Karl-Konrad Knooshood

Die große Schwimmnacht



 

Ein gewöhnlicher,

unpersönlicher, fröhlicher,

Sonntagabend, September,

von Ferne seh die flutend' Lichter,

Silhouetten der Crewmember,

im Schwimmbad,

 

Auf dem Pfad,

von weitem naht,

meine Wenigkeit, zum Schwimmen bereit,

bereit zum Äußersten,

dunkle Konturen, Schatten der Häuser,

Zeit zum Schwimmen – fad,

riech den chlorigen Geruch voll olfaktorischer Gestalt,

jauchze leis', vorfreudheiß, schon bald,

geb dem Wasser die Gewalt…,

 

Kleine Aufzeichnung, SPRACHMEMO mit Handy, alte Angewohnheit von mir. Mach mir Gedanken, über alles Mögliche, hauptsächlich ist mir schlecht. Recht vollgefressen bin ich, der Bauch spannt etwas, quellt oberhalb des etwas zu strammen Gürtels aus der Buchse, dennoch bin ich entschlossen, ein weiteres Mal unter Spießgesellen und Spießgenossen unverdrossen die Sprossenleiter ins Wasser hinabzusteigen. Wild entschlossen, mein mir selbst auferlegtes Pensum zu erfüllen, mich und meinen Tempel, den Körper, auszureizen, auszupowern bis zur mindestens mittleren Erschöpfung. Einfach ein wenig sportlich sein…,

 

Sportlich schwimmend sein,

Bi- und Trizeps trimmend sein,

voll spornstreichs zur Tat schreiten,

durchs Wasser elegant gleiten,

und die Seele baumeln,

lassend durch Wasser prasselnd,

im Elemente taumeln,

fern dem Alltagsaufregen,

ganz entspannt…,

 

Nun, routinemäßig in die Umkleidekabine, im Handumdrehen mit wenigen Handgriffen die handlichen Klamotten aus, die Badehose an, Schwimmbrille gesattelt und unter die Dusche. Seit einiger Zeit nehm ich immer die Dusche in den Innenräumen des Freibades, da diese warmes Wasser spendet, das ist mir lieber…,

 

Dann hinein ins Kühlenass,

kühn beherzt Elansprung in,

den geballten Badespaß,

bis des Wassers perlend' Funken sprüh'n,

im frischen Feuchten,

umringt vom hellen, grellen, lichten Leuchten,

der drei großen Scheinwerfer (die große Uhr war immer noch defekt!), am Turm hingen Uhren…,

 

Mich deucht,

ich will ins frische Feucht,

Frost kreucht,

aus der unheilvollen Wolkendecke,

präpariert die Kaltfront,

die im Kaltsporn heranzieht,

stürmische Böen aus dräuenden Höhen,

bringen den Sommer zur Strecke,

ums Verrecken:,

Ein finales Mal ins Feuchtgebiet,

ins Freiluftgehege,

zur sportlichen Ertüchtigungspflege,

danach, ab dann in die Wanne,

von dannen, in die Überdachte,

wo's schön warm, heimelig schwül,

da's für diese Jahreszeit zu kühl…,

 

Oui, il fait froid, j'ai froid,

J'ai faim,

J'aime la zut gaufrette maintenant,

Mais aussi je voudrais faire la natation,

zur Steigerung meiner Kondition,

bei meiner gegenwärtigen Konstitution,

körperlich mein' ich, ginge 's halbwegs schon…,

 

Tausendfach brach, spiegelte, reflektierte und diversifizierte sich das wild irrende, flirrende Licht der drei großen Lichtquellen in Scheinwerferform, konkurrierend mit den drei trübfunzelnd neonlichtenen Rundlampen, die unterm schmalen, von hölzernen Balken gehaltenen, dichten, dunklen und somit schattenwerfenden Vordacht hervorleuchteten, sodass die Gesamtkulisse zugleich gespenstisch und geheimnisvoll wie andererseits relativ umfangreich ausgeleuchtet war, eine Bühnenszene eines nächtlichen Bauerntheaters, das zumindest keinen Kerzenlichtkomfort und die dementsprechende, mit natürlichen Mitteln illuminierte in der Gesamtszene hätte aufkommen lassen können.

