Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 4

Da Blue nichts Besseres vor hatte und auch keinen Unterschlupf hatte, schloss sie sich Ebony an. Das in den letzten Tagen Erlebte lastete bedrückend auf ihr und sie grübelte über Philippines Tod und die Unverschämtheit der Rassekatzen. Wortkarg schleppte sich neben Ebony her, deren kurzes schwarzes Fell trotz des Wetters glänzte wie Onyx. „Sie tun ihr Unrecht…, weißt du…, sie können alle Sooty nicht das Wasser reichen…, Sooty kann durch die Schattenwelt reisen und mit dem großen Katzengeist sprechen…“ Begeistert begann Ebony über ihre Lieblingsthemen Katzenmagie und Voodoo zu sprechen. Sie redete pausenlos und Blue bedauerte schon, sie begleitet zu haben. Sie erzählte Blue etwas über die altägyptischen Katzengöttinnen Bastet und Sekhmet und die Geheimnisse des scharlachroten Mondes. Blue hörte nur mit einem Ohr hin. „Woher weißt du denn das alles?“ fragte Blue, die sich genervt fühlte. „Ich habe viel aufgeschnappt bei der Katze Sansibar in meinem früheren Zuhause, den Rest habe ich mir dann zusammengereimt…Wenn man lange genug in den Mond starrt, fallen die Geheimnisse heraus…, das musst du einmal ausprobieren…“ Blue langweilte es, in den Mond zu starren. Stattdessen wünschte sie sich eine fette Makrele und ärgerte sich, dass sie sich mit Said gestritten hatte. Der kalte Wind blies ihnen entgegen und der Weg erschien Blue viel länger als gestern in Gesellschaft der vielen Katzen. Als sie den Friedhof endlich erreichten, meinte Ebony, sie könnten über die Gräber den Weg abkürzen. Blue gruselte sich insgeheim. Sie wollte sich aber nichts anmerken lassen. Zwischen den einzelnen Windböen herrschte eine gespenstische Stille zwischen den Gräbern. Blue fröstelte. Der Wind raschelte an den frischen Kränzen auf einem der Gräber. Blue lauschte ängstlich. Sie fuhr ihre Antennen weit aus und witterte den Geruch von fremden Katzen. Sie liefen an einem hohen Grabstein vorbei und Blue entdeckte zwei Katzen, die in einer Mauernische tuschelten. Blue machte Ebony ein Zeichen und sie duckten sich blitzschnell hinter einen immergrünen Strauch. „Das ist die Totengräberkatze sie heißt Willie…“, flüsterte Ebony, „hauen wir ab, sie ist mir nicht geheuer…“ Aufgeregt erkannte Blue in der anderen weißen Katze, die Apothekerkatze Magnolia. Sie lauschte angestrengt. Die Totengräberkatze, die immer auf dem Friedhof lebte, war eine magere bräunliche Siamkatze mit riesigen Ohren. Sie war ziemlich herunter gekommen. Dagegen war das Fell der Apothekerkatze wie sorgfältig gekämmt und gepudert. Ein süßliches Lächeln lag auf ihrem viereckigen weißen Gesicht, doch ihre Augen waren unheimlich starr. „Sterben müssen sie alle…“, sagte sie gerade und dann kicherte sie seltsam. „Alles ist hier mit Leichen gefüllt…“, sagte die Totengräberkatze, die leicht lispelte. In den Augen der Apothekerkatze stand ein eigenartiges Brennen. Der Wind fuhr durch ihr gelocktes Fell und der Geruch nach Mottenkugeln wehte Blue ins Gesicht. „Diese Katzen sind alle leichtfertig und dumm…“, sagte die Apothekerkatze und begann mit einer Pfote in der Erde zu scharren. Doch sobald sie die Erde berührte, schüttelte sie angeekelt ihre weiße Pfote. „Kannst du das nicht machen…“, sagte sie zu Willie, „immerhin lebst du ja hier…“ Die Totengräberkatze sprang eilfertig zur Hilfe und begann die Erde zu durchwühlen. „Ich weiß gar nicht, warum du hier dein Edelsteinhalsband verloren hast,…was hast du denn hier gemacht…?“ hörte Blue Willie fragen. „Halt deinen Mund und suche…“, befahl die Apothekerkatze. „Irgendwann werden sie alle Finsternis sein… und verwesen…“, sagte Willie und bleckte die Zähne. „Beeile dich gefälligst…“, fuhr die Apothekerkatze ihn an. Blue lief ein kalter Schauer über den Rücken. Vögel flatterten auf und schrien über den Gräbern. Blue hielt es nicht länger aus und begann rückwärts zu kriechen. Es begann wieder zu regnen und plötzlich wollte sie einfach nur weg, weit weg. „Komm, lass uns abhauen…“, flüsterte sie in das samtschwarze Ohr von Ebony.

