Alfred Hermanni

Endloser Albtraum

 

von Alfred Hermanni Alle Rechte vorbehalten 18.03.2021

 

Ich fiel. Ich stürzte, ich sah wie weit unter mir der Boden immer näher kam. Ich schrie, doch mein Schrei blieb ungehört, verlor sich im Geräusch der an mir vorbeiströmenden Luft. Aber wer hätte mich auch hören sollen. Da war niemand. Grässliche Angst überfiel mich, Entsetzen durchfuhr mich, aber auch maßloses Erstaunen, denn ich wusste nicht wo ich herkam, wieso ich überhaupt stürzte. Die Angst steigerte sich geradezu ins Fürchterliche. Und der Sturz ging weiter, der Boden kam näher und näher. Es waren nur noch Sekunden bis zum unvermeidlichen Aufprall, der mir sämtliche Knochen im Leib zerbrechen würde. Warum? Wieso bin ich hier?Warum stürzte ich meinem Ende entgegen. Ich hatte keine Erinnerung an eine Zeit vor dem Sturz. Warum also? Wer bin ich eigentlich? Doch unmittelbar vor der letzten Konsequenz setzte die Erinnerung ein...und ich wusste wieder wer ich bin.

 

 

Leute passt auf“, sagte unser Ferienbegleiter, als wir uns den Klippen näherten. Wir, eine Jugendgruppe die zu einer Ferienfreizeit zusammen kam und nun am Mittelmeer in Italien, einen Ausflug an die Klippen in der Nähe von La Spezia machte.

Die Klippen hier sind gut 60 Meter hoch, also Kinder passt auf!“

Mit Kinder konnten nur die 13 oder 14 Jährigen gemeint sein. Immerhin war ich schon 15, also schon lange kein Kind mehr, dachte ich.

Ich ging zum Klippenrand und blickte hinab. Mit elementarer Wucht schlugen weit unter mir die Wellen an die Felsen. Gischt spritzte in die Höhe und ein feiner weißer Nebel bildete sich und verschwand, um der nächsten Welle Platz zu schaffen.

Wer hier hinabstürzt hat keine Chance, dachte ich.

Ein paar Meter weiter stand Gerald und blickte versonnen in die Tiefe. Wahrscheinlich denkt er jetzt dasselbe wie ich, kam mir in den Sinn.

Ich schlich mich an, packte ihn an der Schulter und gab ihm einen kleinen Ruck. Schreckensbleich starrte er mich an und sagte mit zitternder Stimme: „Tu das nie wieder, tu das nie wieder!“

Der Schreck stand ihm ins Gesicht geschrieben, sein Gesicht kalkweiß und bebend stand er vor mir.

Ich hätte fast einen Herzschlag bekommen! Du Idiot! Mach so etwas nicht noch mal!“, fuhr er mich an.

Ich schaute mich um, doch niemand hatte etwas mitbekommen. Wie auch, alle starrten in ihr Smartphone und hatten keinen Blick mehr für das tatsächliche Geschehen um sie herum.

Ich schaute Gerald an, der wieder seinen Blick nach unten auf die unaufhörlich aufschlagenden Wellen richtete.

Es war nur ein kleiner Schubser und Gerald fiel. Sein Blick traf mich.

 

Stummes Entsetzen. Ungläubig starrte er mich an, sein Mund öffnete sich, doch kein Schrei entfuhr ihm. Er fiel und war nach ein paar Sekunden nicht mehr zu sehen. Ich blickte mich um, doch niemand schien irgendetwas

mitbekommen zu haben. Dem Smartphone sei Dank.

Ich ging ein paar Schritte zurück, mischte mich unter die anderen Jungs und Mädels, nahm mein Smartphone und ging weiter.

Erst bei der Abfahrt wurde Gerald vermisst.

Ich erwartete so etwas wie ein schlechtes Gewissen, stattdessen war da... Nichts. Keinerlei Empathie oder irgendein negatives Gefühl, nichts was mich überhaupt emotional bewegt hätte, rührte sich in mir. Reine Gefühllosigkeit.

Das war mein erster Mord.