 

Wohlan, es glich einem Szenario des Sommerfreiluftkinos vor historischer Schlosskulisse – vielleicht. Nur, dass die Gestalten, inklusive ich (mein Bauch, so schien 's, ist inzwischen noch mehr dramatisch angeschwollen, ich hab noch gewaltig zugelegt in der jüngeren Zeit – und die verdammten Waffeln waren keine gute Idee!), nicht unbedingt…

 

Herrjeh, es ist nicht einfach, sich zwischen all den Spitzen-Bodys, all den gestählten, gewichtgestemmten, muskulösen Körpern, den Corpora Motus Extremica Delicti, all diesen Adonis-Abdomen mit so 'nem Speckschwarten-Konglomerat-Aggregat wie meiner Bierplauze (die praktisch gänzlich, ohne Zugaben durch Nicht-Bier entstanden ist) zu bestehen. Da bedarf es viel Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit.

 

Doch so trübe Gedanken,

wollt' ich mir nicht machen,

mein Geist geriet ins Wanken,

nicht und zum Narren,

mach ich mich nicht…,

 

UND JETZT NEU! GEGEN TRÜBE GEDANKENSPIELE BEIM SCHWIMMEN IM TRÜBEN CHLORWASSER:

 

SWIM THOUGHT CONTROL, Geschmacksrichtung: MINDT !

 

Viele die letzten Jahre bestimmende oder mindestens bewegende, denkwürdig gestaltende Elemente fehlten mir diesmal entsetzlich, wegweisend, bahnbrechende Aspekte, Dinge, die die ganze Show-Schose gerockt haben, an die ich mich erinnern möchte. Ach Manno, schon wieder war's so anders, so "erfrischend"…,

 

Erheben wir uns nun, heben unsre rechte oder linke Hand (nutzen Sie bitte Ihre jeweilige Haupthand, also die Schreibhand), platzieren Sie sie, die Augen beschirmend, auf der Stirn, sodass etwa die halbe Hand knapp oberhalb der Augenbrauen, die andere Hälfte auf der Stirn liegt: Wir cool People callen das "Facepalm" – und in diesem Fall muss ich beim Englischen bleiben, Anglizismen sonst ziemlich skeptisch gegenüberstehend…Anglizismen werden diesmal nicht rückerstattet. Facepalm, also das Bedecken der Augen und Stirn in Form einer Palme, um die Fassungslosigkeit und den Unglauben über erlebte oder ansichtig gewordene Ereignisse oder Realität schlimmst peinlicher, fremdschamverdächtiger Aktionen Anderer auszudrücken. [Anmerkung von 2021, als ich dies verspätet aber doch abtippe, was ich vor fast sechs Jahren geschrieben habe: Heute hat sich das nicht minder passende englische Wort "cringe" etabliert, das für das peinliche Berührtsein steht, wörtlich übersetzt so etwas wie "erzittern", "erschauern" und "zusammenzucken" bedeutet, ob des Erschreckens über peinliches Verhalten anderer, wenngleich auch das gute alte "Fremscham" oder "Fremdschämen" weiterhin passend bleibt.]

Und zum Facepalm gibt’s täglich 'ne ganze Litanei an Gründen, aber dazu später mehr…

 

Leget nun also, liebe Sportsfreunde und Kalauer-Kumpel, eure Hand wie beschrieben. Damit ihr besseren Halt habt – und euch die Hand nicht wieder in euer Höschen rutscht, damit ihr also "Grip" habt, wie wir Coolios, hippe wie wir naturgemäß sind, sagen, zieht am besten noch die Stirn in zweifelnde Falten wie SPOCK, wenn er etwas unlogisch findet, runzelt sie also ("never a frown with GOLDEN BROWN", THE STRANGLERS "Golden Brown", 1982), zieht vielleicht noch die Augenbrauen hoch (ebenfalls wie Mr. SPOCK), dann habt ihr eventuell optimalen Halt und Stabilität beim sicheren Facepalm… Und so lasset uns danieder sitzen zu der Tragödie, zu Trauermeeren vor der guten, großen Attraktionen "Tod", wohnen wir bei dem Niedergang unserer Spezies… Am besten lassen wir dazu, als musikalische Untermalung, CHOPINs berühmten Trauermarsch laufen…

 

Mit FACEPALM lässt sich schön durchs Leben gehen, leicht und sahnig wie eine Daunenfeder im Frühlingsquark von MILRAM.