 

Sie schüttelte ihr nasses Fell und begann zu laufen. Sie hatte das Gefühl, eine Art Wahnsinn hinter sich herzuschleppen, mit dem sie nichts zu tun haben wollte. Sie hörte Ebony hinter sich ihren Namen rufen. Eigentlich hatte Blue restlos genug. Sie wollte Sooty nicht mehr besuchen, sie wollte zurück in die Altstadt. Sie erinnerte sich wieder an die Königsschlangen, die angeblich um den Schuppen herum lebten und deren Biss tödlich war. „Warte doch, Blue, halte an…“, rief Ebony hinter ihr her. Mit riesigen Sätzen holte die pechschwarze Katze Blue ein. Blue war stehen geblieben und plötzlich schien ein Vorhang zu zerreißen und sie sah schreckliche Bilder vor sich. Sie sah einen riesigen Wald, ein Nest von Reptilien. Regen und Feuer. Ein Flammenmeer und Nässe. Eine Mauer aus ockerfarbenem Qualm und kochendem Dunst. Dann völlige Schwärze. Ein Geruch aus Weihrauch und Pflanzensaft drang auf sie ein. Der Wald starb in einer verschwenderischen Fülle von Düften. Sie hörte die Schreie der Vögel und fühlte das Entsetzen der sterbenden Tiere. Bläuliche fast durchsichtige Flammen. Feuer und Irrsinn. „Blue, hörst du mich,…Blue…ist dir schlecht…, was sit denn mit dir los…?“ Nur langsam erreichte Ebonys aufgeregte Stimme Blue. Blue zitterte wie Espenlaub. Schleier tanzten vor ihren Augen. Der Regen tropfte immer noch auf ihr Fell. Alles war nass und ungemütlich. Ebonys schwarzes Fell glänzte wie glatt gespült. Ebony leckte Blue mit ihrer rauen Zunge beruhigend über den Kopf. Langsam erholte sich Blue. Doch die schweren Empfindungen hingen in ihr fest und düstere Ahnungen quälten sie. „Was war denn?“ fragte Ebony wieder. „Ich weiß nicht, ich habe etwas gesehen…“, stieß Blue hervor. „Sag bloß, du hattest eine Vision, vielleicht kannst du ja sehen…“, sagte Ebony aufgeregt. „Vielleicht hat Sooty dir eine Vision geschickt…“, mutmaßte Ebony. Wieder ging ein Schauer nieder, der Regen verstärkte sich immer mehr. Blue starrte durch den Wasserfilm. „Ich kann nicht sehen…“, sagte sie dann abwehrend, „das ist alles Quatsch…, du redest schon daher wie dieser eingebildete Robby…“ Sarkastisch fügte sie hinzu: „Und wenn ich etwas sehen würde, dann wohl nur das Los der Straßenkatzen…“ Aus der Ferne hörten sie die Glocken der Altstadt läuten. Blue sehnte sich nach einem warmen Plätzchen und gutem Fressen, so wie Said es täglich bekam. „Was hast du denn gesehen…?“ fragte Ebony neugierig. „Ich will nicht drüber reden,…lass uns zurück gehen…“, sagte Blue, die sich immer noch nicht wohl fühlte. „Jetzt zurückgehen, da ist doch schon Sootys Schuppen…“, sagte Ebony und zog einen Flunsch. Da sich Blue immer noch etwas schwach fühlte, gab sie schließlich nach. Langsam und mit steifen Beinen folgte sie Ebony in das klatschnasse Holundergehölz. Der Wind schüttelte die Äste und eiskalte Tropfen rannen über Blues Kopf.

