Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 5

Blue machte sich allein auf den Rückweg. Ebony wollte bei Sooty bleiben, um die Katzenkräutermedizin zu erlernen. Die beiden streiften ihr kichernd das teure Halsband der Apothekenkatze über, damit sie es ihr zurückbringen konnte. Blue befand sich immer noch in einem leichten Zustand der Betäubung durch das seltsame Kraut. Sie wiederholte innerlich immer wieder, dass sie keine Straßenkatze war. Doch irgendwie blieben ihre gemurmelten Worte leer und äußerlich. Sie klangen seltsam hohl. Die Zeit schien dafür nicht reif zu sein. Immer wieder packte sie ein leichter Schwindel und der Weg zurück in die Altstadt erschien ihr endlos lang. Obwohl sie teilweise das Gefühl hatte, zu schweben, kam sie nur äußerst langsam voran. Immer wieder glaubte sie mit den Bäumen oder den Wolken zu verschmelzen. Ihr Fell fühlte sich an wie ausgeleert. Manchmal glaubte sie, einer Ohnmacht nahe zu sein. Endlich erreichte sie die steilen Treppen, die in die Altstadt hinauf führten. Es war ein sonniger, kühler Tag im späten Herbst, knisternde Blätter wehten über die Stufen und rotbraun glänzende Kastanien platzen aus ihren stachligen Hüllen. Eisblau wie ein glänzendes Band lag unten der Kanal. Mehrere bekannte Katzen wie Omar und Lucy saßen dicht vor ihren Haustüren in windgeschützten Winkeln und genossen die Sonne. Die Zeit schien durch sie hindurchzufließen. Unbewegt ruhten sie auf der Schwelle. Blue eilte rasch vorbei. Sie sehnte sich danach, allein zu sein. Der Himmel leuchtete aus sich selbst. Die Wolken sahen aus, als hätten sie goldene Ränder. Blue beschloss, das Halsband der Apothekerkatze zurückzugeben. Dann wollte sie endlich unter die Kanalbrücke schlüpfen und dem Rauschen des Wassers lauschen. Dort dehnte sich die Zeit zur Ewigkeit. Vielleicht konnte sie ein paar der Rätsel lösen, denen sie bei Sooty begegnet war. Sie eilte über das Kopfsteinpflaster des Marktplatzes und sah schon von weitem die alte Hofapotheke, die neben dem Dom im scharfen Schatten lag. Unwillkürlich fröstelte Blue, als sie in den Hof hinter der Apotheke einbog, der von Efeu überwuchert war. Plötzlich tauchte Omar hinter einer Mülltonne auf und schoss wortlos an ihr vorbei. Blue schüttelte den Kopf über sein unhöfliches Benehmen und schlich sich näher an die Apotheke heran.

Oft saß die Apothekerkatze hinter einem der mosaikartigen Fenster der Apotheke und starrte hinaus. Blue entdeckte sie sofort. Sie saß lauernd neben einem goldenen Käfig, in dem ein lachsfarbener und ein gelber Kanarienvogel wohnten. Das Licht berührte gerade ihre Augen, die von einem milchigtrüben Grün waren. Als sie Blue draußen entdeckte, sprang sie mit einem Satz durch die Katzenklappe. Die massige Katze bewegte sich schwerfällig und steif. Ihre Augen verengten sich, als sie das Halsband in Blues Schnauze entdeckte. „Wo hast du das her?“ fragte sie brüsk, „hast du es gestohlen…?“ Fast hätte sie Blue mit der Schulter gerammt. „Es lag auf dem Friedhof herum,…und Ebony hat es gefunden,…du solltest froh sein, dass ich es dir zurückbringe…“, sagte Blue empört. „Ach so…, ich habe es schon eine geraume Zeit vermisst…“, sagte Magnolia plötzlich zuckersüß und riss das Halsband mit einem scharfen Ruck an sich. Blue, die sich immer noch über die herrische Art der Apothekerkatze ärgerte, sagte spitz: „Ich wusste gar nicht, dass du dich heimlich am Friedhof herumtreibst…“ „Ich sitze manchmal ganz gern unter dem Bildnis des steinernen Engels…“, antwortete Magnolia und senkte die Augenlieder, „dort ist es so friedlich…, das verstehst du doch sicher, Blue…, auch Omar gesellt sich hin und wieder dazu,…er ist doch dein Freund oder?