Loreen Xibalba

Der Nerd auf der Blumenwiese

Der Nerd auf der Blumenwiese

 

Stellen Sie sich eine Welt mit lilaweiß-gescheckten Kühen vor, die auf einer bunten Blumenwiese grasen. Das Klima ist im bachschen Sinne wohltemperiert, Vögel zwitschern. Der Anblick der Kühe findet sein Echo in Schäfchenwolken, die lautlos über den Himmel gleiten. Nahe bei der Kuhtränke sitzt ein Nerd im Schneidersitz auf seinem Handtuch und hackt Worte und Zahlen in sein hypermodernes Smarttool X9. Er trägt Schutzbrille und eine modische FFP-9-Maske. Neben ihm liegt eine Sprühflasche mit Desinfektionsmittel. Der Nerd benutzt sie immer dann, wenn er ein neues Paar Plastikhandschuhe aus seinem Rucksack zieht und die alten abstreift. Er verstaut den Müll in einer Plastiktüte, auf der das rote Apothekenlogo prangt.

Manchmal, wenn er mit seinen Gedanken alleine ist, fragt sich unser Nerd, wie es nur so weit kommen konnte. Eigentlich sind ihm das Tragen von Masken, Schutzbrillen und Handschuhen längst in Fleisch und Blut übergegangen, ebenso wie das Desinfizieren glatter Oberflächen. Diese Dinge fallen ihm kaum noch auf. Schlimmer noch: wenn er sich dieser Krücken des modern-zivilisierten Lebens entledigt, wird ihm manchmal schwindlig und er verspürt Atemnot. Deshalb ärgern ihn all die Kühe ohne Masken und ihn verwirren die Schmetterlinge, die keine Gummiüberzüge über ihren Tarsen tragen. Ja, selbst die Mistkäfer auf den Kuhfladen desinfizieren trotz aller Notwendigkeit niemals ihre Panzer. Und wie die Mistkäfer verhalten sich die Philanthropen und Sponsoren, für die Hygiene- und Ausgangsbestimmungen seit einiger Zeit keine Bedeutung mehr haben. Wie konnte es nur so weit kommen?

In alten Büchern hat unser Nerd nachgelesen, wie die Welt bis zum Jahr 2020 funktioniert hat. Die Dienstfertigen nannte man damals noch Bürger. Die Herrschaft hatte jenen Bürgern bestimmte Rechte zugestanden, die sie vor Gerichten einklagen konnten. Später wurden die Rechte durch sogenannte „Gnaden“ ersetzt, die einem auserwählen Kreis besonders produktiver Dienstfertiger bis in die Gegenwart durch Philanthropen und Sponsoren verliehen wurden und werden. Unser Nerd genießt zum Beispiel die Gnade des Naturerlebens und die Gnade zweier Stunden täglicher Freizeit. Dort, wo er sitzt, gibt es keine Kameras. Deshalb nimmt er seine FFP-9-Maske für einen Moment ab und genießt ein paar Atemzüge frischer Luft. Er weiß zwar, ihm droht Gefahr, wenn er das tut, aber manchmal möchte er eben wissen, wie sich die Kühe auf dem Feld fühlen.

In Geschichtsbüchern hat er gelesen, die neue Normalität habe im Jahr 2020 begonnen. Er kann sich vage erinnern, dass er damals noch den Kindergarten besucht hat. Von einem Tag auf den anderen hatte es geheißen, dass er seine Freunde nicht mehr sehen dürfe. Die Erwachsenen riegelten die Spielplätze mit rotweißen Sperrbändern und Ketten ab und die Polizei überwachte die Kontaktverbote mit eiserner Hand. Nichts Besonderes eigentlich, denkt sich unser Nerd, aber die Menschen jener Zeit waren ja noch ihre althergebrachten „Rechte“ gewohnt. Deshalb gewöhnten sich nicht alle ohne Widerstand an den neuen Zustand und die Unbelehrbarsten der Gesellschaft mussten in speziell eingerichteten Erziehungszentren unter Zwang auf Linie gebracht werden. Das geschah aus Solidarität, zum Wohle aller, für die Menschheit und für die neue Weltordnung.

Unser Nerd hält einen Moment inne. Auf dem Glas seiner Schutzbrille liest er: „Impfstatus aktualisieren in zehn Tagen. Bitte Nachricht bestätigen“. Er drückt einen Knopf am Brillengestell und die Nachricht verschwindet.