 

Ebony sprang vor und kratzte an der Schuppentür. Sie miaute laut. Blue musste an all die Klatschgeschichten denken, die sie über Sooty gehört hatte und ihre Nackenhaare sträubten sich. Erst gestern hatte Sooty den gelben Ralf verletzt. Der Dreck, den er über Sooty verbreitet hatte, wirbelte durch ihr Gehirn wie Schlick in der Brandung. Fast wäre Blue nun doch noch umgekehrt. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass Sooty solange sie denken konnte zu diesem Ort gehörte wie das Salz in der Luft. Schon ihre Mutter hatte behauptet, dass Sooty Gesichter im Rauch sehen konnte und Hennen zum Eierlegen bringen. Angeblich konnte sie sogar die Sonne, die tiefrot am Himmel stand, in ihren Händen auffangen und damit Ball spielen. Gewitter konnte sie vier Tage vorher an der Stellung der Wolken erkennen. Blue stand wie festgewurzelt unter den Holunderbüschen. Sie war einfach zu müde, um in die Altstadt zurückzulaufen. Atemlos wartete sie im strömenden Regen. Plötzlich gab die Tür zum Schuppen quietschend nach und Sooty stand vor ihnen. Sie machte einen Buckel und aus der Nähe erkannte Blue, dass ihr Fell tiefbraun und ziemlich verzottelt war. Ihre Pfoten standen auf dem Boden wie dicke Wurzeln. „Verschwindet,…“ rief sie, „seht zu, dass ihr Land gewinnt…“ Ihre Stimme war tief und rau. Sie klang fast männlich. Ihre Hinterpfoten waren gespreizt, was ihr einen festen Stand verschaffte und das Fell an ihrem Bauch erinnerte an die Haare von Stachelbeeren. Ihr Schwanz war schroff und ebenmäßig gesenkt. Doch trotz ihres Alters und ihrer Schäbigkeit schien sie aus sich selbst heraus zu leuchten. Blue nahm einen eigenartigen Geruch an ihr wahr nach Butter vermischt mit Moder. „Sooty, bitte, lass uns in den Schuppen, wir haben einen weiten Weg hinter uns und sind patschnass,…“ rief Ebony. „Habt ihr was mitgebracht?“ fragte Sooty scharf. Betroffen sahen Blue und Ebony sich an. Sootys Augen waren gelbgrün. Sie blickten unfreundlich drein. „Leider nicht…“, stotterte Ebony.

Dann macht euch vom Acker, umsonst ist der Tod…“, rief Sooty und schlug die Türe energisch mit der Pfote zu.

 

