzählte Bianca überall, dass sie jetzt erleuchtet sei. Im Unterricht sagte sie Sachen, dass unser Physiklehrer mit offenem Mund dastand. Und die wächsernen Fleischpuppen und Zellanordnungen um uns herum wurden wieder zu Menschen. Manche for better, manche for worse. Jamila hatte das erste Handy, Isabell wurde endgültig zur eiskalten Mobberin, die mir „Du Schwein“ auf die Federtasche schmierte, Nina verließ Florian und kam mit Nico zusammen und Florian eröffnete den ersten deutsch geführten Dönerladen auf St. Pauli. Mein Kumpel Salih aus Bosnien durfte leider nach der angeblichen Beendigung des Balkankrieges nicht mehr in Deutschland bleiben, aber seine Familie bekam eine Green Card nach Amerika. Dort würden sie in Seattle leben. „Grüß mir Eddie Vedder und Chris Cornell.“, sagte ich. Alles roch nach Jugendgeist. Nur Kurt Cobain hatte davon nichts mehr. Er war seit drei Jahren tot und für uns nur noch als der freundliche, sensible, junge Mann greifbar, der zwischen Nelken und Narzissen „Where did you sleep last night“ sang. Nur Salih und ich hatten oft in der kleinen Flüchtlingswohnung der Imamovics vor dem Fernseher gehockt und Kurt, Krist und Dave „Heart Shaped Box“ abfackeln hören, während in dem dazugehörigen Video ein dürrer Weihnachtsmann freiwillig aufs Kreuz hoch kletterte und sich dort kreuzigen ließ. Bianca wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Ich sah sie danach nur noch einmal wieder. Dann war die Schule zuende und wir traten alle an das Licht einer rund am Himmel stehenden Sonne, die uns in den Sommer des Berufslebens führen sollte. Jedoch selbst diese Sonne erkannte schon beim ersten Blinzeln, dass wir eine gebrochene Generation waren, voller Tränen, geweint oder ungeweint, verloren in der zwar flauschig gemütlichen, aber nichtssagenden Tristesse und Leere des sich selbst verdauenden Kapitalismus, der seine immer heißer werdenden Sommer über den dampfenden Asphalt der Hamburger Straßen schickte, die schon nach schmelzendem Teer zu riechen begannen, und die Luft über dem Boden flirren ließen. Fatamorganen stiegen auf und drangen uns in unsere fragenden Hirne. Und dann kam die Hamburger Schule. „Diese Welt ist nicht das Leben, sicher kostet sie dich deins.“, sang Jochen Distelmeyer. Und Dirk von Lowtzow ließ seine Freundin zu ihm im gleichnamigen Song sagen „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk, und werden es auch niemals sein.“ Von vorn herein zerstörte Träume als Grundkonzept einer Musikrichtung, die sich wie ein Phönix aus der mäandernden Teer-und Aschewelt herausschälte, die Romantik rettete und als eben doch nicht verlorene Seelen über dem weißen Wogendunst einer See voller Jonathan-Möwen Flugkunststücke nie gesehener Art vollführte. „Ein Lied mehr, das dich zurückhält und nicht dahin lässt, wo du hinwillst“ transzendierten diese Hamburger Lehrer, Schüler und Schulkameraden zu einem „alten Lied, dass in den Tag hinein bei einem sein wollte und nur für einen allein von neuen Möglichkeiten sang.“ „Wir haben gehalten, in der langweiligsten Landschaft der Welt. Wir haben uns unterhalten und festgestellt, dass es uns hier gefällt.“ Let there be Rock.

 

Als ich nach Jahren, in denen ich keine Kirche von innen gesehen hatte, wieder bei meiner alten Heimatgemeinde anlangte, war viel geschehen. Ein fiebriger Nachthimmel lag über der kleinen Kirche mit dem geduckten, neumodischen Turm und am Himmel zischten blinkende Flugkörper entlang, von denen ich nicht sagen konnte, ob es Flugzeuge, Ufos oder abgestürzte Satelliten waren, die bei der Begegnung mit der Erdatmosphäre Feuer gefangen hatten. „Dein Weg ist bereitet, und so kommst du zur Welt, ein Monster vom Himmel, ein Engel, der fällt.“, sprach Jochen Distelmeyer mit ruhiger Stimme auf dem die Platte „Old Nobody“ einleitenden Spoken-Word-Stück „Eines Tages“. Aus dem Kirchenkeller dröhnte Musik. „Paradise City“ von Guns`n Roses. Ich betrat die Kirche und ließ mich von der Musik in den dunklen Keller ziehen, in dem ich mir schon als Kind die Turnschuhe an und aus gezogen hatte und geübt hatte, eine Schleife zu binden. Von den Mickymäusen, die sich bei unseren Kreisspielen im evangelischen Kindergarten immer an und auszogen, mal ganz zu schweigen. Aus dem Jugendkeller drangen Rauchschwaden und oranges Licht. Ich ging hinein, und neugierige Augen entzündeten sich an meiner grünen Linksalternativenjacke, meinen langen Haaren und meinem Schriftstellerschal. Ich tauchte ein und unter in den Wellen von auf mich einströmende Zuneigung. Die Luft brannte. Eine neue Zeit hatte begonnen.

 

In „Gremlins 1“ gibt es eine Szene, in der Billy Pelzer mit seiner Freundin Kate Hand in Hand durch das weihnachtliche Kingston Falls geht, und sie ihm gesteht, dass sie Weihnachten nicht mag. Billy ist völlig entsetzt. „Jeder mag doch Weihnachten!“; sagt er zu ihr. Da erzählt ihm Kate die Geschichte, wie ihr Vater verschwand. Kurz vor Weihnachten. Und nie mehr zurück kam. Irgendwann rochen sie und ihre Mutter einen unerträglich modrigen Geruch, der offenbar aus ihrem Kamin kam. Sie dachten, es würde vielleicht eine tote Katze oder ein toter Vogel im Schornstein stecken und riefen die Feuerwehr. Doch die Feuerwehr zog Kates toten Vater aus dem Schornstein. Verkleidet als Weihnachtsmann mit einem ganzen Sack voller Geschenke.  Er hatte seiner Familie eine Freude machen wollen und war in dem viel zu engen Kaminzugang stecken geblieben und hatte sich das Genick gebrochen.

 

Manchmal denke ich, das ist das ganze Geheimnis von diesem türkischen Bischof, der den Armen großzügig Essen austeilte und dafür von der Kirche gerüffelt wurde. Noch heute bringen es Pastoren übers Herz, Kinderseelen zu beschädigen, indem sie im Weihnachtsgottesdienst sagen, es gäbe keinen Weihnachtsmann, Jesus Christus aber schon. Und in Amerika ist es gang und gäbe, mit dem Anagramm „Santa Claus-Satan Claus“ ihre Späße zu treiben. Kein Wunder dass er sich dann wie eine Heart Shaped Box fühlt und sich lieber als dürres Gespenst mit Weihnachtsmannmütze selber ans Kreuz schlägt, bevor das noch irgendein Vorstadtpastor übernimmt und Weihnachten ganz abschafft, weil Jesus Christus da ja nicht wirklich geboren wurde.

 

Ein Licht scheint in der Nacht. Für jeden. Nicht immer in derselben Gestalt und nicht immer auf den ersten Blick für jeden klar erkennbar. Und dieses Licht macht jede Nacht zu einer strahlenden und heiligen Nacht und kann uns etwas schenken, was uns Kraft für ein ganzes Leben gibt. Es sind die Augen eines alten Diakons, der oft von sich glaubte, im Leben viel falsch gemacht zu haben, und dessen ruhelosen Geist ich manchmal noch spüre, die mich jetzt ansehen. Er hieß Claus. Wie dieser türkische Bischof, der erst zum Knecht Rupprecht, dann zum Nikolaus und schließlich zum Weihnachtsmann wurde.  Jeder trägt etwas bei zu dem großen Gemälde des Lebens und jede Farbe, mit der wir diese große Leinwand betupfen, ist schön. Oft können wir das im Leben nur nicht sehen.

 

Ich gehe die Reeperbahn hinunter, nachdem ich seit Jahren zum ersten Mal wieder in einem Club hier feiern war. Am Straßenrand sitzt ein Straßenmusiker, ein alter Mann, vielleicht ein Türke, vielleicht ein Araber, und spielt auf faszinierend makellose Weise „Nothing else matters“. Ganz vorsichtig wird eine silberhelle Melodie auf den Saiten hervorgebracht, zart und zerbrechlich, wie Silberfäden, die erst tastend, dann immer mutiger in der Dunkelheit zu atmen beginnen und der strahlenden Nacht ihre Geschichte erzählen. „So nah, egal, wie weit weg. Es könnte nicht noch mehr von Herzen kommen. Für immer vertrauend in das, was wir sind. Und sonst interessiert nichts.“

 

Man sollte nie jemanden unterschätzen. Und nie von jemandem, der sich einmal in Kellern herumgetrieben hat, denken, er sei der Teufel. Der Auferstandene zeigt sich selbst noch im Geringsten unserer Brüder.

 

An einem Weihnachtsabend, ich denke, ich war so 5 oder 6 Jahre alt, zeigte das dritte Programm eine Sendung, in der ein freundlicher Mann die Weihnachtsgeschichte erzählte und sie gleichzeitig mit selbstgebastelten Origami-Puppen aus Papier nachspielte. Das hat mich tief berührt. Vor allem die Szene, in der Christus geboren wird. Der Mann faltete extra sorgfältig ein Jesuskind und legte es in eine kleine Krippe aus Hölzern. Sie war mit irgendetwas Flauschigem, ich glaube, Flaumfedern, ausgekleidet. Nachdem der Mann sicher war, dass das Jesuskind bequem liegt und sich wohlfühlt, hielt er die kleine Krippe in die Kamera und strahlte stolz und mit ganz lieben Augen die Fernsehzuschauer an. Ich hätte ihn am liebsten in diesem Moment umarmt. Dann zündete mein Vater eine rote Kerze auf dem Tisch an und wir hörten „Oh du Fröhliche“, und sangen aus voller Kehle mit.

 

 

 

Auf dem Feld

 

 

Mein Vater hatte zuhause, irgendwo in einer dunklen Truhe, eine Pistole. Ich wusste davon, weil er sie manchmal, wenn er dachte, die Mutter und ich würden schon schlafen, hervornahm. Die Truhe stand im Flur vor dem Schlafzimmer meiner Eltern. Mein Vater wühlte in solchen Nächten in den Tiefen der Truhe, bis er die Pistole gefunden hatte. Offenbar packte er sie immer so zwischen die anderen Sachen, dass er sie nicht sofort wiederfand. Wenn er sie hatte, ging er mit ihr nach unten ins untere Stockwerk und setzte sich ins Wohnzimmer. Eines Nachts, es war die Zeit, als ich noch ganz klein war, und noch bei meinen Eltern schlief, schlich ich die Treppe hinunter, um einmal zu sehen, was er da unten machte. Ganz ruhig saß mein Vater dort, zu gedimmtem Licht. Er hatte sich einen Wein eingegossen, den er bedächtig trank. In der einen Hand hielt er das Glas Wein, in der anderen die Pistole. Sanft streichelte er sie, wie einen Freund. Mich bemerkte er gar nicht. Nachdem er das eine Glas Wein ausgetrunken hatte, schenkte er nach. Immer wieder und wieder. Ich wunderte mich. Mein Vater trank sonst eigentlich nie Alkohol. Nach ungefähr fünf Gläsern fing er an, leise zu singen und zu lallen. Er hob die Pistole hoch und machte elegante Schießbewegungen mit ihr, wie ein Cowboy aus den alten Western. Dann stand er auf, und begann durch das Zimmer zu wanken und zu tanzen. „Piff,paff!“, rief er, und richtete die Waffe auf den Fernseher. „Piff, Paff!“, rief er und richtete die Waffe auf das Fenster, das zum Garten wies. „Piff, Paff!“, rief er und richtete die Waffe auf die Blumenvase auf dem Tisch. Dann lachte er schallend und laut: „Na, du Hurenbock? Hast wohl gedacht, ich drücke ab, was? Hahahahahahahaha! Du scheiß Nazi! Verrotte im Grab!!!“ Dann schmiss er die Pistole mit einer urplötzlichen, ruckartigen Handbewegung quer durch den Raum, dass sie krachend unter dem Fernsehschrank landete. Ich zuckte erschreckt zusammen. Doch mein Vater entdeckte mich immer noch nicht. Er wankte zum Sofa und ließ sich, schwer vom Wein, darauf fallen und schlief sehr bald ein. Jedenfalls tönte ein dumpfes Schnarchen aus dem Fleischberg, der dort plump auf der Couch lag.

 

Immer wieder, allerdings in unregelmäßigen Abständen, wiederholte sich dieses Geschehen. Es war mir unheimlich, da nichts, was mein Vater dann tat, irgendwie zu ihm passte. Andererseits fand ich es aber auch faszinierend, weil ja nie etwas Schlimmes geschah, wenn er diese tollen fünf Minuten hatte. Erst saß er immer da und streichelte die Pistole, dann trank er eine Flasche Wein leer, und dann machte er seine „Schießübungen“.  Ich schlief damals schon längst in einem eigenen Zimmer. Aber immer, wenn ich merkte, dass „es“ wieder geschah, schlich ich meinem Vater nach und beobachtete sein Treiben im Wohnzimmer. Ich fing an, es lustig zu finden.

 

Irgendwann, ich war so um die zehn Jahre alt, hörte Vater mit seinen Absonderlichkeiten auf. Er machte es einfach nicht mehr. Ich fragte mich oft danach, ob mein Vater eine Art Schlafwandler gewesen war, der all diese Sachen im komplett Unbewussten tat, quasi im Schlaf.

 

Dann kam ich langsam in die Pubertät und begann, Kräfte in mir zu spüren, mit denen ich irgendwo hin musste. Ich begann, Sport zu machen. Eines Abends, ich war 14 Jahre alt, kam ich vom Sport nach Hause, ging ins Wohnzimmer…und erschrak mich fast zu Tode. Vater saß dort mit einer halb ausgetrunkenen Weinflasche vor sich im Dämmerlicht, die Glühbirne der Tischlampe war fast ganz heruntergedimmt. Reflexartig ging mein erster Blick auf die Hände meines Vaters, weil ich sehen wollte, ob er die Pistole in der Hand hielt. Aber sie war nicht da. Mein Vater hielt die Hände im Schoß gefaltet und sah unendlich traurig aus. Ich setzte mich neben ihn. „Was ist denn los, Vater?“, fragte ich. „Ach, Sohn.“, sagte er seufzend, „Es war ja klar, dass du irgendwann dahinter kommst, nicht wahr?“. Er sah mich mit unendlich liebenden, gütigen Augen an. „Hinter was“, fragte ich. „Hinter die Sache mit der Pistole.“, sagte mein Vater und sah mich mit seinen dunklen Augen an, in die aber plötzlich eine große Erleichterung trat. „Weißt du, Vater.“, ich rückte an ihn heran, und legte meinen Arm um ihn, „Ich habe dich, als ich ein kleines Kind war, mehrmals dabei beobachtet. Bei den Sachen, die du nachts mit dieser Pistole im Wohnzimmer gemacht hast.“

 

Mein Vater sah mich an, und lächelte. „Dann ist es jetzt gut.“, sagte er. „Der alte Fluch ist ausgetrieben.“ „Was für ein Fluch?“, fragte ich. Mein Vater ruckelte sich im Sofa zurecht. Ich sah ihm an, dass er gute Laune bekam, und Lust hatte, mir diese ganze Geschichte, die hinter dem Revolver steckte, einmal zu erzählen. „Weißt du.“, sagte er, „Ich habe diese Waffe von deinem Opa. Er hat sie mir vererbt, als er starb. Dein Opa war Nazi. Leider. Und er ist diesen Quatsch nie losgeworden. Bis auf sein Sterbebett hat er an Hitler, den Judenhass und den Endsieg der weißen Rasse geglaubt. Wie du ja weißt, ist er nicht besonders alt geworden. Er starb mit knapp vor 60 an einer Lungenentzündung. In seinen letzten Tagen hat er mir diese scheiß Pistole gegeben und mir gesagt, er hätte sie in seiner Zeit bei der SS von Heinrich Himmler persönlich bekommen. Ich müsse mich dieser Waffe als würdig erweisen, und solle sie in Ehren halten. Auf ihr und in ihr ruhe der heilige Geist des Führers. Und er sagte mir auch, dass diese Waffe magische Kräfte habe, die jenen, die sich treu dem Führer und seiner Sache ergeben, aber nichts anhaben könne. Die Pistole könne einen zwingen, den heiligen Eid, den man Hitler geleistet habe, zu erfüllen, auch wenn man es gar nicht will. Aber nur, wenn  man sich Hitler nicht ergibt und unterwirft. Denn wenn man das täte, würde man ohnehin im richtigen Moment freiwillig mit der Waffe schießen. Mein Vater wusste ja, dass ich kein Nazi geworden war. Er war darüber immer sehr betrübt. Auf seinem Sterbebett sagte er zuletzt zu mir: „Wehe dir, mein Sohn, dass du Demokrat und auch noch links geworden bist. Die Pistole, die ich dir vermache und die mir das heiligste ist, was ich habe, wird dir zum Fluch werden, und dich zwingen, den Eid, den wir Deutschen Hitler geschworen haben, abzuleisten, ohne dass du es willst. Das macht mich traurig. Denn nur alleine dadurch, dass du kein Nazi geworden bist, entweihst du dieses kostbare Geschenk, das ich dir in der Todesstunde gebe. Die Pistole wird Macht über dich erlangen und dich nachts von Zeit zu Zeit Dinge tun lassen, die du nicht wirklich willst. Es gibt nur eine Chance, wie du diesem Fluch entrinnen kannst. Dein Sohn müsste dich einmal nachts dabei beobachten, wie du mit dieser Waffe spielst und sich nicht erschrecken und nicht eingreifen. Dann wäre alles, was an heiligem deutschen Nationalsozialismus-Geist auf dieser Pistole ruht, für immer ausgetrieben.“

 

Ich sah meinen Vater ungläubig an. „Und sowas hat Opa geglaubt?“, entfuhr es mir mit einem plötzlichen Lachen. Mein Vater lachte auch. Dann hielten wir einen Moment inne, sahen uns an, und plötzlich mussten wir beide so laut lachen, dass die Wände wackelten. „Diese Nazis!“, prustete mein Vater. „Abergläubische Idioten und Küchen-Esoteriker!“ Als wir uns wieder eingekriegt hatten, sah er mich an und sagte: „Weißt du, ich bin mir jetzt sicher, dass ich diese komischen Sachen ohnehin nur gemacht habe, weil dein Opa mir diesen ganzen Quatsch auf dem Sterbebett gesagt hat. Denn der Fluch, an den er geglaubt hat, muss ja schon nach dem ersten Mal, an dem du mich beobachtet hast, aus der Waffe ausgefahren sein.“ Wir grinsten uns einen ab, und tranken gemeinsam noch die Flasche Wein leer. Dann wurde ich übermütig. „Sind in der Waffe eigentlich wirklich Kugeln?“, fragte ich. „Ja.“, sagte mein Vater, das ganze Magazin ist voll. Ich sprang auf. „Dann lass uns doch Schießübungen mit der Waffe machen. Wir nehmen ein paar leere Flaschen mit, schießen das ganze Magazin auf die Flaschen ab, und dann nehmen wir die Pistole wieder mit nach Hause oder schmeißen sie weg, je nachdem, wie uns zumute ist. Dann ist dieser Fluch, wenn es ihn überhaupt gegeben hat, wirklich ganz weg.“ Ich sah zwar, dass mein Vater einen mulmigen Gesichtsausdruck bekam, und kurz huschte so etwas wie ein Schatten über seine Augen, dann aber stand er auf, klopfte sich den Staub von der Hose und sagte: „Jo. Dann lass gehen!“

 

Wir nahmen die Pistole, zwei Fantaflaschen und die leergetrunkene Weinflasche mit und gingen mit den Sachen auf das freie Feld, das nicht weit von unserem Haus entfernt lag. Der Weizen war bereits abgeerntet, nur noch goldene Stoppeln und Halme standen auf dem Feld, es erstreckte sich weit vor unseren Augen, und über uns war ein sonniger Herbsthimmel gespannt. Mein Vater nahm eine Holzkiste auf, die irgendwo in einer Ackerfurche gelegen hatte und stellte sie als Schießstand auf, die Flaschen platzierte er auf dieser Kiste.

Dann stellten wir uns nebeneinander. Mein Vater nahm die Pistole auf. Plötzlich sah ich, wie ein leichtes Zittern über ihn kam. Seine Augen begannen sich zu verändern. Sie wurden ganz dunkel wie zwei Kohlestücke und ein unergründliches, fiebriges Leuchten trat in sie hinein. Er packte mich bei der Hand. Sein Griff war fest wie ein Schraubstock.

 

„Ich habe gelogen, mein Sohn.“; sagte er mit einer Stimme, die ich von ihm nicht kannte. Sie klang wie das Knattern und Ächzen eines alten Motors. „Ich bin kein Mensch. Ich bin der Satan. Und ich habe nur noch eine Aufgabe zu tun, bis meine Zeit in der Hölle abgegolten ist, und ich von Gott begnadigt werde. Ich muss meinen eigenen Sohn töten. Aber du hast eine faire Chance. Wir schießen jetzt auf diese Flaschen. Diese drei Flaschen sind die letzten drei Drecksjuden, die noch leben. Es sind die drei, die auf dem Hügel Golgatha am Kreuz gehangen haben. Die beiden Fantaflaschen sind die Hurenjuden, die ohnehin Verbrecher waren. Die sind leicht zu treffen. Der linke etwas schwerer, als der rechte, weil Christus dem vergeben hat. Und die Weinflasche in der Mitte ist das unschuldige Judenschwein Jesus. Das ist schwerer zu treffen. Wir schießen nun auf diese Flaschen. Wenn du die Flasche in der Mitte triffst, darfst du mich erschießen. Wenn ich sie treffe, darf ich dich erschießen. Das wichtigste daran ist nur, dass wir letztendlich beide sterben. Denn wir sind Verräter an der weißen Rasse und damit zu Drecksjuden geworden. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir Männer sind.“

 

Mein Vater ließ meine Hand los, legte die Pistole hinein und schrie: „Schieß! Schieß auf mich, so lange es noch geht! Wenn du es nicht tust, ist alles zu spät!“ Ich sah ihn aus erschreckten, aber festen Augen an. „Du bist irre, Vater. Du gehörst in ein Krankenhaus.“, sagte ich so ruhig ich konnte. Dann warf ich die Waffe weg, so weit ich irgend konnte.

 

Da schrie mein Vater wie ein wildgewordener Stier. „Du Rassenschande! Du Judenschwein! Du Säuger an den vergammelten Zitzen Christi! Jetzt hat dein letztes Stündlein geschlagen!“ Mit überquellenden, ausflippenden Augen rannte er auf mich zu und stieß mich zu Boden. Dann packte er mich, zog mich wieder hoch, griff an meine Hose und riss sie mir grob hinunter. „Nimm an den Samen Adolf Hitlers!“, schrie er: „Nimm an den Samen Adolf Hitlers!“. Dann ließ auch er seine Hose herunter, drückte mich auf den Ackerboden und stieß seinen Penis in meinen After. Tief drang er in mich ein, und drückte mein Gesicht dabei in den erdigen Boden des Feldes. Nach mir unendlich lang vorkommenden Minuten spritzte er sein Sperma in mich ab.

 

Mein Vater rappelte sich auf. Zitternd am ganzen Körper blieb ich liegen. Ich weinte. Ich spürte, wie Vater, einem Ziehaufmännchen gleich, unkontrolliert auf dem Feld herumlief. Nach einer Weile stellte er sich wieder neben mich. Sein Hosensaum berührte meinen nackten Po. Ich zitterte am ganzen Körper. „Wir haben uns versündigt.“, stammelte mein Vater. „So oder so. Wir haben nicht geschossen und sind damit bei Gott und Satan gleichzeitig in Ungnade gefallen. Ich sollte jetzt auf dich schießen. Dann bliebe wenigsten dir der Rest der ganzen Scheiße erspart. Aber ich glaube, ich kann nicht mal das.“ Ich wimmerte. „Du hast ab jetzt einen Auftrag.“, sagte mein Vater mit dumpfer Stimme. „Du musst diese Pistole aufbewahren, und eines Tages Jesus damit erschießen. Es wird der Tag kommen, da wird er dir gegenüberstehen, und du musst es tun. Damit wird der Himmel endgültig entweiht, und alles, das gesamte Universum, wird in die tiefste Hölle absinken.“

 

Mein Vater ging ein paar Schritte beiseite. Es herrschte eine unerträgliche Stille, die nur vom elektrischen Flirren der neben dem Feld stehenden Hochspannungsmasten und dem Krächzen einiger vorbeifliegender Krähen unterbrochen wurde. Dann hörte ich meinen Vater murmeln: „Gelobt sei Jesus Christus!“, und hörte einen Schuss, der laut über das ganze Feld widerhallte. Mit einem dumpfen Geräusch fiel mein Vater zu Boden. Unendlich lange lag ich noch dort. Dann stand ich auf, und zog meine Hose wieder an. Ich wusste nicht, ob ich so ruhig war, weil ich unter Schock stand oder ob in mir etwas gestorben war und ich jetzt so etwas wie ein lebendiger Toter war. Die Leiche meines Vaters lag vor mir auf dem Ackerboden. Nicht weit davon entfernt die verhängnisvolle Pistole. Ich sah voller Grauen auf sie hinunter. Meine Augen blau wie das Azur des Himmels über mir.

 

 

 

Die Flamme

 

Mittlerweile hatte man die Zarenfamilie im Keller einquartiert. Dort war es dunkel und eng. Hauptmann Pjotr vermutete einen Sturm der Konterrevolutionäre auf das Schloss, um die Romanovs zu befreien. Erzählt hatte er das Zar Nikolaus nicht. Er sprach von umherziehenden Mörderbanden. Jedoch intern spukte Pjotr und seinem engsten Vertrauten bei der bolschewikischen Bewachungsgarde, Andrei, noch etwas anderes durch die Köpfe. Ein Gespenst, das nicht nur in Russland, sondern in ganz Europa umging. Und dieses Gespenst war nicht der Kommunismus. Immer wieder sahen sie sich aus hektisch aufflackernden Augen an, die in der Glut ihrer im Akkord gerauchten Zigaretten zunehmend einen fiebrigen Glanz bekamen. „Er wird zu Nikolaus wollen, wenn er kommt, nicht?“, fragte Andrei. „Ja.“, sagte Pjotr. Aber am meisten fürchte ich mich vor seinen drei Fragen.“ Andrei zündete sich noch eine Zigarette an. „Pjotr, du musst aber immer auch einkalkulieren, dass wir verrückt geworden sind. Die Lage im Staat ist so unübersichtlich und verwirrend, da kann uns schlichtweg die Hirnplatte bei irgendeinem Glas Wodka zuviel rausgesprungen sein.“ Pjotr sah Andrei aus unergründlich tiefen Augen an. Und vor diesem Blick fürchtete er sich. Wenn Pjotr diesen Blick bekam, wusste Andrei, dass er sich seiner Sache wieder sicher war, und jeder Zweifel an seiner merkwürdigen Theorie aus ihm verschwunden war. Und dann sah er irgendwo auf dem Grund der Pupillen dieser Augen ein Feuer tanzen; gelb, schweflig, irr; wie der Blick von jenem Wunderheiler, und diese Flamme tanzte zuckend in der Iris von Pjotrs Augen wie ein Kosake, der eine Mazurka aufs Parkett legt.

 

Das Fest tobte. Irgendwo oben auf der Brüstung stand Zar Nikolaus und riss eine Flasche besten Tokayer in die Luft, drehte sie köpflings um, hielt sie sich an die Lippen und ließ ihren Inhalt in einem Zug brennend in seine Kehle laufen. Das angenehm süße Getränk rauschte seine Speiseröhre hinab wie ein Waldbrand. Zar Nikolaus lachte. Feuer. Das war die russische Seele. Und der ganze Festsaal im Schloss von St. Petersburg war in das rötliche Licht der Kandelaber getaucht. Rasputin hatte ihn überzeugt. Es war die Zeit Seiner Wiederkunft. Und die Romanovs waren Günstlinge des Heilands. Natürlich. Es konnte nicht anders sein. Er war Nikodemus. Der einzige Pharisäer, der zu Jesus gehalten hatte. Und wer dieser Schlawiner Rasputin war, wusste er natürlich auch. Obwohl dieser erwartungsgemäß nicht damit herausrückte. Aber… warum nicht vorfeiern? Sie, die russische Zarenfamilie, hatten Jesus Christus an ihrem Hof als Heiler, Prediger und Berater. Nicht Kaiser Wilhelm. Nicht Königin Victoria. Sondern er. Zar Nikolaus, der zweite. Nikolay Alexandrowitsch Romanov. Rasputin war der weiße Reiter. Das zweischneidige Schwert, das aus seinem Mund hervorging, war seine Zunge, es stand für seine Art, Dinge manchmal rätselhaft auszudrücken. Und natürlich hatte dieses Schwert ihn auch oft durchbohrt. Aber er, Nikolaus, hatte alle Tests bestanden. Auch die drei letzten Fragen, die Rasputin ihm im Bernsteinzimmer gestellt hatte. Und seitdem wusste er, dass er Gnade bei Gott gefunden hatte. Sein Sohn Alexei war vom Blutsturz geheilt worden und erfreute sich bester Gesundheit. Wie Wasser waren von Nikolaus die quälenden Konflikte seiner Jahre abgeflossen und hatten jenen Stachel, der mit einem Widerhaken in seinem Fleisch saß, herausgespült. Und da hatte er auf dem Parkettboden des Bernsteinzimmers Europa gesehen, das von den dunklen Fluten der Schuld überrollt wurde, wie die Armee des Pharao auf ihren Streitwagen am Schilfmeer. Ja, es war seine Schuld, die wie eine dunkle Suppe über Europa hinfloss, und er sah aus ihr Walfische, Seeschlangen und Leviathane hervorkommen, die alle europäischen Fürsten fraßen. Bis auf ihn. Er sah fragend in Rasputins Augen. „Heißt das, meine Schuld ist mir vergeben?“ „Weide meine Lämmer.“, sagte Rasputin und sah ihn mit diesem flackernden Blick an. Und dann lachte er es. Dieses scheußliche, irre, sich überschlagende, meckernde Rasputinlachen. Das einzige, wegen dem Nikolaus manchmal dachte, er könne sich dennoch irren, trotz aller Zeichen und Wunder. Rasputin begann dann, wie immer, zu tanzen. Genau wie die gelbe, schweflige Flamme in seinem Blick. Ein fester Schritt nach rechts, ein Stolperer nach links, und dann hüpfte er mit zuckenden Beinen über das Parkett des ehrwürdigen Bernsteinzimmers, dass Nikolaus dachte, er habe noch nie jemanden so tanzen sehen. Rasputin tanzte schneller, als ein Mensch tanzen kann. Und dennoch so präzise Formen, Figuren und Pirouetten, dass man entweder glauben musste, er habe es von dem besten Ballettmeister der Welt gelernt, oder eben… er WAR…der… Und nach solchen Unterredungen brauchte Nikolaus stets eine ganze Flasche klaren Wodka. Aber war er wieder alleine, war er sicher. „Ja, Herr, du weißt doch, dass ich dich liebe…“ murmelte er. Und er fiel, schwummerig und betrunken von dem ihm das Hirn verdunkelnden Wodka auf den Boden des Bernsteinzimmers und weinte bitterlich.

 

Mitten in der Menge dieses schwitzenden Festes stand die kleine Anastasia. Rasputin hatte sich unsterblich in sie verliebt, obwohl sie noch fast ein Kind war. Diese wunderbaren, dunklen Augen. Dieser kluge Blick, der alles wusste. Diese Seele, die aus jenen Augen sprach. Das einzige, was seinen wilden Brand beruhigen konnte, die Flamme, die ihn verzehrte, die zwei irren Skorpione, die ihm auf ihren flinken Füßen durch die Venen krochen, um irgendwo in seinem Körper ihr Liebesspiel abhalten zu können, nach dem das Weibchen das Männchen stets verschlang, und es dann doch erneut gebar, als seinen eigenen Sohn. Immer, wenn Rasputin diese zwei Skorpione spürte, war es aus mit seiner Heiligkeit und seiner ungetrübten Gottesnähe, die er sich auf ungezählten Pilgerfahrten erworben hatte, durch die Versenkung in unzähligen Klöstern, durch Fasten, Einreibungen und Waschungen, durch intensives Studium der heiligen Schrift, die weißen, kühlen Mauern der griechischen Klöster und den blauen Himmel über der Ägäis. Er spürte dann Alexander den Großen. Das Trampeln der Soldatenstiefel. Das Heer, das ihm bedingungslos folgte. Den Rausch, in kürzester Zeit die ganze Welt zu erobern. Und die sündige Liebe Alexanders zu Hephaistion. Und dann war er auch David. Und Hephaistion war Jonathan. Und Davids Psalmen verbrannten in der Liebe zu Sauls schönem Sohn und konnten Saul nicht mehr besänftigen. Und sie beide wurden zu Absalom und verfingen sich mit ihren langen Haaren im Baumgeäst. Und der Speer des Feindes traf Absalom von hinten. Und der Stahl seiner Spitze wurde manchmal noch vom Wasser von Rasputins Tränen und dem Balsam seiner Liebe zu Holz verwandelt, das er immer kleiner werden lassen konnte, bis es nur noch ein winziger Splitter war. Und dann überlebte Absalom. Manchmal aber gelang es nicht. Dann raste das Feuer des alexandrischen Krieges durch Rasputins Blut. Dann war ihm Krieg, Schlacht und Vergeltung wichtiger als Liebe, Trost und Heilung. Dann war er der Feind, der Absalom vom Baum abnahm, ihm begütigend sagte: „Du bist gerettet!“, und ihm dann mit seinem Krummsäbel den Kopf abschlug. Und dann spürte Rasputin die Skorpione. Wie sie in seinen Venen umherrannten und sich jagten. Je nachdem, wo in seinem Körper sie ihre Hochzeit abhielten, fiel sein ihn dann befallender Veitstanz mehr oder weniger glimpflich aus. Befremdlich war es trotzdem immer für alle anderen. Aber wenn die Skorpione es schafften, ihre Vereinigung in seinem Kopf unter seinem Kranium abzuhalten, war alles zu spät. Dann kam der epileptische Anfall. Und die anderen Mönche fanden Rasputin zuckend und wimmernd auf dem Boden der Klosterzelle liegend vor. Er brauchte dann immer tagelange Bettruhe, zugezogene Vorhänge und Stille. In dieser Zeit konnte und durfte auch niemand Rasputin aus den Psalmen vorlesen, etwas, was ihn sonst immer wieder ins seelische Gleichgewicht brachte. Tat man es jedoch in der Zeit nach einem solchen Anfall, verzog sich Rasputins Gesicht zu einer gequälten Grimasse und er hielt beide Hände schützend an seinem Kopf und greinte wie ein geschlagener Säugling.

 

Anastasia stand bei dem Geländer der großen Freitreppe und sah träumend ins Festgeschehen. Es war etwas Schönes, das kommen würde, das wusste sie. Aber anders als alle anderen bei Hofe fasste sie es nicht in Worte, stellte keine Vermutungen an, enthielt sich jeden Urteils. Nicht nur, weil sie so jung war. Sondern weil sie nach der Heilung ihres Bruder Alexei verwandelt war. Sie wusste etwas, was kein anderer wusste. Dass es keinen Tod gab. Und manchmal fragte sie sich, warum nicht mal Rasputin das zu wissen schien, und dann wurde sie traurig. So unendlich traurig, dass sie schreien hätte können vor Verzweiflung. Das war eine Traurigkeit, tiefer als die Welt, von der manch anderer Europäer sagte, dies sei die russische Seele. Doch Anastasia wusste: es war mehr. Es war jenseits aller Worte. Es war das Geheimnis des Lebens. Plötzlich stand Rasputin vor ihr. Schwankend. Anastasia wollte nicht wissen, wie viele Wodka und Tokayer er an diesem Abend schon getrunken haben mochte. Aber er war ganz ruhig. Seine Augen waren nur unendlich traurig. „Du bist die Auferstehung und das Leben!“, murmelte er mit schwerer Zunge. Anastasia sah ihn an. „Du bist Sulamith!“, sagte Rasputin. Anastasia sah ihn an. „Du bist die Braut des Lammes!“. Anastasia zuckte vor Schreck zusammen. So urplötzlich war der Irrsinn noch nie über Rasputin gekommen. Er hatte es geschrien. Oder eigentlich mehr gekreischt. Mit einer hellen, sich überschlagenden Stimme wie die einer Baba Jaga. Wie Blitze zuckte das schweflig-gelbe Feuer aus seinen Augen. Und Anastasia spürte, wie diese Flamme in ihr Herz zuckte und sie auflodern ließ wie einen brennenden Dornbusch. Innerhalb von Sekunden spürte sie ihre Kindheit einschmelzen und sich selber aufblühen in die Frauschaft, spürte, wie sie schöner und schöner wurde, und wie all ihre Hoheit und Majestät ihr plötzlich zur Verfügung stand, die vorher allenfalls als Keimanlage in ihr geschlummert hatte. Und in diese Hoheit nahm sie den taumelnden Rasputin wie in einen Mantel, und ein Pfahl ging von ihr aus und durchbohrte ihn, zerfetzte und zerfledderte ihn, dass nur noch sein zerschlissenes Obergewand übrig blieb und in Fetzen über die Tanzfläche wehte. Und er war jener Eine und ihre dunklen Augen durchdrangen sich, und sie stürzten in eine Nacht so tief wie der Abgrund bei den Bergen Gileads, ihre Seelen tranken Würzwein, ihre Münder labten sich am Traubenkuchen, und Oleander, Hennasträuche und Granatäpfelbäume beschirmten das Lager ihrer Lust. Anastasia fiel hintenüber und der betrunkene Rasputin strauchelte und stürzte lallend wie ein Mehlsack über sie. Zar Nikolaus, der oben an der Freitreppe stand, sah es aus den Augenwinkeln und schüttelte missbilligend seinen Kopf.

 

Draußen fiel ein Schuss. Pjotr und Andrei zuckten zusammen und waren schlagartig wieder in der Realität. „Geh mal nach ihnen schauen.“, sagte Pjotr. Sein dünner Schnurrbart bebte. „Du glaubst nicht wirklich, dass er schneller sein kann, als er selbst, oder?“, fragte Andrei. „Ach, was weiß ich.“, seufzte Pjortr und sah Andrei mit leidenden Augen an. „Man hätte Rasputin nicht töten dürfen. Verbannen ja. Aber nicht töten.“ Andrei sah seinen Vorgesetzten mitleidig an. Auch er war jener merkwürdig hypnotischen Wirkung Rasputins erlegen. Und diese schien selbst nach seinem Tod noch die Gehirne derer zu verwirren, die ihn gekannt hatten.

 

Andrei ging die paar Stufen zu dem Gelass hinunter, in dem man die Romanovs versteckt hatte. Er gab das verabredete Klopfzeichen. „Andrei?“ hörte er die heisere Stimme von Nikolaus von drinnen fragen. „Ja.“, bestätigte dieser. „Seid ihr da drinnen wohlauf?“ „Ja“, sagte Nikolaus. „Aber allmählich wird es uns hier zu eng. Glaubt ihr wirklich, dass heute Nacht ein Angriff bevorsteht? Wir würden so gerne wieder einmal nach oben und uns ein bisschen bewegen.“ „Ich persönlich glaube gar nichts.“, sagte Andrei. „Es ist Hauptmann Pjotr, der dieser Meinung ist. Ich für meinen Teil bin der Ansicht, Russland hätte seinen Hang zum Übersinnlichen und zu schwammigen Ahnungen längst irgendwo in der sibirischen Tundra beerdigen sollen.“ „Ja, ich weiß.“ Nikolaus Stimme klang niedergeschmettert und voller Reue. „Machen sie doch mal die Tür auf, Andrei. Ich möchte unbedingt mal wieder ihr Gesicht sehen. Es gibt mir Trost.“ Andrei entriegelte die Tür. Dicht gedrängt standen die Romanovs in dem dunklen Raum. Anastasia und Maria schluchzten. Der ehemalige Zar Nikolaus sah mit seinem mittlerweile völlig verwilderten Bart aus wie ein Räuber aus den Wäldern. Auf seiner Stirn stand der Schweiß. „Die Nacht ist bald um.“, sagte Andrei. „Wenn bis zum Morgengrauen nichts geschieht, könnt ihr wieder nach oben.“ Andrei schloss die Tür und schob den Riegel wieder vor. Dann ging er nach oben. Gerade als er die Laterne, die er zum Leuchten auf der Kellertreppe mitgehabt hatte, auf dem Tisch abstellen wollte, sah er es. Und sein Herz blieb beinahe stehen vor Schreck. Auf dem Fußboden lag Pjotr. Tot. Mit kalkweißem Gesicht, von sich gestreckten Gliedmaßen und voller Angst aufgerissenen, starren Augen.

 

Es war schneller gegangen, als man einen Gedanken fassen konnte. Plötzlich war Licht im Raum. Geblendet zuckten die Romanovs zusammen. An die Tür gelehnt stand ein Mann mit wirren, langen Haaren, einem verfilzten Bart und brennenden Augen. Es war Rasputin. In seiner Hand hielt er die Pistole von Hauptmann Pjotr. Starr ging sein Blick in die angstvoll aufgerissenen Augen von Nikolaus. „Du hast dein Zarentum verspielt, Shimon.“, sagte Rasputin mit ausdrucksloser Stimme. „Europa taumelt in den Abgrund wegen dir. Was hast du dazu zu sagen?“ „Liebst du mich denn gar nicht mehr, Herr?“, stammelte Nikolaus erstickt. Über Rasputins Gesicht huschte ein Lächeln. „Weißt du nicht mehr, was ich dir in der letzten Nacht im Bernsteinzimmer gesagt habe? Man darf mich nicht töten. Wenn man das tut, erachte ich alles nur noch für ein Spiel, und dann spiele ich eben auch. Zum Beispiel russisch Roulett. Und tanzen kann ich dann noch schneller. Nur dass es dann eleganter ist, als zu meinen Lebzeiten. Und, wie ich dir schon sagte, ich kann dann auch schneller tanzen als ich selbst. Das gilt für alles andere auch. Natürlich auch für das Schießen.“

Nikolaus sah seinen alten Freund aus angstgeweiteten Augen an. „Willst du nicht die drei Fragen stellen?“. Rasputins Mundwinkel zuckte verächtlich. „Du bist ja immer noch so ein schleimiger Feigling, Peterchen. Ich glaube, du musst heute mal auf Mondfahrt gehen.“ „Nein, bitte nicht!“ schrie Nikolaus und bekam einen Tremor, der sich von seinen Händen aus über seinen ganzen Körper ausbreitete, bis er nur noch ein zitterndes Etwas war. „Na“, fragte Rasputin, „spürst du die Skorpione?“ „Ich habe Angst.“, sagte Nikolaus und in seine Augen traten Tränen. Rasputin seufzte. „Es ist alles deiner Tochter zu verdanken, dass die Sache immer wieder glimpflich abgeht.“, sagte er. „Sie hat ein gütiges Herz.“ Anastasia verkroch sich, ebenfalls zitternd, unter dem Kleid ihrer Mutter. „Was willst du? Wie willst du es haben?“, fragte Nikolaus. Rasputin räusperte sich. „Du bekommst heute mal drei andere Fragen. Und wenn du sie nicht beantworten kannst, werde ich auf dich schießen. Das ganze Magazin dieser Pistole ist voll. Du musst meinen Kugeln so schnell ausweichen können, wie ich im Leben tanzen konnte. Denn dann kannst du auch tanzen wie ein Blitz und wirst jeder Gewalt, die von oben oder unten kommt, ausweichen können. Wenn ich dich aber nur einmal treffe, erschieße ich dich und deine gesamte Familie.“ Nikolaus atmete schwer aus. Er wusste, dass es unmöglich war, Rasputin umzustimmen. Er wagte nur einen kleinen Einwand. „Hier unten ist es doch viel zu eng.“ „Ja.“, sagte Rasputin. „Wie in einem Walfischbauch.“

 

Nikolaus machte seinen Rücken gerade und sah Rasputin in die Augen. Seine Familienangehörigen versuchten, hinter seinem Rücken Schutz zu suchen. „Gut.“, sagte Rasputin. „Dann mal los. Nikolaus. Was kann ein Wal auf keinen Fall durch seine Speiseröhre bekommen?“ Nikolaus lachte erleichtert. Rasputin schien ihn davonkommen lassen zu wollen. „Einen Menschen!“ sagte er und sah seinen alten Freund aus beinahe schon glücklichen Augen an. „Richtig.“, entgegnete Rasputin nüchtern.  „Weide meine Lämmer.“ „Zweite Frage. Was brennt als Lampenöl auf Schiffen auch bei starken Stürmen und heftigem Seegang am Längsten und ist aus Waltalg gemacht?“ Nikolaus lachte lauthals auf. Das konnte doch jetzt nicht Rasputins Ernst sein. Es war offenbar wirklich nur noch alles ein Scherz. Die Fragen im Bernsteinzimmer waren teilweise so schwer gewesen, dass nicht einmal der studierteste Mensch der ganzen Welt sie hätte beantworten können. Man hätte schon die gesamte Bibliothek von Alexandria auswendig kennen müssen. Nikolaus sah Rasputin in die Augen und seine Stimme bebte vor unterdrücktem Lachen. „Lebertran!“ rief er triumphierend. Rasputins Gesicht verzog sich zu einem schiefen Lächeln. „Weide meine Lämmer.“ sagte er. Umständlich wischte er die Pistole an seinem Gehrock ab und rieb sie blank. „So, Nikolaus. Und hier kommt meine dritte Frage. Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er vorher nicht in der Mutter war?“ Nikolaus zitterte. Diese Frage war ein direktes Schriftzitat. Entweder Rasputin erwartete, dass er im genauen Wortlaut antwortete, oder sich etwas total originelles, Eigenes dazu ausdachte. Die Bedingung war nur, dass es wahr und geisterfüllt war. Nikolaus stockte. Eisige Bäche der Angst liefen ihm über die Schulter. Er stammelte. „Ein Mensch kann im Leben von Neuem geboren werden durch Geist und Wasser.“ Rasputin lachte schallend. „Oh, Nikolaus. Nummer sicher. Wie enttäuschend! Bist du Peter oder Paul?“ „Lauft!“, schrie Nikolaus zu seiner Familie gewandt. „Versucht an ihm vorbei zu kommen, und die Tür zu öffnen. Ihr könnt es schaffen. Nur tut es jetzt!“ Aber alle verharrten stumm und mit vor Schrecken geweiteten Augen. Rasputins Augen wurden zu tartarischen Schlitzen. Er sah jetzt aus wie Dschingis Khan, der mongolische Feldherr. Seine Stimme war ein gepresstes, irres Kreischen. „Lern texanisch tanzen, du Kosake! Amerika wird die nächste Weltmacht. Du musst mit blauen Bohnen umgehen lernen, sonst mache ich dich zu Chili con Carne!“ „Nein!“, schrie Nikolaus. Und dann geschah das Unglaubliche. Rasputin begann, um Nikolaus und seine Familie herumzutanzen und schoss gleichzeitig immer wieder. Er tanzte schneller als er selbst. Mal war er hinter den Romanovs, mal vor ihnen, mal über ihnen, mal unter ihnen. Und alle hatten auch das Gefühl, dass er durch sie hindurch tanzte. Und immer wieder schoss er. Die Schüsse kamen gleichzeitig aus allen Richtungen. So, als wäre dies ein ganzes Erschießungskommando, und als kämen die Schüsse aus deutlich mehr als aus einer Waffe. Minutenlang ging das so. Und dann stand Rasputin wieder vor Nikolaus und sah ihn an. Der ehemalige Zar fühlte an seinem Körper abwärts. Er war gänzlich unverwundet. Aber seine Familie lag von tausenden Kugeln durchsiebt in ihrem Blut auf dem Kellerboden. „Weide meine Lämmer!“ kreischte Rasputin mit einer Stimme wie ein pfeifender Sirenenton.  „Du Ungeheuer!“, schrie Nikolaus entsetzt. „Eine Kreuzigung ist kein Spaziergang, Nikodemus-Kaiphas. Und deine eine Gegenstimme hat mir damals nichts genützt. Aber du solltest der Kugel ausweichen können. So, wie du jetzt tanzen kannst.“ Mit unglaublicher Langsamkeit richtete Rasputin die Waffe auf Nikolaus. Nikolaus wusste, dass das ein Test war. Aber er konnte nicht mehr widerstehen. „Du bist nichts weiter als ein dreckiger, versoffener Mönch mit epileptischen Anfällen!“ schrie er. „Woher soll ich wissen, ob du mir nicht all die Jahre lang immer nur totalen Blödsinn erzählt hast! Und schau, was du mit meiner Familie gemacht hast!“ Nikolaus wankte einen Schritt auf Rasputin zu und griff nach seiner Waffe. Rasputin wischte diesen Angriff mit einer lässigen Handbewegung weg und sagte mit tonloser Stimme: „Das ist alles schön und gut, Nikolaus. Aber du vergisst eines. Ich bin tot. Du hast mich ermorden lassen. Feige hast du mir irgendwelche Schergen geschickt, sodass ich denken sollte, es handle sich nur um irgendeinen Händel und sei nichts als Zufall. Was für ein brutaler Mord, Brutus. Oder soll ich dich gleich Kain nennen?“ Nikolaus erstarrte. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. „Weide meine Lämmer!!!“ Rasputins Stimme war wie ein Donner. Dann schoss er. Er schoss Zar Nikolaus mitten ins Herz, und wie eine gefällte Eiche stürzte er zu Boden.

 

Andrei sah herunter auf das Gemetzel. Die gesamte Zarenfamilie war tot. Und man konnte das unmöglich den Bolschewiki in die Schuhe schieben. Irgendeiner der Revolutionsführer musste sich etwas ausdenken, um dieses Blutbad plausibel zu begründen. Da sah Andrei plötzlich, dass sich unter diesem Haufen aus toten Menschenleibern etwas bewegte. Es war eines der Mädchen. Andrei klopfte das Herz bis zum Hals. Mutig griff er zu und holte das kleine Geschöpf unter den Leichen hervor. Es war Anastasia. „Anastasia!“, rief Andrei unter Tränen. „Meine Fürstin! Meine Herrin! Meines Fußes Leuchte! Du lebst!“ „Ich lebe.“ sagte sie.  „Und du sollst auch leben.“ Andrei wusste nicht, wie ihm geschah. Er hob Anastasia hoch und vollführte ein paar ungeschickte Schritte eines überschwänglichen Freudentanzes. Dann küsst er die Zarentochter auf die Stirne, setzte sie wieder auf den Boden, stieß die Tür auf und rief: „Lauf, Anastasia! Du wirst es schaffen!“ Und das kleine Wesen lief, ohne sich noch einmal umzusehen, die Treppe des finsteren Gelasses hoch, und aus dem Gutshaus nach draußen, wo eine dünne Decke Neuschnee lag. Anastasia atmete auf und sah zum dunklen Himmel hoch. Zarte, kleine Schneeflocken fielen herab und benetzten Anastasias Gesicht und Hände. In ihr war eine große Ruhe und Dankbarkeit.

 

Wladimir Iljitsch Uljanov, dem die von ihm angeführten Revolutionäre den Namen Lenin gegeben hatten, weil er an den sibirischen Fluss Lena verbannt worden war – Lenin bedeutet „Der zur Lena gehörige“- war zutiefst beunruhigt. Man hatte die Zarenfamilie getötet. Das war nicht der Plan gewesen, und ganz und gar nicht in seinem Sinne. Irgendjemand musste eigenmächtig gehandelt haben. Lenin hatte sich sofort in einen Zug gesetzt und war nach Jekaterinburg gefahren, wo die Romanovs untergebracht worden waren. Die Revolution durfte deswegen nicht fehlschlagen! Es ging um alles. Es ging um das Wohl des russischen Volkes, um die Abschaffung der Zweiklassengesellschaft, und letztendlich um die Einheit aller Menschen in der Internationale als gleichberechtigte Brüder und Schwestern. Es war zum Greifen nah. Lenin ruckelte sich in seinem Sitz der ersten Klasse zurecht und öffnete seinen Rucksack. Darin war ein gerahmtes Bildchen, das er nun hervorholte. Eine winzige Ikone. Keiner aus seiner kommunistischen Liga durfte das wissen. Aber ohne die Mutter Gottes würde er nie irgendwohin gehen. Zumindest nicht zu wichtigen oder schwierigen Anlässen.  Zärtlich streichelte er über das Bild. „Lena.“, murmelte er. „Mein herzallerliebstes Lenchen, mein Sonnenschein!“ Sinnend blickte er auf Marias goldene Aureole, ihren umhüllenden, blauen Mantel und ihre strengen, nach russisch-orthodoxer Art gemalten, aber wunderschönen, ruhigen und kraftspendenden Augen. Sie waren wie ein Quell, der in ihm zu einem Fluss wurde, auf dessen schäumendem Wasser die Sonne munter sprenkelte. Maria, Magdalena, Helena, Lena. Namen für die Sonne. Und er war Lenin. Ewig ihrer. In seinen Augen brannte eine ruhige Flamme.

 

*

 

 

 

Stempel

Eines Morgens hatte Thomas Milford einen neuen Nachbarn. Das wäre an sich nichts Ungewöhnliches und schon gar nichts Unheimliches, wenn es nicht schon so seltsam angefangen hätte.

 

Es klingelte, und Milford, ein hochgewachsener, blässlicher Intellektueller, öffnete. Draußen stand ein großer, weißhaariger Mann, der Milford mit klarem Blick in die Augen sah. Er sagte mit Nachdruck in der Stimme: „ Guten Tag. Ich bin ihr Nachbar. Sie werden mit mir auskommen müssen.“ Milford wich dem Blick aus. Er hatte auch schon alltäglichere Begrüßungsfloskeln gehört.

 

Der Fremde hatte ihn beim Schreiben gestört und Milford wollte auch rasch an seine Arbeit zurück. Trotzdem gebot ihn die Höflichkeit, den neuen Nachbarn zu fragen, ob er vielleicht eine Tasse Tee trinken wolle.  „Nein“ entgegnete dieser. „Ich habe keine Zeit. Ich muss bei mir drüben eine Tasse Tee trinken.“ Damit verabschiedete er sich. Milford schüttelte den Kopf. Hatte der Nachbar seine Frage nicht verstanden? Er schien überhaupt recht merkwürdig zu sein. Aber Milford war es im Grunde recht, dass der Fremde so schnell gegangen war. Er war etwas misanthropisch.

 

Schnell kehrte er in seine Wohnung zurück und ging in sein Arbeitszimmer. Es war ein dunkler Raum mit einer Dachschräge und einem darin befindlichen Fenster. Thomas Milford ging zum Schreibtisch. Er arbeitete schon seit Jahren an einer zwölfbändigen Ägyptenenzyklopädie , ein Werk, das ihn voll beanspruchte und für das er sogar seinen Lehrstuhl an der Universität aufgegeben hatte. Milford zog das Rollo herunter, knipste die Schreibtischlampe an und schrieb.

 

In der Nacht hatte er einen Traum. Er stand am Ende einer langen Schlange in einem tristen, rotbemalten Altbau. Langsam bewegte sich der Pulk vorwärts. Da hörte er einen Schlag wie einen Hammer niederdonnern, und eine Stimme sagte laut: „ Stempel!“

 

Als er schweißgebadet erwachte, klingelte es. Noch vom Traum verwirrt öffnete er. Draußen stand sein Nachbar. Er hatte Tränen in den Augen. Einen Moment lang wollte Milford fragen, was denn wäre, aber – nun, es konnte ja auch vom Frost kommen. „Ich bin ein schlechter Mensch, Herr Milford!“. rief der Nachbar, „ ich lebe nun schon einen ganzen Tag hier und weiß noch nicht mal , wie sie heißen!“ Milford verdrehte die Augen. „Wieso, sie wissen es doch !“ sagte er. Der Nachbar bot ein Bild aufgelöster Verwirrung. Er lehnte sich weit vor und flüsterte mit tränenerstickter Stimme: „ Sagen sie ,Herr Milford, akzeptieren sie mich als ihren Nachbarn?“ Milford überlief es kalt Er hatte es offenbar mit einem Gestörten zu tun. „ Ja, ich akzeptiere sie“ sagte er in beruhigendem Tonfall.

„Dann ist es gut.“ Die hellen Augen des Nachbarn strahlten.

 

Milford schloss die Tür. Sein Nachbar schien schwer psychisch krank zu sein. Jetzt aber schnell an die Enzyklopädie . Milford beschloss, seinen Nachbarn zu meiden. Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

 

Am nächsten Tag musste Milford zu seinem Verlag, um die Oberen weiter zu vertrösten. Als er an der Bushaltestelle stand, gesellte sich kurz darauf sein Nachbar dazu. „ Tag, Herr Milford. Ich habe es gerade noch geschafft.“ sagte er, und blickte ihn mit seinen klaren Augen an. „Schön.“ , sagte Milford und dachte: „ Hoffentlich steigt er in einen anderen Bus.“ Er wurde enttäuscht. Der Nachbar nahm den gleichen Bus. Milford kratzte sich unruhig am Kinn. Der Nachbar hatte sich hinter ihn gesetzt und Milford meinte, seinen Blick wie Nadelstiche im Nacken zu spüren. Endlich kamen sie bei seiner Station an. Milford stieg aus, der Nachbar folgte. Milford bog um die Ecke, der Nachbar folgte. Milford ging weiter, der Nachbar folgte. Jetzt hatten sie das Verlagsgebäude erreicht. Milford ging hinein, der Nachbar blieb draußen stehen. Drinnen saß Milford wie auf glühenden Kohlen. Wieso folgte sein Nachbar ihm? Als er hinausging, atmete er auf. Keine Spur von dieser Nervensäge. Er war ihm offensichtlich gefolgt, obwohl er gar nicht das gleiche Ziel wie Milford hatte. Wenn er überhaupt eins hatte. Milford ging in ein nahegelegenes Café und bestellte ein Stück Sachertorte. Gerade, als er das erste Stück auf seiner Zunge zergehen lassen wollte, spürte er, wie sich jemand von hinten über ihn beugte. „Schmeckt´s?“ fragte eine wohlbekannte Stimme. Der Nachbar! Er setzte sich und bestellte ebenfalls ein Stück Sachertorte. Dann saßen sie sich eine Zeitlang schweigend gegenüber, zahlten schließlich und gingen.

 

In der Nacht hatte Milford einen Traum. Er stand in einer langen Schlange in einem tristen, rotbemalten Altbau. Mittendrin. Der Pulk bewegte sich vorwärts. Da hörte er einen Schlag wie einen Hammer niederdonnern und eine Stimme rief: „ Stempel!“

 

In den folgenden Tagen wurde Milford von seinem Nachbarn weiter belästigt. Er machte einen Spaziergang, der Nachbar auch. Er arbeitete im Garten, der Nachbar auch. Sollte es etwas damit zu tun haben, dass er ihm Akzeptanz zugesichert hatte? Am liebsten hätte er ihm offen gesagt „Sie nerven mich!“ Aber er hielt den Mund.

 

Die einzige Möglichkeit, diesem Verrückten zu entfliehen, war, weiter an der Enzyklopädie zu arbeiten. Er zog das Rollo herunter, knipste die Schreibtischlampe an und versuchte, zu schreiben. Aber es gelang ihm nicht. Ihn beschäftigte sein Traum. Ob sein Nachbar damit zu tun hatte? Immerhin hatte Milford ihn schon zweimal geträumt, seit sein Nachbar eingezogen war. Milford ärgerte sich. Solche Gedanken müsste man einem Therapeuten mitteilen, und davon hielt Milford gar nichts. Aber er fing schon an, sich selber für verspleent zu halten statt seines Nachbarn.

 

Immer wieder nahm er sich mit Widerwillen sein Schreibzeug vor, vergrub sich in seiner Wohnung. Aber der Gedanke an seinen Nachbarn fraß an ihm wie der Adler an der Leber des Prometheus. Was, wenn er die Tür aufmachen würde, um einen Blick nach draußen zu tun? Würde dann auch die nachbarliche Tür aufgehen? Er musste diesen Plagegeist loswerden, versuchte sich auf Ramses und Gizeh, auf Tut ench Amun und Isis zu konzentrieren, aber es ging nicht. Er brachte keinen Satz zu Papier. Drei Tage lang ging er nicht vor die Tür, die Bartstoppeln staken in seinem Gesicht. Mit jedem Tag, den er über seiner Enzyklopädie brütete, wuchs ein Druck in ihm. Gleichzeitig begann ihm das Geschriebene beim Durchblättern unendlich schal und wesenlos vorzukommen. 12 Bände ägyptische Geschichte. Wer würde das überhaupt lesen, wenn es fertig war? Eigentlich hatte er auf über tausend Seiten nur andere Bücher zum Thema ellenlang und klafterbreit zitiert. Und das sollte sein Lebenswerk sein? Grabkammern und Mumien? In seinem dunklen, abgeschrägten Raum kam er sich auf einmal selber wie in einer Grabkammer vor. Er, der seit Jahren jeglichen menschlichen Kontakt mied. Er, dem sein Nachbar nicht mehr aus dem Kopf ging. Und da wusste er plötzlich – irgendetwas beschäftigte ihn im Zusammenhang mit seinem Nachbarn. Wenn er nur wüsste, was! Über diesen Gedanken wurde Milford schläfrig und ging ins Bett.