 

 

 

Ich konnte mich kaum bewegen, meine Arme waren gefesselt und mit Ketten an eine...Bahnschiene geschweißt. Wie kam ich hier hin? Doch es regte sich keine Erinnerung. Ich konnte in keine Richtung, weder links, rechts, geradeaus oder zurück. Ich zerrte an den Fesseln, doch konnte ich nichts bewirken. Die Ketten waren einfach zu stark. Mein Blick richtete sich nach vorn, ein heller Lichtpunkt kam auf mich zu. Er wurde immer größer und raste nun auf mich zu.Was stimmt hier nicht?, dachte ich, der Aufprall stand unmittelbar bevor und eine Erinnerung setzte ein.

 

 

Mein Smartphone summte, eine neue SMS erreichte mich. Ich schaute sie mir an und erkannte, dass eine Videodatei im Anhang mitgesendet wurde.

Den Absender kannte ich nicht und wollte die Datei eigentlich nicht öffnen. Doch die Neugier siegte.

Was ich dann sah, ließ in mir den schlimmsten Schrecken erwachen. Das Video zeigte mich in dem Moment, als ich Gerald den tödlichen Schubser gab.

Kaltes Grauen durch fuhr mich. Es gab einen Zeugen. Noch wusste ich nicht, was er von mir wollte. Aber ich vermutete, dass mich jemand erpressen wollte.

Eine Stunde später hatte ich Gewissheit. Ein Anruf mit verstellter Stimme, forderte 20 000 € und bestellte mich für den nächsten Tag zu einem Treffpunkt.

Unmöglich für mich so schnell an soviel Geld zu kommen. Mein Vater hatte zwar reichlich Kohle, aber so mir nichts dir nichts würde er keine 20 000 € locker machen. Aber das würde auch nicht notwendig sein, denn in mir reifte ein Plan.

 

Der Treffpunkt war eine Brücke. Die Sonne bereits untergegangen. ES würde

bis zur Dunkelheit nicht mehr lange dauern. Die Landstraße, für die diese

 

Brücke gebaut wurde, kreuzte eine Bahnlinie. Dort stand er und erwartete mich. Er war auch nicht älter als ich, ein Jugendlicher, der eine Gelegenheit

am Schopfe packen wollte. Das schnelle Geld.

Hast du die Kohle?“, war seine erste Frage.

Klar“, sagte ich und schnallte meinen Rucksack ab.

Ist hier drin, schau nach“, forderte ich ihn auf.

Mach das mal schön selber, du Arsch. Los, hol die Kohle heraus!“

Ich öffnete den Rucksack, nahm eine Papiertüte heraus und gab sie ihm.

Wie erwartet hatte er nichts besseres zu tun, als gleich in die Tüte zu

schauen. Das war sein letzter Fehler. Ich griff in meine Jackentasche, zog einen Elektroschocker heraus und drückte ihn an seinen Oberschenkel. Die Wirkung zeigte sich sofort. Er knickte ein und sogleich schockte ich sein anderes Bein, er fiel zu Boden. Dann waren seine Arme dran, bewegungslos lag er da und ich griff mir sein Smartphone. Mit seiner Gesichtserkennung konnte ich den Zugang zu seinen Dateien leicht erlangen und schon bald war die belastende Datei gelöscht.

Die Wirkung der Elektroschocks ließ nach. Der Erpresser rappelte sich auf und stützte sich am Brückengeländer ab.

Seine Beine zu ergreifen war ein leichtes, ihn über das Geländer zu hebeln war auch nicht allzu schwer. Schreiend stürzte er in die Tiefe, den Aufprall konnte ich hören und sehen. Doch er hatte den Sturz überlebt, er regte sich und versuchte sich mit Hilfe der Arme aufzurichten. Doch seine Beine waren mehrfach gebrochen. Er musste ungeheure Schmerzen haben, sein Jammern und Schreien war laut zu hören. Doch niemand außer mir konnte ihn hören. Kein Auto fuhr vorbei, kein Spaziergänger oder Radfahrer war in der Nähe. Mehrere Minuten dauerte sein Wehklagen und Geschrei, mittlerweile war es schon recht düster und ich konnte ihn so gerade noch erkennen, wie er da auf den Gleisen lag.