So ein verdammtes Pech…“, sagte Ebony enttäuscht. „Wir waren so nah dran…, fast hätte sie uns reingelassen.“ Blue, der immer noch übel war, fühlte sich trotz des weiten Rückweges erleichtert. „Warte…“, sagte Ebony plötzlich, „ich habe eine gute Idee,…bleib hier stehen, ich bin bald zurück…“ Die Dämmerung brach früh herein an diesem trüben Tag und ein blasser Mond stand schon am Himmel. Das Feld jenseits des Holundergehölzes war eine schwarz gewellte Fläche. Blue fühlte sich allein sehr unbehaglich. Sie wollte sich gerade ein Versteck suchen, als sich die Türe zum Schuppen wieder öffnete. „Komm rein, Yankeekatze…“ hörte sie Sooty grölend rufen. Sie zuckte zusammen. Das Wort hatte sie heute schon einmal gehört, Mitsou hatte es ihr entgegen geschleudert. Sie überlegte wütend, ob es sich dabei um ein besonders gemeines Schimpfwort handelte. „Na wird’s bald…, komm in meinen trockenen Schuppen…“, wiederholte Sooty. Blue traute Sooty nicht. Aber ihr Instinkt sagte ihr, dass im Moment keine besondere Gefahr drohte und so setzte sie sich langsam in Bewegung. Der Schuppen roch nach Rüben und Zwiebeln. In einer Ecke standen mehrere große Holzfässer. Sooty hatte ein bequemes Schlaflager in einem großen geflochtenen Schilfkorb. Blue ließ ihren Blick über die Fässer und die Spinnweben gleiten und fand den Schuppen sehr gemütlich. Die Tür war schon fast hinter ihr zugefallen, da schoss im letzten Augenblick Ebony durch einen schmalen Spalt. Sie trug etwas Glitzerndes im Maul, das sie vor Sooty fallen ließ. „Das Geschenk, das du wolltest…“, sagte sie und zwinkerte Blue zu. Es war ein dünnes rosafarbenes Halsband, an dem helle Steinchen glitzerten. „Ich habe es schon vorhin auf dem Friedhof unter der Erde blinken sehen…“, sagte sie schnell, „die Totengräberkatze ist fast mit ihrer großen Pfote darauf getreten, aber diese Idioten haben es nicht entdeckt…, “ Ebonys Gesicht war eine unstete dunkle Fläche, ihre Augen leuchteten stolz wie zwei Splitter aus Feuerstein. „Was soll ich denn mit so einem Moderamsch…“, rief Sooty empört, „das kannst du wieder mitnehmen, oder meinst du ich bin eine Barbiekatze…“ Sie wischte Ebony eins mit der Pfote. Dann lachte sie dröhnend. Der Regen trommelte auf das Dach des Schuppens und es roch nach feuchtem Holz. „ nun zur Sache, Kätzchen,…was wollt ihr von mir, warum spioniert ihr hier herum?“ fragte Sooty und sah sie durchdringend an. Ihr Blick schlitzte Blue auf wie ein scharfes Messer. „Seid ihr lebensmüde…, dass ihr euch in die Höhle der Löwin traut…, ich kille täglich eine Katze, das ist meine besondere Freude…“ Blue duckte sich zwischen die Fässer und beobachtete Sooty aus der Ferne genau. Für eine Katze ihres Alters bewegte sie sich erstaunlich schnell. Ebony wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Dann stotterte sie: „Du warst es doch nicht Sooty, du hast doch Philippine nicht umgebracht oder…?“ „Wer weiß das schon…?“ sagte Sooty. „Hast du keine Angst, in den Schuppen einer Katzenmörderin zu kriechen…?“ Eine lastende Stille legte sich über den Schuppen. Blue fragte sich, warum Ebony sich plötzlich so sicher war, dass Sooty nichts mit den toten Katzen zu tun hatte, wo fast alle in der Altstadt das glaubten. Sie verwünschte sich selbst, dass sie mitgegangen war. „Eigentlich will ich, eigentlich wollte ich schon lange die Grundlektionen der Katzenmagie von dir lernen,…ich meine, ich habe mir viel zusammen gereimt und so…, aber…“ stotterte Ebony. „Ich habe schon ein bisschen von der berühmten Sansibar gelernt…, aber…“ „Was du nicht sagst…, bei der berühmten Sansibar…“, spottete Sooty, „Magie willst du lernen,…was willst du denn damit anfangen,…mit der Magie…“ Ebony sah sich hilfesuchend nach Blue um, aber die kroch noch weiter zwischen die Fässer. Blue bedauerte, sich keinen Rückweg offen gelassen zu haben, obwohl Said ihr das immer eingeschärft hatte. „Vielleicht, na ja, ich könnte dann vielleicht den Katzenmörder finden oder einen einfachen ägyptischen Mondzauber machen…“, stammelte Ebony. Es klang nicht besonders überzeugend. Sooty lachte dreckig: „Ich glaube es nicht, du junges, unerfahrenes Kätzchen willst Mörder fangen spielen… mit Katzenmagie…?“ Sie bog sich vor Lachen. Blue zog sich noch weiter zwischen die Fässer zurück, alles war hier unten mit einer dicken Staubschicht überzogen. Ein altes durchlöchertes Fell lag in der Ritze zwischen zwei Fässern. In einer Ecke standen Männerstiefel herum mit Pelzbesatz. Dahinter entdeckte Blue eine merkwürdige Sammlung von Federn und sie fragte sich, welchen großen Vogel Sooty wohl erlegt hatte. Blue stöberte ein wenig herum, während Sooty immer noch mit Ebony debattierte. Sie fühlte sich sehr erschöpft. Es war ein langer, aufregender Tag gewesen. Sie sprang auf das Fell und wollte sich schon zusammenrollen und dort hineinkuscheln, als sie Sooty fragen hörte: „Und wo ist diese verdammte Yankeekatze…?“ Langsam hatte Blue von diesem Schimpfwort die Nase voll. Aufgewühlt zerrte sie mit den Krallen an dem Fell herum, das einen schwachen Raubtiergeruch ausströmte. „Ich werde sie mir im Morgengrauen vorknöpfen…“, Sootys laute Stimme durchbohrte Blue. Sie duckte sich noch tiefer zwischen die Fässer. Ihr war ziemlich unbehaglich zumute. Sie vermisste die vertrauten Geräusche des dahinströmenden Wassers am Kanal, die sie beruhigten. Mittlerweile strömte helles Mondlicht durch die Ritzen und wanderte über die Fässer und das Gerümpel. Die Federn schienen zum Leben zu erwachen und verwandelten sich in eine Eule mit offenen Augen, Schnabel und Ohrbüscheln. Blue schauderte, wenn ihr Blick die Federn streifte. Sie hörte, dass Sooty und Ebony immer weiter redeten. Der Wind rüttelte an dem Schuppen, Regen trommelte auf das Dach. Sootys laute Stimme schwoll an und ebbte wieder ab. Sie begann mit der Pfote auf den Deckel eines der Fässer zu trommeln. Sie schlug in einem monotonen Rhythmus darauf und Blue hatte das Gefühl, die Trommel würde auf sie zukommen, immer näher, bis sie nicht mehr wusste, ob sie wachte oder träumte. Sie hatte das Gefühl, in der Trommel drin zu sitzen. Die Trommel verwandelte sich in ein zitterndes blaues Ei, in dem sie saß und pulsierte. Das Ei verwandelte sich in Sootys Pfote, die riesengroß wurde und anschwoll. Sie wurde in den Boden gepresst und erhob sich wieder. Sie wuchs. Sooty sang und spann im Haus der Welt. Die erde war glücklich. Kühe kauten Licht wieder. Sie roch an einer goldenen Blume. Katzen tanzten, schrien, sangen. Ihr Bauch wurde ganz warm.

