Angelika Güth

Traum-Wege

Traum-Wege

Es ist dunkel, Sofia hat Angst. Sie weiß nicht, warum sie läuft, warum sie Angst hat, oder wohin sie unterwegs ist. Aber hinter ihr ist ein Etwas, verborgen in der Dunkelheit, etwas, das ihr große Angst macht. „Ich muss schneller laufen“, denkt sie, denn das, was da hinter ihr ist, kommt näher und näher. Und sie kann nichts tun als laufen. Sie läuft einen sandigen Pfad entlang, der sich durch Gebüsch und altes Dorngestrüpp schlängelt. Den Pfad kann sie nicht sehen, aber ihre Füße wissen, wo der Pfad nach links abbiegt. Wieder spürt sie, das Etwas jagt sie, der Geruch streng, tierisch. Sie läuft noch schneller, Angst treibt sie vorwärts.  Dann, sie verfängt sich in einer nassen Baumwurzel, rutscht und fällt hart. Ein kurzer, stechender Schmerz in der rechten Körperhälfte, sie ringt nach Atem, sinkt in watteweiche Vergessenheit. Nach Endlosigkeiten hat sich der Schmerz in ihren Rippen ausgeschaltet. Wieder wach träumend spürt sie unter sich eine weiche Bodensenke. Sie liegt in feuchtem, intensiv duftendem Waldlaub. Der Geruch, sie liebt ihn, er erinnert sie, aber an was ? Merkwürdig spürt sie jetzt keine Angst mehr, fühlt sich irgendwie geborgen in dieser Waldnacht.

Langsam gewöhnen sich Ihre träumenden Augen an das Dunkel um sie herum. Sie hatte immer gedacht, dass die Nacht schwarz, undurchdringlich sei. Aber das stimmte nicht. Die Sternendunkelheit ist nicht pechschwarz, eher wie ein weit entfernt schimmerndes Himmelleuchten in dunklen Schatten. Und laut, die Nacht im Wald ist laut. Sie hört trockene Äste knacken, weiter entfernt und auch in der Nähe. Angestrengt lauscht sie, nimmt dann den typischen Wildschweingeruch wahr, hört das Schnaufen und Schmatzen der Rotte. Sie muss in ihrer Nähe sein. Zweige knacken jetzt nahe. Neben ihrem linken Ohr ist etwas, Erde fällt auf ihre Stirn und Pelziges streift ihr Gesicht. Sie hält den Atem an, nimmt den buschig roten Schwanz eines Fuchses in den Augenwinkeln wahr. Die Wildschweingruppe kommt jetzt grunzend immer mehr in ihre Nähe. Sie mag sich nicht vorstellen, was geschehen könnte, wenn....

Aber dann ist da in ihrem Traum auf einmal keine Angst, kein Schrecken, keine Atemlosigkeit, einfach Geborgenheit.  Traumschwer weiß sie plötzlich: Das Leben meint es gut mit mir, ich bin beschützt, geborgen. Leicht, sorgenfrei seufzend macht sie es sich im duftenden Waldlaub bequem, lächelnd träumt sie weiter

Der Radiowecker klingt herausfordernd. Sofia öffnet schlaf-traumtrunkene Augen, die Sonne scheint sanft durch die blauen dünnen Batist Vorhänge. Dann hellwach, die Prüfung heute. Aber keine Angst und eine unbedingte, allumfassende Sicherheit in ihr.

Wage erinnert sie sich an einen Traum im Wald.

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