Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, Teil 34

– 26 –

Die Flüsterbande war noch nicht allzuweit gekommen, als sie feststellte, daß sie nicht allein in der Gegend unterwegs war. Auf dem einzigen Weg durch das Sumpfland kam ihr eine höchst ausgefallene Gruppe entgegen, die verdächtig nach Ärger roch. Mit einem unguten Gefühl musterte der Bär den gigantischen Drachen und den nicht minder beeindruckenden Troll, die aus der Gruppe wie Leuchttürme aufragten, und das, obwohl der Rest der Gruppe zu Pferd unterwegs war. Der Bär hatte schon viel über Drachen und Trolle gehört, und was er vernommen hatte, ließ ihn ins Schwitzen geraten. Gerne hätte er diese Begegnung vermieden, aber der Sumpf links und rechts des Weges ließ ihm keine Wahl.

„Haltet euch bereit“, wies der Bär seine Begleiter mit dumpfer Stimme an. Das unvermeidliche „Woll“, das der Aufforderung folgte klang nach Ansicht des Bären allerdings nicht sehr motiviert. Verstehen konnte er es. Sollte der Drache Appetit verspüren, konnten sie nicht mehr machen, als eine schmackhafte Mahlzeit abzugeben. Der Gedanke war niederschmetternd. Er hätte daher viel darum gegeben, wenn er gewußt hätte, was in den Köpfen der ungewöhnlichen Mitglieder dieser Gruppe in diesem Moment vorging.

 

„Das müssen sie sein!“ Bärbeiß Stimme klang so kalt wie die eines Henkers, der seinem Kunden einen schönen Tag wünscht, kurz bevor das Beil fällt. Mit der linken Hand beschattete er die Augen und richtete sich in den Steigbügeln auf, um einen besseren Blick auf die Gruppe zu haben, die ihnen auf dem schmalen Pfad entgegen kam.

Hilly nickte zustimmend. „Zwei Pferde und eine Fußgruppe. Allerdings sehe ich keine Frau unter ihnen“, stellte sie fest. Die Gruppe war zwar noch etliche Schritt entfernt, allerdings hatten die in derbe Felle gekleideten Männer nichts mit einer jungen Fürstentochter gemein. Das konnte nur bedeuten, daß sie ihre Gefangene bereits ausgeliefert hatten.

„Was machen wir, wenn wir auf sie treffen?“, schaltete ich mich ein. Zwar befand ich mich in einer Gesellschaft, die den normalen Bürger dazu veranlaßt hätte, auf der Stelle Reißaus zu nehmen und den nächsten Baum zu entern. Auf der anderen Seite hatten die Fellgekleideten wenig gemein mit einem normalen Bürger. Ausgerüstet mit allen, was zum Schlagen, Stechen und Aufschlitzen geeignet war sowie bekleidet mit schweren Fellen und Helmen, an denen Geweihe befestigt waren, erinnerten sie an Bären auf dem Kriegspfad und ließen selbst Hillys wilde Bande dagegen wie die Mitglieder eines Kinderhorts erscheinen. Allerdings schien das meine Gefährten nicht im Geringsten zu bekümmern.

Im Gegenteil.

„Wir haben Spaß“, beantwortete Bärbeiß vergnügt meine Frage. Das Sonnenlicht spiegelte sich vielsagend auf dem scharfen Blatt der gewaltigen Streitaxt.

Hö, hö, hö“, stimmte Gorgus begeistert zu.

„Gib’s ihnen, mein Großer. Ich sichere die Nachhut.“

„Mahlzeit“, brummte Borogaad als Letzter in der Runde und stieß eine kleine Feuerlanze aus. Ich seufzte. Irgendwie würde ich mich wohl nie an die Art und Weise gewöhnen, wie meine Gefährten auf Gefahren reagierten. Allerdings hatte ich keine Zeit mehr, mich damit intensiver auseinander zu setzen, denn in diesem Moment trafen wir aufeinander. Nur ein Schritt auseinander standen wir uns gegenüber und übten uns im Wettstreit Wer kann am finstersten blicken? Der Pokal ging mit eindeutigem Ergebnis an Bärbeiß, der auch als Erster den Reigen eröffnete.