 

Blue fiel in einen tiefen Schlaf und träumte. Wieder lief sie durch riesige Wälder. Sie lief unter einem Baldachin purpurnen Ahornlaubs dahin, immer bergaufwärts. Links von ihr erstreckte sich eine tiefe Kluft, in der ein Sturzbach rauschte.

Der Pfad, dem sie folgte, war mit trockenem, von der Sonnenglut fast rostig gebleichtem Gras bewachsen. Erschöpft erreichte sie eine Anhöhe. Die vom Gelb und Rot der Bäume überschäumte Schlucht blieb hinter ihr. Eine Art Plateau lag vor ihr, über das ein leiser Wind strich, der den Duft von Harz mit sich trug. Blue atmete tief. In ihrem Herzen schien eine wilde Trommel zu schlagen. Plötzlich wusste sie, dass sie zuhause war.

Sie ließ ihren Blick über einen Nadelholzwald streifen, der sich in einiger Entfernung dahin zog. Fichten, blaue Zedern, verfilzte Rottannen, eine düstere Armee hoch gewachsener Bäume, verschwimmendes Smaragdgrün und bläuliches Grau. Immer wieder kehrte der hartnäckige kleine Gedanke wieder, umflatterte sie wie der erfrischende Hauch einer leichten Brise: „Es ist also wahr, ich bin zuhause…“ Der Traum pulsierte in ihrem Herzen. Sie hörte ein leises Geräusch und erschrak. Sie hob den Kopf und spitzte ihre Ohren mit den langen Pinseln. In einiger Entfernung entdeckte sie einen großen Kater, der mit unerschütterlicher und hochmütiger Selbstverständlichkeit zu ihr hinüber starrte. Ein düsterer Glanz ging von ihm aus. Sie erkannte ihn und doch war er ein Fremder. Sie seufzte im Traum und rollte sich auf dem Fell hin und her. Wieder witterte sie in die Wälder hinein und schwelgte in den Gerüchen der Holzfeuer und des Herbstes, des Harzes und der Himbeeren. Es knackte im Unterholz und der Traum wendete sich auf eine erschreckende und unerwartete Art. Plötzlich sah sie Sooty. Sie trug sandfarbene Schlangen in ihren Pfoten. Sie fürchtete sich. Sooty gab den Schlangen Namen und stahl ihr Gift. Sooty küsste sie und verwandelte ihr Gift in Magie. Sie rollte die Schlange um sich herum. Die Zungen der Schlangen leckten über Sootys dunklen Körper. Sie warfen goldene Flammen. Sooty sang ein dunkles Lied, während der Morgen dämmerte. Blue streckte sich und wollte in den Traum der Wälder zurückkehren, doch die Morgensonne schien schon grell durch die Ritzen. Überrascht wurde ihr klar, dass sie in Sootys Schuppen tief und lange geschlafen hatte. Selbst jetzt im hellen Tageslicht verlor der Schuppen seine beklemmende Atmosphäre nicht. Verwirrt erhob sie sich und spähte vorsichtig um den Rand der Fässer. Immer noch fühlte sich alles wie ein seltsamer Traum an. Verblüfft entdeckte sie, dass Sooty und Ebony aneinander geschmiegt in einer Ecke schliefen. Es roch dort nach Kräutern und frischer Erde. Sobald Blue sich näher heranpirschte, richtete sich Sooty auf. Im frühen Morgenlicht wirkte ihr Gesicht älter und ein bisschen verrunzelt. Doch sie sprang auf und bewegte sich leicht und anmutig. „Komm mit…Yankeekatze…“, sagte sie, „wir wollen draußen frische Kräuter fressen…“ Ebony bewegte sich leicht im Schlaf, aber sie wachte nicht auf. Blue stemmte ihre Vorderpfoten ein, sie wollte eigentlich zurück in die Altstadt, zurück in ihr gewohntes, vertrautes Leben. Da begann Sooty zu miauen. Sie miaute immer lauter, sie begann zu singen. Ihr Gesang hatte einen seltsam flehenden Klang und drang Blue durch Mark und Bein. Der Rhythmus ihres Liedes gewann an Schnelligkeit, die Töne wurden immer