Tina Kaiser

Emilia - wenn dervKopf das Glück bremst

Ich bin Emilia. Wahrscheinlich liest das hier sowieso niemand, aber ich bin Emilia. Ich bin 29 Jahre alt und mega uninteressant geworden. Als ich noch jung war, fanden mich alle toll. Die Mädels wollten alle so cool sein wie ich und die Jungs liefen mir alle auf Fingerschnipps hinterher. Damals…
Heute sieht das anders aus. Frauen mögen mich nicht sonderlich und Männer finden mich eigenartig. Hübsch bin ich auch nicht mehr oder süß oder sexy, ich bin einfach nur da und anders als andere. Mehr nicht.
Ich beneide die blöden jungen Dinger, die noch nichts von der Welt wissen, alles in den Hintern geschoben bekommen und dünn und hübsch sind. Früher sahen wir nicht so aus. Früher hatten wir Latzhosen an, Pickel, Zahnspangen und sind auf Bäume rumgeklettert. Heute haben die perfekte Haut, sind Influencer für Modelabels, dünn und sehen immer gut aus. Wir sahen früher höchstens einen halben Tag im Jahr halbwegs gut aus, weil wir keine Schminke trugen, nie fotogen waren, im Dreck spielten und es uns auch vollkommen egal war, wie wir aussehen, wir konnten eh nix daran ändern. Heute sind alle schon so erwachsen… ich komme mir gegenüber den heute 17 jährigen immer noch bekloppt und unreif vor. Einschüchternd die heutige Jugend.
Wer soll denn noch auf Frauen wie mich stehen, wenn es heutzutage ne komplett neue Version von Frauen gibt?! Dagegen bin ich doch… …wie Kaffee. Früher gab es Kaffee schwarz und stinknormale Kippen. Heutzutage gibt es Energydrinks in vierzigtausend Geschmäckern und Shishas mit Endlosvariationen an Tabaks mit Geschmack. Wer will denn heutzutage noch das langweilige, öde, abgestandene, uninteressante Zeug von früher? Niemand. Gar niemand.

Tja und zu dieser Gattung zähle ich. Gattung: angestanden. Die Gattung der Abgestandenen. Die abgestandene Gattung des Zerfalls. Wie Obst, dass mal hinreißend aussah und saftig und lecker war, jetzt aber weggeworfen werden muss, weil es gärt. Ja genau so. Hallo ich bin Emilia und ich gäre. Quasi Gämilia. So fühlt es sich jeden Tag an, wenn ich die Augen öffne, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich sie schließe und einschlafe. Ab und an habe ich mal Momente, wo mir jemand das Gefühl gibt, mich gut zu finden, aber das ist schnell verflogen, wenn ich mir ausmale, dass derjenige die Wahl hätte zwischen mir und einem dieser Updateversionen… Ich hätte nie eine Chance gegen eines dieser Updates. Wer spielt heute schon noch Gummihopse, wenn er ne Nintendo-Switch haben kann oder sonst ein neuwertiges Zeug. Oder dieses Spiel, ich glaube dessen Namen kennt niemand, wo man sich son Gummiband um die Hände/Finger wickelt und es der Partner dann auf skurrile Weise abnehmen muss und dann wieder der andere und so, wisst ihr was ich meine? Das Spiel war toll!
Ich bin so ein Spiel. Längst vergessen und namenlos. Nicht spielenswert. Öde. Wenn man bedenkt, dass ich noch bestimmt 50 Jahre vor mir habe und jetzt schon so denke, könnten das anstrengende 50 Jahre werden, obwohl ich cool damit bin. Ich habe mich damit abgefunden so zu sein. Es stört mich nicht mehr. So ist das halt. Jede Zeit findet mal ihr Ende.
Und auch ich habe jetzt das Ende erreicht. Das Ende der Schlange an der einzigen offenen Kasse des Supermarktes. Ich kann diesen Laden nich ab. Ich bekomme hier 90 Prozent der Dinge die ich mag und brauche nicht und hier ist immer nur eine einzige Kasse offen. Und dieser tolle Laden ist eine Stunde weg von mir. Ich sollte woanders einkaufen gehen, aber woanders arbeitet er nicht.

Er. Der Kassenmann.

