Michael Fellner

Gypsy. Ein Lied, eine Frau und eine verlorene Liebe.

Es gibt Lieder, die wecken Erinnerungen. Und diese Erinnerungen werden oft mit einer Melodie verbunden. Erinnerungen an schlechte Zeiten oder viel öfters noch Erinnerungen an eine schöne Zeit. An Stunden voller Liebe und Verliebtsein. Von Zärtlichkeit und Erotik.

Und das Lied “Gypsy” von Fleetwood Mac ist so ein Lied. Sobald das Lied erklingt, fangen meine Gedanken an zu wandern. Dringen tief in das Archiv meines Gehirnes ein und fördern Altvertrautes und doch fast vergessenes wieder hervor.

Lang ist es her. Viele Jahre sind vergangen und doch lebt die Geschichte weiter in mir. Auch die Frau lebt noch, vermutlich. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. Wer weiß, wie sie heute aussieht. Keine Ahnung. Es ist vielleicht besser so, denn so bleibt sie immer die Göttin, der Engel, der herabstieg vom Himmel, um mir die Liebe zu bringen.

Ich kann nicht mal mehr genau sagen, wie alles anfing. Sie war einfach da. Einfach so. Ein samstäglicher Discobesuch. Ich war betrunken wie immer. Nicht ganz so schlimm wie sonst. Viel Spaß. Viel Lachen, viel Lärm. Drückende Hitze mit Rauch vermischt. Dunkelheit, grelle Scheinwerfer und laute Musik. Und ich wie immer auf der Suche nach der holden Weiblichkeit. Nicht mehr ganz so engagiert, wegen meines Alkoholpensums, jedoch noch immer zuversichtlich endlich den Supertreffer zu landen.

Da war sie plötzlich da. Stand einfach neben mir. Redete mit Bekannten. Mir fiel sofort die unbefangene Art auf. Das Lachen. Die sanften Augen. Vor allem diese Augen, die Liebe und Zärtlichkeit versprachen. Sie war großgewachsen und trug auch keine außergewöhnliche Kleidung. Jeans, Pulli, Schluss.

Langes dunkles wildgelocktes Haar, ungebändigt, Freiheit verströmend. Knapp über 20 Jahre und voll Energie.

Was mir sofort auffiel oder was ich spürte, war die Sanftheit. Heute würde ich sagen, wie kann man so etwas spüren oder sehen. Aber alles an ihr vermittelte Sanftheit und Liebe. Ich weiß nicht warum, aber mein Gefühl sagte ja. Eine Traumfrau. Geschaffen für mich. Die Zeit stand still, als ich sie beobachtete, ihren Bewegungen mit den Augen folgend, ihrer Stimme lauschend. Sekundenlang, minutenlang, vielleicht auch mehr oder weniger. Ich weiß es nicht mehr.

Kontakt kam schnell zustande, ein Gespräch war begonnen, ohne das ich je nachvollziehen konnte, wer angefangen hatte. Und was ich da redete? Es war der reine pure Instinkt. Vermutlich idiotisch und unbeholfen, damals. Ich habe nie danach gefragt, was für einen Eindruck ich auf sie beim Kennenlernen gemacht hatte. Es hat sich einfach nicht ergeben. Irgendwie verstanden wir uns. Sie sagte nur später, dass ihr eines imponiert hatte, als ich ihr ein Kompliment über ihren Körper machte. Nämlich, daß sie eine gute Figur hatte, gerade als sie den verdeckenden Pulli wegen der Hitze auszog und nur mit einen kurzen T-Shirt vor mir stand. Und verdammt das war nicht gelogen, sie war groß, nicht zu dünn, und hatte verdammt schöne Brüste. Es war ein Kompliment, das aus dem Herzen kam, bei ihr war’s das richtige. Sie war nicht der Typ, bei dem jeder landete und sie war auch kein wilder Typ. Im nüchternen Zustand und beim Überlegen hätte ich das mit Sicherheit nie gesagt. Aber in diesem Augenblick war es verdammt noch mal das einzige, was mir einfiel. Es war einfach ehrlich gemeint. An den Rest kann ich mich gar nicht groß erinnern. Wir redeten und schwatzten, bis die Stunden vergingen. Vielleicht haben wir getanzt, ich weiß es nicht. Die Erinnerungen geben es nicht preis. Nie hätte ich gedacht, dass diese Traumfrau Interesse an mir bekunden würde. Die Stunden der Nacht vergingen, und sie verließ mich. Sagte nur, daß sie heim müßte und blockte alles ab. So versuchte ich es gar nicht. Einen kleinen Hoffnungsschimmer ließ sie mir ja. Sie fragte, ob ich öfters hier wäre. Trotz meiner Zustimmung war ich nicht sicher, ob sie wiederkäme, so abwehrend verhielt sie sich. Ich sah ihr nach, wie sie ging, und fühlte dass etwas ging, was eng mit mir verbunden war. Etwas trennte sich von mir und die Wärme und Geborgenheit verließ mich. Das Glück der wenigen Minuten und S! tunden. Wochen vergingen ohne ein Wiedersehen. Vergessen und vollkommen verloren. Es war abgehakt, bis zu dem Tag, als sie wieder im Lokal stand. War einfach wieder da. und schenkte mir ihr strahlendstes Lächeln. Und sofort kam die Wärme und Geborgenheit wieder und die Lust auf mehr. Ich wollte sie anfassen und spüren. Spüren, drücken und streicheln. Den Körper erkunden und ihr alles geben, was ich zu geben hatte.

