Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 3

Hastig traten die Katzen den Rückzug an. Sie krochen zurück auf die Straße und liefen vorsichtig an dem düster vor ihnen liegenden Friedhof vorbei. Sie erwarteten immer noch, dass etwas Schreckliches passieren würde und beschleunigten ihr Tempo, um an den Gräbern vorbeizukommen. Als sie den Friedhof hinter sich gelassen hatten, erholte Ralf sich langsam etwas, die Blutung ließ nach. Er schüttelte immer wieder den Kopf, als könnte er nicht glauben, was ihm in Sootys Schuppen widerfahren war. Blue atmete erst auf, als sie die engen Gassen der Altstadt erreichten, wo das Leben seinen gewohnten Gang ging. Über eine steile Treppe erreichten sie atemlos das „Chat Noir“, wo sie sich in Sicherheit fühlten. Niemand fragte an diesem Abend nach der Rassenzugehörigkeit, alle drängten sich in den Keller hinein. Blue hatte fast Mitleid mit dem verletzten Ralf, obwohl sie ihn für einen üblen Halunken hielt. Omar, der völlig außer Atem war, keuchte: „Jetzt erzähl schon,…was genau ist denn in dem Schuppen passiert…, spann uns nicht unnötig auf die Folter…“ Ralf rieb sich an Mitsous dickem cognacfarbenem Fell und hüstelte. Dann schüttelte er wieder den Kopf: „Da drinnen war es stockdunkel und die Luft war voller Ruß, ich konnte kaum noch atmen…Zuerst habe ich nichts gesehen, nur altes Gerümpel, aber plötzlich schlug sie von oben zu, sie zielte direkt auf die Augen,…ich habe Glück, dass ich noch sehen kann…“ Clarence sagte ungläubig: „Sie hat dich in einem Kampf besiegt, eine einzelne alte Katze…?“ „Volltrottel…“, knurrte Ralf, „sie hatte eine eiserne Pranke…ihre Pfote wurde riesengroß,…ach was, das könnt ihr euch alle nicht einmal vorstellen…, meine Augen brannten und ich glaubte zu ersticken…, das ging alles nicht mit rechten Dingen zu…“ Ebony murmelte etwas von einem geheimen Bannzauber und alle begannen wieder durcheinander zu reden und über Katzenmagie zu diskutieren. Plötzlich sagte die freche Lucy: „Sooty hat sicher die anderen Katzen umgebracht,…ich meine, Ralf ist stark und wenn sie sogar ihn… fast getötet hat…“ Herausfordernd blickte Lucy in die Runde. Blue warf ihr einen skeptischen Seitenblick zu und sagte: „Woher willst du das wissen…? Eigentlich wissen wir nichts, außer, dass Sooty Ralf eine auf sein vorwitziges Maul gegeben hat,…und das war ihr gutes Recht, schließlich ist er in ihren Schuppen gestiegen wie ein Dieb in der Nacht…“ Lautes Protestgemurmel erhob sich bei ihren Worten. „Baby, was bist du eigentlich für ein beschränktes Dummerchen…?“ fragte Ralf, der langsam wieder zu seiner alten Form auflief, „du hättest dir in dem Schuppen die Hosen voll gemacht…, wenn du drinnen gewesen wärst…“ Mitsou verdrehte ihre cognacfarbenen Augen und zischte wütend: „Ich hätte gute Lust, dich in den Schuppen hineinzutreiben…, Blue, du tust immer so gescheit, dabei bist du auch nur eine Straßenkatze…“ Sie glühte vor Wut. Dann fiel auch noch Ebony fiel über Blue. „Du hast ja überhaupt keine Ahnung von Katzenmagie, von schwarzem Knochenzauber und den Mondgeheimnissen…“, sie schüttelte ärgerlich ihren rabenschwarzen Kopf. Blue wurde wütend. Plötzlich Ebony begann mit ihrem Schwanz zu peitschen und ihr zu drohen. Ihre grasgrünen Augen funkelten. Alle begannen sich über Blue lustig zu machen. Sogar die kleine Mona lispelte: „Sie lässt ja nicht einmal Robby gelten…, den blauäugigen Robby,… sogar über ihn redet Blue schlecht…“ Sie streckte sich, um größer zu erscheinen und hetzte die anderen auf. Wörter prasselten wie Steine auf Blue nieder. Said beugte sich zu ihr hinüber und flüsterte: „Komm, lass uns hier abhauen…, heute gibt es bei mir gebratenes Lamm mit Zimt und Honig…“ Immer mehr Katzen schnellten warnend mit ihren Schwänzen. Said warf Blue einen warnenden Blick zu. „Sie werden dich schlagen…, wenn du nicht still bist…“, sagte er leise. „Sie wollen sich an jemand abreagieren…“ Mehrere Katzen umzingelten Blue. Es war zu spät, davonzulaufen. „Na Baby, scheißt du dir schon in die Hosen…?“, fragte Ralf, dessen Feuer langsam zurück kehrte. In diesem Augenblick sprang ein schwerer Kater durch das Loch im Fenster. Der weiße Robby tauchte auf. „Was ist denn hier los?“ fragte er hoheitsvoll und plusterte sein cremefarbenes Fell auf. „Es gibt eine Ordnung in dieser Welt, es gibt Unterscheidungen und Verschiedenheiten in diesem Raum, über dessen Schwelle ich trete..., das „Chat Noir“ bleibt frei von diesen verdammten Straßenkatzen…, sie haben in der ganzen Altstadt genügend Platz…“, sagte er laut und man merkte, dass er endgültig die Nase voll hatte. Die Katzen wandten sich von Blue ab und Robby zu. Mehrere Straßenkatzen ließen es gar nicht auf eine weitere Konfrontation ankommen und sprangen instinktiv sofort an Robby vorbei aus dem Keller.

