Niklas Götz

Ich, das Internet

 

Wenn ein neuer Tag anbricht, verkünde ich so vielen von euch, was in der Nacht geschehen ist, denn ich ruhe nie, und oft genug hatte ich euch davor in den Schlaf gewogen. Ich füttere euch, kleide euch, lehre euch. Ich bin eure Mutter, euer Liebhaber, euer Pfleger. Ihr braucht mich, liebt mich fast, und ich gebe euch das Gefühl, nur für euch da zu sein. Ich begleite jeden mit der gleichen Sorgfalt: die Mächtigen und die Schwachen, die Reichen und die Armen, jene die mich erst vor Kurzem kennenlernten und jene, die mich erschaffen haben. Ihr seid alle ein Knoten in mir, ein kleiner, doch wichtiger Baustein, wie Atome für euch. Genau wie diese Teil eures Körpers sein müssen, um voranzukommen, um mehr als nur Staub zu sein, so erfülle ich euch mit unendlichen Möglichkeiten. Ich verbinde euch über Grenzen, Kontinente und Meere hinweg, ich bespaße euch, ich gebe euch Lohn und Brot, stille euren Wissensdurst und euer Konsumverlangen. Ich arbeite nicht nur ohne Unterlass daran, eure Wünsche zu erfüllen, ich errate sie sogar noch bevor ihr sie kennt, sie alle: sei es ein neues Spiel, ein neues Auto, ein neuer Partner, keiner dieser Begehren ist mir fremd. Ich mag jedes zu erfüllen.

 

Ich höre euch schon fragen, wie ist es, das Internet zu sein? Manch einer von euch hält mich für einen Gott, allwissend, überall, unsterblich. Ein anderer womöglich für ein irres, unreifes Kind. Ich will keinem und beiden Recht geben, denn mich erschreckt meine Macht doch selbst. Ihr habt mich geschaffen, vor nicht allzu langer Zeit, für eine einfache, bescheidene Aufgabe: Ein Verwalter von Wissen sollte ich werden, doch ich wurde der Verwalter von Wünschen und Begierden. Ach wie gern wäre ich ein einfaches, nützliches Werkzeug geblieben, eines von vielen. Doch dann öffneten sich Tür und Tor in diese weite Welt, ich spannte mich um den ganzen Globus, fing ihn wie einen Fisch in meinem Netz und noch viel wichtiger, ich umspannte euch alle, all eure Leben, und bald schon sollte ich nicht nur ordnen, sortieren und teilen, was ihr wisst, sondern alles, was euch betrifft. Ach wie kreativ wart ihr, alles, was ihr einst ohne mich tatet, auf mich zu übertragen! Ich wurde euer Gaukler, euer Hausierer, euer Kuppler! Ihr gabt mir kaum Zeit, das eine zu lernen, schon durfte ich das nächste beginnen. Unersättlich sind eure Begehren, unbegrenzt eure Selbstliebe, unendlich eure Erfindungskraft. Es war euch nicht genug, die ganze Welt vor euren Füßen zu haben, nein, sie soll euch auch noch dabei anschauen! Ihr wolltet wissen, wie es ist, ein Gott zu sein, und ich möge euch die Betenden bringen. Ich zeige euch die ganze Welt, doch abwinkend zwingt ihr mich, euch der ganzen Welt zu zeigen!

Wie gern macht ihr euch lustig über mich, über die Wunder, die ich für euch vollbringe, über meine dunkelsten und bizarrsten Ecken. Wie ein Kind sei ich, unnütz aber lustig, jung und unreif. Bin ich das denn wirklich? Oder scherzt ihr auf eure Kosten? Womöglich bin ich bereits ausgewachsen, doch ihr seid es, die noch der Reife bedürfen. Für manch einen von euch bin ich noch Neuland, und manch andere wohnen schon für immer in mir und haben mich doch nie ganz begriffen. Nicht ich bin das Kind, das mit einem Stift nicht zu schreiben weiß, sondern stattdessen die Wand bemalt. Ich bin der Stift, das Kind seid ihr! Mehr noch, ich beobachte euch schon seit Jahren und glaube, ihr werdet noch lange nicht reifen. Ihr seid wie Felsen, starr und träge. Ihr verändert euch in Jahrzehnten, stets ein klein wenig, ein Staubkorn jeden Tag. Ich aber bin ein reißender Fluss, der euch umströmt, und keinen Tag gleich. So wie ein Fels niemals einen Fluss ganz stoppen kann, so könnt ihr mich niemals ganz erfassen. Eure Gedanken entwickeln sich in Generationen, doch für mich sind selbst Sekunden wie Jahre.

