Helga Moosmang-Felkel

Maurice Kap 4

Der Traum

 

Maurice schlief. Er fiel in einen tiefen Traum. Er streunte durch ein großes Getreidefeld. Die reifen Haferähren standen hoch und verbargen seinen Körper. Die Sonne stand schon tief und der Himmel war blutrot verfärbt. Er verfinsterte sich rasch. Dunkle, fast schwarze Wolken zogen von Westen herauf. Maurice verspürte im Traum eine unbestimmte Angst. Eine Bedrohung hatte sich in sein Leben eingeschlichen, seit der auf der Suche nach der weißen Katze war. Seine Ohren zuckten, als er mehrere große schwarze Krähenvögel bemerkte, die ihn ständig umkreisten.

Sie wurden immer frecher und flogen ganz nah an ihn heran. Sobald Maurice zwei verscheucht hatte, flogen neue auf ihn zu. Sie streiften fast seinen Rücken und krächzten herausfordernd. Bald wusste er nicht mehr, in welche Richtung er zuerst laufen sollte. Immer erschöpfter verfolgte er sie, drehte sich im Kreis. Er war zum Umfallen müde, als er am Ende des Feldes ein einsames Haus bemerkte.

Es wirkte herunter gekommen und die Farbe blätterte ab, doch versprach es Maurice eine Zuflucht vor den Krähenvögeln, die ihn vage an die Voodooschwestern erinnerten.

In großen Sprüngen eilte er auf das Haus zu. Ein paar abgetretene Stufen führten zu einer weiß gestrichenen Veranda. Die Türe stand weit offen, Gardinen wehten. Alles war still. Neugierig steckte Maurice seinen Kopf hinein. Er lauschte, witterte. Dann schlüpfte er schnell hinein.

Erstaunt blieb er stehen. In einem weichen, grünen Samtsessel schlief eine große schwarz-weiße Katze. Sie rührte sich nicht. In sicherem Abstand schlich Maurice um sie herum, umkreiste sie. Obwohl sie sich nicht rührte, hatte er das Gefühl, dass ihr nichts entging. Maurice sprang auf ein verstaubtes Klavier. Mit seinen Hinterpfoten stieß er eine Vase hinunter, die am Boden zersplitterte. Er zuckte zusammen und bemerkte erschrocken, dass die Katze die Augen öffnete und ihn schweigend ansah. „Entschuldige,...“, stammelte Maurice, „ich wollte nicht stören...“

„Maurice..., da bist du ja endlich,...ich warte schon mehrere Katzenleben auf dich...“, sagte sie in einer tiefen, schnurrenden Stimme. „Kennen wir uns?“ fragte Maurice, „Wer bist du?“ Die Katze, der dauernd die Augen zufielen, gähnte. „Ich bin die alte Molly,...ich kenne alle Katzen..., ich bin die große Weberin und halte die Fäden der Katzenwelt schon seit ewigen Zeiten in meinen Pfoten,...ich bin müde Maurice, so unendlich müde...“, murmelte die alte Katze. Sie lag auf dem Sessel wie ein Stück Holz und schien wieder einzuschlafen.

Schnell sagte Maurice: „Wenn du alle Katzen kennst, musst du auch die Weiße mit den verschiedenfarbigen Augen kennen..., bitte, Molly, bitte,...sage mir, wo ich sie finden kann...“

Molly schien nachzudenken. Maurice platzte fast vor Ungeduld. „Ach, du meinst Fleur..., ich erinnere mich,...“ Sie seufzte tief und schüttelte ihren großen Kopf. „Was ist mit ihr...?“ fragte Maurice drängend. Molly schüttelte wieder den Kopf: „Ich fürchte, das dumme Ding ist den rot glühenden Schmetterlingen nach gelaufen,...in die Villa am sumpfigen See..., manche Katzen können der äußerlichen Schönheit einfach nicht widerstehen,...aber das weißt du ja selbst...“, sagte sie und sah Maurice durchdringend an. Maurice schluckte schwer. Er nahm sich fest vor, nicht aufzugeben und diese Villa zu suchen.