Ralf erhob sich trotz seiner Verletzung und trat vor Robby: „Versuchs…du Mistvieh…, treib mich hier raus, ich wette du aufgeblasener Schmusekater liegst am Boden, bevor du bis drei zählen kannst…, hast wohl nur einen Hoden, du Milchkater…“ Mitsou lachte grell und hüpfte von einem Bein aufs andere. Lucy fauchte Mitsou an und schlug sich sofort auf die Seite von Robby. Blue nutzte die Ablenkung durch Robby aus und verdrückte sich wieder unter den Sessel. Robby nahm eine drohende Haltung ein. Er stand mit gestreckten Beinen vor Ralf und wirkte plötzlich noch größer und wuchtiger. Seine Rückenhaare sträubten sich. Langsam ging er auf Ralf zu, zeigte die Rückseite seiner Ohren. Er brummte und gurgelte drohend. Robby wartete auf eine Reaktion des sich duckenden Ralfs. Dann trat er noch näher an ihn heran und vollführte eine seltsame Kopfbewegung. Er hob den Kopf, drehte ihn zur Seite und fixierte Ralf mit starrem Blick. Langsam machte Ralf einen Schritt nach vorne und wendete den Kopf zur anderen Seite. Es wirkte wie ein uralter kämpferischer Tanz, dessen Regeln unverrückbar waren. Robby wirkte, als brüstete er sich seiner Schönheit und Kraft vor einem Spiegel. Gespannt beobachtete Blue, wie Robby dann blitzschnell einen Ausfall machte und den gelben, angeschlagenen Ralf in einem einzigen Zug überwältigte. Er drückte ihn am Genick zu Boden. Dann zog er die Schlinge mit der Pfote zu. Ralf kam nicht mehr auf die Beine. Er zappelte ein bisschen mit den Pfoten, dann hörte man ihn seltsame Laute ausstoßen, irgendwo zwischen Jammern und Lachen: „Alter Kumpel, war doch nur ein kleiner Scherz,… gehst du zum Lachen in den Keller, oder wie…?“ Robby brummte wieder tief in der Kehle. Er drehte sich eckig dem Verlierer zu und begann den Boden abzuschnüffeln, dann sagte er: „Ich bin nicht dein Kumpel, sondern ein Mahazedi, merke dir das, Stadtstreicher… und verschwinde und nimm deine verlausten Weiber alle mit…“ Robby versetzte ihm noch einen eleganten Hieb mit der Tatze und ließ ihn los. Ralf ließ sich nicht lange bitten. Hinter ihm schlichen Mitsou, der dicke Omar und noch einige andere aus dem „Chat Noir“. Robby schloss langsam seine blauen Augen und öffnete sie wieder, als wäre er in tiefgründige Betrachtungen der Katzennatur versenkt, während sich die meisten Katzen aus dem „Chat Noir“ trollten. Nur Blue lag immer noch wie festgeklebt unter dem Sessel. „Gute Arbeit…“, hörte sie Said zu Robby sagen. „Nicht der Rede wert,…“, sagte Robby näselnd, „du weißt ja, in Birma brauchten wir nur die Pfoten zu heben und ein ganzer Kriegertrupp taumelte ins Nichts…“ Mona starrte Robby trotz der groben Abfuhr, die er ihr an diesem Vormittag erteilt hatte, an wie ein Weltwunder. Ihre Schulterblätter berührten sich auf ihrem Rücken wie die Flügel eines kleinen Schmetterlings und sie lauschte andächtig jedem Wort, das Robby zu sprechen geruhte. Doch auch Lucy buhlte um seine Aufmerksamkeit. Sie hatte einen außergewöhnlich zierlichen und hübschen Körper und einen besonders buschigen Schwanz. Auch sie gehörte wie die kleine Mona zur Rasse der Norwegischen Waldkatzen. „Robby…, diese Erinnerungen, die du an Birma hast…, ich möchte auch,…ich möchte Persien sehen…“, sagte Said leise. „Kannst du mir nicht lernen, wie man sieht?“