 

Mir fehlten definitiv, sträflich hielten sich absent:

- Die Presse! Während im Vorjahr noch ein Pressefotograf der WESTFÄLISCHEN NACHRICHTEN aufdringlich-penetrant ein Posing und Shooting mit zwei jüngeren Damen (Teenagern) am Nichtschwimmerbecken veranstaltete, in einer Manier wie die Billig-Version von GERMANY'S NEXT TOP MODEL (oder, in unsrer vereinfachungssüchtigen, abkürzungsgeilen Moderne schlicht: GNTM), war dies Jahr weit und breit kein einziges Blitzlichtgewitter samt Urheber wetterbestimmend und mein Stimmungsbarometer beeinflussend, zu sehen oder ahnen; lediglich zweimal sah ich Privatiers mit ihren Fotoapparaten oder Fotohandys herumfuchteln, ich knipste auch verstohlen und heimlich ein paar dezente, supi ästhetische Bildchen mit meinem Scheiß pixeligen Handy/

- SPLENTERMAXE! Wo war er? Den Großmeister des Kraulens, jenen Homo Neandertalensis mit der Urvieh-Aura, mit der wildwuchernden Vollkörperbehaarung primatenartiger Affenart, der wie kein anderer gigantischer Wasserfan Wasserfontänen solch opulenter, beeindruckender Schönheit, mit seinen spatenschaufelartigen Riesenhänden ("'Tankwart' mit den Schaufelhänden") und Elbkahnfüßen (Schuhgröße 10-fach XXL bzw. "XXL Kindersarg" oder auch, "durch diese hohle Gasse müssen Stinkfüße kommen": Größe 99 + X) erzeugen konnte (ich nannte ihn auch gern "Wal! – Da bläst er!") bekam ich während dieser gesamten Badesaison des Sommers nicht zu Gesicht, auch zu diesem obligatorischen Termin für Badefreunde, dem letzten freien Tag des offenen Freibads, ehe die Saison der Hallenbäder begann, blieb der charismatische Schwimmfreak fern – was ist mit ihm los?

Ihm wird doch nichts passiert sein!

"War er in Bedrängnis,

saß er im Gefängnis,

spionierte er für Kasachstan,

verkaufte Waffen an den Vatikan,

oder Komodo-Warane an die USA?" ("Gobi Todic", FARIN URLAUB, 2008)

- ein paar schöne Frauen, junge, knackige Damen, waren ebenfalls relativ anwesend, auch ältere, aparte Damen, allerdings fehlten die typischen, traumwandlerisch totalverliebten "Traumpaare", hübsch-anmutige Mädels mit muskulös-adonischen, makellosen Körperkerlen, jedenfalls mit dem perfektesten Körperbau, top glattrasierter Brust in ihrer Begleitung, jedenfalls als Paar, küssend, sich abschleckend, auch lautes, übermütiges Kreischen dieser Leute fehlte völlig…,

 

Stattdessen nur zwei Typen (Schwanzträger) ohne Frauenbegleitung, oh Wunder! Es mag sein, es geschehen noch Zeichen & Wunder GmbH & Co. KG OHG BGB…,

 

Doch halt einmal, meine Güte, nee! Halt!!! Doch halt! Ich muss meine ehrenvolle Pflicht erfüllen – und MEINE LIEBSTE zunächst, ehe ich ins feuchtfröhliche Untrockene springe, die versprochenen Waffeln vom Waffelstand im Freibad mitbringen!

Hab doch eigens extra Alufolie mitgebracht, um das bewerkstelligen zu können!

