Patrick Rabe

Das Testament des Dr. M.B. (Eine Horrorgroteske)

Das Testament des Dr. M.B.

 

Immer wahnsinniger wurden die Zustände in der Irrenanstalt Gutgarten.  Ausgerechnet dort, in jener kaum von der wissenschaftlichen Welt beachteten Vorstadtpsychiatrie, war es Ärzten gelungen, den Grund für das Corona-Virus herauszufinden. Man hatte es im Gehirn des Chinesen Chi-Li lokalisiert, der an einer entscheidenden Stelle im rechten Schläfenlappen eine Anomalie hatte, die es ihm erlaubte, durch das Fallen in epilepsieähnliche Zustände nach Belieben seine Gestalt verändern zu können. Immer, wenn er dies tat, schoss sein Gehirn jedoch tausende andere Gestalten hervor, die dann als Menschen, Tiere oder Phantasiegestalten zu leben begannen. Er nahm dann stets eine neue Gestalt an, die aber immer etwas Chinesisches an sich behielt. Eine Zeitlang hatten die Ärzte, die sich mittlerweile auch mit Psychologen und den Führern aller Weltreligionen berieten, erwogen, ob es sich bei Chi-Li um Gott handeln könnte, der zur Zeit in Menschengestalt auf Erden weilte, dann aber sah man, je mehr Experimente man mit ihm machte, immer deutlicher, dass alle Wesen, die er aus seinem Hirn hervorschoss, zum Bösen neigten. Daraufhin verfiel man der Theorie, dass es sich bei Ch-Li um den personifizierten Satan handeln müsse. Mittlerweile hatte man Chi-Li komplett in einem Einzelzimmer isoliert und gab ihm auch nur noch bedingt Medikamente, um die Produktion von neuerschaffenen Horrorwesen nicht noch mehr in die Höhe zu treiben, denn diese konnte schon keine Psychiatrie und kein Gefängnis der Welt mehr sinnvoll unterbringen und beherbergen. Viele Ärzte kehrten in diesen Tagen zu ganz altmodischen Gottesvorstellungen zurück, und begannen, zu beten. Schließlich kam man überein, dass, wenn der Satan bereits auf Erden weilte, auch Jesus Christus irgendwo sein müsse, und ihn besiegen können würde. Irgendwann erinnerte sich einer der älteren Ärzte an einen pensionierten Kollegen, der vor Jahren einmal in Gutgarten gearbeitet hatte, und der außerordentlich fromm gewesen war. Nach langem Suchen fand man seine Nummer und rief ihn an. Verschlafen ging er ans Telefon. „ Sind sie es, Dr. Busaker?“, fragte der alte Arzt. „Ja, Dr. Martin Busaker am Apparat.“, antwortete eine müde Stimme.  „Ich bin es, Dr. Bileam Baum. Erinnern sie sich an mich?“ „Ja.“, sagte Dr. Busaker. „Wissen sie noch, unsere Theorie von damals, dass satanische Zirkel durch das Umstellen von Buchstaben den Satan in Menschen hineinprojizieren könnten?“ Busaker am anderen Ende war plötzlich hörbar schlagartig wach. „Von diesem Unsinn würde ich gerade in unserer jetzigen Lage wirklich die Finger lassen, Baum.“, sagte er. "Vor allem nach dem, was wir schon vor 40 Jahren gemeinsam erlebt haben.“ „Ja, Dr. Busaker.“, nickte Baum. "Aber damals haben wir uns geirrt. Das war noch nicht die Endzeit. Jetzt glauben zumindest wir hier aber, dass es soweit ist. Wir haben den Mann eingefangen, der die Phänomene auslöst, die wir auch damals schon beobachtet haben. Aus meiner Sicht müssen wir nur noch herausfinden, wo Jesus sich zur Zeit aufhält.“ „Ach, Baum, werden sie denn nie vernünftig?“. Busaker seufzte. „Na gut. Ich komme.“. Am anderen Ende wurde aufgelegt.

 

Dr. Martin Busaker war unbehaglich in seiner Haut. Er hatte all das bereits vor 40 Jahren erlebt, und es bereits damals hinterher keinem mehr vernünftig erklären können. Unter großen Mühen und mit viel Aufwand hatte man nach dem Unglück, das damals in Gutgarten geschehen war, die Ruhe im Staat wiederherstellen und das Krankenaus Gutgarten wieder aufbauen können. Busaker stieg in sein Auto. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch fuhr er von dem alten Bauernhaus, das er bewohnte, die Landstraße in Richtung Gutgarten hinunter. Er wusste, dass er auf dieser Fahrt mehreren Anhaltern begegnen würde. Und je nachdem, für wen davon er sich entschied, würde dies Jesus, der Antichrist, einer der Dämonen der Hölle oder ein Wesen sein, das völlig variabel war, und den Untergang über alle bringen würde. Vor 40 Jahren war dies die unscheinbare Anhalterin Maria Musalke gewesen.  Busaker fuhr langsam und gemächlich die dunkle Straße hinunter. Seine Scheinwerfer beleuchteten die Bäume rechts und links der Allee. Wie schwarze Schatten huschten sie an ihm vorbei. Plötzlich geschah es. Ein Mann in einem Regencape stand auf der Straße und richtete einen großen runden Spiegelscheinwerfer auf Dr. Busakers Auto. Kurz noch gelang Busaker ein Blick in das Gesicht des Mannes vor ihm auf der Fahrbahn. Aber da war nichts. Nur weiße Haut. Keine Ohren, keine Nase, kein Mund und keine Augen. Mit einem lauten Schrei riss Busaker das Steuer herum. Sein Auto flog von der Fahrbahn und überschlug sich auf dem Acker.

