Helga Moosmang-Felkel

Maurice Kap 7

Die Hexenkatze

 

Die rotbraune Katze warf ihnen aus ihren goldfarbenen Augen einen schrägen Blick zu und sagte von oben herab: „Ich bin Isis,...ich denke, damit ist alles klar zwischen uns...“ Missy kicherte frech: „Ich bin Missy,...wenn du weißt was ich meine...“ „Keine Ahnung mal wieder, was...“, schnappte die Katze mit den Segelohren. „Ihr habt vergessen, dass wir von den Sternen stammen,...könnt euch allesamt nicht an eure ägyptischen Namen erinnern,...seid untergegangen in dieser grauen Müll- und Dosenzivilisation...“ Sie reckte ihren Kopf noch höher. „Das, woran man sich erinnert, lebt...Osiris atmet in Ägypten...“ „Was haben die heute alle mit Ägypten...?“ fragte Maurice Pierre leise. Pierre sah ihn ratlos an. „Ägypten ist in,...das ist ein neuer Modetrend,... die Katzenmagie Ägyptens...“, kicherte Missy, „aber das ist noch nicht bis zu euch an den Fluss durch gedrungen..., ihr lebt dort wie hinter dem Mond...“ „Die Augen einer ägyptischen Katze haben die Farbe von gelbem Jaspis,..., sie trinkt nur Quellwasser und vermeidet Dosenfutter,...“ dozierte Isis. „Schon mal von den Pyramiden gehört,...von der schwarzen und der roten Erde..., dem Falken begegnet...“ „Hör mal, Isis...“, unterbrach Maurice ärgerlich den Redestrom der rotbraunen Katze, „kannst du uns nun sagen, wie wir Fleur wieder finden können oder nicht?“ Isis sah herablassend auf ihn hinunter. „Sind eure eigenen Augen nicht scharf genug,...zu sehen, was ihr sehen wollt?“ fragte sie, „ ihr müsst euch schon selbst um eine Vision bemühen....“ „Was willst du damit sagen...?“ fragte Maurice, der immer ungehaltener wurde. Isis blieb stehen und blickte zum Mond hinauf, der voll und schwer wie eine Melone am Himmel hing. Ihre Augen verschleierten sich: „ Himmel und Erde sind lange Träume..., Dunkelheit weicht dem Licht, Verwirrung der Klarheit..., ich bin Gedanke, Schatten, Knochen,...“ Missy kicherte leise vor sich hin. Isis warf ihr einen vernichtenden Blick zu und sagte scharf: „Was macht es also schon, wenn eine Katze ins Schattenreich wechselt?“ „Ich glaube, die hat sie nicht alle...“, wisperte Missy, „vielleicht sollten wir uns lieber abseilen...,“ Pierre nickte eifrig. Nur Maurice zögerte. Er hoffte immer noch, von Isis etwas über Fleur zu erfahren. Isis lief weiter in einem höllischen Tempo vorneweg.. Doch nach einigen Metern drehte sie sich um und lachte schallend: „Ihr wollt doch nicht etwa kneifen?...Seid ihr so verweichlicht vom Dosenfutter,...gesichtslose Katzen der Betonwüsten...?“ Maurice schnaufte empört: „Wir leben am Fluss, wir fressen keine Dosen...“

Pierre fiel immer weiter zurück. Ihm war die Isis überhaupt nicht geheuer. „Nun komm schon, Pierre...“, rief Missy, die ihre Neugierde vorwärts trieb. „Ich will in nichts hineingeraten...“, sagte Pierre, „ich habe nichts mit Ägypten zu tun..., und weißt du, Missy...eigentlich will ich damit auch gar nichts zu tun haben...“

Sie bogen in eine stille Straße ein und endlich blieb Isis vor einem vornehmen Haus, das in einem großen Park lag, stehen. Sie zeigte auf ein Loch in der immergrünen Hecke und sagte: „Von jetzt an bewegt ihr euch möglichst lautlos..., ich will keinen Ärger...“ Nacheinander kletterten sie vorsichtig durch das Gebüsch und schlüpften hinter Isis in einen dunklen Garten, der verwildert wirkte. Sie streiften Brennnesseln, die viel höhre waren als sie selbst. „Passt auf, sonst beißen euch meine sieben Skorpione...“, sagte Isis mit gedämpfter Stimme. Pierre fuhr zurück. Isis hielt mühsam ihr Lachen zurück. „Du bist vielleicht schreckhaft,...ein richtiger Puppenkater...was.“, sagte sie zu Pierre. Empört wollte Pierre sie anfauchen, doch es kam nur ein leises Quietschen heraus.