 

Donnerschläge hallten durch den roten Altbau. In gedrückter Stimmung schob sich der Pulk vorwärts. Dampf zischte aus dem Lamellenboden unter Milfords Füßen. Gleich war er dran, würde wissen, was das Geheimnis dieses Raumes war. Einen hatte er noch vor sich. „ Stempel!“ rief eine Stimme, die er zu kennen meinte, und sein Vormann schwenkte zur Seite. Da sah Milford es: Einen überdimensionalen  Richtertisch , an dem ein Mann, ein Beamter mit breitkrempigem Hut, saß. Milford zitterte. Sein Gegenüber hob den Kopf und – es sahen ihn die klaren Augen seines Nachbarn an. Milford durchlief es wie tausend eisige Bäche. Das war es, was er an diesen Augen gefürchtet hatte! Sie sagten nicht ja oder nein, nicht für oder wider, sie richteten.

 

„Nun bist du also da?“ Die Stimme war ruhig und ohne Vorwurf. „Du weißt, wessen du angeklagt wirst?“ Milford konnte nicht sprechen. Der Nachbar hob die rechte Hand, in der ein gewaltiger Stempel war. Milford bebte. Die Hand senkte sich –nein- fiel von oben wie in Zeitlupe auf seine eigene zu. Milford schloss die Augen. „Halt!“ Die Stimme dröhnte wie Donner. Der Stempel lag an seinem Platz. „Du bist ich“, sagte Thomas Gegenüber rätselhaft. „ Es ist noch nicht zu spät – frag!“

 

Thomas Milford erwachte zitternd und vergewisserte sich, dass er in seiner Wohnung war. Dass dort noch sein Buch lag, sein Schreibstift. Jetzt war es passiert. Sein Nachbar war in seinem Traum aufgetaucht. Er wurde ihn einfach nicht los, diesen, diesen...ja, wie hieß er denn? Die Frage durchzuckte Milford siedendheiß, es war die Frage, auf die er vorhin nicht gekommen war. Und er erinnerte sich, dass sein Nachbar am Anfang der Woche zu ihm gesagt hatte: „Ich bin ein schlechter Mensch, Herr Milford. Ich kenne noch nicht mal ihren Namen.“ Und Milford fiel es wie Schuppen von den Augen. Der Nachbar hatte ihm einen Spiegel vorgehalten! Da lebte ein offenbar kranker Mann in seiner Nachbarschaft und Milford war nie auf den Gedanken gekommen, ihn nach seinem Leiden, geschweige denn nach seinem Namen zu fragen. Das musste er nachholen!

 

Ohne seinen Schlafanzug gegen die Alltagskleidung zu wechseln, lief er, nur in Pantoffeln, nach draußen. Bei seinem Nachbarn brannte kein Licht. Schnell lief Milford in Richtung Straße. Dort stand ein Krankenwagen. War seinem Nachbarn etwas geschehen? Ein Pfleger stieg aus. Milford packte ihn am Arm. „Mein Nachbar!“ rief er aus. „Ist ihm...?“ Der Weißbekittelte nahm Milfords Hand. „Thomas Milford ?“ fragte er. „Ja!“ nickte dieser. Der Pfleger lächelte. „Genau. Ihr Nachbar hat uns angerufen. Er hat sich große Sorgen um ihren Zustand gemacht, und wie ich sehe“, der Pfleger musterte Milford, „Wie ich sehe, zu Recht.“ „Wie bitte?“ Aber Thomas Milford blieb keine Zeit mehr für große Entgegnungen. Er wurde am Arm genommen und in den Krankenwagen gebracht. Als er sich zu wehren begann, holte der Pfleger eine Zwangsjacke.

 

Die Fahrt dauerte ungefähr zwanzig Minuten, dann hatte der Wagen sein Ziel erreicht. Einen rotgetünchten, nicht stillos wirkenden Altbau...

 

 

 

Die dunkelste Stunde

 

Der Mörder erwachte vor Sonnenaufgang. Er erwachte jäh aus einem schrecklichen Albdruck. Er schoss kerzengerade im Bett auf, den Mund zu einem Schrei geöffnet, der jedoch nicht über seine Lippen kam. Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Es war schweißnass. Seine Hände verweilten bei seiner Stirn, hinter der beißende Kopfschmerzen pochten. Er konnte nicht fliehen, weder bei Tag, noch bei Nacht; weder im Wachen, noch im Schlaf. Immer sah er sie vor sich. Leichen. Zerrissene, zerfetzte, im Blutrausch hingemetzelte Leichen. Und wenn er sie vor sich sah, spürte er die Wonne, die Lust, zerstört zu haben, Leben vernichtet zu haben und zugleich spürte er den Ekel vor sich selbst, besonders vor der Tatsache, dass er diese Lust am Genital spürte, dort, wo man für gewöhnlich sexuelle Empfindungen hat. Erregte ihn das Morden, als wäre es Sex? Sex, der ihm fehlte, den er entbehrte? Denn er war immer noch Jungfrau. Eine männliche Jungfrau von fünfunddreißig Jahren.

 

Der Mörder wälzte sich aus dem Bett, einem etwas schäbigen Hotelbett und zog die Nachttischschublade auf. Er nahm eine Packung Diazepam heraus und wog sie in seiner Hand. Sollte er eine Tablette nehmen, die seinen Kopf mit süßlichem Nebel füllen und ihn vielleicht von diesen schrecklichen Bildern befreien würde? Nein, keine Tablette. Heute Nacht musste er einen kühlen, wachen Kopf behalten. Denn heute war die Nacht, in der er sich endgültig von diesem Albtraum befreien würde.

 

Der Mörder stand auf. Er ging zum Fenster und zog die Gardine beiseite. Das Fenster wies auf eine Gasse mit Kopfsteinpflaster und eine Neonreklame vom gegenüberliegenden Gebäude fiel violett auf-und abblendend in sein Gesicht. Das gegenüberliegende Gebäude war ein Bordell. Als sein Vater das gesehen hatte, hatte er gesagt: „Sohn, Sohn, in welcher Gegend hast du uns denn hier untergebracht!“ Ja, ja, sein Vater war ein ehrbarer Bürger, oder besser Kleinbürger. Dem war die Halbwelt suspekt. Aber der Mörder hatte gewusst, was er tat, als er für sich und seinen Vater hier zwei Zimmer bestellte. Er wollte sich jeden Zoll seines Scheiterns hier noch einmal vergegenwärtigen, damit ihm das, was zu tun war, leichter fiel.

 

Seine Mutter. Seine Mutter war eine ehrbare Frau gewesen. Immer bedacht, ihren Haushalt und das Ansehen ihrer kleinen Familie rein zu erhalten. Porentief rein. Seine Freunde hatten bei Besuchen immer gesagt: „Hier sieht’s ja aus wie im Möbelhaus!“ Ihm war das peinlich gewesen. Ständig war seine Mutter mit dem Staubtuch zur Stelle und putzte hinter ihm und seinem Vater her, wischte Tische und Schränke mit Desinfektionsmittel ab, nahm jedes Buch, und jeden Gegenstand, der herumlag, sofort auf und stellte ihn an seinen Platz. Außerdem musste immer alles streng symmetrisch angeordnet sein. Veränderte man die Symmetrie, bekam seine Mutter einen Schreikrampf. Und eben so sauber, wie sie ihre Wohnung hielt, hielt sie auch die bürgerliche Fassade ihrer Familie. Den alkoholkranken Onkel, die schizophrene Cousine gab es nicht. Es wurde einfach nicht über sie gesprochen. Sie verheimlichte auch vor ihren Verwandten und Bekannten, dass ihr Sohn ein Chaot, ein Mensch mit ausgeprägtem Hang zur Unordnung war und zudem noch manchmal die Schule schwänzte. Als der Mörder einmal ein Mädchen mit nach Hause gebracht hatte, war sie immer wieder in sein Zimmer gekommen, unter dem Vorwand, etwas zu suchen. Irgendwann war das Mädchen entnervt gegangen. Seine Mutter hatte den Mörder an ihren Busen gedrückt und gesagt: „Nicht wahr, für die Sache mit den Mädchen ist es bei dir noch viel zu früh!“

 

Aber all das spielte nun keine Rolle mehr, denn er hatte sich seiner Mutter entledigt. Sauber, und ohne Blut zu vergießen.

 

Blieb sein Vater.

 

Sein Vater war stets zu weich gewesen, um seiner Frau Stand zu halten. Er war ein guter Mensch, der gerne Konflikten aus dem Weg ging. Er ordnete sich und seine Träume komplett den bürgerlichen Vorstellungen seiner Frau unter. Dem Mörder hatte er in einer stillen Stunde erzählt, dass er als junger Mann in einer Laientheatergruppe gewesen war, und wie gerne er diesen Weg weiter verfolgt hätte. „Aber deine Mutter hatte schon ganz recht. Schauspiel ist brotlose Kunst!“ Dachdecker war sein Vater geworden, denn Proletarier sind unverdächtig. Unverdächtig, brodelnde Gefühle und große Leidenschaften in ihrer Brust zu hegen. Im Keller hatte sein Vater eine Modelleisenbahn gehabt, die er immer nach Feierabend aufsuchte. Sie fuhr durch eine Berglandschaft, auf die er die Buchstaben HOLLYWOOD montiert hatte. Der Mörder hatte eine stille Bewunderung für die Modelleisenbahn seines Vaters gehabt, denn sie gab ihm etwas Autonomes. Irgendwann wurde es Mutter aber zu bunt, dass Vater jeden Abend stundenlang in den Keller verschwand, und sie legte seine ‚Spielzeit‘ auf eine halbe Stunde pro Abend fest. Vater folgte ohne Murren. Eines Abends gab es wegen der Anlage einen handfesten Streit. Mutter hatte den Schriftzug ‚HOLLYWOOD‘ entfernt und weggeschmissen. Vater protestierte. Der Mörder hörte, wie Mutter den Vater im Keller in Grund und Boden schrie. Dann kam sie alleine wieder nach oben, ging ins Schlafzimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Unbemerkt schlich sich der Mörder in den Keller. Sein Vater saß über der Modelleisenbahnanlage und schluchzte. Kurz hatte der Mörder den Impuls, zu ihm zu gehen und den Arm um ihn zu legen, aber dann war eine namenlose Verachtung wie ein brennendes Gift in ihm aufgestiegen, ein Ekel vor der Schwachheit seines Vaters, und er war leise wieder die Treppe hochgeschlichen.

 

Die Modelleisenbahn verschwand aus dem Keller und Vater saß nun jeden Abend bei Mutter auf dem Sofa, schaute sich mit ihr irgendeine Volksmusiksendung an und schwieg. Sein Schweigen wurde von Jahr zu Jahr mehr, man konnte sagen, er verstummte. Und in dem Mörder wuchs die Verachtung für seinen Vater. Zumal er merkte, dass sich dessen Schwachheit wie ein tückischer Virus auf ihn vererbt hatte. Aber er hatte zu dieser Schwachheit noch etwas anderes. Eine ungezügelte Leidenschaft und den brennenden Wunsch, Künstler zu werden.

 

Mutter münzte die Wünsche ihres Sohnes natürlich gleich ins bürgerliche um. Als er ihr kundtat, Schriftsteller werden zu wollen, sah sie ihn prüfend über den Rand ihrer Brille an und sagte: „Aha, du interessierst dich für Bücher? Du wirst Buchhändler!“ Der Mörder maulte innerlich, fing aber dennoch eine Buchhändlerlehre an. In der Buchhandlung stellte er sich denkbar ungeschickt an, es erwies sich, dass er keinerlei Geschäftssinn hatte und zudem die Kunden durch sein mürrisches Aussehen und gereiztes Auftreten vergraulte. Als er einmal versehentlich einen Ständer mit Postkarten umstieß, hatte der Buchhändler dies zum Anlass genommen, ihm zwanzig Euro in die Hand zu drücken und seine Lehre für beendet zu erklären. Der Mörder verließ stoisch das Geschäft. Es war ihm schleierhaft, warum er gescheitert war.

 

In der darauffolgenden Nacht war der erste Mord zu ihm gekommen. Er ging wie gewohnt zur Arbeit, grüßte seinen Chef und seine Mitangestellten und begann die Arbeit. Dankenswerter Weise bestellte ihn der Chef bald in sein Büro. Der Mörder setzte sich ihm gegenüber. „Sehen sie, Herr M.“, begann sein Chef, „Einige Kunden haben sich über die Dali – Bildbände beschwert, die hätten so scharfe Seiten, dass man sich daran die Finger blutig schneidet.“ „Ach ja“, fragte der Mörder interessiert. „Geben sie mir doch einmal so ein Buch!“ Der Buchhändler griff hinter sich und holte einen prachtvollen, großformatigen Dali-Band hinter seinem Rücken hervor. Der Mörder nahm ihn zur Hand und blätterte darin. Plötzlich merkte er einen stechenden Schmerz an seinem Daumen. Er hatte sich tatsächlich geschnitten. Vor sich hin sinnend ließ er das Blut auf die Seiten des Buches tropfen, die sich langsam rot einfärbten. Der Anblick des Blutes berauschte den Mörder. Er empfand ein lustvolles Brennen in seiner Brust, das in den Bauch wanderte und schließlich zwischen seinen Lenden anlangte. Er spürte, wie sich sein Genital aufrichtete. Und da wusste er endlich, was seine Bestimmung war. „Was machen sie da?“, rief der Buchhändler mit spitzer, pikierter Stimme: „Sie ruinieren eines unserer teuersten Bücher!“  Der Mörder grinste: „Chef, dieses Buch ist für den Verkauf völlig ungeeignet. Dieses Buch ist lebensgefährlich.“ „Reden sie keinen Unsinn, M.“, fiepste der Chef. „Das ist kein Unsinn“, sagte der Mörder ruhig, riss eine Seite aus dem Dali-Band und schnitt mit der scharfen Kante den Hals seines Chefs durch, bis zur Wirbelsäule. Der Kopf des Buchhändlers klappte zur Seite und Blut sprudelte aus seinem Hals auf den Schreibtisch. „Nun ja“, grinste der Mörder. „Dann wollen wir mal nicht so sein.“ Mit einer erstaunlich geübten Handbewegung riss er den Kopf des Buchhändlers ab und warf ihn in einen Papierkorb. Dann packte er den zusammensackenden Körper bei den Beinen und verteilte das aus dem Hals laufende Blut im ganzen Büro. Der Mörder befühlte seine Hose. Sie war feucht. Dies war sein erster Mord gewesen.

 

Der Mörder wischte sich über die Augen, in die immer noch die violette Neonreklame des Bordells fiel. Jetzt war keine Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen, denn es waren mit den Jahren viele Morde geworden. Und er ekelte sich vor sich selbst. Er hatte alle Menschen umgebracht, die ihm irgendwie in den Weg gekommen waren. Chefs, Nachbarn, Lehrer, sogenannte Freunde, die ihn hintergangen hatten, und man war ihm nie auf die Schliche gekommen. Er widerte sich selber an. Er war pervers, verrückt. Und er war genau so ein Versager wie sein Vater. Denn er wusste mit dem Brennen in seiner Brust, mit dem Wunsch, Künstler zu sein, nichts anzufangen, als ein kunst-und phantasievoller Mörder zu sein. Er musste es diese Nacht tun. Die Ursache seines Versagens endgültig ausradieren. Seinen Vater. Er spürte ein Würgen im Hals und eine plötzliche Übelkeit im Magen. Woher kam das? Er war doch ein routinierter Mörder. Aber dieser eine Mord, der an seinem Erzeuger, war schwieriger zu bewerkstelligen als alle anderen. Es war Sympathie, die er für seinen Vater plötzlich spürte. Mitleid. Vielleicht sogar Liebe? Nein! Er musste diese Emotionen niederkämpfen! Er musste es heute Nacht tun, seinen letzten, den endgültigen Mord begehen. Er musste irgendeine Erinnerung finden, die diesen Mord rechtfertigen würde.

 

Svetlana. Dieses schöne Mädchen mit den nussbraunen Haaren und dem samtweichen russischen Akzent. Er hatte sie nicht töten wollen. Er hatte sie geliebt. Sie war Straßenhure gewesen, und sie stand immer in der Nähe des Krankenhauses, wo er damals arbeitete, als Hilfskrankenpfleger, als könne er sich mit seiner weißen Arbeitskleidung und mit der Tatsache, dass er hier Menschen half, von seiner Perversion reinwaschen. Stets hatte er sie auf dem Nachhauseweg an der Straßenecke stehen sehen. In ihren Augen leuchtete ein trauriges Feuer. Eine ähnliche Leidenschaft, die auch er teilte, musste in ihr wohnen. Wann immer er in ihre Augen sah, sah er auf den Grund ihrer Seele. Er verliebte sich Hals über Kopf in dieses schöne Mädchen, sie rührte ihn tief, und er beschloss, ihr zu helfen, sie zu befreien aus dem Milieu, in dem sie steckte.

 

Und so war er eines Tages mit ihr mitgegangen auf ein schäbiges Zimmer, wo ein Bett unter einer roten Glühbirne stand. Sie stand ihm gegenüber, zog ihren Overall und ihre Stiefel aus. Der Mörder starrte auf ihre schwarzen Strumpfbänder. „Ich heiße Svetlana.“, sagte das Mädchen forsch. Sie mochte neunzehn oder zwanzig sein. ‚Svetlana‘ – das war also der Name seiner Angebeteten! „Du hast wohl noch nie `ne nackte Frau gesehen!“, stellte Svetlana autoritär fest. „Und bei einer von uns auf dem Zimmer warst du wohl auch noch nie!“  Der Mörder schaute verschämt zu Boden. Der ruppige Ton seines wunderbaren Mädchens wurmte ihn. „Also!“, sagte Svetlana, „Was willst du machen?“ Eigentlich hatte der Mörder rufen wollen: ‚Dich aus diesem Sumpf befreien, mit dir fliehen bis ans Ende der Welt und für immer mit dir glücklich sein!‘ Aber er stockte und würgte ein „Mit dir schlafen!“, hervor. Svetlana sah ihm unverwandt in die Augen. „Ficken heißt das bei uns! Also du willst ficken! Das ist teuer. Kostet zweihundert Euro. Blasen ist billiger – hundert Euro. Und das billigste ist wichsen, das kostet dich nur fünfzig Euro.“ „Na dann…wi…wichsen!“, stammelte der Mörder. Dieses Wort auszusprechen, machte ihm zu schaffen, seine Erziehung verbot ihm eine solche Sprache streng. Svetlana hielt fordernd die Hand hin. Der Mörder kramte in seiner Manteltasche und holte sein Portemonnaie hervor. Umständlich entnahm er ihm fünfzig Euro und gab sie Svetlana. Diese steckte sie in ihre Matratze. „Okay, leg dich aufs Bett!“, sagte sie mit einem unwillkürlichen Gähnen. Zögernd warf der Mörder seinen Mantel in die Ecke und tat, wie ihm geheißen. Svetlana kniete sich breitbeinig vor ihn und knöpfte seine Hose auf. Langsam begann sie, sein Genital zu massieren. Der Mörder zitterte. Was tat er hier? „Musst doch nicht zittern!“, grummelte Svetlana, „Ich fress dich ja nicht auf!“ Der Mörder schloss die Augen und ergab sich in sein Schicksal. Ein toller Retter war er! Nach dieser Nummer würde er bei seinem Mädchen für immer unten durch sein. Aber er beschloss seufzend, die Tatsache, dass sie ihn befriedigte, wenigstens zu genießen. Sie massierte unaufhörlich sein Genital, aber es wollte ihrer Hand nicht zu Willen sein, es blieb schlaff und kraftlos. „Ach was?“, grunzte Svetlana gereizt, „Auch noch impotent, was? Da schrubb ich und schrubb ich und was macht dein kleiner Willi? Nüscht! Garnüscht! Bleibt klein und schrumpelig!“ „Ja“, murmelte der Mörder kleinlaut, „Es hat wohl keinen Sinn!“ Svetlana sprang vom Bett, stellte sich am Kopfende auf und keifte: „Dann verschwinde, du Milchbubi! Geh doch zu Mami!“ Der Mörder zog sich wortlos an und verließ Svetlanas Etablissement. Tief im Innern fühlte er das Scheitern, fühlte er, dass er seines Vaters Sohn war.

 

In der darauffolgenden Nacht kam abermals ein Mord zu ihm. Er ging wieder nach dem Dienst zu der Straße, wo Svetlana stand und überredete sie, es noch einmal mit ihm zu versuchen. Als sie wieder in Svetlanas Zimmer unter der roten Lampe standen, sagte er zu ihr: „Weißt du, warum das gestern nicht geklappt hat, das ist weil…ich steh auf Fesselspiele!“ „Du willst, dass ich dich fessel?“, fragte Svetlana. „Nein!“, antwortete der Mörder auftrumpfend, „Ich will dich fesseln!“ „Okay!“, raunzte Svetlana, „Aber das kostet extra. Dreihundert Euro mindestens.“ „Kein Problem“. Mit einer souveränen Geste holte der Mörder das Portemonnaie hervor und drückte Svetlana das geforderte Geld in die Hand. Sie ging zum Bett und steckte es in die Matratze. Dann holte sie Handschellen hervor. „Hier ist der Schlüssel. Merk dir bloß, wo du ihn hintust!“ Der Mörder fesselte Svetlana mit den Handschellen an einen Bettpfosten. Dann zog er ihr ihr Strumpfband aus und leckte über ihr Bein. „Naaa?“ lachte Svetlana, „Bist ja ein ganz Böser, mh?“  „Ja“; sagte der Mörder mit genüsslicher Stimme, „Ich bin ein ganz Böser.“ Langsam schlang er Svetlana das Strumpfband um den Hals und zog es zu. „He, was machst du da!?“, krächzte die Hure, „Du erwürgst mich ja!“ „Ja, exakt das tue ich!“, entgegnete der Mörder mit einem sardonischen Grinsen. „Neeiin!“, krächzte Svetlana. „Ach ich weiß, kostet extra! Okay, sollst noch zwanzig Euro fürs Erwürgen kriegen!“ Mit diesen Worten zog der Mörder das Strumpfband unbarmherzig zu und wartete ab, bis Svetlanas Körper aufgehört hatte zu zucken. Steif aufgerichtet spürte er sein Genital in der Hose. Mit einer nachlässigen Handbewegung warf er Svetlanas Körper auf das Bett, holte noch einmal sein Portemonnaie hervor und steckte zwanzig Euro in die Matratze. „Geschäft ist Geschäft!“, rief er unter hysterischem Lachen und verließ Svetlanas Zimmer.

 

Der Mörder sah hinüber auf die Neonreklame. Nicht umsonst hatte er sich und seinen Vater neben einem Bordell einquartiert. Die Erinnerung an sein Versagen bei Svetlana würde ihm helfen, den Mord an seinem Vater durchzustehen. Es war ihre erste gemeinsame Reise, nachdem er seinen Job im Krankenhaus verloren hatte, und seitdem, ja, seitdem Mutter verschwunden war. Die Beseitigung seiner Mutter war seine bisher perfideste Tat gewesen. Eines Tages hatte der Mörder herausgefunden, dass sein Vater manchmal, anstatt zur Arbeit zu gehen, sich mit Fräulein Sonntag traf, einer entfernten Bekannten der Familie. Zwischen ihnen war wohl nichts ernstes, aber der Mörder kannte ja die hysterische Art seiner Mutter. Es würde genügen, wenn sie die beiden zusammen sah. Und so arrangierte der Mörder es, dass seine Mutter ihn von der Arbeit abholen kam. Sie schlenderten durch die Stadt und kamen wie zufällig bei dem Eiscafe vorbei, in dem sein Vater und Fräulein Sonntag immer um diese Zeit saßen. Und richtig, auch heute waren sie dort. Und der Plan des Mörders ging auf. Seine Mutter schimpfte und fluchte, haute seinen Vater mit ihrem Regenschirm und schlug Fräulein Sonntag in die Flucht. Zu Hause rannte Mutter ins Schlafzimmer, knallte die Tür hinter sich zu und schloss von innen ab. Vater schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer. Über Mutters Verhalten verlor er wie üblich kein Wort. Am nächsten Morgen verließ Mutter mit zwei Koffern das Haus und verschwand auf Nimmerwiedersehen aus ihrer beider Leben. Warum tauchte sie nie wieder auf?

 

Der Mörder zuckte die Achseln. Er wusste es nicht. Er hatte nicht nachgeholfen. Nicht diesmal und nie. Seine Morde waren in der Nacht zu ihm gekommen, als Albdruck. In Wahrheit erfreuten sich alle seine Opfer bester Gesundheit. Der Einzige, der hier Stück für Stück starb, war er selber. Jede Nacht Visionen von zerfetzten, zerrissenen Leichen. Jeden Morgen mit feuchter Hose erwacht. Seine Leidenschaft, seine Künstlerseele zu nichts Besserem gebraucht, als sich in zwanghaften Mordphantasien zu ergehen! Er lebte fast nur noch in seinen blutigen Träumen. Seine Realität verdämmerte zwischen den Tagen. Und was war seine Realität? Immer war er gescheitert. Ob als Buchhändler, Praktikant einer Lokalzeitung oder Hilfskrankenpfleger. Er hatte mit fünfunddreissig immer noch mit keiner Frau geschlafen und lebte bei seinem Vater, der fast verstummt war und dessen Scheitern er sich immer viel zu bewusst war.

 

Der Mörder betrachtete die Diazepamschachtel in der aufgezogenen Nachttischschublade. „Das muss ein Ende haben!“, murmelte er mit trockenen Lippen. Er würde heute im Morgengrauen seinen ersten und einzigen Mord begehen und sich endlich von jenem entsetzlichen Albdruck befreien. Danach mochte geschehen, was wolle. Mochte er untergehen, wie es ihm bestimmt schien. Mochte er ins Gefängnis wandern, es war ihm gleichgültig. Hauptsache, die Ursache allen Übels, sein Vater, war vernichtet! Oh, er hatte es satt, zuzusehen, wie dem Alten das Leben aus der Hand glitt. Und er hatte es satt, zuzusehen, wie es ihm genauso ging!

 

Der Mörder griff weiter hinten in die geöffnete Schublade und holte ein langes Küchenmesser hervor. Damit würde er es tun. Der Mörder schwitzte. Sein ganzes Nachthemd war klitschnass. Er musste es hinter sich bringen, bevor er wieder zu zweifeln begann. Fest schloss sich seine Hand um den Knauf des Messers. Langsam stand er auf, ging aus dem Hotelzimmer und zog die Türe hinter sich zu. Im Flur war es dunkel. Der samtene Teppichboden schluckte seine Schritte. Sehr gut. Dennoch hörte der Mörder etwas. Es war sein Herz, das er hörte. Er hörte es mit markerschütternder Wucht in seiner Brust klopfen. Jetzt hatte er die Zimmertür seines Vaters erreicht. „Father…“, murmelte er, „I want to kill you…“. Dann betrat er das Zimmer.

 

Die Gardinen seines Vaters waren offen, der Mörder konnte einen schmalen Silberstreif am Horizont erkennen. Es war Zeit, zu handeln. Sein Vater lag auf dem Rücken, halb bedeckt von seiner Decke und atmete regelmäßig. Seine rechte Hand lag auf seiner Brust. „Wie friedlich er aussieht.“, dachte der Mörder. Doch nein, hier lag er, der Grund für sein Scheitern, er war in seiner Hand. In seiner Hand. Und dem Mörder ging auf, dass sein Vater wehrlos war, dass er ihn hier einfach abschlachten würde können. Würde er davon auch eine feuchte Hose bekommen, wie in seinen Träumen? Würde es ihn erregen, den eigenen Vater zu töten? Er sah auf das Messer in seiner Hand. Er musste es jetzt tun, sonst tat er es nie. Er peilte das Herz seines Vaters an und holte aus. Das Messer sauste herab…

 

Als die Sonne an diesem Morgen ihre ersten Strahlen über den Horizont schickte, fand sie einen jungen Mann vor, der weinend über seinen Vater gebeugt kniete, immer wieder über seine Brust, sein Gesicht streichelnd. Er liebte seinen Vater unendlich. Liebte diesen guten, kleinen, etwas schüchternen Mann, der immer vor seiner Frau gekuscht hatte, der seine Träume verraten hatte und alles andere als ein Vorbild in Sachen Männlichkeit gewesen war. Aber er war gut gewesen, immer. Stets loyal zu ihm gestanden, seinem Sohn. Stolz auf ihn gewesen selbst im Scheitern. Sein Herz schlug für ihn, seinen Sohn. Ja, sein Herz schlug. Immer noch. Das Messer lag weggeschleudert am Fußende des Bettes. Mochten sein Vater und er auch keine Helden sein, mochten sie auch immer wieder gescheitert sein, aber eins waren sie: Menschen. Und als solche liebenswert. Der Sohn wusste jetzt, dass er und sein Vater zusammengehörten. Und dass er nie wieder würde morden müssen, so oder so. Und als sein Vater erwachte, gingen sie zusammen frühstücken. Die Sonne hatte inzwischen eine beträchtliche Höhe erreicht…

 

 

Die Revolte    (für Ute)

 

Die Uhr schlug metallen und irgendwo tropfte Wasser. Er erwachte. Es war ein Krankenhausbett. Konnte aber auch ein Lazarett sein – oder seine Wohnung. Es schien ihm, als sei er schon immer hier gewesen, als hätte er schon immer das Schlagen der Uhr, das Tropfen des Wassers vernommen. „Jeder“ – in einem unendlich langen Moment dachte er das – „legt das Ausmaß“ – und der Gedanke „Ausmaß“ war sehr gezogen – „seiner Hölle selbst fest“: Manchmal war sie banal, selten fatal und bei geringen Fällen amüsant (wenn man Galgenhumor besaß!). In den Dejavus, die er mit diesem Raum verband, hatte es je und je Frauen gegeben, Ärzte, widerscheinende Lichter, lange Bänke mit Verwundeten.

 

Nein. Heute war es ruhig. Seufzend ging er zum Wasserhahn und stellte ihn ab. Im Staate Ra war es nicht ohne Vorteil, in einem Krankenzimmer aufzuwachen; der Supervisor hatte dann wenig zu tun. Und das war ihm recht. Er mutete keinem Beamten gern mehr zu, als sie ohnehin schon taten. Er war ein guter Staatsdiener. Er roch Gas und warnte seine Nachbarn. Er ging ganz normal zur Arbeit, er passte sich an. Dennoch hatten immer wieder Dejavus von diesem Raum gekündet. Ein Raum wie verpackt und abgesteckt. In jedem Fall fand er sich so gut zurecht wie nicht nach allen Sprüngen. Doch er hatte einen Gedanken. Dieser Raum war eine Strafe. Und in den Vorstadien hatte er zwischen „Wohnung“, Krankenzimmer“ und „Lazarett“ wählen können. Deshalb war er sich auch anfänglich nicht sicher gewesen, wo er nun sei. Ja, eine Strafe. Aber immer noch besser, als zwischen Sarg und Urne wählen zu müssen. Das war auch schon Leuten passiert.

 

Er zog den Vorhang vom Fenster weg. Draußen war es Nacht und die hellen Augen – Straßenlaternen – sahen zu ihm hinein. Durch die Wände spürte er die Wärme schlafender Körper, aber er empfand sie als schal, er empfand alles, alles schal, weil er selbst den Eindruck hatte, schal zu schmecken, Unwesentliches zu tun! Noch ein Blick auf die Lichter. Stechend. Aber – schneefriedlich. Schneefriedlich, geisteskühl. Und in der Schneefriedlichkeit kommt die Liebe, kommt SIE, im Wintermantel. Vielleicht. Er nahm das Glas, das auf seinem Nachttisch stand, ging zum Wasserhahn und füllte sich etwas zu trinken ein. SIE hätte gesagt: „Wie kommst du beim Anblick eines alten, verrotteten Krankenbettes auf solche Gedanken? Schal schmecken tust du? Dann kotzen sie dich wenigstens wieder aus!“

 

Er saß auf seinem Bett. Der Staat Ra. Diese Errungenschaft. An Zimmern, an einer klaren Struktur der Belohnung und Bestrafung. Und ihm, dem Wassertrinker, kam der Gedanke, dass es im System einen Fehler geben müsse. Und der war innen. Wenn es aber so viele Räume wie Menschen gab, dann lag der Fehler darin, dass diese Räume austauschbar waren. Man konnte sich ja gegenseitig fühlen, sich durch die Wände atmen hören, aber nicht sehen. Der Fehler lag INNEN. Er kannte nur diesen Raum, aber es gab das Außerhalb. Er trank aus.

 

Ein Bild für Freunde von Modern Art. Es hängt in einer weißen Lounge über einem Esstisch, Titel: „Mann im Bett mit Wasserglas“, gemalt von dem derzeit angesagten Künstler „RA“.

 

Aber es gab das Außen und der Fehler lag INNEN.

 

Er roch Gas. Er alarmierte den Nachbarn nicht. Er kappte einen Draht unterm Teppich. RÄUME RA BILDER AUSSEN INNEN.

 

Die Laterne steht winterkühl, weihnachtshell, die Flocken fallen. Zeit für uns Kinder. Draußen steht SIE.

 

Der Draht reißt, sprüht Funken. BILDER RA BILDERBUCH DEJAVUS „DER ARME SUPERVISOR“ WEISSES ESSZIMMER.

 

Er geht durch die Schneefriedlichkeit, Licht unter Lichtern. Die Liebe. Da ist sie. Im Wintermantel. Und schon einen respektlosen Witz auf den Lippen.

 

 

Der Schlüssel

 

Er hatte wieder einen Schlüssel. Einen mit einer Nummer daran. 555. Der Schlüssel gehörte zu seinem Spind. Wenn man einen Schlüssel hatte, der in ein Schloss passte, noch dazu mit einer Nummer versehen, dann war man wieder jemand. Jahrelang war er niemand gewesen, verschwunden, aus dem Gedächtnis der Welt getilgt, durch die Maschen der Gesellschaft gefallen. Gehalten lediglich von einem Notgroschen, den der Staat jenen Unglücklichen zuteilte. Eine Last war er damals für den Staat gewesen. Eine Schande auf zwei Beinen. Frau Solzer hatte ihn im Treppenhaus nicht mehr gegrüßt. Er hatte den Tag mit nutzlosen, müßigen Beschäftigungen herumgebracht. Gemalt hatte er. Und begonnen, Akkordeon zu lernen. So ein unproduktiver Unsinn.

 

Aber nun war Schluss damit. Er hatte wieder eine Anstellung. Die Machinery-GmbH war die größte Firma des Landes und gehörte zum Mutterkonzern System corporated. Er steckte seinen Schlüssel in das Schloss und drehte um. Der Spind sprang auf. Er entnahm ihm seine Arbeitskleidung und sein Schild mit der Nummer 555, das er immer am Revers zu tragen hatte. Er verließ den Spindraum und ging durch einen langen, dunklen Flur, von dem aus Türen in diverse Büros führten.

 

Schließlich hatte er die Fabrikhalle erreicht. Eine riesige, eisern glänzende Maschinenfront füllte sie fast ganz aus. Zahnräder griffen unablässig ineinander und erzeugten ein permanentes Summgeräusch. Er ging zu seinem Platz am Fließband, zwischen554 und 556, grüßte kurz und begann dann mit der Arbeit. 554 reichte ihm Eisengelenke zu, die er mit anderen Eisengelenken zusammenschraubte und dann an 556 weitergab. Sicherlich eine erfüllende Aufgabe. Manchmal ertappte er sich jedoch dabei, dass ihm Akkordeonmusik durch den Kopf ging, die das Summen der Maschinerie übertönte. Doch dann schüttelte er stets den Kopf und konzentrierte sich wieder auf den Klang der Zahnräder. Manchmal auch meinte er, an der silbergrauen Wand Farben zu sehen wie er sie zu Hause auf die Leinwand gebracht hatte. Doch dann wischte er sich kurz über die Augen und sah wieder die Maschinerie.

 

Nach acht Stunden Arbeit verabschiedete er sich von 554 und 556 und ging den langen, dunklen Flur zurück zum Spindraum. Dort steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte um. Der Spind sprang auf. Er entnahm ihm seine Alltagskleidung und legte die Arbeitskleidung hinein, samt dem Schild, auf dem ‚555‘ stand. Dann verließ er die Machinery GmbH. Die Zeiger der großen Uhr zeigten sechs Uhr Abends.

 

Er fuhr in der U-Bahn nach Hause. Er betrat sein Mietshaus und ging die fünf Stockwerke bis zu seiner Wohnung hinauf. Frau Solzer begegnete ihm im Treppenhaus und grüßte ihn. Er war wieder jemand. Er schloss seine Wohnungstür auf und trat ein. Nichts in seiner Wohnung erinnerte mehr an seine Jahre des Müßiggangs. Er hatte neu tapeziert, stahlgrau, und sowohl sein Akkordeon als auch seine Farben, Pinsel und die Staffelei an befreundete Künstler verschenkt.

 

Er ging zum Fenster. Es war ungemein stickig. Er öffnete das Fenster. Dann stellte er sich auf das Fensterbrett und stürzte sich in die Tiefe.

 

 

 

Wer schreibt, der bleibt.

 

Der Schriftsteller erwachte. Es war dunkel. Die Tagnacht stand draußen vor dem Schlafzimmerfenster und sah ernst und sternenklar hinein. Vor den Augen des Schriftstellers tanzten kleine Lichtpunkte, Boten des Traumes im Halbschlaf, derer er sich nicht zu erwehren vermochte. Im Traum, den er eben verlassen hatte, war ein Geistesblitz zu ihm gekommen, irgendeine geniale Idee für eine neue Geschichte, aber nun war sie weg. Der Schriftsteller ärgerte sich. Er war jetzt ganz wach und innerlich wütend. Immer diese genialen Ideen im Traum, die verschwanden, sobald man erwachte!

 

Der Schriftsteller griff neben sein Bett, angelte sich seine Brille, setzte sie auf und wälzte sich aus den Kissen. Jetzt, wo er schon einmal wach war, konnte er auch frühstücken. Er sah auf die Uhr. 4.00 Uhr früh. Früh genug für ein Frühstück. Er ging in die Küche und setzte einen Kaffee auf. Zwei Löffel. Einer pro Tasse und einer für die Maschine. Dann nahm er sich Brot und Aufstrich und ging ins Wohnzimmer.

 

Vom Mond der Tagnacht grell beleuchtet stand dort seine alte Westerngitarre in der Ecke, leicht verstaubt und die obere E-Saite gerissen. Sie kräuselte sich am Gitarrenhals zusammen. Gegenüber im Zimmer stand sein Schreibtisch im Halbdunkel, bedeckt von vollgekritzelten Blättern, die sich um seine alte Schreibmaschine stapelten.

 

Der Schriftsteller setzte sich und schmierte sich ein Marmeladenbrot. Sein Gehirn war noch immer damit beschäftigt, die nächtliche Inspiration wieder zu finden, jene Synapsenapokalypse, die die kleinen Lichtpunkte nach sich gezogen hatte. Aber es war nichts mehr zu finden. „So eine Scheiße!“, fluchte der Schriftsteller. Wie viele Geschichten mochte es geben, die auf diese Weise nie geschrieben wurden? „Ich will!“, rief der Schriftsteller in die unbewegte Tagnacht hinaus, „Ich will diese Inspiration wiederfinden. Koste es, was es wolle!“

 

Der Schriftsteller biss in sein Marmeladenbrot. Im selben Moment schrillte seine Türklingel. „Mist!“, entfuhr es dem Schriftsteller, denn er hatte sich verschluckt. Was konnte um diese Zeit jemand bei ihm wollen? Er ging zur Tür und öffnete sie einen Spaltbreit, immer darauf bedacht, dass Scaramando, sein Hauskater, ihm nicht entwischte. Der aber schien noch zusammengerollt unter dem Bett zu liegen. Draußen stand ein dünner Mann mit langem Hals und spitzer Vogelnase. „Guten Morgen.“, stellte er sich vor, „Mein Name ist Irmin Raboba. Ich bin ihr neuer Nachbar. Wollte mal vorbeischauen und mich bekannt machen.“ „Ja aber, Herr… Raboba, es ist Vier Uhr Morgens. Wollen sie nicht später wiederkommen?“ „Aber nein“, sagte Raboba „Sie sind doch offensichtlich wach, und wie ich rieche…“, der neue Nachbar schnupperte mit seiner Vogelnase, „Wie ich rieche, gibt’s auch Kaffee!“

 

Der Schriftsteller gab auf. Diesem Kerl war nicht beizukommen. „Okay, treten sie ein. Aber bringen sie ja Glück herein!“ Irmin Raboba schlängelte sich in den Raum. Seine Bewegungen waren elastisch und gummiartig. Neben seinem merkwürdigen Gesicht hatte er noch ungewöhnlich große Hände mit langen, dünnen Fingern. Er trug einen schlauchartigen Strickpullover mit einem Rentiermotiv. Besagte Rentiere zogen den Schlitten von Santa Claus und hatten alle leuchtend rote Nasen.

 

„Raboba, Raboba, Raboba!“, murmelte der Gast, „So heiß ich: Irmin Raboba!“ „Ja, das weiß ich doch!“, antwortete der Schriftsteller genervt. Raboba leckte sich die Lippen: „Wissen sie, wenn man gerade ganz neu in der Welt ist, muss man seinen Namen öfter mal wiederholen, damit man ihn nicht vergisst.“ Der Schriftsteller begann sich leise zu gruseln. Dieser Raboba schien nicht ganz normal zu sein! Trotzdem war er ja schon von Berufs wegen an seltsamen Käuzen interessiert. Also fragte er: „Was meinen sie damit, ganz neu in der Welt?“ „Das erklär ich ihnen später!“ gab der Gast zurück. „Ich möchte mich erst mal setzen!“ Der Schriftsteller wies auf den freien Sofaplatz. Raboba ließ sich mit einem wohligen Seufzer in die Polster fallen. „So!“, sagte er, „Und jetzt ein Kaffee!“ „Ich habe nur für mich einen Kaffee gekocht!“, murrte der Schriftsteller. „Aber sie geben doch immer noch einen Löffel für die Maschine mit zu. Was übrigens großer Quatsch ist. Also muss für mich noch ein Schlückchen übrig sein!“ Perplex ging der Schriftsteller in die Küche um den Kaffee zu holen. Woher wusste dieser Raboba das mit dem extra Löffel? Abgesehen davon hinkte seine Logik gewaltig. Ein Extra Löffel Kaffee machte noch keine Tasse mehr! Doch als er das Gebräu eingoss, merkte er zu seiner Verwunderung, dass es genau für zwei Tassen hinkam.

 

Der Schriftsteller betrat wieder das Wohnzimmer. Auf dem Sofa lümmelte sich Irmin Raboba höchst bequem vor sich hin. „Hier, Herr Raboba. Ihr Kaffee. Und jetzt erklären sie mir mal, woher sie meine Angewohnheit mit dem Extra Löffel kennen!“ Der Schriftsteller setzte sich seinem neuen Nachbarn gegenüber auf einen Sessel. „Ich weiß manches von Ihnen.“, sagte Irmin Raboba. "Genauer gesagt alles, was sie getan haben, nachdem sie mich gerufen haben!“ Dem Schriftsteller wurde es unbehaglich. Dieser Kerl schien einen gewaltigen Sprung in der Schüssel zu haben. „Ich sie gerufen habe? Aber ich habe sie nicht gerufen!“ „Doch, das haben sie. Sie haben von mir geträumt, nicht wahr? Und damit fing für mich alles an. Nach dem Aufwachen konnten sie sich nicht mehr an mich erinnern. Sie setzten einen Kaffee auf, schmierten sich ein Marmeladenbrot und dann riefen sie: ‚Ich will diese Inspiration wiederfinden. Koste es, was es wolle!‘ Und das rief mich auf den Plan!“

 

Der Schriftsteller überlegte. Konnte es wahr sein, was Raboba ihm da erzählte? Immerhin schien er über alles, was nach seinem Erwachen passiert war, genauestens Bescheid zu wissen. „Sie wollen mir also sagen“, fragte der Schriftsteller tastend, „Dass sie eine Inspiration von mir sind? Dass ich mir einen schlaksigen Typen namens Irmin Raboba ausgedacht habe, der Rentierpullis trägt?“  Raboba kniff die Augen zusammen: „Na, nun äußern sie sich mal nicht so despektierlich über mich. Immerhin bin ich ihr Geschöpf! Sie tragen jetzt Verantwortung für mich!“ „So hatte ich das noch gar nicht gesehen…“, murmelte der Schriftsteller und nahm einen Schluck Kaffee. Raboba sah ihn ernst an. „Sehen sie, sie haben schon viele ihrer Figuren sehr fahrlässig behandelt. Lina Winzmüller zum Beispiel. In ihrem Buch ‚Der Augenblick des Schreckens‘ bekommt sie eine Psychose und sieht immer Geister. Oder Ottokar Bulgur, die Hauptfigur ihres Buches ‚Happy together‘. Er hat schreckliche Akne und findet keine Frau, während sein Freund Matthias Bernhauser die dicke Karriere macht und eine Familie gründet. Ganz zu schweigen von den lächerlichen Namen, die sie uns immer geben! Es war höchste Zeit, dass sie mal einen von uns kennen lernen!“

 

Der Schriftsteller spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Es war ihm sichtlich peinlich, hier als so schlechter ‚Papa‘ seiner Figuren geoutet zu werden. „Ich… ich… ich werde mich bessern.“, sagte der Schriftsteller kleinlaut. „Herr Raboba. Ich könnte für sie eine sexy Frau erfinden, die total auf Rentierpullis steht oder sie machen eine Erbschaft und fliegen nach San Francisco…“ „Wo mich dann ein Erdbeben ereilt…?“  Raboba machte einen schmalen Mund. „Nein, mein Herr, ich will ihnen eine gesunde Lektion erteilen!“

 

Raboba nahm einen großen Schluck Kaffee und lehnte sich bequem zurück. Genüsslich knackte er alle seiner dünnen Finger durch. Der Schriftsteller wünschte sich, unsichtbar zu sein, so sehr durchdrangen ihn Irmin Rabobas kleine Augen.

 

Endlich fuhr Raboba fort zu sprechen: „Sie haben sich vorhin gefragt, warum ich meinen Namen immer wiederholt habe, nicht wahr?“ „Ja“, entgegnete der Schriftsteller, „aber das habe ich ja jetzt verstanden.“ „Gar nichts haben sie verstanden!“, zischte Raboba. „Ich habe meinen Namen immer wiederholt, weil ich einen Namen habe. Ein Name ist etwas Wunderbares. Einen zu haben, meine ich. Damit ist man schon mal allen gegenüber im Vorteil, die keinen Namen haben!“ „Aber wer hat denn keinen Namen?“, fragte der Schriftsteller, „Ich kenne niemanden, der keinen Namen hat!“ „So, ja?“, grinste Raboba, „Und wie heißen sie dann bitte?“ „Ich?“, der Schriftsteller stockte. Dann sagte er: „Das werden sie ja wohl an meinem Türschild gelesen haben!“ „Haben sie ein Türschild?“, fragte Raboba triumphierend. „Natürlich!“. Wütend sprang der Schriftsteller auf und lief zur Tür. Er riss sie auf, schaute drauf, besah die Wände um die Tür herum… „Naaa???“, ließ sich Irmin Rabobas Stimme vernehmen, „Kein Türschild, was!?“

 

Der Schriftsteller lief zurück ins Wohnzimmer und packte Irmin Raboba am Kragen. „Was hat das zu bedeuten?“, schrie er heiser. „Das ist doch wohl sonnenklar!“ Raboba machte einen Purzelbaum auf dem Sofa. „Das bedeutet, dass sie keinen Namen haben!“ Der Schriftsteller schnappte fast über: „Keinen Namen, ja!? Ich werde ihnen sagen, wie ich heiße! Ich heiße… Ich heiße…!“ „Ja wie denn?“, grinste Raboba mit ironischem Unterton. Der Schriftsteller schnappte nach Luft. Doch so sehr er sich auch anstrengte, sein Name wollte ihm nicht einfallen.

 

Raboba sah ihn durchdringend an: „Mein werter Herr, glauben sie es nur. Sie haben wirklich keinen Namen. Sie haben eine Berufsbezeichnung, aber keinen Namen.“

„Eine Berufsbezeichnung?“ „Ja. Wissen sie, sie werden schon die ganze Geschichte über nur ‚der Schriftsteller‘ genannt!“ „Die ganze Geschichte über?“ „Ja, diese Geschichte hier, die von ihnen handelt.  Sie fängt so an: ‚Der Schriftsteller erwachte. Es war dunkel. Die Tagnacht stand draußen vor dem Schlafzimmerfenster…“ „Hören sie auf!“, rief der Schriftsteller. Es war ihm, als marterten ihn plötzlich tausend Migränen. „Ja“, rief er, „Ich erinnere mich. Das war nachdem ich aufgewacht bin. Aber Gestern war doch auch ein Tag! Gestern habe ich…da habe ich…“ „Da haben sie gar nichts gemacht!“ sagte Irmin Raboba, „Da gab es sie noch gar nicht. Sie fingen exakt da an zu existieren, als sie erwachten und diese Lichtpunkte sahen! Sie sind eine Figur in einer Kurzgeschichte, Herr Schriftsteller!“ Dem Schriftsteller wurde schwarz vor Augen. Auch meinte er, wieder jene kleinen Lichtpunkte zu sehen. „Sie lügen, Raboba!“, rief er leidenschaftlich. „Wenn sie eine Fiktion von mir sind und ich auch eine Fiktion, wer ist dann mein Schriftsteller?“ Irmin Raboba stand vom Sofa auf und streckte dem Schriftsteller die Hand hin. „Ich!“, sagte er, „Gestatten, Irmin Raboba, Bestsellerautor. Ich dachte mir, ich mach mir mal einen Scherz, und schreib mich in eine von meinen Geschichten mit rein!“

 

„Ein schlechter Scherz!“. Der Schriftsteller nahm Anlauf, um auf Raboba zu springen, und ihn ins Sofa zu drücken. Doch Raboba wich aus, und der Schriftsteller lief mit voller Wucht gegen die Wand, an der er platt wie ein Blatt Papier kleben blieb. Raboba lachte teuflisch und rief: „Aus und vorbei mit der Schriftstellerei! Darf ich bitten, Herr Kollege?“ Mit diesen Worten zog Raboba den blattförmigen Schriftsteller von der Wand ab, ging zum Schreibtisch und spannte ihn in die Schreibmaschine ein. „So, und jetzt schreiben wir mal eine schöne Geschichte mit ihnen als Hauptperson, Herr Kollege!“ Raboba setzte sich und begann in die Maschine zu hämmern. Dem Schriftsteller wurde es Angst und bange. Er war jetzt nicht mehr das eingespannte Blatt, sondern eine winzige Figur auf demselben, die ständig bestrebt war, von den herabklatschenden Buchstaben nicht erschlagen zu werden. Fieberhaft versuchte er, einen Ausweg zu finden. Das war gar nicht so einfach, denn das klare Denken war bei dieser Umherrennerei doch sehr beeinträchtigt. Raboba war also sein Schöpfer? Ja? Aber war er nicht auch irgendwie Rabobas Schöpfer, zumindest in dieser Geschichte? Als ihm dieser Gedanke kam, merkte er, dass er wieder an Kraft gewann. Er stellte sich auf ein E und begann sich aufzublähen. Dann sog er mit aller Kraft die Luft ein.

 

Und das blieb nicht ohne Folgen. Raboba begann auf seinem Stuhl zu wackeln und wurde immer näher zur Schreibmaschine gezogen. Schließlich erfasste ihn der Sog vollends, und er wurde zu dem Schriftsteller auf das Blatt gerissen, jetzt ebenso klein wie dieser. „Hallo, Herr Kollege!“, rief der Schriftsteller, „Jetzt sind wir ja wieder auf Augenhöhe!“ Wütend warf er mit dem E, auf dem er eben noch gesessen hatte, nach Raboba. Dieser wich aus, schnappte sich ein V und keilte den Schriftsteller damit ein. Jetzt gab es nur noch eine Lösung. Der Schriftsteller packte sich ein spitzes I und warf es wie einen Speer nach Raboba. Das sah dieser zu spät. Mit einem reißenden Geräusch wurde Raboba von dem I durchbohrt. Tinte spritzte aus seinem Körper über das ganze Blatt. Der Schriftsteller in seinem V wurde von der blauschwarzen Flüssigkeit überschwemmt und versank in ihr, mit gutturalen Gluckerlauten…

 

Oliver, der Schriftsteller, wachte auf. Noch war er halb umfangen von den Resten eines nächtlichen Traumes. Doch bald hatte er wieder Gewalt über sich, angelte sich seine Brille und stand auf. Maunzend begrüßte ihn sein Hauskater Scaramando. Oliver ging ins Wohnzimmer. Sonnenlicht fiel in den Raum. Der Tag hatte begonnen. Er warf einen kurzen Blick auf seine Schreibmaschine. Das eingespannte Blatt war über und über mit Tinte verschmiert. „Ich muss wohl mal ein neues Farbband kaufen!“, lachte Oliver. Dann ging er in die Küche und setzte einen Kaffee auf. Zwei Löffel. Einer pro Tasse und einer für die Maschine.

 

Meinem lieben Olli zum 38. Geburtstag  Eine Hommage an Oliver Möller und sein Werk.



 

Funkenflug

 

Du siehst mich an. Ich schaue zurück. Es war ein ganz normaler Tag. Normales Elend, das man normal erträgt. Die U-Bahn rattert, man liest Zeitung, ist ja im Alltag verankert. Und dann du. Und die Sehnsucht bricht wieder auf. Dieser traurige Schatten in deinen Augen. Auf dem Dom habe ich eine Rose geschossen. Ich möchte sie dir schenken, weil ich mich über dich freue und sehe, dass du dich über mich freust. Dieses Bedürfnis, einander zu umarmen, dieser Wunsch, einander zu begegnen – wirklich zu begegnen – im Funkenflug.

 

Und plötzlich sind wir uns ganz nah. Es ist klar: Wir kennen uns von Ewigkeit zu Ewigkeit, da gibt es kein Vertun. „Du bist schön.“, sage ich leicht schüchtern, „So wie die hier.“ Ich gebe dir die Rose. Du lächelst. „Ich hatte gehofft, dass du mich ansprechen würdest.“, sagst du, „Ich mochte deinen traurigen Blick, und die Rose hat auf mich wie ein Zeichen gewirkt.“ „Ein Zeichen?“, frage ich. „Ja.“, sagst du, „Ein Zeichen dafür, dass das Warten und das Alleinsein ein Ende hat.“ Ich schaue dich an und sage : „Mir geht es ähnlich. Vor zwei Jahren ist meine Freundin gestorben und ich habe mich in meiner Bude vergraben und gearbeitet. Aber als ich deine Augen eben sah, deine Augen mit diesem traurigen Schatten, da hatte ich wieder Hoffnung.“ Ich halte inne, dann sage ich, wie zur Erklärung: „Es ist sonst nicht meine Art, einfach Frauen in der Bahn anzusprechen!“ Über dein Gesicht huscht ein Lachen: „Du musst dich doch nicht rechtfertigen! Ich finde es mutig, dass du mich angesprochen hast. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es immer etwas zu sagen hat, wenn man zu jemandem eine Verwandtschaft spürt. Man sollte sich immer darauf ansprechen. Denn es bedeutet was. Auf jeden Fall. Weißt du, ich habe auch meinen Mann verloren. Bei einem Autounfall.“

 

Mein Herz hüpft. Deutlich spüre ich die Verbundenheit mit dir. Du musst raus, ich frage dich, ob ich mitkommen kann. Lächelnd nickst du.

 

Die U-Bahn hält, ich öffne die Türen. Draußen auf dem Bahnsteig ist es schon dunkel und es schneit. Zarte, kleine Flocken, die feucht unsere Gesichter netzen und sich auf unserer Kleidung niederlassen. Sanft fassen wir uns bei den Händen.

 

 

 

 

 

 

 

Magdalena

 

Ich gehe zum Fenster und schaue hinaus auf die nächtliche Stadt. Draußen tobt der Krieg der Engel und Vampire, der Alkoholzombies und lustmordenden Freier, aber dieser geht völlig still und unbemerkt vonstatten, sodass die braven Bürger nicht in ihrem Schlaf gestört werden. Sogar die kleine, nahe bei meinem Haus gelegene Disco ist komplett schallisoliert, sodass kein Lärm nach außen dringt. Nur manchmal hört man eine zu Boden klirrende Flasche oder den juchzenden Schrei eines nächtlichen Herumtreibers. Kurz gehe ich auf meinen Balkon, um die Luft zu wittern. Es hat geregnet und die Bäume an der Straße tropfen schwer vor Feuchtigkeit. Die Luft ist wie gereinigt von der verdickten Schwüle des Nachmittags, das aufregende Flair der Nacht, die bald ein Morgen werden will, fängt mich für einige Augenblicke ein. Aber dann wende ich mich wieder um, schließe die Balkontür und gehe zurück in mein Zimmer.

 

Magdalena dreht sich unruhig im Schlaf hin und her und murmelt irgendetwas. Ihre Hände krampfen sich in das weiße Satinkissen. Ich betrachte sie. Sie hat wahrscheinlich gerade einen Alptraum, aber ihr Gebaren wirkt auf mich wunderschön. Ihre Finger, wie sie sich ins Kissen krallen und wieder loslassen, ihre wunderschönen Mädchenfinger! Ihre schwarzen, geöffneten Haare, wie sie um ihren Kopf und auf ihren Rücken fallen, auf ihre weißen Schultern und das schwarze Seidennachthemd, das sich sanft an ihren Körper schmiegt! Mein schönes Mädchen, mein Engel der Nacht! Und doch kenne ich sie gar nicht. Faktisch ist sie eine völlig Fremde für mich, denn ich hatte sie vor heute Abend nie gesehen. Und dennoch…es gibt ein Einander-kennen, eine Vertrautheit, die sich über die Wärme der Haut einstellt, über die Berührung von Körper zu Körper. Und plötzlich ist es, als wäre man sich schon immer nah gewesen. Das ist eine Vertrautheit der Seelen, ein wortloses Bekenntnis zueinander, das keine Treueschwüre braucht, kein ‚Ich liebe dich‘, kein ‚in guten wie in schlechten Zeiten‘. Es kann wenige Stunden dauern, oder eine ganze Nacht, aber im Hautkontakt ist man in Ewigkeit verbunden und war schon immer beieinander.

 

Ich lächle. Magdalena ist eine von diesen, bei denen sich die eigentümliche Nähe sofort eingestellt hatte. Ich hatte sie in der Disco aufgerissen, nach drei Bacardi-Colas und zwei Police- Songs hinter einander. Ins Close Up ging ich öfter am Wochenende. Sie spielten dort meine Musik und man konnte dort leicht Frauen kennenlernen. Magdalena stand an der Bar in einem schwarzen Minikleid und trank Baileys auf Eis. Ungefähr fünf Männer, die ich ebenso wie sie noch nie hier gesehen hatte, umschwärmten sie gockelhaft. Jeder kam ihr mindestens einmal so nahe, dass man vermuten konnte, er hätte etwas mit ihr. Magdalena ließ es geschehen. Sie gab sich allen diesen Männern willig hin, schien es mir, floss wie Wasser von Form zu Form. In ihren Augen brannte ein trauriges Feuer. Als wäre es das Wissen um eine Aufgabe, die zu groß ist, sie zu erfüllen, eine Bürde, zu schwer, sie zu tragen, und sie trug die Bürde dennoch, sie erfüllte die Aufgabe trotzdem. Sie war ein Engel, eine Dienerin, das erkannte ich schnell, denn ich war versiert durch jahrelange Erfahrung im Nachtleben. Ich wusste, dass sie jemanden brauchte, mit dem sie sich über ihre Bürde austauschen konnte, jemanden, der ihr ähnlich war. Und ich wusste, dass ich derjenige war. Doch ich traute mich nicht sofort an sie heran. Ihre Begleiter störten. So trank ich eine Bacardi-Cola nach der anderen und wartete meinen Moment ab. Die Stunden vergingen. Schließlich verließen drei der Männer den Raum, nachdem sie sich von Magdalena mit Küsschen verabschiedet hatten. Der DJ legte ‚So lonely‘ von the Police auf. Mir kribbelte es am ganzen Körper. Jetzt sollte ich es wagen. Aber ich traute mich nicht. Da kam mir ein genialer Einfall. Ich sagte mir: Wenn der DJ jetzt noch einen Song von the Police spielt, mache ich sie an. Die Chance, dass im Close Up zwei Stücke einer Band hintereinander gespielt würden, war sehr gering. So hoffte ich, Zeit schinden zu können. Doch als die letzten Akkorde von ‚So lonely‘ verklangen, folgte sofort das Riff von ‚Message in a Bottle‘. Da wusste ich, dass ich handeln musste! Ich bahnte mir einen Weg durch die Tanzenden, bis ich die Bar erreicht hatte. Dann schaltete ich meinen Kopf aus und übergab an meine Instinkte. Ich tanzte dieses schöne Mädchen einfach an, wie von selber umfassten meine Hände ihre Hüften und zogen sie an mich. Und es gab keine Abwehr bei Magdalena. Sie schien zu spüren, dass ich ganz eins mit meiner Absicht war, sie zu erobern, und wurde davon angesteckt, gab sich in meine Arme. Ihr Becken rieb sich kreisend an meinem, wich zurück, kam mir wieder nah. Ich umschlang ihren Oberkörper, und für Sekunden standen wir so aneinandergeschmiegt, wie zwei zusammengehörige Sternenstaubpartikel, die beim Urknall getrennt worden waren und nun wieder zueinander gefunden hatten, sich nun festhielten wie im Irrsinn, um sich ja nie wieder zu verlieren.

