Patrick Rabe

Die Landkommune des Teufels

Die Landkommune des Teufels

 

Ich fuhr langsam auf dem Lost Highway hinein nach Craxtone Village, meiner kleinen Heimatstadt. Ich kam vom Steel Castle in Greenhills zurück, wo ich eigentlich hatte leben wollen. Die Universität, wo ich dort studierte, trug den Namen Whitecover. Abgesehen davon, dass ich den Hügel in Greenhills nicht besonders grün fand, war es dort ganz angenehm. Ich studierte siebeneinhalb Silvester Musiktheorie mit Praxiseinlagen, die vor allem in Turnübungen und Rock’n Roll-Aerobic in und vor Betten bestand, dass einem die Ohren nur so klingelten. Nur manchmal, wenn unser Prof hereinkam, kippten wir das Bier, das wir gesoffen hatten, ins Chili Con Carne und holten unsere Geigen, Celli und Querflöten heraus. Der Prof, ein Mann namens Hedold Harakiri nahm dann stets einen Löffel von dem Chili Con Carne und sagte: „Ihr macht was falsch. Das Essen ist gut. Aber die Musik ist zu leise.“ Und immer wieder schlich unser Prof hinter uns durch die Gänge und murmelte mit leiser Stimme: „Tut immer, was ihr wirklich wollt. Irgendwann kommt die Reifeprüfung. Und die legt kein Prof ab.“

 

Eines Tages kamen zwei Schwestern an die Universität, von der man munkelte, sie seien mit Harakiri verwandt, und er hätte ihnen den Studienplatz besorgt. Sie hießen Balista und Baretta, zwei absolut scharfe Geschosse, man nannte sie unter uns Studenten kurz die Ba-Ba-Sisters. Allerdings konnten sie nicht viel mehr, als in ihren Studentinnenbuden im Bett liegen, und sich gegenseitig massieren. Das war selbst der betagten und etwas tüdeligen Gesangslehrerin Greta Grätsche zu wenig, und eines Tages bat sie mich, den Mädels mal zu zeigen, wie man die Mundwinkel auseinanderbekommt.

 

Also ging ich klopfenden Herzens in das gegenüberliegende Internatsgebäude und erklomm den 6. Stock. Eigentlich hatte ich mit der geforderten Übung keine Probleme. Einfach mein Balisto auspacken, es barettamäßig hin und her zu schwenken, und schon gingen den Mädels vor Staunen die Münder auf. Doch diesmal schwante mir Übles. Wie sollte meine Nummer bloß hinhauen, wenn die beiden Mädchen schon so hießen?

 

An der Tür hing ein Plakat vom Bois de Bologne. Ich klopfte. Die Tür fiel auf und ich stürzte in eine unendliche Tiefe.

 

„Du lügst.“, sagte das blonde Mädchen. „Fick mich auf der Toilette!“ schrie das braunhaarige Mädchen.

 

Die Braunhaarige zog mich in die Toilette und die Blonde sperrte von außen ab. Dann drückte mich die Braunhaarige mit dem Kopf nach unten ins Klosett und schrie: „Kannst du da unten Hitler sehen?“ „Nein!“, schrie ich. „Das ist nur ein Klo.“ Im selben Moment schlug die Blonde mit voller Wucht irgendeinen Gegenstand gegen die Toilettentür. Die Braunhaarige stopfte mich tiefer ins Klo, und schrie: „Kannst du da unten Hitler sehen?“ „Nein!“ schrie ich. „Du hast einen an der Marmel!“. Da schlug die Blonde von draußen einen noch schwereren Gegenstand gegen die Tür. Die braunhaarige packte mich an den Beinen und schrie: „Dann bist du wahrscheinlich selber Hitler!“, und drückte mich tief in den Abfluss des Klos. Im selben Moment donnerte die Blonde den ganzen Zimmerschrank gegen die Toilettentür und wir stürzten alle noch ein paar Stockwerke tiefer.