Ach ja: die neue Normalität und wie sie angefangen hat… Das liegt schon lange zurück. Der „Große Historische Konsens“ besagt, die Ursprünge der neuen Normalität lägen in der Zeit der Wiedervereinigung der beiden Staaten Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik (jetzt: Automobil- und Pharmazone Mitte). Damals machte man aus zwei Ländern eines, indem man die Menschen unter das Gesetz des wirtschaftlich stärkeren Landes stellte. Die damalige „Verfassung“ bot den Menschen Schutz vor den Eingriffen des Staates und gewährte ihnen gleiche Stimmrechte. Einige Visionäre sahen schon früh die Schwierigkeiten, die mit solch einem Rechtsystem einhergingen: Weil man den Menschen ihre Freiheiten als Rechte gewährte, musste dies dazu führen, dass sie in ihrer Maßlosigkeit alle Ressourcen des Planeten rücksichtslos ausbeuteten. Und tatsächlich: Die Menschen verbreiteten sich wie eine Krankheit über den Erdball und begründeten mit ihrer Maßlosigkeit das Erdzeitalter des Anthropozäns. „Die Erde hat Mensch“, meinte ein damals populärer Fernsehphysiker. Zum Glück hat das Immunsystem der Erde nicht versagt und sich gegen diese schwerwiegende Erkrankung mit Mikroorganismen gewehrt.

Unser Nerd erinnert sich: Unter den Eliten des ausgehenden 20. Jahrhunderts setzte sich schon früh die Auffassung durch, ein Leben in sogenannten Demokratien richte sich gegen das Wohl des Ökosystems. Deshalb machten sie sich ans Werk und modernisierten die damaligen „Länder“, indem sie die Menschen auf vielerlei Weise an ihren Einsichten teilhaben ließen: Sie kauften sich Lokalzeitungen, bildeten weltumspannende Medienkonzerne und nahmen über Denkfabriken und Stiftungen Einfluss auf die gewählten Machthaber und ihre Untertanen. Bis zum großen Corona-Umbruch durften die Eliten ihre Ziele freilich nicht offen äußern, weil aufgrund der gleichen Stimmrechte zu befürchten war, dass sie bei allzu großer Transparenz einen Teil ihres Einflusses einbüßen würden. Schließlich ging es um nicht weniger als die Rettung unseres Planeten. Zum Glück entstammten die damaligen Politiker (die Leute, die damals die Gesetze machten) meist genetisch minderwertigen Linien und waren leicht zu beeinflussen, wenn es um die gute Sache ging. Die Urväter unserer Philanthropen und Sponsoren mussten nur hier und da ein wenig Geld streuen und ihren Vasallen das Gefühl geben, sie selbst seien auf maßgebliche Ideen gekommen, schon drehte sich das Rad der Geschichte in die richtige Richtung.

Nur ein einmal kam dieses Rad ins Stocken, nämlich zu der Zeit, als die Vorväter unserer Großen ein System des offenen Welthandels mit zahlreichen internationalen Handelsabkommen einrichten wollten. Wäre dieses System durchgesetzt worden, hätte die Natur sich keines Virus mehr bedienen müssen, um die Verhältnisse neu zu ordnen. Denn dann wäre schon früh etwas so Neues und Großartiges entstanden, wie wir es heute gewohnt sind. Die Menschen hätten endlich begriffen: Ein weiser Fürst bewirkt mehr als tausend Vasallen, die ihre Macht aus dem Volk schöpfen.

Als unser Nerd gerade solchen Gedanken nachhängt, faucht ihm seine FFP-9-Maske einen schrillen Warnton entgegen und auf dem Glas seiner Schutzbrille ist zu lesen, dass das Risiko gefährlicher Infektionen und eines Feinstaubschocks ansteigt: „Achtung! Schützen sie sich und ihre erlaubten Sozialkontakte! Halten Sie sich an die Hygieneregelung! Automatisierte Quarantäneeinweisung erfolgt in drei Minuten.“ Auf den Brillengläsern erscheint ein Countdown, der im Sekundentakt von 180 bis 0 herunterzählt. Unser Nerd hört gerade noch die Kuh muhen, als er sich die Maske ab Sekunde 90 übers Gesicht streift. Was für ein Nervenkitzel!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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