Also startet mein Coup – um 20.45 Uhr. Die ganze Szenerie hier läuft übrigens in Echtzeit ab, was dem ganzen Gewese einen "interessanten", "dokumentarischen" und "spannenden" Unterton und Touch verleihen soll, aber höchst supernervig ist. Auch schummeln wir uns durch übertriebene Gewaltdarstellungen und sinnlose Selbstzweck-Action zum Exzess und pumpen unsren erzählerischen Bizeps künstlich auf, blähen unser windiges, windbeutelmäßiges Konzept (das innen hohl ist) bis zur Ermattung auf – und bis es wie Plunderteilchen irgendwann in sich zusammenfällt und die heiße Luft entweicht.

 

Mein Name ist KNORKE KNOOSHOOD, ich bin Agent (Provokateur) der M.D.N.A.* (*mittelmäßiges Album der Popqueen MADONNA von 2008) – der Münsteralen Detektei für Nahtoderfahrungen und Agonie – und wir sind hier bei "24" (TWENTY-FOUR) minus inflationsbereinigte 3,25 (3 Std., 15 Min.) hora, also 21, 75 vergangene, als 21 Stunden, 45 Minuten, eigentlich also bei THREE-POINT-TWENTY-FIVE, abzüglich dem Ende der Öffnungszeiten des Freibades um 23 Uhr am Flutlichtschwimmtag, also der von mir "Die Nacht der schwimmenden Lichter" betitelt, abzüglich meines frühzeitigen Verlassens der Örtlichkeit aus Unlust gegen 22.40 Uhr, also nochmals minus 20 Minuten…

 

Also: Bis ca. 20 vor 11 hatte ich Bock aufs Schwimmen, aber zunächst musste ich meinen Coup durchziehen, sodass er zum Clou wird. Pink-Panther-Melodie bitte…

Und los: Auf, dicker Junge, direkt zum Schließfachbereich, dort die Tasche deponieren, präparieren, aber in einem großen Fach, denn eines ist wichtig: Vorbereitung. Vorbereitung ist meist, relativ häufig, alles! Also clever ein Fach gewählt, das oben, über der Garderobenstange im Inneren zum Aufhängen einer Jacke, eines Anoraks oder eines Pelzmantels mit Diamanten daran noch ein separates Fach aufweist. Schlau und gefickt eingeschädelt, der Zweck adelt die Methoden, in denen man Kompetenz entwickeln muss. Mein Plan also, so einfach wie genial: 4 Waffeln ergattern, zum Preis von je 1€, 3 oder 2,5 davon für MEINE LIEBSTE, eine halbe für mich. Extra dafür hatte ich die Alufolie mitgeführt. Ich begab mich nun also in die Nähe des Waffelstandes, nachdem ich mein Schwimmzeug in den Spint eingeschlossen hatte (die Alufolie auch, um keinen Vorab-Verdacht des Argwohns zu erregen, ließ ich wohlweislich logischerweise im Schließfach), gab mich betont harmlos, setzte mich, charmant lächelnd, auf eine der Bänke, griente liebreizend die ältere Dame an, die immer so überaus freundlich und herzlich ist, die manchmal an der Kasse im Eingangsbereich des Freibades sitzt, jetzt allerdings fachfräulich Waffeln buk. Aus einer Generation stammend, in der die persönlichen Verwirklichungsmöglichkeiten bei den meisten Damen sich noch eher im Aufgabenfeld einer klassischen Hausfrau befanden, kennt sie sich wohl auch mit dem Waffelbacken ziemlich gut aus, jedenfalls betrieb sie diesen Sport an diesem Abend überaus professionell. Die erste Schüssel Waffelteigs war bereits geleert, so viele Leute mussten schon zuvor auf Waffeln scharf gewesen sein.