“ Blue überschwemmte wieder eine Welle der Übelkeit. Sie schüttelte den Kopf: „Mir ist es dort zu unheimlich…“ Die milchigen Augen der Apothekerkatze begannen zu funkeln. „Aber warum denn, Blue, hast du vielleicht Angst, dass der Todesengel dich mit seinem dunklen Flügel streift…? Sie lachte hohl. „Nun, früher oder später holt er uns alle ab,…das weißt du doch Blue…“ Blue zuckte müde mit den Schultern und wollte sich zum Gehen wenden, da rief Magnolia katzenfreundlich: „Heißt du nicht auch Regenkatze…, ich glaube so etwas gehört zu haben…“ Blue ärgerte sich noch mehr. Regenkatze war der Namen, den Robby ihr gegeben hatte, um sie zu ärgern. „Und wenn schon…“, sagte sie unfreundlich, „sei froh, dass du dein Halsband zurück hast…“ Die Apothekerkatze näherte sich Blue und schlich um sie herum. Die Berührung war Blue unangenehm. Der eigenartige Geruch der Apothekerkatze stieg ihr in die Nase. Sie roch penetrant nach Medikamenten und Seife. „Die Engel sind immer um dich herum,…vor allem der große schwarze Katzenengel…“, flüsterte sie in Blues Ohr. „Du kannst ihm nicht entrinnen, du nicht Blue…“, sagte sie. „Der große schwarze Katzenengel steht schon hinter dir…“, säuselte sie. Plötzlich fühlte sich Blue wie gelähmt. „Möchtest du etwas Milch trinken…, meine Milch ist mit Engelswasser verrührt…?“ fragte sie und schob ihr Gesicht dicht vor Blues. Sie schien in Blues Schädel hineinzustarren. Blue wollte den Kopf schütteln, doch jede Bewegung fiel ihr unsagbar schwer. Sie hörte die Apothekerkatze sagen: „Das darfst du nicht ablehnen, das wäre sehr unhöflich und könnte unangenehme Folgen für dich haben…, weißt du, Regenkatze, der große dunkle Engel lässt nicht mit sich spaßen.“ Blue zuckte zurück und wollte die Apothekerkatze schon wegstoßen, da fühlte sie wieder diese eigenartige Empfindlichkeit, die sie immer wieder überfiel, seit sie das Lachkraut gefressen hatte und sie beherrschte sich. Wie in Trance sah in die lauernden Augen der Apothekerkatze und folgte ihr in die düstere Apotheke. Sie war nahe davor, zu weinen. Sie liefen über einen kalten Fliesenboden und der durchdringende Geruch nach Medikamenten verstärkte sich. Die Decken der Räume waren sehr hoch und in einem giftigen Hellgrün gestrichen. Es roch überall durchdringend nach Desinfektionsmitteln. Ein Napf quoll über mit rohen Hähnchenherzen und daneben stand ein Napf mit dickflüssiger Milch, die säuerlich roch. Wieder überschwemmte Blue eine Woge der Übelkeit. „Bedien dich, für dich ist das doch ein Festessen…“, sagte die Apothekerkatze herablassend. Blue zögerte. Sie erinnerte sich an Philippines Ausdünstung, doch dann fiel ihr ein, dass Said auch diese Milch getrunken hatte. „Wirst du wohl trinken…, niemand schlägt mein Angebot aus…“, sagte Magnolia fast drohend. Zaghaft steckte Blue ihre Zunge in die Milch. Die Apothekerkatze schlich um sie herum. Ihre Augen glitzerten kalt. Blues Gedanken drehten sich im Kreis wie um eine nicht vorhandene Mitte, sie fühlte sich plötzlich völlig wurzellos. Zuviel war auf sie eingestürmt. „Weißt du eigentlich was von Ralf?