Julia Reime

Bienen stechen und Schmetterlinge brechen

Alles begann damit, dass ich mit drei Jahren von einer Biene gestochen wurde. Es war Sommer und die Sonne schien auf unseren kleinen Garten hinab. Alles blühte und summte und ich versuchte den Unterschied zwischen einer Biene und einem Schmetterling zu verstehen. Die Wiese leuchtete in den schönsten Farben. Mit dem Kescher ausgerüstet machte ich mich auf die jagt, um allerlei Gebrumm und Geflatter einzufangen. Schmetterlinge flatterten unter den zuckerwatteartigen Wolken vorbei und ich sprang so hoch ich konnte, um wenigsten einen von ihnen zu erwischen. Ich weiß noch, dass ich leichtfüßig und völlig frei über den Hof lief. Damals störte es mich noch nicht, dass Hummeln, Bienen und Wespen über meinen Kopf herumschwirrten und in unmittelbarer Nähe von Blume zu Blume tanzten. Das alles änderte sich, als ich etwas Besonderes gefangen hatte. Eine Biene! Von goldgelben und schwarzen Balken umringt bewunderte ich meine Errungenschaft. Stolz bückte ich mich und schloss die kleine Biene in meinen ebenfalls kleinen Händen ein. Daraufhin schritt ich selbstbewusst ins Haus, um meiner Familie zu zeigen, was ich Tolles gefangen hatte, als mich plötzlich ein stechender Schmerz durchfuhr und ich das kleine Insekt augenblicklich fallen ließ. Das war der Moment, in dem ich lernte, dass nicht alles, was schön aussieht, angefasst werden möchte. Natürlich habe ich geheult, unter Gejaule ließ ich meine Hand verarzten und dicke Tränen liefen mir die Wange hinunter. Ich weiß nicht mehr genau, was meine Mutter zu mir sagte. Wahrscheinlich so etwas wie: „Du musst aufpassen, Julia!“ „Du kannst nicht alles anfassen, was draußen ist.“ „Bienen stechen.“ Jap, das hatte ich nun auch gelernt. Von nun an beobachtete ich sie nur und zuckte hin und wieder zurück, wenn das Summen einen kleinen Brummer ankündigte. Manchmal kommt die Erinnerung an den Schmerz wieder auf und ich frage mich, was wäre wohl gewesen, wäre ich nie gestochen worden. Vielleicht hätte ich nie vor Bienen Angst gehabt, aber vielleicht hätte ich auch nie aufgehört, Schmetterlinge zu fangen.
Auch wenn der Schmerz wehtut, denke ich mir, zeigt dieser uns manchmal Perspektiven auf, die wir anders nie gesehen hätten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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