Wieder verlor ich die Kontrolle, redete wirren Zeugs, so schien es mir damals. Dabei war es vermutlich recht vernünftig. Aber ich wollte ihr imponieren, wollte zeigen, was ich alles kann und weiß. Und sie lächelte mich nur immer sanft an, als ob sie wüsste, was mit mir los sei. Und ich glaube, sie wusste es damals schon. Den Heimweg verbrachten wir in einem netten Gespräch. Ich fühlte mich wohl, hatte das Auto stehen lassen, weil sie nicht mitfahren wollte. Später erfuhr ich, dass sie schlechte Erfahrungen damit gemacht hatte, der Typ war anderswo hingefahren und es wäre fast schiefgegangen. Damals wusste ich es nicht und akzeptierte ihren Wunsch ohne Nachzudenken. Kurz vor ihrer Wohnung griff ich ihre Hand, wollte sie heranziehen. Ein Kuss nur, ein kleiner Kuss. Wollte so gerne ihre Lippen spüren. Ihr Gesicht streicheln. Sanft und liebevoll. Sie wehrte mich ab. Nicht heftig, nicht jetzt, nicht jetzt, vielleicht ein anderes Mal. Aber bitte nicht jetzt. Ich strich ihr sanft über die Wange. Zupfte ihr Haar beiseite und hielt ihre Hand. Ein harter Junge wie ich. Sanft wie ein Lamm. Aber ihre Sanftheit steckte an, die unendliche weiche Stimme, beruhigend und besänftigend. Ich fühlte mich losgelöst von der Erde und tanzte und schwebte in einem Himmel voller Lichter und in einem Meer von Herzen. Kitschiger konnte es kaum mehr sein. Die Stadt sang, die Straßen waren voller Licht und ich schwebte nach Hause und alles war einfach wunderbar.

Ich schwebte tagelang in einem Glückszustand, der nicht fassbar war. Sollte ich, der kleine Verlierer das Glück haben, so eine Frau zu erwischen. Es war kaum fassbar. Wie ich in den nächsten Gesprächen merkte, war sie auch nicht dumm, hatte eine höhere Schule besucht. Man konnte gut mit ihr reden. Offen reden und sprechen. Und zum ersten Mal sprach ich auch über Gefühle. Offenbarte mich und sie zeigte Verständnis. Nutzte es nicht aus und manchmal hatte ich das Gefühl, sie würde mich trotz ihrer Sanftheit sogar beschützen. Auf ihre Art. Ich strich ihr oft leicht übers Gesicht, wie ein Windhauch der sanft das Gesicht berührt. Wie ein warmer Sommerwind. Und sie lächelte leicht und sah mir tief in die Augen. Und ich war gefangen. Meine Lippen berührten ihre Lippen und verschmolzen zu einem Gefühl Es war nicht zu beschreiben. Die Umwelt verschwand und wir waren eins in diesem Universum. Ganz alleine. Weit weg, weit außerhalb der Zeit. In der Ewigkeit für immer. Verloren und ineinander verschlungen, sich nie mehr loslassend.

Am liebsten hatte sie es, wenn ich sie an ihren Ohrläppchen knabberte. Leicht, verspielt, ein bisschen zupfend. Und wenn ich ihr kleine Nettigkeiten ins Ohr flüsterte. Ich glaube, das gefiel ihr. Natürlich sind das alles nur Erinnerungen, und ob es ihr wirklich gefiel. Wer kennt die Frauen?