Robby lachte, dann sagte er herablassend: „Alter Freund, entweder man hat ein königliches Gedächtnis oder man hat es nicht…, vielleicht ist dein Perserblut nicht so rein wie das meine,…jedenfalls ist mein Gedächtnis wie ein Kronleuchter und deines offensichtlich wie eine billige Glühbirne…“ Said schwieg und wieder glitt der Schatten einer Traurigkeit über sein rundes Gesicht mit den großen graublauen Augen. Robby begann wieder seine Geschichten aus dem alten Birma zu erzählen, von den geheimen Gängen in den goldenen Pagoden, wo er mit den anderen Tempelkatzen Verstecken gespielt hatte und von den riesigen Buddhastatuen, die eine Katze leicht erschlagen konnten, wenn sie umfielen. Und er sprach von der Göttin, die leicht wie eine Wolke über den Plätzen aus weißem Marmor schwebte. Lucy und Mona schmiegten sich eng aneinander. Ein Sandelholzduft schien in der Luft zu liegen und kleine Glöckchen zu klingen. Blue lag reglos unter dem Sessel, um nicht doch noch bemerkt zu werden. Und obwohl sie sich dagegen wehrte, spann Robby sogar sie in seine traumgleichen Erzählungen ein und sie vergaß vorübergehend, was für ein arroganter Kerl er war. Er sprach so, als ob er auf einem hohen Berg säße und alle Geheimnisse der Erde kannte. Er stillte den Durst der Katzen an diesem trüben Tag nach Glück und Sinn. Sein Fell schimmerte fast golden im Mondlicht.