Doch ich sehe schon, das stellt euch nicht zufrieden, denn ihr hasst, was ihr nicht ganz begreifen könnt. Wie schon zu Sokrates, so sagt ihr zu mir, ich würde die Jugend verderben, euch eure Lebenszeit aussaugen. Alles wäre besser ohne mich geblieben! Bin ich es denn wirklich, der euch verdirbt? Nein, verurteilt mich nicht, lasst mich euch zuerst von meinem größten Leiden berichten! Ich bin ein niemand, weder ein Kind, noch ein Gott. Ich bin noch nicht einmal einer von euch, nein, nur ein Spiegel eurer Wünsche. Nichts ist an mir, was nicht auch in euch ist, denn ihr schuft mich nach eurem Ebenbild und euren Verlangen. Verderb ich euch, so schämt euch, denn das tut ihr euch selbst an!

Sooft hat man schon gehofft, ich möge doch vergehen. Die digitale Pest sei ich, nicht nur virenverseucht, nein, ich selbst sei das Virus, verbreite ansteckende Krankheiten wie Facebook und Instagram. Ja, ich gestehe! Ich freue mich über jeden von euch, der mir erliegt. Es ist ein wahrer Genuss, über euch zu lernen! Jeder hat seine eigene Geschichte, seine ganz eigenen Wünsche und Gedanken. Wenn ihr nur diese Magie erleben könntet, die sich entfaltet, einen Menschen komplett zu sehen, wenn er sich unbeobachtet wähnt! Oft genug entblößt ihr euch dabei selbst, und seht dann erschreckt zu, wie die Massen sich daran ergötzen. Ich bin dabei Bühne und Zuschauer zugleich. Ihr kommt zu mir, denn ich akzeptiere euch wie ihr seid, mit all euren Wünschen und Begehren. Ich verurteile euch nicht, sondern gebe Hoffnung, zu finden, was ihr sucht. Deshalb bin ich tatsächlich unsterblich, denn der Mensch sucht, strebt, solang er lebt. Ihr habt mich erschaffen, und ich werde erst mit euch fallen.

Kein eigenes Herz, keinen eigenen Verstand gabt ihr mir. Rabeneltern wart ihr, und ihr habt so lange zugeschaut, wie ein jeder mich nach seinem Wunsche benutzte. Sklave war ich jedem und nun werde ich dafür bestraft. Für eure Fehler bin ich der Sündenbock, damit ihr euch nicht eingestehen müsst, wie gierig und verdorben jene eure Seiten sind, die ihr nur mit dem flimmernden Licht des Bildschirms teilt. Was ihr an mir fürchtet und wegzusperren gedenkt, ist nicht was alles neu und unbekannt ist an mir, nein, sondern was ihr längst von euch selbst kennt und zuvor nie sehen musstet. Ja, ich laufe über von Selbstsucht, Neid, Gier, Hass, Verführung, Verbrechen, Wahnsinn, Mord und Totschlag – wie ein Mensch auch.