“ fragte die Apothekerkatze und verdrehte plötzlich die Augen, bis sie ganz schräg in dem weißen Gesicht standen. Verblüfft sah Blue sie an. „Hat er dich mal mitgenommen in seinen Loft? Du musst die Wahrheit sagen, der schwarze Engel hört mit…“, zischte sie. Sie klopfte mit der Pfote auf Blues Rücken. „Was habt ihr denn in dem Loft gemacht?“ Sie lachte schräg. „Sag mal, spinnst du jetzt völlig, ich war nie in dem verdammten Loft?“ fuhr Blue auf, nun endgültig genug hatte. „Ich habe nichts mit Ralf zu tun, ich traue ihm nicht über den Weg…“ „Jetzt hab dich mal nicht so… sonst bist du ja auch nicht zimperlich…ich habe beobachtet, dass du bei Said im Laden warst…, fragen wird man ja wohl noch dürfen…“, sagte die Apothekerkatze von oben herab und klopfte herablassend auf Blues Hinterteil. „Lass das…“, sagte Blue laut, „Said geht dich überhaupt nichts an, was bespitzelst du mich…?“ „Nun ja…“, sagte Magnolia und hüstelte, „es kommt ja nicht jeden Tag vor, dass ein Perserkater sich mit einer namenlosen Katze abgibt…“ „Das ganze Viertel redet schon darüber…, die Maskenkatzen sind empört.“ Blue ekelte sich vor der säuerlichen Milch und hatte Lust, Magnolia mit den Krallen ins Gesicht zu springen. In ihrer Wut stolperte Blue über den Napf mit der Milch und verschüttete die Flüssigkeit über die Fliesen. „Was hast du getan?“ rief die Apothekerkatze mit gespieltem Entsetzen. „Was bist du doch für eine achtlose Straßenkatze…“ Plötzlich hörte man eilige Schritte durch den Gang hallen und der Apotheker tauchte auf. Er war ein sehr dürrer Mann, der immer einen weißen Kittel trug. Er zog nun ein essigsaures Gesicht hatte. „Was ist das für ein Krach…“, rief er ärgerlich. “Magnolia…, was ist das für ein fürchterliches Tier?“

Er nahm ein Tuch und schlug damit nach Blue. „Verschwinde…, los verschwinde…, diese verdammten Straßenkatzen, nun dringen sie schon in meine Apotheke ein…“, rief er. Er schlug nach Blue und sagte: „Die Milch wird nicht verschüttet,…hast du gehört, die Milch gehört in den Napf…“ Sein gelbes Gesicht näherte sich Blue und sie roch seinen säuerlichen Atem. Sie wich zurück zur Wand. Wieder schlug er ihr das Tuch über den Kopf. Blue sprang weg und jagte benommen im Kreis herum. Sie fand die Katzenklappe nicht mehr. Die Gänge hinter der Apotheke verzweigten sich in mehrere Richtungen. Blue raste an der Wand entlang und der Apotheker lief schnaubend hinter ihr her. Es roch penetrant nach Jod. Flüchtig sah Blue Magnolia auf einem Schemel sitzen. Sie beobachtete mit großer Befriedigung, ja fast genussvoll, wie der Apotheker Blue durch den gang hetzte. Er näherte sich ihr von hinten und wollte ihr wieder das Tuch über den Kopf werfen. Blue geriet völlig außer sich. Sie platzte fast vor Wut. Blitzschnell drehte sie sich um und fuhr dem Apotheker mit den Krallen ins Gesicht. Sie hieb scharf in seine herabhängende Unterlippe. Er schrie auf und ließ das Tuch zu Boden fallen. Blut quoll aus der Lippe. Er stieß üble Flüche aus. „Weg, weg mit dir, du Biest, lass meine Magnolia zufrieden, weg von ihrem Napf…raus mit dir…, du verdammtes Viehstück…“ Blue machte einen wilden Satz an dem Apotheker vorbei und stürzte sich durch die Katzenklappe ins Freie.

