Karl Wiener

Sternchenstündlein

Feminist*innen, oder heißt es besser „Feminist_innen“. Jedenfalls bestehe ich auch in diesem Fall auf eine gendergerechte Sprache, denn ich betrachte mich als männlichen Feministen. Einmal, weil sich in meiner Kindheit fast ausschließlich weibliche Wesen um mich kümmerten. Die Männer standen im Feld, wie man damals sagte, das heißt, sie brachten sich gegenseitig um. Das weibliche Geschlecht empfand ich deshalb stets als das stärkere Geschlecht, später auch als da schönere Geschlecht.

„Der Duden“ hat sich jetzt der gendergerechten Sprache angenommen und das Gendersternchen zum deutschen Sprachgut erklärt. Ich habe zwar von Duden und Blasen keine Ahnung, aber ich glaube, daß sich die Herrschaften damit auf sehr dünnes Eis begeben. Sie öffnen die Büchse der Pandora. Das Problem ist so vielseitig, daß es kaum umfassend gelöst werden kann.

Zum besseren Verständnis nähern wir uns dem Problem in einzelnen Teilschritten. Da gibt es zunächst die Gruppe der Begriffe, die im Singular sowohl eine männliche als auch eine weibliche Form haben und im gemeinsamen Plural einen eigenen Sammelbegriff aufweisen:

der Vater - die Mutter - die Eltern

In der neutralen Rückführung auf das Einzelwesen wird hier oft die männliche Bezeichnung „der Elternteil“ benutzt, aus der dann in der Verdoppelung absurderweise von „beiden Elternteilen“ gesprochen wird. Zu einer weiteren, eher kleinen Gruppe gehört:

der Bruder - die Schwester - die Geschwister

Hier haben wir den seltenen Fall der Umkehrung des Problems, denn Geschwister ist geschlechtsspezifisch abgeleitet von der Schwester. Das Wort Gebrüder wird heute kaum noch benutzt und nur, wenn es sich um eine eindeutig männliche Gruppe von Personen handelt.

Schwieriger wird das Problem bei Begriffen für die es keine eigene weibliche Form gibt:

Der Kollege, der Kamerad

In diesen Fällen behilft man sich mit Anfügen der Endsilben –in bzw. –innen. Will man eine gemischte Gruppe ansprechen, nennt man einfach beide Formen. Das klingt dann zumeist so:

Kollegen und Kollegen! - Kameraden und Kameraden!

Zur Verdeutlichung und Verkürzung wird jetzt offiziell im Schriftsatz das Gendersternchen oder beim Sprechen die betonte Pause eingeführt:

Kolleg*innen – Kolleg_innen

Eine vernünftige Gruppenbezeichnung unter Einbeziehung des weiblichen Aspekts wird häufig auch durch die in der deutschen Sprache heimischen Umlaute erschwert:

der Arzt - die Ärztin

Hier hilft in der Zweisamkeit ausschließlich die Nennung beider Geschlechter:

Arzt und Ärztin

In der größeren Gruppe kann dann wieder die Formulierung Ärzt*innen bzw. Ärzt_innen benutzt werden.

Ein Sonderfall ist die Gattung „Mensch“. Hier sehe ich keinerlei Möglichkeit der Bildung einer femininen Form. Menschin bzw. Menschinnen ist weder mit noch ohne Gendersternchen vorstellbar. In der deutschen Sprache haben wir wenigstens einen männlichen Gattungsnamen. In manchen anderen Sprachen wird für „Mensch“ dasselbe Wort benutzt wie für „Mann“. Darüber hinaus gibt es dort nur eine Umschreibung in der Form „das menschliche Wesen“.

Wenden wir uns nun einem Gebiet zu, das man zumindest in der Schriftsprache besser vermeiden sollte, dem Gebiet der Kraftausdrücke. Wenn sich mit ihrer Hilfe die hier anstehende Problematik besser debattieren läßt, dann sollte man sich aber ausnahmsweise einmal ihrer bedienen.

Eine Frau, die man nicht leiden kann ist eine „Kuh“. Von einem Mann spricht man in diesem Fall nicht von einem Bullen, sondern man nennt ihn „Ochse“, wahrscheinlich um ihn besonders zu demütigen. Anständigerweise läßt man ihm wenigstens seinen männlichen Artikel. Handelt es sich um eine Zielperson unbestimmten Geschlechts oder mehrere Zielpersonen unterschiedlichen Geschlechts dann werden sie zum „Rindvieh“. Hier ist also jeder und jedem Gendergerechtigkeit widerfahren.

Das Problem wird aber sofort sichtbar, wenn man jemanden einen „Arsch“ nennt. Sollte man dann im Falle einer weiblichen Zielperson im Interesse der Gendergerechtigkeit von einer „Ärschin“ sprechen? Man kann dieses zweckentfremdete Wort genderunabhängig machen, indem man es durch die Bezeichnung „Arschloch“ ersetzt. Aber das wäre nicht exakt dasselbe. Besser wäre die Neutralisierung der Beschimpfung mit Hilfe von „das Hinterteil“. Hiermit würde die Angelegenheit jedoch erst recht ad absurdum geführt. Die benannte Körperpartie ist nämlich nicht „das“ hintere Teil unseres Körpers, sondern „der“ hintere Teil. „Das Teil“ ist im technischen Sprachgebrauch üblich und bezeichnet beispielsweise ein Ersatzteil, das erst im Bedarfsfall mit dem Ganzen zusammengefügt wird. Uns bleibt da nur noch eine Möglichkeit. Sagen wir doch einfach „das Ärschel“. Damit schlagen wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Einmal klingt es nicht so brutal und zum anderen beziehen wir auch diejenigen mit ein, die sich keinem der landläufigen Geschlechter zugehörig fühlen.

Was will ich mit dem Ausflug in das Gebiet der Kraftausdrücke sagen? Eine durchgängige und leicht zu handhabende Lösung des Problems der Gendergerechtigkeit wird es in unserer Sprache nicht geben, wenn wir dabei an der Erwähnung der Geschlechtszugehörigkeit festhalten. Wir müssen also die Begriffe neutralisieren, d.h. in das Neutrum überführen. Das klingt zunächst einmal ungewohnt, ist aber gar nicht so absurd wie es scheint. In der Verkleinerungsform tun wir das ja schon seit jeher. Wir könnten die Endsilben „-lein“ oder „-chen“ auch weglassen und, unter Beibehaltung des neutralen Artikels „das“, eine gendergerechte Sprache führen. In der englischen Sprache ist uns das ja auch nicht fremd.

Ich hoffe, daß die Mehrheit der Leserlein diesem nicht ernsthaft vorgetragenen Vorschlag einer Sprachregelung die Zustimmung verweigert, aber das Problem wäre damit auf einfache Weise gelöst und die Feministchen zufriedengestellt. Die Einführung des Gendersternchens in die deutsche Schriftsprache ist jedenfalls keine Sternstunde in der Geschichte der Dudenredaktion.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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