Heinz Werner

Was ist wichtig?


Was ist wichtig?

Unzählige Bücher und tausende von Artikeln wurden über dieses Thema
geschrieben, jede Menge Seminare und Vorträge gehalten. Trotzdem scheint es
unerschöpflich zu sein. Jeder setzt andere Prioritäten, für jeden von uns ist
etwas anderes wichtig. Zeitabläufe und persönliche Lebenssituationen verändern
unsere Sichtweisen und lassen manches unwichtig erscheinen was wir früher als
unabdingbar ansahen. Ich möchte nicht wiederholen, was schon tausendfach
veröffentlicht wurde, sondern das Thema „Was ist wichtig“ aus meiner
persönlichen Sicht beschreiben und dabei vor allem Aspekte betrachten, die
nicht sofort und zuallererst genannt werden.
Der deutsch-irische Geiger Daniel Hope antwortete auf diese Frage: Familie –
Liebe – Musik.
Auch ich halte die folgenden Kriterien bzw. Eigenschaften für absolut
erstrebenswert und für wichtig in unser aller Leben. Sie sind universal und
allgemein akzeptiert:

Familie – Freunde – Heimat – soziale Kontakte (sehr
wichtig)
Umwelt – Klima – Natur
Ehrlichkeit – Mut – Unabhängigkeit
Ziele – positive Perspektiven - Karriere

Was sind nun die Aspekte, die ich ausführlicher beschreiben möchte und die
ich für besonders wichtig halte?
An oberster Stelle stehen fast immer Gesundheit, Glück und Zufriedenheit. Alle
drei Kriterien bedingen einander und hängen eng zusammen. Wenn es auch ein oft
gebrauchter Allgemeinplatz ist stimmt es dennoch: Gesundheit ist nicht alles,
aber ohne Gesundheit ist alles nichts. Ich bewundere und beneide Menschen,
denen es gesundheitlich nicht gut geht und die trotzdem zufrieden, oft sogar
glücklich sind. Ohne Zufriedenheit sind auch glückliche Momente kaum zu
erreichen. Was versteht man unter Glück, was ist Zufriedenheit?

Glück ist ein kurzfristiger Zustand, ein momentanes Gefühl, nicht von Dauer.
Es ist nicht beständig, sondern etwas Flüchtiges. Verantwortlich sind Areale
im Gehirn, die den Botenstoff Dopamin (Neurotransmitter) aktivieren. Nach
vielen Studien sind wir angeblich am glücklichsten in der Kindheit und im
Alter. Wesentlich ist wohl eine grundsätzlich zuversichtliche Grundhaltung.

Zufriedenheit ist mehr ein dauerhafter Zustand und bedeutet innerliche
Ausgeglichenheit. Zufriedene Menschen sind mit den gegebenen Verhältnissen und
Umständen einverstanden. Sie sind mit sich im Reinen. Bedürfnisse, die sie
haben sind weitgehend befriedigt. Verantwortlich: Belohnungsstoffe wie
Morphium und Endorphine. Um zufrieden zu sein, sollten wir lernen, negative
Gedanken zu erkennen und infrage zu stellen – fällt im Alter sicherlich
leichter.

Was auch immer nachfolgend als wichtig beschrieben wird, setzt weitgehend
einen Zustand voraus, nämlich Frieden. Damit meine ich sowohl inneren, als
auch äußeren Frieden. Ich bin mir bewusst, dass dies wohl eine kaum zu
erreichende Vision ist, die – gerade im Moment – in immer weiterer Ferne
entschwindet. Trotzdem müssen wir uns bemühen, diesem Ziel, zumindest in
unserem kleinen Einflussbereich, so nahe wie möglich zu kommen.