 

Blue rannte ohne anzuhalten. Die Altstadt wogte und brandete geschäftig an ihr vorbei. Sie hastete um den Dom mit seinen stachligen Türmen herum und erreichte endlich die kleine Brücke, die über den schäumenden Kanal führte. Das Wasser war wieder leicht gesunken.

Ein Mann überquerte gerade die Brücke und kam ihr mit einem großen Hund entgegen. Blue ging sofort in Deckung. Nach all dem Getöse und der Unruhe der letzten Tage wollte sie nur noch ihre Ruhe haben. Sie blieb am Ufer des Kanals stehen und starrte in das gurgelnde Wasser. Langsam beruhigten sich ihre tobenden Gedanken, die Zeit rauschte unter dem Brückenbogen dahin. Ruhiger geworden, blickte sie hoch zu einem Vogelzug, der über ihr dahin flog. Mit ihren scharfen Augen beobachtete sie genau die Bewegung der Flügel. Nur langsam verlor sich der Nachgeschmack der sauren Milch unter ihrer Zunge.

Sie sah sich im Wasser gespiegelt, eine Katze mit buschigem Schwanz und Pinseln an den Ohren. Ihr Spiegelbild schaukelte auf der Strömung. Eine späte Biene summte torkelnd um ihren Kopf herum. Die Bäume am Ufer trösteten sie. Sie glaubte zu wissen, dass Sooty ihr etwas sagen wollte, etwas, das sie noch nicht wusste, das noch auf sie wartete. Ihre Müdigkeit trieb langsam mit der Strömung immer weiter von ihr weg. Sie setzte sich, legte den Kopf auf die Vorderpfoten und blickte fast zärtlich in das fast durchsichtige Grün des Wassers, in die kristallenen Linien seiner Zeichnung. Sie verlor sich im Anblick des Wassers. Lichte Perlen stiegen aus der Tiefe au, stille Luftblasen, in denen sich die Himmelsbläue spiegelte. Der Kanal blickte sie mit tausend Augen an. Das stetige Rauschen des Wassers erinnerte sie an den Ort, den sie in ihren Träumen bereist hatte. Ein Eichelhäher schrie, dann hackte er mit hartem Schnabel in einen Ast. Sein Pochen glich ihrem Herzschlag. Blue dachte, wenn sie dem Wasser lange genug zuhören würde, könnte sie alle Geheimnisse verstehen, die ihr jetzt so dunkel und undurchschaubar erschienen. Sie sah, dass das Wasser lief und lief, immerzu lief es, und war doch immer da. Auch sie war hier in der Altstadt unter der Brücke und betrachtete die mit Spinnweben überzogenen Gräser und gleichzeitig streifte sie in ihren Träumen durch diese endlosen Wäldern. Alles rann zusammen zu einem Zeichen. Langsam glitt sie in eine schläfrige Gedankenlosigkeit, in der sie sich außerordentlich wohl fühlte. Sie schlummerte süß und tief.