 

Während die ältere Dame also die Reste der Teigmasse (die inzwischen, durch die lange Verbindungszeit mit der Luft, etwas zäh geworden war) aus der Schüssel kratzte, um sie auf die beiden Waffeleisen zu verteilen und ihr älterer Kollege bereits zugange war, die nächste verdeckelte Schüssel von ihrem Deckel zu befreien (zunächst fand er dabei den Öffnungsclip nicht), startete Phase 1 meines sinisteren Plans: Ich tätigte verbal, in ausgesuchtem, mein Gegenüber in trügerischer Sicherheit wie ein Baby wiegendem, es mit meiner integren, ehrlich-rechtschaffenen Persönlichkeit einnehmend, Weimar-SCHILLER-GOETHE-Deutsch, eine Bestellung über zunächst 4 Waffeln. Zuerst jedoch, das war die perfide Strategie dahinter, erfragte ich den Preis für eine Waffel, also Price-per-Piece, denn ich wollte bei einem Finanzlimit von 6€ im Maximum sichergehen, nicht liquide und temporär pekuniär prekär peinlich also zeitweilig insolvent sein. Ich erhielt die Auskunft, dass pro Waffel 1€ in Rechnung gestellt würde, was ich in diesen überteuerten Zeiten gerade noch fair fand, zu fair, nur allzu fair…

 

Hinterhältig haifischlächelnd rechnete ich (was war bloß in mich gefahren, so skrupellos zu sein?) blitzschnell mithilfe meines Kopfes den Gesamtpreis für 4 Waffeln zusammen und stellte innerlich selbstgefällig fest, jubilierend und triumphierend, dass die 6€ vollkommen ausreichen würden!

Dann ließ ich mir den 5€-Schein gegen zwei 2€-Münzen (die erforderliche Größe für ein großes Schließfach war ein 2€-Stück) eintauschen, ließ die Leutchen um mich her sich austauschen und über Dies&Das plauschen, ließ mich nach und nach jeweils einen Teller mit einer mit feinem Zucker gepuderten und verzierten Waffel reichen, stapelte die Teller gekonnt wie ein Kellner in GORDON RAMSEYs "Höllenküche" übereinander, was Phase 2 meines Coups entsprach. Dann schaute ich unauffällig in die Reihen der an den bereitgestellten Tischchen sitzenden Waffelvertilger und Waffelkonsumenten, gewahrte weitere Massen nahender potenzieller Waffelverzehrer, stand langsam, gemessenen und ruhigen Schrittes auf d.h. erhob mich vornehm und mit für meine Figur filigranen, grazilen Grazien-Bewegungen – und bat eine Dame, die 4 übereinandergestapelten Teller, von denen ich ein wenig Waffel geknabbert hatte um Eigengenuss an diesen schwer im Magen liegenden und somit vorm Schwimmen nicht empfehlenswerten Waffeln zu simulieren, auf dem lässig wie ein Kellner RAMSEYs agierenden Arm, mich bitte passieren zu lassen, natürlich extrem höflich und liebenswürdig lächelnd. Langsam, gemessenen Schrittes, fuhr ich mit Phase 4 nach dieser unspektakulären Phase 3 fort, begab mich also zum von mir erwählten Schließfach, öffnete es, kramte mein Schwimmzeug und die Alufolie heraus und verschwand in einer der Umkleidekabinen, um mein liederliches Laster-Werk zu vollenden.

 

Ehe ich in meinen Swimsuit schlüpfte, nahm ich die Alufolienrolle auf, riss ein wenig Folie ab, wickelte mehrere Schichten um die 4 Papptellerchen und zog ganz entspannt mein Badezeug an.

Daraufhin ging ich wieder zum Schließfach, stellte dort zuerst das Alupaket mit den dort drin befindlichen Waffeln auf der oberen Ablage des Fachs ab, klaubte meine Badeutensilien zusammen und stopfte sie dann, die Schuhe natürlich, aus hygienischen Gründen, zuunterst, in den zum Glück über ausreichendes Platzangebot verfügenden Spint. Fertig! Der Plan war, wie der Mond (den man doch dennoch kaum erkennen konnte, wurde er doch vom grellen Flutlicht der Freibadscheinwerfer (das lediglich mit den 3 runden Umkleidekabinen-Außenleuchten konkurrierte) regelrecht mit Gegenlicht überflutend übertüncht, vollkommen aufgegangen. Und ich schlug mir grinsend auf die eigene Schulter, denn ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!