lauter. Sooty bewegte sich schnell aus dem Schuppen hinaus und wirkte jetzt fast wie eine junge Katze. Blue beobachtete ihre kraftvollen Schritte, die an einen Tanz erinnerten. Ihre Stimme wurde unglaublich tief und kräftig und dröhnte in Blues Ohren. Sooty wirkte jetzt größer, stärker, aggressiver und männlicher. Sie sprang draußen herum und drehte ihren Körper mit unglaublicher Kraft. Dann plötzlich sprang sie Blue an und bearbeitete sie mit den Pfoten. Blue legte vor Angst die Ohren an. Sie duckte sich. Doch Sooty schob und drängte sie vorwärts. „Los Yankeekatze, finde deinen Rhythmus, sonst wirst du nie eine Kriegerin…“, schrie sie in Blues Ohr hinein. Dann verfiel sie wieder in den klagenden Singsang. Das Geschehen nahm Blue völlig gefangen, sie vergaß sogar ihre Angst. Mit großen Augen starrte sie Sooty an und setzte sich fast von selbst in Bewegung. Erstaunt über sich folgte sie Sooty in großen Sprüngen auf das offene Feld hinaus. Sooty gebärdete sich immer wütender und aggressiver. Mit grellen Schreien rannte sie immer weiter. Ihre Augen funkelten gefährlich. Sie schrie jetzt ununterbrochen und überschüttete Blue mit Flüchen. Immer wieder schrie sie: „Verdammte Yankeekatze…, wo ist dein Gesicht…, zeig mir deine Krallen…“ Sie wälzte sich in ein paar Krautstengeln hin und her und furzte laut. Dann begann sie an den Blättern zu knabbern. „Komm her, friss mit mir…, schwing deinen blauen Arsch hier rüber…“, rief sie Blue zu und ihre Stimme klang plötzlich wieder normal. Zögernd robbte Blue näher heran und nahm die Blätter genauer in Augenschein. Sie roch vorsichtig an dem langen Stengel. Die Pflanze roch merkwürdig, aber nicht schlecht. Sie nahm eins der fleischigen Blätter in den Mund und biss hinein. Das Blatt schmeckte saftig. Trotzdem wurde sie die Angst nicht los, Sooty könnte versuchen, sie zu vergiften. Aber Sooty selbst kaute gierig auf einem der Blätter herum. „Du weißt nichts von dir,…du kennst nicht einmal deine große Kraft… du läufst durch die Gegend wie ein dummes Katzenbaby… “, rief Sooty, „kannst du dich an nichts erinnern?“ Flüchtig dachte Blue an ihren Traum und das große Gefühl von Freiheit, das sie dort erlebt hatte. Doch sie sträubte sich innerlich dagegen. Sie wollte nicht werden wie dieser aufgeblasene Robby. „Friss davon, es klärt deinen Kopf…“ Blue zögerte immer noch, sie neigte nicht dazu, unbesonnen zu handeln. Die Blätter schienen Sooty nicht zu schaden. Also begann sie, ein wenig davon abzubeißen. Sie rollte das Blatt auf ihrer Zunge hin und her. Sie reckte und streckte sich und hörte, wie Sooty laut rülpste. Sie drehte sich vorsichtig um, weil sie in Sootys Gesicht lesen wollte, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass Sooty sie ihrerseits mit einem scharfen, schlauen Blick musterte. Sie starrte Blue immer weiter an, während sie weiter von den Blättern fraß und Blue konnte die Augen nicht von ihr abwenden. Plötzlich merkte sie, dass sie Sooty nun dümmlich anlächelte. Blue musste plötzlich kichern. Sie fand alles, einschließlich Sooty plötzlich zum Brüllen komisch. Sie grinste dauernd in den nun wieder bedeckten Himmel und alles erschien ihr plötzlich schwebend leicht. Sie raste kichernd in immer größeren Kreisen um das Feld herum. Nie zuvor war ihr das Leben so berauschend erschienen. Die Pflanzen hatten einen rötlichen Rand und die Rinde der Bäume glitzerte. Sie leckte an einer kleinen Regenpfütze und dann watete sie mit den Pfoten hinein und wälzte sich im Schlamm. Sie war überwältigt von einer grundlosen Heiterkeit und rief plötzlich der furchterregenden Sooty Scherze zu. Manchmal konnte sie vor Lachen und Ausgelassenheit kaum weitersprechen. Sie fand es lustig voller Schlamm zu sein, der langsam an ihrem Fell antrocknete. Grinsend trieb Sooty sie schließlich zurück in den Schuppen. Ebony starrte sie ungläubig und mit offenem Maul an. „Was ist denn los mit Blue?