„Wo ist das Mädchen?“, knurrte er in einer Tonlage, die man normalerweise nur tief Untertage hört, wenn sich die Kontinentalplatten mal wieder verschieben. Ich wünschte, ich könnte so finster klingen und bewunderte unsere Gegner, die standhaft blieben und keine Gemütsregung erkennen ließen. Nur die Hände, die sich verkrampft um Schwert- und Axtgriffe schlossen, verrieten die Anspannung.

Er dich was gefragt!“, grollte Gorgus, worauf der Bär sich zu nun doch zu einer Antwort genötigt sah. Die Vorstellung, von einem Troll unangespitzt in den Boden gerammt zu werden, läßt auch den Unmotiviertesten munter werden. Gleichwohl wollte er sich nicht unterkriegen lassen. Nur wer Stärke zeigt, hat eine Chance zu überleben

„Das geht Euch nichts aaaarrgghhh“, fauchte er daher mutig zurück und beendete den Satz mit einem interessanten Gurgeln, als die Pranke des Trolls vorschnellte, den Hals des Bären umschloß und diesen freundlich zudrückte.

„Das Letzte hab ich nicht ganz mitbekommen“, knurrte Bärbeiß.

„Ich glaube, er sagte, der Troll könne ihn mal“ half Mikesch von hinten dolmetschend aus.

Ggrllkrcks“, protestierte der Bär entsetzt, wobei er mit den Armen ruderte, als wolle er abheben. Sein Gesicht wies inzwischen eine interessante Blaufärbung auf.

„Ein Chamäleon“, staunte Mikesch.

Du antworten“, brüllte der Troll den röchelnden Bär an, wobei er ihn zugleich an seine beharrte Brust zog. Auf diese Weise wurde diesem die einmalige Erfahrung beschert, die Ausdünstungen des Trolls in ihrer ganzen Intensität kennenzulernen. Ein Erlebnis, auf das er gerne verzichtet hätte.

„Er wechselt schon wieder die Farbe. Mann, der hat’s echt drauf“, bewunderte der Kater das Farbenspiel. Indes entwickelten die Gefährten des Bären ein erstaunliches Interesse für die Schönheit der Natur. Als würde sie das Ganze nichts angehen, standen sie plötzlich Seite an Seite am Rand des Sumpfes und bewunderten das Farbenspiel der untergehenden Sonne.

„Geht doch nichts über einen Sonnenuntergang“, kommentierte der erste Netzträger den bereits tiefen Stand der Sonne.

„Da wird mir immer ganz warm ums Herz“, erwiderte der andere.

„Erinnert irgendwie an zuhause....“

„und an Blut“, ergänzte Bärbeiß grimmig. „Ich kann euch Pfeifen das ja mal praktisch vorführen“, bot der Zwerg düster an.

„Danke, meine Vorstellungskraft ist sehr ausgeprägt“, wehrte der vordere Netzträger hastig ab.

„Und ich bin farbenblind“, ergänzte der hintere Netzträger.

Grllgssgrkcs“, stimmte der Bär zu, worauf Hilly endgültig der Geduldsfaden riß, aber der war bekanntlich ohnehin ja nur hauchdünn. Ich fragte mich, ob die beiden das ahnten, als Hilly demonstrativ einen Pfeil aus dem Köcher zog.

„Also“, fing sie mit drohender Stimme an. „Ihr habt so lange Zeit, uns zu sagen, was ihr mit dem Mädel gemacht habt, wie ich brauche, um einen Pfeil aufzulegen und ihn in euren Weichteilen zu versenken. Ist das verständlich?“

Die Angesprochen nickten eifrig und sprudelten los, wobei es ihnen nicht gelang, den Blick von dem Pfeil abzuwenden, der ohne zu zögern auf die Bogensehne gelegt wurde.

Ich war erstaunt. Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß ein Mensch in so kurzer Zeit so viele Informationen von sich geben konnte. Als die Bogensehne Hillys Wange berührte, waren die beiden am Ende ihres Vortrags angelangt und derart außer Atem, als hätten sie die Entfernung von Finsterburg bis hier her in einer halben Stunde zurückgelegt.

„Starker Output“, bemerkte der Kater. „Schätze, das bewahrt euch Neandertaler vor dem Input.“

„Und erspart mir einen Pfeil.“

Indes sortierte ich die Informationen nach ihrer Nützlichkeit.