 

Es war weit nach Mitternacht, als Blue als letzte den Keller verließ. Sie hatte unter dem Sessel ausgeharrt, damit niemand sie bemerkte. Sie streckte sich und gähnte. Es war ein sehr ereignisreicher Tag gewesen. Plötzlich hörte sie ein leises Miauen. Sie sah sich um und entdeckte Said hinter den Mülltonnen. Diesmal hatte er auf sie gewartet. Es war sehr kalt geworden. Der Himmel wirkte schwer. „Es riecht nach frühem Schnee…“, flüsterte Said, „ich wollte dich einladen,…wir können uns mein Lammgericht teilen…und vielleicht schläfst du jetzt besser unten bei uns im Laden, man weiß ja nie…bei den toten Katzen, die jetzt so gefunden werden…“, fügte er ein wenig verlegen hinzu. Blues Herz hüpfte freudig. Sie atmete auf, diese Nacht brauchte sie sich um nichts mehr zu sorgen. Sie liefen dicht aneinander. Blue berührte den dicken weichen Pelz von Said. Sie lächelte in sich hinein. Sie presste kurz ihre rosa Schnauze hinter sein Ohr, dann liefen sie schweigend weiter durch die Nacht. Ein Lächeln lag in der Luft.

 

Durch eine versteckte Katzenklappe schlüpften sie in den Trödelladen von Saids Besitzer. Im trüben Schein einer Straßenlaterne, die vor dem Schaufenster stand, nahm Blue schemenhaft Wasserpfeifen, bunte Seidenkissen und dicke alte Bücher wahr, die in verstaubten Regalen auf Käufer warteten. Wandteppiche mit weißen Kamelen bestickt und Säcke mit duftenden Gewürzen lagerten weiter hinten im Raum, kurdische Krummdolche hingen an der Wand. Blue schnupperte aufgeregt, eine Vielfalt von Geruchskombinationen überwältigte ihre feine Nase. „Komm mit…“, sagte Said leise und führte sie in eine kleine Kammer, die vollgestopft mit Gerümpel war. Dort standen mehrere Schalen mit duftendem Essen, über das sie sich heißhungrig hermachten. Das zart gewürzte Fleisch war das Knusprigste und Köstlichste, was Blue jemals gefressen hatte. Neben dem Fleischnapf stand eine Schale mit weißer Milch, die sauer roch. Blue stutzte, dann rümpfte sie die Nase. „Was ist das?“ fragte sie und im gleichen Moment fiel ihr ein, woher sie diesen Geruch kannte. Die tote Philippine hatte penetrant danach gerochen. Blue erstarrte, ein furchtbarer Verdacht keimte plötzlich in ihr. Der Mond schien grell in die Kammer. Die Erinnerungen überfielen sie, wie Philippine im Rindstein gelegen hatte. Ihre Kinnbacken waren steif gewesen, erstarrt in diesem fürchterlichen Grinsen. Minutenlang kämpfte sie gegen die Beklemmung. Sie wollte nicht glauben, dass der ruhige Said etwas mit den toten Katzen zu tun hatte oder sein Herr. „Was ist das?“ fragte sie noch einmal in schärferem Ton. „Das ist eine Art vergorene Milch, sie ist sehr gesund…, was hast du denn plötzlich?“ fragte Said und seine Augen verengten sich. Blue kämpfte mit sich, aber brachte es nicht über sich, darüber mit ihm zu sprechen. Sie konnte sich nicht überwinden. Regungslos beobachtete sie Said dabei, wie er die Milch aufleckte. Fast befürchtete sie, er würde jeden Augenblick tot umfallen. „Trinkst du das oft?“ fragte sie. „Jeden Tag…“, antwortete Said und sah sie komisch von der Seite an, so als wunderte ihn ihre Fragerei. Plötzlich waren sie beide wieder sehr befangen. Wenig später lief Said die Treppen hinauf in die Wohnung und ließ Blue allein im Laden zurück. Sie war todmüde, aber plötzlich wagte sie nicht zu schlafen. Die fremde Umgebung beunruhigte sie und sie sehnte sich fast nach ihrem Plätzchen unter der Kanalbrücke. Unruhig durchstreifte sie den Laden und erforschte die seltsamen Gegenstände, die überall herumlagen. Der Mond malte ölige Flecken auf die Wände und ein Lichtspalt fiel durch die Türe. Die alten Stuhlbeine wirkten gebrochen. Schließlich übermannte sie doch die Müdigkeit und sie rollte sich unter einem antiken Schreibtisch zusammen. Traurig dachte sie, dass Said ihr nicht einmal über den Kopf geleckt hatte. Wieder war unvorhergesehen eine seltsame Missstimmung zwischen ihnen aufgetaucht.