Die Tage und Wochen vergingen. Die Nächte würden länger und unsere Beziehung wuchs. Vom kühlen oft auch noch warmen Herbst wechselte es zu den kalten Monaten. Die Kälte war an den Tagen und in den Nächten zu spüren. Doch ich spürte nichts. Ich hatte die Wärme gepachtet. In Form von ihr, meiner Gypsy. Sie war der Mittelpunkt meines Seins. Das erträumte Wesen, die mich betörte und erregte.

Ich erinnere mich an einen Abend im November. Wir saßen in meiner Wohnung, unterhielten uns, tauschten Zärtlichkeiten aus und hörten Musik. Dann ging ich kurz raus um Zigaretten zu holen. Hinaus in die Kälte und eilig hastend zum Automaten um eine Schachtel zu holen. Und als ich auf dem Rückweg war, überkam es mich. Ich blieb vorm Haus stehen. Die Nacht war eisig kalt. Ich mummelte mich in meine Jacke ein. Die Hände tief in die Taschen vergraben. Ein eisiger Wind wehte. Der Geruch von Schnee lag in der Luft. Die Straße war leer. Vollkommen leergefegt. Nur ein paar Autos, die brummelnd vorbeifuhren. Ein paar Straßenlaternen. Und dort vorm Haus, so wie ich stand, da sah ich hoch und sah Licht hinter den Rollläden. Alles dunkel, nur dort oben brannte ein helles Licht. Und ich wusste dort oben saß jemand, jemand der mich liebte und mochte und denn ich liebte und mochte. Denn ich begehrte, wie ich noch nie eine begehrt hatte. Da oben war Wärme und Geborgenheit, ein himmlischen sanftes Lächeln, ein wunderschöner Körper und die pure Lebensfreude, die pralle Lebensfreude, wenn ich mit ihr Liebe machte. Ein Vulkan, der nie erlischt, nur kurz ausruhte und erneut ausbrach. Ein Leben lang war ich unterwegs gewesen, immer auf der Suche und nun war ich zu Hause angekommen. Endlich hatte ich den Endpunkt erreicht. Damals dachte ich, ich könnte mich zur Ruhe setzen. Wie dumm doch, aber wie oft sollte mir das noch passieren. Es ist doch immer das gleiche Spiel. Eine Frau, Liebe, Gefühle und man ist gefangen und später denkt man melancholisch zurück. Und immer erklingt erneut ein Lied in mir. ”Gypsy” von Fleetwood Mac, unser Lied. In der Disco gespielt, wenn wir tanzten. Ich habe es ihr als Platte geschenkt, da sie nie wusste, wer es spielte. Ich betrieb das reinste Versteckspiel, bis ich die Platte gefunden hatte, und ihr schenken konnte.

Und dieses Lied war wie sie. Der Rhythmus, die Art des Gesangs, das war sie. Der Text, ich weiß es nicht. Sie war eine Zigeunerin. Ungebunden und lebenshungrig. Während ich besessen hinter ihr her war. War sie sich unsicher. Das merkte ich nicht. Später erfuhr ich es. Zu spät. Als sie sich für mich entschieden hatte, zu meinen Gunsten, merkte ich es nicht, machte eine kleine Dummheit und es war verscherzt. Sie kehrte mir den Rücken, stolz und verließ mich. Für immer. Ging wie sie gekommen war. Und all meine Versuche sie daran zu hindern, waren vergeblich.

Die Wärme und das Glück hatten mich verlassen und ich war wieder ein kleiner winziger Verlierer in der großen kalten Welt.

Aber dazu später. Jetzt war alles noch voller Sinnlichkeit und Erotik. Ich liebte sie mit ganzen Herzen. Sie sagte, sie müßte mich erst genauer kennen lernen. Ich wollte nicht warten, ich wollte sie jetzt sofort. Ich wollte alles und immer wieder. Unersättlich. Ihren Körper fühlen, berühren. Eindringen. Tief. Und dann befriedigt herniedersinken. Die weiche Haut berühren und mit meinen Fingerkuppen ertasten. Jede kleine Rundung ihres Körpers ertasten und erfühlen. Ihre Brüste waren groß und es machte Spaß, sie zu umfassen und die Knospen ihrer Brüste zu streicheln und zu sehen, wie sie sich aufrichteten. Sie mit den Lippen zu kosen und mit der Zunge zu berühren. Das Gefühl, wenn ihre Hand mein Glied umfasste und sie mir seligen Wonnen verschaffte.