 

Inzwischen waren in der Anstalt Gutgarten chaotische Zustände ausgebrochen. Immer mehr völlig deformierte, irre lachende und um sich schlagende Gestalten sprangen aus dem Kopf des Chinesen Ch-Li und wüteten auf den Gängen der Psychiatrie. Mehrere Pfleger hatten Chi-Li überwältigt, ihm eine Spritze gegeben und hielten ihn zu dritt auf eine Liege gedrückt. Seine funkelnden Augen schossen Blitze, und auch er selber veränderte mittlerweile andauernd seine Gestalt und sein Aussehen.

 

Plötzlich flog die Tür auf. Dr. Busaker stand im Türrahmen. Er trug ein gelbes Regencape. „Wir schaffen es.“, schnaufte er. „Wo ist Dr. Baum?“ „Hier!“. Der erschöpfte Dr. Baum, der in der Ecke gesessen hatte, erhob sich und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich habe auf der Straße einen Mutanten überwältigt.“, keuchte Busaker. „Aber er entpuppte sich als die Hülle des Erzengels Michael. Er hat mir das hier in die Hand gegeben. Das wird helfen.“ Busaker trat an die Liege, wo der zappelnde Chinese lag und öffnete die Hand. In seiner Hand lag eine kleine rote Chilischote. Busaker hielt sie dem Chinesen vor die Augen. „Können sie erkennen, was das ist?“, fragte er. „Ja.“, murmelte der Chinese und schnappte nach Luft. „Chi-Li. Chi-Li.“ Busaker lächelte wissend. „Ist das ihr Name?“ fragte er. „Ja.“, sagte der Chinese und lächelte erleichtert. „Dann beißen sie jetzt bitte auf diese Schote.“, sagte Dr. Busaker, und hielt sie ihm hin. Chi-Li nahm die Chilischote zwischen seine Zähne und biss darauf. Ein ohrenbetäubender Schrei ertönte. Chi-Li richtete sich urplötzlich kerzengerade auf seiner Liege auf, und stieß die Pfleger beiseite. Er schrie mit aller Kraft ins Gesicht von Dr. Busaker. „Satan! Du bist der Satan!“. „Haltet ihn.“,  rief Busaker und sprang zu Chi Li auf die Liege. Busakers Gesicht begann sich zu verformen, und immer mehr aufzuquellen. Seine spärlichen, grauen Haare wurden ein weißer, seine Glatze umwehender Kranz. Chi-Lis Kopf hatte die Konsistenz von schmelzendem Gummi angenommen. „Den Spup! Man muss ihm den Spup entfernen.“, schrie Busaker mit hysterisch sich überschlagender Stimme. „Hilfe!“, rief Dr. Baum alarmiert. „Busakers Psychose von damals bricht wieder aus!“. „Nein!“, kreischte Busaker. „Ich irre mich nicht! Der Spup ist die Ursache von allem Übel!“. Mit zitternder Hand packte er Chi-Lis Kopf, drückte ihn auf die Liege und fasste mit seinen Fingern tief in Chi-Lis Nasenlöcher. Chi-Li schrie vor Qual. Busaker ächzte und stöhnte. Dann riss er Chi-Li einen großen, gelben Popel aus der Nase. „Der Spup!“, rief er erregt, „Das ist der Spup!“. Chi-Li kreischte laut, sein Gesicht wurde ein rotschwarzes Feuermäandern, und er fiel, in Flammen aufgehend mit Dr. Busaker von der Liege. Im selben Moment sprang Dr. Baum auf, kniete sich zu seinem Kollegen herunter, riss dessen brennende Überreste vom Boden hoch und stülpte sie sich über den Körper. Dann rannte er, gleichfalls nun brennend durch die Gänge von Gutgarten und schrie: „Es ist gut mit gut. Es ist gut mit gut!“. Eine junge, hübsche Krankenschwester mit großen , festen Brüsten riss sich die Kleider vom Leib und sprang Dr. Baum von hinten auf den Rücken. „Jaaa, Esmeralda!“, schrie er. „Läuten wir die Glocken!“. Mit schnellen Schritten rannte Dr. Baum aus dem Haupteingang der Klinik, riss noch das Schild mit der Aufschrift „Gutgarten“ herunter, und lief mit lauten Tierschreien in die Nacht. Ein Auto begann ihm zu folgen. Hinter dem Steuer saß ein Mann ohne Gesicht. Im Innern der Anstalt hatte man mittlerweile den Chinesen Chi-Li überwältigt und drückte ihn auf den Boden. Sein Mund öffnete sich, und Speichel floss heraus. „Ich war es nicht.“, murmelte er mit kaum vernehmbarer Stimme. „Es war Mabuse. Er benutzte mein Gehirn…“

 

 

 

© by Patrick Rabe, 22. März 2021, Hamburg.

 

Die Geschichte ist natürlich eine Hommage an Fritz Langs "Das Testament des Dr. Mabuse" und die "Dr. Mabuse"- Filme der 1960er. Aktuelle Bezüge sind selbstverständlich vorhanden.

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