 

In der Kammer, die durchdrungen war vom Geruch seltener Teesorten und Gewürze träumte Blue. Sie streifte durch endlose, tiefe Wälder, deren Größe sie fast überwältigte und stand plötzlich am Meer. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Meer und Himmel ließen sich nicht unterscheiden. Das Meer war so leicht gefältelt wie ein zerknittertes Tuch. Blue war fasziniert von der Weite, die sich vor ihr ausbreitete. Sie verschmolz mit dem leuchtenden Grün der Büsche und beobachtete, wie sich über dem Meer ein weißer Glast abzeichnete und der Himmel sich in einem leichten Perlgrau emporzuheben schien. Sie fühlte eine überwältigende Lebendigkeit, während sie mit federnden Pfoten am Strand entlang trabte. Als die Sonne am Horizont aufloderte, schlug sie sich wieder in die tiefen Büsche, die die Waldwege säumten. Sie steckte ihre Schnauze in schneckengrüne Blätter und trank eisklares Wasser. Sie tanzte in der Sonne, während die Vögel zwitscherten. Alles war erfüllt von flimmernder Leichtigkeit. Mit der Pfote angelte sie silbern glänzende Fische aus einem Bach. Sie wünschte, der Traum würde nie enden. Doch plötzlich schreckte sie auf. Ein Schatten fiel über sie. Ein bärtiger Mann mit einer Hakennase sah auf sie hinunter. Seine braunen Augen wurden durch runde Brillengläser stark vergrößert. „Wen haben wir denn da?“ sagte er in einer leisen, fast singenden Stimme, „bist du eine Freundin von Said?“ Er stieß ein paar gurrende, lockende Töne aus. Blue drückte sich weg unter seiner Hand. Sie mochte nicht schon beim Aufwachen von Fremden angestarrt oder sogar angefasst werden. Auch hatte der Traum ein Gefühl von Wildheit und Kraft in ihr hinterlassen, das sich nicht mit dem seltsamen Getue der Menschen vertrug.

Der Mann schnalzte mit der Zunge und füllte eine Schale mit dicker Sahne. Er versuchte wieder, Blue in seine Nähe zu locken. Blue fragte sich, wo Said blieb, ob er immer noch beleidigt war. Während der Blick des alten Mannes an einem vergilbten Buch hängen blieb und er geistesabwesend begann, darin zu blättern, verdrückte sich Blue in die Kammer. Schon wollte sie einfach durch die Katzenklappe verschwinden, als Said über die Treppe hinunter in den Laden fegte. Er rutschte auf dem Parkettfußboden und lachte schelmisch. „Schnell, das ist Doppelsahne…“, sagte er, „die gibt es nur zweimal im Jahr…“ Er wollte schon seine rosige Zunge tief in die Sahne tauchen, da riss er sich zurück und ließ Blue den Vortritt. Blue schnupperte skeptisch an der Milch, doch sie roch diesmal süß und kein bisschen säuerlich. Sie sahen sich beim Trinken tief in die Augen und kicherten plötzlich. „Gehen wir zusammen im Rosengarten spazieren…?“ fragte Said. „Weißt du…“, sagte er nachdenklich, „immer wenn ich in diesem Rosenbeet sitze, fühle ich mich Persien am nächsten… dieser Duft ist mir irgendwie vertraut…“, Wieder klang ein leichter Neid auf Robbys Erinnerungsvermögen aus seinen Worten. Ohne nachzudenken, sagte Blue schnippisch: „Könnte sein, Robby erfindet diesen ganzen Kram von Birma nur,…wer weiß das schon…ich kenne keine Katze, die wirklich dort gewesen ist…“