 

Um die Stimmung im Freibad an diesem lauen Nicht-mehr-Sommertag, diesem denkwürdigen Halbherbstabend, dieser hereinbrechenden Hemmungslos-Herbstnacht wenigstens einigermaßen einzufangen, fotografierte ich mit meinem schlechtauflösenden weil aus alter Generation stammenden Handy die Atmosphäre, dezent, vorsichtig, um möglichst keine Leute mit draufzuhaben, niemanden zu brüskieren, nicht zu riskieren, dass sich jemand gestört fühlt durch mein Fotografieren, denn im Gegensatz zu anderen Menschen nehme ich mit zunehmender Vorliebe Rücksicht – und halt' nicht einfach wild drauf, sodass (wie bei anderen) jemand auf dem Foto ist, der da nicht draufgehört…

 

Die Presse (vor allem die verhasste Boulevard-Arschgeigen-Fraktion) war dieses Jahr nicht anwesend, doch Präsenz zeigten andere Vertreter unserer Spezies, Privatleute, zumindest hätte ich theoretisch auch auf dem einen oder anderen Video gebannt sein können, denn zweimal knipsten erkennbare Privatpersonen ihre vor mir schwimmenden Angehörigen im Becken, wobei ich zumindest die "Vorsichtsmaßnahme" ergriff, geistesgegenwärtig meine Hände hochzureißen, um mein Gesicht zu verdecken. Während ich etwa von den Umkleiden aus vorsichtig ein paar Bilder etwa vom gerade nicht genutzten Nichtschwimmerbecken, dem gelben Schwimmmeisterturm und dezent der waffelschmausenden Fressgesellschaft Lichtbilder schoss fuhr ein älterer, weißhaariger Mann, einen Rollstuhl schiebend, aus dem Duschinnenbereich der Umkleidekabinen, ich steckte gleich mein Gerät ein, um zu signalisieren, dass ich ihn nicht gegen seinen Willen fotografieren würde – sah ich plötzlich, nachdem ich schüchtern aber nüchtern formalfreundlich gegrüßt hatte, dass der junge Mann, der im Rollstuhl vom älteren Herrn geschoben wurde, schwerbehindert war. Er tat mir leid: Einer seiner Arme fehlte zur Hälfte, war nur noch ein Stummel, eines der Beine auch. Peinlich berührt war ich da schon etwas. Schwer konsterniert schlich ich mich zum Spint zurück, öffnete ihn, legte mein Handy hinein und schloss ihn wieder. Erneut wandte ich mich zur Dusche im Innenbereich, ließ mich vom warmen Wasser schmeichelnd streicheln, wich wieder fort, sprang mit einem beherzten Neusprung ins erneut mich feucht deuchende Nass, prickelnd und erquickend mich erfrischend, und beschloss, meine ersten 20 Runden zu schwimmen, dann zu pausieren und schließlich weitere 10 oder mehr Runden zu tätigen und den Sack des Pensums somit zuzumachen. Mein übliches Pensum von mindestens 40 Runden à 50 Meter pro Beckenlänge gab ich auf, denn schon eine halbe der doch recht mächtigen, backsteingewichtig im Bauch liegenden Waffeln hatte mich schon allzu sehr geschwächt. Merke: Esse nie schwere Lebens- oder Genussmittel aller Art vorm Schwimmengehen! Auch nicht währenddessen oder zwischen mehreren Schwimm-Sessions. Keine Schnitzel (auch nicht vegetarische oder vegane), Hammelkeulen, Hamburger, Fastfood aller Art, Camembert-Backlinge, Pizza, Fisch (!), Eis (!), Schokolade (!) – und vor allem Waffeln (!)!

Eine gefährliche Spezialität!...,

 

Nix da, keine Waffeln,

keine Candys, Handys,

im Wasser,

nix da, keine Waffen,

keine Bananen und Schlaraffen,

auch keinen Brandy,

vorm Gang ins Bassin,

vorm Amüsement im Schwimmkonvent,

sonst ist GAME OVER lang vorm Advent,

(da ADVENT ja "Ankunft" heißt...),

der Schlemmer-Zuckerhämmer ohne Hemmer in die Kauleiste-Zeit,

und man ist bereit,

nur noch fürs Testament…,

 

Im Wasser war da ein begabter Krauler,

kein sonderlich Schwimmfauler,

der sich elegant, filigran voll Kraft,

bewegte in seinem Element,

dem Wasser als Lebenssaft,

Doch man erkennt,

nicht auf den ersten Blick,

wen man selbst aktiv beschäftigt ist,

denn:,

 

Das war der arme Schwerbehinderte, der da mindestens ebenso geschickt, wenn nicht gar besser, schwimmen, in diesem Fall kraulen konnte wie die "Normalen", Nicht-Körperbehinderten.