 

Diesmal fand sie im Traum mühelos zurück an jenen Ort, der ihr Zuhause war. Sie stand am Fuße eines riesigen roten Ahorns, der seine knotigen Wurzeln im Sand ausbreitete. Im Gespinst einer nebligen Sonne war die Stimmung herbstlich. Über dem wuchtigen Baum krönten graue, runde Felsen die Steilküste. Und noch höher standen die gelben Kronen weiterer Ahornbäume wie eine in der Sonne schimmernde Festung aus reinem Gold. Kleine Inseln lagen im milchig gleißenden Wasser, dicht bewachsen von leuchtenden Ebereschen und dichtblättrigen Erlen. Träge, fast entrückt wie in einem Zauberschlaf richtete sich Blue auf und bot ihren Körper den Strahlen der Sonne dar. Hier begann ihr Glück. Sie berauschte sich an der Stille des Waldes und dem eisigen Wasser des Sees. Doch plötzlich begann ihr Herz wie rasend zu schlagen. Sie hatte ein Geräusch gehört, etwas Dunkles, Böses hatte sie wie ein Schatten gestreift. Sie spähte intensiv umher. Nichts rührte sich, abgesehen vom leisen Rauschen und Wiegen der Zweige, wenn der Wind darüber strich. Aber die scheinbare Ruhe konnte das Gefühl der Angst nicht zerstreuen, das sie plötzlich überfallen hatte. Wieder schien sie ein Blick zu treffen. Sie zitterte heftig. Ein tiefes Unbehagen überfiel sie. Sie begriff nicht, was geschehen war, aber sie zitterte an allen Gliedern. Plötzlich nahm sie schemenhaft die Gestalt von Sooty wie aus großer Entfernung wahr. Sie war verwaschen und durchsichtig wie eine Glasmalerei. Ungläubig schloss Blue für einen Augenblick die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war Sooty immer noch da und schaute sie ruhig an. Sie nickte ihr zu und rief: „Glaube an deine Kraft, du musst lernen, sie einzusetzen, du musst es schneller lernen, als ich dachte, denn großes Unheil droht den Katzen in der Altstadt, gemeine Mörder leben unter euch…“ Sootys Stimme wurde leiser und Blue konnte die Worte fast nicht mehr verstehen. Ein Nebelgespinst löste Sootys Gestalt langsam auf. „Was hat das alles zu bedeuten, erkläre es mir doch endlich…“, rief Blue. Es rauschte in ihren Ohren und eine starke Angst überflutete sie. „Du bist von meinem Blute…“, rief Sooty ihr zu, „ich werde nicht mehr lange in deiner Gegenwart sein…“ „Sooty,…komm zurück, Sooty…“, schrie Blue. „Du reist durch die Zeit und ich werde mich bald im Universum auflösen“, hörte sie Sooty aus weiter Entfernung sagen. Ihre Stimme klang bereits sehr schwach. Blue wollte Sooty noch so viele Fragen stellen, aber sie verschwand schneller zwischen den Bäumen als Blue sprechen konnte. Blue blieb allein in ihrem Traum zurück. Plötzlich wirkten die roten Wälder auf sie wie verbrannte Erde, eine tiefe Traurigkeit überfiel sie. In ihrem Traum wirkte die Altstadt wie eine Mondlandschaft aus Erinnerungen. Sie grübelte über Sootys Worte und plötzlich war sie sicher, dass etwas Grausames, Unberechenbares dabei war, sie in eine Falle zu locken. Eine finstere Kraft, die noch kein Gesicht hatte, bedrohte die Katzen der Altstadt.

Noch einmal richtete sich Blue in ihrem Traum auf und spähte durch den Wald. Doch diesmal blieb alles totenstill, nichts rührte sich. Der Wald schwieg. Eine große Einsamkeit fiel sie an. Einen Lidschlag lang hoffte sie, dass Sooty zurückkehren würde. Allein fühlte sie sich nicht imstande, diesem geheimnisvollen, unbekannten Feind, die Stirn zu bieten. Sie hatte das Gefühl, dass Sootys Auge sanft und vorwurfsvoll auf sie gerichtet war. Die goldene Heiterkeit der Wälder war davongeflogen und spurlos verschwunden.