 

Dort war es ganz dunkel. Irgendwann erhob sich ein massiger, farbiger Mann, den ich als den Boxer Mike Tyson erkannte. Er kam ächzend auf mich zu. „Sie haben doch einmal einen Boxkampf gegen mich verloren?“, fragte er. „Nicht, dass ich wüsste.“, antwortete ich. „Doch, doch.“, sagte er. „Ich sehe es ihnen an der Nase an. Sie sind dieser Italiener, Spinatus Spirelli.“ „Keineswegs.“, protestierte ich. „Doch.“, sagte er. „Sie haben gegen mich verloren, und mir angeboten, als Gegenleistung einen ganzen Kübel Scheiße zu fressen.“. „Das wüsste ich aber.“, sagte ich. „Sträub dich nicht!“, schrie Mike Tyson, packte mich und schleifte mich zu einer riesigen Tonne mit vergorenem Schweinekot. Dann tauchte er mich kopfüber in die Tonne und schaufelte mir mit einem riesigen Löffel bergeweise den dampfenden Kot in den Mund. Immer wieder übergab ich mich, und wurde von Mike Tyson dazu gezwungen, auch den ausgekotzten Kot noch einmal zu essen. Nachdem ich mit der Ersten Tonne fertig war, holte er noch eine zweite, die genauso groß war. Ich fiel in Ohnmacht. In purem, entfesselten Hass schlug und trat Mike Tyson mich daraufhin zusammen.

 

Professor Harakiri sah mich nachdenklich durch seine Brillengläser an. „Sie brauchen Urlaub, James.“, sagte er. „Ich heiße nicht James.“. entgegnete ich. „Ach, wissen sie“, sagte Professor Harakiri gelangweilt, „Man lebt nur fünfmal. Und dann muss man irgendwann immer nur noch auf Kuren gehen. Bis man dann zu „M“ wird, und James Bond eine Kur empfiehlt. Aber ich gebe ihnen noch etwas mit. ‚Siddharta‘ und ‚Klingsors letzter Sommer‘ von Hermann Hesse.

 

„I’ve been through this movie before“, dachte ich, als ich in das kleine Nest  Craxtone Villiage zurückfuhr. Irgendwann musste der Alte echt den Verstand verloren haben, und vor lauter Demenz schon nicht mehr peilen, dass das mein Heimatort war. Ich kannte sowohl das Knacken und Tönen des Windes im elektrisch aufgeladenen Sommergras, als auch den Krackston, wenn der Crack in the Ice unter den Füßen anzeigte, dass man jetzt besser den zugefrorenen See verlassen musste. Und wirklich, was musste ich feststellen? Der Alte hatte in der stillgelegten Kirche eine Landkommune aufgemacht, gab sich mal als Pastor, mal als Postbote und mal als Bürgermeister aus, und ging jeden Abend stockbesoffen durch die Gemeinde. Als er wieder mal aus der Kirche herausgeschlurft kam, und lallend den Bürgersteig entlangging, schlich ich mich zur Kirchentür und öffnete sie. Strahlend kamen Laura und Lassolinda heraus, die man im Ort nur die La-La-Schwestern nannte, oder die LA-dys of the LA-ke und die Jugendfreundinnen von mir waren. Als alte Freunde fielen wir uns um den Hals, ich löste das Lasso von Lindas selbigem, und wir peitschten uns gegenseitig nackt aus. Das fand niemand merkwürdig außer der jungen Gemeindekantorin Greta Grätsche, aber die ging dann auch nur noch kopfschüttelnd weiter und guckte mit Pastor Hustbert Hustler die DVD-Version von „Lolita“, hörte mit ihm dazu das weiße Album der Beatles, popelte hinter dem weißen Cover massenhaft Einlegebätter mit schwarzgedruckten Texten hervor, die sie träumerisch versunken las, und den halben Film dabei verpasste. Als Humbert Humbert in der vorletzten Szene Clare Quility erschoss, schrak sie auf, merkte, dass Pastor Hustler einen Herzinfarkt bekommen hatte, und rief den Landarzt an. Als Hustler dennoch verstarb, bevor er eintraf, schlenderte sie zur Kirche zurück, sah mir und den beiden La-La-Schwestern eine Weile zu, dann bekam sie Lust, mitzumachen, und wir vögelten auf dem Rasen, dass sogar die Toten Hosen wieder Liebeslieder sangen. ‚Revolution Number 9‘ ertönte vorwärts in voller Länge, ohne dass jemand an die 6 dabei dachte. Das passiert immer, wenn man dazu Sex macht, und nicht Sharon Tate ermordet.

 

Einige Etagen tiefer wurde Hustbert Hustler dann nicht müde, allen zu erklären, er wäre vor Langeweile gestorben, weil in dem Film überhaupt kein Sex vorkam. Sogar Hugh Hefner erzählte er das. Aber auch diesem entlockte diese Geschichte nur noch ein mildes Shining. Donnernd brach Steel Castle in sich zusammen und krachte in den grünen Hügel hinein. Dort wurden ein roter und ein weißer Drache in ihrem Ringkampf gestört, und irgendjemand brachte den Knaben Merlin herbei, um dieses Phänomen zu erklären.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 25. März 2021, Hamburg.

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