„Sie sind also bei der Hexe, gemeinsam mit einem finsteren Kuttenträger nebst Gehilfen“, resümierte ich düster, während die Netzträger sich den Schweiß von der Stirn wischten. Mitleidig betrachteten sie ihren derangierten Anführer, der mit einem Plumpsen zu Boden ging, als der Troll ihn freigab.

Laß es dir schmecken“, forderte Gorgus den Drachen zum Entsetzen der Flüsterbande auf.

Du hast nicht zufällig etwas Knoblauch dabei?“ Der große Drachenkopf pendelte über den schlotternden Mitglieder der Flüsterbande, als würde er die Auslage einer Wursttheke begutachten.

„Gnade“, winselte der Bär, während seine Begleiter peinlich berührt feststellten, daß ihre Hosen feucht wurden.

„So ein Bärenburger ist doch was Leckeres“, kommentierte Mikesch amüsiert die Situation. Der Kater saß lässig auf seinem Hinterteil und musterte die Flüsterbande, als habe er ein Rudel schmackhafter Mäuse vor sich. Zu seiner Enttäuschung gab der Zwerg sie jedoch frei. Aus der Sicht des Zwerges hatten sie alle Informationen erhalten und brauchten die Gauner nicht mehr.

„Haut ab und laßt euch nie wieder in dieser Region blicken!“, knurrte Bärbeiß, worauf die Flüsterbande aufatmete und der Drache lautstark protestierte. Er hatte zwar nie die Absicht gehabt, sich die ungewaschenen Mitglieder einzuverleiben, aber das hatte ihn nicht davon abgehalten, seinen Spaß zu haben.

Flink wie ein Wombat mit brennendem Schwanz wieselte die Flüsterbande von dannen.

Wenn ich euch auf dem Rückweg antreffe, kommt ihr auf den Grill“, drohte er und schickte ihnen einen gewaltigen Feuerstrahl hinterher.

Indes hatte der Rest der Gruppe sich beraten und war zu einer Entscheidung gelangt.

„Wir stürmen die Hütte“, verkündete Bärbeiß finster.

„Halali“, stimmte der Kater zu.

 

 

– 27 –

Ein gutes Stück den Weg hinunter kroch Wiesel auf allen Vieren aus dem Sumpf. Sein Anblick ließ vermuten, daß er gerade eine Runde Schlammcatchen mit einer Horde Alligatoren erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Die Kleidung hing in Fetzen an seinem Körper herunter, und er blutete aus unzähligen Kratz- und Bißspuren.

Wiesel war erledigt.

Sein Blick wanderte über die morastige Oberfläche des Sumpfes und erfaßte ein paar Blasen, die an die Oberfläche stiegen und dort schmatzend zerplatzten. Ein Gruß der weiblichen Bewohner an ihren unfreiwilligen Gast. Stöhnend richtete der sich auf und kratzte sich den Schlamm aus den Ohren. Dabei bemerkte er, daß offenkundig auch der Unheimliche gerade eine schwere Zeit durchmachte. Jedenfalls ließ das Geschrei und Gepolter, das durch die dünne Hüttenwand bis zu Wiesel hin zu vernehmen war darauf schließen, daß nicht alles rund lief. Wiesel schnaubte geringschätzig. Er hatte schon genug Probleme und verspürte kein Verlangen, dem Unheimlichen zuhilfe zu eilen. Dann jedoch registrierten seine noch immer leicht verklebten Ohren noch ein anderes Geräusch. Ein Geräusch, das man in diesem Teil des Sumpfes eigentlich nicht vernehmen sollte.

Das Stampfen schwerer, beschlagener Hufe, das rasch näher kam. Mit einem unguten Gefühl im Magen drehte sich Wiesel um.