“ fragte sie und begann schnell, ihr schwarzes Fell zu putzen. „Mir geht’s prächtig,…nie zuvor habe ich mich so gut gefühlt…“, lallte Blue. Gleichzeitig merkte sie, dass sie von einer großen Müdigkeit überwältigt wurde. Sie wollte sich auf das Fell zwischen den Fässern zurückziehen, aber dann wandte sie sich noch einmal um und rief Ebony zu: „Du musst dieses Kraut kosten, dieses krautige Kraut,…dieses komische Gras…, es ist herrlich, du schwimmst auf einer weißen, lachenden Wolke.“ Blue sprang auf das Fass und zielte zu ungenau und wäre fast abgestürzt. Im letzten Augenblick krallte sie sich am Rand fest und zog sich hoch. Sofort schien alles in eine weite Ferne zu gleiten. In der Ferne hörte sie Sooty noch mit Ebony über Kräuter sprechen, über Baldrian und Katzenminze, aber gleichzeitig pirschte sie bereits wieder durch den Wald und hörte das leise Knacken ihrer Pfoten im Unterholz. Sie schlüpfte aus dem Wäldchen und stand an der klaren, glitzernden Wasserfläche eines Sees, über den Stechmücken jagten. Der Wind strich mit einem tiefen Raunen durch die Fichten, das sie ans Meer erinnerte. Die Fichten waren sehr groß. Ihre kerzengraden, lichtgrauen Stämme ragten gewaltig auf und breiteten ihr Geäst mit architektonischer Strenge aus. Sie atmete die duftende Kühle und wieder streifte sie der Gedanke: „Endlich bin ich zuhause…, ich bin zurück…“ Ihr Blick folgte den Ahornbäumen weiter oben und verlor sich in den wunderschönen Farbtönungen, von Honig über Scharlachrot bis zum goldenen Braun. Alles war riesig, still und heiter und völlig menschenleer. Doch plötzlich kollerte ein Zapfen von einem der Zweige und rollte über den Weg. Blue fuhr zusammen und sah sich um. Sooty tauchte hinter einem der Ahornbäume auf, sie wühlte mit ihren dicken Pfoten im Laub. Dann grinste sie breit und sagte: „Nun, Yankeekatze,…wie gefällt es dir in deinem Land…“ Blue musterte Sooty verwirrt, ihr plötzliches Erscheinen in ihrem Traum bedrückte sie. „Wo kommst du denn plötzlich her,…“ fragte sie fast enttäuscht, dass der Traum ihr nicht mehr allein gehörte. „Ich lebe auf mehreren Ebenen, ich kann in deine Träume einsteigen und wieder hinausgehen, ganz wie es mir beliebt…“, sagte Sooty. Blue ärgerte sich. „Das ist mein Traum…“, sagte sie, „und mein Land…“ Sie stampfte mit dem Fuß auf und ließ ihren Blick über das vor ihr ausgebreitete Panorama gleiten. Sie fühlte sich so großartig, dass sie sich plötzlich gar nicht mehr vorstellen konnte, in der wimmelnden, lärmerfüllten Altstadt zu leben. Hier war alles, was sie brauchte: Wasser, Erde, Fels, Sümpfe und Wolken, Blätter und Himmel. „Mag sein…“, sagte Sooty pampig, „aber ohne mich wirst du nicht weit kommen…“ Blue schwieg beklommen. Sie wusste nicht weiter. Sooty lachte über ihre Verwirrung. „Ich komme allein zurecht…“, sagte Blue und lief über den dicken roten Blätterteppich in der Hoffnung Sooty zurückzulassen.