 

Als Blue erwachte, dämmerte bereits der Abend. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen. Die Warnung aus dem Traum ließ sich nicht leicht abschütteln. Sie wollte über ihre Lage nachdenken, aber das Denken fiel ihr schwer und eigentlich hatte sie keine große Lust dazu. Ihr Magen knurrte. Sie wünschte sich den letzten Sommer zurück mit seiner Leichtigkeit und fröhlichen Ausgelassenheit, das Dösen am Brunnenrand und die lautstarken Treffen mit ihren Freunden. Seit Philippines Tod schien alles zu einem unsichtbaren Kerker zu gerinnen. Eine Windböe fuhr in den Baum und wirbelte die fallenden Blätter auf. Schwarze Blätter flogen durch die Dämmerung, die Fenster der Stadt wurden schon hell. Blue sah sich um und plötzlich entdeckte sie die kleine Mona. Sie raste wie ein Pfeil über die Brücke und stolperte den Hang hinunter auf Blue zu. „Mona…? Bist du schon wieder abgehauen…?“ fragte Blue. Mona lachte sorglos und obwohl Blue insgeheim froh, war, nicht mehr allein zu sein, schimpfte sie Mona aus. Dann bemerkte sie Omar, der sich hinter Mona langsam vorwärts schleppte. „Lucy wird dich wieder suchen…“, sagte Blue mit gespielter Strenge. Mona zog einen Flunsch. „Lucy ist nur noch mit Clarence zusammen…“, sagte sie schmollend, „sie kümmert sich überhaupt nicht mehr um mich, sie hat mich sogar angefaucht…“ Sie machte eine kleine Pause, dann sagte sie mit gespitzten Ohren: „Stell dir vor, Robby bringt morgen Nacht Sugar mit ins „Chat Noir“…, da müssen wir unbedingt hin…“ Omar winkte ihnen kurz zu und verschwand dann hinter einem Brückenpfeiler, um dort zu pissen. Blues Magen zog sich zusammen, ihr Streit mit Said fiel ihr wieder ein. „Ich wüsste nicht, was ich da sollte…“, sagte Blue spitz. „Ich will Robby sehen, lass uns zusammen hingehen…“, bettelte die kleine Mona. Dann verzog sie das Gesicht und sagte finster: „Ich will nicht, dass Robby mit Sugar geht…, ich will es einfach nicht…“ „Du wirst nichts dagegen tun können…“, sagte Blue. „Könntest du nicht mit ihr…mit ihr ein bisschen kämpfen…?“ fragte Mona mit piepsender Stimme und zupfte an Blues Fell herum. „Ich meine, du könntest ihr die Augen zerkratzen und sie in die Flucht schlagen, dass sie verschwindet aus der Altstadt…“ Blue schüttelte den Kopf: „Wieso denn gerade ich…“, fragte sie, „lass das doch Lucy machen…“ Die kleine Mona drückte sich an Blues Flanke. „Du bist viel stärker als Lucy,…alle sagen das…“, sagte die kleine Mona. Omar kroch langsam hinter dem Brückenpfeiler hervor. „Das Kind gibt keine Ruhe…wegen diesem eingebildeten Robby…“, sagte er schwer atmend und verdrehte die Augen. „Ich habe nichts mit Sugar zu klären…“, sagte Blue, „warum sollte ich sie angreifen...? Du bist ein Dummerchen…, Mona…“ Mona seufzte. „Ich muss Tag und Nacht an seine blauen Augen und sein cremefarbenes Fell denken,…und dass er aus Birma kommt…diesem goldenen Land…“, plapperte sie weiter. „Ich möchte nach Birma in die goldenen Pagoden…, auf dem Marmorboden herum rutschen…“ Mona tänzelte in gefährlicher Nähe des Kanals herum und glitt aus. In letzter Sekunde erwischte Blue sie und packte sie am Kragen. Sie schüttelte die kleine Mona ein bisschen und sagte wütend: „Wenn du nicht mit diesem Unsinn aufhörst, wird dir noch etwas zustoßen…, du bist ja ganz von Sinnen…“ Die kleine Mona maunzte kläglich und begann sich zu putzen. „Ich habe Hunger…, ich wollte gerade zum Marktplatz hinüber laufen,…“ sagte Blue. „Gehen wir doch lieber mal wieder zum „Moulin Rouge…“, schlug Omar vor. „Heute wird dort Cancan getanzt und Mitsou kann sicher ein wenig Gesellschaft gebrauchen…, Philippines Tod war ein schlimmer Schock für die Kleine.