 

Wenn ich wenige Minuten zuvor noch voller Mitleid für ihn und seine schwierige Lebenssituation war, ganz automatisch, wie ich immer (ohne was dafür zu können) mit Menschen, die ich als  in irgendeiner Weise beeinträchtigt wahrnehme, Mitgefühl empfinde) weiß, dass solche Menschen oft lieber kein Mitleid wollen als vielmehr ein ihnen gegenüber ungezwungenes, unverkrampftes Verhalten – so wandelte sich jetzt mein anfängliches Gefühl in eines aufrichtiger, begeisterter Bewunderung für seine außerordentlichen Schwimmkünste. Denn er war wirklich viel schneller als die meisten anderen Krauler und Brustschwimmer (zu Letzteren zähle ich selbst), auch war seine Technik feiner und vor allem (ein für mich sehr wichtiger Aspekt) splenterte und spritzte er dabei weniger Wasser in die Gegend als seinerzeit SPLENTERMAXE (Poseidon hab ihn unselig). Ein blendender, best-adäquater Ersatz für den von mir so vermissten SPLENTERMAXE! Wer ist SPLENTERMAXE?

Aber ich schweife ab…,

 

Erstmals in diesem Jahr fühlte ich keine Beklemmung wegen der schummrigen Gesamtbeleuchtung im Vergleich zu einem hellichten Sonnentag mit wolkenlosem Himmel, also mit anderen Worten: Ich hatte keine Angst vor im Bassin befindlichen Haien, eine diffuse Furcht aus alter Zeit, früher mal, warum auch immer, wieso auch immer, natürlich ist klar: Es gibt keine Haie in öffentlichen Badeanstalten! Wieso auch? Nein, genaugenommen hatte ich nicht mal Angst vor einem ausgewachsenen, verheerenden SHARKNADO! Haie können doch gar nicht fliegen! Und haben Kiemen, mit denen sie ausschließlich im Wasser und nicht an der frischen Luft atmen können. Wie chronische Asthmatiker würden sie hilflos japsen. Also: Keine Gefahr durch haischleudernde Wirbelstürme! Sehr beruhigend – denn die Viecher sind nun mal bissig… - Wobei: Der FLIEGENDE HOLLÄNDER hätte aus den sturmumtosten Fluten auftauchen können, das hielt ich für eine nach wie vor reale, realistische Gefahr…,

 

Natürlich,

spürt' ich,

meine gesamten Sinne,

als ich mit meiner Ruderpinne,

durch das Wasser schnellen ließ,

behänd' mit Schaufelbaggerhänden,

den etwas zu saftigen Lenden,

kraftvoll meinen Korpus vorwärtsstieß,

und das Wasser warm war, angenehm,

und beleuchtet wunderschön,

derweil der Abendwind septembrisch stäubend, Haare sträubend blies,

das Wasser selbst zu glänzen schien,

in der Frische, als ob das Feuchte leuchte,

Ach ja, ich nahm 's zwar wahr,

doch ist mir klar,

dass dies das Ende war,

wenigstens für dieses Jahr!,

 

Spektakulär ging's nun nicht gerade zu Ende, eher sang- und klanglos, bescheiden, leise, fast unmerklich verschwand der Waffelstand, verschwanden die Esstische von der Bildfläche – so gegen 22.30 Uhr eine halbe Stunde vor Schließung war nichts mehr davon zu erkennen, dass überhaupt JEMALS irgendeine Art von Stand dort im Eingangsbereich des Freibades gestanden hatte…Mysteriös…

 