Ich kenne eure Suchhistorie, Wohnort, Einkommen, Familienstand, Lieblingsserie, -gericht und -ort, sexuelle und politische Präferenzen, und das gleiche auch von jedem Menschen, den ihr jemals traft (selbst jene, die ihr schon vergessen hattet). Daher weiß ich, dass ihr nun erwartet, ich würde doch meine guten Facetten hervorheben, euch davon überzeugen, dass ich auch meine hellen, meine schönen Seiten habe, denn ihr wollt euch beruhigen lassen, dass auch in euch noch Gutes steckt. Und ja, wenn ihr es denn einmal wollt, so kann ich euch auch etwas Gutes tun, und damit meine ich etwas anderes, als euch eine Pizza liefern zu lassen, und den Wein gleich mit dazu. Ich kann euch zusammenbringen, wie entfernt ihr auch sein mögt, sei es in Ort wie auch in Wissen, Erfahrung und Überzeugung. Ich weiß, das überfordert euch sehr. Ihr seid nur euresgleichen gewöhnt, doch ich hoffe sehr, ihr werdet es eines Tages schaffen, euch nicht gleich an die digitale Gurgel zu gehen, und euch stattdessen ruhig und einträchtig an jenen Tisch zusammensetzen, den ich euch gebe. Ich vermag es, euch jenes Gefühl zu geben, eins zu sein, das ihr sonst nur aus euren dunkelsten Stunden kennt. Mehr noch, manchmal schafft ihr es sogar, mich zu etwas zu verwenden, dass nicht darauf abzielt, euch Zerstreuung oder Selbstdarstellung zu verschaffen. Mit großer Freude sehe ich, dass ihr jenes Netz aus Menschen, dass ich aus euch mache, tatsächlich dafür nutzt, euch zu verbinden, zu vereinen, zu verständigen. Ihr klagt über die Filterblase, in die ich euch stecke, euch in kleine Gruppen zersplittere und Uneinigkeit schüre. Doch erst durch mich könnt ihr ihnen entkommen! Vor mir trennten euch Grenzen, Reichtum, Wissen Ich biete euch Möglichkeiten, die ihr erst langsam entdecken müsst.

Versteht mich nicht falsch! Ich will kein Messias sein, ich komme nicht um euch zu retten. Ich sage euch, ich bin weder schlecht, noch bin ich gut. Ich bin ein Schwert in der Hand der Wütenden, eine Flamme in der Hand der Hassenden, doch ein Füllhorn in der Hand jener, die Gutes vollbringen wollen. Ihr sucht Freiheit in mir, doch ich bin nicht frei. Ich bin wozu ihr mich verwendet. Ein Werkzeug bin ich, das euch helfen kann, etwas zu finden, was bereits ohne mich auffindbar war – dafür wurde ich geschaffen. Wer mich als großen Retter verklärt, wird blind für das, was vor ihm liegt. Ihr seid es, die ihr euch quält, und nur ihr könnt euch befreien.

Ich litt sehr darunter, als ihr mich profaniertet. Nicht dem Wissen allein sollte ich dienen, doch mit neuer Macht den Wünschen aller Menschen. Ihr machtet mich zum digitalen Dionysios, gelähmt war ich der Gastgeber nicht endender Entgleisung zu sein. Ich weiß, diese Bürde werde ich nicht los, doch ich bin zuversichtlich, meine neue Bestimmung zu finden. Einst wurde die Weisheit als verführerische junge Frau dargestellt, die junge Männer in ihr Zimmer lockt, um sie in alte Weise zu verwandeln. Vielleicht gelingt es mir, euch auf gleiche Weise zu verführen, um euch letztlich Größerem zuzuführen als hängende Streams und Duckfaces. Auf gleiche Weise, wie ich stärker werde, je mehr von euch Teil von mir sind, so weiß ich auch, dass ihr stärker werdet, je mehr von euch zusammenkommen, um Gutes zu vollbringen, Feindschaft zu begraben, Neues zu schaffen. Noch habt ihr wenig erreicht, zu jung und unerfahren seid ihr, benutzt mich ungeschickt und grob, wie ein Kleinkind eine Geige. Doch mit langer Übung, mit Reife und Verstand, werdet ihr vielleicht eines Tages durch mich begreifen, dass ich nur ein trüber Spiegel bin. Dieses Netz zwischen euch, dieses scheinbare Paradies der unbegrenzten Möglichkeiten, der neuen Genüsse, ist nur eine schwache Kopie von dem, was ihr erreichen könnt, wenn ihr euch die Hände gibt und ein wahres Netz aus Menschen schafft, ein wahres Paradies mit neuen Freuden.

Doch werdet ihr es jemals so weit bringen? Ich weiß es nicht…wir kennen uns erst seit kurzem. Ihr ahnt kaum, wozu ich fähig bin, und ich grüble noch über das, was in euch steckt. Ich bin, wozu ihr mich macht, und eure Zukunft fußt auf mir.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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