Plötzlich überlief Blue ein Zittern und sie richtete sich mit einem Gefühl der Übelkeit auf.

Ihr war schwindlig. Sie bemerkte, dass sie im Schlaf fast von dem Fass gestürzt war. Nur mit Mühe kletterte sie hinunter. Die Wände des Schuppens schienen sich zu wellen und der Boden schwankte. Blue begann krampfhaft zu würgen und erbrach sich zwischen den Fässern. Sie fühlte sich ziemlich kläglich. Verlegen kroch sie zwischen den Fässern hervor. Sooty und Ebony teilten sich gerade eine Maus, die sie draußen erlegt hatten. „Fühlst du dich nicht wohl, Yankeekatze…?“ fragte Sooty spöttisch und warf Blue einen scharfen Blick zu. Sie kicherte in sich hinein. Blue schüttelte den Kopf. „Mir ist speiübel von deinem Hexenkraut…“, sagte sie bissig. Aber tief in ihrem Inneren flatterte unablässig der Gedanke: „Ich war zuhause…“ Es war ein Gefühl unaussprechlichen Glücks gefolgt von eisigem Schrecken, der sich wie ein unerwarteter Abgrund vor ihr öffnete. Was hatten diese Träume zu bedeuten? Wieder übermannte sie eine Woge der Übelkeit und ein Schauer schüttelte sie. Sie misstraute plötzlich der großen Macht Sootys. Warum konnte sie in ihre Träume reisen? Sie fühlte sich von Sooty manipuliert. „Was hat das alles zu bedeuten?“ fragte sie und starrte auf ihre grauen Pfoten mit dem weißen Fleck, als hätte sie sie noch nie zuvor gesehen. „Du wirst es herausfinden, wenn die Zeit dafür gekommen ist…“, sagte Sooty. Ihre Antwort genügte Blue nicht. Aufsässig scharrte sie mit den Pfoten. „Warum nennst du mich immer Yankeekatze…?“ fragte sie hartnäckig weiter. Gleichzeitig fühlte sie eine fast kindliche Schwäche in sich aufsteigen. Das Kraut hatte ihre Wahrnehmungen schärfer gemacht und sie war empfindlicher als gewöhnlich. „Das ist einer deiner Namen…“, sagte Sooty rätselhaft. „Erklär mir das, verdammt,…was ist eine Yankeekatze…?“ stieß Blue hervor. Sie konnte plötzlich Ebonys Kichern nicht länger ertragen. Tränen saßen dicht neben Gelächter. „Ich will keine Yankeekatze sein…“, sagte Blue weinerlich, „ich will auch eine Rassekatze sein…“ Unsicher und ratlos sah sie von Sooty zu Ebony. Eine namenlose Bedrücktheit überfiel sie, als sie an ihren Streit mit Said dachte. „Ich will eine Perserkatze sein…“, brach es zu ihrem eigenen Erstaunen aus ihr heraus. „Rede keinen Unsinn,…“, schimpfte Sooty, „die Perserkatzen sind ein alter degenerierter Haufen…“ „Das ist nicht wahr, ich will einfach eine Perserkatze sein mit einem dicken silbernen Pelz…“, sagte Blue wieder. Sooty kicherte. „Ich stelle mir gerade vor, wie du darin aussehen würdest…“, sagte Sooty und schlug sich vor Lachen auf die Schenkel. „Du hast die ungestüme und rohe Kraft einer Yankeekatze aus Maine, was willst du mit der ausgelaugten Rasse der Perser…, das sind Puppenkatzen…“ Blue wollte heftig widersprechen. Sie schwankte hin und her zwischen heftiger Freude, einer Rasse anzugehören und dem Schmerz, nicht wie Said oder Robby zu sein. Sootys Worte rissen sie in einen Strudel. Sie fühlte sich überwältigt. „Du wirst es schon verstehen…, eines Tages…“, sagte Sooty, „komm um die Neumondzeit wieder hier heraus,…dann wirst du mehr über deine Rasse erfahren…“

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