Eine Zeitlang war ich der Ansicht, gewann die irrige Impression, der Waffelstand habe niemals wirklich existiert, lediglich in meiner überwältigend überschnappenden, übersteigerte Kapriolen schlagenden, Saltos und Pirouetten vollziehenden Phantasie, mir permanent schelmische Streiche spielend, also alles pure Imagination…,

 

Imagine there's no Waffelstand,

it is not so fucking hard to try,

there will be no Alkoholfrei-Punsch,

and no single Osterei,

Imagine – all the swimmers,

Stop splentering water around…,

 

Nein, ich werde nicht trauern – und niemals nachlassen! Es mag vorbei sein – für dies Jahr, ja! Aber es ist noch nicht aller Abende Flutlichtschwimmen!

Die Nacht der schillernden schwimmenden Lichter wird wiederkehren, der ermattende Schimmer wird wiederkommen, es wird Regen geben – und Stürme, ja, fürwahr, aber eins ist chlorwasserklar: Es kann ja nicht immer nur regnen! Da wird sich das Firmament klären, es wird aufklaren, ja, und siehe da, da wird Sonnenschein sein, wolkenlos und frei, auf das Blau das Helle ohne Grau! Doch jetzt ist es Zeit, ins Graue, Neblige, Diesige, unwirtlich Winterliche zu gehen, diese Winterhölle oder dies Winterwunderland, je nach Lesart. Der schummrige oder sehr dunkle, stockfinstere Kerker eines langen Winters wartet auf uns, kurze, schnell erdunkelnde Tage werden 's, ein wenig temperiert deprimiert – leicht depressiv aber kontrolliert melancholisch alias schwarzgallig dabei. Die frohen Tage des freihändigen Freilicht- und Freiluftschwimmens sind vorüber, mögen's sein, doch in sturen, hohen, tristen Hallen wird die Geschichte weitergehen, Bahn für Bahn, immer von Rand zu Rand durch das mehr oder minder stark gechlorte Wasser, gemächlich oder hektisch, träge oder treibend turbomäßig schwimmen – eine nette Sportart, auch als Hobby…,

 

Bahn für Bahn,

Rand zu Rand,

so ist das ewiggleiche Tun,

Schwimmen ist – auch Routine,

danach kann man in Frieden ruh'n,

kraftvoll wie 'ne Turbine,

immer auf der flotten Schiene,

Bahn um Bahn,

(von) Rand zu Rand,

Schwimmen ist 'ne geile Sache…









(08.09.2015)(C) 2021 Kraule Schwimmhood 


Stulle: Knorke, ein uralter Text - übers Schwimmen? Meinst Du, dass sich selbst die Älteren noch erinnern
werden, was das überhaupt ist? Ich mein': Corona und so. Schwimmbäder haben geschlossen.

Knooshood: Die Badeanstalten sind zu, aber sie waren die angenehmsten Anstalten - und ich will keine
großen Anstalten machen, das Für und Wider zu klären. Neulich, beim textlichen Ausmisten meiner
blöckeweise noch nicht abgetippten alten Manuskript-Texte stieß ich auf diesen hier, den ich unbedingt
noch abtippen wollte. Eine reizvolle Mischung aus Gedicht und Kurzgeschichte "nach einer wahren
Begebenheit".

Stulle: Eine klassische Anekdote, wie bei einem verstorbenen oder lang nicht mehr aktiven Musiker oder
Filmemacher: "Ich hab da noch was im Keller gefunden, auf meiner alten Schallplatte, das..."

Knooshood: So war es nun mal. Diesen Text hielt ich für gut genug, er hatte meines vorsichtigen
Erachtens, das Zeug zum kleinen Kurzgeschichten-Bonmot oder sowas. Selbst wenn man sich nur noch
entfernt erinnert, was Schwimmen gleich nochmal war. Wie viele Menschen, konnte ich mein liebstes
Hobby lange Zeit nicht mehr ausüben.

Stulle: Aber nicht als Profischwimmer, oder?

Knooshood: Nein, es ist ein Hobby von vielen. So wie Nasebohren oder vor sich hin Singen.

Stulle: Danke für das Gespräch, Knorke.

Knooshood: Immer wieder gern, alter Freund.
Karl-Konrad Knooshood, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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