Niklas Götz

Kanyakumari

rgendwann blieb uns dann doch nichts anderes übrig, als auf das Frack eines umgekehrt abgelegten Ruderbootes auf einer Anhöhe zu klettern. Ich hatte geahnt, dass die Südspitze des Subkontinents womöglich sehr überlaufen sein würde, war jedoch dennoch überrascht, wie viele Menschen trotz des stark bewölkten Monsunhimmels heute hofften, den Sonnenuntergang über dem einen und am nächsten Morgen den Sonnenaufgang über dem anderen Meer zu sehen. Vielleicht hofften sie auch eher darauf, sich mit dieser Erfahrung nach außen hin schmücken zu können.

 

„Dieses blöde Boot ist so rutschig! Und wirklich ideal ist dieser Platz auch nicht. Die Baustelle da vorne am Strand wird uns die Sicht verdecken… falls die Wolken sich noch verziehen“, meinte Sabrina schnaufend, nachdem sie es beim dritten Anlauf auf den Bug geschafft hatte.

„Du kannst auch wie die anderen dort versuchen auf die Felsen zu klettern, oder dich in die Menschenmenge unten am Wasser mischen, wenn es dir besser gefällt. Was bauen die da eigentlich?“, unterband ihr Freund Sebastian ihren beginnenden Anfall von akuter offensiver Unzufriedenheit, den auch ich und Stefanie nun seit drei Wochen bestens kannten.

„Ich glaube das wird ein zweiter Fährhafen, um noch mehr Touristen zu dieser Insel mit der riesigen Statue dort zu bringen“, antwortete ich. Wir saßen eine Zeit lang auf unserem Boot und betrachteten die Aussicht von der Uferböschung herab. Rechts von uns führten Wege hoch in eine hügelige und buschige Landschaft, gespickt mit einigen rötlichen Felsen, die aus der Ferne wie sanft durch ein Meer aus bräunlichem Gras fahrende Schiffe wirkten. Hinter einigen von ihnen verrichteten ein paar der zahlreichen Touristen ihre Notdurft. Links von uns ging der Strand weiter, von dem man nichts mehr erkennen konnte. Stattdessen war er restlos angefüllt mit einer bunten, lärmenden Masse an Menschen, die wie ein unruhiges Gewässer vibrierte und Wellen bis hoch an unsere Anhöhe warf. Zahlreiche Wasserflaschenverkäufer durchquerten sie geschickt wie flinke Fische. In einigen hundert Metern Entfernung begann die Strandpromenade, umsäumt von ununterscheidbaren Souvenirläden, die jedermann mit Plastik bombardierten. Am Ende des Weges konnte man gen Osten auf den Indischen Ozean blicken, der mit der heranbrechenden Nacht wie verschmolzen wirkte. Unter uns wurde der Strand steiniger und war über einen Pfad mit einem großen Felsen verbunden, der aus dem Meer ragte wie der Zahn eines Tigers. Ich scheiterte daran, zu zählen, wie viele Menschen versuchten, den Sonnenuntergang von dort zu erleben und auf Instagram zu teilen, indem sie sich dort hochhangelten. Es wirkte auf mich sehr abenteuerlich, zumal das Meer heute sehr unruhig war. Der Himmel hing voll von Wolken, die in schmutzigem Gelb erstrahlten, und wurde erdolcht von den Kränen, die aus der riesigen Baustelle rechts von uns in der Bucht herausragten. Sie bildeten den Vorhang, hinter dem sich die klar strahlende Sonne langsam dem Erlöschen in trübem Meerwasser näherte. Am Horizont zogen zahlreiche Frachter wie eine Herde stählerner Bisons vorbei.