Für wesentlich und wichtig halte ich Respekt. Nicht vor den im Fernsehen oder
sonst wo gepriesenen, selbst ernannte oder sich selbst feiernde Promis oder
Macher, sondern vor den vielen stillen Helden des Alltags (von denen keiner
spricht). Kinder, die ihre alten Eltern pflegen, Nachbarn, die sich um
Hilfsbedürftige kümmern, ehrenamtliche Helfer, die sich überall einbringen, wo
Not herrscht oder wo sie gebraucht werden. Menschen um uns herum, die Unfälle,
Krankheiten oder anderes Ungemach bravourös meistern und wortlos ihr Leben neu
sortieren. Respekt vor Mitbürgern, die Großes leisten und für die Gesellschaft
da sind, ohne eine Gegenleistung zu erwarten – die es einfach tun. Vor
Sportlern, die nach schweren Unfällen oder Krankheiten nicht aufgeben und sich
wieder zurückkämpfen und neue Höchstleistungen schaffen.
Respekt kann man auch vor sich selbst haben, nämlich dann, wenn man zu seinen
Überzeugungen steht und sich nicht verbiegen lässt. Ich weiß, dass das oft
schwerfällt, dass man sich nicht nur Freunde schafft. Gerade in heutigen
Zeiten ist es nicht immer leicht, sich zu seinen Gefühlen zu bekennen und
nicht einfach passiv alles hinzunehmen, sondern versucht, innerhalb der
eigenen, beschränkten Möglichkeiten Dinge zum Besseren zu verändern. Wie gut
tut es, in den Spiegel zu schauen und stolz auf sich sein zu können!
Respekt kann schnell zu Demut überleiten. Vor der überwältigenden Größe und
Perfektion der Schöpfung und davor, wie alle Teile sich ergänzen und ein
Ganzes bilden. Demut sollte uns ergreifen wenn wir an die großen und kleinen
Wunder dieser Welt denken.


Von Pearl S. Buck stammt der Satz „Hoffnung aufzugeben bedeutet, nach der
Gegenwart auch die Zukunft aufzugeben“ Ich glaube, Hoffnung hilft uns auch in
schwierigen Lebenssituationen und ermöglicht es, wieder positiver in die
Zukunft zu blicken. Sie bekämpft negative Gedanken und wirkt – auch für unsere
Umwelt – ansteckend und überaus motivierend. Ohne Hoffnung gibt es keinen
inneren Frieden und keinen positiven und freudigen, lebenswerten Ausblick auf
künftige Herausforderungen. Hoffnung spornt an und lässt uns auch bei
Krankheiten und beruflichen Krisen nicht verzweifeln. Aus eigener Erfahrung
weiß ich, Hoffnung kann geradezu Flügel verleihen, neue, ungeahnte Kräfte
mobilisieren und plötzlich Wege aufzeigen, die man vorher nicht sah. Gibt es
Wichtigeres?

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Träume für unser seelisches
Gleichgewicht nötig sind und helfen können, ungelöste innere (auch äußere)
Konflikte aufzulösen. Sie geben Auskunft über unser Unterbewusstsein und
leisten Aufräumarbeiten im Gehirn – ein Poet meinte: sie können die Seele
heilen.
Sicher ist jedoch, dass durch Träume das Erlebte verarbeitet wird, wobei
jedoch nicht alles eine tiefere Bedeutung haben muss. Luzide Träume, also
Klarträume (der Träumende weiß, dass er träumt) können uns helfen, mit dem
Unterbewusstsein aktiv umzugehen – kann man trainieren.
Für mich sind Träume eng verbunden mit freudigen und positiven Erwartungen,
mit Illusionen – von denen ich hoffe, dass einige davon wahr werden. Ich
möchte nicht ohne Träume leben. Ich denke dabei an „verträumte“ Nachmittage
irgendwo in der Sonne, an Erlebnisse, die nachträglich noch zu einem Lächeln
zwingen, die einen weiter träumen lassen – in der heutigen Zeit fast
überlebenswichtig!