Er hat etwas längeres Haar und erinnert mich etwas an den Twilight-Film. Ich habe ihn zwar nich gesehen und finde auch beide Typen, sowohl den Vampir als auch den Werwolf blöd, aber er könnte in so einem Film mitspielen. Das macht ihn sexy. Ich steh eigentlich nicht auf Twilight-Typen, aber er is so lässig und cool, das hat was. Er ist auch äußerlich überhaupt nicht mein Typ. Er ist mir zu schmal, zu unmuskulös, zu flappzig. Aber irgendwie fasziniert er mich. Ich kann nich aufhören hier her zu kommen. Oder aufhören an ihn zu denken. Darauf zu warten, dass er mir schreibt.
Ja, wir schreiben miteinander. Wir studieren nämlich zusammen. Aber er antwortet mir nur selten, weil er mit seinen Freunden immer auf Achse ist. Er nimmt sich fast nie Zeit für das Studium, sondern lebt sein Leben locker, lässig und cool. Ich dagegen habe einen strickten Tagesplan, Wochenplan, Monatsplan, … .
Ja, Typen wie mein Twilight-Kassenmann finden mich definitiv langweilig und steif. Deswegen schreibt er mir auch nie, weil er nicht mit jemanden wie mir schreiben will.
„Hey Emi, ich hab gleich Feierabend, wollen wir was zusammen machen?“
Ah, seine Freunde haben wohl alle keine Zeit. Er will doch eigentlich sowieso nichts mit mir machen, das war nur ne Höflichkeits-/Langeweilefrage. „Klar, ich warte draußen.“
Ich freue mich trotzdem, was mit ihm machen zu können und genieße die gemeinsame Zeit mit ihm schon jetzt beim Warten! Endlich kommt er raus! Mh… ich mag ihn! Er legt mir seinen Arm um die Schulter und wir latschen von Dannen. Ich mag es mit ihm zu sein, das entspannt mich und macht mich locker.

„Wollen wir ein bisschen zum See und die Abendsonne genießen?“
Ich nicke. Von mir aus gern. Ich bin locker. Wir gehen zum See und setzen uns ans Wasser. Ich schau auf meine Armbanduhr: in zwei Stunden geht sie Sonne unter.
„Wollen wir nackt baden?“
Klar, warum nich. Wir ziehen uns aus und gehen ins Wasser. Obwohl ich ihn so sehr mag, ist es mit ihm so unkompliziert, als wären wir nur Freunde. Total cool. Wir schwimmen mal ein bisschen, mal stehen wir und quatschen. Ich versuche mich beim Stehen natürlich in Szene zu werfen, jedoch bringt es nix. Also er sieht zwar hin aber ich denke nich, dass er wirklich begeistert ist…
Wir planschen noch ein Weilchen und erzählen und gehen letztendlich irgendwann aus dem Wasser. Beim rausgehen sehe ich, dass er wohl doch leicht begeistert ist und freue mich. Es kann nur an mir liegen, denn er und ich sind die einzigen hier.
Wir legen uns in den Sand und genießen die wärmende Sonne auf der nassen Haut. Es ist so vertraut mit ihm und so zwanglos alles. Ich denke gar nich nach, ich fühle mich einfach nur wohl bei ihm. Nachdem wir halbwegs trocken sind setzen wir und wieder auf und reden wieder über alles Mögliche. Ich höre ihn gern reden, ich mag seine Stimme. Ich würde ja am liebsten auch nur Sprachnachrichten von ihm bekommen, aber ich weiß noch nich, wie ich das anstellen soll, ihn dazu zu bringen ohne es zu sagen.
Wir sitzen und einfach nackt, im Sonnenuntergang am See, gegenüber und quatschen! Ich liebe es, ich fühl mich vollkommen wohl! Ich denke nich darüber nach, wie mein Körper aussieht, wenn ich einfach nur so rumsitze oder irgendwas, ich bin einfach nur ich. Ein unglaublich beruhigendes Gefühl. Locker. Und in seinen Blicken seh ich Zuneigung und Ehrlichkeit. Ich glaube, er empfindet auch was für mich!

Als er mich noch nach Hause bringt, den Arm wieder um mich gelegt, schweigen wir und genießen die Vertrautheit zwischen uns. Ich bin so entspannt, wie in einem 4-Wochen-Wellnessurlaub. Vor der Haustür sagen wir uns, wie schön der Abend war, lächeln uns beide verlegen an, dann umarmen wir uns und er geht nach Hause.
In meiner Wohnung angekommen, kann ich nicht aufhören zu grinsen. Ich lege mich tiefenentspannt auf die Couch und schlafe einfach ein.
Ohne einen einzigen Gedanken daran, was ich heute alles wegen dieses Dates nicht geschafft habe, aber schaffen wollte oder sollte.
Ohne Gedanken daran, was ich noch alles erledigen muss und morgen vorhabe.
Ohne meinen Wecker zu stellen.
Gedankenlos.
Entspannt.
Locker.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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