 

Ich weiß nicht, wie lange wir miteinander tanzten, wie oft wir uns küssten, wie und wo ich sie berührte, denn all das geschah in einem ekstatischen Fluss. Als ich wieder zu mir kam, saßen wir im Kneipenraum des Close Up an einem Tischchen und sie tupfte mir mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Da hast du dich ja ganz schön verausgabt!“, sagte sie mit einem neckischen Lächeln. „Ja.“, sagte ich, „When the dancer becomes the dance!“  Sie steckte ihr Taschentuch ein und sah mich aufmerksam an. “Wie heißt du?” fragte sie mich. Ich nannte meinen Namen. Sie sah mich wieder eine Zeitlang an, dann erhob sie ihre Stimme, und es schwang etwas Bedeutungsvolles darin mit: “Ich heiße Magdalena.”. Ich sah sie an. Sie war sehr blass, aber angenehm blass, und ihre Lippen sehr rot, obwohl ungeschminkt. Sie trug überhaupt keine Schminke, was ihre natürliche Schönheit gut zur Geltung brachte. Ihre Haare waren schwarz, ebenso ihre Augen, die aber einen gütigen Touch ins Braune hatten.

 

An den Tischen um uns herum war geschäftiges Gemurmel, aber ich hatte das Gefühl, dass niemand uns wahrnahm, dass wir geschützt waren vor den Augen und Ohren der anderen, als ob uns ein Tarnring umgab, so dass wir ungestört reden konnten. Es war plötzlich eine greifbare Stille zwischen uns und das Gemurmel der anderen Leute schien in den Hintergrund zu treten. Sie sah mich mit hellsichtigen Augen an. „Wie du heißt, hast du mir nun gesagt, aber noch nicht, wer du bist.“ Also darum ging es zwischen uns. Ich konnte und wollte nicht ausweichen. „Ich“, entgegnete ich, „bin ein alter Haudegen im Krieg der Engel und Vampire. Ich bin ein Nachtschwärmer, der schon viel Wahrheit in Discos wie dieser gefunden hat. Und wer bist du?“ „Ich“, antwortete Magdalena, als sei damit alles gesagt, „bin Kinderkrankenschwester auf der Geburtenstation.“ „Ich hätte dich für eine heilige Hure gehalten.“, gab ich zu. „Man sieht immer das in anderen Menschen, was man sehen will.“, lächelte Magdalena, „Und vielleicht immer das, was man gerade braucht. Aber du hast recht, ich schlafe mit sehr vielen Männern. Jeder Mann hat ein Kind in sich, das es gilt, auf die Welt zu bringen.“ Ich konnte nicht ausmachen, ob ihre letzten Worte ernst oder ironisch gewesen waren, also nahm ich den Faden auf. „Ich habe vorhin in deinen Augen so etwas gesehen, wie eine Bürde, eine übermenschliche Aufgabe. Vielleicht haben wir uns getroffen, damit ich dir tragen helfe.“ Sie lächelte: „Bist du so eine Art Engel oder Jesus, der anderen ihre Bürde abnimmt? Mmh, ich finde, du solltest dich mehr um dich selber kümmern; woher willst du wissen, ob mir das, was ich tue, nicht ganz leicht fällt?“ Ich schwieg. „Willst du mit mir schlafen?“, fragte sie ernst. Ich nickte. Magdalena beugte sich vor und küsste mich zart auf die Stirn.

 

So begann es zwischen uns. Ich nahm sie mit nach Hause, und wir schliefen miteinander, während draußen der unbemerkte Krieg tobte. Jetzt stehe ich am Bett und betrachte ihren Schlaf. Draußen, über den Bäumen, verblassen langsam die Sterne. Ich lege mich zu Magdalena, drehe sie auf die Seite und berühre ihre Brüste, die sich unter ihrem Nachthemd abzeichnen. Magdalena wacht auf und schaut mich verschlafen an. „Wie spät ist es?“, fragt sie. „Gleich vier.“, sage ich. „Oh!“, ruft sie und schüttelt ihre Haare, „Ich muss los, mich vorbereiten für die Schicht!“ „Schade!“, rufe ich aus, aber halte sie nicht auf. Ein weher Schmerz in meiner Brust begleitet ihren Aufbruch. Ich sitze auf dem Bett und schaue zu, wie sie sich anzieht, leidenschaftslos, aber bereits wach, nicht mehr müde. „Es war schön mit dir!“, sagt sie, als sie fertig angezogen vor mir steht. „Sei nicht traurig, ja?“ Sie beugt sich vor und gibt mir einen Kuss auf die Stirn, wie schon im Close Up. Ich nehme ihre Hand und drücke sie. Dann geht Magdalena. Ich bleibe auf dem Bett sitzen, wie benommen. Jeder Abschied ist traurig. Ich wische mir über die Augen. Jetzt weiß ich, dass ich es bin, der eine Bürde trägt, ich hatte in Magdalenas Augen etwas gesehen, das mich selbst betrifft. Sie ist keine heilige Hure, sie hilft Kindern auf die Welt. Und vielleicht wird sie mir einmal meine Bürde abnehmen. Und es gibt nur in dem Maße Krieg, wie man mit sich selber noch nicht im Reinen ist. Ich gehe in die Küche und koche Kaffee.

 

 

 

Sophia

 

 

Eines Tages, nach langjährigem Suchen und wiederholtem Vergessen, fand ich im grauen Häusermeer der Stadt die Bibliothek der Sophen. Bianca-Sophie, meine erste Freundin, hatte mir einst von ihr erzählt. Die Bibliothek der Sophen, so hatte sie gesagt, umfasse alle Weisheitsliteratur der Welt und zusätzlich die erklärenden und mystischen Schriften von Rufus Sonnenauge, dem Gründer der Sophen. Die Bibliothek sei auch gleichzeitig eine Hochschule, in der man sich einweihen lassen konnte – einweihen in sämtliche Geheimnisse des Universums. Ich weiß noch, wie Bianca neben mir lag, Kopf an Kopf auf dem Kissen und sehnsuchtsvoll seufzte: „Die Bibliothek der Sophen ist mein einziges Ziel. Sie ist der Grund, warum ich lebe.“ Sie hatte meine Hand genommen und jeden einzelnen meiner Finger sanft betastet. „Du und ich“, hatte sie gesagt, „wir sind Gottessucher. Uns bleibt nur Friede in dieser Welt, wenn wir sie finden – Sophia, die Weisheit.“ Mich hatte es kühl angeweht, als sie das sagte, denn so klar wie aus ihrem Munde war meine Sendung, mein innerer Ruf bis dato noch nicht an mein Herz gedrungen.

 

Bianca-Sophie, ich hatte sie verloren. Kurz nach besagtem Nachmittag hatte sie sich dramatisch verändert. Sie war wie aufgelöst gewesen, hatte hoch philosophisches, aber wirres Zeug geredet und sich auch sonst recht merkwürdig verhalten. Immer wieder sprach sie in der darauffolgenden Zeit davon, dass sie die Bibliothek der Sophen gefunden habe und von einem Hüter der Schwelle, den sie nicht beachtet habe. Da es keine Anzeichen dafür gab, dass dies der Realität entsprach, schob ich ihre Äußerungen ihrem verwirrten Geisteszustand zu. Sie kam dann in die Psychiatrie, das Leben trennte uns, wie man so schön sagt, und ich hörte nie wieder etwas von ihr.

 

Auch die Mär von der Bibliothek der Sophen verblasste wie ein fahles Traumgespinst. Ich lebte mein Leben, freilich nicht ohne zu merken, dass Bianca damals recht gehabt hatte. Ich war ein Gottessucher. Die Segnungen des Alltags, meiner Ausbildung und späteren Arbeit, der Sportclub, die Videoabende mit Freunden, das Einkaufen und Essen gehen, das Wohnung putzen und die Steuererklärung schreiben füllten mich nicht aus, machten mein Leben nicht rund, wie das meiner Eltern, die mit all dem vollauf zufrieden schienen. Ich wollte mehr. Ich brauchte mehr! In mir gärte eine Sehnsucht nach Sinn, nach wahrer Offenbarung über die Geheimnisse des Lebens. Tausend Fragen, die mich umtrieben: Wer ist Gott, was hat er mit den Menschen vor, wer bin ich, was soll ich auf dieser Welt, wer hat recht, Materialismus oder Mystik, was ist Erkenntnis, was ist Wahn? Und ich begann, die Bibliothek der Sophen wieder zu suchen. Viele Jahre lang vergebens, bis zu jenem sanft verschneiten, grauen Januartag.

 

Ich war unterwegs gewesen im grauen Häusermeer der Stadt, zusammen mit meinem Freund, dem Narren; wir hatten uns müde gelaufen und an der Ecke einen Döner geholt. Wir mampften den streng riechenden, türkischen Fastfood in uns hinein und beschmierten unsere Münder und Jacken mit dem weißen Tzaziki, redeten leicht sexistisch über Frauen und palaverten über Politik. Kurz, wir waren ganz und gar unwürdig für eine Begegnung mit der Weisheit in jenem Moment.

 

„Sag mal“, mampfte der Narr zwischen zwei Bissen Döner hervor, „Was ist das da eigentlich für ein leuchtendes Gebäude?“ „Was für’n leuchtendes Gebäude?“, fragte ich und wischte mir einen Klacks Tzaziki von der Jacke. „Na, das da!“, der Narr wies mit seiner freien Hand auf das Gebäude, auf das wir die ganze Zeit zugingen. Ich hob meine Augen vom Bürgersteig, sah hin und schluckte.

 

Das Gebäude vor uns hob sich deutlich ab von den übrigen, es umgebenden grauen Stadthäusern. Es war aus glänzendem, schwarzem Marmor gebaut und eine hohe Freitreppe mit langgestreckten Stufen führte zu einer Glasfront, hinter der dieses durchdringende und doch warme Leuchten auszumachen war. Mir war dieses Gebäude noch nie zuvor aufgefallen, obwohl ich schon oft in dieser Gegend der Stadt gewesen war. Mit stockendem Atem las ich die Inschrift über dem Eingang: Ernsthafte Bibliothek und Hochschule der Sophen stand dort geschrieben. Ich packte meinen Freund bei den Schultern und schüttelte ihn, sodass ihm sein Döner in den Straßendreck fiel. „Mensch!“, rief ich, „Weißt du, was das ist? Das ist die Bibliothek der Sophen! Die suche ich praktisch schon mein ganzes Leben!“ Die Augen des Narren blitzten auf: „Die Bibliothek der Sophen? Das ist ja interessant! Lass rein!“ Der Narr fand grundsätzlich alles interessant, was Abwechslung versprach. Seine Flapsigkeit und sein Übermut steckten mich an: „Vielleicht“, sagte ich „können wir uns dort einweihen lassen!“ Mir konnte es jetzt gar nicht schnell genug gehen. Jahrelang hatte ich auf diesen Moment gewartet. Und jetzt wollte ich am Liebsten alle Weisheit auf einmal genießen. Mag sein, dass mein aufgedrehter Freund zu meinem Übermut beitrug. Ich warf meinen Döner achtlos in eine Häuserecke, hakte den Narren unter und dann gingen wir die Marmorstufen zur Bibliothek der Sophen empor, langsam, diesem durchdringenden, doch warmen Leuchten entgegen.

 

Schließlich hatten wir die Glasfront erreicht. Eine gläserne Tür schwang mühelos beiseite und gewährte uns den Eintritt. Ein mit schwarzem Samtteppich ausgekleidetes Foyer breitete sich vor uns aus, an dessen Wänden hohe Bücherregale mit mannigfarbigen, dicken Bänden standen. Eine sich in drei Richtungen verzweigende Treppe wies ein Stockwerk höher. Davor, in der Mitte des Foyers, sahen wir die Quelle des einladenden Leuchtens. Einen mächtigen, von innen strahlenden Bergkristall, der den ganzen Raum mit Licht versorgte.

 

Eine adrette, kurzhaarige Frau im Hosenanzug kam uns entgegen und schüttelte jedem von uns die Hand. „Herzlich willkommen! Was kann ich für sie tun?“ „Ach“, stammelte ich, „Wir wollen uns eigentlich erst mal nur umsehen.“ „Haben sie Bücher über Chaos!?“, fragte der Narr leichthin. Dieses Thema interessierte ihn sehr. „Ja“, sagte die Frau freundlich. „Hier unten im Erdgeschoss links. Zum Beispiel eine interessante Studie über das Chaos als der Welt zugrunde liegende Kraft im griechischen Schöpfungsmythos.“ Dann wandte sie sich an mich. „Möchten sie auch an unseren Hochschulkursen teilnehmen?“ „Ja, sehr gerne.“, entgegnete ich leicht schüchtern, aber mit leuchtenden Augen. „Am Meisten“, fuhr ich, plötzlich mutig, fort, „interessierte mich eine Einweihung über die Geheimnisse des Universums anhand der Schriften von Rufus Sonnenauge.“ Die darauffolgende Stille war so intensiv, dass man ein Staubkorn hätte fallen hören können. Die Frau warf mir einen musternden Blick zu. „Ja“, sagte sie, „Das wollen immer alle. Ist aber nicht für jedermann geeignet.“ Ich meinte, einen unergründlichen Schatten in ihren Augen wahrnehmen zu können, während sie dies sagte, so wie ein Schatten eines dunklen, vielleicht schrecklichen Wissens. „Diese Einweihung ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch!“, bekräftigte ich mit Nachdruck. Die Frau sah mir ernst in die Augen. „Nicht jeder ist reif dafür!“, wiederholte sie. „Ich bin überreif!“, rief ich erregt. Die Frau sah mich wie leidend an, dann sagte sie: „Die Schriften von Rufus Sonnenauge befinden sich im ersten Stock.“ Dann ging sie ohne ein weiteres Wort zur Seite. Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind. Schnell sammelte ich meinen Freund, den Narren ein, der über ein in altgriechisch verfasstes Buch zum Thema ‚Chaos‘ gebeugt saß und rief: „Lass uns rauf, in den ersten Stock. Dort lassen wir uns einweihen!“ Ich muss zugeben, dass ich damit meinem Freund auch imponieren wollte. Ja, ich wollte letztendlich als derjenige da stehen, der die Geheimnisse des Universums spielend verstand und sie seinem närrischen Freund dann erklärte. „Einweihung?“, rief der Narr zerstreut, „Oh ja, spannend!“. Damit stellte er sein Buch ins Regal zurück und lief mir nach zu der dreigeteilten Treppe, die ins Obergeschoss führte.

 

Als ich vor dieser Treppe stand, spürte ich plötzlich ein Würgen im Hals. Ein Gefühl von Schicksal erfasste mich. Schwindelnd ragte die weiße Treppe vor mir auf, jeder ihrer drei Ausläufer schien in die Unendlichkeit zu führen. Welche Treppe sollte ich wählen, die linke, die rechte oder die mittlere? Die Entscheidung schien mir plötzlich von enormer Tragweite zu sein. Schließlich bemerkte ich, wie der Narr unruhig mit den Füßen scharrte. Da schalt ich mich einen Toren ob meines langen Überlegens und wählte die linke Treppe.

 

Der schwarze Samtteppich blieb hinter uns zurück. Die Treppe und die Wände des Treppenhauses waren aus weißem Marmor gearbeitet und ein bergkristallener Kronleuchter verbreitete ein mildes Licht. Oben angekommen, betraten wir den Flur, der mit schier endlosen Bücherregalen bestückt war. Ich studierte die Buchrücken. Philosophische Titel sah ich dort und religiöse, historische und naturwissenschaftliche Bücher, aber nichts von Rufus Sonnenauge. Dessen Bücher mussten an einem besonderen Platz gelagert werden. „Ist es noch weit?“, quängelte der Narr. „Weiß ich doch nicht!“, rief ich vorauseilend über die Schulter zurück. Und dann sah ich sie. Eine kleine Erkertreppe, mit rotem Samt ausgekleidet, die sich spiralförmig nach oben wand. Intuitiv hatte ich das Gefühl, dass wir hier richtig waren. „Hier ist es!“, bedeutete ich dem Narren.

 

Langsam und bedächtig schritten wir die rotsamtene Wendeltreppe empor. An den Wänden hingen Bilder aus dem Kamasutra, Abbildungen von meditierenden Buddhas und ein großer, eben auferstandener Christus, mit dem Kreuzigungsberg im Hintergrund. Am obersten Ende der Wendeltreppe befand sich eine Tür, an der ebenfalls ein Bild hing. Darauf war ein Herz abgebildet, welches von goldenen Ringen umgeben war. Ich trat in den Raum und der Narr folgte.

 

Wir betraten ein kleines, gemütliches, blautapeziertes Erkerzimmer, an dessen Wänden sich die Bücher bis zur Decke stapelten. Es waren alles Bücher in rotem Samteinband , auf denen bei näherem Hinsehen jeweils die Aufschrift Rufus Sonnenauge Gesamtausgabe prangte. Mein Herz klopfte. Wir waren am Ziel, oder vielmehr, ich war am Ziel. In der Mitte des Raumes stand ein schlanker, braungekleideter Mann mit Goldrandbrille. Freundlich kam er auf uns zu. „Was kann ich für sie tun?“, fragte er mit voller, warmer Stimme. „Wir würden“, sagte ich feierlich, „gerne eingeweiht werden, wenn das geht.“ „Nun“, sagte der Mann, „Wenn sie hierher gefunden haben, nehme ich doch an, dass sie bereit für eine solche Einweihung sind?“ „Selbstverständlich!“, rief ich. „Und dass sie die nötigen sophischen Vorstudien betrieben haben?“ Kurz stutzte ich, dann log ich: „Ja, sicher!“ Der Mann sah mich nachdenklich an: „Wissen sie, ich bin neu hier und muss mich bewähren, und in den vergangenen Jahren hat es hier immer wieder Fehleinweihungen gegeben.“ „Ach“, rief der Narr, „Machen sie sich mal keine Sorgen. Wir sind mehr als bereit.“ Der Mann schaute vertrauensvoll durch seine runden Brillengläser. „Gut.“, sagte er bedeutungsvoll, „Dann wollen wir mal.“

 

Er ging zu einem Regal und zog eines der rotsamtenen Bücher hervor. Kurz konnte ich einen Blick auf den Einband erhaschen. Dort stand: Die Schule der Mysterien Teil I – Der Hüter der Schwelle. Kurz streifte mich die Erinnerung daran, diesen Ausdruck schon einmal gehört zu haben, aber ich schob sie beiseite. Der Mann schlug das Buch auf und begann, die hymnischen Eingangsworte zu verlesen. Diese lauteten:

Finde zuerst der Weisheit äußere Form. Sammle die Summe der Einzelteile weltbewegender Kraft, lerne sie kennen, die Außenseite, Chiffre und Hülle des Lichtes, mache dich vertraut mit der Gestalt, ehe du zum Wesen dringst. Willst du von dort aus zum Herzen aller Dinge, musst du passieren den Hüter der Schwelle. Nur den Mann, der mit dem Herzen erkennt, lässt er durch. Den unwürdigen schlägt er mit Irrtum und Schatten und schickt ihn zurück in Qual und Entbehrung, bis er den Schlüssel zur Liebe findet, oder Gnade sich zärtlich ihm neigt.

 

Die Worte brachten etwas in mir zum Klingen. In mir tönte es wie ein tiefer Bronzegong und versetzte mich bis in meine Zellstruktur in Schwingung. Der Mann brach ab. „Sind sie bereit?“, fragte er, „Sind sie bereit, dem Hüter der Schwelle zu begegnen?“ „Ich bin bereit!“, sagte ich mit bebender Stimme. Ich wollte mir vor dem Narren keine Blöße geben. Jetzt gab es kein Zurück.

 

„Schließen sie die Augen.“, befahl der Bibliothekar. Ich tat es. „Versenken sie sich in ihr Inneres!“, drang die Stimme des Mannes an mein Ohr. „Jetzt müssten sie den Hüter der Schwelle sehen.“

 

Vor meinen geschlossenen Augen war Schwärze, undurchdringlich. Dann jedoch sah ich aus weiter Ferne etwas auf mich zukommen. Es war eine menschliche Gestalt in einer silbernen Rüstung. In der rechten Hand trug sie einen langen Speer. Schließlich war sie bei mir angekommen und schien mich durch ihr Visier zu mustern. „Bist du der Hüter der Schwelle?“, fragte ich, „Der Wächter vor den Geheimnissen des Universums?“ „Der bin ich!“, entgegnete die Gestalt mit mächtiger, dunkler Stimme. „Dann“, rief ich, „Lass mich durch. Ich will ins Herz aller Dinge schauen!“ „Welche Treppe hast du gewählt?“, fragte die dunkle Stimme. Ich überlegte kurz, was der Hüter damit meinen konnte, aber dann erinnerte ich mich an die dreigeteilte Treppe in den ersten Stock. „Ich habe“, antwortete ich mit sicherer Stimme, „die linke Treppe gewählt.“ Der Hüter hob seinen Speer: „Deine Wahl war schlecht. Für diesmal lasse ich dich nicht vorbei!“ „Wieso?“, fragte ich, „Was soll das?“ „Ich bin dir keine Erklärung schuldig. Geh jetzt und verlasse die Bibliothek und kehre zurück, wenn du weiser bist!“ sagte der Hüter dunkel. „Ich denke nicht daran!“ schrie ich, „Ich bin nicht diesen weiten Weg gekommen, nur um wieder weg zu gehen! Lass mich vorbei!“ „Ich warne dich.“, sagte der Hüter, „Geh, solange du noch gehen kannst!“ Wut packte mich. Ich hatte nicht vor, klein bei zu geben. Ich ergriff den Hüter der Schwelle bei den silbernen Schultern und schob ihn beiseite. Das ging erstaunlich leicht. Dann richtete ich meine Augen auf das, was sich hinter dem Hüter der Schwelle verbarg. Und ich sah eine weite Landschaft, die in der gleißenden Sonne lag. Es war eine Wintersonne. Und dennoch war das Land darunter ein sommerliches. Es war ein Urwald, grün und paradiesisch, wuchernd und dampfend, tönend von Tierstimmen und reich an bunten, exotischen Pflanzen, der sich bis zum Horizont erstreckte. Und aus seinen grünen Eingeweiden schwang sich ein Vogel auf, singend und jubilierend flog er zu der leuchtenden Wintersonne. Dieses Bild begann mich zu überwältigen, ich spürte, wie ich bebte, zitterte und langsam dahinschmolz, eins wurde mit dem gewaltigen, grünen Wald.

 

„Halt!“ tönte die mächtige Stimme des Hüters an mein Ohr. „Das darfst du noch nicht sehen!“ Er packte mich am Arm und riss mich zurück. Die Landschaft raste an meinen Augen vorbei. „Du Unglücklicher!“, rief der Hüter der Schwelle. „Warum bist du nicht einfach gegangen und hast die Bibliothek verlassen, wie ich dir gesagt hatte? Nun musst du für immer bleiben!“

 

Er holte mit dem Speer aus und bohrte ihn in meine linke Seite. Ich schrie auf vor Schmerz. Dann sah ich die Bilder , die längs der Wendeltreppe gehangen hatten. Zuerst sah ich die Bilder aus dem Kamasutra. Die im Liebesspiel vertieften Menschen wurden plötzlich von Raserei ergriffen, fielen wie Raubtiere übereinander her und rissen sich die Gliedmaßen von den Leibern. Dann sah ich einen der Buddhas. Er fiel aus seiner Meditation, riss die schwarzen Augen auf und glotzte mich an. Dann stand er auf und verließ seinen Platz unter dem Bodibaum, dessen Blätter alsbald herbstlich gefärbt wurden und abfielen. Als nächstes sah ich den Christus. Er hatte sein Kreuz in beiden Händen und schmetterte es mir auf den Kopf. Als letztes Bild sah ich das Herz, das an der Tür zu der Bücherstube gehangen hatte. Der Hüter der Schwelle trat von hinten an es heran und verhüllte es mit einem Schleier.

 

Ich riss die Augen auf. Ich befand mich wieder in der blautapezierten Bücherstube. Das Licht wirkte fahl. Der Bibliothekar sah mich an, bleich wie Pergamentpapier. Ich suchte meinen Freund, den Narren, und fand ihn schließlich hintenüber gekippt in einem umgefallenen Bücherstapel. „Wawas hascht du betan?“,fragte er in einem absonderlichen Kauderwelsch, „Du bist doch ber Narr von uns deiben!“ Er versuchte aufzustehen, doch er schwankte, rutschte auf einem Buch aus und fiel wieder hin. Da erst sah ich, dass sein Gesicht mit Schweißperlen übersät war und dass aus seinem Mund braunes Erbrochenes lief. Der Bibliothekar richtete das Wort an mich: „Wie konnten sie so leichtsinnig sein, junger Mann!? Das, was sie getan haben, wird Konsequenzen für uns alle haben!“ Ehe ich noch eine Frage an ihn stellen konnte, schwang die Zimmertür auf. Im Türrahmen standen zwei Männer in eleganten Anzügen, die Protokollblöcke und Kugelschreiber in ihren Händen hielten.

 

„Scharf und Lörner!“, machte einer der beiden Männer die Vorstellung, „Myrddyn-Zweig!“ „Oh nein!“, murmelte der Bibliothekar, „Nicht die Männer vom Zweig!“ Ich warf einen fragenden Blick auf den Bibliothekar, aber er machte eine abwehrende Kopfbewegung, als ob er mir sagen wolle, dass er mir dies jetzt nicht erklären könne. Der Zweigbeamte, der die Vorstellung gemacht hatte, trat nun auf uns zu, zückte seinen Block und sah den braungekleideten Bibliothekar an. Er sagte: „Nochmals, Lörner mein Name, dort hinten mein Kollege Scharf. Wie wir mitbekamen, fand hier eben eine missglückte Einweihung statt? Was fällt ihnen dazu ein?“ Mein Einweihungsbegleiter sah verschämt zu Boden, dann stammelte er, indem er nervös mit seinen Händen spielte: „Ich bin neu hier, wissen sie. Und dieser junge Mann hat mir glaubhaft versichert, dass er bestens vorbereitet sei. Dass er alle Studien absolviert habe, dass er…“ „Und das haben sie einfach so geglaubt!?“, donnerte Lörner den schlanken Mann an. „Was meinen sie, wie viele hier täglich frech vorsprechen, ohne die notwendigen Vorstudien betrieben zu haben und ohne dem Hüter der Schwelle auch nur im Mindesten gewachsen zu sein! Ganz zu schweigen von denen, die auch noch die falsche Treppe gewählt haben! Und sie beginnen einfach so naiv mit der Einweihung, ohne sich die Nachweise seiner Vorstudien zeigen zu lassen!“ „Ich…ich habe…“, setzte der Bibliothekar an. „Nichts haben sie!“, schnauzte Lörner. „Ihr junges Volk habt offenbar vollkommen vergessen, was für eine ernste Angelegenheit eine solche Einweihung ist! Sie entscheidet über das weitere Leben! Scharf! Kommen sie! Der Mindscanner!“ Scharf trat eilfertig heran. Er holte ein Gerät aus seiner Anzugtasche, das wie eine 3-D-Brille mit angebautem Mini-Computer aussah. Er drückte mich in einen Sessel, schnallte mir das Gerät, das offensichtlich der Mindscanner war, auf den Kopf und verband ihn mit einem kleinen Laptop, der zur Zimmerausstattung gehörte. Er bewegte die Maus. Da gingen vor meinen Augen kleine Lichter an. Offensichtlich wurde jetzt mein Geist gescannt. Und plötzlich begann eine Flut von Bildern vor meinen Augen aufzusteigen, die die Zweig-Beamten offenbar auch auf dem Monitor des Laptops sahen. Ich sah ein bedrohliches Gewitter, eine gewaltige Spaltung in Hell und Dunkel, meine Eltern, meine Schulzeit und meine erste Freundin, Bianca-Sophie. Ab diesem Moment fing ich auch an, intensive Gefühle wahrzunehmen. „Aha.“, hörte ich Lörner sagen, „Der Gefühlsmodus beginnt.“ Ich sah meine Ausbildung, mein Arbeitsleben, Freunde und Bekannte und spürte meinen gleichzeitigen inneren Drang nach Erkenntnis, spürte ihn wie eine wehmütige, brennende Sehnsucht. Ich sah den Narren und unseren Spaziergang durch die Stadt. Zeitweilig war ich in meinem Magen und steckte fest in zermalmtem Dönerfleisch. „Er ist sehr leibgebunden, sehen sie?“, hörte ich Lörners Stimme. Dann sah ich die Bibliothek der Sophen, rasend schnell die Freitreppe, den Eingang, das Gespräch mit der Frau, die dreigeteilte Treppe, mein Zögern, dann die linke Treppe. „Aha, das war’s!“ rief Lörner triumphierend. Der Mindscan hörte abrupt auf. Das Gerät wurde mir vom Kopf abgeschraubt und ich konnte wieder Scharf erblicken und auch Lörner, der auf einem anderen Sessel saß und sich Notizen machte.

 

Ohne aufzublicken sagte er: „Nach Zweigverordnung 22D wird der Bibliothekar Hans Refznick seines Amtes enthoben und nach Zweigverordnung 38A wird der missglückte Eingeweihte zu nicht limitierter Lernzeit abkommandiert. Beide werden ins Basement gebracht!“

 

Scharf nahm mich am Arm und Lörner ging zu Hans Refznick. Da sprang der Narr auf, dem immer noch das Erbrochene aus dem Mund lief: „Nein!“, rief er, „Er gehört mir!“. Mit diesen Worten versuchte er, auf mich loszugehen. Schnell reagierte Scharf und packte ihn. Lörner rümpfte irritiert die Nase, dann sagte er: „Schmeißen sie ihn raus, Scharf!  Ich kümmere mich um die anderen Beiden!“ Scharf verließ mit dem zappelnden und protestierenden Narren den Raum, Lörner folgte mit mir und Hans Refznick.

 

Wir verließen den Raum, gingen die Wendeltreppe hinunter und gelangten wieder in den Flur. Von dort aus trennten sich unsere Wege. Scharf ging mit dem Narren links den Flur hinunter, Lörner wandte sich mit uns nach rechts. Ich sah noch einmal über die Schulter zurück auf meinen Freund, den zappelnden und schreienden Narren. Es war das letzte Mal für eine lange Zeit, dass ich ihn sehen sollte. „Du bist Schuld!“, gellte sein Schrei an meinem Ohr. Lörner führte Refznick und mich nun zu einem Fahrstuhl, der in die Wand eingelassen war. Er drückte einen Knopf. „Wo bringen sie uns hin?“, fragte ich. Lörner gab keine Antwort. Der Fahrstuhl kam und wir fuhren abwärts. Ins Basement, so erinnerte ich mich; das bedeutete Keller. Ich sah Lörner an. In seinen Augen war keine Seelenregung zu erkennen. „Was ist eigentlich der Myrddyn-Zweig?“, fragte ich ihn. Er sah mich starr an, dann sagte er: „Die sophische Gesellschaft ist den Städten nach in Zweige unterteilt. Und in jedem Zweig gibt es Beamte, so wie mich, die sich darum kümmern, dass alles in geregelten Bahnen abläuft.“ „Und sie hinterfragen ihre Arbeit nie?“ „Nein. Ich tue alles gemäß der strengen Satzungen des Rufus Sonnenauge. Denn alles, was in der geistigen, wie auch in der materiellen Welt abläuft, eben das ganze Leben, läuft nach strengen Gesetzmäßigkeiten ab.“ „Dann ist es auch gesetzmäßig, dass sie uns jetzt bis auf Weiteres in den Keller bringen?“ „Selbstverständlich!“, sagte Lörner. „Sie müssen dort den ganzen lernenden Weg durch die Instanzen gehen, bis sie wieder nach oben dürfen!“ „Und wie lange dauert das?“, fragte ich stockend. Lörner antwortete sachlich und ohne jede Gefühlsregung: „Bei manchen dauert es Jahre, bei anderen Jahrzehnte und bei einigen auch Jahrhunderte.“ „Jahrhunderte!?“. Hätte mich Lörner nicht so fest am Arm gehalten, ich wäre auf ihn losgegangen. „Und was erwartet den Bibliothekar?“, fragte ich mit einem Seitenblick auf Hans Refznick. „Er?“, sagte Lörner, „Er wird sich mit den sophischen Satzungen über die Aufnahmebedingungen zur Einweihung auseinanderzusetzen haben.“ Refznick seufzte und sagte matt: „Ja, so ist das. Da kann man nichts machen.“ Eben, als er dies sagte, hielt der Fahrstuhl.

 

Wir betraten einen breiten, grau gestrichenen Flur mit Betonwänden. Ganz anders sah es hier aus, als in der restlichen, feierlich verheißenden Bibliothek. Hier also, dachte ich, war der Ort jenes Schattens, den ich in den Augen der Empfangsdame gesehen hatte. Was würde mich hier erwarten? „Von hier ab sind sie Beide auf sich gestellt.“, sagte Lörner. „Sie werden die für sie passenden Räume schon finden.“ Mit diesen Worten stieg Lörner wieder in den Fahrstuhl. Die Tür schloss sich hinter ihm! „Scheiße!“, schrie ich. Ich spürte, wie mich ein Weinkrampf schüttelte. Trauer und Zorn bahnten sich ihren Weg. War ich nicht ein aufrichtiger Gottessucher mit reinem Herzen gewesen? War es nicht seit jeher mein Traum gewesen, die Bibliothek der Sophen zu finden? Und jetzt dieser dumme Fehler an der Treppe! Konnte der mir angekreidet werden? Warum wurde ich so furchtbar bestraft? Schluchzend krümmte ich mich unter auf mich einstürzenden Gefühlen. Hans Refznick legte seinen Arm auf meine Schulter. „Hat gar keinen Sinn, zu hadern.“, sagte er sanft. „Fügen wir uns in unser Schicksal und machen wir das Beste draus.“ Ich sank auf dem Betonboden zusammen. Leise in mich hinein schluchzend flüsterte ich: „Lassen sie uns zusammenbleiben, Refznick, stehen wir das hier gemeinsam durch, ja?“ Wie von weit weg hörte ich Hans Refznicks Stimme: „Das wird nicht gehen, fürchte ich…“ „Nicht gehen!?“. Ruckartig richtete ich meinen Kopf auf. Plötzlich war der ganze Gang voller Menschen, die einem mir unbekannten Ziel entgegen strebten. Stechschrittartig marschierten sie an mir vorbei. Als sie vorüber waren, sah ich mich um. Hans Refznick war verschwunden!

 

„Was soll ich tun!?“, schrie ich entsetzt und mit tränenerstickter Stimme. Da senkte sich plötzlich eine große Ruhe in mich. Vielleicht, so dachte ich, war es doch keine so schlechte Idee, Hans Refznicks Beispiel zu folgen und mein Schicksal anzunehmen, erstmal wenigstens, so lange, bis ich mich hier unten in diesem Kellerlabyrinth zurechtfand. Ich setzte Schritt vor Schritt, halb taumelnd, und tastete mich an der grauen Wand entlang. Eine ganze Zeit begegnete mir niemand. Die im Stechschritt marschierenden Menschen hatten sich in den Eingeweiden dieses Kellers verloren. Ab und zu hörte ich durch Wände von ferne rufende Stimmen, manchmal auch Singsang und ab und an das Klappern von Schreibmaschinen. Schließlich kam ich an eine Gabelung. Aus dem rechts neben mir liegenden Gang tappte eine Gestalt. Sie trug graue Kleider und eine Sträflingskappe auf dem Kopf. Ich beschloss, dieser Figur zu folgen. Ich lief einige Zeit hinter dem Mann her, er schien genau zu wissen, wo er hin wollte. Dann kamen wir an eine Tür. Der Mann öffnete sie und wankte hinein. Ich folgte ihm.

 

Der Raum, den wir betraten, war groß und hoch, grau gestrichen wie alles hier und an einer der Wände stand eine schwarze Inschrift: Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren! Ich erschrak und wollte schnell wieder hinaus, da packte mich jemand am Ärmel. Dieser Jemand trug ebenfalls die graue Sträflingskleidung. „Aha, einer in Zivil! Das werden wir schnell ändern!“ Ich protestierte, doch es half nichts. Mehrere Männer kamen herzu, hielten mich fest und rissen mir meine Klamotten vom Leibe. Dann holten sie die graue Stäflingsgarderobe und zwängten mich hinein. Zum Schluss setzten sie mir noch die graue Kappe auf den Kopf. Als sie von mir abließen, atmete ich erst mal durch und sah mich in dem Raum um. Es schien die Kleiderkammer zu sein. Tausende Sträflinge sortierten Zivilkleidung und gaben die grauen Klamotten aus. Mit drei weiteren Leidensgenossen wurde ich wieder auf den Flur geschoben.

 

Ich sah die drei anderen an. Es waren Männer meines Alters, aber ihre Gesichter waren müde und grau. „Was machen wir jetzt, Leute?“, fragte ich in die Runde. Einer der drei sah mich traurig an und sagte mit lethargischer Stimme: „Da es hier unten ja keine Zufälle gibt, haben wir vier wohl den gleichen Weg.“ „Was meinst du damit, hier unten gibt es keine Zufälle?“, fragte ich ihn. „Das“, gab er mir zurück, „habe ich während meiner Einweihung gesehen. Und es ist das, was mir hier unten hilft.“ Während sich unser Pulk in Gang setzte, versuchte ich mich an meine missglückte Einweihung zu erinnern. Was hatte ich gesehen? Das Panorama des paradiesischen Urwalds breitete sich vor meinem inneren Auge aus, und ich sah den Vogel, der sich aus seinem Geäst zur Sonne schwang. Würde dieser Vogel mich hier unten führen?

 

Erst einmal folgte ich den drei Männern. Schließlich gelangten wir zu einer weiteren Tür. „Wir sind da!“, sagte einer der Männer traurig. Langsam schlängelten wir uns in den Raum. Wie der Raum zuvor war er groß und hoch, aber diesmal nicht grau gestrichen. In dem Raum befand sich eine Reproduktion der dreigeteilten Treppe aus der Bibliothek. Jede dieser Treppen wurde von vielen Menschen begangen. „Ja.“, sagte einer meiner Begleiter, „Hier sind wir alle gescheitert!“ „Aber warum? Was haben wir falsch gemacht?“, fragte ich. „Das werden wir hier lernen.“, entgegnete mein Begleiter. Ich sah mir die Treppen an. Viele Menschen gingen die linke Treppe hinauf, so wie ich. Doch sobald sie oben ankamen, ertönte ein Gong und sie standen wie von Zauberhand wieder am Fuß der Treppe. Dann begannen sie ihren Aufstieg erneut, und das Spiel wiederholte sich, in einer endlosen Zeitschleife. Ebenso war es bei der rechten Treppe. Die mittlere Treppe aber begingen nur wenige. Diese jedoch gelangten oben an der Treppe zu einer Tür, durch die sie entschwanden. „Wir hätten“, murmelte ich, „die mittlere Treppe nehmen sollen!“ Ich rannte, plötzlich gepackt von Euphorie, auf die mittlere Treppe zu. Doch da trat mir ein grau gekleideter Sträfling entgegen und hielt mich fest. „Halt.“, sagte er. Du hast hier noch nicht alles gelernt.“ Ernüchtert blieb ich stehen und kehrte zu meinen drei Gefährten zurück. „Ja“, grinste einer von ihnen ironisch, „So holterdipolter geht das hier nicht.“ Ich stellte mich wieder in die Reihe und betrachtete das sich mir bietende Schauspiel. Da, als ich genauer hinsah, erblickte ich an der Wand am Kopf der Treppen drei Malereien. Über der linken Treppe sah ich einen Menschen gemalt, der hatte einen übergroßen Kopf, der ihm wie eine Last auf die Brust fiel. Über der rechten Treppe war ein Mensch abgebildet, der hatte einen wanstähnlichen Hängebauch, der bis zum Boden baumelte. Und über der mittleren Treppe war das Bild eines Menschen, der ganz gerade stand, mit einem leuchtenden, von goldenen Ringen umgebenen Herzen auf der Brust. „Mit dem Herzen muss man die Mysterien durchdringen, nicht mit dem Kopf oder dem Bauch. Nur dann kommt man am Hüter der Schwelle vorbei.“ Dieses murmelnd fühlte ich, wie mich Wärme und neuer Mut durchdrang. „Na, geh schon!“, munterte mich einer der drei anderen auf.

 

Und ich schritt die mittlere Treppe hoch und meinte, ein fröhliches Jubilieren über mir zu hören. Oben angekommen, erblickte ich drei Türen. Durch welche sollte ich gehen? Ich besah sie mir genauer und erkannte, dass auf jede Tür ein Tier gemalt war. Auf der rechten sah ich einen großen Walfisch, auf der linken einen roten Stier und auf der mittleren schwang sich ein Vogel zum Himmel. Ich schmunzelte. Es war sonnenklar, welche Tür ich wählen würde. Und so drückte ich die mittlere auf.

 

Als die Tür hinter mir zufiel, erkannte ich, dass ich wiederum in einem grauen Flur stand. „Schade!“, seufzte ich. Zwei Mithäftlinge kamen mir entgegen. Einer von Beiden blieb vor mir stehen und sah mich durchdringend an. „He, du!“, fragte er, „Was ist dein Geheimnis?“ „Mein Geheimnis?“, fragte ich, „was meinst du damit?“ „Na“, sagte er, „Was du in deiner Einweihung gesehen hast!“. Ich sah ihn verwundert an, dann antwortete ich arglos: „Na, ich habe einen großen Urwald gesehen unter einer Wintersonne und einen Vogel, der…“ „Ätsch!“, rief der andere, „Schon reingefallen!“ Damit riss er einen Fetzen aus meinem Oberteil und steckte ihn sich in die Tasche. „Das“, erklärte er, „hab ich in meiner Einweihung gesehen – das man sein Geheimnis für sich behalten muss, weil man hier keinem trauen kann!“ Damit schob er mich den Gang hinunter, bis wir vor einer weiteren Tür standen. „Hier hinein!“ feixte er und schubste mich in den Raum.

 

Der große, hohe Raum war schwarz getüncht. Er war voll mit Tischen und Stühlen, auf denen Leute vor leeren Tellern saßen. Jeder von ihnen hatte Messer und Gabel in der Hand. Was für eine Teufelei war dies? Ich ging durch die Reihen und betrachtete die hier sitzenden Menschen. Ihre Gesichter waren unglücklich und verhärmt. Und dann sah ich etwas, was mich tief erschreckte. Ab und zu schnitten sie sich gegenseitig ins Fleisch, spießten ein Stück auf ihre Gabel und aßen es genüsslich. Ja, diese Menschen aßen sich gegenseitig auf! Schaudernd setzte ich mich zu einem dieser Unglücklichen und sprach ihn an: „He du, sag mir, was macht ihr hier? Wieso esst ihr euch gegenseitig auf?“ Der Angesprochene drehte den Kopf und sah mich aus blutunterlaufenen Augen an. „Das weißt du nicht?“, fragte er. „Wir haben hier alle eine missglückte Einweihung hinter uns und jetzt sind wir tot!“ „Wie?“, fragte ich, „Wie, ihr seid tot?“ „Na“, sagte die Gestalt, „bei einer missglückten Einweihung stirbt man nun mal. Und man kann nur wieder lebendig werden, indem man andere seinesgleichen aufisst, denn andere Speise ist uns hier verwehrt. Mal sehen, wie du schmeckst!“. Damit rückte er mir mit Messer und Gabel auf die Pelle. Schnell stieß ich ihn weg und stand auf. Apathisch starrte der Mann wieder auf seinen leeren Teller und streckte Messer und Gabel himmelwärts. Ich begann zu überlegen. Irgendetwas in diesem Raum hatte eine gewaltige Schieflage. Ja, dachte ich, es war die Logik dieser Menschen. Sie mochten ja alle tot sein, aber wenn das so war, warum aßen sie sich dann gegenseitig auf? Sie konnten doch nicht hoffen, durch den Genuss von ebenfalls totem Fleisch wieder lebendig zu werden! Nein, dachte ich, alle falsch Eingeweihten saßen in einem Boot. Wir konnten hier nur hinaus gelangen, wenn wir zusammenarbeiteten! Ich stellte mich vor die Bänke und Tische hin, und hielt eine flammende Rede, in der ich den Gefangenen meine Meinung kundtat. Doch sie reagierten nicht, sie starrten weiterhin stumpfsinnig vor sich hin. „Nein!“, rief ich, „von diesem Ort kann ich nichts mehr lernen! Ich will irgendwo hin, wo die Menschen sich gegenseitig helfen, statt sich zu übervorteilen!“ Da sah ich, wie eine Tür am anderen Ende des Raumes aufschwang. Erleíchtert lief ich dort hin und sah mich noch einmal um, ob mir nicht vielleicht jemand folgen wollte. Doch alle blieben traurig sitzen. Ich aber verließ jetzt diesen tristen Ort.

 

Ich trat wiederum auf einen grauen Flur. Ein paar müde Gestalten schlichen die Gänge entlang, aber ich beschloss, keinem von ihnen mehr zu folgen. Ich konzentrierte mich auf mich selbst. Langsam setzte ich Schritt vor Schritt. Da drang plötzlich etwas an mein Ohr. Es schien Gesang zu sein, es war jener Gesang, den ich schon am Anfang meiner unterirdischen Reise vernommen hatte. Klang er nicht auch wie die Stimme eines Vogels? Langsam tastend bewegte ich mich durch die Gänge, dem Gesang folgend. Allmählich wurde er immer lauter und lauter. Und als ich um eine weitere Gangbiegung gekommen war, sah ich eine große Doppeltür. Hinter dieser Tür erscholl der wunderbare Gesang. Enthusiastisch trat ich ein.

 

Der große, hohe Raum war weiß getüncht, und an der hinteren Wand war eine Wandmalerei zu sehen. Mein Herz sprang vor Freude, als ich das Motiv erkannte. Es war ein großer, grüner Urwald, mit sprießenden bunten Pflanzen und mannigfaltigen Tieren. Über allem schwebte ein bunter Vogel. „Ist hier das Paradies!?“, rief ich einem der umher eilenden Sträflingen zu. „Nein!“, rief dieser zurück, „Dies ist der Raum der kleinen Paradiese!“ Ich sah mich um. An einer Ecke des Raumes war ein großer Sonnenaufgang auf eine Wand gemalt. Davor stand ein Mann und rief immer wieder: „Oh, wie schön! Oh, wie schön!“ Daneben stand ein kleines Mädchen und streichelte einen an die Wand gemalten Rauhaardackel. Immer wieder rief sie: „Ist der nicht niedlich!?“ Etwas abseits stand ein Mann mit einem Motorradhelm auf dem Kopf. Er betrachtete ein aufgemaltes Motorrad und rief immer: „Brumm, brumm!“ Ich musste lächeln. Dieser Raum berührte mich merkwürdig, ich konnte nicht eindeutig sagen, ob positiv oder negativ. An seinem hinteren Ende befand sich eine lange Theke. Ich ging dorthin. Hinter der Theke standen Sträflinge, die ihren Leidensgenossen Pillen aller Art ausgaben, die diese gierig schluckten. Manche erhielten auch Spritzen und injizierten sich etwas in die Venen, worauf sich stets ein Lächeln über ihr Gesicht ausbreitete. „Ach“, seufzte ich, „geht es denn auch hier nicht ohne Teufeleien!?“ Niedergeschlagen ging ich in die andere Ecke des Raumes, da sah ich es plötzlich. Eine alte Frau strich einem kleinen Jungen über den Kopf! Da ging eine goldene Energie von ihrer Hand auf den Kopf des Jungen über, und in ihnen tat sich das Bild zweier aufleuchtender, von goldenen Ringen umgebenen Herzen auf. Für einen Augenblick konnte ich in diese zwei Herzen hinein sehen und ahnte alle Mysterien der Welt in ihnen, alle Geheimnisse des Universums! Da wusste ich: Das war die Lösung! Liebe empfinden und weitergeben, von Herz zu Herz! Dann war man im Paradies, war Teil aller Mysterien, hatte das Wesentliche verstanden! Das war auch die Lösung für die hungrigen Menschen in dem schwarzen Raum! Ein Lachen kam mir über die Lippen – ich hatte das Geheimnis gelüftet! Würde ich jetzt den Keller verlassen dürfen? Ich hielt nach einer Tür Ausschau und fand bald auch eine, auf der ein hübscher Vogel abgebildet war. Durch die verließ ich den Raum der kleinen Paradiese.

 

Enttäuscht stellte ich fest, dass ich nur wieder auf einem grauen Gang stand. „Nein!“, schrie ich, und trommelte mit den Fäusten gegen den Beton, „Das kann nicht sein!“ Kraftlos sackte ich zusammen. Da hörte ich etwas an mein Ohr dringen. Den Klang von klappernden Schreibmaschinen! Auch diesen hatte ich in diesem Labyrinth schon einmal gehört. Vielleicht verhieß das etwas Gutes. Ich nahm die Fährte auf und folgte dem Geklapper. Das Geräusch wurde immer lauter und schließlich stand ich vor einer weiteren Doppeltür. Ich trat ein. Ein großer, dunkler Raum tat sich vor meinen Augen auf. Er war voller Tische, auf denen Schreibmaschinen standen. An den Tischen saßen Menschen, teils in gewaltige, graue Bücher vertieft, teils Schreibmaschine tippend. Am hinteren Ende des Raumes standen tausende von Liegen vor einem zugezogenen Vorhang. Was hatte dies alles zu bedeuten? Ich schlenderte durch die Reihen der so beschäftigten und sah sie mir an, ohne dass sie Notiz von mir nahmen. Großer Ernst stand auf ihren Gesichtern. Plötzlich sah ich ein Gesicht, das ich zu kennen meinte. Auf seiner Nase saß eine runde Goldrandbrille. Ja, es war Hans Refznick, der verbannte Bibliothekar!  „Hallo, Herr Refznick!“, rief ich überschwänglich, „Kennen sie mich noch?“ Der bebrillte Mann sah auf und blickte mich verwirrt an. Dann sagte er: „Hier kennt niemand den Anderen. Hier sind wir nur Studierende!“ „Aber“, wandte ich ein, „Sie sind doch wegen mir hier! Ich bin der Typ mit der missglückten Einweihung!“ „Ach so.“, sagte Refznick teilnahmslos. „Es macht aber wirklich keinen Unterschied, wer wir da oben waren. Denn wie ich schon sagte, hier unten sind wir nur Studierende!“ „Mensch, Refznick!“, rief ich, „Nun seien sie doch nicht so apathisch! Hier muss es doch einen Weg raus geben!“ Hans Refznick führte den Zeigefinger an den Mund: „Nun seien sie still, sonst kommen noch die Wachen! Glauben sie, es gibt hier keinen Weg raus, als die Prozedur des Studierens durchzuexerzieren. Ich muss die Statuten der Einweihungsregeln studieren, bis ich sie verstanden habe, und sie…“ „Ach was“, rief ich leidenschaftlich, „Ich habe hier unten meine Lektionen gelernt! Ich will hier nur noch raus!“ Refznick bedeutete mir abermals, still zu sein. Dann sagte er flüsternd: „Glauben sie es endlich, sie kommen hier nur raus, wenn sie die für sie vorgesehenen Texte durchstudiert haben. So wollen es die sophischen Regeln.“ Ich ächzte. Diesem Kerl war nicht beizukommen. „Und wie lange kann so eine Prozedur dauern?“, fragte ich, schon halb entmutigt. „Ach“, sagte Refznick, „Machen sie sich da auf mehrere Jahrzehnte gefasst. Mindestens. Aber es ist gar nicht so übel. Man lernt eine Menge dabei und wenn man müde ist, kann man sich auf den Liegen ausruhen. Und nun stören sie mich bitte nicht länger in meiner Arbeit.“ Mit diesen Worten senkte Hans Refznick den Blick und widmete sich wieder seiner Lektüre. Das waren ja entsetzliche Aussichten! Eine graue Häftlingsfrau trat nun auf mich zu und führte mich zu meinem Platz. An meiner Schreibmaschine lagen mindestens zwanzig dicke, graue Bücher! „Nein!“, schrie ich, heiser vor Verzweiflung. „Seien sie still!“, sagte die Frau, „Je eher daran, je eher davon!“ Mit diesen Worten ließ sie mich an meinem Studierplatz zurück. Ich sank auf meinen Stuhl. Aller Mut hatte mich verlassen. Apathisch überblickte ich den Raum, hörte das Klappern der Schreibmaschinen, sah tausende in ihre Lektüre vertieft. Das war es also, das Fegefeuer!

 

Nein, dachte ich mit einem Blick auf die vielen dicken Wälzer, die an meinem Platz lagen, heute würde ich nicht mehr mit dem Studieren beginnen. Ich würde mich jetzt erst einmal auf meine Liege legen und hoffentlich tief und erholsam schlafen. Ich stand auf und ging zu der Wand mit den Liegen hinüber. Einige waren frei, einige besetzt, unter einigen Decken tönte Schnarchen hervor. Ich überlegte, auf welche Liege ich mich legen sollte und fragte mich gleichzeitig, was wohl hinter dem schwarzen Vorhang sein mochte. Ein Fenster? Aber wohin wies es? Während ich noch nachdachte, hörte ich hinter dem Vorhang den wunderschönen Gesang einer Nachtigall. Da begann mein müdes Herz wieder zu pochen und ich wusste: Hier würde ich mich niederlegen. Ich wälzte mich in die Decke und schlief sofort ein. Leider hatte ich einen üblen Alptraum. Ich sah den Zweigbeamten Lörner vor mir stehen, der mit erhobenem Zeigefinger auf mich einredete. „Studieren geht über probieren!“, wiederholte er ständig mit schnarrender Stimme. Doch nach einer Weile begann ich in meinem Traum auch die Nachtigall zu hören, immer lauter sang sie, immer jubelnder, und irgendwann übertönte sie Lörners schnarrende Stimme.

 

Ich erwachte. Es war dunkel. Dunkel und still. Keine Nachtigall sang mehr. Aber auch keine Schreibmaschine klapperte. Ich richtete mich auf. Da sah ich, dass vor meinem Bett jemand stand. Allem Anschein nach war es eine Frauengestalt. „Wach auf!“ , raunte sie mir zu, „Es ist Morgen geworden!“ Mit diesen Worten zog sie den schwarzen Vorhang beiseite und gleißendes, strahlendes Wintersonnenlicht fiel in den Raum. Blinzelnd versuchte ich die Frau zu erkennen. Es dauerte eine Weile, aber dann stockte mir der Atem. Es war Bianca-Sophie! Und sie trug nicht die graue Sträflingskleidung, sondern ein mit bunten Blumenmustern besticktes Sommerkleid. „Du Schöne!“, rief ich, „Was machst du an diesem Ort?“ Bianca lächelte: „Ich bin gekommen , um dich von hier weg zu holen.“ Ich zögerte. „Geht das denn einfach so, gegen die Regeln der Sophen?“ „Wenn du es glaubst, geht es!“, sagte sie. „Es geht mit Liebe!“ Mit diesen Worten öffnete sie das große, bodentiefe Fenster und wies mit der Hand in den Sonnenschein. Ich zitterte vor Glück, warf noch einmal einen Blick auf die furchtbare Studierstube… „Komm jetzt!“, rief Bianca-Sophie, und ich wandte meinen Blick ab von meinem einstigen Kerker, nahm ihre Hand, und wir gingen hinaus in den Sonnenschein.

 

Nur einen Moment später lagen wir in ihrem alten Zimmer Kopf an Kopf auf dem Kissen und langsam und zärtlich betastete sie nacheinander alle meine Finger. Immer noch staunend flüsterte ich: „Wie ist das möglich? Wie konntest du all die Statuten und Regeln der Sophen umgehen?“ „Nun“, sagte Bianca lächelnd, „Da gibt es etwas, was Bürohengste wie Lörner nicht wissen, obwohl sie ausgebildete Sophen sind. Vor lauter Regeln und Paragraphen haben sie das wichtigste vergessen. Natürlich läuft das Leben, laufen die Mysterien des Universums nach Regeln und Gesetzten ab, aber die Hauptregel, auf der alles beruht, ist die Liebe! Und die kann alle anderen sekundären Regeln außer Kraft setzen! Ich habe dies auch durch viel Leid in den sophischen Kellern erfahren. Aber jetzt – sind wir beide frei, endgültig!“. Sie lachte, und zog mich an sich, nur kurz sah ich aus den Augenwinkeln die kleine Narrenfigur, die auf einem ihrer Regale stand. Dann lachte ich auch, berührte ihre Brüste und schob mich über sie, sodass mein Glied zwischen ihren Beinen zu liegen kam. Und während ich sie küsste, hörte ich ihr Herz schlagen, ihrs und meins und ich spürte, dass unsere Herzen leuchtende Organe waren, die von goldenen Ringen umkreist wurden. Und in ihr und mir spürte ich alle Mysterien des Universums, spürte das eine Gesetz, die Liebe, die uns durchdrang und trug. Und ein Vogel schwang sich von Biancas Fensterbrett auf und flog singend über das graue Häusermeer der Stadt, das in der strahlenden  Wintersonne golden leuchtete.

 

 

Finis

 

 

Dritter Teil

 

They stab it with their steeley knives, but they just could’nt kill the beast

 

 

 

 

 

 

 

Verdamme nicht den Trieb.

Sonst wirst du an ihn gefesselt, und er richtet dich.

 

 

 

 

 

Auserwählt

 

Er kam aus den heftigsten Handwerksvierteln

einer Bruchstadt, in deren Straßen

der Schlamm sich mit vergorener Scheiße mischte.

Jeden Tag fluchten die Leute.

Bei der Arbeit, bei Tisch und auf den Gassen.

Der Junge hatte schon früh gelernt,

sich nach innen zurückzuziehen.

 

Er war anders, konnte es nicht erklären.

Er spürte ein Leuchten in sich,

von dem er wusste, dass dieses

Fluchen und Schimpfen,

das ihn umgab,

ihn und alle anderen

verunreinigte.

 

Sein Vater,

von dem sie im Dorf sagten,

es sei gar nicht sein Vater,

hatte ihm aus der Schrift vorgelesen.

„Jedes Wort enthält Tod und Leben. Du kannst wählen.“

Das brannte in seinem Herzen wie ein Feuer.

 

Und irgendwann ging er weg.

 

Um sich diesen Ort abzuwaschen.

 

Und er ging viele Wüstenmeilen,

denn er hatte von einem Propheten gehört,

von dem alle sagten,

aus keinem käme das Wort so mächtig hervor,

wie aus ihm.

 

Und es stieg der Wasserdunst auf

von einem Fluss,

und sein Herz jubelte.

Doch als er bangen Herzens näherkam,

hörte er ihn rufen.

„Ihr Schlangenbrut! Ihr Otterngezücht!

Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt!

Und der, der nach mir kommt,

wird seine Tenne mit unauslöschlichem Feuer reinigen!“

 

Da senkte der Knabe den Kopf.

„Nein.“, dachte er.

„Das werde ich NICHT!“

 

Von da an ging alles viel zu schnell, als dass er es selber noch begreifen konnte.

 

Sie standen sich gegenüber,

und über die Wangen dieses dreißigjährigen Knaben

strömten Tränen,

die den Fluss, in dem der andere stand,

reiner wuschen, als das Wasser darin war.

Und die Schale brach von den Augen des anderen,

und er sah klar.

 

„DU kommst zu MIR?“,

fragte er.

 

Der andere lächelte ihn an.

Sie waren bereits Geschwister.

 

„Lass es nun geschehen.“,

sagte der Knabe.

„Damit erfüllen wir alle Gerechtigkeit.“

 

Und der andere,

immer noch ungläubig

ob dieser Einfachheit,

 

lachte,

 

und tauchte seinen Bruder unter.