 

In Hedwigs Hütte herrschte indes das Chaos. Nachdem der Trank fertig war, hatte der Unheimliche mit viel Mühe Nobeline eine solide Augenbinde verpaßt und stand nun gemeinsam mit Hedwig vor der heroischen Aufgabe, ihr den Trank einzuflößen. Etliche Bißspuren an seinen Händen belegten, daß dies schwieriger war, als ein Wildschwein mit bloßen Händen zu erlegen. Der Umstand, daß sein Opfer sich dabei auch noch wand wie ein Aal in Gelee ließ den Unheimlichen nahezu verzweifeln. Er brauchte Hilfe. Lautstark brüllte er nach Wiesel, indes Nobeline die Gelegenheit nutzte und blindlings mit den Knien zustieß. Sie traf auf etwas Weiches, was den Unheimlichen veranlaßte, in den höchsten Tönen zu quieken.

 

Wiesel war vom Donner gerührt. Als sein Blick erfaßte, wer da schnurstracks auf die Hütte zuhielt, sehnte er sich fast nach der Gesellschaft der Flüsterbande oder einer Runde Schlammcatchen mit den Mooramazonen zurück. Schon der Anblick des riesigen Trolls allein ließ Wiesel vor Angst schlottern, von dem Drachen ganz zu schweigen.

Drache oder Hexe?

Dem leidenden Quieken nach zu urteilen, das aus der Hütte erklang, war der Aufenthalt dort auch nicht gerade ein Vergnügen. Aber vielleicht gab es eine Hintertür, durch die er verschwinden konnte, während der Unheimliche und die Hexe sich mit den Besuchern herum schlugen. Beflügelt von dieser Hoffnung fuhr er herum und rannte auf die Hütte zu. Seine Hand zuckte vor zu dem rostigen Hüttenknauf....

Ssssssssttttttttttttt.

... und erstarrte, als sich keine Handbreit entfernt ein vier Fuß langer Pfeil in das Holz der Hüttentür bohrte.

„Nächster Schuß weiter links, sonst gewinnen wir nie das Topfset“, erklang eine seltsame Stimme hinter ihm. Wiesel staunte nicht schlecht, als er sich umdrehte und feststellte, daß sie zu einem Raubtier mit schwarzweißem Pelz gehörte. Flankiert von einer Bogenschützin, einem Troll, einem grimmigen Zwerg nebst gigantischem Drachen sowie einem tolpatschig wirkenden Menschen sah sich Wiesel einer erdrückenden Übermacht gegenüber.

„Falls ihr zu einer Sprechstunde wollt, die Alte ist gerade beschäftigt“, brachte er trocken hervor.

„Dann wird sie bald noch mehr zu tun bekommen, wenn wir erst einmal mit dir fertig sind“, drohte ich dem wieselgesichtigen, mit Schlamm verschmierten Mann. „Geh uns aus dem Weg, wir haben zu tun.“

„Was ist denn das für ein Ton!“, erklang eine samtige, vorwurfsvolle Stimme hinter uns. Der weiche Tonfall vermochte jedoch nicht, die unausgesprochene Drohung zu verschleiern, die hinter den Worten stand. Wie ein Mann fuhren wir herum und sahen uns zu unserem Erstaunen vier fast nackten, gut gepolsterten Frauen gegenüber.

„Hallo Mädels, harte Nacht gehabt?“, fragte Mikesch angesichts der Tatsache, daß die Augen der Frauen so rot glühten wie die Rücklichter einer Kutsche bei Nacht. „Ihr solltet Sonnenbrillen tragen“, empfahl der Kater. Drohend trat daraufhin die Größte der vier Grazien vor, wobei sie mit sichtlichem Unbehagen den Drachen musterte, der wie ein Berg vor ihr aufragte. Trotzdem blieb ihr Ton kompromißlos.

„Verschwindet von hier, und laßt den Jungen in Ruhe. Wir haben ihn zuerst gesehen.“

„Wie war das?“, fauchte Hilly, die ganz in ihrem Element war. Streitlustig baute sie sich mit in den Hüften gestützten Fäusten vor der Anführerin der Schlammfrauen auf und funkelte sie drohend an. „Soll ich dir mal mitteilen, wo du dich hin scheren kannst?“, fragte sie mit gefährlich leiser Stimme. Die Schlammfrau legte daraufhin den Kopf schräg und musterte ihre Kontrahentin. Dann befahl sie:

„Auf sie Mädels, und kein Pardon!“

Im Nu war das Chaos perfekt. Die Schlammfrau und Hilly wälzten sich am Boden und traktierten sich gegenseitig mit Faustschlägen, während zwei der Mooramazonen sich auf Bärbeiß stürzten und ihm am Bart zu ziehen versuchten. Während der Zwerg wütend um sich hieb stellte Borogaad verblüfft fest, daß ihm jemand in den schuppigen Schwanz biß. Nicht, daß das dem Drachen das das Geringste ausgemacht hätte, aber allein die Frechheit brachte sein Blut in Wallung. Indes nutzte Wiesel die Gelegenheit, um in der Hütte zu verschwinden.