Der Zugführer konnte das nicht und zerteilte seinen Körper in unzählige Fleischfetzen, Knochensplitter, Innereien und Brocken, die einmal sein Gehirn waren. Ich wusste noch nicht einmal seinen Namen.

Tragischer Unfall oder Suizid war das Ergebnis der kriminalpolizeilichen Untersuchung.

Das war mein zweiter Mord.

 

 

Viele Jahre später

 

Mir ging es gut. So gut wie nie. Die Vergangenheit hatte ich völlig verdrängt. Noch nicht einmal in meinen Träumen holten mich die Geschehnisse aus meiner Jugend ein. Wie ein Vorhang der sich schließt und mich von allem Vergangenen trennt. Mein Vater war inzwischen gestorben und hatte mir sein Haus, sein Vermögen und seine Autos vererbt. Meine Mutter war kurz nach

meiner Geburt am Kindbettfieber gestorben. Einer der wenigen seltenen Fälle

 

in unser medizinisch hochgerüsteten Welt. Ich hatte vor fünf Jahren einen guten Job in der IT- Branche. Mit einem Arbeitskollegen gründeten wir vor

vier Jahren eine eigene Firma und entwickelten dank der ausgezeichneten

Fähigkeiten meines Partners, eine Software, die uns zu reichen Männern machte.

Wir erzielten, diesmal dank meiner geschäftlichen Fähigkeiten, nicht nur einen millionenschweren Verkaufserlös, sondern bezogen auch noch eine lebenslange Leibrente von 5000 € monatlich, zuzüglich Inflationsausgleich.

Da konnte man wirklich nicht meckern. Wir brauchten nicht mehr zu arbeiten.

Ich war jetzt...ein Privatier. Das Haus meines Vaters besaß ich aus melancholischen Gründen zwar noch, bewohnte es aber nicht. Stattdessen erlaubte ich mir eine Villa mit Personal für Küche, Haus und Garten.

Ich hatte Frauen, reichlich Frauen. Doch da war die Eine. Die Einzige. Nur sie wollte ich und ich bekam sie.

Irgendwann wollte ich mehr. Ich wollte sie heiraten, doch sie kam mir zuvor und erklärte mir...dass ich Vater wurde. Eine Heirat wurde sofort geplant und ich war der glücklichste Mensch der Welt.

Doch der Absturz war tief. Unabsichtlich konnte ich ein Telefongespräch mithören, welches sie mit einer Freundin führte. Ich war nicht der Vater, sie konnte mich sowieso nicht leiden, sie wollte nur das Geld. Alles war gespielt.

Alles zerbrach. Ich war erschüttert, tief erschüttert. Ihr Gesicht wurde zu einer Fratze, zu einer Fratze, in der all meine Wut und all mein Hass steckte. Und plötzlich holte sie mich ein, die Vergangenheit. Wie durch einen sich auflösenden Grauschleier erkannte ich die Wahrheit. Ich wusste auf einmal, wer ich wirklich war. Nicht der Mann von heute, sondern das Monster von damals. Ein schrecklicher Plan reifte in mir.

 

 

Ich lag auf einem Blech und konnte mich nicht rühren. Meine Arme schienen am Körper zu kleben und meine Beine konnte ich nicht bewegen. Als ob ein Netz um mich herum gespannt wäre. Ich versuchte den Kopf zu heben, was mir nur mit Mühe gelang. Ich konnte tatsächlich eine Art Netz erkennen, in dem ich eingesponnen war.

Ein Gesicht tauchte in meinem Gesichtsfeld auf und musterte mich von Kopf bis Fuß. Das Gesicht hatte etwas irgendwie...schweinisches an sich. Nein, es sah wirklich wie ein Schweinegesicht aus. Und es grunzte.

Dann wälzte dieses...Schwein mich herum und ich musste niesen. Mehl! Das Schwein wälzte mich in Mehl. Was geht hier vor? Wie komm ich hier hin? Wo war ich vorher? Keinen Schimmer. Es war so, als ob mein Leben hier und jetzt, in diesem Augenblick begänne.