 

Das Wasser, kristallklar, spritzte,

und sie rangelten,

wie damals

im Westen von Eden.

 

 

 

Kain und Abel, Jakob und Esau, Saul und David. Einer ist immer der Täter, und einer das Opfer. Geht es auch anders? Ich finde, ja. Jesus und Johannes haben es gezeigt.

 

 

 

Der Prophet

Erstes Kapitel

Liebemann Rattendreck,
geile Zöllner begatten triefende Huren,
auf dem Pflaster verrecken
königliche Phallussymbole.
Nachtschwarz ist der Tag,
dein Kleid stinkt nach Fusel,
du findest kein Obdach im Schatten der Stadt.
Eine Dirne, sie lockt dich
in das Zimmer der Wollust,
entkleidet sich fahrig,
schmiegt sich an deinen Körper.
"Das Nackte macht geil,
zeigt, dass noch was lebt
im Prophetenleib!
Nicht wahr, du bist doch ein Prophet,
Fusel schluckender Wanderer!?
Oder bist du schon Gott?"
"Nenn mich Prophet, wenn du mich so nennen willst!
Gib mir heut Nacht deine Liebe,
und die Huren und Zöllner werden sehr profitieren,
in der Zeit, wenn das Schiff ankommt."
Sie wichst dir das deine,
du leckst ihre Beine,
ein greisenhaftes Stöhnen
bringt Wände zum Einsturz;
Prophetentat war es,
und Lustgreises Tod,
die Nutte erahnet das Morgenrot,
als du auf dem Teppich verendest.

 



Zweites Kapitel

Die Menge, sie erbricht sich
wie Eiterkaskaden,
hin zum Hafen, hin zum Hafen,
wo Frühgebet klingt.
Manche mit Beulen, andre verkrüppelt,
Leprakranke reißen sich Gliedmaßen aus,
und streuen sie auf den Weg
als Gruß für den Kommenden.
Und aus den verborgenen Zeiten
der Lieder des Königs
landet ein Schiff an den Gestaden.
Geborstener Kiel,
die Segel nur Fetzen,
geisterhaft umleuchtet vom Elmsfeuer.
An Bord nur ein Kind,
blondes Haar umweht sein Haupt,
gesenkt von Trauer,
dann erhoben im Trotz,
seine Augen spiegeln
nicht tötbare Liebe.
Die Menge, sie jubelt,
die Menge erschrickt:
schön schrecklich wahr
dieses Kind auf dem Bug.
Kein Kaiser, kein König
hatte jemals so wenig,
so viel, so viel, so viel.
Und das Kind streckt die Hand aus,
ruft nach Vater und Mutter.
Die Zöllner und Huren
nehmen es auf als ihres.
Und jeder, bei dem dieses Kind
erst wohnte, dann thronte,
wird nicht sterben,
wird dem schwarzen Strudel entgehen,
und finden, was Liebe
den Spätgeborenen verheißt.

 

 

Eine moderne Auslegung des Thomasevangeliums

 

(Opfer dieses Liedes)

 

Als Thomas das All auflöste,

war Jesus gerade beim Sex

mit Maria Magdalena.

Thomas kam rein

mit Gurkengesicht,

einer Affennase am Nabel

und dem Regenwald als Haartracht.

 

Er tickte Jesus von hinten an.

Jesus erschrak furchtbar

und sein Kopf drehte sich reflexartig

einmal halb um,

während er gleichzeitig

weiterhin konzentriert

Maria Magdalena

in ihre lustgeweiteten Augen sah.

 

"Ach, du bist es, Tom.",

sagte er.

"Hab dich gleich an dieser Anfasserei erkannt.

Schön, diese ganze Mystik.

Aber dir ist schon klar,

dass die Gurke von Aldi ist,

der Affe noch leben wollte,

und der Regenwald

das Klima der Erde reguliert?"

 

Da hörte er Thomas bitterlich schluchzen.

In vollster Konsequenz

zog Jesus den Schwanz aus Maria Magdalena,

schwang sich vom Bett

und nahm Thomas in die Arme.

 

*

 

"Ach, immer diese Borderliner mit ihren extremen Stimmungsschwankungen!"

seufzte der Psychiater genervt, als er den weißgekalkten Flur

seiner Klinik hinablief.

Er knallte mit dem Kopf gegen eine Wand,

die da vorher noch nicht gewesen war,

federte zurück

und hüpfte, in einen Gummiflummi verwandelt

über den Gang

in den Mund der schwarzen Spinnenfrau,

die zum ersten Mal merkte, dass Gummi nach Gummi schmeckt,

den Flummi zurück auf den Flur kotzte

und sich in ihr Zimmer verdrückte, um nicht auch noch eine Bulimiediagnose zu bekommen.

 

*

 

Im erweiterten Kopf von Janus Cäsar rollten der Polarstern und der Sirius

als Köpfe, die niemand zog, augengleich in den Höhlen

eines Paralleluniversums

und Jesus las Maria Magdalena und Thomas

alle 72 Evangelien vor.

Aus einem Buch.

 

*

 

Nach der Hälfte schlief Maria ein

und träumte, sie wäre als Spinnenfrau in der Psychiatrie,

müsste dort ihr Trauma, nicht einparken zu können, bearbeiten

und freute sich auf die neuartige Gewalttherapie

bei Dr.Schwulzt, die es erlaubte,

nervige Psychiater, auf die man seinen Vater, seine Mutter oder Bernd das Brot projiziert hatte,

mitleidlos zusammenzuschlagen.

Die Methode war noch im Test.

Selbst Scientology war sich nicht mehr sicher, ob es sinnvoll war, Psychiater abzuschaffen.

 

*

 

Plopp! machte es

und das Klo in Jesu Wohnung explodierte.

Während Magdalena in Träumen versunken war,

hatte sie sich zu einem lila Nebeleinhorn transformiert,

was Jesus und Thomas gar nicht bemerkt hatten, weil sie mittlerweile

Walzer tanzten.

*

 

Stinki ließ sich kurz von der Decke herab

und sang auf Pseudohebräisch:

"Könntet ihr mal ein Fenster aufmachen und lüften?"

 

*

 

Da wurde Jesus urplötzlich knallewach,

übergab sich und fiel ohnmächtig

von den Gestankwolken aus der Toilette

auf den zum Glück mit Teppich ausgelegten Boden.

 

*

 

Die Polizeirazzia, bei der drei Beamte

die ganze Wohnung nach Drogen durchkämmten,

bemerkte keiner von den drei naturstoneden Freunden.

Der älteste der drei Polizisten

nahm Jesus mitleidig vom Boden auf,

legte ihn auf sein Bett

und wischte ihm mit einem Nelkentaschentuch

das Erbrochene vom Mund.

Während er hinausging, weinte er hemmungslos.

"Die demolierte Tür bezahlen wir, Jungs!",

sagte er.

Sein linker Untergebener fragte:

"Chef, du stehst aber nicht zufällig in einem verwandtschaftlichen Verhältnis

zu diesem Typen? Wir haben den schon lange im Verdacht,

dass er was Revolutionäres plant."

"Ich glaube, du projizierst...",

flüsterte der Kommissar

und warf einen vielsagenden Seitenblick

auf den Beamten zu seiner Rechten.

Der schrak zusammen, als er den Blick seines Vorgesetzten an der Schulter spürte.

"Chef!?", rief er und salutierte."Ich war gerade wieder im Sekundenschlaf, tschuldigung. Immer diese Nachteinsätze, wissen sie?"

"Böller!" bellte der Poliziechef nun mit deutlich veränderter Stimmlage,

"Gehen sie bitte nochmal da rein in diese Siffwohnung

und putzen sie das Klo.

Ich fürchte, unser Abhörgerät ist explodiert.

Wir werden uns nie wieder von Ethan Hunt beraten lassen, okay?

Und ich sage ihnen, wir können nicht immer irgendwelche Türen eintreten

und Toiletten so ruinieren, dass die ganze Wohnung voller Kacke ist.

Das kriegen ja nicht mal die Bluemeanies mit ihrer schlechtesten Laune weggeätzt.

Wir wollen doch nicht, dass jeder Einsatz eine Mission Impossible wird.""

 

Da sanken die beiden untergebenen Beamten mit den Köpfen ineinander

und schwebten als Bananenkuchen durchs Treppenhaus.

Der Polizeichef lief fröhlich pfeifend die Treppe hinunter

und grüßte den muslimischen Nachbarn von Jesus.

"Ach, diesmal nur einer?", fragte er.

"Naja, wenn sie das nicht wissen, wer dann?",

fragte der Polizeichef, und verließ frohgemut das Haus.

 

*

 

"Was hat der gesagt? Verdun?"

grummelte der Muslim.

"Seit die jetzt auch noch Franzosen bei der Polizei einstellen,

beginnt selbst mein Glaube an Multikulti zu bröckeln."

Gedankenlos griff er sich den Bananenkuchen aus der Luft

und biss ab.

"Mh... das schmeckt, Issa.", sagte er anerkennend.

Vielleicht können wir morgen über den Namen Jesus diskutieren.

Für diese Jeschua-Sache brauch ich noch ein paar Umdrehungen.

Aber die hab ich ja als Sufi voll drauf. Fand das geil, dass du wusstest, dass das in Wirklichkeit nicht "Derwisch" heißt. Und dass man Sufi nicht mit Suffkopp verwechseln sollte."

 

Da ertönte sanft, freundlich und volltönend die Stimme des Issa genannten Nachbarn

freischwebend im Treppenhaus, ohne jede Mikrophontechnik:

""Faruk, ich weiß doch, dass du unzufrieden bist.

Du wolltest dir die übliche Banane abholen, nicht wahr?

Aber, ich habe dir drei Offenbarungen und einen Offenbarungseid mitzuteilen.

Erstens: Bananen gibt es günstig bei Aldi,

Zweitens: Ich wollte dir mal zeigen, dass die schmecken (deswegen der Kuchentrick), und dass Dildos bei uns etwas anders aussehen und auch nicht so leicht abbrechen, was du allerdings auch verhindern kannst, wenn du die Verpackung drum lässt (nennt man "Schale", ist nicht aus Plastik und voll biologisch abbaubar.)

Drittens: Ich mache dich darauf aufmerksam, dass dieser Bananenkuchen aus zwei Polizisten besteht

und du dich bereits durch das einmal Abbeißen

der Gewalt gegen Polizeibeamte schuldig gemacht hast

und dir den dringenden Verdacht des Kannibalismus zugezogen hast."

Und nun der Offenbarungseid.

Ich bin weder Jesus, noch Gott, noch Allah, noch Jahwe.

Mein Name steht an der Türklingel.

Wir sind beide entweder schizophren

mit Symptomen, die es früher eindeutig nicht gab,

vergiftet von Autoabgasen und den vielen Nazisprüchen an Hauswänden

oder wir sind zeitlose Mystiker im Wandel der Äonen.

Such dir irgendwas davon aus.

Übrigens: Ich merke grade nicht, dass ich mit dir spreche.

Ich schlafe tief und fest.

Und du hast recht.

Deine sexuellen Neigungen gehen mich nichts an."

 

*

 

Faruk war glücklich. Endlich war er sicher, Mohammed zu sein

und sich selber sowohl in Öl malen, als auch karikieren zu dürfen.

Singend lief er die Treppen zu seiner Wohnung hinunter,

wobei ihm bereits die Hose runter rutschte.

Er lachte, streifte sie ab, ließ sie im Treppenhaus liegen

und schob sich gewohnheitsmäßig,

noch ehe er wieder seine eigene Wohnung betreten hatte,

die Banane in den Allerwertesten,

ohne zu bemerken, dass es vor drei Sekunden noch ein Kuchen gewesen war,

der sich jetzt in eine grünblaue Gummigurke mit dem Aufkleber "Made in Taiwan" verwandelt hatte.

Kichernd schlich er sich in seine Wohnung

und schloss die Tür.

 

*

 

Eine Millisekunde später

öffnete der im Erdgeschoss lebende Rentner Hans-Helmut-Fürchtegott Spieß seine Tür,

nahm witternd einen aufatmenden Luftzug aus dem Treppenhaus auf

und seufzte: "Wie schön! Hier riecht es immer gut. Nach Araukarien und Bodenwischmittel.

So schön deutsch eben.

Und hier im Haus wohnt nicht ein Moslem, und nicht ein Jude!

Und dieser nette Nachbar mit dem schönen, deutschen Namen...",

- er watschelte zu Faruks Tür und besah das Klingelschild -

"mit dem schönen, deutschen Namen Özgüs

spendet immer so lieb für die kirchliche Altkleidersammlung.

Der scheint nur nicht zu wissen, in welchen Container das kommt.

Aber ich mach das ja gerne für ihn. Könnte mein Sohn sein."

Lächelnd hob er die am Boden liegende Hose auf,

schulterte sie

und lief pfeifend in den Frühlingsmorgen.

 

*

 

Der Wecker klingelte.

"Oaaahhh.", stöhnte Jesus, "Mein Schädel!

Irgendwann schmeiß ich das blöde Ding noch mal aus dem Fenster!"

Magdalena schrak auf und sah Jesus ängstlich an.

"Du willst deinen Kopf aus dem Fenster schmeißen?"

"Nein.", beschwichtigte Jesus sie.

"Den Wecker."

"Aber ich find seine Musik so gut!", quäkte Magdalena.

"Nein! Nicht Konstantin Wecker! Das Ding hier!", schrie Jesus jetzt mit 100 Dezibel

und hielt Magdalena seinen Funkwecker unter die Nase.

"Frauen! Wenn Thomas nicht so eine komische Nase hätte, wäre ich längst schwul geworden!"

"Wieso, ich hab doch gar keine komische Nase!",

protestierte Thomas.

"Ich hatte gestern nur meine Gurkenmaske auf. Damit ich länger jung bleibe."

Magdalena sah von einem zum anderen.

"Jung?", fragte sie, "Ich dachte, wir hätten eroriert, dass Jung ein Esoterikspinner ist

und beschlossen, uns bei Freud behandeln zu lassen."

Jesus atmete tief durch.

"Maggie, komm klar. Wir befinden uns gerade im Jahr 2019. Freud und Jung sind beide schon tot. Wenn du unbedingt einen Psychologen zu brauchen meinst,

empfehle ich dir Dr. G. Schwulzt oder Dr. G. Nachhause.

Letzteres lege ich dir übrigens dringend nahe.

Du hast schon Ränder unter den Augen.

Und ich glaube, du solltest zur Abwechslung mal wieder deine Wohnung vermüllen, anstatt meine.

Leg eine Gurkenmaske und eine Konstantin-Wecker-Platte auf

und komm aus dem Quark.

Dann redest du nicht so viel davon."

 

*

 

"Show we nisst!" giftete Magdalena.

"Das schreibst du falsch." belehrte sie Jesus.

"Wieso schreiben?" fragte Magdalena. "Ich spreche doch!"

"Naja, du weißt doch, dass ich Gedanken lesen kann, Maggie.

Und der Google-Translator taugt nichts!"

"Was denn für ein Google-Transgender?"

schrie Magdalena jetzt in schrillem Kreischton.

"Bist du taub, du Nutte!?" schrie Jesus so laut,

dass in Jerusalem die Klagemauer wackelte.

"Das nennt man heute gehörlos.", wisperte Magdalena.

Thomas, der in ihrer Mitte gelegen hatte,

schreckte hoch, schlang beide Arme um ihre Schultern

und rief mit Tränen in den Augen:

"Bitte versöhnt euch! Sonst erinnert ihr mich wieder unangenehm an meine Eltern!

Ich bin doch Waage. Ich komm immer so schnell aus dem Gleichgewicht."

Jesus wurde erst bleich wie Kalk,

dann grün wie veganer Brotaufstrich,

schließlich regulierte sich sein Teint wieder auf ein angenehmes, leicht sonnengebräuntes Rosa

und dann nahm er beide ganz zärtlich an sein Herz,

streichelte sie und sagte:

 

"Es sind immer drei.

Drei Probleme,

Drei Falten,

Drei Einigkeiten,

drei Möglichkeiten, eine Frau zu penetrieren,

drei Klopfer auf Holz,

drei gute Dinge,

drei Wünsche frei,

dreimal raten und ein Telefonjoker,

drei Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sprechen,

drei Neffen von Donald Duck,

drei Geister, die Mr. Scrooge besuchen,

drei Weihnachts- und drei Osterfeiertage, äh, Moment, am Karfreitag feiern ja nur die Atheisten..."

 

*

 

Magdalena sah ihm einfach nur lang und tief in die Augen

und sagte mit ihrer samtig-erotischsten Stimmlage, die ihr zur Verfügung stand:

"Und der Mörder ist immer der Gärtner und 33 nach Christi Geburt gab es noch keine Heckenscheren."

*

 

Thomas segelte währenddessen einmal als Geist eine Runde um die Zimmerlampe

und ließ sich dann, sich langsam wieder materialisierend,

im Schneidersitz vor dem Bett nieder.

Jesus hatte sich derweil in Luft aufgelöst.

"Komm, Magdalena!", sagte Thomas.

"Du bist wieder nüchtern."

"Du weißt ja, du heißt Selena,

ich bin dein Psychiater Dr. Postel,

und über unsere Affäre müssen wir im Krankenhaus schweigen.

Schade, dass ich dir immer Drogen geben muss, damit du alles im Bett machst, was ich will. Schnips! Die Hypnose ist beendet!"

 

*

 

Selena schreckte auf. Der Lehrer erzählte gerade irgendetwas aus dem alten Rom.

Sie hatte von Batman geträumt und sich gewünscht, sie wäre Selina Kyle, also Catwoman.

Der Lehrer referierte mit ekligem Sprechkäse an den Mundwinkeln:

"Und ca. 1912 fand man im Wüstensand bei Nag Hammadi alte christliche Handschriften, von denen man lange nichts gewusst hatte. Unter anderem das Thomasevangelium, das sich mittlerweile unter alternativen Jesusjüngern und Mystikern großer Beliebtheit erfreut. Es ist allerdings bis auf den heutigen Tag umstritten." Selena nickte wieder ein. Sie konnte einfach nichts dagegen machen. Die Geschichtsstunden bei Dr. Wurst waren einfach immer sterbenslangweilig.

 

*

 

Patrick musste nicht erst aufwachen. Er hatte die ganze Nacht durchgemacht und bekämpfte Langeweile, Einsamkeit und Sexentzug, indem er Kaffee trank, Gedichte schrieb, sich Blödsinn vorstellte und davon träumte, wie es wäre, Theologiedozent in Marburg zu sein, sich jeden Abend in Huchting mit Gofi Müller zu besaufen und mit Jay Friedrichs ellenlange Diskussionen über die Vor-und Nachteile von Atheismus und Christentum zu führen.

 

*

 

Der Wecker klingelte. Patrick stand seelenruhig auf, nahm ihn, ging auf den Balkon und schmiss ihn über die Brüstung.

 

"Ey, du Psycho! Hol dir mal Hilfe!"

schrie der Rechtsradikale aus der Wohnung über ihm,

der dem Geruch und der Rauchentwicklung nach

gerade auf seinem Balkon grillte.

 

*

 

Patrick ging wieder nach drinnen,

frühstückte gutgelaunt,

freute sich auf das Treffen mit einem Freund,

der wie er großer Bob-Dylan-Fan war,

bedauerte kurz, dass er zur Zeit keine Freundin hatte,

und dass nur so wenig Leute die Flowerpornoes kannten

(eine Band, keine Hippiesexfilmreihe)

und dachte sich:

"Jedes Evangelium macht Sinn.

Hätte ich nur das von Thomas gelesen,

würde ich überhaupt keine Unterscheidung der Geister

und keine Unterscheidung von Äppeln und Eiern hinbekommen.

Diesen ganzen Thomasiern empfehle ich immer eine deutliche Prise Matthäus,

die Kargheit von Markus,

die Herzlichkeit von Lukas,

und nur in kleinen Dosen Johannes.

Der ist aber immerhin besser, als den ganzen Tag lang zu kiffen."

 

*

 

Frohgemut, und in richtiger Dozentenlaune

verließ Patrick seine Wohnung,

registrierte nur kurz,

dass die Tür nicht beschädigt war,

(seit die Bullen hier einmal durchgetobt waren wie die besengten Rinder, hatte er eine Traumatisierung diesbezüglich),

und ging treppab.

Das war weder ein Symbol für die Höllenfahrt, noch für den sozialen Abstieg.

Es ging einfach nicht anders, wenn man zur Haustür gelangen wollte.

 

*

 

Im Flur begegnete ihm sein Nachbar Faruk Özges,

den er für etwas verrückt hielt.

"Äh, Herr Rabe...",

fragte er,

"Isch hab mal eine Frage am ihnen.

Diese Dosenjohannes, die sie mal erwähnten,

gibt es die auch in kleine Dosen?"

 

"Was denn für ein Dosenjohannes?", fragte ich leicht genervt,

"Ich habe nie mit ihnen über einen Dosenjohannes geredet!"

 

"Na, dann war das Stimmen in Kopf, ich manchmal hören,

oder Lehrer bei Deutschkurs. Gibt auch manchmal Alditips, wo könne kaufe billig,

und nich musse gehe zu Pennertafel."

 

"Wie heißt denn da ihr Lehrer?", frage ich im Präsens, denn ich bin Patrick Rabe.

 

"Dr. Gugli Fitzbuck", entgegnet mir Herr Özges, den ich manchmal fragen möchte, ob ich ihn nicht duzen darf, ebenfalls im Präsens, was mich analogiemäßig daran erinnert, dass ich neue Präservative kaufen muss. Nur so, um welche dazuhaben, falls...

 

"Mhhh, also Herr Özges, ich will sie nicht beunruhigen, aber ich habe manchmal das Gefühl, diese Deutschlehrer für Flüchtlinge bringen hin und wieder den Migranten absichtlich falsche Wörter bei, damit sie sich hier blamieren, und schnell wieder gehen."

 

*

 

"Ich weiß, du Opfer.", sagt Özges. "Ich bin auch kein Türke und kein Araber. Ich bin ein Außerirdischer. Und ich meine Wiener Würstchen, du Schnitzelkopf! Du mit deinen dämlichen Bananen immer, die du mir schenkst. Wäre ich wirklich Syrer, würdest du mich damit total beleidigen. Glaubst du, wir kennen in den südlichen Ländern keine besseren Südfrüchte als die? Aber genauso habt ihr es schon mit den Ossis gemacht, und jetzt wundert ihr euch, warum die sauer sind und immer P.

Gida und B. Hacke wählen."

 

*

 

"Mhhh." sage ich gedehnt und merke deutlich, dass meine Versuche, heute in der Realität zu leben, bereits jetzt schon weder arg torpediert werden. "Pegida und Björn Höcke. Nicht zu verwechseln mit Lucke. Der hat die AfD lediglich gegründet."

 

"Danke", sagt Özges. "Hab ich sowieso gleich wieder vergessen. Ich ernähre mich von Worten, scheiße sie aus, mache daraus Wiener Würstchen, und stelle sie im Rahmen meines 1-Euro-Jobs bei Aldi in die Regale, um eure Unterschicht zu vergiften. Jodie Foster hat uns in diesem doofen Alienfilm genau das empfohlen, um hier nicht groß aufzufallen. Ihr macht das doch so, oder? Issa sagt doch auch: "Der Mensch lebt nicht vom Doof allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Arsch Gottes kommt."

 

"Ich empfehle ihnen dringend, nicht immer alle Heiligen Schriften samt Apokryphen durcheinander zu lesen. Lieber immer eine nach der anderen.", rate ich ihm.

 

Als ich nun zur Haupttür gehe, und heilfroh bin, dass nicht auch noch der nervige Herr Spieß rauskommt, und mich in ein Gespräch verwickelt, ist mir so, als würde ich aus den Augenwinkeln sehen, dass sich Özges eine Cordhose über den Kopf stülpt.

 

*

 

Draußen ist es wunderschön. Kriegssirenen heulen, napalmverbrannte Kinder rennen über die Straße, zwei meiner Nachbarn spielen die Balkonszene aus "Romeo und Julia" nach, während an der Straßenkreuzung eine Frau mit Kinderwagen und zwei Männer in Trenchcoats darauf warten, dass die Limousine von Hanns-Martin-Schleyer kommt und nervös an den MG's unter ihren Klamotten spielen, in der Hoffnung, dass dem bürgernahen Beamten, der gerade falschparkende Autos aufschreibt, nichts auffallen wird; also ein ganz normaler Tag.


*

 

Dann kommen die drei. Nämlich in Form von synoptisch laufenden Joggerinnen, die zu hübsch sind, um alt sein zu können, und die, während sie joggen, die Rollen von den drei Hexen aus Macbeth laut vor sich hersagen. Wahrscheinlich Laienschauspielerinnen. Kurz lache ich. Denn synoptisch joggen...diesen Ausdruck gibt es glaub ich nicht. Es gibt nur die drei synoptischen Evangelien. Aber jeder Dödel weiß, dass da noch ein viertes kommt, und in "Die letzte Versuchung Christi" kommt sogar noch ein verräterischer Höllenengel vorbei in Form eines blonden Mädchens, das Jesus dazu überredet, vom Kreuz zu steigen, aber darauf würde ich nie reinfallen. Wer all diese Filme gesehen und geschoben hat, ist gewappnet. Kurz fällt mir auf, dass ich viel zu dünn angezogen bin, und es wie aus Kübeln schüttet. Ein ausländischer Student ruft: "You forgot your umbrella! There's rain, man!" "Was denn für ein Raymond?", rufe ich ihm zu, während ich über die Straße stolpere und wie durch ein Wunder mehreren hupenden Autos ausweichen kann. "Ach, Rain Man!", rufe ich dann zurück. "I've seen this movie. But that's long ago!". Der bürgernahe Beamte steht plötzlich vor mir. Ich erschrecke ein bisschen. Aber dann fällt mir auf, dass er ein bisschen aussieht wie Dustin Hoffman. "Nicht immer so viel auf einmal machen.", sagt er, und schaut mich besorgt an. "Sie hatten Glück, dass da ein Zebrastreifen war, und dass die Autos, die sie fast umgefahren hätten, alle verkehrswidrig einfach da drüber fahren wollten."

Plötzlich habe ich den absoluten Überblick, und mir ist, als könne ich über den bürgernahen Beamten, der mir eben noch vorkam wie mein eigener Vater,

hinwegsehen, und hinter ihm ein blondes Mädchen wahrnehmen, in dem ich urplötzlich alle meine Jugendlieben erkenne, und eine zwar superrassige und attraktiv aussehende Brünette, die aber mit irre rollenden Augen und noch irrerem Gelächter von hinten auf einem Motorroller auf sie zurast.

 

*

 

Ab jetzt ist alles nur noch eine Sache von Sekunden.

 

Oder eben nicht.

 

*

 

Der bürgernahe Beamte packt mich plötzlich grob am Arm und stiert mich an mit rasant aufflackernden Hassaugen. Die Brünette rast mit ihrem Motrorroller in die Blonde, die wie eine Puppe durch die Luft gewirbelt wird und knallt von hinten dem bürgernahen Beamten in den Rücken. Sein Rückgrad knackst durch wie ein Golgathakreuz aus Streichhölzern und dann erfasst auch mich der Motorroller.

 

Kurz verstehe ich endlich ganz und gar, wie das mit Bob Dylans Motorradunfall war, und warum er danach noch fast ein Jahrzehnt brauchte, um Christ zu werden, obwohl er schon wiedergeboren war. Ich vergebe ihm alles, was ich je schlechtes über ihn gedacht habe. Die Unsinnigkeit dieses Gedankengangs levelt mich über die Wolken.

 

***

 

Dann sitze ich plötzlich auf einem weißen Pferd hinter Cat Stevens, der aussieht wie Yusuf Islam, und eine kleine Katze schmiegt sich vertrauensvoll an uns. "Josef ist die schönste Geschichte aus dem Alten Testament, nicht wahr?", fragt Yusuf. "Ja.", sage ich. Sie hat fürchterliche Momente, aber sie geht gut aus." Und eine warme, volltönende Stimme sagt vom Himmel über uns: "Gott sei Dank hast du ihn gerettet, Bruder Cat! Er muss das mal verstehen, das eine Kreuzigung und all diese Gewaltsachen mindestens drei Nummern zu groß für ihn sind. Ich hab dich doch lieb, Mensch!" Und ich sehe Bob Dylans weinendes Gesicht, das mich ansieht, wie einen Heimgekehrten. Ich weiß, seine Fans feiern es immer ab, wenn er auf der Bühne mal lacht. Aber, und das wird mir nun klar... weinen hat man ihn noch deutlich seltener gesehen.

 

*

 

Liebe. Gnade. Becky Thatcher. Becky. Nicht Maggie.

Denn für sie musst du nicht den Boden schrubben.

Sie schrubbt lieber dir einen.

 

 

***

 

 

Sannas Augen

 

Sanna.

In deinen Augen traurige Geschichten

grauer Einbahnstraßen im Nebelmeer,

entlang der Bahnlinie,

wo einsame Züge die kleine Stadt ansteuern,

die kleine Stadt, die Heimat ist.

 

Sanna.

In deinen Augen zickzackender Wahnsinn,

heiß und neu wie das Wunder einer Juninacht,

entstellt im Ballkleid,

ein Freak auf dem Fest der Prinzen,

dich nimmt der Staubkönig, er ist würdig wie du.

 

Sanna.

In deinen Augen leuchtende Engel,

ein mildes Buch zur Heilung  schlimmster Wunden,

ein Trunk von Sonnenlicht,

ein Schlüssel der Hoffnung für den Liebsten,

Kinder des allwissenden Morgens.

 

Sanna.

In deinen Augen wilde Neugier,

du reitest den Mahr deiner nachtgeilen Träume

trinkst Bacchus' Füllhorn,

bist Syrinx dem dürstenden Pan,

der dich verschlingt mit mäanderndem Atem.

 

Sanna.

In deinen Augen beiderlei Brot,

Das Herz Jesu das Meer, das dich auffängt,

die Schlange, die dich tanzen macht

auf dem Parkett wahrer Liebe,

du liebkost ihren Kopf, auf dass sie nicht beißt.

 

Sanna.

In deinen Augen kubistische Städte,

in denen du tanzt im Regen,

mit schwarzen Schirmen, die Fred Astaire durchbohren,

Telefonhäuser deine Ohren,

die Welt dein Transistorradio,

nackt in den Eingeweiden der Nussschale,

nadelgleich zur Lust Giovanni und Leporello,

Gott dein Fanal, dein Lobpreis der Sonne,

während dein Leib lodert heiß in der Nacht,

erklimmst du den Himmel

und wirst Manna,

Sanna.

 

 

 

Herzschlag

 

Warum, warum, warum, warum

geht die Sonne im Osten auf?

Sozialismus, Marke DDR

ist doch eher "hau ab und lauf!"

Ich frag mich, ob der Westen

nur zum Verpesten taugt.

Sind wir vom Kapitalismus

alle ausgelaugt?

 

Und ich denke: Da muss was besseres sein!

Und ich denke: mein Herz ist klein und rein!

Mein Herz ist voller Ängste, Zweifel, Fragen,

es sieht die Endzeit in unsren Tagen,

doch es schlägt.

Mein Herz schlägt,

und es schlägt links.

 

Warum, warum, warum, warum

sind meine Freunde so verrostet?

Sie sabbeln seit Jahren das selbe Zeug,

doch ich bin nicht verkompostet!

Ich bin noch hungrig, ich will noch essen,

was meiner Seele Nahrung gibt,

ich höre Slime und denke: "Nichts kann

falsch sein, was sich liebt!"

 

Und ich denke: Da muss was besseres sein!

Und ich denke: mein Herz ist klein und rein!

Mein Herz ist voller Ängste, Zweifel, Fragen,

es sieht die Endzeit in unsren Tagen,

doch es schlägt.

Mein Herz schlägt,

und es schlägt links.

 

Darum, darum, darum, darum

weg von den Meinungen andrer Leute!

Sie wollen, dass du so bist wie sie,

und stark sind sie nur in der Meute!

Sie preisen das Heil in der Entwerdung,

ich preise das Heil im Selber-Sein.

Im Kiez der echten und freien Menschen,

da bist du mein und da bin ich dein!

 

Denn ich weiß, dass es was besseres gibt!

Denn ich weiß: mein Herz ist frei und liebt!

 

Mein Herz wird alle Ängste überragen,

es sieht den Morgen in unsren Tagen,

und es schlägt.

Mein Herz schlägt,

und es schlägt links.

 

 

 

Rot wie deine Augen so blau

Roter Mohn lacht mir schon,
ich sitz auf dem Thron,
keine Ampel sagt "Landen, genau!"
Doch das Raumschiff landet sacht,
ALF hat sich ins Hemd gemacht,
rot, wie deine Augen so blau.

Rot wie deine, rot wie meine,
rot wie deine meine Gaugeln so Frau;
Boot vom Rheine, von der Seine,
Brot wie deine Blaugen so grau.

Deine Titten sind nicht echt,
von denen wird mir schlecht,
ich sag, "Schraub sie ab, ja genau!
Und ich bitt dich, sei so nett,
leg sie neben das Bett,
rot, wie deine Augen so blau.

Beckenbauer ist ein Mann,
der lügen gut kann,
da ist er gleichauf mit Merkel-Kanzlerfrau,
vielleicht bringt's 'n Bonuspunkt,
pflegt er Flüchtlinge gesund,
rot, wie deine Augen so blau.

"Nazis raus, Nazis raus!"
steht groß auf dem Haus,
die Leiter gelehnt an den Gau,
Doch "Juda verrecke!"
steht klein in der Ecke,
rot, wie deine Augen so blau.


Manch ein Sarazen'
kann Minarette schon seh'n,
die sie im deutschen Land bau'n
auch Hängeauge wird
mal schnell exhumiert,
rot, wie deine Augen so blau.

Ich rufe: "Na toll,
wir sind hier schon voll!
Bei Aliens wird uns nur flau."
Und das Raumschiff schwirrt ab,
roter Mohn macht dich schlapp,
rot, wie deine Augen so blau.

 

 

Prop

 

Schatzi, was machst du mit mir?

Ich bin eine gestanzte Persönlichkeit.

Gestanzt und geschanzenviertelt

mit Scheinwerfern bis zum Ende des Tunnels.

Ich versteigere die Essohäuser

im Naabtalduo zum Preis von Weihrauch,

im November verspür ich einen Maihauch

an meinem Ohr von dieser schönen Telefonzelle

mit transsexuellen Aufladegeräten.

Und junge Girls fahren Rollerblades

durch leere Parkhäuser

und hören Prop.

 

Jeder hat 'ne eigene Stadt

und ich hab sogar zwei,

Second Life braucht einen doppelten Boden.

Wieviele Leben wollt ihr noch simultan leben,

wie oft soll es euch noch geben

in diesem Abbild von Welt?

Weh! Weh! Weh!

De Eh. Komm!

Und junge, geile Girls rasieren sich mit Blades

und poppen zu Prop.

 

Nass ist viel besser als trocken.

Komm, wir verlegen den Hamburger Hafen

auf den Berliner Flugplatz

kommen zum G20 Punkt

und meiern kleine Feiglinge

in den Eiern von Olaf Stolz.

Ole von Beuys kreierte eine Fettecke.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Lass uns noch ein Parkhaus bauen

auf einem geilen, rasierten Girl

wie Joni Mitchell

und uns abhauen in einem großen, gelben Taxi,

während uns Agitpop proppt.

 

Komm, wir gehen in die linke Szene

und werden richtige Kommunisten,

rot wie deine Augen so blau,

kein Kennungzeichen bei XY Ungelöst,

wer baadert das aus?

Was würde Gudrun Ensslin dazu sagen,

zu unserem ganzen Lebensstil?

You're artificial,

und deswegen kannst du auch zur Hölle fahren,

ein Ort, so künstlich wie Wolfgang Joops Gesicht.

Nassrasiert taumeln wir durch Parks

-a step in the dark-

geben uns girlielike mit Bladerunnern die Repli-Kante

und eiern durch die Pappbaumlandschaft,

die Props, die Helmut Kohl hier stehen ließ:

ein künstliches Berlin

und ein falsches Brandenburger Tor.

 

 

 

Reden über 'ne Revolution (Kein Tracy-Chapman-Cover)

 

Euch ist klar: Wir reden über 'ne Revolution

(wie ein Flüstern)

es geht hier um nicht weniger als

das Wegschubsen aller verfuckter Grenzen

und das Abnehmen aller beknackter Masken,

die uns schützen vor der Erkenntnis, dass wir alle gleich sind

und uns schützen vor dem Fremden in uns,

das wir versuchen, draußen zu halten,

indem wir Europa wieder dichtmachen,

Nationalstaaten great again machen,

uns alle gegenseitig vormachen,

dass jeder von uns die längste Latte

und den tiefsten Schlitz im Geist hat,

und dass jeder so erhaben sei

und das ja nie machen würde,

was der da und die da auf facebook von sich preisgegeben hat.

 

Euch ist klar: Wir reden über 'ne Revolution

(wie ein Flüstern)

und wer jetzt denkt: Der hat ja gute Gedanken,

die kann man ja ins Poesiealbum schreiben,

es Nicole als Lied singen lassen

oder von mir aus an jede Häuserwand schmieren,

und dann zur Tagesordnung übergehen

und sich freuen, dass wieder einer den Job für einen erledigt hat,

der täuscht sich gewaltig.

Ich entlasse niemanden aus der Verantwortung,

und mich schon mal gar nicht.

Ich bin der Enkel von Michael Girke

und habe als Tattoo, was er sang.

Selbst Jochen D. beging Betrug,

er war einfach nicht radikal genug.

"Nieder mit den Umständen!"? Immer.

"Es lebe die Zärtlichkeit!"? Ääääh, was könnte das Feuilleton denken.

Zeilen zum Fremdschämen überlassen wir lieber uns selber.

Alsdann: "Liebe ist Freundschaft, Sex und Zärtlichkeit!"

Und Bernd Bogeyman?

"Es gibt einen besseren Weg, warum wird er nicht versucht?"

 

Euch ist klar: Wir reden über 'ne Revolution

(wie ein Flüstern)

ein "Ja!" zu der Freude, einfach Mensch zu sein,

ein Lachen, ein Tollen im Wind,

ein Vergessen der Angst,

ein Überwinden der Linie,

die Schwarz von Weiß trennt,

ein Jubel zu allem, was in uns ist,

mit aller Tiefe, aller Trauer, allen Fragen, allem Verzagen.

Lasst uns die Bekenner nicht länger steinigen,

sondern lieben wir sie als mutige Auspacker

als mutige Abstreifer des Geschenkpapiers

um dieses Geschenk, das Leben heißt.

Seien wir Kinder. Seien wir Menschen.

 

Euch ist klar: Wir reden über 'ne Revolution.

Ich wär bereit.

 

 

 

Moloch Sanctus

 

Das Grummeln und Schnaufen aus den Eingeweiden des Molochs

lässt mich nicht schlafen.

Siebentonner imitieren Brunftschreie von Hirschen,

Hupen vögeln die Birdies aus den Lüften,

heißer Benzingestank erregt meine grundgeilen Nasenflügel.

 

Ich starre aus dem Fenster.

Tausend Augen greller Offenbarter

starren in meines.

Die nackte Nachbarin

zieht sich aus bis auf die Knochen,

der Drogenfreak singt laut zu Velvet Underground

und die Lavalampe kaschiert das schmusende Pärchen

vor meinen hungrigen Blicken.

 

Millionen träge schlafender Schafe

können es nicht wettmachen:

Die Stadt lebt,

der Drache wälzt sich,

die Frischgeduschten parfumgebadeten

eilen an Neonlichtern vorbei

zum Partykeller.

Wahrheit, so viel wahrer als am Tage,

Monstren enthüllt als schönste Nymphen,

Trünke wie Nektar,

Götter speisen,

Götter tanzen.

 

Und ich will dabei sein,

in den Venen des Drachen,

mein Überich in die Stromdrähte schleudern

und tanzen im Lichterschein,

wahr sein

und die falsche Puppe für immer rösten

auf dem Grill des Molochs.

 

Und morgens zurückkehren

in die verwüstete Welt

nach dem Teufelstanz,

nach dem Drachenfeuer,

nach der Neugeburt.

 

Und frühe Vögel lobpreisen

die Schöpfung einer neuen Stadt,

einer Stadt, die rein ist

und alle Chancen hat...

Bevor sie wiedermal...

Ich höre Seraphime singen.

 

 

 

Nackte in der Nacht

 

Die Nacht raucht eine "Luckies"

im Scherbenmantel eben,

während Werbeposter barmen

um neugeschenktes Leben.

 

Ein Jesusfreak gibt mir ein Streichholz,

doch ich entzünd' es nicht,

ein Zionist übt hintenrum

schon mal für's Endgericht.

 

Nobelpreisträger sangen es:

Wir stehen in 'nem Rahmen,

(oder fallen raus, mein Schatz)

und rufen Gottes Namen.

 

Politisch ist die Welt, weiß Jah!

Und Allah weiß es besser!

Man liefert Freiheit, Gnade, Recht

allüberall ans Messer.

 

Ein hübsches Weib ist Lilith doch,

und sie sitzt meistens oben,

so mag ich es sehr gern im Bett,

ich muss das Mädel loben!

 

Doch Adam stört das Stelldichein,

sein Früchtchen hüpft bedenklich.

Sein Konterfei glänzt apfelrot,

obzwar sein Teint wirkt kränklich.

 

Ich türme aus dem Fenster schnell,

hinab die Feuerleiter,

da fragt mich jemand nach dem Weg,

ein fremder, bleicher Reiter.

 

"Woll'n sie zur Lincoln County Road

oder nach Armageddon?"

frag ich das traurige Gespenst.

Zum Letzt'ren, möcht ich wetten...

 

Ich treff die Nacht im Moulin Rouge,

sie will schon wieder rauchen,

doch leider zündelt's bei ihr nicht,

sie könnt' mein Streichholz brauchen...

 

Umsonst geb ich ihr Himmelslicht

(umsonst hab ich's empfangen),

ich weiß, ich werd' zu guter Letzt

ins Paradies gelangen.

 

Dort trete ich trotz manchem Fall

auf alle Fälle ein,

der Zionist ward gestern Christ,

kein Jude is(s)t ein Schwein...

 

 

 

Bei dem von mir hier erwähnten Literaturnobelpreisträger handelt es sich um Bob Dylan.

 

 

 

M.M.

Ich ging durch dunkle Straßen unerkannt,
in denen nur das rote Licht gebrannt,
der Hunger wühlte wild in meinem Herzen
nach Liebe, doch ihr war wohl mehr zum Scherzen.

Zumindest hat sie mich stets nur verlacht,
und nie ihr Feuer für mich angefacht,
ich war kein Engel, auch ein Teufel nicht,
war nur ein Wand'rer, tastend nach dem Licht.

Da stand sie einsam unter der Laterne,
ihr Blick ging suchend in die Ferne,
ein enges Mieder, strapsbewehrtes Bein,
in vieler Männer Hände, doch allein.

Ich sah in ihrem Blick ein schönes Kind,
das anrennt gegen Vormunde so blind,
das sich bewahrt hat jenen großen Schatz,
der in geprüftem Herzen schafft der Liebe Platz.

Und ich erkannte: Wir zwei sind verwandt,
sind Reisende in unbekanntem Land,
wenn wir nicht werden eins zu zweit,
passiert es nimmermehr in Ewigkeit.

Und ich ging mit ihr in ihr karges Zimmer,
wo sie zu Diensten ist den Männern immer,
ich wollt' dir alles sagen, heil'ge Hur',
doch aber ach, ich war ein Freier nur.

Und als ich wieder durch den Regen lief,
da wünschte ich, dass ich längst wieder schlief.
Dein Blick, das trotzig' Kind, das er verbarg,
dein Seelenschatz in diesem Zimmer karg,

sie laufen mir seitdem nun hinterher,
ich merke sehr, wie ich dein Licht entbehr,
ich wünsche mir, dir wieder zu begegnen,
und dass es aufhört, auf uns zwei zu regnen.

 

M.M. ist ein Hinweis auf Maria Magdalena, aber in ihrem Archetypus auch auf jede andere heilige Hure, oder Hure, in der man eine Heilige erkennt.

 

 

Schwarze Liebe

 

Nackt wie das gleisnerische Fleisch der Venus

lockt mich dein Körper, ihm ins Blau zu folgen,

verstrickte Glieder lüstern mit der Peitsche

für ihre Bosheit heftig zu besolden.

 

Du bist die Nacht, die Hoffart und die Sünde,

ich stürze mich in deinen geilen Born,

von deiner Hand geformt und aufgerichtet,

in deinen Laken ewiglich verlor'n.

 

Kein Kind, es brechen knirschend die Kristalle,

kein Greis, es stöhnt der alten Wunde Not,

kein Mann, es eitert mondig die Verwesung,

kein Weib, am Ausgang steht der Bruder Tod.

 

Und während ich die Arme jauchzend werfe

in Himmelshöh'n, in reine, bess're Luft,

und in dein Paradies mein Glück verströme,

hör ich von fern, wie mich mein Engel ruft.

 

Wie konnte ich das schöne Kind vergessen,

sie bringt in mir das Beste nur hervor,

sie führt mich an die Quelle meiner Seele,

und zeigt mir meinen Platz in Gottes Chor.

 

Oh, Freundin, rette mich vor dieser Metze,

und zieh mich wärmend an dein gutes Herz,

zwar lebt die Schlangenbrut in meinem Innern,

doch deine Nähe stillt der Sünde Schmerz.

 

Und kalter Rauch liegt überm schwarzen Lager,

ich hör, wie Satan wild und höhnisch lacht,

doch über'm Moder all meiner Verfehlung

breitet ihr Gnadentuch der Liebe Macht.

 

 

Pars pro toto

 

Das Du, das in der Seele wärmend lebet,

begleitet dich, solang du denken kannst.

Wenn du dein krankes Auge übermannst,

dann ruft es: "Seid euch Freunde, gebet!"

 

Doch zitternd in der weißgekalkten Ritze,

gibt Bleuler Freud luzide Lutschbonbons,

und Dylan singt Helene-Fischer-Songs,

und Hitler lallt verbot'ne Judenwitze.

 

So reichtest du dem Bettler was zu essen,

fuhrst wieder heimwärts ins Gelichterland,

und zähltest deiner Liebe frohe Stunden.

 

Der Arme wird dein Antlitz nicht vergessen,

der Freund, der dich in Morpheus Armen fand,

er lässt dich in der Stille sanft gesunden.

 

 

 

 

 

Der Herzweg

 

Ich kann die Leute nicht mehr leiden,

die immer "Katastrophe" rufen,

wagt einer einen neuen Schritt,

dann scharren sie mit ihren Hufen.

 

"Der Himmel brennt und stürzt gleich ein!

Geh nicht, sonst bist du ganz allein!"

So heißt es stets "Gefahr, Gefahr!

Dich fressen Krokodil und Aar!"

 

Sehr oft hat mich ihr Unkenrufen

gestoßen grob hinab die Stufen,

und ließ mich straucheln auf dem Weg,

dass stolpernd ich mich nieder leg.

 

Bis ich erkannte, dass nichts stimmt,

womit den Mut man mir so nimmt.

Sie sind gefangen in zu engen

Gewohnheitswelten, und sie hängen

 

An all den Dingen, die sie kennen,

Und woll'n sich nicht von Altem trennen.

Doch auch an Menschen bloß nicht reiben,

die sollen stets dieselben bleiben.

 

Die bürgerliche Welt der Ängste

ist sehr stabil, doch nicht die Längste,

die sich bewährt in jedem Leben,

mir jedenfalls kann sie nichts geben.

 

 

 

Die Angst vor Ausländern, Spionen,

versifften Nachbarn, Alienklonen,

vor Klimawandel, Knoblauchduft,

entpuppt sich schnell als heiße Luft,

 

Fängt man erst wirklich an zu leben

und kümmert sich nicht um das Beben

in Facebook, Twitter, Charthit-Lied.

Erst dann sieht man, was echt geschieht.

 

Wer es nicht wagt, mal was zu wagen,

verdämmert öd zwischen den Tagen,

sieht nie den Himmel, der uns liebt,

behauptet, dass es ihn nicht gibt.

 

Lenkt nur Befürchtung deine Füße,

findest du niemals deine Süße.

Erst wenn du gehst ins Sperrgebiet,

singt dir die Welt ein neues Lied.

 

Dann fällt die Angst ins Seelenfeuer,

und du stehst wieder selbst am Steuer,

gehst über Wasser, Schritt ist fest,

es sinkt nur, wer sich sinken lässt.

 

So mach ich's längst, und nichts passiert,

womit die Welt sich selbst anschmiert.

Es flieh'n Phantome, Geister, Grillen,

die Welt, sie beugt sich meinem Willen.

 

Fällst du herein auf Angst und Zweifel,

ist dein Geselle schnell der Teufel.

Bist du du selbst und wagst verwegen,

ist immer bei dir Gott zugegen.

 

 

Der Dunkelmann ist nur dein Schatten,

er füllt sich seinen Wanst, den satten

mit Angst, Gewohnheit, Sucht und Zaudern

und lässt dich in Kulissen plaudern.

 

Doch du bist Wahrheit, Liebe, Licht,

hast unverwechselbare Sicht.

Knips Herz und Augen mutig an,

geh los und sage: "Ja, ich kann!"

 

Dann kommt die Straße dir entgegen,

der Wind im Rücken ist dir Segen,

Liebe und Freiheit haben Season,

 Himmel ist blau und grün die Wiesen.

 

 

 

 

 

Auf dem Wasser

 

Ein kleiner Punkt in neuronalen Stürmen

des Meeres der Synapsen ist der Mensch,

und angesichts der Wellen will er türmen

und wünscht sich auf die wohlumzäunte Ranch.

 

Doch Jesus steht so sicher auf den Wellen,

und ruft dem Petrus zu: "Ach, komm zu mir!"

Da fasst er Mut, er wird schon nicht zerschellen!

Er geht auf Wasser! Doch was tut er hier!?

 

Als er das denkt, da reißen die Neuronen

ihn tief hinein in funkelndes Gewirr!

Sein Glaube wankt, er zweifelt und versinkt!

 

Da spürt er jene Hand im polyphonen

Gestürm der Wogen, unheimlich und irr:

Der Heiland hält ihn, dass er nicht ertrinkt.

 

 

 

Kirschhymne

 

Es pocht in meinen Ohren rhythmisch,

der Mythos starb heut um halb vier,

seitdem bin ich wie neu geboren,

ich weiß es, heut begeg'n ich dir.

 

Ich hab die Angst vor dir verloren,

nur aufregend ist es total,

ein neuer Tanz mit neuen Farben,

du bist es, du bist meine Wahl.

 

Zwar das Gespenst will uns nicht lassen,

es hat mir viel von dir erzählt,

Warnungen, Mahnungen, Hexenbilder,

du aber hattest auch gewählt.

 

Du sagtest: "Wähle nicht! Erkunde,

und lege dich nicht zu früh fest,

wir werden nur die Nacht durchreisen,

wenn du mich ganz und gar sein lässt."

 

Ich überlege, doch die Patterns,

sie passen allesamt nicht mehr,

das Misstrau'n ist ein alter Spiegel,

er gibt und gibt nichts neues her.

 

Ich lieb' Vertrautes, lieb mein Leben,

doch lebt nicht, wer nicht neu vertraut,

den Händen von der Frau Aurora,

wenn würzig hell der Morgen graut.

 

"Ich bin kein Morgen, nicht Aurora,

ich bin das, was du noch nicht kennst,

und dennoch kennst du mich am besten,

weil du schon lange nach mir brennst.

 

Doch willst du wirklich mir begegnen,

dann hilft kein alter Masterplan,

die Freunde, die du bisher hattest,

seh'n dich nicht als den ganzen Mann.

 

Sie wollen nur, was sie erkennen,

was ihrem eig'nen Leben nützt.

Wenn du mit mir gehst, sind sie einsam,

dein Zögern hat sie lang beschützt.

 

Sie schützen mit dir ihre Leben,

doch sie sind staubig, wie du weißt,

solang sie dich als Stütze brauchen,

seh'n sie nicht, wie du wirklich heißt.

.

Ich will dich ganz, ich will nichts glauben,

ich will erleben, wie du bist,

ich kenn nur dich, nicht deine Namen

die man dir gab, ein Name frisst.

 

Und nur dein eig'ner wird was taugen,

kann sein, dass es ein andrer ist,

als der, den man dir gab, du findest

was dein, wenn du die Furcht vergisst.

 

Die Furcht vorm letzten Fallenlassen,

die Furcht vorm Ich, die Furcht vorm Selbst,

die Furcht, den eig'nen Weg zu gehen,

auch, wenn du damit nicht gefällst.

 

Ich seh die Härte, die du vorschiebst,

ich seh das Fremde, das noch hemmt,

ich dräng dich nicht, ich bin die Liebe,

ich will dich lebend, nicht gelähmt."

 

"Ich weiß, doch es gibt kein Zurück mehr,

seit ich dich sah, bin ich entbrannt.

In dir spür ich dasselbe Pochen,

das ich auch selber hab gekannt.

.

Du brichst durch meine Widerstände,

die Mauern, die die andern bau'n,

es war ihnen ein dunkles Rätsel,

wie sehr wir beide uns vertrau'n.

 

Jetzt komm zu mir, denn ich will atmen,

will wieder spüren, dass ich's kann,

in meinen Venen pocht das Leben,

in meinem Blut wallt heiß der Mann.

 

Ich lass mich fall'n in deine Augen,

ich lass mich fallen ganz und gar,

du fängst mich mit der Kraft der Liebe,

denn du spürst, ich bin echt und wahr."

 

Die Nacht  flirrt um mich her, und Atem

ist wieder hier, so kühl und klar,

ich bin nicht das, was ich gedacht hab,

doch was ich bin, ist wunderbar.

 

Ich sehe deine dunklen Augen,

dein Puls ist meines Lebens Takt,

du rührst an meine Seelentiefe,

weil ich dich liebe, bin ich nackt.

 

Du bist so pur, so ohne Zusatz,

du magst es kalt, du magst es warm,

du bist so ohne Vorurteile,

mein Kirschenzweig im Kriegsalarm.

 

 

 

Judith

 

(Ein Sonett-Terzett)

 

Weltzeit

 

Als er den Heiland dort am Kreuze grüßte,

ward er von Schamesröte heiß erfasst,

oh, wie er seine Sünden innig büßte!

Er legte vor das Kreuz die schwere Last.

 

Er ging zur Bank, um sich erneut zu setzen,

den Rosenkranz in Demut scheu ergreifend,

aus Angst, sein Herz könnt' es dem Priester petzen,

es spiegelt sie, und sie kam fröhlich pfeifend.

 

Ach, Jesus, ich will deine Liebe lernen,

dein Leib sei mir mein Kreuz und meine Ros'

lass mich ihr Bild dir in der Stille beichten!

 

Und doch, ich kann es aus mir nicht entfernen,

ihr roter Mund gibt mir den Todesstoß,

ich sehn mich nach der Liebe, nach der leichten.

 

*

 

 

 

 

 

 

  Ikone

 

Ein Strahlenkranz umgibt ihr Haupt wie Weizen,

und Psalmen liegen auf dem wilden Mund,

lobsingen Gott, indem sie teuflisch reizen,

und tun der Liebe Balsam stärkend kund.

 

In ihrer Hand das Kreuz, so zärtlich tändelnd

reist es durch ihre Finger, und sodann

lässt sie ihr Kleid, dem Freunde sich verbändelnd.

Auch Jesus war am Ende nur ein Mann.

 

Der Körper ist die Leibgestalt der Seele,

und Licht fließt in den Adern, rot wie Blut,

ein Falke sirrt am Himmel in der Bläue.

 

Du bist das Herz, das ich mir heut erwähle,

bleib bei mir, sei gewogen mir und gut,

dann schwör ich dir für diese Stunden Treue.

 

*

 

 

 

 

 

 

Transfiguration

 

Als Ähren goldverbrannt uns fröhlich grüßten,

und Straßenstaub zerstob im Sonnenglast,

als Kinder sich die Zeit im Spiel versüßten,

da nahmst du sie von mir, die schwere Last.

 

Im Kirchenschiff sitzt Gott in seinem Kerker,

so weißgetüncht, so kalt im Dämmerlicht,

das Leben wich, es droht aus jedem Erker

erst Golgatha und dann das Strafgericht.

 

Von dir will ich den Weg zur Liebe lernen,

dein Leib sei mir mein Kreuz und meine Ros',

lass mich in deiner Krypta beichten!

 

Am Felde, in den Wiesen, unter Sternen,

da lege ich mein Weh in deinen Schoß,

und meine Freude. Wie sie himmlisch leuchten!

 

*

 

 

 

 

 

Wovon träumst du, wenn du schläfst?

 

Wovon träumst du, wenn du schläfst?

Wenn du in dein Inn‘res gehst?

Wenn du fällst, da wo du stehst?

Wovon träumst du, wenn du schläfst?

 

Ich träume von dem dunklen Raum,

ohne Busch und Apfelbaum,

wo nur eines noch gewusst:

Tiefer fall’n und nackte Lust.

 

Peitschenhieb und Stiefeltritt,

Ohnmacht unter hartem Ritt,

dann dein Flehen, deine Bitt‘,

schlag mich auch, und nimm mich mit.

 

Und ich nehm‘ dich mit nach unten,

wo kein Follower gefunden,

und dort hab ich dich gebunden,

schwarze Frucht am schwarzen Fluss.

 

Und dann wacht‘ ich auf am Morgen,

fühlte wohl mich und geborgen,

ohne Hemd und ohne Schuh,

nun bist DU dran. Was träumst du?

 

 

 

Für Billie Eilish

Ihr Album „If we all fall asleep, where do we go?“ inspirierte mich zu diesem Song.

 

 

Nachtbaden

 

Wir trafen uns an jenem Abend zwischen Crackern und Dosenbier

auf einer Party im Keller, die Uhr zeigte beinah halb Vier.

Du fragtest mich nach meinem Namen, man kannte mich dort als Poet,

und das süße Gift deiner Stimme hat mir sofort den Sinn verdreht.

 

Was dann folgte, war tanzen und Liebe im Mondenschein,

wir gingen nicht völlig aufs Ganze, doch wir teilten uns Küsse und Wein.

Das bittere Kraut einer Jugend wuchs zwischen den Türen der Zeit,

wir rauchten es, still als Genießer von düsterer Ewigkeit.

 

Nackt deine Brüste am Weiher, rauh deine Stimme vor Lust,

feucht war'n die Gräser an Rücken und Bein, du hast mich zu nehmen gewusst,

und ich trank von dem Geheimnis, du wunderbar dunkles Geschöpf,

dass der Danton, den ich erschaffe, der Robespierre ist, den ich köpf.

 

Dein Funkeln liegt immer noch traulich so wie ein Versprechen im Raum.

Ich glaube, ich werd es mir nehmen und mache zu Fleisch, was noch Schaum.

Du liegst wie ein Kätzchen dicht bei mir, ich spür deine Anmut und Macht,

Geschwister sind wir und Vertraute des Mondes der Maifrühlingsnacht.

 

 

 

Die schönste Liebe

Die schönste Liebe kommt im Stillen,
ist eins mit deinem wahren Willen,
ist Tür zum Licht und Gotteskraft,
ist Segen, der das Leben schafft.

Ein wildes Kind steht nackt im Gras,
wo es die Zeit, den Raum vergaß,
ein Halm verträumt durchreist die Hand,
in dem es Gott und Schicksal fand.

Die schönste Liebe lebt im Herzen,
sagt "Ja" zu all den Freudeschmerzen,
und stürzt und stürzt nur immerzu,
ins Mark des Lebens, hin zum Du!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Campingplatz

 

Schwarzbemalte Surrogate

verschmelzen zur H-Moll-Kantate,

und dein kastanienbraunes Haar

führt mich da hin, wo ich einst war.

 

Oh, ich möchte fallen, fallen,

mit dir wie Silvester knallen,

ohne jegliche Vernunft

sinken in Gefühl und Brunft.

 

Und mein Herz schlägt bang und wach,

was, mein Schatz, wird uns danach?

Das, was uns zu Füßen lag:

Scherbenspiel und neuer Tag.

 

Sind wir nackt, dann sind wir frei,

fremdes Heil ist einerlei,

offen, alles zu erfahr'n,

angstfrei, wie in Kinderjahr'n.

 

Und dann gehen wir die Wege,

wenn ich mich nah zu dir lege.

Nackter Fuß im nassen Gras,

nachtgeweiht zu purem Spaß.

 

 

 

 

 

 

Nackter Morgen

Nackt ist der Schoß einer Morgengeweihten,
nackt sind die Lenden ihr zu beiden Seiten,
nackt ist der Jüngling, der seinem Instinkt
nachfolgt, und ihr in den Unterleib sinkt.

Weise ist sie, wie ein Tischtuch gefaltet,
kondoliert, ehe er völlig erkaltet,
wirkt, dass er, noch ehe tiefer es geht,
golden erleuchtet vom Grab aufersteht.