Freiheit – steht für mich auf meiner Skala der wichtigsten Dinge ganz oben.
Von Abraham Lincoln ist bekannt, dass der meinte, die Welt hätte noch keine
richtige Definition dafür gefunden. Dies trifft zu, denn jeder versteht etwas
anderes darunter. Ich glaube, Freiheit sind unsere Flügel, die uns überall hin
tragen können und ungeahnte Möglichkeiten schaffen. Wir müssen sie nur nutzen
und bereit sein, lebenslang dafür zu kämpfen. Die mutigen Menschen in Myanmar,
in Belarus, die Opposition in Russland und in vielen anderen Ländern sind
leuchtende Beispiele für das Streben der Menschen, frei zu sein und
selbstbestimmt ihr Leben zu gestalten. Leider kann man Freiheit auch schamlos
ausnutzen und überdehnen und damit die Freiheit Dritter beschränken. Das war
wohl auch früher schon so, denn Lincoln sagte auch: „Wer anderen die Freiheit
verweigert, verdient sie nicht für sich selbst“

Ich erinnere mich an albtraumhafte Reisen in unfreie Länder, bei denen ich auf
Schritt und Tritt beobachtet und zu allen Terminen von „Aufpassern“ begleitet
wurde.
Wie schrecklich, frustrierend und insgesamt bedrückend. Selbst bei schönem
Wetter erschien alles grau in grau. Was für ein Unterschied, dann woanders
anzukommen, sich frei bewegen und atmen zu können, ohne Beschränkung Kontakte
zu knüpfen und frei zu sein, vor allem, sich auch so zu fühlen.
Freiheit sollte aber auch im engeren Rahmen, unter Freunden, in der Familie,
in Partnerschaften gelebt werden. Gerade im zwischenmenschlichen Bereich
können Unfreiheit, Bevormundung und Verletzungen gravierende Folgen haben und
tiefe Wunden hinterlassen. Dazu passend ein Zitat von Jim Morrison (US-
amerikanischer Sänger): „Ein Freund ist jemand, der dir völlige Freiheit gibt,
du selbst zu sein“.


In einem politisch und gesellschaftlich stabilen Gemeinwesen zu leben,
vermittelt Sicherheit und Zuversicht – wir sollten es als großes Glück
wahrnehmen. Wie wichtig Stabilität und Sicherheit sind, können wir gerade zur
Zeit angesichts großer Migrationsströme und einer Pandemie erfahren, wie wir
sie bisher noch nie erlebten und vermutlich nicht für möglich gehalten hätten.
Dass dies nicht selbstverständlich ist, sondern sich schnell ändern kann,
sollten wir nie vergessen – wir alle sind dafür verantwortlich. Ein kurzer
Gedanke an einen alten amerikanischen Leitsatz, nämlich: Become a bettter
human and we become a better societey wäre möglicherweise hilfreich. Sich
sicher fühlen ist schließlich eines der psychologischen Basisgefühle.

Neugierde – halte ich für sehr wichtig, denn sie lässt uns Grenzen
überschreiten und treibt uns voran. Ohne Neugierde kein Fortschritt, keine
Weiterentwicklung, also Stillstand. Sie ist Voraussetzung für die Evolution
und ein Urinstinkt des Menschen. Sie gibt uns die Chance, uns selbst besser
kennenzulernen.

Wichtig für viele von uns ist auch das richtige Umfeld, da es als unsere
Komfortzone und unser Energiespender dient. Es lässt uns erkennen, was möglich
ist und zeigt Grenzen auf. Ein gutes Gefühl bei der Arbeit zum Beispiel hat
einen positiven Einfluss auf das Privatleben. Nach einer Gallup-Umfrage ist es
weniger wichtig was wir tun als mit wem wir es tun. Durch das richtige Umfeld
entsteht ein positiver Kreislauf und Energiefluss, der sich wiederum positiv
auf unsere gesamte Umgebung auswirkt.


Es gibt auch unerwartete Antworten auf meine Fragen. Eine Dame aus Osteuropa
meinte: „Ich selbst habe keine besonderen Wünsche für mich. Es kann so wie es
ist weitergehen. Wichtig ist nur, dass es meiner Tochter immer gut gehen
wird“. Ein Freund sagte: „Ich habe eigentlich alles durchgemacht, genug Höhen
und Tiefen. Das einzig Wichtige auf das ich hoffe ist, dass ich noch einige
Jahre – so bis 70 – meinen Job machen kann – alles andere ist mir egal“. Ein
Anderer wiederum findet einzig und alleine wichtig, dass bald wieder
„Normalzustände“ herrschen werden, dass er wieder reisen, Freunde besuchen und
gelegentlich ausgehen und auswärts essen kann – sehr verständlich!