Es wälzte mich weiter im Mehl, hin und her, grunzte fast melodisch und begann mich zu würzen. Pfeffer, Salz und reichlich Paprikapulver.

Dann ölte es mich mit einem breiten Pinsel ein und ein zufriedenes Grunzen

entfuhr dem lächelnden Schweinegesicht. Dann fing es wieder an melodisch

 

zu grunzen und diesmal erkannte ich die Melodie. Time to say good bye, ein alter Klassiker, immer gut für einen Abschied.

Mit einem quietschenden Geräusch öffneten sich die Flügeltüren des großen Backofens, in dem es rot glühte und vereinzelt kleine Flammen aus der Glut

empor zuckten.

Das Schwein schob nun das Blech langsam in den Ofen und eine Erinnerung

setzte ein.

 

Ich hatte Vorbereitungen getroffen. Nun war die Zeit, sie in die Tat umzusetzen.

Meine Ex hatte geworfen. Ihre Brut war nun mittlerweile fast zwei Jahre alt, konnte laufen und brabbeln. Rein „zufällig“ traf ich sie beim shoppen und begann einen Smalltalk. Die Vergangenheit erwähnte ich nur beiläufig und spielte ihr etwas vor. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag in einem Cafe. Auch hier spielte ich ihr etwas vor und lud sie ein. Zum Essen, ihr Kind könne sie ruhig mitbringen, das Haus meines Vaters war groß genug. Sie hätten ein eigenes Schlafzimmer und für allen Komfort sei gesorgt.

Das Wochenende wäre ideal, meinte sie und so kam es , das sie das Haus meines Vaters aufsuchte.

Es war leicht sie zu betäuben und in das vorbereitete Kellerverlies zu bringen.

Als sie erwachte, fand sie sich allein im Raum. Nur einen Becher Joghurt, einen Plastiklöffel und eine PET- Flasche mit Wasser hatte ich ihr gelassen.

Ich ließ sie warten. Eine Woche lang. Nur einen Joghurt und eine Flasche Wasser am Tag. Bei Fragen nach ihrem Baby log ich ihr vor, es sei im Krankenhaus und es ginge ihm gut.

Dann gab ich ihr die erste Mahlzeit.

Kleine Rostbratwürstchen, Eier mit frischem Speck, hauchdünn geschnitten und angebraten. Dazu Leberwurst und Toast. Sie aß, mit sichtlichem Gusto.

Zum Mittag reichte ich ihr Geschnetzeltes in Pfeffer- Rahmsauce auf Bandnudeln

Zum Abend gab es Carpaccio, extra dünn, sowie Kartoffelsalat mit heißen Würstchen.

Am nächsten Tag servierte ich geräucherten Schinken, Haxe, und Filet.

Kleine feine Rouladen mit geräuchertem Speck und Gurke durften nicht fehlen. Alles was ich servierte, aß sie mit Genuss. Mein ehemaliger Koch, Antoine aus Amiens, hatte mich schließlich gut gelehrt, wie man feinste Speisen zubereitet.

Am vierten Tag seit der ersten Mahlzeit, zeigte ich ihr den wahren Schrecken. Schlimmer als alles, was sie sich jemals in ihren schrecklichsten Gedanken hätte ausmalen können.

Ich zeigte ihr, was sie gegessen hatte.

Auf einer Silberplatte unter einem großem ovalen Deckel präsentierte ich ihr...

die gebratenen Reste ihres Babys. Von ihr gegessen, verdaut und ausgeschissen.

 

Meine wachhabenden Dobermänner vertilgten auch die letzten Überbleibsel und machten sich anschließend über meine Ex her. Was übrig blieb verfrachtete ich in die Kühlkammer. Morgen ist ja auch noch ein Tag und mein Wachpersonal ist immer hungrig. Das war mein erster Doppelmord.

 

 

Natürlich wurde sie vermisst. Auch ich wurde von der Polizei in meiner Villa befragt, konnte aber alle Fragen zur Zufriedenheit der ermittelnden Beamten beantworten. Der Fall wurde nur noch zu einer Akte unter vielen und versandete wie andere auch. Vermisst, verschollen, verschwunden wie viele andere Menschen ebenso.