Molly lächelte ihm noch einmal zu und wollte schon wieder einnicken, als Maurice schnell fragte: „Die Voodookatzen, werden sie mich und Pierre verfluchen.. töten.?“

Plötzlich verschluckte sich Molly fast vor Lachen: „Die alten Vogelscheuchen sagen, sie haben die Macht,...“, sie lachte noch mehr, „dabei kratzen sie nicht einmal am Rand des Geschehens...“ Die Stimme von Molly wurde immer schwächer und plötzlich rückte sie in eine große Ferne. Ein kühler Hauch streifte Maurice und er hörte leises Katzengeflüster um sich herum. Benommen richtete er sich auf.

Er blinzelte. Pierre und die kleine Katze tuschelten und lachten. Nie zuvor hatte Maurice Pierre so albern gesehen. Er grinste wie ein Honigkuchen. „Seid doch nicht so laut, ich bin todmüde,...“, sagte Maurice, während er versuchte, sich genau an den Traum zu erinnern. „Maurice,...stell dir vor, das ist Missy,...kann sie eine Weile hier bei uns wohnen...?“ Maurice rieb sich verschlafen die Augen. „Hey,...Maurice, wir sind uns ja schon zweimal begegnet,... na ja die Umstände waren ziemlich beschissen...“, sagte Missy forsch und legte ihm dreist die Pfote auf den Kopf. Maurice musterte sie skeptisch. Sie war sehr klein und zierlich. Ihre Augen waren bernsteinfarben und sie schielte ein bisschen.

„Was hast du mit den Voodookatzen zu tun?“ fragte er in strengem Ton. Pierre riss ärgerlich die Augen auf. Es war offensichtlich, dass er von Missy hingerissen war. „Ach,...ich hab die ollen Schreckschrauben nur ein bisschen geärgert,...na ja und dann, haben sie mich dummerweise erwischt,...“ „Und die Mafiakatzen,...hast du die auch geärgert..., du bringst dich doch dauernd in Gefahr,...“, sagte Maurice, dem es nicht passte, dass Pierre die kleine, freche Katze so anhimmelte...“ „Da redet der Richtige...“, brummte Pierre. „Ach wisst ihr, man kommt immer irgendwie durch,...wir haben doch neun Leben...“, kicherte Missy. „Sie kennt fast alle Katzen der Altstadt...“, sagte Pierre bewundernd. Maurice horchte auf: „Kennst du... Fleur...?“ fragte er gespannt Zum ersten Mal sprach er ihren Namen aus. „Och, das ist doch diese weiße Rassekatze, die immer so vornehm tut,...die ist schon länger weg,...“, sagte Missy wegwerfend. Maurice fauchte wütend: „Fleur ist die schönste Katze der Welt..., was bildest du dir ein?“ „Ach weißt du,...“, sagte Missy, „diese Rassekatzen wissen nicht wie es wirklich läuft,...sie laufen in die erste Falle und schon sind sie weg...“ Maurice brummte ärgerlich vor sich hin. Doch dann fiel ihm etwas ein. „Kennst du eine Villa in der Nähe eines sumpfigen Sees...?“ fragte er schnell. Missys Augen verdunkelten sich. Plötzlich war sie auf ihrer Hut: „Wozu willst du das wissen? Keine Katze sollte dort hingehen...dort ist es nicht geheuer,...“ „Du bist doch sonst so dreist...“, sagte Maurice spitz. „Sie liegt im Norden der Stadt und die Katzen, die dort hinlaufen, kommen nie zurück...“, sagte Missy leise. Dann sah sie Maurice mitleidig an und fragte: „Ist Fleur dort hingegangen?“ Maurice sah schnell zur Seite und antwortete nicht.

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