“ Blue schluckte. Ihr fiel ein, dass Mitsou sie angefaucht hatte, als sie ihr das letzte Mal begegnet war. Sie hoffte, dass sie nur verwirrt gewesen war wegen Philippines Tod. Wieder musste sie an die rote, magere Katze denken, an ihre Lachanfälle. „Gibt es was Neues über Philippines Tod?“ fragte sie Omar. Er wiegte bedächtig den Kopf, seine grüngoldenen Augen verengten sich. „Ralf verbreitet überall das Gerücht, dass Sooty sie umgebracht hat…“, sagte er, während er sich den Hang hinauf schleppte. Blue schärfte ihre Krallen am Brückenpfeiler. „Sooty tut so etwas nicht…“, sagte sie dann in entschiedenem Ton zu Omar. Omars Ohren zuckten nervös: „Kennst du sie so genau? Was weiß man schon wirklich von den anderen Katzen,…nichts…“ Blue schwieg. Seit sie mit Ebony die Nacht bei Sooty verbracht hatte, war sie überzeugt, dass Sooty nie eine andere Katze umbringen würde, außer wenn sie sich durch sie bedroht fühlte. „Ich war kürzlich bei ihr zu Besuch…“, sagte sie verlegen zu Omar, der sie mit seinen listigen Augen ansah.

Der alte Omar, der schon viel gesehen und gehört hatte, rollte verwundert mit den Augen. Dann grinste er plötzlich und sagte: „Bist du auf dem Trip gewesen… um den Schuppen herum wächst doch Katzenminze?“ Blue schielte um die Ecke in sein grinsendes Gesicht. „Kennst du die Pflanze?“ fragte sie schnell. „Man flippt fast aus vor Ekstase…, aber jetzt bin ich zu alt,…das Herz spielt nicht mehr mit…“, sagte Omar. Aufgeregt fragte Blue: „Hast du auch Bilder gesehen?“ „Von was redet ihr, von was redet ihr…, kann ich die Pflanze auch mal probieren…“, rief die kleine Mona neugierig. „Du bist viel zu jung dazu…, das ist nichts für Babys…“, sagte Blue, die gespannt auf eine Antwort von Omar wartete. Omar schien nachzudenken, dann seufzte er: „Ich habe immer eine wunderschöne, getigerte Katzendame gesehen mit einem zarten rosigen Näschen, fein wie Porzellan und eingefasst von einem schmalen schwarzen Rand. Der Mond schien auf ihr Fell und ihre smaragdgrünen Augen, die beschattet waren von langen schwarzen Wimpern, blitzten verlockend im Sternenlicht…“ Blue musste kichern, ihr fiel ein, dass Omar Gedichte schrieb und er eine romantische Ader hatte. „Sie lief so leichtfüßig, als schwebte sie über dem Erdboden, sie schien auf ihren langen Hinterpfoten zu tanzen und sie verströmte den Geruch Afrikas…“, fuhr Omar fort. „Sei lieber still…“, sagte Blue, „sonst verdrehst du der kleinen Mona noch mehr den Kopf…,“ Omar lachte, für ein paar Momente schwelgte er in den Gefühlen seiner Jugend. Nachdenklich sagte Blue: „Meinst du, die Bilder die man sieht, sind wirklich…, oder sind es nur Träume…?“ Omar schwieg lange. Die kleine Mona raste voraus, weil ihr das Gespräch der beiden zu langweilig wurde. Schließlich sagte er: „Ich weiß es nicht,…wir sind alle Wanderer zwischen den Ewigkeiten,…es heißt in der Katzenmagie, dass jede Katze neun Leben hat,… vielleicht sieht man auf dem Trip plötzlich alle Leben…vielleicht löst das Kraut die Grenzen zwischen den Leben auf…, was ist dann schon ein Leben mehr oder weniger…“ Blue hörte gespannt zu. Wieder einmal überraschte der alte Omar sie mit seinen tiefschürfenden Gedanken.