So zogen die Jahre dahin, und das Monster in mir schlief. Aber jeder Schlaf endet einmal und das Erwachen folgt.

Das Monster erwachte...und war hungrig. Anfangs bemerkte ich nichts von dieser Erweckung, aber mit jedem weiteren Gedanken schlichen sich Bilder in mein Hirn. Erregungen, Gefühlswallungen, plötzliche Wut, aberwitziges Verlangen nach etwas, das ich nicht bestimmen, nicht greifen konnte, bestimmten mein Denken. Das Monster wollte fressen und ich sollte es füttern. Es war sehr hungrig.

 

 

Ich erwachte. Angeschnallt auf einem Tisch liegend und bewegungslos. Alles war fixiert. Mein Kopf, die Arme, der Oberkörper, Hüfte, Knie und Fußgelenke waren mit starken Fesseln gebunden. Der Tisch kippte und richtete sich in die Senkrechte. Nun konnte ich sehen was auf mich zukam. Meine Augen weiteten sich vor ungläubigem Schreck. Das Blut wich aus meinem Gesicht und ließ mich erbleichen. Eine monströse Apparatur baute sich vor mir auf und formte Gliedmaßen aus, wie ein sich selbst konstruierender Roboter.

All diese Arme und Tentakeln hatten Schneide – oder Sägewerkzeuge an ihren Enden, Zangen, Trennscheiben und Fräsen, die sich jetzt auf mich zu bewegten. Es waren Dutzende die sich meinem Körper näherten. Ich schrie vor Angst, doch kein Laut entfuhr meinem Rachen. Der Knebel verhinderte das.

Ich fühlte mich dem Wahnsinn nahe, die Angst übermannte mich und ließ mich erzittern. Ein brockige, braune und warme Masse rann an meinem Oberschenkel hinab und ich pisste mich ein wie ein Kleinkind.

Sämtliche Werkzeuge erreichten gleichzeitig alle für sie vorgesehenen Körperstellen, bereit für ihr grausames Werk. Eine Trennscheibe schliff mir die Epidermis meiner Stirn hauchzart ab, ein Skalpell berührte die Hornhaut meines linken Auges, Bohrer drangen in meine Gehörgänge ein, Fräsen, Scheren Zangen, Sägen und Hobel setzten an den verschiedensten Körperpartien an. Ich schrie wie am Spieß, ein ständiges konvulsivisches Zucken meines Körpers konnte ich nicht unterdrücken. Die Angst steigerte

sich ins Unermessliche und eine Erinnerung setzte ein.

 

Das Haus meines Vaters war die ideale Stätte, um mein verheerendes Werk weiterzuführen. Das Kellergeschoss hatte ich mittlerweile komplett ausgebaut. Zu einer Werkstatt des Grauens. Boden und Wände gefliest,

damit sie gut abwaschbar und pflegeleicht wurden. Ein Edelstahltisch mit Ablaufrinne stand in der Mitte des Raumes. Ein Rollwagen, auch Edelstahl, beinhaltete ein komplettes Chirurgenbesteck. Von Knochensäge bis Skalpell war alles vorhanden, was man so braucht, um Höllenqualen zu erzeugen. Dann gab es noch einen anderen gut versteckten Raum, der nur über eine so gut wie unsichtbare Geheimtür zu erreichen war. Darin befand sich mein ganz privates, eigenes Krematorium. Mit hochmoderner Gasbefeuerung, Abluftanlage, Hightech- Filtersystemen und klimaneutral. Bin ja keine Umweltsau. Die anfallende Asche würde ich zum Düngen meines Gartens verwenden.

Im Tresor meines Vaters fand ich ich zwei neue Kumpane. Eine 7.65 Smith & Wesson und eine 44.ger Magnum. Der kleine und sein großer Bruder.

Insbesondere die 7.65 hatte es mir angetan. Klein, handlich und unauffällig am Körper, auch ohne Holster, zu tragen. Die Magnum war mir zu groß, zu klobig und schwer.

In einem Internetcafe hatte ich bereits einige Kontakte geknüpft und suchte mir das ideale Pärchen für das nächste kommende Horrorszenario aus.