„Hinterher!“, befahl ich und stürmte flankiert von Mikesch und Gorgus dem Flüchtenden hinterher, der gerade die Hüttentür hinter sich zu zog. Viel nützte ihm das allerdings nicht. Der Troll machte sich gar nicht erst die Mühe, es mit der Klinke zu probieren, sondern trat die Tür gleich ein. Mit einem gewaltigen Knall flog sie aus den rostigen Angeln und schlug auf dem Boden auf. Eine Wolke aus Staub stieg darauf hin auf und vernebelte uns die Sicht. Dicht an den Rücken des Trolls gepreßt folgte ich ihm vorsichtig in die Hütte, während Mikesch das Schlußlicht bildete.

Dort bot sich uns ein erstaunliches Bild. In der Mitte der Hütte stand auf einer Feuerstelle ein großer, gußeiserner Kessel, in dem eine trübe Brühe leicht vor sich hin dampfte. Auf der anderen Seite des Kessels entdeckten wir in den Nebelschwaden eine gräßlich anzusehende Frau, die sich verzweifelt bemühte, einer gefesselten, sich heftig wehrenden Nobeline mit einer rostigen Suppenkelle etwas einzuflößen, während der Wieselgesichtige versuchte, sich durch ein viel zu kleines Fenster links von uns zu quetschen. Inzwischen hatte die Hexe bemerkt, daß sie nicht mehr allein war und fuhr angriffslustig herum. Als sie jedoch entdeckte, wer durch die Tür gekommen war, verflog ihre finstere Miene.

„Ein Kater! So einen wollte ich schon immer haben“, jauchzte sie, als sie Mikesch entdeckte, der die Begeisterung nicht teilen konnte und das Fell derart sträubte, daß er aussah wie eine Kleiderbürste auf Pfoten.

Indes erkannte Nobeline ihre Chance, zog die Beine an und trat mit aller Macht blindlings aus. Sie traf die Hexe dort, wo es die Ehre am empfindlichsten verletzt und beförderte Hedwig so kopfüber in den dampfenden Kessel.

„Na das nenn ich mal schlechte Tischmanieren. Die schlägt sogar dich, mein Großer“, miaute Mikesch, als die Hexe gurgelnd, fluchend und jede Menge Trank konsumierend mitsamt Kessel zu Boden ging.

Ich riß mich von dem Spektakel los, stürzte zu Nobeline und befreite sie zuerst von ihrer Augenbinde. Den Blick, mit dem sie mich daraufhin musterte, hatte ich mir anders vorgestellt. Er erinnerte mich an Molla, wenn sie Spinnen in ihrer Küche entdeckte.

Ihr!“, klagte sie mit tief enttäuschter Stimme. „Seid wann schickt man Zauberlehrlinge zur Rettung holder Jungfrauen aus? Wo sind die Soldaten? Die furchtlosen Kämpfer mit blitzenden Schwertern.“

„Die sind mit dem Scheren von Schafen beschäftigt. Darum sind wir gekommen.“

Schafe!!!!!“

Nobeline konnte es nicht fassen.

„Man muß schließlich Prioritäten setzen“, maunzte der Kater und machte zu meiner Freude Nobeline einstweilen sprachlos. Die Tatsache, daß sie als Fürstentochter in der Prioritätenliste hinter den Schafen rangierte, machte ihr sichtbar zu schaffen. Indessen kämpfte ich mit den Stricken, die Nobelines Handgelenke fesselten, während Gorgus neben mir den Mann befreite, bei dem es sich vermutlich um Prinz Vanadium handelte. Kaum war Nobeline von ihren Fesseln befreit, geriet diese auch gleich wieder ins alte Fahrwasser.

„Nicht zu glauben! Einen Zauberlehrling zu schicken. Was ist denn das für ein Stil? Und dieses stinkende, haarige Ungeheuer erst!“, klagte sie mit einem Seitenblick auf den Troll.

