Markus Zinnecker

Chauffeur in geheimer Mission

Martin sitzt am Küchentisch und liest in der Zeitung. Die Zeitung gehört eigentlich seinem Chef, doch der ist nicht da. Darum hat Martin auch Zeit, in der Küche zu sitzen. In der Küche, in der dem Chef nicht nur die Zeitung gehört, sondern alles andere auch. Die Uhr des Chefs tickt leise und auf dem Herd des Chefs zischt der Wasserkessel des Chefs, bald würde die Pfeife anzeigen, dass das Wasser für den Tee, der auch dem Chef gehört, kocht.

Doch Martin kam nicht dazu, den Tee zu trinken. Denn das Telefon des Chefs klingelte. Als Martin den Hörer abnahm, erklang am anderen Ende die Stimme des Chefs: „Kommen sie her. Auf den Parkplatz beim Krankenhaus. Sie wissen warum, aber nehmen sie um Himmelswillen nicht wieder den Mercedes. Der fällt zu sehr auf. Nehmen sie den Nissan.“ Martin lächelte, als er den Hörer auflegte, denn dies war nicht der erste Anruf dieser Art, den er bekam.

Martin verließ das Haus durch die Garage. Er ging an den beiden Wagen vorbei, die dort standen. Die schwarze Mercedes Limousine, von der der Chef ausdrücklich nicht wollte, dass er sie nahm und ein weißes Porsche Cabriolet. Der Sportwagen war von einer dünnen Staubschicht überzogen, denn er wurde nur sehr selten gefahren. Das Auto gehörte der Tochter des Chefs, die fast immer im Ausland war.

Draußen neben der Garage stand der Nissan. Ein roter Kombi. An die zwanzig Jahre alt und mit so unglaublich vielen Kilometern auf der Uhr, dass das Zählwerk schon lange beschlossen hatte, dass die genaue Anzahl keine Rolle mehr spielte. Darum hatte es den Geist aufgegeben. Der Nissan gehörte nicht dem Chef, es war Martins Auto. Er stieg ein und legte den Stoffbeutel, den er aus dem Haus mitgenommen hatte, auf den Beifahrersitz.
 

Auf der Fahrt durch die Stadt dachte Martin nach. Der Chef war ein komischer Kauz, aber er mochte und respektierte ihn. Ein erfolgreicher Geschäftsmann der alten Art, einer, der aus dem Nichts etwas aufgebaut und es zu solidem Wohlstand gebracht hatte. Jemand, der darüber aber weder seinen Humor noch den Blick für die weniger glücklichen Mitmenschen verloren hatte. Allerdings war er eben auch nicht mehr der Jüngste, gelinde ausgedrückt. Vorigen Monat war der Chef zweiundneunzig geworden. Ein stolzes Alter und trotz seiner im Grunde unverwüstlichen Gesundheit hatte er sich letzte Woche ins Krankenhaus begeben müssen. Nichts Ernstes, aber die Ärzte wollten ein paar Dinge klären. Seitdem wiederholte sich das seltsame Ritual des Anrufs in der Küche alle paar Tage.

Michael war der Chauffeur des Chefs. Seit dieser vor einigen Jahren einen Unfall verursacht hatte, fuhr er nicht mehr selbst. Damals war zum Glück nichts Ernstes passiert, aber er hatte eingesehen, dass man in einem gewissen Alter gewisse Dinge eben sein lassen sollte. So war Michael an den Job gekommen. Eine abwechslungsreiche Arbeit, denn die Launen des Chefs waren grenzenlos. Mal wollte er zum Schlachtschüsselessen, zu einem entlegenen Gasthof auf dem Land, mal zur Industriemesse in die Großstadt. Oder zu einem ganz bestimmten Geschäft, in dem er ganz bestimmte Dinge schon seit Menschengedenken kaufte. Der Mercedes, der genau wie der Chef nicht mehr der Jüngste war, stand selten still und blieb auf diese Weise ebenso rüstig wie sein Besitzer. Doch nun stand eine Fahrt an, für die der Luxuswagen dem Chef ungeeignet schien, denn Michael war in geheimer Mission unterwegs.

Am Krankenhaus fuhr er auf den Parkplatz. Die Schranke schloss sich hinter dem Nissan und Michael sah sich um. Ganz hinten, in einer recht entlegenen Ecke war ein Parkplatz frei. Ein größerer Geländewagen stand nebenan, was auch gut war. So würde man den Nissan vom Krankenhaus aus nicht sehen können. Das war dem Chef wichtig. Nachdem er eingeparkt hatte, nahm Michael das Handy in die Hand und rief den Chef an. „Ich bin da. Wieder ganz hinten, so wie beim letzten Mal.“ Dann legte er den Stoffbeutel auf den Rücksitz und stieg aus.

Michael ging einige Zeit im Park neben dem Krankenhaus spazieren. Als er zurück zum Auto kam, lag der Stoffbeutel noch immer auf dem Rücksitz. Im Auto hing aber der unverkennbare Geruch einer teuren Zigarre. Denn der Chef hatte das getan, was er in letzter Zeit öfters getan hatte. Heimlich war er der Fürsorge der Krankenschwestern entwichen und hatte sich in den Wagen seines Chauffeurs gesetzt. Im Stoffbeutel waren seine Zigarren und das nötige Zubehör. Nachdem eine der edlen Kubanerinnen in Rauch aufgegangen war, stieg er aus und ging zurück in sein Zimmer.

 

Einige Wochen später saß der Chef im Fond des Mercedes und genoss ganz ohne Versteckspiel eine seiner geliebten Zigarren. Der Messebesuch war anstrengend, aber erfolgreich gewesen. Michael fuhr und lächelte. Es war gut, dass der Chef der Chef war, denn er war ein ganz besonderer Mensch. Außerdem hatte er Michael hundert Euro extra gegeben. Für den Sprit, den er mit dem Nissan verfahren hatte. Als Chauffeur in geheimer Mission.

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