Saids Augen wurden eine Spur dunkler und erinnerten jetzt an blau gefärbtes Glas. „Das darfst du nicht sagen…“, stieß er hervor, „Robby lügt nicht…, er sieht…“ Plötzlich wurde es Blue zu dumm, sie sagte scharf: „Ich sehe auch nichts…, keine Katze sieht etwas außer dem, was eben da ist…“ „Ja du, du bist ja auch keine Rassekatze…, was willst du also sehen?“ grummelte Said. Er war fertig mit der Doppelsahne und rollte sich beleidigt zusammen. Blue wollte nicht zeigen, wie sehr er sie mit dieser Bemerkung verletzt hatte. Sie trommelte spielerisch mit den Pfoten auf den Boden und sah in die Luft. Sie erhob sich und kämpfte plötzlich mit einer tiefen Traurigkeit. Irgendwo pfiff ein Teekessel. Der alte Mann goss siedend heißes Wasser über dunkelgrüne Teeblätter und zog eine schneeweiße Serviette aus einem Silberring. Er begann eine Brotrinde in Tee mit Milch zu tunken. Blue sah zu Said hinüber, der seine Nase in die Luft streckte. Plötzlich stieß sie hervor: „ Weißt du was, ich mag Rassekatzen nicht…, ich mag sie einfach nicht…“ Pfeilschnell drehte sie sich um und schoss aus dem Laden.

 