Hier nun eine etwas andere Sichtweise auf diese Frage. Eine medizinisch und
esoterisch bewanderte Bekannte schlug vor: Präsent zu sein – seine Mitte zu
finden und zu wissen wer man ist und welches die Aufgaben im Leben sind. Dies
könne man nicht mit dem Verstand erfassen – und sei er noch so brillant –
sondern nur gefühlsmäßig und körperlich, also „Jenseits des Denkens“ wie
Eckart Tolle (Bestsellerautor und spiritueller Lehrer) das nennt. Sicher nicht
einfach zu verstehen, sehr diskutabel und bestimmt nicht jedermanns Sache.
Aber ein interessanter Gedanke, über den nachzudenken sich lohnt.

Abschließend ein sehr persönlicher Aspekt, den ich für wirklich wichtig halte,
nämlich Erinnerungen. Erinnerungen, die nicht nur irgendwo im Unterbewusstsein
schlummern und nicht tief und langfristig, nämlich lebenslang nachwirken,
sondern
solche, die Spuren hinterlassen, nie mehr vergessen werden und Einstellungen
ja sogar Handlungsweisen und manchmal sogar Lebensläufe verändern.

Zum Beispiel:
Ein mutiger Auftritt von Joan Baez während des Krieges in Sarajevo. In dieser
schönen Stadt sang sie im Freien – Kriegslärm im Hintergrund – ihre
pazifistischen Lieder, unter anderem Amazing Grace, das eine ganze Stadt tief
bewegte. Nie wieder Krieg!

Ein mitternächtlicher Besuch der ehemaligen amerikanischen Botschaft im
früheren Saigon. Der Reisende sah in seinem Innersten den Flug des
Hubschraubers, der gerade noch über die Mauer kam und die letzten Mitarbeiter
ausflog. Er konnte die Schrecken und Grausamkeiten, die sinnlosen und
letztlich vergeblichen Verwüstungen durch eine „Großmacht“ nachempfinden. Nie
wieder Krieg!

Ein Aufenthalt in Ruanda, nur Tage vor dem schrecklichen Bürgerkrieg und
Völkermord, der Hunderttausende einer Volksgruppe das Leben kostete. Wie
zerstörerisch und menschenverachtend, wie furchtbar kann religiöser Fanatismus
oder Hass auf andere Volksgruppen sein. Nie wieder Krieg!

An eine Kirche in Frankfurt – die Frauenfriedenskirche – die nach dem Krieg
durch Spenden und Engagement von Frauen aus ganz Deutschland erbaut wurde –
zum Gedenken an die Gefallenen und Vermissten. Nie wieder Krieg!

Ein Sommerabend vor der Frauenkirche in Dresden mit zwei Musikern aus
Osteuropa. Ich bekomme heute noch Gänsehaut wenn ich daran denke, wie
eindringlich und doch einfühlsam sie ihre Musik präsentierten und für ihre
Länder und gegen Unterdrückung warben. Alles für den Frieden!

Der kleine Junge, der während der Nacht irgendwo in Zentralamerika für
Touristen Landschaftsbilder malte und dadurch zum Unterhalt seiner Familie
beitrug. Tagsüber musste er arbeiten oder ab und zu zur Schule gehen. Es
sollte nicht sein, dass viele Menschen zwar leben dürfen, aber absolut keine
Perspektive haben!

Natürlich müssen wir die vielen wunderbaren und positiven Erinnerungen und
Begegnungen ebenso wertschätzen und pflegen. Auch sie sind Teil unserer
Persönlichkeit, formen uns und zaubern hin und wieder ein Lächeln in unser
Gesicht. Sie sind unverzichtbar - auch sie sind wichtig.

Heinz Werner
(März/April 2021)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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