Sie duckten sich unter den hell erleuchteten Fenstern der Villa durch und Isis führte sie an einer Steinstatue vorbei in den hinteren Teil des Gartens. Hinter einem alten schwarzen Schuppen, wo viele Unkräuter wuchsen, hielt sie an. Sie setzte sich auf ihre Hinterbeine und richtete sich steil auf, dann sah sie wieder zum Mond hinauf und begann zu sprechen: „Möge das goldene Auge Ras uns durchdringen,...wenn wir von dem heiligen Katzenkraut fressen..., er wird uns in das blaue Ei der Welt betten, wir werden das Licht kauen, und das Parfüm der goldenen Blume atmen...“ Maurice räusperte sich und unterbrach Isis’ Monolog: „Eigentlich bin ich wegen Fleur hier...“ „Pssst...., sei leise...“, fuhr Isis ihn an, „ein Ritual darf man nicht einfach unterbrechen...“ Sie begann erneut: „Ich bin ein Tempel Ras...Ra ist das Feuer, mögen wir den Traum im Katzenkraut finden...“

Pierre presste fest den Mund zu. „Ich werde hier nichts fressen...“, murrte er leise, „da sind mir Thunfischdosen allemal lieber...“

Isis umkreiste eine Pflanze mit langem Stängel und fleischigen, fetten Blättern. Dann sagte sie in ihrer normalen Stimme: „Diese hier ist genau richtig, jung, zart und feucht,...sie wird euch Visionen schenken...“ Maurice näherte sich vorsichtig der Pflanze und roch an ihr herum. „Sie riecht merkwürdig...“, sagte er zu Pierre und Missy, „aber nicht schlecht,...“ Missy sprang herbei. „Ich probiere ein bisschen,...ich will wissen wie sie schmeckt...“, sagte sie in ihrer forschen Art. Sie nahm ein großes, fleischiges Blatt in den Mund und biss hinein. Pierre starrte sie fassungslos an, als sie mit vollem Mund zu kauen begann. „Viele Kräuter sind gefährlich, sie können eine Katze sehr krank machen...“, sagte er missbilligend. Isis saß schweigend da und starrte in den Mond, als sei sie dort zuhause. Missy rief: „Es schmeckt gut,...besser als Gras,...ihr solltet es probieren...“ Sie fraß bereits ein zweites Blatt und es schien ihr nicht zu schaden. Schnell rupfte Maurice mehrere Blätter aus und schlang sie hinunter. Er beobachtete, wie sich Missy genüsslich reckte und streckte. Die Blätter hatten einen bitteren Nachgeschmack und seine Zunge fühlte sich taub an. Alles um ihn herum schien wegzurücken und der Himmel schien höher als jemals zuvor. Die Nacht rauschte um ihn herum und plötzlich glaubte Maurice, die Sprache der Bäume verstehen zu können. Die Blätter sangen und die alte Rinde der Stämme ächzte. Alles wurde Musik.

Wie aus weiter Ferne nahm er wahr, dass Missy zu kichern begann. Sie lachte und wälzte sich am Boden herum, als wäre sie plötzlich rollig geworden. Sie sprang auf und ließ sich wieder ins Gras fallen, dann raste sie auf Pierre zu und boxte ihn mit dem Vorderpfoten. „Was bist du denn für eine komische Katze...“, schrie sie und lache so laut über Pierre, dass der sich beleidigt abwandte. „Was hast du denn für ein dickes Fell, das ist ja ein richtiger Teppich...“, schrie sie und johlte herum. Maurice beobachtete, wie sie Pierre lachend verfolgte und hinter ihm herjagte.

Doch plötzlich tanzten rot glühende Schmetterlinge vor seinen Augen. Sie umkreisten ihn und berührten sein schwarzes Fell. Überall, wo sie landeten, hinterließen sie Brandflecken. Maurice wurde plötzlich schlecht. Immer mehr Schmetterlinge tauchten aus dem Nichts auf und plötzlich sah er wieder das Katzengesicht des bösen Mädchens, das ihm die Zunge herausstreckte. Er sah die weiße Villa am Moorteich und Tausende von Schmetterlingen, die auf ihr Platz nahmen und sie entzündeten. Eine gewaltige Stichflamme barst vor seinen Augen und er begann hilflos zu schreien. Er hörte sich selbst durch die Nacht schreien und die Flammen schienen an seinem Fell zu lecken. Plötzlich rissen die Bilder ab und das glühende Rot wurde schwächer und schwächer und sein fliegender Atem begann, sich zu beruhigen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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