Jörn Keseberg

Anfängnis und Sehnsucht

 
In John Tortugas Leben ist Anfängnis.
Mit 15 huschten die Mädchen in mein noch junges Leben .
Sie huschten in mein Bett, ihre Münder und Hände berührten mich hier und da und im nächsten Moment waren die Augen fort und ich sehnte mich.
Dann kamen die Ehen, die Kinder und nun sind SIE fort und Tortuga allein.
Geblieben sind mir die Stapel unausgegorener Sätze, die manchmal zu Briefen werden, nicht abgeschickten, aus Scham ich könnte mich verraten. Und die Bilder. Und die nicht gesprochenen Worte.
Weil Tortuga träumte: er wäre Bukowski, könnte saufen und ficken was das Zeug hält. Sich einfach im Leben schnappen, was gefällt und mir gefällt so viel, so viele.
Ich träume ich bin Soutine und male besessen bis zur Ohnmacht in die Schwärze der Nacht und liege manchmal weinend vor den Bildern und die Tränen vermischen sich mit dem Kasselerbraun und dem Balsam-Terpentin.
Wie verzweifelt bin ich zu sehen, dass Tortuga Tortuga bleibt und Soutine Soutine.
Nur etwas hat abgefärbt wie ein Fetzen rotes Tuch, das versehentlich in die Weißwäsche geraten ist.
Auch den Vincent und Rembrandt liebe ich sehr, nur wie liebt man?
Bei mir sind es loddernde Strohfeuer aus Liebe, plötzlich und heftig und dann glaube ich für eine Sternennacht, es sei die ganz große Liebe, die mir ihren Pfeil ins Herz gestoßen hat.
Da stecken so viele Pfeile, ganz zerfetzt ist das pulsierende, zähe, zappelige Ding da in meiner Brust.
Und immer noch ist Platz für einen neuen Pfeil, die Sehnsucht stirbt nicht so schnell.
Das Herz hat viele verschwiegene Kammern.
Wenn es gar nicht mehr ging, hab ich sie mir gekauft, die Frauen und da waren nette dabei, die durch meine Träume geistern.
Sich eines Körpers bemächtigen, ihn besitzen, für einen kurzen Blitz eins mit ihm werden, um die Einsamkeit zu lindern, die in allem steckt.
Dabei hätte ich so gerne Ruhe und Frieden, um mein Leben endlich zu ordnen, mit Trennlaschen verschiedener Farbe und Ordnern fein säuberlich in Schönschrift beschriftet.
Könnte die Orthographie überprüfen, einen Absatz einen Punkt und ein Komma einfügen.
Würde lustige Titel erfinden und die Chronologie rekonstruieren.
Dann baue ich mir ein Regal und stelle alles hinein, ein ganzes Leben.
... und schon geht´s wieder los! Da sitzt einer in mir, der spinnt, der Dibbuk!
Und denkt: Das gieß ich in einen Block Beton und schreibe darauf in den nassen Zement:
Hier liegt John Tortuga begraben.
Ach scheiße, ich sitze doch hier und lebe, schiele den Röcken und Brüsten hinterher.
Von Reife keine Spur.
Da lese ich in meinem Tagebuch anno 1973:
„Halb erfroren aber glücklich. Um 11 fuhr ich zurück und war schon um eins bei Mari. Wir küssten und streichelten uns, auch sie war glücklich. Abends fuhren wir zu mir und sprachen miteinander, mir kam alles wie ein schöner Traum vor. Wir umarmten uns auf meinem Bett, unsere Zungen berührten sich und unsere Körper verschmolzen miteinander. Wir zogen uns das Hemd aus.
Ich streichelte ihre Schamlippen und Brüste. Wir erforschten unsere Körper. Wir sehen uns jeden Tag. So ging es zwei Wochen. Doch plötzlich merkte ich eine Veränderung in ihr, sie war traurig und abwesend.
Einen Tag später sagte sie mir, dass ich sie vergessen sollte.
Zum Abschied schenkte sie mir zwei Bilder, die sie gemalt hatte.
Zu Hause versuchte ich, meinem Leben ein Ende zu machen mit zwei Atropin Tabletten aber ich bekam nur Bauchschmerzen und große Pupillen.“
So geht das bis heute, aus zwei Wochen werden manchmal zehn Jahre.
Aber Tortuga hat einen Teufel in der Seele, der flüstert ihm manchmal ein da gäbe es noch mehr, das könne nicht alles sein. Vielleicht mal ein Mann oder ein Tier?
Die Triebe sind wie junge, wilde Pferde und du mußt ihnen -freundliche, geheimnisvolle Worte flüsternd- die Zügel anlegen damit sie ihre Jugend und Kraft nicht verlieren oder verwildern wie ich.
Sie wollen gestriegelt werden und bunte Bänder ins rabenschwarze Haar geflochten bekommen.
Die Scheuklappen nimm ihnen ab.
Vergeßt die Diplome, die Meistertitel, fallt die Kariereleitern hinunter ins Leben.
Fallt, wie es manchmal in Träumen geschieht: ins Bodenlose aber haltet euch fest, im Irgendwo.
Werdet zu Seiltänzern auf einem Seil aus Sternenstaub.
Ich streichle mein Seil im Morgengrauen.
Als sei es ein warmer, pulsierender Körper, der dich begehrt, deine Sprünge und die Hitze der Sonne.
Gib acht, dass du nicht verglühst, denn das Seil verzeiht keinen Fehler.
Die Sterne lieben dich mit ihrem kalten Licht und rette sich wer kann, das LEBEN.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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