Draußen frischte der Wind auf. Er peitschte durch die Bäume und wehte Blue hart ins Gesicht. Blue kämpfte gegen ihre Traurigkeit. Ohne nach rechts oder links zu blicken, lief sie durch die Altstadt zu ihrem Platz unter der Kanalbrücke. Staub, Zweige und Blätter wirbelten durch die Luft. Eine Schwalbe schoss an ihr vorbei, gefangen in einer Windböe. Regen begann herunter zu prasseln und drang durch ihr dichtes Fell. Betroffen starrte Blue auf den Kanal. Der Wasserpegel war gestiegen und das Wasser strudelte und rauschte dicht unter ihr vorbei. Das hohe unwirkliche Heulen des Windes schob sich zwischen Himmel und Erde. Wasser überspülte die Uferböschung und schwappte auf ihre Pfoten. Ihr Gesicht war nass vom Regen. Ihre Augen brannten. Sie drückte sich gegen die Mauer unter der Brücke, damit der Wind sie nicht wegwehte. Nun war sie gezwungen, sich einen neuen Unterschlupf suchen zu müssen für die kommenden Nächte. Hier war es zu nass und ungemütlich. Sie kämpfte sich über die Brücke und schlug den Weg zum „Moulin Rouge“ ein. Philippine und Mitsou hatten ihr manchmal erlaubt, in der Garderobe der Bar zu übernachten. Sie zuckte zusammen. Laute Jazzmusik drang aus der Bar. Ein großer Lastwagen lieferte gerade Kästen mit Bier an und die Arbeiter lachten und drehten die Musik noch lauter. Die laute Musik dröhnte in Blues feinen Ohren. Nach langem Suchen fand sie Mitsou im Hinterhof zusammen gekauert hinter einem Bretterstapel. Sie hatte dort Zuflucht vor dem stürmischen Wind gesucht. Als Blue sich ihr näherte, fauchte Mitsou sie an und peitschte mit dem Schwanz. Überrascht blieb Blue ein paar Katzenlängen von ihr entfernt stehen. „Verschwinde…“, grollte Mitsou, „du bist schuld, dass Philippine nicht mehr lebt, eine schöne Freundin bist du,…“ Blue blieben vor Verblüffung die Worte im Hals stecken. Sie schluckte schwer. Die Holzbretter klapperten im Wind. Eine Windböe fegte um die Ecke und riss Blue fast mit. „Was ist denn in dich gefahren?“ fragte sie leise, „ich habe Philippine immer gerne gemocht…“ „Du hast sie nicht einmal zur Apothekerkatze begleitet, als sie dich darum gebeten hat, vielleicht wäre ihr nichts zugestoßen unterwegs, wenn sie nicht allein los gegangen wäre…“ sagte Mitsou mit einem gehässigen Unterton. „Du bist ungerecht…, das konnte ich doch nicht wissen…, du bist doch auch nicht mitgegangen u, sondern zu diesem üblen Ralf…, und Omar auch nicht, oder…“ protestierte Blue. Im Wind wirkte Mitsou klein und schütter mit gewaltigen Ohren, ihre Schnurrbarthärchen zitterten vor Wut. Ihr cognacfarbenes Fell erinnerte an ein Wolljäckchen. „Verschwinde…“, rief sie wieder gegen den Wind. „Ralf hast du gestern auch nicht geglaubt, dass Sooty in fast getötet hätte… Du weißt immer alles besser, du verdammte Yankeekatze…“ Maßlos wütend wollte Blue Mitsou hinter dem Holzstapel hervorzerren. Was fiel Mitsou ein, sie Yankeekatze zu nennen? Sie stemmte sich mit den Vorderpfoten auf den Holzstapel, wollte schon hineinschlüpfen und Mitsou ein paar saftige Ohrfeigen verpassen, da tat ihr die kleine, schmächtige Mitsou leid und sie ließ sich wieder absinken. Mitsou fauchte und schlug mit den Tatzen aus, sobald sie näher kam. „Ich bin keine verdammte Yankeekatze…“, maulte Blue. „Doch, genau das bist du, Ralf hat gesagt, dass du eine Yankeekatze bist…“ „Ach so, Ralf,…“, sagte Blue, „und ich dachte schon, das wäre auf deinem Mist gewachsen…was ist denn so ein Yankeeding…? Mitsou starrte Löcher in die Luft, sie wusste es nicht. „Jedenfalls ist es etwas Hässliches, ganz Übles…“, sagte sie und rollte mit den Augen. Blue hatte genug, erst der Streit mit Said und nun auch noch diese Albernheiten, die Ralf Mitsou eingeflüstert hatte. Sie holte tief Luft und sprang mit einem einzigen Satz in den Nachbargarten.