Wir verabredeten uns zu einem Date und trafen uns in einem Fast Food Laden, wo wir gemeinsam etwas aßen und tranken. Anschließend gingen wir in einen Pub. Ich ließ viel gute Laune heraus und brachte sie mit viel Wortwitz häufig zum Lachen. Ich wurde ihnen richtig sympathisch und sie tranken reichlich Bier. Ich selbst trank alkoholfreies Bier, was ich sie aber nicht wissen ließ und vorsorglich den Wirt mit einem Scheinchen belohnte, damit er mir das Falschbier auch im richtigen Glas servierte. Der Wirt kannte solche Spielchen bereits und machte sich keine Gedanken.

Sie waren bereits gut abgefüllt, als ich sie zu mir einlud, damit wir noch ordentlich einen heben können. Die Aussicht auf edlen Whiskey, feinsten Kognac, Tequilla und Grappa ließ sie nicht lange zögern.

Zuhause füllte ich sie dann richtig ab und total besoffen fielen sie in ihr Bett.

 

 

Am nächsten Morgen lag die Frau bäuchlings auf dem Edelstahltisch im Kellergeschoss, ihr Kopf ragte über die Tischkante hinaus. Der Mann saß auf einem Stuhl, selbstverständlich Edelstahl und zerrte an seinen, natürlich Edelstahlhandschellen. Seine Fußknöchel hatte ich an den Stuhlbeinen gefesselt und seine Hüfte mittels seines Gürtels an der Stuhllehne fixiert. Beide hatte ich vorerst geknebelt und der Frau auch die Augen verbunden. Ich wusste schon, dass die Räume schalldicht waren, hatte aber keine Lust mir ihr Geschrei oder Gewimmer anzuhören. Dann zeigte ich dem Mann die 44ger Magnum, Dirty Harrys Kanone. Seine Augen weiteten sich und ich

erkannte die Angst darin.

 

Ich hielt ihm die Kanone an die Stirn und nahm ihm den Knebel ab.

Natürlich wollte er schreien, doch ich unterband das durch einen schmerzhaften Schlag mit dem Lauf des Revolvers auf seinen Nasenrücken.

Ich teilte ihm mit, was ich von ihm erwartete und er schüttelte seinen Kopf.

Das Spiel mit seinem Nasenrücken folgte, dann machte ich ihm eindringlich klar was jetzt zu folgen hatte und er willigte zwangsläufig ein.

Ich schob ihn samt Stuhl zur Frau auf dem Tisch und nahm ihm die Handschellen ab.

Er schaute mich bittend und flehend an, stammelte Gnade, Erbarmen und Mitleid, aber es war sinnlos. Das erkannte er schon recht bald und begann verzweifelt meine Forderung zu erfüllen.

 

 

Ich erwachte. Stimmgemurmel drang an mein Ohr und ich lauschte. Doch die Stimmen klangen wie durch Watte gedämpft. Ich war wach, wurde mir plötzlich klar. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch sie waren irgendwie verklebt und meine Augenlider lösten sich nur langsam und gaben, erst durch einen halbtransparenten Schleier, dann immer klarer werdend den Blick frei.

Was ich erkannte, sah wie ein Laboratorium aus. Ich saß, nein ich lag halb aufrecht auf einer Art Liege. Wie beim Zahnarzt, dachte ich. Dann bemerkte ich die Verkabelungen, die zu einem Helm führten, den ich auf meinem Kopf trug.

Da waren andere Personen im Raum. Sie trugen Masken, wie Chirurgen und hantierten mit allerhand Gerätschaften herum. Eine Person, eine Frau, erkannte ich, kam mit einer Spritze auf mich zu.

Eine andere kam mit einem Laptop, der an die Verkabelung angeschlossen war, zu mir, tippte etwas in die Tasten und ging wieder.

Ich spürte den Einstich kaum und versank wieder in meinen...Traum?

 

 

Ich gab dem Mann das vorgesehene Werkzeug. Auf sein Wimmern und Flehen hörte ich nicht. Unmissverständlich deutete ich mit der Magnum auf die Knochensäge und er erkannte, dass all sein Gejammer nichts mehr ändern wurde. Das Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Dann nahm ich der Frau die Augenbinde ab. Sie blickte hin und her, realisierte langsam in welcher Situation sie sich befand und geriet völlig in Panik. Es half aber nicht. Die Fesseln hielten sie am Tisch.