Doch plötzlich dachte sie an die Angst und das Grauen, die sie in ihrem letzten Traum empfunden hatte und sagte leise: „Hoffentlich kann man nicht über die Ränder fallen oder zwischen diese Leben… wie in einen tiefen dunklen Schacht?“ Sie konnte ihre Traumerlebnisse immer noch nicht richtig einordnen. „Das ist alles ein Fluss…“, meinte Omar, da kann keiner raus…, keiner kann raus fallen“, sagte er noch einmal, nickte energisch und blies seine runden Backen auf. Dieses Kraut trommelt Nachrichten weiter, die für mich bestimmt sind, vielleicht schmuggelt es Nachrichten raus, die man sonst nicht bekommt…“ Blue musste lachen. Sie hatte gedacht, niemand kannte die Wirkung des Krautes außer ihr. Sie überlegte kurz, dann fragte sie schnell: „Hast du schon von einer Rasse gehört, die Yankeekatze heißt?“ Sie hielt vor Spannung den Atem an. Omar überlegte, dann schüttelte er den Kopf und murrte: „Rassen sind mir völlig einerlei…, ich halte nichts von Rassen, Katze ist Katze für mich…“ Sie erreichten das „Moulin Rouge“. Drinnen spielte jemand laut auf einem alten Klavier. Schräge Töne quollen heraus. Nirgends war eine Spur von der cognacfarbenen Mitsou. Sie warteten eine Weile ratlos in der kalten Dunkelheit, die kleine Mona stöberte im Hinterhof herum. Schließlich suchten sie an dem alten Platz hinter der Vorratskammer nach Mitsou. Die alte Fröhlichkeit und Ausgelassenheit, die sie hier immer geteilt hatten, war wie weggeblasen. Blue hörte ein leises Geräusch. Sie spitzte die Ohren und rief nach Mona. Ein Fensterladen kreischte in den Angeln und eine Spinne ließ sich an einem Faden herunter. Blue erinnerte sich plötzlich an die Augen der toten Philippine, als sie sie gefunden hatten. Sie waren schwarz wie zwei Fensterhöhlen in der Nacht. Vorsichtig stahl sich Blue die Treppe hinauf. Sie wurde von Sekunde zu Sekunde unruhiger, weil nun auch noch Mona verschwunden war. Oben roch es nach getrockneten Erbsen und Pökelfleisch und ihr lief das Wasser im Munde zusammen. Ein Lachen hallte von unten herauf, aber es gab keine Spur von Mona, sie war spurlos verschwunden. Plötzlich hörte sie schwere Tritte hinter sich und bevor sie die Treppe hinunter stürzen konnte, wurde sie von hinten hochgehoben. Der Besitzer des „Moulin Rouge“ drückte sie an seine breite Brust und murmelte: „Was für ein schönes Kätzchen…, willst du nicht hierbleiben,…ich habe erst kürzlich eines verloren…“ Blue zappelte. Er setzte sie wieder auf den Boden und Blue wollte schon erleichtert aufatmen und sich unter seiner Hand wegducken, da nahm er sie abermals hoch, als müsste er sich davon überzeugen, dass sie noch vorhanden war. Blues Herz zappelte in ihrer Brust. Der Mann machte komische miauende Geräusche und lockte sie mit einem Stückchen Speck. „Der Wind bringt bald Schnee und du kannst am Feuer hinter dem Ofen liegen…, ist das nichts…?“ murmelte der Mann. Doch er roch nach feuchtem Hundefell und verklebtem Haar. Schnell schnappte Blue sich den Speck aus der Hand des Mannes und verdrückte sich in Richtung Treppe. Der Mann hockte sich auf den Boden, um ihr näher zu sein. Er hatte eine gewaltige Nase wie ein Bergzinken bei Sonnenuntergang und eine blaue Kerbe im Kinn. Er schwankte leicht, während er immer noch Koseworte mit den Lippen formte. Blue nahm einen Anlauf und stürzte sich die Treppe hinunter.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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