Wenn unser kleines Liebesspiel vorbei war, lagen wir oft zusammen und unterhielten uns. Sie erzählte von ihrem Freund. Sie hatte einen. Jedoch wäre diese Freundschaft nicht mehr richtig, da er sie schlecht behandeln würde. Er schlug sie nicht, nein. Sie meinte damit, er tat so, als ob sie nicht existierte. Er nahm sie nicht ernst. Seine Freunde waren ihm wichtiger als sie. Und trotzdem hing sie noch an ihm. Sie wollte ihm helfen. Sie kämpfte immer noch um seine Liebe. Und ich, mich traf das, den ich wollte sie, ich wollte sie ganz, mir war es recht, wenn er sie so behandelte. Denn dann hatte ich sie. Und trotzdem durfte ich das nie sagen.

Ich war glücklich in den Stunden mit ihr. Den gemeinsamen Abenden und den gemeinsamen Unternehmungen. Und Weihnachten kam es zur Entscheidung. Sie hatte sich entschieden, endlich entschieden. Und sie hatte sich für mich entschieden. Endlich ließ sie ihren Freund fallen, und ich wusste es nicht, ich spürte es nicht. Ich war wie immer dumm. Als sie kam, war ich nicht gut drauf. Einsam. Depressiv. War überrascht, als sie kam. Konnte nicht so wie ich wollte. War sehr abwehrend und ungeduldig, obwohl sie drängelte. Sie wollten mit mir schlafen. Endgültig, wollte mir ihre Liebe beweisen, wollte deutlich zeigen daß sie zu mir gehörte, für immer. Und ich, ich stieß sie von mir. Noch heute verstehe ich mich nicht. Hab überlegt und überlegt. Was war mein Fehler, warum hab ich so gehandelt. Es war kein böses Abwehren, es war ein sanftes sich hinauswinden, da ich an diesem unglückseligen Tag einfach Ruhe wollte und gar nicht richtig begriff, um was es ging. Und die Ruhe hatte ich dann, für immer. Sie verließ mich. Sie ging ohne große Worte. Sah mich nur aus ihren wunderschönen Augen an. Wie immer ging sie, vielleicht ein bisschen nachdenklicher als sonst. Sie hatte schon beschlossen mich zu verlassen. Und sie hat mich auch verlassen. Die Wärme und die Liebe verließen mich. Tage später und Wochen später versuchte ich es immer wieder, bis ich merkte, es war aus. Ich verstand es nicht und verstehe es auch heute noch nicht. Wie mit einem Stachel im Herzen, der nicht herausgeht, so fühlte ich mich. Ein Stück in mir zerbrach. Der Glaube an die große, intensive und allumfassende Liebe war verloren. Es hat lang gedauert diesmal, bis ich alles vergaß und es ward nichts mehr so wie früher. Sie war verschwunden und sie hatte ein Stück von mir mitgenommen. Sie hat geheiratet und wer weiß, was aus ihr wurde und ob sie auch noch an mich denkt. Ich glaube nicht. Ich muss oft! an sie denken und, wenn ich das Lied “Gypsy” höre, oft noch mehr. Kleiner Engel der Nacht, der mir hat die Liebe gebracht. Kleine Zigeunerin mit deinen sanften Augen und deinen wehenden dichtgelockten Haaren. Du bist wie ich alt und grau geworden. Das Leben wollte nicht, das wir zusammenkommen, obwohl es das Richtige gewesen wäre. Aber ich, ich werde immer an den kurzen Zeitraum unseres Zusammentreffens denken. Es war wie wenn sich zwei weit entfernte Satelliten zufällig im Weltraum begegnen würden, die zusammengehören. Und in meinen einsamen Nächten spüre ich dich neben mir und in der Stille auf den Berggipfeln höre ich dich.

 

Lebewohl, Gypsy.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Michael Fellner).
Der Beitrag wurde von Michael Fellner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

flüchtige Schatten im Winter von Franz Preitler



Kurzgeschichten einer stürmischen Zeit
136 Seiten, 1 Abb. Kurzgeschichten beruhend auf Träumereien und Wahrheit.
Mit Zeichnungen aus Tusche.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Erinnerungen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Michael Fellner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Alles nur Zufall...? von Mirjam Horat (Erinnerungen)
Mama ...Lupus...autobiographisch... von Rüdiger Nazar (Sonstige)