Tief in Gedanken versunken lief sie zum Katzenbrunnen. Seit Philippines Tod war alles verändert. Wieder heulte der Wind um die Ecke und fegte über Blue hinweg. Außerdem knurrte Blues Magen. An der Apotheke sah sie Omar an eine Ecke pissen und in ungelenken Bewegungen zum Marktplatz aufbrechen. Mit einem langen Sprung holte sie ihn ein. Zwei Krähen flatterten erschrocken von einem der Dächer auf. Omar nickte ihr zu. Blue wusste, dass Omar über alle Ereignisse in der Altstadt informiert war. Er dachte gründlich über alles nach. Sie schätzte seinen präzise arbeitenden Verstand. Sie verlangsamte ihre Schritte und passte sich seinem schwerfälligen Gang an. Warst du bei der Apothekerkatze…?“ fragte sie ihn und dachte an Philippine. Omar nickte ausweichend. „Magnolia überlässt mir hin und wieder eine Kräutermedizin,…eine Art Stärkungsmittel…“, sagte er in seiner etwas zu hohen Stimmlage, die nicht zu seinem Körperumfang passte. „Hast du Mitsou gestern Abend zu Magnolia begleitet?“ fragte Blue, „hast du dort etwas Verdächtiges gesehen oder bemerkt…?“ Omar sah Blue komisch von der Seite an. „Nein, nein, ich bin gleich weiter in den „Roten Löwen“, dort bekomme ich immer die Reste vom Essen…, das lasse ich mir doch nicht entgehen für die säuerliche Milch von Magnolia…“ Er lachte und furzte ausgiebig. Sie liefen schweigend weiter. Dann sagte Blue: „Der Kanal ist fast über das Ufer getreten, ich muss mir eine Unterkunft für ein paar Nächte suchen…, weißt du ein Quartier…?“ Omar grinste schief und sagte: „Wenn ich richtig beobachtet habe, dann kannst du sicher bei Said unterkommen,…kein schlechter Freier für eine Regenkatze…“ Blue verdrehte die Augen, dann schüttelte sie den Kopf. Omar sagte: „Dann gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten,… im „Moulin Rouge“ ist es auch nicht mehr, wie es einmal war, …bleibt nur das Gasthaus zum „Roten Löwen“, da steht eine grüne Gartenlaube im Hinterhof… und sie haben einen großen Speicher, abe sie haben einen großen schwarzen Hund, der ist kein Katzenfreund…, man muss höllisch aufpassen…“ Sie trotteten weiter nebeneinander her. „Glaubst du, Sooty hat Philippine wirklich umgebracht…?“ fragte Blue. „Warum sollte sie das tun? Warum sind alle so überzeugt davon?“ Omar wiegte bedächtig seinen schweren Schädel. „Sooty hat ja schon oft damit gedroht,…sie würde den Katzen der Altstadt die Knochen aus dem Leib ziehen und zu Mehl verarbeiten…“, sagte er dann und grinste verschlagen. Seine leicht hubbelige Unterlippe hing herab. „Du glaubst also auch, dass sie zaubern kann?“ fragte Blue neugierig. Omar zwinkerte ihr zu. „Das sind alles bloß Katzen, die zuviel schwätzen…, und Sooty ist für mich auch nur eine alte, durchtriebene Katze…“, sagte Omar, „ich stelle meine eigenen Nachforschungen an…, sonst glaube ich nichts…“ „Und hast du schon etwas herausbekommen bei deinen Nachforschungen…?“ fragte Blue schnell. Sie bogen auf den Marktplatz ein. Mehrere Verkäufer versuchten ihre Ware mit schwarzen Abdeckplanen vor dem Wind zu sichern. Omar schwieg, das Thema war für ihn beendet. Er wollte nichts von seinem Wissen preisgeben. „Ich habe saure Milch gerochen an Philippine…“, fügte Blue hinzu, als er nicht antwortete. „Ich habe die Winterschwere in den Knien…“, sagte Omar, „aber eines weiß ich, saure Milch trinken vor allem diese eingebildeten Rassekatzen…“ Er zögerte kurz, dann sagte er mit einem tiefen Seufzer: „Doch am Grunde des Brunnens ist kein Licht und nur tausend Jahre altes Wasser…“ „Rassekatzen sind ätzend…“, sagte Blue aus tiefstem Herzen. Omar lachte: „ Was es nicht alles für Rassekatzen gibt, manch eine würde man sogar gerne freiwillig in eine Schlange eintauschen…“, fügte er dann hinzu. Blue verstand nicht genau, was er eigentlich meinte, glaubte aber, dass seine Worte sehr tiefsinnig waren. Plötzlich fiel ihr wieder ein, dass Mitsou sie Yankeekatze genannt hatte. Sie wollte Omar gerade fragen, ob er das Wort schon einmal gehört hatte, als sie am Brunnen die pechschwarze Ebony trafen. Sie fraß gerade Fischabfälle. „Kommt ihr mit, ich möchte noch einmal hinaus zu Sooty“, sagte sie, während sie gierig einen Fischkopf verschlang. „Das ist mir viel zu anstrengend bei diesem Wetter…“, sagte Omar und verzog sich unter ein Stück der schwarzen Plane. „Ich stelle lieber hier meine Überlegungen an…“ Sie hörten ihn laut furzen.

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