"Danke.", sagt er, und ergreift seine Mütze,
starrt unverwandt auf das Rot ihrer Zitze.
Ruhe und Frieden und kindliche Lust
hat sie in ihm zu erwecken gewusst.

Nadelgleich ist das Verlangen des Mannes,
Jesus wächst an, gleichsam schwindet Johannes.
Mädchen sind Männern ein gütiger Spiegel,
brechen mit Liebe ihr siebentes Siegel.

 

 

Schwesterlich

 

Ich danke dir, denn deine Hand zerteilte das Gespinst,

den dunklen Vorhang, der wie eine Grinsekatze grinst,

ich liebe dich, wie du in meine Augen linst,

und wie du mich so schwesterlich umarmst.

 

Jetzt bin ich endlich unter nobody's command,

und seh‘ das Licht, das ich vor Zeiten fand,

 im Freien steh’n wir, eins in einem Band,

weil du dich für mich schwesterlich erbarmst.

 

Das Zeichen unsrer Zeit ist, dass es keine Zeichen gibt,

für jeden, der nicht zaudert, eh er liebt,

und der Kulissenwände von dem Herzen schiebt,

das Zittern, dass du schwesterlich mir nahmst.

 

Ein Knistern wie von Strom und eine kühle Brise Wind,

ein offenes Geheimnis, schweige weiter, wie ein Kind,

darüber, meine Schwester, dass wir nun Geliebte sind,

weil du die ganze Strecke mit mir kamst...

 

 

 

Stimmungslagen

 

Überall in unserem Land mieft die Hundescheiße herum.

Man kann ihr gar nicht mehr entkommen.

Auf Straßen und Plätzen stinkt es nach der braunen Kacke.

Und alle sagen: "Man muss doch kulant zu Vierbeinern und ihren Haltern sein!"

Oder "Diese Hundis sind doch sooooo süß!"

Dass Hunde und Katzen nicht in die Städte gehören,

Tierhaltung nie artgerecht sein kann,

und dass Nachbars Wuffi

eigentlich beißen, reißen, Knochen brechen und Blut saufen will...

wen interessiert's.

Manch einer wurde schon gebissen.

Es mehren sich Stimmen, die von Kampfhundattacken

gegen Menschen sprechen.

Da endlich reagiert die Politik.

Sie registriert, dass Hundescheiße stinkt,

und fordert die Hundehalter auf,

immer Tütchen auf den Spaziergang mitzunehmen,

in die man die Kacke klauben kann.

Natürlich ist das freiwillig.

Merkel lehnt sich entspannt zurück.

Problem gelöst.

Aber jetzt werden die Hundehalter renitent.

"Was? Mein Wuffi darf nicht mehr auf die Straße kacken?

Wo kommen wir denn da hin?

Soll ich ihm etwa ein Katzenklo kaufen?"

Und jetzt kaufen sich die Hundefans erst recht total überzüchtete Kampfhunde,

denen sie jeden Abend noch eine saftige Spritze

Testostoron mit LSD vermischt

in den Arsch hauen

und dann ohne Leine mit ihnen auf die Straße gehen.

Grimmig hetzen sie ihre kleinen Lieblinge

auf ängstliche Kinder,

auf Frauen mit langen Röcken,

auf vernunftsbegabte Menschen, die in der Stadt keine Tiere halten,

und auf jene, die den Gestank in den Städten

ihrer Meinung nach erzeugen.

Dunkelhäutige Menschen,

Schwule,

Lesben,

Burkaträgerinnen,

Bartträger,

Langhaarige,

Batikhemd-Hippies,

Punks,

Linksautonome,

Juden.

 

 

Da fangen die Kirchen an zu läuten.

Sturm.

Und alles sammelt sich unter den Dächern

dieser letzten sicheren Häuser.

 

 

Draußen ist es dunkel.

Ein Mann mit schwarzem Seitenscheitel

und einem Bärtchen wie einem Tintenfleck auf der Oberlippe

geht seelenruhig, in einen Trenchcoat gewandet

durch die ruhigen Straßen der Vorstadt

und murmelt: "Mh, ach, die Hunde sind zur Zeit das Feindbild.

Naja. Feindbilder kommen und gehen."

Da sieht er eine alte Synagoge,

in der ebenfalls noch Licht brennt.

Der siebenarmige Leuchter im Fenster

erfüllt den alten Mann mit Glück

und er verdrückt ein Tränchen.

Dann zieht er eine Kippa aus der Tasche.

Wendet sie in den Händen.

Überlegt.

Steckt sie wieder ein.

Klopft an die Tür.

Demütig und vorsichtig wie ein Dieb in der Nacht es nie machen würde.

Der Rabbiner öffnet die Tür.

"Frohes Hanukka!" ruft er dem Ankömmling zu.

Der Alte seufzt, lüftet den Seitenscheitel,

nimmt den falschen Bart ab,

geht hinein

und wird mit Hallo begrüßt.

 

 

Donald Trump sitzt besoffen vor Youtube

und entspannt sich

von der Twitterarie mit Kim Yong Un.

Es läuft "Land of Confusion".

Als am Ende des Videos Ronald Reagan auf den roten Atomknopf drückt,

lacht Donald laut und schallend.

"Dieser Doofkopp! Weiß doch jeder, dass der grün ist!"

 

 

 

 

 

Die Blume

 

Ha'm sie die Flaschen mit dem Eis

dir ordentlich geliefert?

Wird dir vor Scham und Schande heiß,

bist du im Joint gereefert?

Dein Nachbar wollte helfen dir,

du pöbeltest ihn an

und gabst den Zuschlag dem Geschmier

 vom feisten Sensenmann.

War'n meine Worte denn nicht klar,

und meine Taten auch?

War, was ich sagte, denn nicht wahr?

Steh ich auf deinem Schlauch?

Vergast du dich jetzt selbst da drüben

mit atomarem Dunst?

Ich werde stets das echte lieben,

nicht künstlich ist die Kunst,

mit der ich wild die Leute weck

und zeig, woran es krankt,

erst wenn man liegt im Rattendreck,

man sich dafür bedankt.

Ihr seid zu froh, euch geht's zu gut,

ihr inhaliert das gerne,

was man euch in die Pfeife tut,

und seht danach die Sterne.

 

Ich war heut oben, das ist unten,

und nee, es schmeckt dort nicht,

das Hochplateau ist Hölle pur,

das Essen ist Gericht.

Man gibt den Armen Rattenfraß,

um sie so zu vergiften,

danach macht man sie religiös,

um sie schön wegzushiften.

 

Und Jesus, er schaut traurig zu,

marschiert nicht mit beim Marsch,

hat man ihn gestern aufgehängt, heut fickt man seinen Arsch

in Knästen und in Psychiatrien, man will ihn ja nicht morden,

und dennoch nageln alle ihn, der Wind weht kalt von Norden.

 

Ein Blümlein steht am Straßenrand, es duftet süß und selig,

der Liebende nimmt es zur Hand und spricht zu ihm: Dich wähl ich.

Bis all die Menschen aufgewacht, und wollen wieder lieben,

hilft mir dein Zartsein durch die Nacht, es eint hüben und drüben.

 

 

 

Mohnblume

 

Ich ging meinen Weg, mich führte mein Stern,

du standest am Rand, ich hatte dich gern.

Du blühtest so rot, der Wind ging so warm,

ich hielt dich für Stunden in meinem Arm.

 

Mohnblume, du blühst, blühst tief in mir,

Mohnblume, komm blüh, blüh, wenn ich frier.

 

Ich ließ dich zurück, ich lief in mein Leben,

ich bat dich, mir mein Lebewohl zu vergeben.

Ich folgte dem Stern und ich fand manches Gold,

vergaß auf dem Weg meine Mohnblume hold.

 

Mohnblume, du blühst, blühst tief in mir,

Mohnblume, komm blüh, blüh, wenn ich frier.

 

Doch dann kam die Nacht und mein Glück floh dahin,

verloren die Straße, zerbrochen der Sinn.

Ich folgte dem Pfad, doch es schien mir kein Stern,

ich spürte den Tod und den Teufel mich zerr'n.

 

Mohnblume, du blühst, blühst tief in mir,

Mohnblume, komm blüh, blüh, wenn ich frier.

 

Da standest du dann ganz plötzlich vor mir,

Glück meiner Jugend, am Wegesrand hier.

Da wusste ich, du bist es, die mir so fehlt,

und ich hab der Blume mich wieder vermählt.

 

Mohnblumenkind, blüh tief in mir,

sei mir mein Feuer, eh ich erfrier.

Wir kaufen ein Haus, eh die Kälte uns frisst,

wo du dann mein Schatz, meine Kornblume bist.

 

Mohnblume stand einst am Wegesrand,

sie war mein Glück, eh ich reiste durchs Land,

sie kehrte wieder, als ich fast abgebrannt,

sie ist die Liebe, die im Leben ich fand.

 

 

Für Fubey

 

 

 

Fado von Zäunen, Reste aus Träumen

 

Die Fremden sie sitzen heut Nacht auf den Zäunen,

sie kommen aus Spießbürgers quälenden Träumen.

Sie singen ein Lied, das sie uns mitgebracht,

wie ein blaues Organ ruft die lockende Nacht.

 

Ich halte dich lieb in dem storzigen Bett,

du bist nackt in den Kissen wie ein Brötchen mit Mett.

Und roh ist dein Fleisch, doch es duftet so süß,

wie die Liebe, die mir deine Seele verhieß.

 

Die Zigeuner, sie dreh'n das Harmonium im Wind,

auch der kranke Chanson ist vor Mailiebe blind,

und die Tränen, sie weh'n durch ein sterbendes Land,

wo ein wartendes Meer seinen Herzensgrund fand.

 

Ein Kind kennt das Märchen vom traurigen Hans,

und der Hund von Carl-Gustav bellt laut mit dem Schwanz.

Erkennend seh ich mich im Spiegelbild an...

und ich trinke die Nacht, wie ein blaues Organ.

 

 

 

Solveig singt

 

Die Stadt ist ein Moloch, der Kinder tötet,

und sie zu Nabelmonstern macht im Internet,

ein Stern, der meine Winterwangen rötet,

den hatt' ich lang schon nicht mehr hier im Bett.

 

Die Säge kreißt, ach würde sie doch singen,

und Pennywise hat für 'nen Groschen nicht Verstand,

ich lausche abends Hildegard von Bingen,

den "Es"-Clown hat sie nicht von fern gekannt.

 

Sie ruft mich in vertraute, ferne Sphären,

Gestirne lachen auf der milchig hellen Bahn.

Ach, wenn sie doch nur meine Freunde wären!

Der Christus trägt das Kleid vom großen Pan.

 

Und die Erleuchtung ist auch nicht die Lösung,

und Adams Apfel schmeckt nach schlechtgeword'nem Schmalz,

Dolph Lundgren macht 'ne Schopenhauer-Lesung

im Kleid von Marilyn mit 'nem Giraffenhals.

 

Und alles bricht, und Brecht bringt mich zum Kotzen,

die Nacht ist lang und kein Gestöhn in Sicht;

die Muschis werden Mösen und dann Fotzen,

nur Gabriel bringt einer Jungfrau Licht.

 

Nein, ich muss mich dem irren Wahn entraffen,

ich sehn' mich nach der süßen Zärtlichkeit,

die deine Rosenwangen in mir sanft erschaffen,

komm sing dein Lied, mein Lied in Ewigkeit!

 

Und morgen pack ich Koffer und auch Taschen

und reise ab mit Herz und mit Verstand,

um Liebe an der Himmelsnaht zu naschen,

ich geh zu Fuchs und Has'. Ich zieh' aufs Land!

 

California Alb-Dreaming

 

Ich verwüste selig.

Fühl mich voll Mojave.

Ein Joshua Tree reckt sich durch die hirnfickende Sonne

und erinnert mich daran, wo ich mal hinwollte.

Nämlich in die Badewanne von Bono,

wenn er wieder mal die heiligen Scheine zählt

und sich darin aalt

wie im geretteten Afrika.

 

Nein. Scherz.

Zu Jesus wollte ich. Will ich.

Will nur wissen, zu welchem.

Zu dem von Eugen Drewermann

oder dem von Joyce Meyer.

 

Kalifornien.

Kali dreht Forno-Pornos

im eigenen Kalifat.

Mit ihren sechs Armen

hat sie ordentlich zu tun.

 

Puls geht immer doller.

Faulende Apfelsinen bremsen meinen

Hunger auf Südfrüchte.

Nazis patroullieren in meinem Arsch Richtung Evangelikalien.

Ham von Germanien genug. Da isses immer so kalt.

 

Vögelnde Gnus toppen meinen Tag

mit Poppingtopping.

Muss zum Mobbingshopping.

Heute Rabatt auf asoziale Sprüche.

Hey du Mutterf***,

 runter von Facebook, du kontaminierst meinen Bildschirm!

Hab mir in der E-Bucht Kuchen mit Spermaglasur bestellt.

Empfehlung mit 6 Sternchen von Charlotte Roche.

 

Der gestirnte Himmel über mir

ist auch nicht mehr das, was Cunt sich darunter vorstellte.

Er führt mich mit polaren Fixstars

nur zum Hotel California,

wo man, nachdem man mit dem Biest gefeiert hat,

zwar wieder auschecken aber niemals gehen kann.

Die Glocken läuten. Könnte Himmel oder Hölle sein.

Besonders, da sie zu der

großbrüstigen Borderlinerin

am Straßenrand gehören.

Ich halte und nehme sie mit.

Sie sagt, sie will nach Graceland.

Ich will sie nackt. Nackt. NACKT!

 

 

Auf Streife

 

Ich war grade gut davor, als die Kugel mich traf,

bereit, mit meinen Freunden zu besteh'n,

draußen gölten sie "Heil Hitler" durch das "Kölle Alaaf",

ich wollte meinen Weg nur linksrum geh'n. 

 

Im Hirn von vielen Hirnis war Hitler eingesperrt,

und keiner ahnte es, alle war'n blind.

Man soll nie denken, all das ist vorbei,

wenn es im Stillen neu beginnt.

 

Sie ließen ihn von der Leine im Kopf,

er flog wie eine Bombe um die Welt,

verbrannte Friedrich, Anne und den rosa Rabbitkopf,

verbrannte Christentum, Vernunft und Geld.

 

Mich schlug 'ne Bullenfaust wie'n Hammer ins Gesicht,

der Bulle wurd' 'ne Straße, mir zum Weg,

doch diese Straße ist Gewalt, die geh ich diesmal nicht,

der ich mich nachts zu nackten Nutten leg.

 

Ich bin schon da, ich bin prostituiert,

nackt, Strapse tragend, lieg ich auf dem Bett.

Er kommt herein, nennt mich linksgrün vervirt,

Er nagelt mich, in Uniform und fett.

 

Sein Hitler hagelt ihm lallend aus dem Kopf,

leer ist das Hirn, es lenkt der Staat.

Er ist kein Unmensch, er trägt einen Zopf,

er findet manches nachts gestohl'ne Rad.

 

 

 

 

 

 

 Das unterirdische Glühen

und warum ich keine Camouflage bin

 

In Basel stieg ich in die Tram so grüne,

der Fahrer ließ mich fahren ohne Geld,

ich rezitierte Brecht und „Schuld und Sühne“,

die Mutter ächzt, die von der Trambahn fällt.

 

Dann fiel ich tief in ihre blauen Arme,

und eine Nacht lang lag ich auf Zement,

ich flehte hoch zum Himmel „Gott erbarme!“

Da wurd‘ der Faden zum Verstand zertrennt.

 

Und Nachts war ich im Kreisspital Herr Hagen,

ich kämpfte gegen Tyson und verlor,

die Liebste kam, und ritt mich in den Tod.

 

Mit Kot verdarb man mir danach den Magen.

Ich lag im dunklen Keller und erfror.

Die Hölle brannte mir ein Morgenrot.

 

*

 

Und Eulen sangen „Kuckuck“ durch mein Fenster,

und bonbonbunt war diese fremde Stadt,

in Betten weiße Menschen wie Gespenster,

und geile Mädchen tuschelten sich satt.

 

Fast sieben Mal bin ich von dort geflohen,

die breite Straße einen Berg hinauf,

doch immer holten mich orange Lohen

zurück zum schmalen Pfad, ich lauf,

 

 

 

um kaffeegleich im Liebesmund zu ruhen,

die Krankenschwesterbrüste im Gesicht,

ihr Lachen frech mir in mein Ohr gewickelt.

 

Und ich befrei die Füße von den Schuhen,

und seh‘ im Aug‘ die Unterseite nicht,

die mich begehrt, obwohl sie mich zerstückelt.

 

*

 

 

 

Wie ich starb, als ich auf ein Inserat einging

 

In den Straßen von Basel traf ich Hitler,

der fiel mich von hinten an wie ein Geier,

trieb mich in die Nummernkonten der Schweizer Banken

und kotzte mich als Frühstück über den ganzen Platz

vor dem Teufelshof.

Rasend stieg berauschende Rheintalseifenblase

aus den Wassern des deutschen Flusses,

und der Nibelungenhort wurde zu Juwelieren

mit blitzenden Angeboten,

die mich von der Burg

über den Rhein

in die Baseler Unterstadt führten,

wo ich aus Brunnen trank,

an Automaten Kaffee soff,

und an nichts,

als an meine Liebste dachte.

„Hat irgendjemand mein Mädchen gesehen?“,

mäanderte es durch meine Haut-und Herzzellen.

Rasend stieg sie aus dem Kaffeeautomaten

 und schickte mich auf einen Trip ohne Wiederkehr.

Auf Straßen, deren Schilder unleserliche Namen hatten,

rasten gelbe Taxis über Bürgersteige

und trieben mich in Musicaltheater

aus den 40er Jahren,

bis ich einsam am Rheinrinnsal stand,

und wusste: Das Spiel ist verloren.

Da trieb mich die irre Alte mit dem Stock

vor sich her,

in die Pension St. Klara,

wo ich von ihr in einem geteilten Raum

geschlachtet wurde,

und der wahnsinnige Koch

bellend meinen Körper zu Klumpen zerhackte

und blutig in seiner Pfanne briet.

90 Minuten hielt ich es dort aus,

dann vertrieb mich der nackte Buddhismus,

und immer nackter und nackter werdend

raste ich über Straßen und bot im Morgengrauen

Bauarbeitern einen Blowjob an,

die mich an den dicken Hanswurst verkauften

für eine Monatsmiete und eine Freianmeldung in der Schweiß-Schweiz.

Immer heftiger kloppte Hitler mir von hinten auf den Kopf,

bis er mich am Basler Stadtbahnhof niederrang,

mich dazu zwang, dort 8oo Jahre als Penner zu leben,

nur in der ewigen Hoffnung auf die Erlösung durch meine Rose.

Und dann kam sie wirklich.

Schön, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Nur mit einem anderen Mann an der Hand.

Und sie lachten mich aus

und fickten mich beide auf dem Pflaster.

Erst sie, mit einem Dildo von hinten,

und dann er,

indem er mich erbarmungslos niederrang,

mit dem Kopf auf den Boden stieß,

und meinen Arsch mit einem Schwanz rammte,

der Kilometer lang war,

und hart wie eine Fahnenstange.

Erbrechend fiel ich auf den Hermann-Hesse-Platz,

den es in Basel gar nicht gibt,

und schrie nach Hermine.

Da fuhr sie herab wie ein Blitz,

riss mich in der Mitte durch

und alle auf dem Baseler Marktplatz

trampelten tanzend über meine lebenden Überreste,

und die Stadt brach schwarz in sich zusammen

und wurde von der riesigen Spinne

im Schweizer Sozialnetz

aufgefressen

und im Bermuda-Dreieck

als lallende Tauchglocke

wieder ausgekotzt.

Sex at it’s best.

 

 

Graue Wände (Irrenanstalt)

 

 

Jetzt bist du hier. An diesem Ort der nüchternen Verwaltung menschlicher Seelen. Deine Augen leuchten, aber in deiner Seele ist Angst. Schutzlos fühlst du dich, fremd, verirrt. „Sie werden bald wieder gesund“, sagen die Schwestern. Gesund – was ist das? – fragst du dich. Und: Bin ich krank?

 

Es ist anders als früher, soviel weißt du. Die Farben leuchten anders und das Wasser schmeckt nicht mehr nach Wasser. Das Fernsehen sendet dir Botschaften rund um die Uhr. Und dieser böse, herrschsüchtige Mann dringt in deine Gedanken ein. Er tut es ständig, und alles dreht sich um dich. Alle Menschen sind Schauspieler in einem Theaterstück, das nur für dich aufgeführt wird. Aber du kannst es nicht genießen. Deine Haut ist weg und Rasierklingen bedrohen dein nacktes Fleisch. Du bist geflohen und gefallen – jetzt bist du hier.

 

Ich sitze dir gegenüber und fühle mich hilflos. Du bist so schön, so echt, und deine Augen sind so voller Leben. Sie wollen dir hier einreden, dass du krank bist, dass du dich irrst, dass die Tabletten dich gesunden lassen. Aber was ist das für eine Gesundheit! Nichts als eine Normierung auf die kollektive Krankheit. Sie wollen dich hier blenden, wollen deine Augen stumpf machen, wollen dich für dumm verkaufen und dir das wertvollste nehmen, was du hast. Dein Menschentum.

 

Manche Wahrheiten sind schrecklich und wir würden gern glauben, dass es nur unser kranker Kopf ist, der sie uns vorgaukelt. Wir würden uns gerne betäuben lassen und die bittere Wahrheit gegen jede noch so banale, rosarote Lüge austauschen. Wir würden gern glauben, dass Lüge Wahrheit und Wahrheit Krankheit ist. Aber – verdammt noch mal – es ist doch besser, mit einer Wahrheit zu leben, die manchmal bitter schmeckt, als sich in einer opiumgeschwängerten Scheinwelt in trügerische Sicherheit zu wiegen! Denn wisse – die Wahrheit ist nicht nur schrecklich, sondern auch wunderschön. Die dunklen Schatten, die du jetzt siehst, die Nacktheit, die du jetzt fühlst, die Bedrohung, die du jetzt fürchtest, all das kann vergehen, wenn du mutig das Werkzeug in die Hand nimmst und beginnst, deinen Weg zu beschreiten. Wenn du die Schatten als deine Schatten begreifen lernst, dann kannst du beginnen, dich zu verwandeln. Durch Annehmen des eigenen So-Seins, durch das Zulassen der Dunkelheit wirst du zu Licht werden, und Liebe wird dich erfüllen. Wenn du deinen Kampf gekämpft und dein Drama erfüllt hast, wirst du frei sein und wirst merken, wie schön und wunderbar diese Welt, deine Welt ist, so schön, wie das Leuchten deiner Augen.

 

Und ich sehe dich an, denke all dies, aber traue mich nicht, es dir zu sagen. Ich bin besorgt um dein Menschentum, Kind, ich möchte, dass du lebst und blühst, aber ich weiß nicht, was besser für dich ist. Man hat dich schon nahezu davon überzeugt, dass du schizophren bist, geisteskrank, paranoid. Wenn ich dir das Gegenteil erzählen würde, wem würdest du glauben? Mir oder den Ärzten? Würdest du dann nicht zu ihnen gehen und sagen: Der da, der hat mir erzählt, dass ich nicht wahnsinnig bin! Ich weiß, was sie dann mit mir machen würden.  Und vielleicht lassen sie dich gehen, ohne dir etwas zu tun. Denn es geht doch um dein Menschentum! Um das leuchtende Leben in deinen Augen. Um die Wahrheit in deinem Herzen. Mensch sein ist schwer. Und die Wahrheit kommt einem zunächst unerträglich vor. Aber willst du dich lieber von der Wahrheit kurieren lassen und dich betäuben lassen mit Tabletten und gutgemeinten Worten? Willst du zu einem von diesen dumpfen Zombies werden, die in einem Traum von einer heilen Welt verdämmern und gleichförmige Fließbandarbeit leisten in den Maschinerien des Systems!?

 

Nein! Das kann ich nicht zulassen. Ich muss mit dir reden. Bald. Denn sonst sehen deine leuchtenden Augen irgendwann nur noch graue Wände.   

für Sarah


 





Der Birger mit dem Stuhl 1

(dem Wolf, meinem Jäger)

 

Wie du im Bett liegst, hässlich wie ein Pferdefladen,

verroht, autistisch, pockennarbig, irr,

juckst murmelnd deine viel zu dicken Waden,

und leckst gleich einem Hund das Essgeschirr.

 

Du sagst zu mir: "Die Hure wird beseidigt!"

Ich sag zu dir: "Mein Birger, tu es nicht!"

Du keuchst bei Nacht an mir vorbei, beleidigt,

du wirfst den Stuhl, mein armes Rückgrad bricht.

 

Der gute Geist fügt mich erneut zusammen,

Herr B., er wird fixiert abtransportiert,

der Name ist nicht seiner, ist gestohlen.

 

Ich nenn ihn Birger, und Sellin schreibt: "Flammen!"

Ein Inmich außer sich, von Hass vertiert,

er jagt mich mit dem Stuhl, frisst meine Sohlen.

 

 

*

 

 

Der Birger mit dem Stuhl 2

(dem bösen Löwen, meinem Mörder)

 

Er donnert sich den Stuhl krass auf den Kopf,

will wissen, wie ich überleben konnte.

Kein Mensch versteht die Krankheit von dem Tropf,

die Psychiatrie ihm nicht mehr helfen konnte.

 

Er wird entlassen, schnappt sich einen Stuhl

und humpelt durch die Nacht, um mich zu finden,

er foltert mich derweil, er ist ein Ghul,

er quält mich telepathisch, will mich binden.

 

Da klirrt die Tür aus Glas, der Stuhl fliegt durch,

der Birger ist im Haus, ich bin am Zittern.

Die Nachbarn helfen nicht, sind leider feige.

 

Er schmeißt den Stuhl erneut, stürmt meine Burg,

er schlitzt mich auf, froh, meine Angst zu wittern,

er spuckt auf meine Leiche und spielt Geige.

 

 

 

*

Der Birger mit dem Stuhl 3

(dem Lamm, meinem Bruder)

 

Du siehst mich großen Auges bittend an,

das Abendmahl des Herren willst du feiern,

und wieder Lamm sein, Liebender im Mann,

ein Brötchen teilen, statt mir eine scheuern.

 

Ich habe zwar verstanden, was du meintest,

doch deine Gesten brachtest du zu schnell,

darum du in Gewalt dich mir vereintest,

dir war es stets ein Knast, mir ein Hotel.

 

Die Vögel fliegen schwarz über der Vorstadt,

die Unterschicht quält sich die Straße lang,

die Arbeit und die Arbeitslosigkeit

 

sind beides Höllen, wo kein Mensch ein Ohr hat,

vor dir war mir im Krankenhaus sehr bang,

doch ich vergeb dir, Brot und Wein stillt Leid.

 

 

*

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Birger mit dem Stuhl 4

(dem guten Löwen, meinem Retter)

 

So gläsern ist die Stadt, so strahlend golden,

Saphir, Smaragd, Jaspis und Chalzedon,

wir schauen nach des Lammes Braut, der holden,

das Lamm sitzt gleich der Sonne auf dem Thron.

 

Du stehst mit deinem Stuhl, ich mit dem Brötchen,

wir staunen, sind in dem gelobten Land,

wir essen Currywurst und Katzenpfötchen

und geben als Versöhnte uns die Hand.

 

Der Löwe ist aus Juda, er kehrt wieder,

vegan, auf Stroh, und legt sich zu dem Lamm,

ein Kind spielt mit dem Viperntier aus Eden.

 

Das Lamm vertraut, und legt sich zu ihm nieder,

der Löwe lacht und schenkt ihm einen Kamm,

die Gnade Christi heilt und findet jeden.

 

*

 

 

 

 

 

(Diese vier Gedichte basieren auf einer realen, traumatisierenden Begegnung. Der hier beschriebene, autistische Mensch, den ich, als ich im Krankenhaus war, als besessenes Wesen wahrnahm, ging mehrmals gewalttätig auf mich los. Er schlug mich, und drückte mir ein Kissen ins Gesicht, um mich zu ersticken. Immer wieder versuchte er, dies zu unterdrücken und murmelte dann zuerst: „Die Hure wird beseitigt.“, und dann, wie um es abzumildern, „Die Hure wird beseidigt.“. Er hieß natürlich nicht „Birger“. Ich kannte seinen Nachnamen, jedoch seinen Vornamen hat er mir nie gesagt. Wenn er allerdings auf mich losging, oder kurz davor war, assoziierte ich ihn, weil er Autist war, schnell mit Birger Sellin, dem berühmten und sehr sympathischen Autisten, der mithilfe seiner Mutter Furore als Autor von Gedichten gemacht hatte, in denen er sein Krankheitsbild und seine Gefühle beschrieb. Ich nannte ihn dann immer ganz zärtlich und sanft „mein Birger.“ Das besänftigte ihn jedes Mal. Aber sobald ich wieder damit aufhörte, wurde er wieder wütend.

Gegen Ende seiner Attacken warf er einen Stuhl in mein Rückgrat, was ich fast nicht überlebt hätte. Dass ich es habe, grenzt an ein Wunder, und ist aus meiner Sicht nur mit Gottes Hilfe und Beistand zu erklären. Deswegen konnte ich diesem Menschen auch vergeben. Dies waren meine „Killin‘ Floors“, die „unteren Stockwerke, auf denen getötet wird“. Ich sehe sie als grausamen Unterboden von Freiheit, Frieden und Demokratie. An diesen Orten, wo immer man auf sie stößt, gibt es keine Gewinner mehr. Ich glaube aber auch nicht, dass sie für irgendetwas gut sind, z.B. Läuterung, oder so etwas. Sie sind die auf irdischem Boden geöffnete Hölle, eine Art Tor, das im Laufe der 1960er Jahre irgendwo in Amerika im Zuge militärischer Tests geöffnet wurde. Aus meiner Sicht während der Atombombentests in der Mojave-Wüste. Was man damals sah, ist – denke ich- dass Gott die Welt nicht untergehen lassen will, weil er sie wirklich unendlich liebt. Jedoch stimmt es natürlich auch, was bereits Einstein sagte. Eine Atomkernspaltung ist nicht zu verantworten, weil in jedem Atom der Bauplan für das gesamte Universum ist. Und wenn man daraus Bomben baut, jagt man wirklich jedes Mal das gesamte Universum damit in die Luft. Ich denke, wer Zeuge dessen war, hatte danach keinen Ausweg mehr, als den Wahnsinn… oder die extreme Gnade und Liebe Gottes. Jedoch hätte es solche Tests, den

 

 

Einsatz solcher Bomben und Krieg generell danach nicht mehr geben dürfen. Dass dies weiter bestand und besteht, ist eine permanente Versuchung, Reizung und Verhöhnung Gottes und all seiner Schöpfung, nicht zuletzt des menschlichen Geistes. Die „Killin‘ Floors“ befanden sich irgendwann einmal lediglich in Phantasien und Träumen. Sie auch noch auf Erden wahrwerden zu lassen, war und ist unverantwortlich. Es seint immer noch Menschen zu geben, die glauben, dass die Welt (oder der Mensch) manchmal so etwas braucht, um sich „auszutoben“. Dem ist nicht so. Etwas außerhalb des menschlichen Geistes zur „Outfreak-Area“ zu erklären, ist komplett verantwortungslos. Und damit meine ich nicht wilden Sex und Rockkonzerte. Damit meine ich Ideologien, die z.B. besagen: Wenn du immer schön weiter bei uns in diesem stinklangweiligen Büro arbeitest, kommst du irgendwann auf höhere oder niedrigere Ebenen, auf denen du ohne Mitleid töten darfst, denn diejenigen, die du da dann siehst, sind keine Menschen, sondern Computerfiguren und Mutanten.)

 

 

 

 

Vierter Teil:

The Killin‘ Floors from the inside

„Hier bin ich Unmensch, hier darf ich’s sein!“

oder

„Illusionen der Verantwortungslosigkeit“

 

 

 

 

 

 

 

Maladen-Das Geheimnis unserer Gesichter

 

Eine Verschwörungstheorie

 

Theorie:

 

Alle Menschen tragen eigentlich Masken, die man im psychologischen Fachjargon „Maladen“ nennt. Das sind die Gesichter, mit denen die Menschen herumlaufen. Am Ende der Zeit (Kurz vor Christi Wiederkehr), wird sich deutlich sichtbar erweisen, dass die natürlichen Gesichter Maladen sind, die nicht aus Haut, sondern aus einem Gummiplastik-ähnlichen Stoff namens Majude bestehen. (Daher auch die Wörter „Jude“ und „Lude“. Auch „Judens“ (die Mehrzahl von Jude) und „Ludens“ (der Spieler, spielende Mensch; Hinweis auf Dr. Mabusen bzw. Mabusens und den Erfinder des falschen Deutsch, Konrad Dudens) leitet sich daraus ab.

 

Sich die Malade, wenn man sie einmal als solche enttarnt hat, vom Gesicht zu ziehen, um herauszufinden, wie man wirklich aussieht, ist sehr einfach. Man nimmt ein Kartoffelschälmesser zur Hand, ritzt sich am rechten Wangenknochen die Haut auf und zieht sie ab. Das ist kinderleicht. Und schon hat man die Malade in der Hand und kann sie problemlos abziehen und hinfort als Strumpfmaske bei Banküberfällen verwenden. Unter der Malade befindet sich rotes Muskelfleisch. So sieht man als Mensch eigentlich aus. Und so wollte Gott uns. Alles andere ist nur Tarnung. Die ersten Menschen, die dieses neue Bewusstsein großflächig propagiert haben, waren Bob Dylan und Joan Baez. Zum Höhepunkt ihrer Show rissen sich immer gegenseitig die Maladen vom Gesicht. Dann kam heraus, dass sich unter den Maladen jeweils der gegenteilige Mensch befand. Da man sich die Maladen nach einem solchen Vorgang auch problemlos wieder aufsetzen kann, sind die beiden auch seit dem schon sehr oft als der jeweils andere auf Tour gegangen. Wie sie das dann aber mit den Stimmen machen, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

*

 

Faktencheck:

 

Der Verfasser dieses Artikels hat entweder einen gehörigen Sockenschuss mit behandlungsbedürftigen Symptomen, oder er ist ein gefährlicher Verschwörungstheortiker, der auch als Antisemit gewertet werden muss, der alle Menschen dazu bringen will, sich die Gesichter abzuziehen, und sich schwer zu verletzen.

 

Oder es ist wieder nur Patrick Rabe, der in einer Schnapslaune nachts aufgewacht ist und irgendeinen Blödsinn schreiben musste, wozu ihn sein Dämon Gubelix gezwungen hat (aus dem 33  1/3-Höllenkreis, in dem sich auch Leslie und Brigitte Nielsen befinden, die ebenfalls ein und dieselbe Person sind und sich die ganze Zeit vor Sylvester Stallone die Maladen vom Gesicht ziehen, um ihn zu überreden, sich „Weihnachten Stallone“ zu nennen.)

 

Empfehlung von Dr. Fratzenbuch:

 

Bewahren sie ihr Gesicht und versuchen sie dies nicht zu Hause. Sie wollen doch auch morgen noch in den Spiegel schauen, oder ein Selfie machen können! Eine Glühbirne bei sich zu tragen, ist nicht nötig.

 

Mit hochachtungsvollen Grüßen

 

Dr. Gundula Bratfisch

 

(Patrick Rabe, nachdem er sich die Malade abgezogen hat)

 

 

Das Leben ist harte Scheiße (eine Kot-Trilogie)

 

Un

Das Kissen war hart.

Da nützt auch das ganze Gelaber nichts,

wie weich hier die Kissen sind

und dass dieses Krankenhaus ein Komfortzertifikat hat.

Und nur, weil ICH keine Elektroschocks gekriegt habe,

ist es mir trotzdem nicht egal,

dass ihr sie wehrlosen, uninformierten Leuten als Allheilmittel anpreisen dürft

und ihr armes Menschengehirn wegröstet.

Ihr tretet jeden Tag in die Scheiße, die ihr selber fabriziert.

Und dann hebt ihr sie vom Boden auf, esst sie und reibt euch abends damit ein.

Macht nichts.

Das sind alles verwandelte Menschen.

 

Dos

 

Mohammed hat meine Frau angefasst mit seinen Grabbelhänden,

stinkend wie eine Kloake, dumm und wackelköpfig.

Nur leider sind beim Sex meiner Frau die Riesentitten explodiert,

und Mohammed flog bis nach Mekka von der Druckwelle

 und klatschte dort, verwandelt in eine Hurensure

an die Wand einer öffentlichen Toilette.

Die Titten meiner Frau kann nur ich reiten.

Weil ich sie nicht für Kamelhöcker halte,

über die man mal so drüberhubbeln darf,

sondern für schöne, gottgebenedeite Balsamberge.

Man kann nur auf seinem eigenen Feld ernten, was einem schmeckt, gell, Mohammed?

 

Tres

 

Heute Morgen bin ich mit einer Hitlermaske

zu meinem türkischen Backshop gegangen

und habe gefragt, ob ich dort noch Hausverbot habe.

Ich hatte dort auf den Boden gekotzt,

als ein alter Mann vor drei Jahren beim Brötchenkauf

feiste Nazisprüche gerissen hatte.

Der türkische Bäcker lächelte mich an.

"Natürlich bedienen wir sie jetzt wieder.

Jetzt sehen sie ja auch aus wie ein Deutscher."

 

 

 

 

 

Hand, durch den Matsch einer anderen Hand gereicht

 

Ich bin bei ihnen in den stinkenden Städten,

wo sie Lord Shiva anbeten, und ihre Turnschuhe

und ihren eigenen Schwanz.

Gott wird aus einer Brachialmännlichkeit gesogen,

die aus Hitlers moderndem Leichnam

und Attilas Föhnfrisur besteht.

 

Sie fragen nach der Uhrzeit

und kippen Tsatsiki in den Kaffee,

duschen die ganze Nacht lang

und sagen, im Wasser ist Aids,

vielleicht auch nur Adidas,

und Produkte von Nestle sind asozial.

 

Merkel wird zum Gegenstand von Reichsbürger-Verschwörungstheorien

und ist seit neuestem in Hamburg geboren,

sächselt aber wie eine Thüringerin.

Im Fernsehen läuft das Tranchierduell,

Ninas Steak mit grün-veganer Kruste kriegt zehn Punkte.

 

Die Jugend ist endlich, wie sie der Führer wollte:

zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl

und weich in der Birne wie Panna-Cotta-Pudding.

 

Das Ich schreit in sensiblen Seelen,

schlüpft immer wieder aus der Uniform, die sie ihm anziehen wollen.

 

Ich?

Bin sprach-und staublos

angesichts der Zeit, in der ich lebe,

bewege mich durch Erde

und bin ein Narr Christi,

oder sollte ich sagen: Ein Vernünftiger unter Ruinenmenschen?

 

Doch das Licht Gottes brennt,

will trösten, uns nahe sein,

auch in diesen Dunkelheiten.

So oft scheint es auf,

wenn ich in all der Hoffnungslosigkeit eine Träne wegwischen kann,

ein Lächeln in ein Gesicht zu zaubern vermag,

einem Zerschmetterten Mut mache,

Worte finde, die Kraft verleihen und Liebe geben.

 

Auch in mir ist Ratlosigkeit, Verzweiflung, manchmal sogar Hass.

Aber ich will den Weg der Liebe, der Gnade und des Verzeihens gehen.

Daran halte ich fest, das ist mein Evangelium von Jesus durch mich für euch.

Denn so hat Gott die Welt geliebt,

 dass er seinen eingeborenen Sohn gab,

damit wir nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben,

und in ihm Freude finden, wie sie die Welt nicht kennt.

 

 

 

            Eines Nachts in Hamburg Langenhorn

 

Als Satan sein Billigbier auf die Straße reiherte, weil Donald Trump die US-Wahl verloren hatte, geschah es. In einem Affenzahn raste Cat Stevens um die Ecke, der Bob Dylan in einem Rollstuhl schob. Cat Stevens trug einen Turban mit einem Diadem daran, weite Sufi-Klamotten und Jesuslatschen, Bob Dylan trug einen zerknautschten, schwarzen Strickpullover und hatte mittlerweile ein völlig eingefallenes Gnaddelgesicht, das selbst eingefleischte Bob-Dylan-Fans noch in apallische Schocks hätte versetzen können. Dass der Meister mittlerweile wie eine eingetrocknete Rosine aus der Muppetshow aussah, mit einer krausen Wischmoppperücke, die man nur bei genauem Hinsehen noch als seine echten Haare identifizieren konnte, wusste wirklich niemand. Sie hatten nach dem ganzen amerikanischen Wahlstress mal wieder das Bedürfnis, sich auszutoben. Wie es große Stars so machen, flogen sie dafür in eine Welt, die sie für unecht hielten, und in der sie meinten, wie die Barbaren alles zertrümmern zu dürfen. Das musste man ihnen doch gönnen. Andere gingen ja auch in die Disco und freakten dort ab.

 

Diesmal hatten sie sich Hamburg Langenhorn ausgesucht. Cat war sich sicher. Auf sein Smartphone starrend sagte er zu Bob: „Bob, diesen Ort hier gibt es bestimmt nicht. Das ist eine täuschend echte Computeranimation.“ Bob in seinem Rollstuhl antwortete: „But I was so much older then, I’m younger than that now.“ Cat sah ihn besorgt an: „Du meinst also wirklich, dass das hier auch wieder die echte Welt ist, und kein Holodeck?“ „So to say.“ knarzte Bob in absichtlich falschem, deutsch klingenden amerikanischen Englisch. „Aber, Bob. Es kann doch keine Orte geben, die Langenhorn heißen. Das heißt auf Englisch Longhorn. Bob, das haben sich doch irgendwelche Greenhorns beim Kiffen ausgedacht.“ „Äh.“ sagte Bob, um schon mal einen deutschen Umlaut zu üben, und hustete umständlich. „Das heißt also, Bob, wir können jetzt hier nicht „Heidi, Klara, Peter, Almöhi und der Rollstuhl“ spielen? Ich dachte, ich könnte so endlich meinen Hass auf Jesus Christus abreagieren, und dich einfach im Rollstuhl als Klara

irgendwelche Treppen runterschubsen, zusehen, wie du dir alle Knochen brichst, laut lachen, und einfach ganz schnell abhauen, weil du ja morgen wieder lebst. In einer unechten Welt muss das doch möglich sein.“ „Ich war von Anfang an dagegen.“, sagte Bob in perfektem Deutsch. „Leider saßen wir ja schon im Flugzeug, als du mir diesen Vorschlag unterbreitet hast. Und ich hoffte inständig, dass das nur an der Höhenluft liegt. Denn du hattest ja wirklich keine Drogen genommen. Ich dachte zwar auch, hoffentlich wird das dann im Zuge des Jetlags nicht noch schlimmer, aber ich hoffte und betete.“

 

Cat sah Bob nachdenklich an. Schlagartig war er nüchtern. Und sie standen mitten im November in total verrückter, viel zu dünner Kleidung mitten in Hamburg Langenhorn an irgendeiner irre langen Straße. „So. Cat.“, sagte Bob. „Und jetzt organisiere mir ein Franzbrötchen. Aber ein bisschen fix. Ich habe Hunger wie ein Hog und das jetzt. Nicht erst in 2000 Jahren. Und guck nicht wieder so komisch. Und bitte nicht jetzt googeln, ob es Franzbrötchen wirklich gibt. Die gibt es. Wenn man seit über 50 Jahren Welttourneen macht wie ich, dann weiß man, was es in welchen Ländern um welche Uhrzeit gibt. Und Franzbrötchen ist Plundergebäck. Das heißt hier aber so. Und ist mit Zimt.“ Cat fiel alles aus dem Gesicht. Die Nase zuerst. „Das bestell ich hier aber nicht. Das erinnert mich an ‚Cinnamon Girl‘ von Neil Young, der uns ja alle schon vor dem Zimtmädchen gewarnt hatte, und das wurde dann ja auch nochmal durch diese Metalversion von Pete Steele bestätigt.  Da ist diese eindeutige Warnung als Subtext drin: „Bestellt bloß nichts mit Zimt. Sonst geht die Welt unter.“!“ Bob rollte Jahwe-mäßig mit den Augen. „Cat.“, sagte er. „I’ve been the son. I’ve been the father. I’ve been the fool. I’ve been the hill. Die Welt geht nicht unter. You never figured out, how long you have to live. Fahr mich jetzt zu der Tankstelle dahinten, und dann bestellst du mir ein Franzbrötchen. Oder ich mache es selber.“ „Bob“, sagte Cat, „Wieso glaubst du, dass es an einer Tankstelle um…“, Cat sah auf seine Armbanduhr, „ 2 Uhr 30 Nachts europäischer Zeit an einer Tankstelle Franzbrötchen gibt?“ Bob seufzte. „Cat. Weil das eine Nachttanke ist, und die nachts backen. Für die bescheuerten Deutschen hier, die nachts um halb drei ein Franzbrötchen essen möchten.“

 

„Aha.“. Wie so manches Mal schon früher, hielt Cat Stevens, der beschloss, sich in der Tankstelle ausweisgemäß wieder Yusuf Islam zu nennen (Sein ursprünglicher, echter Name war Steven Georgiou), Bob Dylan für einen total grenzwertig Verrückten. Das musste so sein. Es bestätigte sich ja einfach immer wieder. Nur alleine, wer mit einer solchen Bruchstimme noch freiwillig auf eine Bühne geht, muss doch einen Sockenschuss haben, der nicht mehr heile wird. Und ihm war ja klar, dass Bob auch sehr empfindlich zuschlagen konnte. Das Boxtraining in seinem eigenen Boxclub war ja kein Fake gewesen. Und im Rollstuhl saß er eben auch keineswegs. Leise vor sich hin betend schob Cat Stevens Bob Dylan die Straße hinunter in Richtung des goldenen Lichtes der Tankstelle. Unterwegs überlegte er sich, welcher Gott hier zweckmäßig sein konnte. War es Allah? Jahwe? Jesus? Odin? Buddha? Oder eine Choclate Box? Man wusste es nicht so genau. Während er Bob dort entlang schob, bekam er wieder gute Laune und beobachtete, wie Bob sich erst in einen Klumpen Rosinen, dann in einen Steinhaufen und dann in den Almöhi verwandelte. Das überzeugte ihn vollends davon, dass das hier doch wieder keine echte Welt war. Er lachte meckernd, geradezu mekkant, und machte in Tanzschritten mit dem Rollstuhl einige bedenkliche Schlenker und Drehungen. „Cat, pass bitte auf!“ sagte Bob mit unendlich genervter, schlechtgelaunter Stimme. „Ich falle gleich aus dem Rollstuhl.“ „Ja.“ Sagte Cat mit schneidend drohender Stimme. Das will ich ja auch. Ich schmeiß dich gleich im Rollstuhl auf die Straße, und gucke zu, wie du von einer 7-Tonner überfahren wirst. Dann tanze ich laut lachend um deine zermanschten, sterblichen Überreste und fliege wieder in meinen orientalischen Moslemhimmel.“ Bob seufzte. Was sollte man da machen? Er wusste es nicht.

 

In einem Mordstempo bog Cat Stevens jetzt auf den Tankplatz der Tankstelle ein und schoss geradezu auf die Glastür zum Tankenshop zu. Bob setzte noch an zu einem „Cat, da trägt man jetzt Mas…“, aber es war schon zu spät. Die automatische Tür ging auf und Cat raste mit Bob im Rollstuhl direkt vor die Ladentheke der Tanke. Erstaunt konstatierte Bob, dass dort Schorsch Kamerun stand. Schorsch Kamerun konstatierte entsetzt, dass da Bob Dylan und Cat Stevens in „seine“ Tanke gerast kamen. Mit allem hatte er gerechnet. Nur damit nicht. Er hatte wirklich geglaubt, er könnte in der Corona-Zeit einfach mal eine gemütliche Pause von seiner Punk-Künstler-Tätigkeit machen und in einer Tankstelle in einer Spießergegend, wo ihn keiner kannte, als Tankwart arbeiten. Er war schon völlig perplex darüber gewesen, wie viele Langenhorner ihn eben doch kannten, und war alleine schon deswegen dazu übergegangen, den vorgeschriebenen Mundschutz zu tragen, aber ab da war es wieder leisure (legere)gewesen. Keiner erkannte ihn. Er rechnete die 1, die 2 und die 3 ab, tankte Autos, Trucks und riesige SUV’s mit nicht biologisch abbaubaren, stinkenden Super-Benzin voll, lachte sich über Elektroautos kaputt, kiffte hinter der Tankstelle, und trank manchmal das Bier, das er da verkaufen sollte, selber aus, wenn Nachts lange keine Kundschaft kam.

 

Und dann geschah das völlig Unerwartete. Cat Stevens kam in voller Orientalenmontur – sogar mit Turban- in seine Tankstelle gerast und schob Bob Dylan, der ein erschreckend zerknittertes, miesgelauntes Gesicht hatte, im Rollstuhl in seine Tanke (die er natürlich nur als Winterjob betreute.). Kurz fragte er sich, ob er jetzt „Shining“, „Gremlins 1“ oder „Es geschah am hellichten Tag“ nachspielen sollte, oder lieber doch die in Amerika geläufige Version davon mit Jack Nicholson, die „The pledge“, bzw. „Das Versprechen“ hieß. Aber das war eine Überlegung zuviel. Mit total derbem, englischem Akzent sagte Cat Stevens: „Hande hoach. Das ist ain Uberfall! Intsch Allach! Das ist der islamische Schdaad.“ Schorsch erzitterte und wurde zu einer bewegungslosen Eisfigur mit starrem, wächsernen Maskengesicht. „Sie mussen hier Masken tragen!“, sagte er in falschem deutsch-türkisch. „Tun wir doch.“, sagte Cat Stevens, nun plötzlich ganz jovial auf britische  Höflichkeit umschwenkend, und in fast akzentfreiem Deutsch. „Ich habe meine Yusuf-Islam-Maske auf, und mein Freund hat seine Bob-Dylan-Maske auf.“ „Aha.“, sagte Schorsch Kamerun genervt. Ein bisschen was von diesem Blödsinn kannte er ja auch aus der deutschen Promiszene, aber das war ihm jetzt eindeutig zu viel. Das ausgerechnet Cat Stevens und Bob Dylan so durchgeschallert sein konnten, zu glauben, dass man sie nicht zweifelsfrei erkennt, wenn sie vor einem stehen, war auch ihm zu dämlich. „Was möchtet ihr denn haben?“ fragte er deswegen kackfrech. „Whiskey, Irish Stew, oder einen Tritt in den Arsch?“ Bob hatte die Schnauze voll. Völlig unerwartet stand er aus dem Rollstuhl auf und sagte entwaffnend unhöflich: „Isch möschte ain Fransbrötschen und ainen Coffee to go. Aber ain bisjen zaggisch, du Nahzi.“ Schorsch Kamerun entwich sein Blut aus dem Schädel, und völlig eingeschüchtert taumelte er zum Ofen, holte ein soeben fertig gebackenes Franzbrötchen vom Blech, steckte es in eine Tüte, holte wie narkotisiert noch einen Coffee to go, drückte beides Bob Dylan in die Hand und murmelte: „Sie kriegen das umsonst, Mr. Dylan.“ „Danke.“, sagte Bob Dylan höflich. „Wissen sie eigentlich, was mein bürgerlicher Name ‚Zimmerman‘ auf Deutsch bedeutet?“ Schorsch Kamerun stammelte schüchtern: „Äh, das IST doch deutsch, Mr. Dylan.“ „Ja.“, sagte Bob Dylan mit seinem denkbar fiesesten Grinsen. „Das genau ist der Trick.“ Dann ging er kopfschüttelnd mit seinem Franzbrötchen und dem Kaffee aus der Tanke und ließ Cat Stevens einfach vor der Theke stehen. Als er aus dem Tankstellenshop herausging, sah er noch aus den Augenwinkeln, wie ein weißer Kleinbus in einem Affenzahn auf das Tankstellenglände fuhr. Einmal kurz sah er sich um, obwohl ihn das an Lots Frau und seine eigene Songzeile „She don’t look back“ erinnerte. Er meinte kurz zu sehen, wie bärtige Männer mit Maschinengewehren aus dem Kleinbus – natürlich von VW – sprangen, und in die Tanke rannten. Aber das war sicherlich eine Halluzination wegen des Jetlag.

 

Seelnruhig ging er die Straße weiter herunter. Fröhlich begann er, sein Franzbrötchen zu mampfen, und nahm ab und zu einen Schluck Kaffee. Nachdem er ca. 100 Meter weit gegangen war, hörte er einen ohrenbetäubenden Knall. Eine Explosion. Er sah sich nocheinmal um. Die Tankstelle brannte lichterloh. Trümmer flogen durch die Luft und landeten rechts und links von ihm auf der Straße. Ungerührt ging er weiter. Er grinste. „Feinde fallen rechts und links von mir, aber deine Hand schützt mich.“,  zitierte er aus den Psalmen. Zuletzt flog noch ein völlig verkokelter Rollstuhl im hohen Bogen über seinen Kopf hinweg und krachte vor ihm auf die Straße. Bob blieb kurz stehen, betrachtete ihn, ging um ihn herum, und latschte weiter in Richtung Hamburg Fuhlsbüttel, wo er vorhatte, das nächste Flugzeug nach Amerika zu nehmen und nie wieder auf Verrückte wie Cat Stevens zu hören. Dennoch wollte er kurz wissen, ob Cat okay war. Er angelte sich sein Smartphone aus der Tasche seiner schäbigen schwarzen Strickjacke und wählte Cats Nummer. Cat ging ran. „Where are you, my friend?“, fragte Bob. „In heaven.“, sagte Cat gutgelaunt. „Sie haben hier sogar einen Geldautomaten und eine irre Hotellobby.“ „Das, lieber Cat, ist das Heidbergkrakenhaus.“, sagte Bob. „Ich habe es mir ja auf Google und anderen Servicen genau von innen und außen angeguckt, als du mir sagtest, du wollest nach Langenhorn. Liegst du bequem?“ „I lie, where I lie.“ sagte Cat Stevens mit fröhlicher Stimme.  Bob schüttelte den Kopf, machte sein Smartphone aus und ging auf der toten Straße, über der die Wolken weinten, weiter Richtung Flughafen Fuhlsbüttel. Seine Traurigkeit machte ihn heiter, denn er wusste, dass er immer noch dem Tambourine Man folgte. Es war weder Bruce Langhorne (bei diesem Gedanken lachte er glucksend, im Bewusstsein, wo er hier war), noch ein Ufo, wie die Byrds und viele andere glaubten. ER war es. Der an jenem Kreuz gehangen hatte. Er hatte ihn, Bob, noch nie enttäuscht. Jedenfalls nie länger als einen Abend mit Cat Stevens und Schorsch Kamerun lang. Ein Gulli öffnete sich, Bob Dylan stieg hinein und ging um 27 krumme Ecken herum an der Nase von Janis Joplin, dem Mercedes Benz und den Kaufhausgeschädigten vorbei, die ein Frühstück bei Tiffany‘s einnahmen, ignorierte die Mission Bells und das Hotel California und ging ganz leisure (legere) eine breite, barrierefreie Behindertenauffahrt wieder hoch, stieg ohne zu bezahlen ins Flugzeug und fing an, sich in die Rolle von Peter Falk in “Der Himmel über Berlin“ hineinzuversetzen. Den ersten Teil, wohlgemerkt, der in Amerika „Wings of Desire“ heißt.

 

 

 

 

Apotheose now!

(ein deutscher Exorzismus)

 

Die Stadt kocht.

Babylon bläst einen Windhauch über die Hügel

und ich falle sextrunken auf mein Bett.

Erledigt, gefesselt von Babalons wilden Spielen und ihrem Marmeladenlächeln.

 

Auf den Straßen werden junge Türken zu Briefbotenfalken des osmanischen Reiches,

gewürgt von Kali, die sie mit 28 Händen durch ihre Dschingiskhanvergangenheit wirbelt und sie eintaucht in milde indische Currysuppe.

 

Die Freien erobern die Straße,

kicken zahlenlallende Statistikchinesen zur Seite

und vögeln in katholischen Kirchen, bis der Papst kommt.

 

Und sie treten die Türen ein und sehen ihn beten,

rasen mit Äxten auf ihn zu, um alles Christliche endlich zu vernichten,

doch er ist zu klein, und sie verfehlen ihn.

Lächelnd steht er auf, und sie zerhacken sich gegenseitig

im catholic-alcoholic -Beil-und-Chainsaw-Massacre.

 

Draußen reicht ihm, der mit dem Du verschmolzen ist,

eine hübsche Jüdin ein Pfefferminzblatt und einen Ölzweig,

und sagt zu ihm:

"Ich bin deine Braut, komm heim nach Israel, und nicht erst nächstes Jahr!"

Doch er antwortet ihr:

"Das mit uns kann erst was werden, wenn ich mit der blonden AfD-Schlampe gebumst habe,

und meine heilige Stadt bereinigt habe."

 

Da erwacht hustend das alte Europa

und er schreddert es im Südfrüchte-Entsafter,

packt sich die AfD-Nutte mit ihren blonden Lolita-Bund-deutscher-Mädel-Zöpfen,

und rattert sie auf der Straße,

bis die Wiener Schnitzel zu Wölfen werden,

die in Polizeiklamotten Schweine generieren und auf sie schießen.

Nur ihn treffen sie nicht, denn sie schießen immer vorbei,

er wehrt sie ab mit den Wundmalen an seinen Händen.

 

Darum wird sein Schwein zum Rind

und er versöhnt sich mit Juda,

dem einzigen von den zwölf Stämmen, der sich erhängte,

nachdem Er erhöht war

und sagt zu ihm: "Du bist nicht schuld, die Sache damals musste sein.

 

Ich würde gerne jetzt schon mit euch feiern,

aber ich muss hier nochmal benjaminmäßig den Jüngsten raushängen lassen,

bevor wir uns in Galliläa treffen können.

Hier stinkt es einfach zu braun,

um schon eine tempellose Gottesstadt bauen zu können.

Und ich bin einfach kein Jude.

Mein Reich Gottes duftet hanseatisch

und blüht als Lilie von Sharon

in den Knicks und Wiesen des herbsüßen norddeutschen Flachlandes.

Dort trinke ich meinen Wein.

Dort soll Jerusalem sein.

 

Doch Hitler stellen ich mich muss.

Der Imperator hat nicht alles, was gut war an Deutschland, getötet.

Es ist die Grandiosität, die meinem Vorvater innewohnte,

die noch in den heiligen Tempel gehört,

weil sie von Gott herkommt,

aber die Deutschland nicht spüren will,

weil er sie mit Hakenkreuzen erschlagen

und unter den Trümmern von Berlin beerdigt hat.
 

Ohne sie jedoch wird sich Deutschland immer wieder

mit pappiger Bürokratie und Political Corrrrectness den Mund stopfen,

bis er ein Wildschweinmaul mit gebogenen Stoßzähnen geworden ist

und explodiert.

Dann jagen sie die Sau ums Dorf, bis sie müde ist

und sperren sie wieder in eine Kuckucksuhr,

kleben einen "Solidarität-mit -Israel"-Sticker drauf

und sagen: "Sie ist ja gar nicht da. Und wenn doch, ist sie unser privates Vögelchen."
 

Grandiosität ist menschlich.

Ich muss sie hinzufügen zum Ölbaum.

Sonst ist mein Vater wirklich tot

und wird untot die Geschicke unseres Landes lenken."

 

Und er nimmt die Kippa ab

und geht nackt in den Kleidern eines Bildungsbürgers

ins Hofbräuhaus und schnappt sich die nächstbeste Zenzi, um sie ohne Zensur zu schnatzeln

und zu schauen, was für Kröten ihr aus dem Maul hüpfen.

Und er genießt den deutschen Rausch,

säuft ein Erdinger Heißbier nach dem anderen,

stopft sich Knödel und Weißwürste in Mund und Arsch

und liebkost die blaugewandete Zenzi

mit seinem beschnittenen Judenschwanz.

Und sie stöhnt: "Juda verrecke!"

und 10 goldene Kröten kommen aus ihrem Mund,

verwandeln sich in SA-Schläger

und kicken alle Türken, Neger und Chinocken von den bajuwarischen Langbeinhockern.

 

Herrlich, Herrlich, Herrlich

ist das Vorurteil.

Es befreit von allen Zwängen

und er kotzt der AfD ganze Kaskaden von Negerküssen und Zigeunerschnitzeln

in die blasse Muschi,

und ihr Kopf mutiert zur Billardkugel von Grace Jones.

Sie macht sein Hähnchenhaupt grade,

und er hüpft als Geißenpeter und Hauptmann von Köppeab blond und barfuß über die Alm,

fickt alle wohlgeratenen Bayern-Blondinen,

furzt den Blauweißen mit seiner s-teifen Hechtsuppe

die Brezn-und Wirtshauskultur ins Klo

und spült mit reinstem Jordanwasser.

 

Dann geht er auf die Wies'n und wandelt sie in den Hamburger Dom um,

kauft sich an einem Ramschstand ein Kruzifix und ein illegales Jim-Morrison-T-Shirt,

und besucht Hitler an seiner Losbude.