Seine Tränen flossen seine Wangen hinab, sein Schluchzen und Heulen konnte er nicht mehr kontrollieren. Dann entfernte ich den Knebel der Frau und er begann.

Er setzte die Säge am Genick der Frau an, die sofort anfing zu schreien, dann als der Schmerz einsetzte, eine Kakophonie aus Gekreische, unartikulierten Schmerzensschreien und den entsetzlichsten Geräuschen, zu

denen ein Mensch fähig ist, ihrem Rachen entfliehen ließ.

 

Der Mann sägte weiter und die Säge erreichte nun langsam das Genick.

Abrupt endete das Geschrei der Frau, als der Mann den nur etwa fingerdicken Knochen mit der Knochensäge durchtrennte. Doch das Monster wollte mehr. Ich forderte ihn auf, den Kopf abzutrennen. Also sägte er weiter, bis er abfiel und auf dem Boden ein Stück herumkollerte. Das Monster war befriedigt.

Als er mich anschaute, erkannte ich einen gebrochenen Mann. Sein Blick war völlig leer und eine stumme Anklage. Ich leerte die Trommel der Magnum bis auf eine Patrone. Dann warf ich die Kanone in seinen Schoß und verließ den Raum. Ich musste nicht lange warten, bis ich den Schuss hörte und...

 

 

...erwachte. Ich war wieder in diesem Laboratorium. Ich spürte den verkabelten Helm auf meinen Kopf und versuchte den Raum zu überblicken.

Meine Hände konnte ich nicht rühren. Es war so, als ob mein Körper ab den Schultern taub, irgendwie gelähmt war. Ich konnte nur meinen Kopf bewegen.

Eine Frau trat in mein Blickfeld. Sie war schön, sehr schön. Sie kam zu mir und blickte mich an.

Dann nahm sie einen Taschenspiegel aus ihrem Kittel und hielt ihn mir vor mein Gesicht.

War das ich? Das Gesicht, mein Gesicht war alt. So alt wie ich noch nicht sein dürfte, dachte ich. Dann überkam mich eine Erinnerung, die schrecklichste aller Erinnerungen. Das Monster hatte gemordet. Jahrzehnte lang. Es kamen noch viele andere Morde dazu. Dutzende. Ich hatte gemordet. Ich. Und das Monster, das ich war.

Doch bei meinem letzten Mord muss ich wohl einen Fehler gemacht haben, sonst wäre ich nicht hier.

Die Frau nahm den Spiegel weg. Die andere mit dem Laptop stellte sich neben sie und fragte: „Bereit?“

Bereit“, war die Antwort. Dann setzte die Frau die Spritze in meine linke Armbeuge, sah mich an, bereit mir eine Flüssigkeit in die Vene zu drücken und sagte: „Im Namen des Volkes vollstrecke ich nun das Urteil. Auf das Sie im endlosen Albtraum für ihre Taten büßen.“

 

 

Ich fiel. Ich stürzte, ich sah wie weit unter mir der Boden immer näher kam. Ich schrie, doch mein Schrei blieb ungehört, verlor sich im Geräusch der an mir vorbeiströmenden Luft...

 

 

Ende

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Alfred Hermanni).
Der Beitrag wurde von Alfred Hermanni auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • hermannidokom.net (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Alfred Hermanni als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Kriegskinder: ... nach dem II. Weltkrieg von Klaus Buschendorf



Ein Land voller Trümmer ist ihr Spielplatz, doch in Trümmern liegen nicht nur die Häuser. Schwer tragen die Erwachsenen am Trauma des schlimmsten aller Kriege auch an dem, was zu ihm führte. Und immer hören sie die Worte: Nun muss alles anders werden! [...]

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Horror" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Alfred Hermanni

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Bekifft in Deutschland - Der Tote am See von Alfred Hermanni (Skurriles)
Bohrender Schmerz - Teil 1 von Klaus-D. Heid (Horror)
Die Baum unter Bäumen von Nika Baum (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen