Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 6

Unten im „Moulin Rouge“ herrschte nun Hochbetrieb. Immer mehr Gäste drängten in die Bar mit dem rubinroten Licht. Die Musik wurde immer ekstatischer. Eine Frau sang mit einer Stimme, in der Sehnsucht bebte. Nirgends entdeckte Blue eine Spur von Omar, Mona und Mitsou. Sie drückte sich um die Ecke in den Hinterhof. Dort hörte sie ein leises Rascheln hinter einem Holzstapel und ein hohes Weinen, das ihr in die Eingeweide schnitt. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Sie befürchtete, dass die kleine Mona verletzt war. Sie wuchs ihr langsam zu sehr ans Herz. Der Mond am Himmel schien über der Turmspitze des Doms zu zucken. Auf einem Baum leuchteten in gleichmäßigem Schwarz mehrere Krähenvögel. Weiter hinten, wo sich der Hinterhof in totaler Finsternis verengte, nahm sie den runden Körper Omars wahr. Ein Mondstrahl fiel von unten auf seine Schnurrbarthaare. Mit einem kühnen Satz sprang Blue neben ihm. Sie prallte gegen die kleine Mona und atmete erleichtert auf. Hinter dem Holzstapel kauerte Mitsou und weinte. „Ich habe sie gefunden,…ich allein habe sie gefunden…“, schrie die kleine Mona aufgeregt und huschte hin und her. Mitsous Fell war struppig und verklebt. Sie wirkte verwahrlost und noch schmächtiger als gewöhnlich. „Was ist denn los mit ihr?“ fragte Blue. Omar zuckte die Achseln. „Sie will uns nichts erzählen, ich glaube, sie schämt sich…, und daran tut sie gut…“, sagte er und ließ seine hubbelige Unterlippe herunterhängen. Wieder raschelte es und Mona raste hinter einer Maus her, die durch den Hinterhof flog. Blue zwängte sich hinter die Holzbretter und sah, dass aus Mitsous Augen Tränen tropften. „Bist du so traurig wegen Philippine?“ fragte Blue ein wenig hilflos. Mona tanzte auf ihren Hinterpfoten hinter der Maus her, sie ruderte und peitschte mit dem Schwanz, dann wieder machte sie lange Sätze. Trotz der weinenden Mitsou musste Blue unwillkürlich lächeln, als sie der wilden Jagd zusah.

Sie hätte gerne mitgemacht, sehnsüchtig sah sie nach dem Mond. Plötzlich begann Mitsou abgehackt zu reden: „Es ist wegen Ralf…“, schluchzte sie. „Er will mich nicht mehr sehen, er hat mich aus seinem Loft geschmissen…, er hat mich sogar beschimpft, eine ekelhafte, verlauste Pisskatze hat er mich genannt,…“ Blue fehlten die Worte. Sie schwieg betroffen. Sie dachte an die kleine Mona und ihre Schwärmerei für Robby und fragte sich, warum so viele Katzendamen sich an die unmöglichsten Kater hingen. Die Maus raste in einer Kurve vorbei und das Geraschel steigerte sich zu einem Pfeifton. Dann wurde sie plötzlich langsamer und kam fast zum Stillstand. Mona war direkt über ihr. Der dreieckige Kopf der Maus zuckte unter Monas Augen. Blitzschnell schlug Mona mit der Pfote zu. Ihre Krallen waren ausgestreckt. Sie schnellte mit dem Kopf nach vorne und versetzte ihr den Tötungsbiss. Mitsou jammerte wieder lauter. „Ralf hat einen lausigen Ruf…, warum hast du dich mit ihm eingelassen…“, sagte Blue und konnte einen vorwurfsvollen Ton nicht unterdrücken. Mona schleifte ihre Maus triumphierend hinter die Tonne, wo sie sie genüsslich zu verspeisen begann. Omar, der immer hungrig war, verzog sich auch hinter die Tonnen. „Er erzählt überall herum, dass ich stinke, dass ich mich zu Sooty in ihr Dreckloch verziehen soll,…und dass Philippine und ich Gesindel sind…, das man meiden soll…ich kann mich nirgends mehr blicken lassen…, er blamiert mich bis auf die Knochen…“ „Wir sollten ihm eine gehörige Abreibung verpassen…, er hat es mehr als verdient…“, hörte Blue sich zu ihrer eigenen Überraschung sagen. Sie staunte über ihre eigene Kühnheit. Dann erinnerte sie sich, dass es Sooty im Schuppen gelungen war, ihm eins auf die Nase zu geben. Mitsou jammerte immer weiter: „Er sagt, Philippine und ich heben für jeden den Rock, und ich hätte schon schmutzige Streifen, gelber Rauch klebt in meinem Fell…“ „Mitsou, das Gejammer nützt nichts…, komm erst mal raus und putze dich, dann stinkst du nicht…“, sagte Blue energisch. „Du musst dich zusammenreißen, ihm was entgegensetzen…, du darfst dich nicht für ihn bücken…“, fuhr sie fort. „Du hast leicht reden,…dich lässt er ja in Ruhe…“ klagte Mitsou. Blue war nahe daran, einen Wutausbruch zu bekommen. Sie fuhr mit der Pfote zwischen die aufgeschichteten Hölzer und verpasste der verblüfften Mitsou zwei Ohrfeigen. „Warum schlägst du mich…?“ fragte Mitsou verblüfft und miaute kläglich. „Damit du endlich aufwachst…, bring dich in Form, wir werden ihm zusammen mit Ebony eine Lektion erteilen, die er nicht so leicht vergisst…“, sagte Blue ärgerlich. Mona und Omar tauchten wieder auf, sie hatten die Maus zusammen runtergeschlungen. Sie spielten Fußball mit einer leeren Colaflasche. Omar keuchte beim Laufen. Mitsou kroch langsam hinter dem Holzstapel hervor. Sie druckste herum und maulte vor sich hin. Dann streckte sie ihren schmächtigen Körper. Es passte ihr nicht, so von Blue behandelt zu werden, aber sie wagte auch nicht, sich zu widersetzen. „Komm, gehen wir zusammen zum Brunnen, am Marktplatz,…der Fischhändler legt immer Reste für mich hin…, und Mona wohnt dort gleich um die Ecke…“. Blue blickte warnend zu Mona hinüber. „Och, ich möchte nicht nach Hause, bei euch ist es viel lustiger…“, maunzte die kleine Mona.

 

Der Marktplatz mit dem Kopfsteinpflaster lag erhellt von mehreren bläulichen Straßenlaternen verlassen vor ihnen. Blue fand am Fischstand köstliche Reste von Lachs und den Kopf einer Makrele. Heißhungrig fielen sie über die Reste her. Mitsou hatte aufgehört, zu jammern. Nur aus einem einzelnen Fenster fiel gelbes Licht und beleuchtete die Drachenreklame eines Chinarestaurants. Blue fraß und in ihrem Bauch wurde es warm. Der Mond glitzerte auf dem Platz wie silberner Schleim. Der rötliche Drache schien sich zu winden. Plötzlich bog ein Kater vorsichtig um die Ecke uns starrte zu ihnen hinüber. Blue erkannte Said und Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch herum. Sie erinnerte sich an ihren Streit, doch es war zu spät, um abzuhauen. Er kam direkt auf sie zu. Das silberne Fell sah frisch gekämmt und edel aus und er bewegte sich sehr würdevoll. „Hallo Blue…“, sagte er leise und stellte seinen Schwanz auf. Bevor sie ausweichen konnte, rieb er seinen Kopf an ihrem Fell. „Es tut mir leid, dass wir uns gestritten haben…, du fehlst mir…“, sagte er schlicht. Er schleckte über Blues Ohren und über ihr weiches Fell. Einen Augenblick lang dachte Blue an Robbys Gemeinheiten und wollte ihn abwehren. Aber Said roch wunderbar nach reifen Datteln und Zimt und seine Zunge leckte über die Linie ihres Rückens. „Ich möchte dich mitnehmen in den Trödelladen, heute gibt es Milchreis mit Doppelsahne…“, sagte er und lachte leise. Auf dem kurzen, steilen Weg dorthin, benahm sich der sonst so ruhige Said wie ein liebestrunkener Kater. Er markierte an jeder Treppenstufe sein Revier und sprang an den kleinen verkrüppelten Bäumen hoch, um seine Kratzspuren zu hinterlassen. Zwischendurch leckte er sie immer wieder hinter den Ohren und schnurrte unentwegt. Sein silbergraues Fell glitzerte im seidigen Mondlicht.

 

Sie schlüpften in den Trödelladen, der im fahlen Dämmerlicht lag. Eine riesige Buddhafigur saß schweigend an der hinteren Wand und lächelte unergründlich. Es duftete nach Sandelholz und Safran.