Hitler ist enttäuscht von ihm und seiner ganzen Jüdelei

und bietet ihm ein Kulturlos an.

Er lehnt es ab und gibt dem Ver-Führer einem Dostojewski-Band,

sagt zu ihm: "Sorry, du bist nicht schön. Ich habe mich in mir getäuscht.

Ich bin nicht deutschnational und ficke nicht gerne in blau."

 

Er geht und lässt den alten Hitler,

dem alle Zähne aus dem Mund fallen,

als verdatterten Opa an seiner Losbude zurück.

Da wird der Führer zum Syrer,

und wackelt als Penis auf dem Domgelände herum,

bis er gegen den Bunker stößt und ihn umschmeißt,

worauf tausende Mitglieder der Elimgemeinde

in Matsch gehüllt aus den Trümmern laufen

und den Matsch als braune Scheiße

mit Baseballschlägern über das Heilgengeistfeld kicken

und dann auf dem Rasen des Bremer Verweserstadions

ein Gülden Gül der Fremdenfeindlichkeit schießen,

worauf es Manna in Form von wohlriechenden Dönertellern

mit Tsaziki, scharfer Soße und "Salat alles"

auf sie regnet

und alle Türken sie als "unsere christlichen Geschwister" abknutschen.

 

Er aber holt seine Jünger aus Galliläa ab,

heiratet seine jüdische Braut,

gründet auf dem Grund seines Herzens ein Christentum, das die Welt erhellt,

steht mit 10 Füßen in einem Swingerclub,

pfeift die Dämonen zum Cocktailholen herum,

und die nackte Jüdin reibt ihn mit Motoröl ein,

bis Christus in der besonders raffinierten Verkleidung

als er selber kommt,

 ihm das  Neue Testament

erneut in sein Herz schreibt,

und ihm ohne alle Vorwürfe sagt:

"Du bist geliebt, mein Kind, ich nehm dich an!"

Und die hübsche Jüdin, in deren Augen Er funkelt,

reicht ihm einen Ölzweig

und beendet den Israelkonflikt in seiner Seele.

Jesus sagt ja,

die Verdammnis schwindet,

und in den Swingerclubs

und auf den Straßen wird babylonisch das Lamm gefeiert.

Der Sohn hat's gedeichselt.

Der Vater lebt.




 

Lied der Lobotomierten

 

Und da betet ihr den Christus an,

und wir kriegen eine gewischt,

und während ihr zu Lobpreis tanzt,

riecht's bei uns nach verbranntem Fisch.

 

Sie brutzeln uns die Hirne raus, 

weil wir Untermenschen sind,

und was für euch das Kreuz ist,

ist uns ein Plastikchristuskind.

 

Wir schmoren schwarz auf Elektrostühlen,

die ihr zwar rollt, doch wir müssen fühlen,

wie ihr mit Obermenschenkraft

uns täglich neue Qualen schafft.

 

Glaubt uns, wären wir nicht verkabelt,

dann könnten wir alle einig sein,

dann wären wir nicht so sehr disabled,

und den Juden wär Christus kein Nazischwein.

 

Doch solange in euren Psychiatrien

der Trost durchs Kabel kommt,

und der Strom, mit dem man schwimmt, elektrisch ist,

sind wir fromm nicht, weil das nicht frommt.

 

Doch einen, den haben wir gesehen,

der konnte in Kabelstadt unverkabelt gehen.

An den glauben wir, obwohl es nur Schwachsinn ist,

er ist für uns unser Jeshua Christ.

 

Jedoch, auch er leidet, er kennt die Wahrheit,

sie führ'n uns zum "Clear" und nicht zur Klarheit,

doch Christi Kraft ist keine Teufelswoge,

es nutzt sie der Christ, und der Scientologe.

 

Doch Untermenschen darf es nicht geben.

Lasst sie nach oben, schenkt ihnen das Leben.

Denn wir sind alle Gotteskinder

und Gott unser gütiger Erfinder.

 

Des Vaters Haus hat viele Zimmer,

nicht alle erfüllt der Gottesschimmer.

Doch wenn man ihn jemandem vorenthält,

schafft man 'ne Gruselshow-Unterwelt.

 

Hört jetzt auf, uns so anzulügen,

zeigt uns die Kraft, mit der auch wir dann siegen,

breitet nicht mehr über uns das Schweigen,

sonst werden wir euch die Forke zeigen.

 

*

 

 

Erklärung zu „Lied der Lobotomierten“ und Fanal gegen Psychiatrien und den Unrechtstaat

 

Die Lobotomie war in den 1930ern und 40ern eine gängige Methode in den Psychiatrien überall auf der Welt. Den als psychisch kranken Menschen diagnostizierten wurde dabei das Gehirn operiert, dahingehend, dass die Opfer dieses Eingriffs danach verblödet waren. Das Ziel des Bösen ist es IMMER, den Menschen das Gehirn auszuknipsen. Wer glaubt, dies geschieht in heutigen Psychiatrien nicht mehr, der irrt. Man macht dies heute schleichend mit Medikamenten, medizinischer Unterversorgung bei nicht-psychiatrischen Erkrankungen während des Aufenthaltes und am Schlimmsten, mit etwas, was nie wieder hätte seinen Weg zurück in eine der Aufklärung und den Menschenrechten verpflichtete Psychiatrie hätte finden dürfen, der Elektro-Krampf-Therapie (EKT), was de Facto nichts anderes bedeutet als Elektroschocks. "Elektrokrampftherapie" ist ein schönfärbender Euphemismus. Mittlerweile nennt man es meines Wissens schon wieder anders. Unter anderem, weil so viele Patienten „Nein“ dazu sagen. Alleine daran sieht man ja die Verschleierungstaktik.

 

Bei dieser Methode, die zunächst nur bei starken Depressionen, dann aber auch in zunehmendem Maße bei Psychosen und Persönlichkeitsstörungen seit ca. einem Jahrzehnt wieder angewandt wird, werden bei leichter Betäubung elektrische Ströme durchs Hirn geleitet, was dieses angeblich gut verkraften kann. Die Propaganda der Psychiatrien behauptet, dass dabei die Synapsen neu verschaltet werden, Quälendes und Störendes verschwindet und dass die Methode prinzipiell ungefährlich sei, weil sich das Gehirn von ihr wieder erholt. Das ist nicht der Fall. Erstens verkraftet kein einziges Gehirn das Leiten von künstlichen elektrischen Strömen durch es hindurch, denn das ist etwas völlig anderes, als die bioelektrischen Impulse, die normalerweise zwischen den Synapsen hin und her gehen. Und zweitens kann niemand voraussehen, was nach einer solchen Behandlung tatsächlich im Gehirn geschehen ist. Es ist zwar möglich, dass Symptome davon verschwinden, es ist aber auch möglich, dass alles andere dabei verschwindet. Genauso gut kann man auch in eine ungesicherte Steckdose fassen (Für die Jüngeren unter euch: Ich weiß, dass es so etwas heute nicht mehr gibt. Jedenfalls nicht in "normalen" Wohnungen. Es handelte sich dabei um nicht mit Plastik isolierte Steckdosen. Wenn man in sie hineinfasste, konnte man einen elektrischen Schlag kriegen). EKT ist streng genommen unwissenschaftlich und wie ein blinder Kamikazeflug. Die Folgen, und ich habe das oft genug an Bekannten und Freunden erlebt, sind unter anderem oft Gedächtnisverlust des Langzeit-und Namensgedächtnis, Schwächen in Kurzzeitgedächtnis und Konzentration, Verwirrtheit, das unkontrollierte Hochkommen von Traumata, Depressionen und aggressiven Impulsen, die teilweise aus dem Unterbewusstsein kommen, Inkontinenz, Verlust der Körperkontrolle und vieles mehr. Also bewirkt diese "Therapie" bei Licht betrachtet genau das, was sie angeblich heilen soll.

 

 Langfristig wurden viele meiner Bekannten, die ich mehrheitlich als lebenstüchtige, engagierte Menschen kannte, durch die Elektrokrampftherapie zu menschlichen Wracks, die zunehmend geistig verwirrter und geistesgestörter wurden und agierten, bis man sie ganz auf geschlossenen Stationen verschwinden lassen konnte, weil sie angeblich nicht mehr gesellschaftskompatibel waren. Die Suizidrate bei Elektrokrampf-Opfern ist hoch. Zwar ist wahr: In der Regel wird dies als seriöse Therapie verkauft und nicht gegen den Willen eines Patienten angewendet, aber ich  habe in den letzten Jahren Dinge gesehen und erlebt, die mich an die Möglichkeit von so Manchem glauben lassen. Ich möchte aber nur über das schreiben, was ich sicher weiß und mit meinem Gewissen vereinbaren kann. (Stand September 2019. Seit ich den Beitrag von Gather und Vollmann gelesen habe, zweier Psychiater, die auf Druck von Psychiatrie-Erfahrenen-Verbänden die Risiken der Elektrokrampftherapie zugeben mussten, kann ich nun also mit der "Absicherung" durch Psychiater, die dies unverblümt zugeben,  bestätigen, ohne um den heißen Brei herumreden zu müssen: Ja, diese Methode wird auch gegen den Willen der Patienten angewandt.)

 

Hinter dieser Methode steckt unter anderem Scientology, die mit dieser Strategie auf Umwegen erreichen wollen, dass man statt Elektrokrampftherapie an sich machen zu lassen, zu ihren, den Geist ausleerenden „Clear-Sitzungen“ geht. Leider muss man sagen, dass der deutsche Staat offenbar seine Resistenz gegenüber Scientology und ihren Methoden aufgegeben hat, weil es sich offenbar für unseren Staat so darstellt, dass man auffällige und dem Staat potenziell gefährliche Menschen so besser und noch relativ „human“ ausschalten kann. In Amerika hat der Staat jahrzehntelang mit Scientology zusammengearbeitet, um die aus ihrer Sicht manchmal notwendige Lobotomie zu umgehen. Ursprünglich wurden all diese Methoden eingeführt, um Juden, die das Leid der Gaskammern und der KZ’s überlebt hatten, und anderen Traumatisierten des 2. Weltkrieges ihre schlimmen Erinnerungen zu nehmen. Allerdings hatte sich bereits Ende der 1940er erwiesen, dass diese Methode zur Zombiisierung einiger Menschen führte, die dann wie leere Hüllen durch die amerikanischen Städte wankten und bei kleinesten Belastungen Opfer ihrer nun fehlenden Gewalttriebe wurden. Drang beispielsweise Straßenlärm in solche „geleerte“ Menschen, fingen sie an, unkontrolliert auf andere einzuschlagen. Zwar hatte man versucht, neben dem Wegnehmen von traumatisierenden Erinnerungen auch das „Geheimnis des Bösen“ zu lüften und Menschen ihre gewalttätigen Impulse und jeden Wunsch, zu töten zu nehmen, aber dies schlug vollkommen fehl und führte zum Gegenteil dessen, was man erreichen wollte. Daran sieht man deutlich, dass man dem Menschen nichts, was zu ihm gehört, wegnehmen darf, weder medikamentös, noch durch Elektrokrampftherapie, Elektroschocks oder anders geartete Stromstöße oder durch das Gehirn geleitete Elektrizität, noch durch scientologische Methoden, wie die „Clear-Kurse“. Einem Menschen, den man leer gemacht hat, nützen auch der Heilige Geist oder andere spirituelle Kräfte nichts mehr. Die Lehre von Heiligen Geist ist vielmehr so zu verstehen, dass da IN die vollen und vollständig erhaltenen Triebe, Gefühle und Gedanken etwas kommt, was diese in eine innere Harmonie bringt und mit Gott, bzw. Christus verbindet. Dadurch wird man meist ein sanfter, ausgeglichener Mensch. Dies kann man aber weder therapeutisch „machen“ oder erzwingen, noch erreichen, indem man Triebe, Gefühle und Gedanken in sich negiert, leugnet, unterdrückt oder loswerden will, noch indem man Menschen vorher zu leeren Hüllen macht. Gerade dann ist man jeder ab da auf sich einwirkenden Geistesmacht, egal ob dunkel oder hell, jedem Geräusch, und jedem in einem aufsteigenden Trieb oder Impuls ausgeliefert. Man darf an dieser Stelle nicht außer Acht lassen, dass es auch dunkle und satanische Zirkel gibt, die hoffen, auf diese Weise unkontrollierte Menschen gegeneinander hetzen zu können. Obwohl ich mittlerweile auch glaube, dass sich sogar die dunklen, dämonischen und satanischen Geister mittlerweile für so etwas zu schade sind. Immer wieder geht es bei solchen Methoden darum, sich irgendwelcher angeblicher „Untermenschen“ zu entledigen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal sehr deutlich sagen, dass kein Geist, und auch keine sonstige Regung, egal ob seelischer oder körperlicher Art in Mensch, Tier und Natur sich gerne „zwingen“ und beherrschen lässt. Der Geist, die Seele und der Körper möchten frei sein, und sich selber gemäß agieren. Man kann einen anderen Geist, Gott, Satan oder Dämon um etwas bitten. Aber man sollte nie versuchen, irgendwelche Geister und natürlichen oder widernatürlichen Kräfte aus Pflanzen, Tieren oder anderen Menschen zu „besiegen“, zu versklaven, und sich dienstbar zu machen, womöglich noch zur Erreichung von Zielen, die dem jeweiligen Geist völlig fremd sind. Demut und Ehrfurcht vor Gott, den Geistern, den Menschen, Tieren und der ganzen Schöpfung ist das, was wir jetzt wirklich am dringendsten brauchen. Besonders die Unterdrückung von Sexualität, und der Versuch, sie entweder ganz wegzubekommen, oder von aller Geilheit, Lust und Erotik zu befreien, bzw. sie religiös keusch umzudeuten, mit der Aussicht auf „jungfräuliche Zeugungen“ (so ist meines Erachtens die „Jungfräulichkeit von Maria, der Mutter Jesu, aber nicht gemeint), hat dazu geführt, dass die verleugneten und unausgelebten sexuellen Triebe sich einen anderen Kanal suchten und in Ersatzhandlungen und Gewalttätigkeiten führten. Die Vorstellung, man müsse Sexualität ausleben, um sie letztlich zu überwinden, ist irrig. Nichts am Menschen will überwunden und losgeworden werden. Eine solche Haltung ist immer menschenfeindlich. Alles, was ein Mensch an sich nicht mag, abspaltet, oder gar in sich „tötet“ (was real immer eine Illusion ist), kehr dann von außen oder innen als beleidigte, hasserfüllte und den Menschen an der Stelle seiner Ablehnung bekämpfenden Kraft zurück, quasi also als Dämon oder Satan. Man kann nichts von oder an sich loswerden. Man kann sich nur völlig sinnloser Weise selber bekämpfen. Das „Ja-zu-sich-selber-sagen“ und das Ausleben all seiner Seiten ohne magische oder durch Zwänge erreichte Kontrolle, mit denen man Abgelehntes abwehren möchte, macht einen zu einem ganzen Menschen, hilft einem dabei, seinen für sich und anderen schädlichen Kräften nicht zu verfallen, und zu erkennen, wer nur „Träger“ der eigenen, an sich abgelehnten Energie, und wer ein echter Feind oder Gegner ist. Liebe, das Annehmen von Menschen um einen herum und auch das Umarmen, Lieben und Wertschätzen von angeblichen Feinden führt zueinander und macht einen selber und alle um einen herum heil, ganz, liebend und glücklich. Das ist der christliche Weg, wie ich ihn verstehe. Die Überhöhung oder Erniedrigung von Menschen und ihre ihnen meist nur übergestülpte Identifizierung mit Gott, Jesus, Satan oder irgendwelchen Dämonen ist ein Weg, der in die Irre und in den Wahnsinn führt. Und natürlich zur unnötigen Ablehnung und Bekämpfung irgendwelcher Menschen. Das Göttliche wirkt durch uns hindurch. Niemand braucht Gott, Jesus, ein Dämon oder Satan selber zu sein.

 

An dieser Stelle möchte ich auch auf Allen Ginsbergs Gedicht "Howl" (Das Geheul) hinweisen, das den Opfern der Psychiatrie ebenfalls ein Denkmal setzt, und das fälschlicherweise in seiner Rezeption auf das Kämpfen für Homosexuellenrechte reduziert wurde (was es natürlich auch ein Stückweit ist, aber nicht nur). Es stößt mir sehr übel auf,  dass man es kaum noch in Buchform bekommt. Auch im Internet ist es schwer zu finden. Den Menschen in Psychiatrien möchte ich zurufen: Lasst das nicht mit euch machen. Und den Verantwortlichen, Ärzten, Pflegern und Therapeuten rufe ich zu: "Hört auf, solches Unrecht zu begehen. Ihr habt es in der Hand.".

 

 

 

Für "Lucky" (Lucas Steiner)

 

Und wenn du spieltest, barst das Leben aus dir,

und wenn du liebtest, liebtest du total,

die kleine Welt war dir profan, ein Graus dir,

du griffst nach Sternen, ein uns andre Mal.

Du sprangst voll Mut der Bestie in den Rachen,

du schriest der Welt "Ich bin!" in ihren Schlund,

wie Steinigung traf dich Buhruf und Lachen,

doch hielt dein Glaube dich in deiner Seele, wund.

So tief warst du, ein Brunnen voller Güte,

ein Freund mit off'nen Händen, ohne Falsch,

Filou und Rasender, Herz in der Blüte,

und auf der Bühne warst du Gottes Salz.

In manch Moment, intim und ohne Zeugen

verschmolzen wir in Jesu mildem Licht.

In Shivas Tanz, als Melodie und Reigen,

kannten wir Wahnsinn und Gericht.

Wir waren doppelbödig, darin war' n wir eines,

wir wollten Liebe, dass ein Gott uns kennt,

dein Geben kannte deines nicht und meines,

du eintest wieder, was mein Stolz getrennt.

Nicht leicht war deines Lebens reiche Reise,

und doch, im Himmel wirst du ganz,

für Gott bist du gelung'ne Liebesweise,

für uns James Dean mit einem Dornenkranz.

 

 

im Gedenken an Lucas Korch, Künstlername Lucas Steiner

 

 

 

 

 

 

 

Lucas, von mir auch manchmal „Lucky“ oder „Luke“ genannt, war ein Berliner Schauspieler, der in Berlin wechselnden Erfolg auf verschiedenen Bühnen hatte, Fernsehrollen spielte (unter anderem in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, aber immer auch bestrebt war, große Klassikerrollen zu spielen, wie z.B. Hamlet oder Macbeth. Als ich ihn kennenlernte, war er bereits durch eine lange Zeit der Psychiatrisierung hindurchgegangen, der Grund dafür war ursprünglich der Missbrauch von Kokain und „Crystal“, einer damals üblichen Vorform von Crystal meth.

 

Crystal meth ist verunreinigtes und gestrecktes Crystal, an dem man in der Regel sehr schnell stirbt. Crystal in seiner „sauberen Form“ entspricht Kokainkristallen, die einen Menschen dauerhaft wach machen, ohne, dass man schlafen muss, und dies alles bei „hellem Kopf“ und ohne Kopfschmerzen erleben kann. Viele Künstler nehmen es, um länger und dauerhafter kreativ sein zu können. Leider, wie es bei allen Drogen ist, lässt Crystal einen irgendwann entgleisen und durch den fehlenden Schlaf in eine in der realen Welt erlebten Traumszenerie abgleiten. Man kann dann Erleuchtungszustände und heilige Momente erleben, die aber mit „normalem“ spirituellen oder religiösen Erleben nicht mehr viel zu tun haben. Bei vielen Drogenabhängigen ist es dann eine gängige Strategie, dieselbe Droge vermischt mit „schmutzigen Substanzen“ wie Erde oder verunreinigtem Heroin zu nehmen – meist sich zu spritzen- um sich wieder „zue erden“, also mit dem Erdboden zu verbinden. Das ist natürlich eine völlig irrige Strategie, die auf Hilflosigkeit basiert. Drogendealer nutzen dies aus und ruinieren mit dem gestreckten und verunreinigten Zeug die leben dieser Gestrauchelten vollends. Lucky hat nie Crystal meth genommen. Er ging in eine Drogentherapie. Leider ging er irgendwann in die Fänge der seit 2005 von Asklepios gesteuerten Klink Ochsenzoll. Asklepios gehört, so wie ich es überblicke, zu Scientology.

 

Trotz seiner langen Zeit in Berliner Psychiatrien und im norddeutschen Rickling war er, als ich ihn kennenlernte, noch voll Herr seiner Sinne und sein Talent und Können war ungebrochen. Wir freundeten uns an, und begannen, an gemeinsamen, künstlerischen Projekten zu arbeiten. Durch sein immer-mehr-verwickelt-Werden in den Ochsenzoller Dunstkreis (er lebte auf dem ehemaligen Gelände in einer von Ochsenzoll mitbetreuten Wohngruppe, „Wohnhaus am Kiwittsmoor“) und den damit verbundenen Zwang, die dort üblichen Medikamente zu nehmen, geriet er immer wieder in aus meiner Sicht unnötige akustische Halluzinationen und psychotische, wahnhafte Zustände, die ihm das Dranbleiben an unseren Proben, die Bewerbung beim Hamburger Thalia-Theater und Schauspielhaus, das Behalten von Texten und sein normales Leben in Hamburg unnötig erschwerten, und manchmal ganz unmöglich machten.

 

Trotz aller Schwierigkeiten erarbeiteten wir das Stück „Don Juan“ von Nikolaus Lenau, mit Lucas in allen männlichen und der Schauspielerin Christina Mücke in allen weiblichen Rollen. Als ich sah, dass das Stück teilweise nicht mehr geprobt werden konnte wegen Luckys zwischendurch auftretenden, psychotischen Zuständen, gab ich die Regie teilweise ab, denn das Stück sollte ja am Hamburger Sprechwerk, einem renommierten, Hamburger Off-Theater aufgeführt werden. Ich hielt eine szenische Lesung für besser und realistischer. Dennoch blieb ich dem Projekt treu, weil ich ja sah, dass Lucky es unbedingt machen wollte, und der von ihm als „Ersatzregisseur“ engagierte Jörg Leukefeld als ebenfalls psychisch angeschlagener Mensch, der ohne jedes Verständnis von professioneller Theaterregie war, die Sache erst recht nicht hin bekam. Ich führte weiterhin partiell Regie, übernahm mit der Sängerin Mirja Doreen Lettow zusammen die musikalische Ausgestaltung, und übte mit Lucky bei mir zuhause den Text und machte Schauspielübungen. Wir brachten das Stück termingerecht im Hamburger Sprechwerk auf die Bühne. Dennoch bekam Lucky während des Stückes einen psychotischen Anfall. Wir zogen die Sache dennoch durch und ernteten viel Applaus. Dennoch war Lucky verständlicher Weise nicht zufrieden und fiel kurz danach in eine äußerst schwere Psychose. Er wurde dann mehr oder weniger dauerhaft auf geschlossenen Stationen in Ochsenzoll behandelt. Dort bekam er auch Elektrokrampftherapie, was dauerhaft sein Wesen veränderte und ihn völlig zerrüttete. Als ich 2018 wegen einer Krise –zum ersten Mal gegen meinen Willen- auch auf die geschlossene Station in Ochsenzoll kam, fand ich dort einen Lucky vor, der unter starken Medikamenten fast nur noch schlief, und durch die EKT an Gedächtnisschwund, mangelnder Konzentration und teilweiser Inkontinenz litt. Die Zustände auf der geschlossenen Station dort waren beschämend. Teilweise koteten und urinierten die von der Elektrokrampftherapie ruinierten Menschen in die Gänge und in die Zimmer, ohne, dass es immer weggewischt wurde. Es wurde bei vielen dann fälschlicher Weise von Demenz gesprochen. Behandelt wurden viele dort wie Tiere und völlig unter ihrer Würde. Lucky bot ein Bild des Elends. Auch hier versuchte ich, ihn wieder aufzubauen, und lernte mit ihm Text, verbrachte die Abende mit ihm auf seinem Zimmer und las, bete und lachte viel mit ihm, was ihm Kraft gab. Dass er auch an Shiva und andere indische Gottheiten glaubte, war dabei kein Problem für mich, da ich auch vom Christentum ein mystisches Verständnis habe. Er begann, wieder auf die Beine zu kommen. Dennoch wurden seine Bemühungen, die Rolle von Macbeth zu lernen, immer wieder von starken Momenten des Abgleitens in Traumata und Wahnwelten begleitet. Das Pflegepersonal und die Ärzte waren der Ansicht, dass es das Schauspiel war, das Lucky so krank machte. Ich hingegen, der ihn ja schon länger kannte, sah dies anders. Das Schauspiel war seine Leidenschaft und Profession. Die Problematik lag in seinem Crystalkonsum, den man dort, anstatt ihn, wie in den Therapiegruppen, in die er vorher ging, drogenfrei zu bekommen, auf die Gabe von Ersatzdrogen, Psychopharmaka und die Behandlung mit Elektrokrampftherapie umlenkte, was ihn aber nicht gesund und wieder fähig zum Schauspiel machte, sondern ihn in ein lebendiges Wrack verwandelte. Dies ist die sehr verschlungene Strategie von Scientology, letztendlich aus allen Menschen fleißige, aber innerlich leere und gleichgeschaltete „Arbeitsbienen“ zu machen, die dem Staat und der Obrigkeit nicht mehr in die Quere kommen können. Das funktioniert aus meiner Sicht auch in Amerika immer nur zum Nachteil aller, für Deutschland aber ist dieser Weg schlichtweg unbrauchbar. Das letztendliche Ziel von Scientology ist das Zerstören von Gott, Mensch, dem göttlichen Bewusstsein und jeder Art von echter Religion und Spiritualität, sowie deren unverfälschten Heiligen Schriften. Dass unser Staat den scientologischen Weg offenbar seit einiger Zeit mitintegriert hat (seit ca. 2004, 2005), um viele Menschen „besser“ durch erschütternde Dinge wie den islamischen Terror seit 2001, die Banken-und die Flüchtlingskrise und den wieder aufstrebenden Rechtsradikalismus „durchzubekommen“, halte ich für einen folgenschweren Fehler, dessen Ergebnisse man bereits überall sieht. Bereits ihre Anerkennung in Deutschland als „Kirche“ war ein Fehler. Scientology „erschafft“ durch „Umprogrammierung“ menschlicher Gehirne lebendige „Zombies“. Das kann und

darf uns allen nicht recht sein! Als die Ärzte sahen, dass ich den von ihnen angepeilten „Gesundungsweg“ von Lucas mit meinen Versuchen, ihn wieder für das Theater fit zu machen, torpedierte, entließen sie mich. Lucky hatte zu dem Zeitpunkt eine Erkältungskrankheit, die mir die Ärzte als „chronische Lungenentzündung“ erklärten. Meinen Hinweis, dass man so etwas nicht nur mit Inhaltionen behandeln könnte, sondern ihn auf eine Somatik verlegen müsste, ignorierten sie. Drei Tage nach meiner Entlassung erhielt ich die Nachricht, dass Lucky gestorben sei. Ehemalige Mitpatienten schilderten mir, er habe nachts laut geschrien, daraufhin seien Ärzte in sein Zimmer gegangen und hätten ihm eine Spritze gegeben. Am nächsten Morgen war er tot. Ich versuchte danach, gegen Ochsenzoll vorzugehen. Es war auf normalen Wegen nicht möglich.

 

Aus meiner Sicht ist „Corona“ bereits eine vom scientologisch durchdrungenen Gesundheitssystem lancierte Lüge, um pandemisch auftretende Infektionskrankheiten wie Tuberculose und Ebola zu erklären. Diese Krankheiten wurden dort frei vor allem durch die unsachgemäße Behandlung von Flüchtlingen unter dem Credo, alles sei ununterscheidbar eins, und alle Menschen müssten auf eine einzige, sie verbindendende „Welle“ oder „Schwingung“ kommen. Die Subsummierung all dieser Krankheiten unter dem Stichwort „Corona“ nutzt nun die deutsche und internationale Rechte, um wieder Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und die Lehre von Über-und Untermenschen, sowie Dinge wie „Eugenik“, „Euthanasie“, perfekte „Menschenklonung“ und die „Erschaffung einer vollkommenen Rasse“ salonfähig zu machen.

Wir alle dürfen die Gefahr der Durchdringung von gegen den Menschen gerichteter „Spiritualität“ und des Gesundheitswesens, der Justiz und der Politik nicht verharmlosen und noch „als manchmal gut und brauchbar“ unterstützen. Was den Menschen als Individuum bekämpft, ist niemals „gut und brauchbar“. Für niemanden. Mögen wir alle dagegen aufstehen. Und möge Lucky seinen Frieden und sein Einssein mit Gott im Jenseits finden.

 

 

 

 

 

Bund der Sanften

 

Ich lieb die Nacht in ihren Zäunen,

doch nur, um Morgens aufzuwachen,

und was mein Sieg des Morgens ist:

dein Kuss, dein frohes Mädchenlachen.

 

Wir sind dem Teufel mit dem Zwinkern

des höchsten Gottes sanft entwischt,

doch nur, damit er mir die Nacht

und dir den Tod im Flur auftischt.

 

Der Sinn von allem bleibt verborgen,

doch ich gehör dem Tag, dem Licht,

drum konnten wir nur in der Sonne

Gefährten sein, nachts ging es nicht.

 

 

 

Der Schrei

(Christi Kreuzesworte, Marias Tränen

und die Tröstung des Simon Petrus)

 

Immer, wenn die Zeiten schwierig werden,

verbrennt man den Mann,

bis die Frau zur unkontrollierbaren Flamme wird.

Dann ruft man nach jemandem, der die Karre wieder aus dem Dreck zieht.

Einem starken Mann.

Alle rufen. Männer, Frauen, und irgendwann rufen auch die Tiere, die Pflanzen und die Natur.

 

Und dann entdeckt man den letzten Mann

irgendwo in einem Gefängnis,

und der, der ihn entdeckt, erinnert sich, dass es Christus ist.

 

Doch jener ausgezehrte Mann im Kerker

ruft nach einer Frau, seiner Geliebten, die er ewig nicht gesehen hat.

Er ruft drei Mal.

Und der Freund ist fürchterlich enttäuscht, dass er nicht ruft:

"Petrus, wie schön, dass du da bist!"

 

 

Er hört ihn drei verschiedene Dinge rufen.

Zuerst "Eli!"

Dann "Ela!"

Und dann: "Verpiss dich!"

 

 

***

 

Beleidigt zieht Petrus von dannen, denn er glaubt,

Christus hätte alles vergessen,

wofür er angetreten war.

Doch was er nicht weiß,

ist, dass sie Christus im Kerker

Rauschtrank und Drogen gegeben haben,

von deren Dünsten auch er sofort angesteckt wurde, als er dort war,

doch dass er, Petrus, den Bann brach, sobald er eintrat.

 

Sofort hatten Christi müde Augen den Freund erkannt.

Doch seine Zunge lag schwer im ausgedörrten Mund.

Und er rief zuerst nach dem, was er am meisten brauchte.

 

 Als der Freund  gegangen war und traurig draußen verkündete:

"Christus ist gestorben!",

 

 richtete er sich in seinen Ketten auf und schrie:

"Nein, du Idiot!"

 

Der Schrei hallte draußen wieder

und verfolgte den Freund wie ein Fluch.

"Verräter!", dröhnte es  in seinen Ohren,

und "Shimon, warum ausgerechnet du!"

 

Und der Freund lief und lief,

bis vor die Stadt.

Dann brach er zusammen,

und weinte bitterlich.

 

***

 

 

In der Welt machte dieser Schrei Furore als der  Ausspruch Nietzsches

"Gott ist tot!",

und die Atheisten, die ihn für sich reklamierten,

 überhörten den Halbsatz danach:

"Gott ist tot, und die Welt stürzt ins Dunkel.",

übersahen, dass dies kein Triumphschrei war,

sondern ein Ausruf tiefster Qual,

die Nietzsche in den Irrsinn führte;

der aber abgemildert wurde durch die Liebe vieler Menschen

 und das Mitleid, das er mit einem geschlagenen Droschkengaul hatte.

 

***

 

In den Gelehrtenstuben diskutierte man,

ob Eli "Feuer" oder "Wasser" oder "Feuerwasser"  hieß,

der Name eines Propheten,

 einer Stadt,

oder des Getränks war,

mit der die Missionare und Eroberer

die Indianer abhängig machten,

 

während Bob Dylan auf der Bühne von Manchester schon sang:

"Du gehst bei Gelehrten ein und aus,

und sie schätzen deine Erscheinung,

mit berühmten Anwälten diskutierst du

Leprakranke und Verkrüppelte,

du hast dich durch alle Bücher von F. Scott Fitzgerald gearbeitet,

du bist sehr belesen, das ist bekannt;

aber hier passiert etwas, und du weißt nicht, was es ist,

nicht wahr, Mr. Jones?",

 

und wie von einer Ohrfeige getroffen taumelte,

als jemand im Publikum danach "Judas!" rief,

und er benommen antwortete:

"Ich glaube dir nicht, du bist ein Lügner!",

 

und sein zu seiner Band gewandter, vom Mikrophon noch aufgefangener Ausruf:

 

"Spielt verdammt laut!",

"Play fucking loud!"

 

in der Welt ringsum zu hören war als "Dylan goes electric!"

 "Dylan spielt jetzt E-Gitarre!",

 

 

aber als Gemälde von Munch bereits im 19. Jahrhundert das ahnende Erschauern vor dem ersten Weltkrieg spüren ließ,

 

das C.G. Jung in einem Traum bereits wieder als blutiges Kreuz wahrnahm

und Europas Untergang befürchtete,

 

in Sarajewo zu den Schüssen auf den österreichischen Kronprinzen wurde,

um das Ende der Monarchie einzuläuten,

und

 

 in den unterirdischen Katakomben widerhallte

 

als

 

"I am the God of hellfire

and I bring you...fire!",

 

sodass Angus Young zur Gitarre griff,

"Highway to hell" spielte,

und Chuck Berrys Duck Walk imitierte,

 

im völligen Einklang mit den gemordeten und misshandelten schwarzen Sklaven Amerikas,

aber dennoch herhalten musste als Vorbild weißer Rassisten und Satanisten,

die Black Metal spielten und in Norwegen Kirchen abfackelten,

weil sie sich die Rückkehr Odins und den Sieg der weißen Rasse wünschten,

 

da sie nur noch das Echo der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki hörten,

 

in dem die Stimmen von Goebbels  und Hitler widerhallten,

die riefen:

"Wollt ihr den totalen Krieg?"

und

"Seit 5 Uhr 35 wird jetzt zurückgeschossen!",

 

 

während in Jerusalem 50 Tage nach Christi Tod blaue Flämmchen zu sehen waren,

die sich auf die Köpfe der Jünger setzten,

als Petrus seine Pfingstpredigt hielt,

von denen er wusste, dass es der angekündigte heilige Geist war,

 

 

der selbe Schrei zu hören war als Jesu Ruf nach der Geliebten ,

"Maria Magdalena!"

im Film "Die letzte Versuchung Christi",

 

der in der Begegnung beider im Garten vor dem Grab

zu einem überraschten "Rabbuni!"

und einem besänftigenden

"Sag es jetzt noch nicht."

wurde,

 

sich aber durch das freudige Verkünden Marias

bald wie ein Lauffeuer unter den Jüngern bekanntmachte,

zu einer Freude für das ganze Volk

und den abgewischten Tränen Petri wurde,

 

jedoch bald wegen Unglauben und Blasphemieverdacht

in die Steinigung des Stephanus,

jahrhundertelange Christenverfolgung,

Krieg, Hader und Zerwürfnisse führte,

 

die im Himmel von Maria Mutter aber umgewandelt wurden

in milde Wundsalbe

und gute Worte,

 und die als tröstender Regen

auf die Leidenden und die trockenen Felder niederging,

 

und als Bob Dylans Tränen zu sehen war,

als er in Newport nach den Buhrufen

seine Akustikgitarre holte und

"Mr. Tambourine Man"

und

"It's all over now, Baby blue"

spielte,

 

und

Simon Petrus klar wurde,

was Jesus wirklich aus erstickter Kehle

murmelte, als er vor ihm stand:

 

"Wasser!"

 

***

 

 

 

 

 

Vierter Teil

 

Lovebirds

 

Ein Essay über Stephen King, William Paul Young, Alfred Hitchcock und die Heilung der amerikanischen Seele

 

 

 

 

 

„Misery“, „The shack“, das verletzte Weibliche und die Wiederkunft Christi

 

Ich liebe die Psychologie in Stephen-King-Romanen. Eben, weil er das, was Hitchcock schon machte, auf die Spitze treibt, und dabei zu ganz verblüffenden Ergebnissen kommt. Er schöpft in seinen Romanen aus dem Unterbewusstsein, dem eigenen, und dem kollektiven. Und er macht in seinen Büchern deutlich, woran es in unserer Kultur hakt.

 

Natürlich bearbeitet er das Unbewusste oder Unterbewusste von Amerika aus. Und es geht ihm ja auch darum, das Dilemma SEINER Kultur zu beschreiben. Deswegen ist sein Standpunkt natürlich immer ein amerikanischer, der so nicht überall auf der Welt verstanden werden kann. Aber eigentlich alle verstehen das grundsätzlich Allgemeingültige daran. Das ist immer so bei guten Schriftstellern. Bei solchen, die aus dem Unterbewusstsein schreiben.

 

Man könnte daher vielleicht sagen, dass  William Paul Young mit seinem Buch „The shack“ (Die Hütte), das aus meiner Sicht ebenfalls nur von einem amerikanischen Standpunkt her ganz verstanden werden kann, die „Lichtseite“ dessen repräsentiert, was Stephen King schreibt, und mit seinem Buch in gewisser Weise versucht, das Dilemma und Problem, das King beschreibt, zu einer Lösung und Befriedung zu bringen. Wir sehen allerdings an dem, was in Amerika gerade geschieht, dass ihm das nicht gelungen ist. Es ist bei dem frommen Wunsch geblieben. Die Dämonen in der amerikanischen „Hütte“ waren zu stark.

 

Auch Young schreibt meines Erachtens aus dem „Unterbewusstsein“ heraus, wenn man das über einen Christen überhaupt sagen darf…  In seinem Buch geht es darum, jene beinahe unlösbare „Shackle“ –interessanter Weise gleichklingend mit dem Wort „Shack“ (Hütte) zu lösen, jene Fessel, jenen letzten Link (Glied) der Kette, an die der Protagonist noch gefesselt ist, und an dem einmal die riesige, schwere Eisenkugel gehangen hat, mit der er (symbolisch) als gefangener Schwerverbrecher  im Steinbruch zermürbende Schwerstarbeit tun musste.  („The ball and chain“, die Kette mit der Kugel dran, ist ein beliebtes, nahezu gängiges Motiv in amerikanischen Folksongs). Dass man in der deutschen Übersetzung dieses Buch „Die Hütte“ nannte, in dessen Titel die Doppelbedeutung dieses Wortes nicht anklingt, und damit die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Ort, an dem dieses Seelendrama stattfindet, lenkt, und weg von der Sache, um die es geht, ist irgendwie auch ziemlich typisch deutsch, wenn es um die Übersetzung von Belletristik geht. Deutsche Übersetzer und Verlage sind offenbar mehrheitlich der Meinung, Deutsche würden Bücher nur so  zur Unterhaltung wegkonsumieren, ohne groß auf den Inhalt zu achten.

 

Young versucht in seinem Buch aus meiner Sicht, den Ansatz und die Motive Stephen Kings aufzugreifen, und ähnlich wie er, das amerikanische Dilemma zu beschreiben, es aber zu einer gütlichen und aus seiner Sicht christlichen Lösung zu bringen. Gerade das Darstellen eines Teils der Trinität Gottes als farbige Frau ist, denke ich, für deutsche Leser nicht in derselben Weise reinigend, befreiend und befriedend, wie das für einen Amerikaner sein kann. Während Stephen King in aller Regel die amerikanischen Dämonen vorführt, und den Leser zu einer Begegnung und Auseinandersetzung mit ihnen zwingt, versucht William Paul Young mit ähnlichen Motiven einen Blick auf die amerikanischen Genien zu werfen, auf die „guten Geister“, „The father, son, and the holy ghost“, die Don Mc Lean nach dem Untergang der Hippiekultur schon „the last train to the coast“ nehmen sah. Bob Dylan hingegen war der Ansicht: Dieser „Train“ fährt nicht weg, der kommt erst noch. Und der wird bitterböse, wenn ihr euch nicht endlich bekehrt, und vor allem mal das Judentum wieder integriert.

 

In diesen aufgewühlten, in sich inkohärenten Acker versucht Young wieder „Grund“ zu bringen, indem er einige von Kings typischen Dämonengestalten auftreten lässt und aufzeigt: Sie verwandeln sich in eine gütige Trinität. Young  ging es darum, zu zeigen: Am Ende erweist es sich, dass Gott gut ist, und uns Menschen liebt. Der Protagonist von “The shack“ ist ein typischer King-Protagonist: Ein einsamer Mann, der zur Überwindung eines persönlichen Traumas an einen einsamen Ort fährt. Der dort aber mit ihn herausfordernden Mächten aus der übersinnlichen Welt konfrontiert wird. Aus meiner Sicht ist “The shack“ in gewisser Weise eine Art Pendant zu „Misery“ („Sie“)und in Teilen auch zu „The shining“ . Warum, werde ich jetzt ausführen.

 

In „Misery“ fährt der Schriftsteller Paul Sheldon nach dem Abschluss seiner Arbeit an seinem neuen Roman, den er in einer einsamen Blockhütte in den Bergen fertiggestellt hatte, zurück in Richtung Stadt, um das Manuskript an seinen Verlag zu geben. Paul Sheldon ist damit eine Wiederaufnahme des Protagonistencharakters, den Stephen King schon in Jack Torrance aus „The shining“ auftreten ließ, und der, es fällt nicht schwer, dahinter zu kommen, für einen Teil von King selber steht. Diesmal hat der Schriftsteller die Einsamkeit im Haus in den Bergen gut gemeistert, und seinen Roman fertig bekommen. Was er nicht ahnen kann, ist, dass ihm eine erneute Dämonenbegegnung bevorsteht, die wahrscheinlich Schlimmste. In einem Schneesturm kommt sein Auto von der Straße ab und fällt in einen Abhang hinunter. Die beherzte Ex-Krankenschwester Annie Wilkes rettet ihn und bringt ihn in ihre “einsame Blockhütte“, ein gemütliches und trostspendendes Refugium. Dort bemüht sie sich rührend um den Schriftsteller, der sich bei dem Unfall ein Bein gebrochen hatte. Und dann geschieht das, was auch die einsame Annie wohl nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Sie erkennt, dass der Mann, der da krank in ihrem Bett liegt, nicht nur irgendeiner ist, sondern genau der, den sie sich immer ersehnt hatte, den sie immer einmal hatte kennen lernen wollen. : Den Autor der von ihr so heiß geliebten Misery-Buchserie. Diese Bücher über ein unschuldiges Mädchen hatten ihr in all den schrecklichen Jahren der Einsamkeit nach dem Tod ihres Mannes die Kraft gegeben, weiter zu machen, und die Hoffnung nicht aufzugeben. Die Heldin „Misery“ repräsentiert für sie ihr inneres Kind. Dass ihr Name „Misere“ bzw. „Unglück“ bedeutet, hatte sie nicht wahrgenommen. Als Annie Wilkes ihm das alles offenbart, ist Paul Sheldon beschämt und peinlich berührt. Die Misery-Bücher waren nur eine von ihm ungeliebte Auftragsarbeit gewesen, und er erachtete sie selber als fürchterlichen Kitsch. In seinem zuletzt fertig gestellten Buch lässt er Misery sterben. Er hofft, sich nun ambitionierteren, anspruchsvolleren Werken zuwenden zu können, die seinem Selbstverständnis als ernsthaftem Schriftsteller mehr entgegen kommen. Dass diese Misery alles ist, woran sich diese einsame Frau, die ihn hier so gütig pflegt, noch klammern kann, erfüllt ihn mit Scham. Er versucht, den Inhalt des neuen Misery-Buches vor Annie geheim zu halten, und erwägt sogar, eigens für sie ein Extra-Buch mit einem guten Ende zu schreiben. Jedoch Annie findet das Manuskript und liest es. Und nun entpuppt sich ihr innerer Dämon, den unter anderem die Misery-Bücher immer in Schach hatten halten konnten. Sie wertet den Tod Miserys in diesem Manuskript als Mordanschlag auf sich selbst, ihre Seele und ihr inneres Kind und aus dem von ihr fast gottgleich verehrten Autor, dessen Ankunft in ihrer einsamen Hütte sie gefeiert hatte, wie das Kommen des Heilandes, und den sie sich in ihren kühnsten Träumen schon als ihren künftigen Ehemann vorgestellt hatte, wird für sie nun der Teufel, der Satan und ein unberechenbares Monster, das sich als Zyniker entpuppt, der die von ihr geliebte Misery-Welt, die er selbst geschaffen hatte, „Kitsch“ nennt und ihre Heldin, ihre Kraftquelle, nun mitleidlos literarisch töten will. Annies Maske fällt. Ohne Misery ist sie eine männerhassende Psychopatin, deren ungebremste Hass-und Gewaltimpulse nun nicht mehr zurückgehalten werden können. Sie schnallt Sheldon mit Fixierungsgurten ans Bett, und beginnt ihn, auf fürchterliche Weise zu quälen und zu foltern, damit er das Manuskript umschreibt. Aber auch das reicht ihr am Ende nicht mehr. Dieser Teufelsmann, der Mörder ihrer reinen, unschuldigen Heldin muss auf grausame Weise sterben. Sie sägt Paul Sheldon ein Bein ab. In derselben Nacht gelingt es ihm, die Gurte zu lockern und zu fliehen. Er kommt aber nicht weit. Annie stößt ihn die Kellertreppe hinab. Und zumindest im Buch verwandelt sie sich dann vor Sheldons Augen in das, was sie offenbar in Wahrheit ist. „Die Göttin“, eine übermächtige, mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattete, metaphysische  Frauengestalt, die mehr an die dunkle indische Göttin Kali erinnert, als an die von den Katholiken verehrte Maria Mutter oder Madonna. Dieser ungebremsten, weiblichen Dämonengottesgewalt ist Sheldon nun hilflos ausgeliefert. Nun, da er in Annies Welt vom Gottstatus über den Teufels-und Dämonenstatus zum feindlichen Opfer und zum Müll, den man nur noch mal eben in den Keller schmeißen muss, mutiert ist, ist Annie seine Göttin, die er aber nicht anbeten, sondern nur fürchten kann. Von einer erneuten Begegnung auf menschlicher Ebene mal ganz zu schweigen.

 

Deutsche Leser und europäische Leser generell haben diesen Roman und auch den nach ihm gedrehten Film eher psychologisch und als Thriller wahrgenommen, sozusagen als Fortschreibung von Motiven der Psychoanalyse, die Hitchcock schon in „Psycho“ und „Die Vögel“ bearbeitet hatte, sowie von Kings eigenem Frühwerk. Zumindest im Deutschen ist der Kalauer  möglich, der aus „Die Vögel“  „Die vögeln!“  macht, und damit andeutet, was die Lösung für dieses ganze Dilemma, diese ganze Misere (Misery) wäre. Die von Hitchcock idealisierte, und in „Die Vögel“ von Tipi Hedren gespielte, kühle Blonde (für Hitchcock der Inbegriff von Sexyness, obwohl seine Blonden immer irgendwie frigide wirken…) muss den von seiner (in „die Vögel“ kranken) Mutter abhängigen Mann mit ihren Reizen (in der Filmsymbolik werden diese von zuvor gekauften Sittichpapageien – im amerikanischen Original „Lovebirds“- symbolisiert) weglocken und aus Bodega Bay nach San Francisco entführen. Dies gelingt im Film aber erst nach der bereits eingetretenen Katastrophe, die in Gestalt von von oben angreifenden, hackenden und pickenden Vögeln über die Menschen von Bodega Bay kommt. Erst die Idee, die beiden in einem Käfig gehaltenen „Lovebirds“ freizulassen, besänftigt die anderen Vögel. Dass es hier sowohl um den Umgang mit entfesselten (sexuellen) Trieben, als auch um Kriegsangst (von oben angreifende „Vögel“/Flugzeuge) geht, dürfte klar sein. Ob der 1963 gedrehte Film auch die Rassenunruhen, die Bürgerrechtsbewegung  und das Folkrevival indirekt kommentiert, und unter anderem mit der Benennung von San Francisco schon ein quasi prophetisches Schlaglicht auf die Hippiekultur wirft, wäre zu  hinterfragen. Was aber ziemlich eindeutig ist, ist, dass es hier um die Angst vor dem Weiblichen geht. Es kann nur gebändigt werden, indem es kühl, mit platinblonden, eigentlich fast weißen Haaren, in leicht maskulin wirkender, einengender und spießiger Blazer-und Frauensakko-Kleidung dargestellt wird, und immer kühl-verschnupft auf Körperabstand bleibt. Auch die angreifenden Vögel dürfen keine Falken oder Adler sein, sondern nur Finken, Spatzen und Rotkehlchen, maximal gerade noch Möwen, Raben und Krähen. Bereits für Norman Bates brachte die Ankunft einer brünetten, wilden Schönheit mit langen, offenen Haaren und blitzenden, dunklen Augen in seinem Motel den Untergang. Die prägendste, und in ihren Filmen oft dargestellte amerikanische Erfindung ist halt der Kühlschrank.

 

Amerikaner können in King und seinen Romanen meist aber noch etwas anderes sehen. Nämlich das etwas mutigere und etwas tiefer ins unkontrolliert Dionysische Herabreichen in die amerikanische „Volksseele“, was sich Hitchcock in dieser Form noch nicht getraut hatte. In Stephen Kings Werken spürt man die feuchte Wärme der Louisiana Swamps, die manchmal unterdrückte, manchmal gelebte Voodoo-Praxis der Farbigen, das Unbehagen darüber, wenn Tote nicht im Sinne Christi auferstehen, sondern als wandelnde Leichen und von allen möglichen, dunklen Impulsen gesteuerten Zombies, das Wiederkehren des unterdrückten, geschundenen und mit Alkohol gefügig gemachten und ruinierten indianischen Geistes in dämonischer Form (in „The shining“ ist das pompöse Overlook-Hotel, in dem es im Winter spukt, auf den Ruinen eines alten Indianerfriedhofes errichtet, und Jack Torrance verfällt, wie zuvor die Indianer, einer schrecklichen, ins Gewalttätige mündenden Alkoholpsychose) , und die Erfahrung des Bumerangs der eigenen (Un-)taten, der schmerzhaft zurückkommt (Bei King kommen die Untaten meist in Form von Untoten zurück…).

 

Immer drückt sich in diesen Werken auch die fürchterliche Angst vor einer tatsächlichen Wiederkehr Christi aus. Denn was soll er nach einer so kriegerischen und menschenverachtenden Geschichte, wie sie die USA hingelegt haben, nun wohl mit „Gods own Country“ machen? Für die, die seine Worte angenommen und nach ihnen gelebt haben, kommt er ja als Retter (Saviour…an meine deutschen Landsleute, die immer so schnell mit Sündenbockschlachtungen dabei sind: Eine mögliche Schreibweise von “Saviour“ ist auch „Xavier“!) und König (King!) wieder. Für alle anderen als grausamer, schrecklicher Richter mit dem aus seinem Mund hervorgehenden, zweischneidigen Schwert. Viele Amerikaner (und auch Deutsche) stellen sich das immer noch im Sinne der blutig-martialischen Armageddon-Zeichnungen in Zeugen-Jehovas-Broschüren und Tschick-Traktaten vor, als übersinnlich getriebene, noch schlimmere Version des zweiten Weltkrieges. Was aber, wenn mit dem zweischneidigen Schwert „nur“ die Doppeldeutigkeit von Worten gemeint wäre, die man, je nachdem, ob man sie im Bewusstsein der Sünde und der inneren Knechtschaft oder im Bewusstsein der Gotteskindschaft und Freiheit hört oder liest, als Befreiung oder als Verdammung erlebt, und was, wenn Jesus, was theologisch mehr als wahrscheinlich ist, gar nicht noch einmal als „ein“ Mensch körperlich wiederkehrt, sondern ätherisch, als die Menschen treibende und erfüllende Energie (wie die Bibel schreibt „mit den Wolken“) und dann in Folge dessen sich in vielen verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich manifestiert und verkörpert?

 

Man sollte bedenken: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ In jedem kann uns Jesus Christus begegnen und wir können ihn noch hundert Mal in unserem eigenen Leben kreuzigen, steinigen, beschimpfen, verurteilen und ihn mit abfälligen Gedanken, Bewertungen, Flüchen und Ablehnung bedenken … oder ihn pflegen, im Gefängnis besuchen, ihm die Hand reichen, ihm zustimmen, ihm Liebe geben, sein Freund sein. Mit jedem Menschen, der uns begegnet, bekommen wir diese Chance neu.

 

Gerade deswegen sollten wir uns nicht nur um unsere Brüder, sondern auch um unsere Schwestern und Mütter kümmern und besorgen. Der weibliche Pol und die Frauen haben in der Menschheitsgeschichte oft arge Not gelitten, waren unterdrückt, verfemt, in ihren Rechten und Möglichkeiten eingeschränkt und zum Dasein an zweiter Stelle neben und unter den „Herren der Schöpfung“ verdammt. Gerade in fundamentalistisch-christlichen Haushalten hatten Mädchen oft nichts zu lachen. John Lennon sang nicht umsonst „Woman ist the nigger oft he world“.

 

Es gilt daher nicht nur, mit der Wiederkehr Christi klarzukommen, sondern auch mit der Wiederkehr Marias. Und zwar sowohl in der Form von Maria Mutter, als auch in der Form von Maria Magdalena. Von den bereits im neuen Testament sehr mannigfaltig auftretenden, anderen Marias mal ganz zu schweigen. Und auch eine Susanna, eine Martha und eine Phoebe will bedacht und geliebt sein. Diese eher im Hintergrund agierenden und im (Nacht-) Schatten der „doller auftrumpfenden Männer“ stehenden und in ihren Unterschiedlichkeiten kaum wahrgenommenen Frauen und Frauenurbilder wollen nun sichtbar, sinnlich spürbar und deutlich erkennbar werden. Und eine Magdalena braucht etwas anderes als eine Madonna, eine Judith etwas anders, als eine Sulamith. Und all diese Frauen, gerade auch, wenn sie konkret werden, und nicht urbildhaft, sondern real etwa als Tanja, Tina, Laura oder Svenja vor einem stehen, wollen als echte Individuen erkannt, geliebt und behandelt werden, nicht nur als religiöse oder literarische Abziehbilder, die man sich in die nächste Ausgabe des „Batman und Catwoman“-Paniniheft kleben und mit seinen Kumpels je nach Belieben tauschen kann. Auch eine alte und gebrechlich gewordene Mutter erfordert einen anderen Blickwinkel des nun erwachsenen Sohnes, eine andere Zuwendung und Zärtlichkeit.

 

Dennoch dürfen wir diese Urbilder auch nicht ausklammern. Denn unbewusst lenken und leiten sie uns alle, ob uns das bewusst und lieb ist, oder nicht. Und richtig ergriffen und gelebt können sie auch eine Bereicherung und ein Segen sein, und ein Gradmesser, der Dinge deutlich macht, und an dem Menschen und das Menschliche sichtbar werden, statt einer schablonenhaften Vereinfachung , Schubladierung  und Abklassifizierung von Individuen. Das Weibliche ist verletzt, angeschlagen und in großen Teilen auch sicherlich zurecht rachelüstern und hasserfüllt. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für alles „nur“ symbolisch der Tendenz nach Weibliche, Passive, Sanfte. Wie die Natur, die Tiere, das Klima, die Meere und die in ihren lebenden Tiere, die Behinderten, die körperlich und psychisch Kranken, die Kinder… die Mutter Erde schlechthin… All solche, wie sie Bob Dylan in seinem wunderbaren Song „Chimes of freedom“ besingt (…“the tongues, with no place to bring their thoughts.“).

 

All diese zarten Wesen, die Jesus in seinen Predigten und seinen Taten so geliebt und hervorgehoben hat, und die symbolisiert sind im Marienhaften, im wunderbar seelisch keuschen Weiblich-Göttlichen (seelische Keuschheit ist etwas anderes als körperliche Keuschheit und hat eben nichts mit Verzicht, Selbstbeschneidung und Zurücknahme zu tun, weder sexuell noch in anderen Sinnen oder Bedürfnissen, sondern mit einer unbefangenen, tief gefühlten Empfänglichkeit für das Wunderbare, die nicht auf Naivität, sondern auf Gott-und Weltvertrauen basiert, das wachsen durfte.). Diese Wesen sind zu oft enttäuscht, verletzt, missbraucht und traumatisiert worden, und haben sich in Gestalten wie Annie Wilkes und Norma Bates verwandelt, die ihre Rache an den Männern und am männlichen Pol nur noch mühsam zurückhalten können. Und wenn dann ihre neurotische Hülle und Maske zum Einsturz kommt, kann sich nur noch eine Kali-artige Rachegöttin aus ihnen befreien.

 

 

Diese Dämonin (das verdammte und verleugnete Weibliche, die geschundene Maria) kann aber nur wieder besänftigt und zu seiner ursprünglichen Schönheit und Göttlichkeit zurückfinden, wenn die Amerikaner das europäische Erbe und seine Bilder, sowie die in ihnen schlummernden, kulturellen Kräfte endlich ernst nehmen und ihnen erlauben, gestaltend am amerikanischen „Haus“ mitzubauen. Und zwar nicht als kleine Angestellte und Hilfskräfte, die man danach wieder mit einem Hungerlohn, und womöglich noch mit einem hinterhergeschickten Fluch nach Hause zurückschicken kann, während man dann wieder mit munterem, amerikanischen Sektenevangelikalismus, der das Europäische konsequent draußen haben will, weitermacht, und womöglich das Haus binnen Kurzem erneut zerlegt. 

 

Das Sexuelle muss in Amerika und auch im Rest der Welt endlich wieder aus seiner Dämonisierung einerseits und seiner Vergötzung andererseits befreit werden, und muss da sein dürfen, als das, was es wirklich ist. Weder intellektuell auf Abstand gehalten, wie unter Sigmund Freuds Sezierlupe oder in der sich im Corona-Virus offenbarenden Symbolik-wenn man sie tiefer versteht-ausdrückt , noch als ohne Kopf und jede Hemmung durchexerzierten Wahnsinn wie in Woodstock oder Altamont , wo man versuchte, schneller Sex zu machen, als man es selber bemerkt, und dem Trieb zu folgen, ohne die Triebkräfte dabei zu spüren, und um dieses verblüffende Kunststück zustande zu bringen, vorher einen riesigen Cocktail an Drogen und wilder Dröhnmusik brauchte, der den bewussten und völlig durchneurotisierten Verstand lahmlegt.

 

Wir müssen es schaffen, dem Eros und der Schönheit der Sexualität wieder inne zu werden, ohne sie zu verkitschen oder niedlich halten zu müssen. Ihr Löwe bzw. ihre LöwIN muss brüllen dürfen und Krallen zeigen dürfen, die nicht nur die einer niedlichen „Kitten“ sind. Sie muss bad and black sein dürfen, ohne dafür eine Farbige werden zu müssen. Erst dann, wenn Maria Magdalena ihren achten Dämon, von dem das Neue Testament so in einer klaren Eindeutigkeit nichts sagt, auf den aus meiner Sicht aber in Jesu Gleichnis von der Wiederkehr unreiner Geister Bezug genommen wird, in voller Gönnung und aller ihm gebührenden Schönheit ausleben darf, und zwar im Bett oder auf der Wiese, als vom Mann nicht unterdrückte und reglementierte, sondern als gleichwertig erkannte und behandelte Geliebte (wie das im salomonischen Hohelied der Fall ist) , und nicht in neurotischen und durch die Ablehnung verkrüppelten „Verkleidungen“ als Krankenschwester, Soldatin, Drohnenpilotin oder eisernen Kanzlerin, kann auch Maria Mutter wieder gesunden, und kann sowohl wieder zur echten, unverfälschten Ikone der Mütterlichkeit, als auch zu einer lieben, alten Frau werden, die das Beste für ihren Sohn will und ihn in Güte loslassen kann, ohne zu einer Norma Bates oder Annie Wilkes zu mutieren, die den Sohn noch über den Tod hinaus an ihre missverstandene Mütterlichkeit fesselt (wie in „Psycho“  oder „Die Vögel“ ) , oder ihm, wenn er im Bett liegt, die Gliedmaßen absägt, weil man sich den Wunsch nach Sex mit einem sohnhaften, also unväterlichen und loverboymäßigen Mann nicht eingestehen kann, sich nicht traut, ihm den Penis abzuschneiden, und ihm deswegen die Beine absägt, bzw. in einer echten, unverfälscht mütterlichen, aber deformierten Variante, aus Angst, dem Sohn möchte etwas wie Jesu Schicksal wiederfahren, gleich prophylaktisch den Job der kreuzigenden Römer selbst übernimmt.  Ein Schritt in die richtige Richtung dürfte sein, das salomonische Hohelied endlich wieder als deftige erotische Dichtung begreifen zu dürfen, und Luthers Fehlübersetzung von Sulamith als einer „Rose“ zu korrigieren auf eine „Lilie“. Eine Lilie sieht nämlich eher aus wie eine junge Geliebte, ist schlank, mit einer schönen Blüte ausgestattet, und hat keine Dornen.  Damit wäre dann sowohl zwischen Mutter und Tochter, als auch zwischen Vater und Sohn wieder gebührend und heilsam unterschieden, und man müsste nicht mehr in grenzüberschreitende Vermischungen und Projektionen abdriften. Erst ein Mann, der sich mit seiner inneren Mutter und Schwester ausgesöhnt hat, ist reif für eine „Rose“.