 

„Ich frage mich, wie schön dieser Ort einst gewesen sein muss. Ich meine, stellt euch mal vor, wie es hier ohne Baustellen, Läden und Menschen wäre. Man könnte das Meeresrauschen noch hören, am pulverig-weißen Strand liegen, die Hügel wären unberührte, ruhige Natur. Das war hier bestimmt mal ein wundervoller Fleck“, sinnierte Sebastian, halb zu sich selbst.

Sabrina schaute sich um, ob wieder jemand versuchte, heimlich mit ihr und ihren grünen Augen ein Selfie zu schießen, und kommentierte: §Das haben sich all die Leute hier auch gedacht. Deshalb sind sie ja hier. Schönheit zieht Menschen an, die sie verderben. So bin ich ja zu dir gekommen.“

„Ja klar. Aber trotzdem. Das ist ein so ein wundervoller Ort hier, und wir waren an so vielen anderen Traumplätzen. Aber bei jedem habe ich mir gedacht, wie schön es sein könnte, wenn hier nicht alles voll von Touristen, Müll, Baustellen oder Beton wäre. Ist sich denn hier niemand bewusst was für ein Paradies hier zerstört wird?“

„Das ist weniger Zerstörung als Ausverkauf“, warf ich ein, „und ich glaube, das ist den Leuten hier schon bewusst, aber sie haben erstmal andere Sorgen. Erst kommt der Avocadotoast, dann der Umweltschutz. Es ist für uns leicht, uns besser zu fühlen, weil wir uns es leisten können, das Richtige zu tun. Die Menschen hier wollen erstmal eine gute Ausbildung für ihre Kinder sicherstellen und arbeiten, während wir über Bambuszahnbürsten bloggen.“

„Du denkst also, wir sollten das einfach geschehen lassen? Ignorieren, dass in ein paar Jahren hier ein McDonalds und ein Starbucks stehen, wo einst Gandhis Asche ins Meer gestreut wurde?“

„Nein, aber man kann von niemandem mehr verlangen als von einem selbst. Wo wir herkommen, hat man, wenn überhaupt, auch erst aufgehört, alles zuzubetonieren, als schon fast nichts mehr übrig und jedermanns Magen voll war. Willst du den Leuten sagen: „Hey, euer Lebensstandard ist zwar viel geringer als meiner, aber kündigt euren Job, denn er zerstört die Natur, die ich genießen möchte?““

„Und du bist ja immerhin auch nicht mit dem Zug nach Indien gekommen“, meine Stefanie spitz zu mir, „aber ich denke es hilft, wenn man mit gutem Beispiel vorangeht. Gerade auch als Gäste mal den nicht-klimatisierten Raum nehmen, den eigenen Müll aufräumen, Wasserfilter nutzen, oder sowas“.

„Aber das macht doch kaum einen Unterschied, wenn es nicht tausende andere auch tun! Da muss doch die Gesellschaft aktiv werden“, warf Sebastian frustriert ein. Ich rutschte vom Boot runter, da ich die entbrennende Diskussion bereits vorhersehen konnte, und mischte mich stattdessen vorsichtig in die Menge.

 

Vom Boot aus hatte ich eine Frau in einem wunderschönen Sari und safrangelben Tuch erspäht, die einen Platz direkt am Wasser ergattert hatte und ungestört von all den Touristen, die sich um sie drängten, Selfies schossen oder mit blinkendem Plastikspielzeug hantierten, anscheinend in perfekter Konzentration ein Ritual verrichtete. Sie hatte mehrere Blechschälchen bei sich, eine Kokosnuss, Bananen und kleine Figuren. Sie tauchte eine Schale nach der anderen in das Wasser, ungestört von der vorbeischwimmenden Plastikflasche. Es fühlte sich nicht richtig an, sie zu beobachten wie ein wildes Tier, und doch faszinierte mich die Idee, dass einst Menschen genau hierfür an diesen Strand kamen, lange bevor jemand eine große Statue auf einer Insel, Souvenirläden und Fährhäfen errichtet hatte. Es fühlte sich an, als wäre um sie herum die Zeit stehen geblieben, und als hätte sie etwas, dass ich längst verloren oder nie besessen hatte. Etwas an meinem Interesse an ihr schien mir so fremd wie das, was sie tat. Ich fürchtete, sie würde mich bemerken und der Zauber wäre vorüber, also machte ich mich etwas kleiner und versuchte mich in der Menschenmenge zu verbergen.

Die Sonne stand tief am wolkigen Horizont und würde bald untergehen, weshalb ich begann die Hoffnung zu verlieren, dass wir heute noch den berühmten Sonnenuntergang von Kanyakumari sehen würden. Zu den Touristen, der Baustelle in der Bucht und den Wolken hatte sich noch ein dunstiger Nebel gesellt, und ich war froh, dass es so weit von der nächstgrößeren Stadt wohl kein Smog war. Die anderen waren mir neugierig gefolgt, um zu sehen, weshalb ich vorgelaufen war. Sebastian knabberte an einem seiner letzten Müsliriegel, die er noch von daheim dabeihatte.

„Was machst du da? Du möchtest doch nicht in das Wasser hier gehen oder? Das sieht ziemlich schmutzig und vermüllt aus…und riecht komisch. Warum nur hält hier niemand die Strände sauber!“

Als auch noch Stefanie und Sabrina kamen, war es vorbei mit der Unauffälligkeit, denn schon versuchte man uns diversen Plunder zu verkaufen. Glücklicherweise ließ sich Stefanie tatsächlich in ein Gespräch verwickeln, sodass ich niemanden davon überzeugen brauchte, dass ich nichts kaufen würde. Mein Blick wanderte zum Felsen, auf den immer mehr Leute kletterten, in der Hoffnung auf den besten Ausblick. Er war vollbehangen wie ein Weihnachtsbaum, und war noch feucht vom Regen heute morgen. Ein junger Mann im weißen Hemd mit Hut und Sonnenbrille ließ sich von einem Freund bei verschiedenen Kunststücken fotografieren.

 

Plötzlich kam eine Brise auf, und auch in der Menschenmenge um mich wurde es unruhig. Der Wind hat den Nebel etwas vertrieben, auch die Wolken lockerten sich, sodass man sehen konnte, wie die safranfarbene Sonne das bräunliche Meer berührte und der Sonnenuntergang ansetzte. Alle schauten gespannt nach Westen, und Sebastian ließ beiläufig das Müsliriegelpapier fallen, eine Unsitte, die er sich in Ermangelung von Mülleimern bei anderen aus Faulheit abgeschaut hatte. Stefanie und Sabrina zogen ihren Handys aus der Tasche und beobachteten das Ergebnis von jetzt an über einen Bildschirm. Die gerade noch so geschäftige Frau war aus dem Wasser verschwunden, in das nun zunehmend immer mehr Zuschauer gedrängt wurden. Neben uns drehte jemand die Musik aus seinem CD-Player laut auf. Was einst Mutter Natur war, ist nun die Leinwand eines großen Kinos geworden, dessen Vorstellung wir belustigt und erwartungsvoll mit halber Aufmerksamkeit folgten.

Ich gab mich auch der Versuchung hin, ein Foto zu schießen, als Sebastian mich nach wenigen Sekunden am Ärmel packte.

„Schau mal, da!“, rief er und zeigte auf das Meer. Ich war nicht sonderlich überrascht, einen Hut dort schwimmen zu sehen, doch neben dem Hut strampelte der junge Akrobat wild mit Armen und Füßen, während seine Freunde zu ihm hinunterriefen.

„Warum tut denn niemand was?“, schrie Sebastian laut. Ich atmete noch einmal tief durch, erinnerte mich daran, dass die meisten Leute hier nicht schwimmen konnten, und zog Sebastian am Arm ins Wasser.

„Weil irgendjemand damit anfangen muss. Wer Veränderung sucht, muss ändern.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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