Fell von Kater feucht von Sumpf“, erklärte Gorgus entschuldigend, geflissentlich ignorierend, daß er roch wie ein Lager voll alter Pferdedecken. Mit einem Ruck riß er die Stricke durch, die Van gefangen hielten. Sofort befreite der sich von seinem Knebel und dankte dem Troll. Zu mehr kam er allerdings nicht, denn Nobeline fing sogleich an, auf ihn einzuschimpfen. Ich wandte mich ab und bemerkte, daß noch jemand im Raum war, den wir bisher übersehen hatten. Der Unheimliche wand sich gekrümmt am Boden neben dem Kessel und gab dabei interessante Laute von sich.

Du!“, quiekte er mit der Stimme einer kastrierten Maus, als er mich erkannte. Mit einem Fiepen, das wohl als Knurren gedacht war, stemmte er sich hoch und stürzte sich auf mich. Weit kam er nicht. Ich machte ihn mit der Suppenkelle der Hexe bekannt, der einzigen Waffe, die greifbar bereit lag. Nach einem perfekten Rückhandschlag im Stil von Molla traf sie frontal das Gesicht des Unheimlichen, korrigierte den Sitz seiner Nase ein wenig und schickte ihn zurück zu Boden. Molla wäre stolz auf mich gewesen. Während der Unheimliche mit brummenden Schädel wie nach einer durchzechten Nacht neben dem Kessel entspannte, tauchte eine spuckende und prustende Hedwig aus selbigem gerade wieder auf. Aus ihr unerklärlichen Gründen verspürte sie plötzlich einen unwiderstehlichen Drang, sich zu verlieben.

Sie wollte einen Mann.

Jetzt!

Sofort!

Sehnsüchtig öffnete sie die vom Trank verklebten Augen und entdeckte – den lädierten, vor sich hin dösenden Unheimlichen. Normalerweise wäre jede, halbwegs bei Trost befindliche Frau beim Anblick des Unheimlichen schreiend davon gelaufen, aber Hedwig hatte mit ihrem Trank ganze Arbeit geleistet. Dies und die Tatsache, daß sie bei ihrem unfreiwilligem Bad einen Großteil davon geschluckt hatte, überdeckte allen Widerwillen mit dem Mantel der Magie. Nichts, was nicht aus solidem, scharfen Stahl gefertigt war, konnte sie nun noch von ihrem Ziel abbringen. Erwartungsfroh streckte sie sich ihm entgegen.

Der Unheimliche war nicht zu beneiden, aber auch Wiesel durchlitt gerade eine höchst unerfreuliche Lebensphase. Fest verkeilt in dem für ihn zu kleinen Fenster steckte seine Rückseite noch immer in der Hütte fest. Ein Umstand, den der Kater erfreute, hatte er doch endlich einen Ersatz für seinen geliebten Kratzbaum gefunden. Mit Begeisterung trieb er seine Krallen in Wiesels Hinterteil. Die Schreie, die daraufhin in kurzen Abständen schauerlich über das Moor hallten, ließ Hillys Gegnerin irritiert aufschauen, was Hilly sogleich ausnutzte, um ihr den Ellbogen in den Magen zu rammen. Stöhnend klappte die Schlammfrau zusammen.

Angeschlagen, aber voller Tatendrang sah sich Hilly um und entdeckte am Rand der Insel den Zwerg, der zwei Frauen an den Haaren hinter sich her zog. Während der Zwerg die Amazonen zurück ins Moor beförderte, staunte Hilly über den Drachen, in dessen Schwanz sich die letzte der Moorfrauen verbissen hatte.

„Warum machst du dem nicht ein Ende?“

„Ich dachte, ich heb sie auf, als Proviant“, erklärte der Drache, worauf der Klammergriff der Moorfrau abrupt ein Ende fand. Einen Augenblick später folgte ein lautes Platschen.

„Das wäre erledigt“, schnaubte Hilly. „Sehen wir also mal nach, wie es den anderen ergangen ist. Dieses Gejaule macht mich neugierig.“

Wird fortgesetzt, Kommentare erwünscht, wo wir uns allmählich dem Ende nähern

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