 

Wenn dieses amerikanische Marien-Trauma und Muster nicht durchbrochen wird, wird Amerika auf ewig sein „Woodstock-Altamont“-Ding weiterfahren, Kriege führen und Minderheiten unterdrücken, egal ob mit einem langsamen oder schnellen Zug, mit Raumschiffen von Roddenberry, Lucas oder Disney, in Zungen oder in klarer Sprache, mit Credence Clearwater Revival oder Muddy Waters. Das Ding aus dem Sumpf, der Dämon aus den Louisiana Swamps, kann nur mittels der Zuhilfenahme des europäischen Geistes und Wissens bezwungen, bzw., eigentlich eben nicht bezwungen, sondern verwandelt werden, und vor allem nur unter Einbeziehung und Umarmung des Jüdischen und des Judentums und der Integrierung, Wertschätzung und Gleichberechtigung des weiblichen Pols und der Frauen,  auch wenn diese beiden Fakten Amerikanern und leider auch zunehmend immer mehr Deutschen nicht so besonders gut munden. Es ist nicht nur „Make love, not war“. Man muss auch verstehen, wie Liebe zu Krieg wird, und das Kriegerische in der (körperlichen) Liebe wieder entdämonisieren, gutheißen und ausleben. Dann geht der Stachel nämlich nicht mehr ins Fleisch, sondern wieder ins Loch. Als männlicher Penis in die weibliche Vagina und nicht als Lanze, die in Christi Seite gestochen wird, um zu schauen, ob er schon tot ist. Und Paul Sheldon, Stephen King,  William Paul Young und Patrick Rabe können noch viele Bücher schreiben.

 

***

5. Teil

Night Lily, Tinkerbell and the Tigers

eine Peter-Pan-Geschichte für Erwachsene






 

Zustand des Gekidnappten, während der Kidnapper überall behauptet, er sei das genappte Kid

und abends schmalzig daherkommt und sich mir als mein Diener und Geliebter verkauft

(Outside are the prisoners, inside the free)

 

Ich sitz in einem dunklen Eis

in einem dunklen Sturm,

ich beb vor Geilheit angefixt

in einem dunklen Turm.

 

Sie wollen, dass ich Mörder bin,

zum Menschzerrbild mich machen,

verkaufen Liebe, Weisheit, Sinn,

das Weinen und das Lachen.

 

Sie zittern, weil mein Licht beweist,

das ich am Leben bin,

doch wenn mein Geist nicht Jesus heißt,

dann hau'n sie mächtig hin.

 

Sie bergen ihr Gesicht im Schoß

der Hure Babylon,

der Teufel hält mich, Spiegel bloß

zeigt mich und Gottes Sohn.

 

Und jedes Mal, wenn Luzifer

im Spiegelbild erscheint,

haut jemand zu, trifft mich dabei,

ich stöhn' und Jesus weint.

 

Dann dreht das Glücksrad einmal sich,

es rattert, ich bin frei,

ich schlage zu, ein and'rer spricht,

isst flüchtig Babybrei.

 

Nachts will er mein Geliebter sein,

mein Priester und mein Diener,

doch nicht in meine Hölle rein,

nur in sein Plastikchina.

 

Er kommt in mannigfalt‘ Gestalt,

er sabbert und raubt Leiber,

sagt, er sei ich, der Baum ein Wald,

und Frauen seien Weiber.

 

So klein er auch bei mir begann,

als süßer Kindheitsfreund,

die gute Saat vergalt er dann

mit Wut, die ätzend schäumt.

 

Er lief mit meinen Gütern fort

kam dank dem Club ein Stück,

sie machten ihn zu Judas dort

und ließen ihn zurück.

 

Jetzt tötet er voll Satanswut,

benutzend mein Gesicht,

der Wolfgang geht zum Wolf und grinst,

den Christus sieht er nicht.

 

Ich steh auf einer weiten Straße

im hellen Sonnenlicht,

ich komm in eine neue Stadt,

den Namen kenn ich nicht.

 


Overlook (Indian Summer on a sunny, misty morning)

 

Amerika kroch heut Morgen aus der Spinne,

die Illusion ist unendlich ausgedünnt.

Schwarzes Wasser läuft herab die Regenrinne,

und wir sind doch noch immer, was wir sind.

 

Und Stephen King, er verfeiert seine Rente,

Jack Torrance säuft, und Clown Pennywise ist müd‘.

Und Danny Boy singt die schönsten, alten Lieder,

weil man vom Overlookhotel das Meiste sieht.

 

Und an Wänden jagt mich noch mein alter Schatten,

zählt noch Stimmen, aber sie sind ausgezählt.

Wenn ich ihn anseh‘ dann seh‘ ich, was wir hatten,

nein, es war nicht schön, doch auch das von uns gewählt.

 

Und eigentlich, ja, da waren wir doch Freunde,

und wir suchten angestrengt ein neues Lied.

Doch es wurde schon gesungen, auch vom Feinde,

von jedem, der nur singt, was er da sieht.

 

Und der Wein läuft immer weiter durch die Kehlen,

und nein, ich glaub, man akzeptiert die Wahrheit nie.

Der Teufel greift noch immer nach den Seelen,

die Bess’res wollen, aber partout nicht wissen, wie.


 

Spirit on the highway

 

(To Billie Eilish)

 

Get a free ride, get some free hugs,

everything that pays is free.

And he pays untill the highway,

but the street you take’s for fee.

 

Crazy Cowboys and policemen

pass your car and look inside.

Everybody there is asking,

„Babe, can I get a free ride?“

 

And you show the finger to them,

and they fall into the night,

maybe they have met the same guy,

advertising a free ride.

 

And you’re driving through the desert,

and there’s snow, that’s coming down,

and the Pyramides you see there,

make you shiver, make you frown.

 

And you see a little Motel,

and you hear the mission bells,

and a voice cries out for Mother,

and you know, you don’t feel well.

 

And there’s blood on every  highway,

to New Haven, to L.A.,

and you park the car and listen

to the humming motorway.

 

And you feel the friend within you

And a free ride is for free,

and the enemies are passing,

you are covered, they don’t see.

 

But it’s neither the policeman,

nor the cowboy, nor Norman,

it is no man you have seen yet,

he will do the best he can.

 

 

(References to „Bellyache“ „Hotel California“, „Isis“ „Mama said“, „L.A. Woman“, „Queen of the highway“, „Roadhouse Blues“, „The Road to hell, Part One and two“,  „Psycho“, „Jeepers Creepers“. Don‘t listen to Hillsong melodies, when you can get the sermon on the mount, never lose your fuckin‘ rebellious crazyness, and amongst all the people who use cars, never underestimate the one who‘s walking. Even James Hetfield might tell a story of driving on a highway, seeing the light through dark sunglasses, listening to a voice, saying: „James, use country guitars and Psycho-references“ and pass your best friends with your car, who are walking near the road and waving into your window, but you don‘t see them, for you think, they might be the Policeman out of „Psycho“ and you don’t get, that  YOU’RE  wearing his sunglasses.)

 



Im Gerichtssaal

 

Die Mörder sagten, ich sei gefährlich

und brachten mich einfach um,

die Kritiker, ich sei nicht ehrlich,

und sie machten die Wahrheit stumm,

der Sand sprach, ich sei im Getriebe,

und knirschte mich aus dem Betrieb,

am Wattenmeer traf ich die Liebe,

sie hatte sich selbst nicht lieb.

 

Und da wurde ich so wie ein Wehen

Über Städte und Küsten und See’n,

ich kann dich zwar fühlen im Herzen,

doch ich würde gern neben dir geh’n.

 

Dich halten im Wind unterm Mantel,

dich küssen am Leuchtturm zur Nacht,

doch ich schreibe: „Mich stach die Tarantel,

sie hat mich zum Monster gemacht.“

 

Da kamen die Mörder im Wagen

und holten mich ab zum Gericht,

die Kritiker stellten mir Fragen,

ich wusste die Antwort nicht.

Der Sand rieselte von den Füßen,

und zeugte für mich, wo ich war,

beim Rendesvouz mit meiner Süßen,

zu schützen sie vor der Gefahr.

 

Und da wurde ich so wie ein Wehen,

und ich stürmte im Saal des Gerichts,

nass netzte ich sie, und ein Leuchten

trat ins Schweigen so manchen Gesichts.

 

Und das Mädchen, das dort in der Tür steht,

es sieht mich so liebevoll an,

es sagt mir mit tiefdunklen Augen,

dass die Liebe die Nacht retten kann.

 

Und dann geht sie, sie trägt meinen Mantel,

und ich gehe und trage ihr Licht,

eine Spinne ist ihre Tarantel,

und ein Institut das Gericht.


 

Nachtschattengewächse

(The eagle only flies, when he feels safe)

 

Ach, meine Lilith, flieh doch nicht vor mir!

Ich bin ein weitentferntes, aber gutes Tier.

Nur Länder, Welten, sind zwischen dir und mir,

Du warst in mir, und ich in dir.

 

Es ist ein alter, doch zerbroch’ner Spiegel,

der wieder eins ward, und kein Suppentiegel,

so dunkel, wie uns beiden sieben Siegel,

ein unterm Strauch verkroch’ner, scheuer Igel.

 

Jedoch der Adler, der noch fliegen kann, sind wir,

auf deiner und auf meiner Seite Zieher,

was lockt, ist dort, was lockt, es ist auch hier,

ICH bin der Igel, wenn ich in der Nacht erfrier.

 

„Nachtschattengewächs“ ist, wenn man das Wort auf Menschen anwendet, oft kein Kompliment. Nachtschattengewächse sind jedoch auch die Kartoffel, die Tomate und die Aubergine.  Viele Nachtschattengewächse enthalten Halluzinogene, aber auch heilende Substanzen. Nachtschattengewächse entwickeln ihre Gifte, weil sie sich schützen müssen. Sie haben oft außerordentlich schöne Blüten. Die „Lilie, die unter einem Apfelbaum blüht“ aus dem Hohelied der Liebe von Salomo, ist, denke ich, eines der Bilder für die im Christentum leider oft zu negativ gezeichnete „frühe Braut“: Lilith, Sulamith, Schoschanna. Im Alten Testament ist das sich Zugestehen der erotischen Liebe vor der letzten Hochzeit aber ein ebenso wichtiges Element, wie die „letzte Hochzeit“ selber. Salomo und Sulamith ist es schlichtweg nicht möglich, zu ignorieren, dass „der Weinstock sprosst“. Nicht ohne Grund wird Sulamith als von ihren Schwestern gemiedene, vom Brand der Sonne „schwärzlich gefärbte Frau“ beschrieben. Das Wort „Da kannst du warten, bis du schwarz wirst.“ findet darin seinen Anklang. Ein ehrlicher Christ sollte das nachvollziehen können…


 

Nachtma(h)ria (Sie und Sie)

 

Sie ist hungrig, und sie fragt sich, warum ich nicht zu ihr kam,

was ihr dumpfes Herz kennt, wagt sich aus der Tür, wie’n Opferlamm,

und es rennt die ganzen Wege, weil es sein Zuhause spürt,

sieht die Tiger im Gehege, wo der Pfad vorüberführt.

 

Doch ich selber bleibe zögernd, merke ich auch, wie ich brenn‘,

weil ich von dem dumpfen Herzen auch die Unterseite kenn‘,

die Skorpione und die Hunde, die in seinem Innern ruh’n,

und beim Kuss von diesem Munde schnell ihr übriges dann tun.

 

Ja, ich komm aus einem Stadtteil, der sich immer selbst aufbaut,

und dann wieder fällt in Trümmer, das ist alles mir vertraut.

Und die Spitze seh‘ ich ragen eines Turms, der Flaggen hisst,

aus dem Meer der kleinen Plagen. Kletter rauf: Wirst‘ aufgespießt!

 

In den Schlünden  zwischen ihnen, zwischen ihr und zwischen Ihr,

liegen Land-und Silberminen, schlafend manches wilde Tier.

Und den Weg kann ich wohl kommen, notfalls geh ich ihn auch blind,

doch werd‘ fallend ich genommen, bin im Abgrund ich ein Kind.

 

Und ich bleibe, wo das Meer ruft, salzig mich mit frischem Wind,

denn ich weiß, dort muss sie fliehen, dort tanz ich so wie ein Kind.

Halt die Hände meiner Liebsten, schau mit ihr die Sonne an,

und dann küss ich ihre Lippen, das, was ich verwandeln kann.

 

Sie ist hungrig, und sie fragt sich, warum ich nicht zu ihr kam,

doch ich wohn schon lange in ihr, ich krön‘ sie mit Hahnenkamm,

krön‘ sie mit der wehen Sehnsucht, die sie hin zu mir stets zieht,

und ihr Herz, es schlägt im Süden, und im Norden wird’s mein Lied.




 

Maria der Lebendigen (Da haben die Dornen Rosen getragen)

 

Es gibt kein zurück, bist du einmal gestorben,

kein neuer Glanz mehr, und nie wieder ein Morgen.

Nur warum viele weinen um den, der noch lebt,

und der immer noch so wie die Weinrebe strebt,

einem Lichte entgegen, das die meisten nicht seh’n,

das kann und das werde ich niemals versteh’n.

 

Ihr wählt einen Totentanz und seid am Leben,

ihr müsstet euch nicht dem Gevatter ergeben;

wer sagte euch, Gott mag das Dunkel nicht leiden?

Er hat es geschaffen, als das eine von beiden.

Wer es mir beweisen könnt‘, immer sei Tag,

dem gäbe ich ohne Schwert den Ritterschlag.

 

Doch auch in die Nacht ruf ich: Wo ist die Grenze?

Wo sind denn der Katze neun peitschende Schwänze?

Und wo sieben Leben? Wer das eine nicht achtet,

ist Tags und auch Nachts wie ein Schatten umnachtet.

Ich werf‘ es nicht weg, nur den Müll in die Tonne,

darum sehe ich Nachts wie Tags etwas wie Sonne.

 

Mal wach ich, mal schlaf ich, mal drinnen, mal draußen,

seh‘ Häuser von innen, seh‘ Häuser von außen,

seh‘ Menschen, die leben, seh‘ Menschen, die tot,

und an jedem Morgen das morgendlich‘ Rot.

Und in Oberflächen, da find ich sie nie,

es stimmt nur in der Tiefe, dort ist’s mehr als Chemie.

 

 

Der in Klammern gesetzte „Untertitel“ dieses Gedichtes bezieht sich auf den Choral „Maria durch ein‘ Dornwald ging“.

 



Berliner Morgenstimmung

 

 

In den Wassern, die sich färben,

kann man hinterher nichts erben.

Denn sie sind zum Trinken da,

wenn sie weg sind: Kein Hurra.

Wasser rot, und Mose floh?

Bald starb auch der Pharao.

Wasser rot als Wein so süß?

Jesus spricht: „Komm, und genieß!“

Sonne scheint, die Lüfte knistern,

das Benzin ist in Kanistern.

Streichholz, Feuerzeug und Lunte

hält in Händen eine Tunte.

Aber nur, um was zu rauchen

und zu böllern. Katzen fauchen.

Hunde bellen. Wölfe heulen.

Kalk an Häusern wirft oft Beulen.

In Kanistern ist Benzin.

Himmel ist über Berlin.

 

 

Die Tunte mit der Lunte bezieht sich auf den als Informanten missbrauchten, drogensüchtigen Transvestiten aus „Der Schattenmann“. Das Gedicht hat auch Anklänge an den Film „Christiane F.-Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und an den Song „Hurra, Hurra, die Schule brennt“ von Extrabreit. Es sei hier auch auf deren Song „Die Polizei“ hingewiesen. Und auf die Songs „Deutschland muss sterben“ von Slime und  „Arsch im Sarge“ von Razzia“.


 

 


 

Tee mit Gunther von Hagens und die Unruhe unter Ohlsdorf

 

Die Welt ist verrückt und wird immer verrückter,

sie wird wohl nicht eins, sondern immer zerstückter,

und Frankenstein prüft Dr. Yes.

It’s a mess.

 

Und ich treib mich herum in von Hagens Museen,

und kann in den Ecken Bob Dylan steh’n sehen,

auf der Suche nach Körperteilen,

Seil’n und Beilen.

 

Und in Berlins Gassen, da heulen die Hunde,

und Hitler übt Reden, und plant seine Stunde,

und Boris übt für die Kings Speech:

out of reach.

 

Und ich mag die Mädchen, auch die seltsamsten Pflanzen,

mit Julia möcht ich in Coachella tanzen,

und sing’n von den vorletzten Ding’n:

wird geling’n.

 

Und Grabsteine fall’n im Kulissenwald um,

und dann läuft man kopfüber in Handschellen rum,

doch am nächsten Tag ist Ohlsdorf schön:

Eis essen geh’n!

 

Nicht alle sind Leichen, die man dafür hält. Also mit dem Einbuddeln warten, bis der Zerfall beginnt. Für alle, die an den Naturwissenschaften zweifeln: Wer auf zwei Beinen durch die Gegend geht, lebt eindeutig…

 


Flaschengeist

 

Die Angst vor’m Tod ist Käfern eigen,

sie krabbeln aus den Rinden, wird es Nacht,

und haben sich zum Käferreigen

 aus Menschenhirnen aufgemacht.

 

Aus Trinkerbregen fliegt ein Flatt‘rer,

 als Nachtmahr durch das Zimmer frei,

den Trinker schüttelt nun sein Tatt’rer,

die Seele zeigt ihm, wer er sei.

 

Sie lacht und stürmt, um ihn zu quälen,

und stürzt ihm rächend auf den Kopf,

ein Kind ruft laut „Was tut dir fehlen!?“

Er buckelt raus, nässt sich den Schopf.

 

Im Badezimmer grüßt dilierend

sein Bild, und zeigt ihm: er verfällt,

die Haut schon gelb, die Augen stierend,

 Innen und Außen: Käferwelt.


 

Die Angst vor dem Gehirn

 

Sie fuhren mich im Krankenwagen,

schon festgeschnallt in Dunkelheit.

Sie redeten mit Keckerstimmen,

bald seien sie von mir befreit.

 

Sie wackelten mit ihren Köpfen,

sie waren keine Menschen mehr,

sie fuhren schneller, immer schneller,

durch Dörfer, und durch Stadtverkehr.

 

„Wir ham‘ ihn“, sagte er ins Handy,

diesmal, da schlachten wir ihn gleich.“

Ich zuckte einmal unterm Laken,

da rief er: „Heil dem deutschen Reich!“

 

Sie fuhren rumpelnd über Grenzen,

durch Länder, die ich nie gekannt,

befummelten und schlugen mich,

wenn mich die Spritze übermannt.

 

Und tiefer fiel ich in den Abgrund,

der Pfleger rief: „Patient ist tot.“

Sie waren weit noch von der Stadt,

am Himmel schien das Morgenrot.

 

Und schließlich hielten sie am Wegrand,

der Matsch, er spritzte hoch hinauf.

Sie sprenkelten mit Wahn und Eis mich,

und fraßen meine Leiche auf.



 

Corona Town, where I was born

 

Sweet William came from the west country,

to see his love, you know her,

he kept her name, so deep inside,

and all the things, he told her.

 

But there were soldiers on the way,

who did arrest sweet William,

they tried to get his fair maids name,

 he did tell them a zillion.

 

They hit him badly on the head,

and knocked him down, to lie there,

they laughed, when he crawled to the bed,

and forced him „Tie a tie there.“

 

Sweet William travelled many lands,

when finally they let him.

There still was Grunge beneath his nails,

from reaching down to get in.

 

For she was tortured a floor below,

and he could hear her crying,

his drugs told him, it was’nt so,

but she called loud: „I’m dying!“

 

He saw a petal on the floor

of a sweet red rose blossom,

so noble, precious and divine,

you love them, when you’ve lost one.

 

And he reached down, to get her up,

and put her to his briar,

but they again did beat him up,

and they turned up the fire.

 

And he went naked, as he left,

he knew, that he had saved her.

He ran in and he intervened,

right just before they shaved her.

 

And Barbara and William were

a red rose and a briar,

they grew and grew in the morning dew,

and they survived the fire.

 

This song goes along with the melody of „Barbara Allen“, as Pete Seeger sung it. It tells the story of an eternal love, like the original, and like the song „The briar and the rose“ by Tom Waits.


 


Wo ist die Orange im Uhrwerk?

 

Der Teufel erschafft Leichen,

der Teufel erschafft Leichen,

er richtet mich im Kindergarten,

und wird von mir nicht weichen.

 

Der Teufel fickt Gehirne,

der Teufel fickt Gehirne,

er scheißt mir in den Hals hinein,

und isst den Kopf als Birne.

 

Er kippt tot von der Bank,

er kippt tot von der Bank,

er reihert „Spotz!“ die Birne aus,

weil ihm die Scheiße langt.

 

Er sitzt da wie ein König,

er sitzt da wie ein König,

ich grabbel seine Füße an,

da reihert er ein wenig.

 

Der braune Saft tropft ins Gehirn,

verrostet die Synapsen,

genäht wird mit Gehirnwaschzwirn,

so geht es zu in Klapsen.

 

Dann raus jetzt auf die Straße,

dann raus jetzt auf die Straße,

wir kloppen einen Nigger um,

und sprengen alle Maße.

 

Und dann ran an die Türken,

und dann ran an die Türken,

wir reißen die Schwarzbärte ab,

ünd Küpftücher ünd Bürken.

 

John Trent hinkt um die Ecke,

John Trent hinkt um die Ecke,

„Mächte des Wahnsinns“ werden wahr,

„Oh, Sutter Cane, verrecke!“

 

Da sieht mich jemand an,

da sieht mich jemand an,

zwei Augen, die mich wirklich seh’n,

ganz kurz seh‘ ich den Mann.



John Trent und Sutter Cane sind die beiden Hauptfiguren in "Die Mächte des Wahnsinns". Nicht unwesentlich jedoch ist in dem Film auch die Frau, die bei all den Männereskapaden, die im Wahnsinn enden, auf der Strecke bleibt. Während dieses ganze Gedicht der Teufel dominiert, ist die Figur am Ende ("der Mann") Jesus Christus. Es ist nicht der "Mann, der Leute wegnimmt", aus dem Leadbelly-Song, den Bob Dylan in "Tarantula" thematisiert hat, eher der, den Johnny Cash in "When the man comes around",seiner Paraphrase des Leadbelly-Songs, darin sieht: Jesus Christus.


 



Die Angst vor dem Weiblichen

 

Die Angst vor dem Weiblichen flieht aus dem Abgrund,

läuft durch die Stadt auf der Suche nach Erhabenheit,

nach immer höher ragenden Phallussymbolen,

die immer mehr wie altägyptische,

von Außerirdischen aufgestellte Inkamonolithen aussehen,

und die Abkühlung ihrer Männlichkeit versprechen.

Kirchtürme sind zu warm,

geradezu schon schwul.

Sie drohen mit Herzschlag.

 

Sie rennt in Bäckereien

und kauft immer reineres Biobrot,

trinkt Weißbier nur noch mit Hefe, und ohne Hopfen und Malz,

denn das könnte ja am Bauch ansetzen, und einen zum Nazi machen,

steigt dann auf Wasser um aus immer unverseuchteren Quellen,

ganz ohne Kohlensäure und Mineralien,

weil die ja Steine verursachen könnten,

mit denen man werfen könnte, wenn sie aus der Gallenblase gerutscht sind,

zum Beispiel auf Polizisten,

oder mit denen man ganze Teile der Innenstadt neu pflastern könnte,

weil sie so schön glatt sind,

dass Jugendliche auch ohne Rollerblades und Skateboards dort eislaufen können,

wenn die Alster mal im Sommer nicht zugefroren ist,

und überflüssige Rentner sowieso gleich darauf ausrutschen,

 und sich den Hals brechen,

statt der Elite im Alsterhaus die teuren Parfüms wegzukaufen.

 

Sie hastet zum Gängeviertel,

weil sie sich davon überzeugen will,

dass die linke Gegenkultur noch existiert,

da entdeckt sie dort sterile Memorablien derselben,

aufgereiht wie in einem Museum, während ehemalige Linke,

die man als solche gar nicht mehr erkennt,

in Juppieklamotten in den dahinterliegenden Glasfassadenhochhäusern

in Callcentern und Bürotürmen arbeiten,

um zu rechtfertigen, dass diese überflüssigerweise gebaut worden sind,

und den Linken dort die Möglichkeit zu geben,

getrieben und gefoltert von Werbesprüchen

ala „Komm in die Gänge“,

den sterilen Juppieklamotten

und den Kurzhaarfrisuren,

diese Hochhäuser nicht gesund, sondern ganz legal krankzubesetzen,

Karriere zu machen, die keine wird,

nur ein Stillstand,

und sie damit vor Selbstekel ob ihrer Selbstverleugnung

dazu zu bringen,

das letzte bisschen Punk und 1968

in ihre lieblos aus den den linksradikalen Florastil imitierenden Schrott

gezimmerten Künstlerunterkünfte zu kotzen,

in denen man keine Kunst machen,

sondern nur in der Sterilität von sinnlos aneinandergereihten Gegenständen und Sprüchen

wie

„Die Revolution braucht keine Ästhetik“

verblöden kann, um sich dann in seinen abends wieder angezogenen Punkklamotten

wie verkleidet vorzukommen,

und statt Africola und Einbecker Urbock

Fritzlimo und das verhasste Naziwarsteiner zu trinken,

das es im Kiosk daneben zu kaufen gibt,

danach besoffen im Taxi zur Reeperbahn zu fahren,

während die Sterne Innenstadtillusionen wahrnehmen,

in den Puff zu gehen, dort nicht bezahlen zu können,

zu pöbeln und dann nach Ochsenzoll in die Resoze zu kommen,

von wo aus man gleich zu Scientology umgeleitet wird,

und feststellt, dass man da schon arbeitet,

aufgibt, um nicht zu sagen kapituliert,

und merkt, dass es im Gängeviertel auch noch durchregnet und durchschneit,

und man sich eigentlich gleich einen Schäferhund klauen, und betteln gehen kann.

 

Von diesem Eindruck noch mehr erschreckt,

rennt die Angst vor dem Weiblichen

zurück in ihre heimelige Vorstadt,

aus der sie in der Jugend geflohen ist,

stellt entsetzt fest, dass man dort

ein Würfel-Kubus-Trabantenstadt-Wohnviertel

für in Ochsenzoll und von Scientology verblödete

ehemalige und sehr reich gewordene Karrierepunks

gebaut hat, die dort von der Esoterik des magischen Kubus

in die Horrorwelt von Cube,

und dann direkt in eine unheilbare Quadrophenia überführt werden,

ein Krankheitsbild, das nicht mal Ochsenzoll kennt,

und von dem einen eigentlich nur ein Autist wie Tommy

oder das behinderte Mathegenie aus Cube 1 erlösen kann,

damit man wieder lernt, statt in kubistischen Ecken in Kreisen zu denken,

was man prima beim Mandalamalen einüben kann,

bis man erkennt, dass sie alle nur einen Ring wie in „The Ring“ ergeben,

man nur noch im Kreis und schon dreimal unter einer Leiter durchgelaufen ist,

Quader Quadrolsky neben einem das bayrische Dreamdirndlballett aufgeführt hat und explodiert ist,

man mehrfach bereits von dem ach-so-netten autistischen Mathegenie

zusammengeschlagen wurde,

von der Polizei nackt durch das Wohngebietlabyrinth gejagt wurde,

ohne zu merken, dass das das Heckenlabyrinth aus „Shining“ war,

und man längst als Jack Torrance gesucht wird,

und dann steht man plötzlich vor einem Brunnen, der auch rund ist,

und das schreiende, schwarzhaarige Mädchen kommt raus,

und man kann nicht mehr fliehen.

 

Da sieht man,

dass sie die Angst vor dem Männlichen ist,

und man steht voreinander,

und schreit sich lautstark

in immer größeren Schockwellen an,

bis das Eis zerspringt,

man(n) gemerkt hat, dass das schreiende schwarzhaarige Mädchen aus dem Brunnen

eigentlich ganz nett ist und einen nicht umbringt,

frau gemerkt hat, dass sie das „F“ jetzt groß schreiben, und auch vor das Wort Fuck setzen darf,

und dass der bleiche Mann da vor ihr nicht ihr Missbraucher ist, den sie bei metoo angezeigt hat,

und sie fallen nackt übereinander her

und ficken sich bis zum äußersten Touretteuniversum,

sodass manche „Here comes the sun“ anstimmen,

die Deutschen von Klimawandel

und die Amerikaner von Hörnerschamenen reden,

und die Chinesen und Japaner von einer Reiskristallnacht.

Soviel Mangareis ist noch nie in einer einzigen Nacht gefroren

und kristallisiert in Europas Kühlregale geschickt worden.

Und es brennt ein Feuer,

und Affen tanzen um einen schwarzen Monolithen,

während die wachen Liebenden

in einem schwarzen Fluss

geil stöhnend in ihr unteres Himmelreich fließen.



 

Der Großinquisitor

 

Da stehst du wieder, das lange Gewand

bedeckt deine Scham, und mit deiner Hand

fummelst du fahrig an den Rosenkränzen,

statt, was du wirklich willst, an langen Schwänzen.

 

„Maria!“, rufst du, und ich sehe dich schwitzen,

die Gottmutter denkst du, doch du willst besitzen

die Hure, die stets Magdalena nur heißt,

und in deinem Kopf kreist kein heiliger Geist.

 

„Bekenne!“, keuchst du mit  versabberter Stimme,

„Bekenne die Sünde, mein Kind mir, die Schlimme.

Sonst tu ich dir wieder und wieder das an,

was ich vor Jahren dir schon angetan!“

 

Und in seiner Hand, da entgleist ihm das Kreuz,

er schlägt mich damit, ich lache, mich freut’s.

Der Alte ist fickrig, und nur noch ein Schatten,

den Heiland vergaß er, er will mich begatten.

 

„Oh nein du, nein, diesmal bereue ich nicht!

Nein, diesmal zeigst du mir dein wahres Gesicht!

Die langen Gewänder, sie haben schon Risse,

es riecht durch das Ordinat nach Angst und Pisse.

 

Und immer entflohst du danach wie ein Dieb,

doch ich, ich behielt Magdalena stets lieb.

Und wenn ich über den Waldboden tanze,

und du den Baum tarnst als heilige Lanze,

 

dann spür ich dich modern dort tief im Morast,

es sind nur noch Schatten, die du dort erfasst.

Du brauchst den Talar, und die Uniform,

das Ausweispapier, Gesetze und Norm.

 

Doch das, was du bist, das ist immer dasselbe,

du suchst nach dem Eiweiß, verkleckerst das Gelbe.

Und kannst du mir als Gespenst nicht erscheinen,

tanz ich auf der Leiche dein froh mit den meinen!“

 

Er wird kreidebleich, und er schluckt trocken runter,

kein Hagen hilft ihm mehr, er ruft Siegfried und Gunther,

und noch ält’re Geister, um die Krone zu schützen,

und die Kirche mit Krückpfeilern hilflos zu stützen.

 

„Bet‘ sieben Gebete, du sündiges Kind.

Sonst bist morgen du dort, wo Knochen nur sind!

Sonst bist morgen du dort, wo du mich heut wähnst,

und es brennt jeder Götze, an den du dich lehnst!“

 

Noch einmal erhebt er das Kreuz und schlägt zu.

„Maria, die Hure, die hab ich. Jetzt du.“

„Nein, du hast sie nicht, sie ist frei, und sie fickt,

noch immer ist ihr dies dort draußen geglückt.

 

Wer Frauen nie liebte, ist blind für das Recht,

das die Liebe verleiht, und beim Fick wird ihm schlecht.

Denn Schweiß, Blut und Tränen, die braucht er als Wasser,

und Weihrauch zum Wein, denn sonst wird er ein Hasser.“

 

Da hebt er das Kreuz, stöhnt vor Fettsucht und Braten,

und vor kirchlichem Recht, dass die Pfaffen vertraten.

Sich nicht zu vermehren, das schworen sie wem?

Nicht dem Herren des Lebens, sondern Herrn Unbequem.

Und ich lache, und seh ihn als untoten Reiter,

laufe raus aus der Kirche und sündige weiter.



 

Heimfahrt

 

Ich stoß euch runter, und seh‘ euch zu,  wie ihr fallt,

ich reibe meinen Schwanz an eurem Wienerwald,

ich schlitz euch auf wie Puppen, und ich mach euch kalt,

ich zünde an die Schnuppen, denn ich bin verknallt.

 

Ich fahre mit dem Auto durch die ganze Stadt,

ich seh‘ sie brennen, und ich seh‘ mich satt,

ich seh‘ euch laufen, und ich fahr euch platt,

hier gibt es nichts zu kaufen, jetzt seid ihr schachmatt.

 

Ich ficke meinen Hass in eure Köpfe rein,

ich sehe euch vertier’n, ein jeder Mensch ein Schwein,

seh‘ eure Angst vor Vir’n, ich hau euch eine rein,

wann werd‘ ich endlich ohne euch, und ganz ich selber sein?

 

Ich fahre mit dem Auto deine Auffahrt rauf,

du kommst mir schon entgegen, schnell in frohem Lauf,

du lachst mich an, umarmst mich, nimmst mich so in Kauf,

und schenkst dich. Wie ich deine Küsse sauf!



 

Handyverkehr und Signale aus dem Himmel

 

Ich sitze in `nem Spielsalon und spiele „Dame, Bube“,

ich sitz bei mir zu Hause, hab kein Mädchen in der Stube.

Die Süße ruft mich an aus einer Reichenvilla viel,

sie sagt, es wird geschlachtet in der Mansion on the hill.

 

Sie möchte mich gern dort haben, und gleichzeitig beim Protest,

ich weiß nicht, wo sie ist, sitz zwischen allen Stühlen fest.

Denn sie war stets der Leitstern und der Vogel, der mir flötet,

und sie lockte mich dahin, wo man das Ding dann auch verlötet.

 

Heut tut nur allen leid, was sie aus vollstem Herz getan,

sie rennen rum in Sack und Asche, das kotzt mich wirklich an.

Sie wollen sich nicht kennen und ihr Gegenüber nicht,

nur mich noch bei Bedarf, denn sie erinnern mich als Licht.

 

Doch ich saß schon im Gasthof als Rebell der E-Gitarre,

und ich las dort von dem Typen, der entkam ganz ohne Knarre.

Und ich aß dazu ein Brötchen, und beim Kaffee, den ich nehme,

erfahr ich aus der Zeitung, er heißt Dieterchen Zurwehme.

 

Doch Dieterchen war Dieter, und er war ganz in der Nähe,

wo ich meine Hörner abstieß, und Sex hatte vor der Ehe.

Und er floh vor Polizei und Knast, und wurde doch entdeckt,

er hatte sich ganz ohne Hast im Maisfeld tief versteckt.

 

So ging es auch Fred Stiller, und so ging es Douglas Hall,

man hielt sie für die Mörder, doch sie folgten einem Call.

Ein Jemand rief sie an, ob man ihn sehen will,

mal war’s ein Ruf vom Himmel, mal die Mansion on the hill.

 

Es wusste schon John Lennon: ja, sie ha’m dich gerne da,

sie mögen jeden Trottel, der nicht Karte zahlt, nur bar.

Und sie bringen dir da bei, wie man tötet, und doch lächelt,

wenn du kotzen musst vor Selbstekel, dann wird dir zugefächelt.

 

Und Charley Held und King ziehen tapfer ihre Runden,

King hat das Herz und Held die Apotheker noch gefunden.

Doch was geschah mit ihr, die so verführerisch im Bett?

Jennifer Nitsch, die spielte sie, auch ich fand sie ganz nett.

 

Und kluge Männer sagen, diese Welt sei schlicht vervirt

Doch mich lässt es nicht los, ich denk, sie ist zu Mann-Zentriert.

Und ich sehe Panzer fahren, und beritt’ne Polizisten,

sie jagen Flüchtlinge grad dort, wo wir uns damals küssten.

 

Und mein Herz beginnt zu puckern, und ich rufe deinen Namen,

und ich fand es geil und irre, wie wir in den Träumen kamen,

und ich laufe in ein Maisfeld, und ich geb‘ nur, was ich nehme,

da packt mich grob ein Bulle, sagt: „Jetzt ha’m wir dich, Zurwehme!“

 

 

Vergleiche hierzu meine Übersetzung des Travelling Wilburys-Songs „Tweeter and the monkey man“, die später noch in diesem Buch erscheint. Die „Mansion on the hill“ ist in klassischen Bibelübersetzungen die „Festung auf dem Berg“, heute meistens übersetzt mit „Stadt auf einem hohem Berg“. Jedoch im 20. Jahrhundert begann man unter dem Stichwort „Mansion on the hill“ im Sinne der Wortverschiebung von „Mansion“ von „Festung“ zu „Villa“ oder „Anwesen“, immer mehr die Reichen, die „oberen Zehntausend“ auf dem „grünen Hügel“ zu verstehen, die Elite der Gesellschaft, zu der viele gehören wollten. John Lennon kam schon Ende der 1960er zu dem Schluss, dass sich eine Aufnahme in diese erlauchten Kreise gar nicht lohnt, weil man dort lernt, „to smile, as you kill“ (Lächeln, während man tötet.).

 

Douglas Hall ist die Hauptfigur des Romans „Simulacron 3“ von Daniel F. Galouye, der zweimal verfilmt wurde. Einmal von Rainer Werner Fassbinder unter dem Titel „Welt am Draht“, und einmal von Roland Emmerich unter dem Titel „The 13th floor“. Es geht dort um einen nervösen Computeringinieur, der herausfindet, dass die Welt in der er lebt, auch nur eine Computersimulation ist. Als die Welt „über ihm“ dies spitzkriegt, versucht sie ihn „auszuschalten“. In der Fassbinder-Version heißt er Fred Stiller, offensichtlich angelehnt an den Roman von Max Frisch. Er ist sowohl realitätshinterfragend, ähnlich wie der Buddhismus, als auch eine Systemkrietik an Amerika.

 

Charley Held und King sind die Hauptfiguren des Dieter-Wedel-Klassikers „Der Schattenmann“.


 

Der Atem einer Spinne

 

Die Spinne ist erwacht.

Die Spinne ist erwacht.

Sie tobt durch unsre Zimmer,

und sie fickt uns in der Nacht.

 

Und weiße Leichen, kalt wie Eis,

sie rutschen um uns her,

und reißen uns mit Stotterlauten

in ein Leichenmeer.

 

Und geil, sie wartet dort auf mich,

kommt über mich so dunkel,

und vergewaltigt stundenlang

mein christliches Gefunkel.


Und tief im Keller steht der Kaiser

und stößt uns in den Schimmel,

er wirft `nen Kürbis auf uns runter,

und lacht: „Es ist kein Himmel!“

 

Und fröhlich tanzt er dann im Regen,

und sperrt den Schuppen zu,

und fickt mit steifem Schwanz die Spinne,

sie atmet eisig‘ Ruh‘.


Das Gedicht enthält zynische Anklänge an die Szenen aus "Was ihr wollt", in denen Malvolio (Mal volio= der böse/schlechtgewordene Wille) von dem Narren und Sir Toby das letzte Mal gefoltert und in einen Schuppen gesperrt wird. Der Narr tritt in dieser Szene immerhin als Priester auf. Wer in meinem Gedicht Malvolio, und wer der Narr ist, lasse ich offen. Jedenfalls braucht ein Wille lange, um böse zu werden, und wer am Ende im Regen tanzt und  singt, und "Mit hey, mit ho, in Regen und Wind!" rufen kann, hat es wahrscheinlich irgendwie verdient.


6. Teil

Quader

oder

Nichterklärungen der Jetztzeit, die alles erklären






 

7 Sekunden Zebensleid

 

Nachdem der Dichter

7 als Minuten getarnte Jahrzehnte

im fidelen Dünndarm

einer bananenförmigen Lebenslüge

gebetet, geröchelt und gekalbt

hatte,

 

zerwitscherte er amselgleich

das Zneewittchen seines anselmigen

Traumes

und betrat ratend den Braten

eines vorgeschmorten

 Raumes,

 

der sich als Papalleluniversum

einer Mamamorgana

von Jim Hawkens' Richard Dawkins

entpuppte

und als Stern nach Atheistien schnuppte,

puppengleich aus der Babuschka matrjoschkasierte,

einen Weltfrieden halluzinierte,

der ein Geldsegen von John Lennon beim Pennon

war,

 

zerteilte die letzten Schleier

der Eier

vor seiner unmögligen, mögelnden Vervögelung

und der Wahrgina von Olms

und trat in die Wirklichkeit,

die sich daraufhin beim Untergott Oberflunker über

seine Gehwaldbereitschaft erleichterte

und ihm beichterte,

dass auch sie

nur die dritte Schicht

eines 7stöckigen Traumes

war.

 

***

 

Quader

eine quadratische Quadrophonie in vier Teilen

 

 

 

 

 

 

 

 

für

 

Bob Dylan,

dessen übermütig tanzende Tarantel mich sehr inspiriert hat

 

und

 

Lucas "Lucky" Steiner,

 

ohne dessen Anwesenheit in meinem Leben dieses Buch sicher nicht entstanden wäre.


 

 

Meine Tage sind deine Nächte

Nach einer rauchigen Nacht wachte Quader Quadrolsky gegen sechzehn Uhr in seinem unordentlichen Zimmer auf. Berge von benutzter Wäsche türmten sich in der Osthälfte seiner Wohnstatt, während in der Westhälfte ausgetrunkene Flaschen mehrerer Alkoholika sich den Platz teilten mit vollgeaschten Aschern und dicken Manuskripten.

Quader griff nach einer Whiskeyflasche und nahm einen tiefen Schluck. „Guten Morgen, Lady Whiskey!“, raunte Quader mit seiner tiefen, rauhen Stimme, die weniger an Tom Waits erinnerte, als vielmehr an ein erkältetes Eichhörnchen, „Heute mach ich Studien für meinen neuen Roman!“

Quadrolsky wollte einen Naturroman schreiben, daher inspirierte er sich nur mit unnatürlichen Substanzen. Zunächst, um entspannt draufzukommen, setzte er sich einen Schuss Heroin. Um dennoch bei Bewusstsein zu bleiben, balancierte er seinen Gehirnstoffwechsel mit etwas Koks und Speed aus. Ein Silberreiher flog über den See in Quaders Wohnzimmer, Grillen zirpten und die Kuh auf seiner Toilette muhte herzhaft. Das Schleuderprogramm zeitigte vollen Erfolg.

Ein Diplomat mit grünem Schädel brachte Quader sein Telefon: „Herr Quadrolsky, ihre Freundin ist dran.“ Quader riss dem Diplomaten den bumsfidelen Apparat aus der Hand und murmelte sirenengleich in die Muschel: „Muschi, komm so gegen einundzwanzig Uhr, dann kann ich deine Elvira verwöhnen, äh, du weißt ja, was ich meine!“ Quadrolsky warf das Telefon aus dem Fenster und schob sich zwei Scheiben Knäckebrot in den Hintern, denn er mochte dieses rauhe Gefühl. Es stimulierte ihn sexuell, und das brauchte er jetzt. Er wollte über Bienen schreiben. „Honig ist Bienenkotze…“, murmelte er. Ja, das war ein idealer Anfang für seinen Roman. Quader zog sich nun gänzlich nackt aus und vollführte ein paar Luftsprünge im Wohnzimmer. Dann jonglierte er ein bisschen mit Sammeltassen.

Neulich war er bei seiner Tante Erdmuthe zu Gast gewesen, aber das nur am Rande.

Quader bestieg linksfüßig einen Heißluftballon und flog über die schleswigmeckleniedersächsische Landschaft. Heißa, das wird der beste Nahtürroman seit Fontanes „Wanderungen durch die Marx Brandenburg“. Quader frohlockte gleich einem Kibitz und stieg nach dreieinhalbsekündiger Fahrt aus dem quietschorangen Taxi aus. Er war in New York, 5th Avenue West. Am Straßenrand kauerte Bob Dylan und blies den Wind durch seine Mundchaotica. Er sah Quader scheel in die Augen und sang: „Ich akzeptiere das Chaos, aber ich weiß nicht, ob es mich akzeptiert.“ Quader zahlte seine Rechnung an einen niederländischen Clown und stieg in ein Wasserbad, um seine Eier hart zu kochen. Denn seine Freundin Elvira bestand darauf. In weichgekochten Eiern könnten noch Salmonellen oder andere Lachsprodukte schlummern.

Nathan der weiße Neger Wumtata stimmte einen Jazzschlager an, worauf sich die Tanzfläche füllte. Sieben Giraffen und drei Rehe führten einen Balztanz auf, aber da sie alle weiblich waren, entstand dabei kein Nachwuchs. George suchte seinen Dabbeljuh, er hatte ihn in einem Bush verloren. Knallgelbe Gurkentiere meierten um die Wette und der letzte musste den zurückgebliebenen Schaum aus der Bierflasche schlürfen.

„Moment.“, ließ sich Quader vernehmen. „Zeit für ein erotisches Intermezzo!“

Muschi und ihre Elvira Minka waren mittlerweile in seinem Appartment aufgetaut. cht. Elvira zog sich ihren Oberkörper aus und liebkoste mit sündigem Klingeln Quaders Ohrmuschel. Muschi rieb sich derweil am Kratzbaum, was Quader sehr stimulierte, wenn auch mehr prophylaktisch. Elvira schob ihre Nebenniere apart in Quaders Apparat, was ihn nahe an einen Organismus brachte, den er jedoch gekonnt noch sechseinhalb Millisekunden hinauszögerte, um ihn organisch organistisch Oregon um die Ohren zu orgeln. „Danke, Elvira, das hab ich gebraucht.“ „Und wer denkt an mich!“, jammerte Elvira, „Du denkst doch immer nur an deinen Kunstscheiß!“ Damit schnappte sie sich Muschi und ging ins kölnisch Wasser. Quader goss noch etwas Natronlauge hinterher, damit auch keine Spuren von ihrer Leiche blieben.

Traurig starrte Quader aus den Fetzen seines Zimmerfensters. Was sollte er ohne Elviras Muschi anfangen? Er beschloss, einen traurigen Liebesroman zu schrauben oder vielleicht ein feucht-fröhliches Waldraumabentower. Nachts könnte er sich mit Scherlogg Holmes ins Pendragon einloggen und König Arthurs Tafelrunde über Eck ins Tor scheißen. Mehr Lin inklusive. Fragte sich nur, woher er soviel Apfellimonade herkriegen sollte, obwohl Avalon ja schließlich die Äpfelinsel war.

So langsam ließ die Wirkung des Speeds nach und Quader Quadrolsky beschloss, ins Brett zu gehen. Nur echt mit zweiundfünfzig Zehen. Oder Feen. Er seufzte. Heute war wieder ein sehr erfüllter Tag gewesen. Einer dieser Tage, an denen man den guten Rad neuerfinden konnte, vielleicht sogar blauerfinden konnte.

Quader Quadrolsky hielt sich an einer verglimmenden Zigarettenkippe fest und schief langsam eins zwei drei vier fünf weöjtlmsfgkrgjkörgök rgö krhgk lhgklr3ghlrghlghlrghrlghlrgtlhriigo4thio4ri4kkiffn

Liebe Macht’s Möglich. Ab morgen in drei Farben in ihrem Lidl.

 

 

 

Knie nieder, Sklave!

oder

Geschmackloses an Chilisauce

 

 

Kasimir  "Klippe" Rastorf war einer der besten Regisseure seiner Zeit.  Er rauchte gerne große Zigarren, denn er hatte einen kleinen Jonathan und wollte durch diese Zigarren den Frauen suggerieren, dass dem nicht so wäre. Er arbeitete wie ein Tier, genauer gesagt wie ein Gürteltier, denn er ließ sich stets gefesselt mit einem Gürtel zum Set bringen. Gefesselt von Jean Brunft, seinem Herrn und Meister.  Jean löste die Fessel um "Klippe's" Körper, jedoch die Hundeleine um seinen Hals behielt er stets fest in seiner zarten Hand. Jean war ein ungemein femininer Bengel, jedoch "Klippe" war ihm hörig. Die Leine war zehn Meter ausfahrbar, damit "Klippe" am Set genügend Auslauf hatte.

 

"Radio Pumpf" hieß der Film, den sie gerade drehten. Er handelte von einem verbotenen Sender während der Schmidtlerzeit. Dieser Sender war über den Volksbenebler empfangbar gewesen und hatte Propanganda für Propangras gemacht. Was die Leute von Radio Pumpf nicht wussten: Sie leisteten Schmidtler und seinen Mannen damit einen Bärendienst, denn das Propangras zogen die sich selber rein.

 

Wie auch immer: "Radio Pumpf" war eine Groteske und die Blätter hatten schon im Vorfeld viel gewindet, ob man überhaupt Grotesken über die Schmidtlerzeit drehen dürfe. Rastorf war das egal. Er hatte die größten Schauspieler seiner Zeit für diesen Film engagiert: Heino Zwerch (2 Meter 90 groß) und Martin Bobelkranz (10 Meter 48,22 groß).

 

Kasimir Rastorf lief mit jenseitig verschieltem Blick übers Set und brüllte mit Zwerghamsterstimme Befehle in eine Flüstertüte.

 

Da trat Mario Mohl von hinten an ihn heran, jener gefürchtete Filmkritiker, der schon "die Buschrommel" von Nathan Wigelmicks zerissen hatte. Er hatte Wind davon bekommen, das Rastorf sich allerhand, manchmal auch allerfuß und in seltenen Fällen auch allerleirauh durch die Nase zog und sagte im Tonfall eines jüdischen, schwulen, behinderten Negers zu Rastorf: "Lassen sie uns doch den Drehtag beenden und folgen sie mir ins Cafe Arschengel. Dort wird erstklassiges Mehl angeboten."

 

Natürlich willigte "Klippe" ein, denn er war ohnehin kein besonders ehrgeiziger Regisseur. Ob der Film jetzt oder in 20 Jahren fertig wurde, war ihm egal, schließlich hatte die Welt auch ein Millennium lang auf "Chinese Democracy" gewartet.

 

Jean Brunft, die Hundeleine und "Klippe" folgten Mohl zu seinem Trabi, in dem bereits Kaudia Kiffer, Kaudia Nohrab und Kau-Dia Vortrag mit ihren 65 Dezipeln saßen. Gemeinsam fuhren sie zum Cafe Arschengel, der bekanntesten Sado-Maso-Kneipe der Stadt.

 

Während der Fahrt bekam Rastorf Durchfall. Das kam öfter vor. Er tauschte mit Jean die Hosen, denn dieser liebte "Klippes" Dung.

 

Im Arschengel setzten sich die drei Männer auf einen nackten Studenten, der hier als Stuhl fungierte und bestellten vier Flaschen radioaktiven Schaumwein. Die vierte Flasche war für "Klippes" halluziniertes Alter Hugo namens Egon Balder, der bekanntlich gerne mal einen nachkippte.

 

Nachdem unsere sympathischen Freunde schon reichlich verseucht waren, begannen sie sich das  Mehl durch die Ohren zu ziehen, und "Klippe" entfernte sich die Kopfhaut. Das machte er immer so gegen 28 Uhr, weil er wusste, dass Jean dadurch erregt wurde. Jean verstand den Wink seines Sklaven, nahm ihm die Kopfhaut ab und zog sie sich wie eine Strumpfmaske übers Gemächt.

 

Jetzt liefen 10 Nacktschnecken in den Saal und führten das Bavarian Dreamdirndlballett auf und ab.

 

Dicht gefolgt von seiner Muschi Elvira hüpfte nun, voll auf Braunkohle, Quader Quadrolsky durch die Menge. Er blieb vor dem Tisch der drei Filmspezis stehen und fragte kurz zugebunden: "Habt ihr 'n bisschen Koks? Zum Verheizen, wisst ihr. Meine Wohnung ist so kalt."  "Na klar!", entgegnete Jean Brunft und füllte 30 Millihektar von Rastorfs mittlerweile getrocknetem Dung in dessen Kopfhaut und drücke diese Quadrolsky in die Hand. "Danke, Kumpel!", rotzte dieser rhabarbermäßig und hüpfte Richtung Toilette.

 

Die Filmcrew wollte sich eben wieder dem köstlichen Mehl zuwenden, da begann es unterirdisch zu dröhnen und zu beben. Das Arschengel erzitterte in seinen Grundfesten. Die bayrischen Nacktschnecken flogen quer über die Tanzfläche und bedeckten diese mit rosa Schleim. Das Dröhnen übertönte alle Gespräche. Da brach ein U-Boot aus dem Boden hervor. Die Luke öffnete sich und ein kleines, schnurrbärtiges Männchen schaute heraus. "Ihr seid erobert!", rief es mit schnarrender Stimme. Mario Mohl sprang auf: "Das...das ist Wudolf Schmidtler!", rief er ungläubig. "Ich dachte, der wäre längst tot!"

 

Der als Schmidtler bezeichnete stellte sich auf sein U-Boot und drehte sich herrschaftlich. "Sados, Masos, Römer, hört mich an! Ich bin nicht tot, wie die öffentliche Propanganda behauptet. Ich habe unter dem Meer auf der versunkenen Insel Hyperboare-Ey überwintert und mich mit Propangras jung erhalten. Jetzt ist die Zeit gekommen, da ich diesen Staat wieder übernehme und das goldene Zeitalter einläute, auch bekannt als "Arsch d' Ohr"!  In diesem Moment machen meine Mannen alles dem Erdboden gleich. Aber beruhigt euch: Sado-Maso-Kneipen und vegane Restaurants werden verschont. Ich bin doch einer von euch!"

 

Jubel brandete auf. Draußen auf den Straßen verwüsteten die Schmidtlerhorden alles, was nicht niet-und nagelfest war und überrannten in 5, 45 Minuten den gesamten Erdball. Daraufhin begann die neue Schmidtlerzeit, die genau 1000 Jahre und 3 Sekunden dauerte. Danach zog Schmidtler sich mit seiner Frau Loki in einen Bungalow am Stadtrand zurück und kommentierte das Weltgeschehen in der von ihm herausgegebenen Zeitung "Breit". Im Jahr 20300 gab er ein denkwürdiges Fernsehinterview bei Sandra Maischberger, in dem er 80000000 Zigaretten rauchte und dazwischen 7,88 Worte zur politischen Lage in Stussland verlor.

 

Da "Klippe", Jean und Mario sich ab Schmidtlers Machtübernahme immer von Propangras ernährt hatten, waren sie zu der eben angegebenen Zeit immer noch am Leben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sitzen sie in irgendeinem Darkroom, um sich gegenseitig ******* (zensiert, da judengefährdend).

 

Wer alle in dieser Geschichte auftauchenden Zahlen addiert, durch 2858395969547696847,5 teilt und daraus die Quersumme errechnet, hat das Recht auf einen kostenlosen Angezogenenputzer und freien Zwei-oder Dreitritt im Cafe Arschengel.

 

Knie nieder, Sklave und suche mein Propangras!

 

(...und nein: ICH BIN KEIN NAZI!)

 

 

 

Dakota Bildung

Scheißende Hausfrauen verwandeln jedes Internetforum in einen Sandhügel. Rolls Royce raucht eine und haut seiner Katze auf die Kippe. Im Dunkeln glühende Augen machen eine Schiffsreise nach Amerika, verfahren sich am Kamener Kreuz und schauen mal kurz bei Jesus rein, der einen katholischen Andenkenladen betreibt. Wer noch was zu sagen hat, wird Präsident, der Rest ist Schweiger mit Didi Hallervorden zu hallervörderst durch den Hirnhonig gezogen. Marzel the Parcel gibt eine Party im Holundergarten, niederträchtige Henry Millers meiern ihren Eiersaft, kein Stieraußerirdischer vertilgt eine Kuh am Sonntag. Sonntags ist das verboten. Nur Jesus würde dieses Gebot brechen, der er ist die Erfüllung der Schrift.

Meine eigene Rolle in diesem Spiel war die eines Berichterstatters. Ich kaufte mir ein Haarsieb und zehn zahme Taranteln, die in einer Streichholzschachtel das Nussknackerballett tanzen konnten und machte mich mit Unmengen Pfeifentabak auf nach New York. Dort wohnte ich in der Nähe des Central Parks im sogenannten Dakota Building. John Lennon war vor diesem Haus erschossen worden und Rosa Polowsky hatte Roseromans Baby hier gedreht, das Haus stand im Ruf, vor paranormaler Aktivität nur so zu strotzen.

Ich bezog meine Wohnung im ersten Stock und machte mir eine Kanne grünen Tee. Ich wollte eben das erste Stück davon essen, da klingelte es an der Tür. Ich öffnete. Draußen stand ein graumelierter Herr mit Goldrandbrille. „Guten Tag, ich bin ihr Nachbar, Romunald Runkelbarg. Ich wollte sie zu mir und meiner Frau zum Tee einladen.“ „Tut mir leid“, sagte ich, „Ich habe keine Zeit, muss hier bei mir eine Tasse Tee trinken.“ Während ich das noch sagte, erinnerte es mich frappant an eine Kurzgeschichte von Patrick Rabe, an deren Ende der Protagonist, der immer die Einladungen seines Nachbarn ausschlägt, in der Psychiatrie landet, und so beschloss ich, mich umzuentscheiden, und auf das Angebot einzugehen.

In Runkelbargs Wohnung war es ziemlich dunkel, überall hingen Bilder von scheißenden Hausfrauen und Papstwitzen auf Kloschüsseln, die Frau meines Nachbarn sah aus wie Didi Hallervorden, und mich beschlich bald der Verdacht, dass ich hier gefickt werden sollte, um den Sohn des Satans auszutragen. Also schenkte ich den Beiden Rheinwein ein. „Sie wollen, dass ich den Sohn des Satans gebäre, nicht wahr, Herr Runkelbarg?“ „Offengestanden: ja.“, sagte dieser unumwunden. „Natürlich nur, wenn es ihnen nichts ausmacht.“ „Naja“, druckste ich, „Eigentlich wollte ich hier ein Buch über das gesellschaftliche Leben in New York schreiben und da wäre mir eine Schwangerschaft eher lästig, aber wenn sie unbedingt wollen… na gut! Aber ich möchte von dem Fickvorgang nichts spüren. Könnten sie mich also bitte vorher betäuben?“ „Na klar!“, lächelte Romunald Runkelbarg warmherzig und seine Frau Didi zwirbelte ihren Brustbart.
Die beiden flößten mir einen Bommerlunder ein und ich fiel in einen hundertjährigen Schlaf.

Als ich wieder aufwachte, waren die Beatles bereits berühmt und ich erkannte, dass John Lennon mein Sohn war. Meiner und Lucys. Stolz wie Ottokar verfolgte ich alle Stationen ihrer Karriere, rasselte bei ihrem Auftritt vor den Royals mit meinen Juwelen, stürmte im Shae Stadium die Bühne, brachte sie als Wolfgang Niedecken verkleidet mit Marihuana in Berührung, stand auf dem Seargeant Pepper Album als Aleister Crowley Modell und rief die Polizei, als sie auf dem Dach von Apple Records spielten.

Runkelbargs Rechnung war aufgegangen. Ich hatte nicht nur eingewilligt, den Sohn des Satans auszutragen, ich verfolgte auch noch stolz seinen Werdegang. Dabei war meine Mutter eine katholische Nonne gewesen! Als die Beatles sich trennten, überlegte ich, mich John zu offenbaren, und ihm seine Weltmission zu unterbreiten. Doch Didi Runkelbarg kam mir zuvor. Sie lud John und seine Hexenfrau Yoko ins Dakota Building auf einen Bommerlunder ein. Daraufhin fiel John in einen hundertminütigen Schlaf, und als er wieder aufwachte, war ihm schlagartig klar, dass er der Antichrist war. Er lief zu einem See und brüllte die untergehende Sonne an: „Warum ich!?“ Jedoch bald hatte er sich auf seine neue Rolle eingestellt. Er schrieb Balladen wie „Imagine“, die Himmel und Hölle leugneten, verherrlichte Drogen, beschwor seinen Vater in „Bring on the Lucy“ und tat auch sonst ne Menge, um Jesus zu bekämpfen.
Ich dachte mir nichts dabei und lebte weiter mein sorgloses Leben. Eines Tages jedoch, als ich so durch Whiskonsin pendelte, und zwar als Whiskeyverkäufer, der bei alten Frauen ungünstige Wasseradern und Erdstrahlen wegpendelte, kam ich bei einem katholischen Andenkenladen vorbei. Ich schaute rein und siehe, dort stand ein langhaariger, bärtiger Mann mit Jesuslatschen, der mich freundlich ansah. „Hallo, du verirrte Seele!“, begrüßte er mich, „Willst du einen Bommerlunder trinken?“ „Ach nee, lass man, damit hab ich schlechte Erfahrung!“ „Naja!“, sagte der Ladenbesitzer freundlich, „Du warst tierisch lange auf dem falschen Dampfer, mein Freund! Hast einfach so’n Beatle in die Welt gesetzt, und der ist noch nicht mal von VW! Ich könnte dir helfen, das auszubügeln. Ich hab hier `nen netten Assistenten, Mark Chapman heißt er. Den könntest du mit nach New York nehmen und ihm zeigen, wo der Antichrist wohnt. Er wird ihn dann erschießen. Das, lieber Freund, ist ein Angebot, welches du nicht ablehnen kannst. Es geht um dein Seelenheil! Und, wenn du noch einen Tipp haben willst: Lass das Whiskeysaufen und Pendeln!“

Ich verbrachte den restlichen Tag mit In-der-Nase-popeln und überlegte mir das Angebot des Ladenbesitzers. Schließlich entschloss ich mich, einzuwilligen. Immerhin ging es um mein Seelenheil und den Weltfrieden. Ich und der überaus scheue Mark Chapman, der ständig in Salingers „Sänger mit Streptokokken“ las, machten eine Schiffsreise nach Amerika, verfuhren uns am Kamener Kreuz und fassten Heidi von hinten an die Schultern.

In New York angekommen zeigte ich Mark den Weg zum Dakota Building, vor dem er sich bewaffnet postierte. Ich schlenderte durch den Central Park. Plötzlich stieg brennend das schlechte Gewissen in mir hoch. John war doch mein Sohn! Wie konnte ich ihn verraten!? Und das nur wegen meiner Seele und so’m Piss-Weltfrieden! Eilends lief ich zu Johns Studio und warnte ihn. Er dankte mir und floh. So war er auch endlich Yoko los. Mark Chapman wartete die nächsten hundert Jahre vor’m Dakota Building auf John Lennon, bekam ab und zu von Romunald Runkelbarg und Didi Hallervorden einen Bommerlunder rausgebracht und wurde bald eine New Yorker Attraktion. Runkelbarg behauptete, Chapman sei eine von ihm angefertigte Skulptur mit dem Titel „Der Wartende“ und bekam dafür den Bildhauernobelpreis verliehen.

John Lennon war mittlerweile nach Palästina geflohen, hatte in Jerusalem das Jerichosyndrom gekriegt und sich für die Jungfrau Maria gehalten. Er nannte sich von da ab Lady Madonna und gründete 1948 den Staat Israel, in dem er Zwanzig Minuten vor Christus von den Römertöpfen gekreuzigt wurde.

Ich? Ich bekam einen lukrativen Job als Berichterstatter des „Propangandablattes“ in Schmidtlerdeutschland und verbrachte meinen Lebensabend damit, jede Menge Drogen zu nehmen. Mit 82 Jahren fand ich die Weltformel, hielt sie aber für ein weggeschmissenes, benutztes Kondom und warf sie in den Müllschlucker. Aber, im Vertrauen gesagt, ich weiß noch, wie sie ging. Und ich werde sie euch jetzt verraten, auf dass ihr alle erleuchtet werdet.


Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaalso:


Bob Dylan ist der einzige Mensch, der die Wahrheit kennt. Und Frank ist der Schlüssel zu seinen Songs. Viel Spaß beim Suchen!

 

 

 

Homoheterosexuelle Nachtkakophonie

 

Quader Quadrolsky erwachte. Es war Nacht. Eine Nacht so finster wie ein Arschlocheisenbahntunnelmitabfahrtsmumie. Quadrolsky wusste, dass er heute seinen Homoheteropapagenogelüsten  im vollen Umfang frönen wollte und zog sich eine Pfeife Pot rein. Dann kleidete er sich in seine Polizeiuniform und rief seine 28 Sklaven zusammen. Schwanzwedelnd und hechelnd krochen sie vor die Füße ihres Herrn. "Leckt den Staub vom Boden!", befahl Quader. Die Sklaven taten wie ihnen geheißen. Mit ihren geilen Zungen rotteten sie millionen Milbenstämme aus. "So!", bellte Quader herrisch, "Wollt ihr nun die Bergpredigt hören oder Krieg und Frieden?" "Krieg und Frieden, Krieg und Frieden!", winselten die 28 Sklaven, denn ihnen grauste vor der Vorstellung, dass sich Quadrolsky wieder in Jesus verwandeln könnte, wie in so manchen verhängnisvollen Nächten. Also holte Quader seine Perücken, Kleider und Uniformen und rezitierte auswendig, verkleidet und mit verteilten Rollen Tolstois Werk. Das machte ihn glücklich und nahm eine ganze Menge sexuelle Spannung von ihm. Nun ließ er Maggilutsch und Tantrafix vortreten, seine transsexuellen Sklaven. Er befahl ihnen, sich in Omas zu verwandeln, die mit seiner Modelleisenbahnanlage durch sämtliche Erdlöcher fahren sollten. Als sie völlig verschmutzt von ihrem Trip wiederkamen, duschte Quader sie mit seinem Sabber und krönte sie zu Königen des Pastinakenlandes. Sklave 8 und Sklave 9 mussten sich nun Märchenbücher nehmen und diese an exakt den Stellen, wo Hexen vorkamen, vollscheißen. Danach trockneten sie diese Scheiße und bastelten ein Knusperhäuschen daraus. Alle Mann/Frau tanzten um das Haus und sangen: "Die Hex ist tot, die Hex ist tot, die böse alte Hex ist tot!"

 

Da kam aus dem Nebelhorn an Quaders Wand ein Luxusliner gefahren mit Kaudia Kiffer und ihren 1000 Dezipeln darauf. Sie zog sich ihre Brüste aus und warf sie zu Quader herüber. Dieser zog sie sich erst an und dann durch die Nase, während Kaudia sich eine Gurkenmaske aus Schlehensperma aufsetzte. "Wal, da bläst er!", rief der tausendste Dezipel mit 99,2 Dezibel. "Ja!", lachte Quader, "Mein Dick ist wieder voll Moby Oil!" Und nun kam die weiße Wahl durch die Wand geschwebt, seitlings geschultert von Herkules 12 Arbeiten. Nachlässig aufgebahrt in Kokswittchens Glassarg, vor dem alle Sklaven und Dezipel niederknieten und "Old lang syne!" furzten. Faust und seine Mütter kamen fistend in den Raum gelaufen und brachten Quader einen Guten-Morgen-Tee, den sie zusammen mit Me Fist To, dem chinesischen Sex-Minister in Quaders Toilette urinierten. Nun wurde eine Runde Lachgas verteilt und alle rissen sich gegenseitig die Nasen ab, um zu demonstrieren, dass Karneval vorbei war (was also bedeutete, dass man die Nasen daraufhin aufaß, weil Fleisch ja wieder erlaubt war). Da erschien Nasi Goreng, der chinesische Nasenminister auf dem Plan und schimpfte ganz fürchterlich. Wie man unschuldige Nasen einfach abreißen und verspeisen könne. Er würde sofort Beschwerde bei Am-nas-ty International einlegen. Daraufhin bekundeten alle Anwesenden Reue und kotzten die Nasen wieder aus. "Das ist Kotze,  das sind keine ganzen Nasen mehr!", keifte Nasi Goreng. "Na ja", bot Quader an, "wir können ja wieder Nasen daraus plastizieren!"  Nasi stöhnte und riss sich in der Mitte durch, weil er seine eigentliche Mission (der Königin Kind zu holen) wieder nicht erfüllt hatte. Quader schüttelte sich: "Hey, Sklave 4, iss diese rumpelstilzigen Überreste auf!" "Was?", protestierte dieser, "Quader, du hast doch 'ne Meiwes!" Also kehrte Kaudia Kiffer Nasi Goreng einfach unter den fliegenden Teppich, damit der kleine Muck ihn zu Winnie Puh ins Hundertmorgenland bringen konnte.

 

Nun rief Quader seinen Nachbarn Bobinger an, der ein 1a Wolfskostüm besaß. "Ey, Bobinger, bring bitte mal die Wolfsnummer, wir brauchen das jetzt!" Bobinger zog sich sein Wolfskostüm an und klopfte an Quaders Tür. "Kleines Schwein, kleines Schwein, lass mich ein!" "Nein, nein ,nein!", intonierten Quader und sein Sklavenchor. "Dann rase ich und blase ich euer kleines Häuschen um!" "Mach doch, mach doch!", grunzten Quader und die Sklaven. Da saugte Bobinger Quaders Wohnungstür in seine Nüstern und stürmte herein. Die Sklaven rannten herum wie die Irren. Quadrolsky lachte sardonisch. "So, Bobinger!", sagte er, "Und nun schlachten wir eins nach dem anderen!" Die "Schweine" hatten bereits die Flucht ergriffen, stürzten sich zu Hauf wie die Lemminge über Quaders Balkon und zerklatschten auf dem Asphalt.

 

"Geschafft!", lachte Quader. Er entledigte sich seiner Polizeiuniform und Bobinger streifte das Wolfskostüm ab. Darunter trugen sie edle Sakkos und Schlipse. "Gut", sagte Bobinger distinguiert, "Wo waren wir in unserem philosophischen Exkurs stehen geblieben?" Quader runzelte die Stirne: "Ich glaube, bei der Bedeutung der Wiederkehr des ewig Gleichen bei Nietzsche." "Ja, Dr.Quadrolsky, sie haben Recht!" Bobinger entzündete eine Pfeife mit gutem Tabak, Quadrolsky folgte seinem Beispiel mit einer freudianischen Zigarre und sie sinnierten den Rest der Nacht über Nietzsche und seinen Zarathustra. In den frühen Morgenstunden rezitierte Quader für Bobinger noch die Bergpredigt und verwandelte sich in Jesus, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

 

 

Außerhalb des Quaders

(drei Minüttchen später)

 

Ein Satyrspiel ohne Satyre in Prosa

 

 

 

 

Der Deal

 

Der Hauptpfarrer von St. Betri, Abromeit Hakenhoch, freute sich. Endlich hatte seine Kirche eine neue Orgel. Sie erstrahlte silbern und golden im Glanz der in der ganzen Kirche aufgehängten Kronleuchter. Es würde ein schönes Weihnachten werden. Trotz Corona und aller widriger Umstände. Er hatte es geschafft. Denn er hatte es verstanden. Man musste mit der modernen Zeit gehen. Irgendwann hatte er angefangen, die von allen als „Verschwörungsvideos“ gebrandmarkten Dokumentationen auf Youtube anzuschauen, denn ihm hatte schon lange gedämmert, was so grottenschlecht war, musste eigentlich gut sein. Gab es dazu nicht auch irgendein spirituelles Gesetz? In den Sprüchen? Oder im Buch Kohelet? Und in irgendeinem dieser Videos hatte ein freundlicher, rothaariger junger Mann, der eigentlich genauso aussah wie Jesus, es gesagt: „Man muss den Deal mit der Hure machen, denn eigentlich möchte die Hure Liebe.“ Fasziniert schrieb er sich diesen Satz auf. Das hatte ihm eigentlich immer schon eingeleuchtet. Und nach langen, zergrübelten Nächten nach endlosen Sitzungen in St. Betri, wo er und der Kirchenbeirat verzweifelt versuchten, rationale Gründe für Corona zu finden, und die Schließung von Hamburgs Hauptkirche abzuwenden, hatte er plötzlich die Erleuchtung. Er musste einen lukrativen Deal mit irgendeinem Unternehmen eingehen, um wieder auf der Höhe der Zeit zu sein. Denn dann würde er den Hamburger Bürgern zeigen, dass er begriffen hatte. Man musste die Hure lieben, ihren Wein trinken und sich rückhaltlos dem Konsum ergeben. Dann hatte man die Bibel richtig verstanden.

 

Mit zittrigen Händen schlug er seine „Gelben Seiten“ auf. Völlig willenlos vom Eiligen Geist geführt tippte er mit dem Finger auf irgendeine Stelle in dem Branchenbuch. Es war die Nummer von dem Turnschuhhersteller Mykey. Da spielte plötzlich ein Lachen um seine Mundwinkel. Na, klar. Alle trugen doch jetzt die völlig irren Turnschuhe ohne Socken darin. Zwar schoss ihm schnell noch der Gedanke durch den Kopf, dass deswegen vielleicht auch so viele junge Leute erkältet waren, aber man musste ja auch den sexuellen Aspekt daran sehen. Und dann fiel es ihm ins Auge. Der Name der Turnschuhfirma entschlüsselte sich…im wahrsten Sinne des Wortes. Mykey. My Key. Mein Schlüssel. Und irgendwie auch Mikie. Der süßekleine Mike. Und der Erzengel Michael. Da zuckte plötzlich ein Blitz am Himmel auf und Hakenhoch spürte es wie ein elektrisches Knistern im Kopf. Er würde Hauptpfarrer im Michel werden, wenn er den Deal mit Mykey eingehen würde.

 

Er zog sein Smartphone hervor und wählte die Nummer von Mykey. Ein Anrufbeantworter ging ran. „Beep. Hier ist die Kundenabteilung von Mykey. Wenn sie einen Kundenberater sprechen möchten, sagen sie bitte „Äh“, oder drücken sie die 1. Wenn sie ein Produkt von Mykey bestellen wollen, sagen sie bitte „Uh“ oder drücken die 2. Wenn sie Fragen zu einem Produkt von Mykey haben, sagen sie bitte „Huahh“  oder drücken sie die 3. Für alle anderen Bedürfnisse und Fragen, drücken sie gefälligst die 6.“ Abromeit war schon ganz schwindlig vor so viel sinnloser Info. Er drückte die 6. Eine freundlich vor sich hinplätschernde Musik ertönte. „Bitte warten.“, sagte eine zuckersüße Frauenstimme. Das ganze ging ungefähr 10 Minuten lang, während Hakenhoch außerordentlich unruhig durch das Zimmer trippelte. Schließlich brach die Musik urplötzlich ab, und eine hohl klingende Männerstimme sagte: „Ihr Anliegen, bitte.“ Hakenhoch war aufgeregt. „Hi..hi…hier ist der Hauptpfarrer von St. Betri, Abromeit Hakenhoch. Ich möchte gerne mit Kirchengeldern die Firma Mykey aufkaufen und erkläre mich im Gegenzug bereit, nur noch in Turnschuhen zu predigen, in jeder Predigt Produktwerbung für Mykey zu machen und mich in meinen Predigten auf ihre Werbespots, anstatt auf die Bibel zu beziehen.“ Das Band summte irritiert. „Wir haben ihr Anliegen nicht verstanden.“ schnarrte eine in Bits und Bytes zerfallende Computerstimme. Hakenhoch seufzte. Diese ganze Computerisierung war irgendwie wirklich nicht das Gelbe vom Ei. „Äh.“, sagte er, „Ich möchte gerne für Weihnachten ein riesiges Werbebanner von Mykey für die St. Betri Kirche, wo eine Weihnachtskrippe drauf abgebildet ist, vor der alle Krippenfiguren Turnschuhe und Mykey-Stirnbänder tragen und den Mykey-Gruß machen.“ Urplötzlich knackte es in der Leitung, und ein Mensch war am anderen Ende. „Guten Tag, Herr Hakenhoch.“, sagte er. „Verstehe ich sie wirklich richtig?“ „Ja.“, sagte Abromeit. „Ist mein voller Ernst. „Ähem, Herr Hakenhoch, ich muss sie aber darauf aufmerksam machen, dass ein Unternehmen wie Mykey ein Heidengeld kostet.“ „Das ist okay.“, sagte Hakenhoch. „Von den Heiden nehm ich ja auch Kirchensteuer. Das kommt schon alles wieder rein.“ „Gut, Herr Hakenhoch.“, sagte der Kundenberater. Dann machen wir das. Ich stelle sie mal hoch in die Chefetage von Mykey.“

 

Tage später. Freudestrahlend verkündete die Kanzlerin, dass der Lockdown doch noch vor Weihnachten beendet werden könne. Ein Wunder sei geschehen, und der Himmel habe eingegriffen. Es sollten nur möglichst viele Menschen an Weihnachten in die Hamburger St. Betri-Kirche gehen.

Die nächsten zwei Wochen war immer strahlender Sonnenschein, Eis und Reif lagen wunderschön glitzernd auf den Straßen und Dächern und in der Stadt wurden übermäßig viele weiße Tauben gesichtet. Von der St. Betri-Kirche hingen riesige Mykey-Banner herunter, auf denen die heilige Familie, das Jesuskind, die Hirten und die Könige mit Turnschuhen, Sportsweatern und Joggingstirnbändern zu sehen waren.

 

Abromeit war stolz. Er hatte die Welt gerettet. Es war Heilig Abend. Abromeit hatte sich vor Freude schon ordentlich einen hinter die Binde gegossen, seinen besten Anzug, seine Mykey-Turnschuhe und sein Stirnband angelegt. Es würde ein Wagen von Mykey kommen, und ihn abholen. Fröhlich lächelnd faltete er das Predigtblatt zusammen, denn er würde die Predigt diesmal wieder völlig altmodisch vom Blatt ablesen, weil er so aufgeregt war. Dann klingelte es draußen. Der Wagen war da. Ein elegant angezogener Mann öffnete. „Guten Abend, Herr Hakenhoch, und frohe Weihnachten. Ich bin ihr Fahrer, Grimald Ott. Das dort ist meine Frau Satana Sarumsa.“ „Wie bitte, heißt ihre Frau? Satana?“, fragte Hakenhoch. Er glaubte, sich verhört zu haben. „Nein.“, sagte Ott leutselig. „Natürlich nicht Satana. Santana.“ „Oh.“. Hakenhoch blieb der Mund offen stehen. „Wie der berühmte Gitarrist. Aber ist das nicht eigentlich ein Nachname?“ Kaum merklich verzog sich der Mundwinkel des Fahrers. Dann öffnete er galant die hintere Tür des Wagens. „Sie haben doch sicher nichts dagegen, neben meiner Frau zu sitzen, Herr… Hakenhoch?“ „Nein…“. Abromeit begann, sich mulmig zu fühlen. Dennoch stieg er mit Frau Sarumsa, die offenbar orientalischer Herkunft war, nach hinten ins Auto. Sie schnallten sich an, und fuhren los.

 

„Gut, dass wir sie bei uns haben, Herr Hakenhoch.“, sagte Grimald Ott. „Äh.“, murmelte Hakenhoch.

„Meine Frau und ich sind nämlich Sozialhilfeempfänger. Jahrelang waren wir beide auf Hartz 4 und haben 1 Euro-Jobs gemacht. Zudem war es sehr demütigend für mich und meine Frau, dass ihr Name immer falsch ausgesprochen wurde. Sie heißt nämlich doch Satana. Aber das ist in Gasolien ein ganz normaler Name.“ „Kennen sie das Land?“, fragte Frau Sarumsa. „Als Pastor kennen sie das ja bestimmt.“  „Uh.“, sagte Hakenhoch. Er hatte von dem Land noch nie gehört. Aber er wollte ja auch keine Migranten beleidigen. „Das ist irgendwo zwischen Persien und Pontus, nicht wahr?“ „Nein.“, sagte Grimald Ott ungehalten. „Das ist irgendwo zwischen Rasmus, Pontus, dem Schwertschlucker und dem Persilschein neben Auschwitz.“ Abromeit wurde es unbehaglich. „Verzeihung, Fräulein Sarumsa. Wo ist denn dieses Land genau?“. „Frau Sarumsa.“ verbesserte die Orientalin den Pastor. „Mein Mann und ich sind verheiratet, aber haben getrennte Namen. Gasolien liegt irgendwo zwischen Bezinien und Zyklonien. Kurz vor Vergasien. Aber die Aussprache ist ein Dialekt. Eigentlich heißt es Verg-Asien. Wir gehören dort zur Religion der Dusch-Kopten.“ Der Wagen rumpelte über ein Schlagloch. „Huahh!“, rief Abromeit erschreckt. „Er hat das Stichwort gesagt.“ Ott grinste diabolisch. „Ja.“, sagte Satana. „Die dritte Ansage, die man auf den Anrufbeantworter von Mykey sprechen muss, um weiterverbunden zu werden.“ „Na, dann. Haken hoch, Adolf!“, schrie Ott wie von Sinnen und drückte aufs Gas. Satanas Augen drehten sich nach oben wie die einer Besessenen, und hasserfüllt kreischte sie: „Ab in die Hölle!“. Das Auto raste in eine Unterführung und Satana zog ein Messer hervor. Immer wieder stach sie voller Irrsinn und unter lautem Triumphgelächter auf Abromeit ein. Die Lichter in der Unterführung waren das letzte, was er sah. Dann fuhr der Wagen aus der Ratzhauspassage hervor und raste auf die St.-Betri-Kirche zu. Krachend donnerte er durch die Mauern und hielt auf die Kanzel zu. Ott drückte auf einen Knopf. Abromeit Hakenhoch wurde per Schleudersitz aus dem Auto befördert und landete auf der Kanzel. Alle waren gut vorbereitet. Unter lautem Geschrei warfen sie Mykey-Turnschuhe gegen die Kanzel. Dann hissten sie eine Hakenkreuzflagge und ließen Gas in den Raum strömen. Irgendjemand schnipste ein Feuerzeug an und warf es in die Menge. Mit einer gewaltigen Explosion flog die Kirche auseinander.

 

Draußen , nachdem sie, ohne dass ihnen etwas passiert war, stehenden Fußes auf dem Bürgersteig gelandet waren, holte Satana Sarumsa eine Zigarettenschachtel hervor. Grimald Ott gab ihr Feuer. „Ja.“, sagte er beglückt. „Da sind wir doch wieder mal auf unsere allseits beliebte Art zwei Konkursfirmen auf einmal losgeworden.“ Er zündete sich auch eine Zigarette an. Zwei Fliegen, die auf ihren Mänteln gesessen hatten, schwirrten davon. „Feuer.“ räsonierte Grimald. „Fliegen können das nicht ab. „Es ist der Rauch, Schatz“, berichtigte ihn Satana. „Ja. So wird es sein.“, sagte Grimald. Er hasste diese Besserwisserei. Kurz ging Grimald mal wieder der Gedanke durch den Kopf, dass er sich wohl für die falsche Frau entschieden hatte.




Damals war es nicht Friedrich

 

Es war ein grauer Januarmorgen des Jahres 1986. Friedrich packte zuhause seinen Aktenkoffer zusammen. Es war eigentlich mehr eine Aktentasche, eine schwarzlederne. Sie sah eher altmodisch aus, und wurde von den meisten von Friedrichs Kollegen verlacht. Aber das war Friedrich egal. Er wollte mit seiner ledernen Aktentasche auch gegen die eckigen Plastikkoffer der meisten seiner Kollegen protestieren. Er arbeitete in einer Resozialisierungsmaßnahme für psychisch Kranke, an einem der damals neumodischen Computer, um ihn für die Büroarbeit zu schulen. Eigentlich war er Altsprachler und hatte einmal Lateinlehrer werden wollen, aber da war ihm einiges dazwischengekommen. Vielleicht wäre er auch lieber psychedelischer Rockmusiker geworden, aber das traute er sich schon gar nicht mehr zu denken. Jedenfalls fand er sowohl diese hochtrabenden Yuppie-Bürokoffer, als auch die Nadelstreifenanzüge und die Krawatten seiner Kollegen eine einzige Selbstverleugnung und eine willenlose Anpassung an den Zeitgeist. Immer wieder freute er sich über sein flauschiges Cordjackett und seine schöne, angenehm duftende Ledertasche. All das gab ihm ein warmes, heimeliges Gefühl.

 

Friedrich war ein Linker, der Anfang der 70er Jahre noch mit vielen seiner Generation auf den Straßen gegen die Aufrüstung und den Vietnamkrieg protestiert hatte, und der sich zu den Hippies zählte. Er glaubte an eine bessere Welt, an Umarmungen auf der Straße, an die kosmische Liebe und an Jesus Christus, auch, wenn das unter seinen meist marxistischen Komillitonen nicht so gern gesehen war. Und er rauchte gerne mal einen Joint. Irgendwann im Jahr 1973 war er versehentlich statt auf einer Friedensdemo bei einem Aufmarsch gewaltbereiter Kaninchenzüchter und Robbenschlachtungsbefürworter gelandet, und, weil er vorher mit LSD eingeriebenes Gras geraucht hatte, war er etwas ausgeflippt und hatte mitgeprügelt. Daraufhin war er verhaftet und tagelang verhört worden, unter anderem darüber, was er über weitere Mondlandungspläne der Sowjets und Amerikaner wisse. Nachdem die Polizeibeamten zweifelsfrei geklärt hatten, dass es sich bei Friedrich um einen Linken handelte, der Cream und Bob Dylan hörte, und der sogar einmal Andreas Baader ganz kurz auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte vorübergehen sehen, schlugen sie ihn nach Strich und Faden auf der Wache zusammen und sperrten ihn in eine der Einzelzellen. Als Friedrich nachts jedoch ziemlich erbärmlich schrie, kamen sogar diese routinierten Beamten auf die Idee, dass die Schläge auf den Kopf, die sie Friedrich mit ihren Knüppeln gegeben hatten, vielleicht nicht so gesundheitsförderlich für ihn gewesen waren. Sie riefen einen Polizeiarzt an, der gut 7 Stunden später auch kam. Er untersuchte Friedrich, stellte schwere Prellungen am Kranium und mehrere Gehirnerschütterungen fest, und riet den Beamten, Friedrich gehen zu lassen. Murrend sagten die beiden Diensthabenden, dass es sich bei Friedrich um eine möglicherweise gefährliche Person handele. Der Arzt sprach ein Machtwort: „Wir können als deutscher Staat nicht allen unseren intelligenten Studenten immer auf die Köpfe knüppeln. Das wird sich irgendwann rächen.“ Draufhin nähten die Beamten Friedrich in aller Schnelle noch eine Ortungssonde in das Futter seiner Hosentasche ein und fuhren ihn auf Staatskosten nach Hause.

 

Am nächsten Morgen ging Friedrich wie gewohnt in die Uni, merkte aber plötzlich, dass er nicht mehr wusste, wer er war, und was er hier wollte. Seine Profs und Kommillitonen waren zutiefst erschreckt und schickten ihn zum Arzt. Dieser vermutete erst eine Dementia interuptus (Spontandemenz), dann einen Abusum Schmusum (zu heftig sexuell aufgeladenes Friedensumarmen auf einem Be-In), und schließlich eine Nasa Interstasiasa (von russischen Winterviren hervorgerufene Nasennebenhöhlenentzündung, die aufs Gehirn gedrückt habe). Auf dringenden Rat des Arztes wurde Friedrich in die Psychiatrie eingewiesen. Dass dieser Arzt (Dr. med.Dr.phil.Dr. dent.Dr.Dre A.Postel) eigentlich suspendierter Postbeamter und ein stadtbekannter Schwindler war, kam erschwerend hinzu.

 

In der Psychiatrie kehrten zwar Friedrichs Erinnerungen zurück, diese wurden ihm aber als schizophrene Paranoia ausgelegt, denn es gäbe ja nur nette Polizeibeamte, und auf den Straßen werde nicht demonstriert, sondern spazierengegangen. Außerdem gäbe es keinen Grund, an den Vordiagnosen des sehr bekannten und hoch vertrauenswürdigen Dr. A. Postel zu zweifeln. Das seien zwar alles neue Diagnosen, die man noch nicht so genau kenne, aber an diesem „honorigen Kollegen“ könne es keinen Zweifel geben, und diesen Zweifel zu erwägen, sei „respektlos, renitent und uneinsichtig, und würde zudem auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und massive Probleme mit Autoritäten hindeuten“, was man Friedrich dann bei seiner Entlassung auch noch zusätzlich in den Arztbrief schrieb.

 

So kam es, dass Friedrich zu einem von Wiedereingliederungsmaßnahme zu Wiedereingliederungsmaßnahme tingelnder Mensch wurde, der zusehends mehr Zweifel an und Wut auf den deutschen Staat hatte, als noch in seiner Studentenzeit, und damit auch immer bereiter dafür wurde, sich wirklich an einer Revolution zu beteiligen. Aber das erzählte er niemand.

 

An jenem Januartag hatte er jedoch ungewöhnlich gute Laune. Er hatte sich an seinen alten Freund Paddel erinnert, der einmal für ihn den Antiwetterfühligkeitssong „Grauer Tag, den ich so mag“ gedichtet hatte, und mit dem er viele schöne Erinnerungen verband. Am Abend vorher hatte er sich in die Lektüre von George Orwells „1984“ vertieft, und darin tatsächlich eine beinahe prophetische Beschreibung der Situation der 80er Jahre entdeckt, obwohl das Buch schon 1948 geschrieben worden war. Es ging um in einem Überwachungsstaat roboterartig arbeitende Büromenschen, denen Gefühle und vor allem Liebe verboten war, und um einen Büroangestellten, der sich trotzdem verliebt. Es erinnerte ihn auch ein bisschen an den Roman „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess. Wie er erfahren hatte, würde heute, am 28. Januar 1986, die Raumfähre „Challenger“ ins All starten, was er und seine Kollegen sich am Bildschirm eines Computers ansehen wollten. Das war zwar nicht ganz legal, weil einer der Kollegen dafür eine Computerverbindung  zur NASA und zur CNN herstellen musste, und es solche Bildübertragungen auf Computerbildschirmen ja offziell damals angeblich noch gar nicht gab, aber sie hatten dort in Friedrichs Büro ja keinen Fernseher, und Friedrichs Kollege war ehemaliger Angestellter eines deutschen, wissenschaftlichen Institutes, und hatte sich rückversichert, dass er das dürfe.

 

Schwungvoll betrat Friedrich das kastenförmige, graue Büro. Alle seine Kollegen aus der Wiedereingliederungsmaßnahme waren bereits um den Bildschirm in der Raummitte versammelt. Friedrich setzte sich. Freundlich reichte Janusz Josolz Schosolz, ein langhaariger Pole, der immer behauptete, in der Psychiatrie hätte man ihm einen Phantasienamen verpasst und ihm diesen offiziell in den Pass eingetragen, einen Kaffee. Auch Andy Ann Reas, der sich damals in einem zähen Ringen mit den Behörden befand, ihn endlich als beidgeschlechtlich eintragen zu lassen und Peter Pa Casetti, der immer wieder steif und fest behauptete, dass er bis vor wenigen Monaten noch immer unter dem Namen Peter Pasetti die Erzählerstimme auf den „Drei ???“-Kassetten eingelesen habe, sahen voll Spannung auf den Computerschirm. „Weißt du was?“, sagte Peter, „die arbeiten zur Zeit an einem neuen Computerprogramm für einsame Singles, das sich mit ihnen unterhalten können soll. Es soll „Alex und Alexandra“ heißen und mit den Stimmen von Peter Alexander und der Sängerin Alexandra sprechen.“  „Naja“, grinste Friedrich, „Wer braucht denn sowas. Es gibt doch Menschen.“ Just in diesem Moment kam die schöne, dunkelhaarige und glutäugige Maria Mesmereiser Moesulalie herein, die immer eine elektrisch knisternde, funkensprühende und auf manche Männer magnetisch wirkende Stimmung im Büro verbreitete. „Hey, Jungs, was geht denn, was steht denn?“, fragte sie mit ihrer samtigen und dennoch neckischen Stimme. Janusz klopfte dreimal auf den Tisch. Das war das verabredete Zeichen für den dann obligatorisch erfolgenden, gemeinsamen Spruch. Die Männer holten tief Luft, dann riefen sie wie aus einem Mund: „Manches ab, manches steif!“ Friedrich, der wie immer den richtigen Einsatz verpasste, verzog die Mundwinkel. Er fand diesen Spruch unendlich abgeschmackt und chauvinistisch. Außerdem war er sehr in Maria verliebt, und litt darunter, dass sie andauernd mit allen ins Bett ging, nur mit ihm nicht. Diesmal merkte sie es jedoch sofort. „Hey, Mr. F. Willst du heute mal mein Fucker sein? Heute ist doch Freitag, der Feiertag der Forellenesser. Das ist dann dreimal F. Wär doch passend. Und du bist doch frei wie’n Fickfisch!“ . Friedrich wurde rot. Ja, er liebte Maria. Aber ihre zwanghafte Angewohnheit, in Stabreimen zu sprechen, fand er schon etwas nervtötend. Dennoch griff er kurz hinter sich und erhaschte ihre warme und angenehm feuchte Hand. „So, nun ist Schluss mit den Zoten. Das Programm beginnt gleich!“. Zonrad Zahnrad Zuse, der ehemalige wissenschaftliche Angestellte, den alle hier nur „Zonrad aus der Zonservenbüchse“ nannten, weil er aus der ehemaligen Ostzone kam (aus Ostberlin, um genau zu sein), trat hinter Friedrich und langte zum Computer herunter. „Wie war nochmal das Passwort?“, fragte er. „Krieg mich!“ grinste Maria schelmisch. Zonrad, der mit seinen 65 Jahren hier der Älteste war, und nicht mehr so auf Sexabenteuer stand, grummelte vor sich hin: „Wie üblich. Die Moesulalie. Mesmerisierend wie immer.“

 

Mit flinken Fingern tippte er das Passwort in die Tastatur. Ein Sichtfenster ploppte auf dem Bildschirm auf und gab den Blick frei auf die opulente „Challenger“. Sie war bereits am Starten und der Countdown lief. „5, 4, 3, 1, zero…Ignition! Shutdown.“ , sagte die verzerrte Radarstimme. Da sprang Friedrich wie von einem Geistesblitz getroffen auf. „Was?“, rief er, die sagen beim Countdown ‚Ignition‘? Das heißt ‚Heiligung‘!“ „SHUTDOWN!!!“ rief die Radarstimme plötzlich ganz laut. Und zwar direkt aus dem Lautsprecher an dem Computer in dem Wiedereingliedrungsbüro.  Auf dem Bildschirm erschien überlebensgroß das Gesicht eines NASA-Mitarbeiters. Maria kreischte entsetzt, Janusz drehte seinen Kopf von rechts nach links, Andy rief erst mit Männer-dann mit Frauenstimme „Heilige scheiße!“ , Peter begann hektisch, die Dreifragezeichenmelodie zu summen, und Zonrad gab ein laut zischendes, entsetztes „Zasssssss!“ von sich. Friedrich fiel der Kaffeebecher runter. Der Mann auf dem Bildschirm erschrak ebenfalls. „Who the hell are you!?“ rief er mit heiserer, bellender Stimme. „Er kann uns sehen…“ murmelte Janusz fassungslos. Friedrich, der noch unter Schock stand wollte wahrheitsgemäß „Friedrich“ antworten, hatte aber noch Maria und das Passwort im Kopf, öffnete den Mund, und stammelte „Krieg mich!“ „Kriegslist?“, fragte der NASA-Mitarbeiter erschrocken, und drehte sich zu seinem neben ihm sitzenden Kollegen um. „He said the word ‚Kriegslist‘. I guess, the germans are planning a war again.“ „Jesus!“, rief dieser erschreckt. „Er hat mich erkannt!“ entfuhr es Janusz. „Ich hab doch immer gewusst, dass ich Jesus bin!“. Der NASA-Mann starrte angestrengt auf seinen Bildschirm. „This long haired guy here on the other side just said, that he was Jesus.“, sagte er aufgeregt und hektisch zu dem neben ihm Sitzenden. „I knew it from the start. At some time we would touch heaven with our flights into space. This whole programm is a sin. We gotta stop this right now!“ Wütend holte er aus und zertrümmerte mit der geballten Faust das Schaltpult vor sich. Im selben Moment gab es einen gewaltigen Knall. Das Bild wechselte. Die „Challenger“ war explodiert und stand in Flammen. Im selben Moment gab der Computer des Wiedereingliederungsbüros einen kleinen Blitz von sich, und der Bildschirm implodierte. Urplötzlich sprang ein Radio, das auf einem Regal stand, an. Dröhnende E-Gitarren ertönten. „Hey, hey, hey, hier kommt Alex! Vorhang auf für seine Horrorshow!“ sang Campino von den Toten Hosen, und das Radio kippte vom Regal. Auch eine Uhr und eine Orange plumpsten herunter und landeten auf dem Boden.

 

Schreiend liefen alle Mitarbeiter nach draußen. Hektisch rannten sie die sieben Stockwerke des Bürogebäudes hinunter und liefen auf die Straße. Draußen herrschte ein einziges Chaos. Menschen rannten wie aufgescheuchte Kaninchen durcheinander über die Gehwege und auf die Straßen, Autobremsen quietschten, und am Himmel kreisten Polizeihubschrauber. Friedrich stolperte vorwärts. Er rannte genau in einen Polizeibeamten hinein. „Halt!“, rief dieser. „Wie heißen sie? Können sie sich ausweisen?“ Friedrich war bleich wie ein Käsekuchen geworden. „Kriegslist.“, stammelte er. „Kriegslist Kriegmich Kaffee.“ Der Polizist grinste malziös. „Na klar.“, sagte er. „Und ich heiße Willi Walter Weltuntergang! Kommen sie mal mit.“. Ein noch unbekannter Schriftsteller, der am Straßenrand stand, hatte diesen Dialog mitbekommen. Er lachte. Das wäre doch ein guter Einstieg in eine total verrückte Geschichte. Er suchte in seinen Jackentaschen, fand schließlich einen Zettel und einen Kugelschreiber, und notierte schmunzelnd „W.W.W.“ und „K.K.K.“. Dann setzte er  begeistert und voller Ideen seinen Weg durch das Gedränge fort und sah lachend auf den kleinen Zettel, während ihn von ganz weit oben aus dem Weltall, knapp über der Erdatmosphäre, ein Überwachungssatellit filmte.

 

„Und dass so was von sowas kommt…“ (Nena, „99 Luftballons“)


 

***


7. Teil

My "V" is for Vendetta,
My "L" is for Love,
My "M" is for Magdalena




 

Jesse James

(Heldenbilder an der Wand)

 

Jesse James war ein Mann,

dem man vertrauen kann,

er hielt zu den Leuten aus dem Dreck,

er stahl den Reichen Geld,

gab den Armen reichlich ab,

und nahm es ihnen hinterher nicht weg.

 

Robert Ford war ein Mann,

der war Jesse gut bekannt,

und der wollte ein Haus und eine Frau,

und er machte einen Deal

mit der County-Polizei,

schoss auf Jesse, stellte ihn als Held zur Schau.

 

Und die heiße Sonne scheint,

während Jesses Witwe weint,

Robert Ford ist von vielen anerkannt,

er hat jetzt sein Märchenschloss,

er, der Jesse feig erschoss,

und er hing sich sein Bild an die Wand.

 

Robert Ford hat oft gesagt,

dann, wenn Jesse ihn gefragt,

„Häng kein Bild auf, und keinen Bilderrahmen.“,

doch in Jesses kleiner Stube

hing sein Girl und der Herzbube,

und er flüsterte manchmal ihre Namen.

 

Der Teufel war ein Mann,

mit dem Recht in seiner Hand,

und er sagte: „Wir bauen einen Turm!

Der bringt uns viel Ehre ein,

es kann auch ein Bahnhof sein,

und ein Flughafen für den Midgardwurm.“

 

Und die heiße Sonne scheint,

während Jesses Witwe weint,

Robert Ford ist von vielen anerkannt,

er hat jetzt sein Märchenschloss,

er, der Jesse feig erschoss,

und er hing sich sein Bild an die Wand.

 

Jesse sagte: „Robert Ford,

dieses ist kein guter Ort,

lass uns kämpfen, und was dagegen tun!“

Robert sprach: „Dann ab dafür!
Ich reit‘ immer hinter dir.“,

und sie machten sich auf aus dem Saloon.

 

Und sie sah’n die Zeiger geh’n,

und das Rathaus stolz da steh’n,

da dacht‘ Robert an das Haus, das man versprach,

und die Frau, die zum Entzücken;

er schoss Jesse in den Rücken,

„Maria!“ war das letzte, was er sprach.

 

Und die heiße Sonne scheint,

während Jesses Witwe weint,

Robert Ford ist von vielen anerkannt,

er hat jetzt sein Märchenschloss,

er, der Jesse feig erschoss,

und er hing sich sein Bild an die Wand.

 

Und der Mann im Rathaus denkt:

„Gott hat es gut gelenkt,

und der Bahnhof wurd‘ fertig noch zum Glück!“

Doch es leben die Idee’n,

wo die freien Winde weh’n,

und so manches, was tot ging, kommt zurück.


(nach dem amerikanischen Folksong „Jesse James“)



Good Cop, bad Cop

 

In Hamburg wirbt die Polizei mit dem Slogan „Mit Herz und Verstand“ um neue Mitglieder.

Heute in der U-Bahn eine Mutter mit zwei kleinen Kindern.

Die Kinder sehen das Plakat und erschrecken.

„Wiu, wiu, wiu! Ein Polizeiwagen!“,

ruft das eine, und versucht dabei, niedlich zu klingen.

„Mama?“, fragt das andere, das das Erschrecken seines Geschwisterchens bemerkt hat,

„Sind das die lieben oder die bösen Polizisten?“

„Das sind die lieben Polizisten.“,

sagt die Mutter, und drückt ihre beiden Kinder fest an sich.

Noch Stationen später rufen die beiden Kleinen „Wiu,wiu,wiu!“

Die Mutter sieht sorgenvoll nach draußen.

Vielleicht denkt sie:

„Ja, das sind diese neuen Polizisten,

die sich erst entschuldigen, bevor sie Farbige zusammenknüppeln,

und die ganz behutsam und mit viel Fingerspitzengefühl

psychisch Kranke durch ihre Wohnungstür erschießen.“


 

10th Avenue Daytime Nitemare

 

 Tenth Avenue und ein Dime flutschte aus der Hand einer reichen Lady,

rollte die Straße hinunter, und erinnerte sich daran,

dass Albert Grossman ihn bereits einmal in der Hand gehabt hatte.

Portemonnaieklingelnd rollte er ein paar Meter zu weit in Richtung Börse,

da fielen die Walls der Wallstreet um,

und Roger Waters dachte in London: „Das müsste man in Berlin mal als Rockoper aufführen.“

Im selben Moment kam Bob Dylan fröhlich aus einem der Gebäude gelaufen.

Er hatte ein Fotoshooting, und genoss den Frühling.

„Roll mal diesen Reifen die Straße runter!“,

sagte der Fotograf.

Bob tat, wie ihm geheißen.

Der Autoreifen rollte drei Meter weit,

und kippte dann um.

Kaum, dass die Kamera geknipst hatte,

ging in New York das Licht aus.

Zuerst die Reklametafeln,

und dann die Sonne.

Es war stockdunkel

und Bob starrte auf diesen Autoreifen, der da vor seinen Füßen lag.

Da sah er plötzlich in dem Autoreifen

den abgetrennten Kopf von Leadbelly,

der ihn aus hilflosen Augen ansah.

Rasende Lichter leuchteten und flackerten aus den Fenstern der Wolkenkratzer.

„My girl, my girl, don’t lie to me…

Tell me, where did you sleep last night?“,

sang Leadbellys Kopf.

„His head was found in a drivin‘ wheel“,

dachte Bob Dylan,

„But his body never was found.“

Und da sah er hinein

in die voodooschnatternden Südstaaten,

wo die Leichen der umgebrachten schwarzen Sklaven aus den Sümpfen kamen,

und er sah Onkel Tom und Onkel Joe, sie pickten immer noch Cotton,

und der Deal war immer noch rotten,

lange bevor Johnny einen Platz in einem Neil-Young-Song bekam.

Und Allen Ginsbergs Stimme hallte über den Platz:

„Moloch! Moloch!“

Und die Augen von tausend Überwachungskameras drehten sich mechanisch

in eliptischen Halbkreisen.

Nackt gingen Jesus und Karl Marx

die Straße hinunter

und fingen mit dem Christentum und dem Kommunismus von vorne an.

Und eine Spur von Engeln folgte ihnen im Neuschnee.

Bob Dylan beobachtete sie eine Weile

und dachte: „Man müsste ein Kaddish singen. Oder überhaupt mal ein neues Lied.“

Er setzte sich in einen Bus ins Greenwich Villiage und las dort ein Schild:

„Alle Neger bitte auf der rechten Seite des Busses sitzen.“

Und er erinnerte sich, wer er war,

und dass in Deutschland in den dreißiger Jahren

ähnliche Schilder in Bussen und an Geschäften gehangen hatten,

und dabei ein gelber Stern.

Und er sah St. Augustine einsteigen,

in denselben Bus,

und er hatte einen goldenen Schlafsack unter seinem Arm.

Da weinte Bob Dylan,

und lehnte seinen Kopf an die Glasscheibe des Busses.

Draußen schneite es

und drei Engel standen gut sichtbar

auf einem Podest.


In Anlehnung an Songs von Bob Dylan, Leadbelly  und Leonard Cohen, sowie an Gedichte und Bücher von Allen Ginsberg und Jack Kerouac.
für Tracy Chapman und Agnes

in Erinnerung an Lawrence Ferlinghetti.


 

In ihrem Arsch

 

Im Hellen schrei’n sie „Rache!“,

im Dunkeln schrei’n sie „Liebe!“,

sie zieht mich in den U-Bahnschacht,

es sind nicht nur die Triebe.

Es ist ein „Komm, ich zeig dir etwas,

was du noch nicht weißt!“,

sie liebt mich in der Dunkelheit,

und heilig ist der Geist.

Sie bäumt sich auf und fällt wie Regen

so wellengleich auf mich,

mit Feuer, heiß unter der Haut,

verzehrt, verbrennt sie mich.

Dann sperrt sie mich im Kerker ein,

um nackt für mich zu tanzen,

und aus den Wänden kommen sie

und stechen ihre Lanzen

aus Fleisch und Wonne tief in sie,

sie stöhnt, und lässt sie fallen,

sobald sie ihren Saft gespürt,

fällt selbst, und Körper knallen

im Rausch und Irrsinn aneinander,

und Stöhnen hallt im Raum,

am Morgen sind wir beieinander,

sie ist’s, es war kein Traum.


 

Im Keller des Massenmörders

(Lied der Opfer)

 

Dafür musst du die Finger benutzen,

Angsthase, Angsthase.

Guck beim Töten besser hin,

Angsthase, Angsthase.

Du musst uns anfassen beim Ficken,

Angsthase, Angsthase.

Das macht kein Heilig‘ Geist für dich.

 

Mit deinem fickerigen Messer,

Angsthase, Angsthase,

stichst du immer nur daneben,

Angsthase, Angsthase,

du zitterst,  und dein Atem stinkt,

Angsthase, Angsthase,

im dunklen Keller fällst du um.

 

Du willst Gott töten, lallst dabei,

Angsthase, Angsthase,

doch Gott ist lange schon gestorben,

Angsthase, Angsthase,

du brauchst bald einen andern Grund,

Angsthase, Angsthase,

für die beschiss’ne Perversion.

 

Du hast `ne Brille auf der Nase,

Angsthase, Angsthase,

und tötest, weil du feige bist.

Angsthase, Angsthase.

So geil ist es, den Feind zu töten,

Angsthase, Angsthase,

wenn man sich krass dabei besäuft.

 

Je mehr du Schnaps und Wodka lötest,

Angsthase, Angsthase,

und deine Tranquilizer schluckst,

Angsthase, Angsthase,

wird deine Metzelei zum Blutbad,

Angsthase, Angsthase,

weil du nicht mehr präzise zustichst.

 

Und einer haut dich auf den Kopf,

Angsthase, Angsthase,

und reißt dir deine Brille runter,

Angsthase, Angsthase,

dann trampeln wir über dich drüber,

Angsthase, Angsthase,

und wimmernd leckst du unser Blut.


 

Come rain or come shine

(for Laura)

 

She:

 

I thank you so deeply for your beautiful songs,

I hope, that you are now, where you belong.

I see the doubts you have, I got `em, too;

Maybe your faith is deeper, I’m with you.

 

*

He:

I’m in so many minds, but was’nt blow’n away by wind,

I am a man who stays, I was’nt sinning, when they sinned.

I feel uncomfortable with the whore Babylon,

I asked for sex, she took my hand, let go of it… was gone.

 

*

Both:

 

I brought someone to life with love, not with a drug,

I spare the spirit, it is in my hug,

I felt alive with you, alive in shine and rain,

we both are lovers, just afraid of that old chain.

 

***

8.Teil
Rain falling on your fields

was im Dunkel trägt


 

Unterschichtshymne

 

Monty’s got a raw deal (Schokopudding von Monte für 1,50 und Monty Python „Der Sinn des Lebens“ im Spätprogramm)

 

Deutschland ist ein Vertuscherstaat,

Amerika hat stets die Wahrheit gesagt.

Die Dinge liegen anders, als ihr glaubt,

meine Freunde wurden von Aliens geraubt,

und dann in ihren eignen Darm operiert,

weil ein Alien sich ja auch mal geniert.

Sie knieten alle vor dem jüngsten Gericht,

nur operieren können sie wirklich nicht.

Das haben sie sich von uns abgeguckt,

beim „Sinn des Lebens“, wo ein jeder spuckt,

um nicht zu sagen, ganz heftig kotzt,

so dass es voll noch daneben spotzt.

Dann kann man zu Asozialen uns machen,

und uns leicht klauen Organe und Sachen,

sie lebend uns rausreißen (Ne? Monty Python!)

uns machen zu Julien von Enid Blyton,

behaupten, dass das Justus Jonas ist,

und Kaffe Bar Kasse die ganzen J’s frisst.

Wer liest dort Jott, wer liest dort Jay?

Die Polizei ruft ganz laut: „Juchey!

Schon wieder ein Junkie gefasst mit Gras!“

Der „Junkie“ knurrt leise: „Was soll denn das?

Ein Junkie spritzt H und ich kiffe ja nur!“

In Washington läuft jetzt schon schneller die Uhr.

Die Christen aus Fundiland starr’n auf den Rechner:
„Der Nazi aus Deutschland liest Auguste Lechner!

Der klaut den Propheten die Buchstaben weg,

und schmeißt sie in Kacke und schmeißt sie in Dreck,

der in seiner Wohnung seit Jahren verschimmelt,

wo es vor Moskitos und Sumpffliegen wimmelt.

Und die Kakerlaken, sie werden schon Menschen,

und die, wo sie raus sind, die lernen zu tschentschen *1,

und gehen ganz schnell in die Politik,

und helfen Gehirnlosen zum Supersieg.

Denn das war `ne Minderheit, die nicht bedacht:
Partei der Gehirnlosen siegt über Nacht.

Sie haben sich sehr schön mit „Clears“arrangiert,

mit Nazis und Kommies zugleich kombiniert.

„Psychotisch!“ befindet mein Zombie-Betreuer,

und wirft meine Bücher in loderndes Feuer.

Dann ruft er „Heil Hitler! Die Kunst, sie muss brennen,

wir müssen „entartet“ von „Arthaus“ jetzt trennen.“

Auch er ist bei Scientology schon aufgestiegen,

von `ner Wohnung mit Ratten, zu `ner Wohnung mit Fliegen.

Und als Endgegner wartet ein Wackelchinese

schon auf meinen Körper, hofft, dass ich verwese.

Er las KKK und dann JJJ,

hielt mich erst für Satan, und schließlich für Gott,

der ihm bess’res Karma bestimmt könnte geben,

und erlaubte, bei ihm mit im Körper zu leben.

Da schrie ich ganz laut, und sah furchtbar rot,

und schlug eine Nuklear-Leuchtfliege tot.

 

 

*1: Peter Tschentscher ist erster Bürgermeister von Hamburg in einer rot-grünen Koalition, obwohl die Grünen faktisch mehr Stimmen hatten.

„chinchen“, was so ähnlich klingt, wie der Name von Tschentscher bedeutet „betrügen“, „etwas markieren, was man gar nicht ist“, „etwas Wertloses zu etwas Wertvollem umfrisieren“,  „pimpen“, „so tun, als ob“. Die Stichworte „Bankensanierung“, „Verkauf von wertlosen Hedgefonds“ „Schulden machen bis zum Abwinken“ und „Der Bürger kommt für die Staatsverschuldung auf“… sind die noch bekannt? Ich hoffe schon. Der Boden brennt bereits.

 

***

 

Endechtzeit, klappe, nicht die Letzte

(Film läuft. Ab jetzt kann geschminkt werden. Drehen tun wir erst, wenn die Kamera aus ist.)

 

Sulaimon hat die Welt verraten

an die Hure Babylon,

da ha’m die Moslems Speck gebraten,

und der Geheimdienst wusst’es schon.

Und F.B.B. war Feinripp Becker

und nicht der Face.book.Bäcker nicht,

dafür war Neo wirklich Hacker,

und glaubte auch ans Weltgericht.

Da bauten sie das Haus rechts von mir

in Endechtzeit erst ab, dann um,

jetzt ragt ein Goldzahn da wie’n Sonn-Tier,

und dumpf stirbt weg’s Millennium.

Es wollen alle sich mit Lust

dumm, immer dümmer ficken lassen,

dann macht Orgasmus nicht viel Frust,

man kann auch Omas einen blasen,

und Opas die Vagina kitzeln,

denn Junge werden nicht gebraucht,

die macht man schnell zu Fertigschnitzeln,

sie werden falb im Joint geraucht.

Ist eine Jugend dumm wie Brot,

dann schmiert sie sich auch selber drauf,

sie lacht, geh’n andre Leute tot,

und essen noch sich selber auf.

Das ist die beste Steilvorlage

für des Kapitalismus Sieg.

Die Letzte frisst, die letzten Tage,

die letzte Mall bezahlt den Krieg.

Und ich bewahr‘ der Frau’n Geheimnis,

wenn sie mir eines anvertraut,

bis sie die meinen weitertratschen,

das Licht geht an, der Morgen graut.

 

Linernotes (Von mir selbst, um mich darin völlig kritiklos selber zu loben und als Gott zu verehren.):

Ein Pornodreh fängt oft erst ganz harmlos an. Z.B. so: „Ey, wir wissen ja, dass ihr Singles in den Plattenbauten völlig sexuell ausgehungert seid, weil man diese Corona-Kontaktsperre hat. Aber kiek mol an. Da sind `n paar Mädchen bei dir im Haus gegenüber, die wollen auch gern ficken, und  nehmen manchmal ein bisschen Geld. –Vermittel, vermittel – Ja, ihr seid ja jetzt so schön zusammen hier. Dürfen wir das ein bisschen filmen? Ihr müsst ja auch nur machen, was ihr miteinander machen wollt. Und wir stellen das auch nur ins Netz, wenn ihr die Zustimmung gebt.“

So weit die offzielle, etwas nettere Variante. Die andere lautet so: „Moin, ich hab es grade noch zu dir geschafft. Sie waren schon wieder hinter mir her. Jetzt wollen sie mir auch noch `ne Drogensache anhängen.“ Kuss, Sex bei Licht an, Überwachungkamera im Feuermelder filmt, Echtzeitporno mit Unterschichtsfreaks zum kostenlos runterladen.

 

***

 

An einer deutschen Straße

 

(für Bernd Begemann, die Rasenmäher, die so groß wie SUV’s sind, sein Album „Solange die Rasenmäher singen“, das Gefühl, das entsteht, wenn man „Shining“ guckt und gleichzeitig dabei zusieht, wie man langsam einschneit, das Tau-und Schmelzwasser, die Sonne und Langenhorn)

 

 

An einer deutschen Straße

entsteht `ne ganze Stadt,

damit ein Bauarbeiter

etwas zu bauen hat.

Die Bürger sind verärgert,

„Wir haben doch schon Häuser!“

„Wir machen nur Fassaden!“

„Aber bitte etwas leiser!“

 

Doch selbst Bernd Begemann

traf schon den Bogeyman,

der macht `nen großen Bogen,

und kommt von vorne dann.

 

Wenn du schon jemand zweimal triffst,

geh gleich mit ihm ins Bett.

Beim dritten mal, das ist wohl klar,

wird’s nicht mehr ganz so nett.

Nicht nur, weil man jung besser kommt,

und öfter auch zusammen,

doch selbst der Dirk von L.

sah Sex da nicht, nur Flammen.

 

Doch es ist, wie es scheint,

dein allerliebster Feind,

der macht `nen großen Bogen,

und kommt dann an als Freund.

 

Und an der Haltestelle,

wo sie den Apfelkorn

sich in den Rachen kippte,

da geht es los von vorn.

 

Nur sitzt da nicht mehr Lara,

und auch nicht Sarah rum,

doch es ist wieder Apfelkorn,

Absinth von „Nebulon“.

 

Und Anastasia lacht.

Sie hat es gut gemacht.

Musik auf bis zum Anschlag,

und gesoffen in der Nacht.

 

Und eines schönen Morgens

ertönt ein flotter Marsch,

und Bernd sagt froh zu Tilman:

„Nur Pickel auf dem Arsch.“

 

Dann kommt ein großes Raumschiff

und schluckt die Vorstadtwelt,

am Steuer sitzt Han Solo,

er schuldet Jabba Geld.

 

Da denken sich die Onkels,

wo sind bloß unsre Tanten,

wer hat uns bloß das „Z“ geklaut,

wo sind unsre Bekannten?

 

Und Onkel Ludwig lebt,

er hat das „Z“ geklebt

an seine Kasperlbude,

wo er gern einen hebt.

 

Er kriegte auch noch Vera,

ganz ohne großen Krampf,

als Oma Feuer legte,

beim Lesen von „Mein Kampf“.

 

Und selbst Bernd Begemann

traf schon den Bogeyman,

der kommt im großen Bogen

auf Rasenmähern an.

 

An einer deutschen Straße,

steht `ne beschiss’ne Stadt,

die von den Bürgern, die da wohnen,

keiner gewollt so hat.

Wer baute sie? Die andern.

Das ist ganz sicher klar.

Sie steht auf Rock’n Roll gebaut,

der plötzlich Schlager war.

 

***

 

Der große Pan

 segelt und eiert durchs Krautwettessen

mit Dünnbier und roter Hot-Dog-PØLSER

 und landet in körnigem Süßsenf

 

 

Ich esse gerne Sauerkraut

und tanze gerne Polka,

weil meine Frau mich eh verhaut,

sie ist so krank wie ich.

Wir essen gerne sauer Kraut

und reden von Gomolka,

wir sind linksgrün-SM-versaut,

und essen frichen Fich.

 

Und dann gibt’s Bildungsbürgerschmalz,

den schmier’n wir dummen Leuten

in ihre Wunden rein als Salz,

um sie dann nackt zu häuten.

Nein, nein, wir tun ja Tieren nichts,

wir hör’n gern Bienen sumsen,

doch Leder braucht man, um Gesichts-

verkehrt darauf zu bumsen.

 

Dann löten wir uns einen rein,

am besten puren Wodka,

der lässt uns so schön russisch sein,

wie Che und Willy Brandt.

Dann tanzen wir auf sauren Krauts,

die Hirne sind dann flott gar,

die schmier’n wir uns aufs Biobrot,

und essen sie verbrannt.

 

Mal bin ich Zeus, mal bin ich Pan,

sie ist mir Aphrodite,

und Artemis, die schnell am Mann,

wenn ich saug ihre Titte.

Wer recht hat, ist nie rechts gepolt,

nur Polen Pole schmelzen,

und Türken türken Türkentrank,

und laufen nackt auf Stelzen.


***

 

Die Briefkastentante von Stephen King

(für Thees Uhlmann)

 

Ich kenne eine Frau,

die wohnt schräg hinter einem Deich,

und manchmal (eher oft), wünsch ich,

wir hätten uns gereicht.

Wir küssen uns in Träumen,

und seh’n uns virtuell,

der Bildschirm leuchtet,

„Hölle“ heißt auf friesenenglisch „hell“.

 

Thees Uhlmann macht `ne Platte,

während Jane die Fliesen putzt,

ich zitter‘ heimlich um ihn,

weil man Menschen nicht benutzt.

Auch nicht, um zu verbinden,

was sich lange nicht mehr fand,

und draußen vor dem Fenster

sieht man ein Wüstes Land.

 

Thees malt so wie Bob Dylan

desperat,  „Time out of mind“,

die Dinge fliegen weg um ihn,

und doch, die Sonne scheint;

und Hamburg und Hannover,

Klein Rönnau und Berlin

verbinden Autobahnen,

darauf kann man entflieh’n.

 

Soll man nun Hitler danken,

weil er sie ja gebaut?

Evangelisch hat `ne Grenze,

ein Hund schlicht nicht miaut.

Und Allversöhnung klappt auch nur,

wenn man besoffen ist,

ich glaub, ich fahr zu Thees mal runter,

ich bin wohl doch kein Christ.

 

Ich setz mich auf mein Motorrad,

und sehe Riesenspinnen,

die Schleswig Holstein zurr’n in Netze,

ich fahr mit off’nen Sinnen.