Während sie Seite an Seite durch den Laden streiften, begann die Zeit träge dahin zu fließen. Sie naschten von dem sahnigen Milchreis und kuschelten sich zusammen auf die weichen Kissen. Said knabberte an Blues Krallen und wärmte sie ununterbrochen. Den Hals vorgestreckt, mit einem Lachen in den Winkeln ihrer schmalen Augen streckte sich Blue genussvoll ihm entgegen. Sie blinzelte Said zu. An dem dunkelroten Kissen klingelten kleine Glöckchen und der Mond leuchtete in einem tiefen Orange auf ihr Liebesspiel. Fasziniert betrachtete Blue das äußerst dichte und gleichmäßige Fell Saids und seine majestätische Erscheinung mit den umwerfend großen blassblauen Augen, die er nun ständig auf sie gerichtet hielt. Sie erwiderte seinen tiefen Blick und ihr Herz begann zu rasen. Sie hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Ein Wohlgefühl durchflutete Blue, das sie nie zuvor bei einem anderen Kater verspürt hatte. „Willst du die Liebe kennenlernen?“ fragte Said und blinkte einmal mit seinen Augenlidern. Und plötzlich fand Blue zu der alten Selbstsicherheit zurück, mit der sie sonst den Katern in der Altstadt begegnete. Sie begann wie ein Täubchen zu gurren und steigerte das Gurren zu langgezogenen Schreien. Sie begann sich hin und her zu rollen. Ihr Kopf zuckte hoch. Sie blinzelte Said zu und stieß wieder eine Klangkaskade aus. Kurz verstummte sie, dann begann sie von Neuem ihr uraltes Lied zu singen. Eigenartige Töne der Sehnsucht hoben ihre Brust und sie begriff, dass das das Lied aller Katzen und zugleich ihr ureigenstes war. Die Liebe sang sie und sie sang die Liebe. Zwischen die einzelnen Töne fiel ein tiefes Schweigen, in dem man nur ihren Atem hörte. Dann schnurrte Said. Er war aufgeregt und näherte sich Blue auf durch gestreckten Beinen. Er leckte über das weiche, weiße Fell an ihrem Bauch. Mit einem Sprung war er über ihr. Doch Blue war noch lange nicht bereit. Eine uralte Macht hatte sie ergriffen. Sie rollte und rief, schnurrte und schrie und immer wieder stimmte sie ihr Lied ein, ihre einzigartige Liebesfuge. Fasziniert starrte Said sie an. Blue war die Herrin der Situation und sie genoss es wie eine junge Königin. Allein sie würde entscheiden, wann Said sich ihr nähern durfte. Unter seinem Fell hatte Said jeden Muskel angespannt. Mit einem kühnen Satz sprang er auf Blue. Doch sie lachte gurrend und stieß ihn fort. Mit einer schnellen Drehung war sie auf den Beinen und sträubte spielerisch die Nackenhaare. Kurz sah sie aus dem Fenster und kratzte mit den Pfoten über das rote Liebeskissen. Sofort näherte sich Said ihr vorsichtig von der anderen Seite. Als sie den Kopf wieder in seine Richtung wendete, erstarrte er und blieb völlig reglos sitzen wie ein Standbild. Jedes mal wenn sie wegsah, rückte er ihr auf diese magische Weise unmerklich näher, Zentimeter für Zentimeter. Sobald er unmittelbar hinter ihr war, begrüßte er sie mit einem leisen Zirpen. Er leckte ihre empfindliche Stelle direkt zwischen den Augen. Blue gab das Zischen und Fauchen auf. Plötzlich nahm Said ihr Genick fest zwischen seine Zähne und trat über sie. Blue machte sich ganz flach und hob ihm ihr Hinterteil entgegen und schwang ihren buschigen Schwanz zur Seite. Sie ergab sich seiner sanften Kraft. Schrille, ekstatische Schreie begleiteten ihr Liebesspiel. Eng aneinander geschmiegt durchwachten die beiden die Nacht und leckten sich versonnen gegenseitig das Fell. Sie liebkosten sich ununterbrochen und mehr als einmal war Blue nahe davor, Said von dem geheimnisvollen Ort in ihren Träumen zu erzählen. Aber sie zögerte. Sie fürchtete immer noch seinen und Robbys Spott. Manchmal döste Blue ein wenig vor sich hin und durchwanderte mit einer Leichtigkeit, als könnte sie fliegen, wieder den Wald der riesigen Bäume. Mit federnden Schritten lief sie halb träumend, halb wachend einen steinigen Pfad unter dem rot flammenden Dach der Ahornbäume entlang. Der schmaler werdende Pfad verlief sich in ein enges Tal zwischen himbeerroten Felswänden. Sie folgte dem Verlauf eines kristallklaren Flusses und ihre Seele jubelte. Der Fluss schäumte über Geröllbänke und wurde immer wilder. Mit weit aufgerissenen Pupillen starrte Blue in einen tosenden Wasserfall. Das Wasser stürzte über steile Stufen herab und explodierte metallisch aufglänzend im Flussbett. Der Himmel war plötzlich unsichtbar, es war dämmrig wie in einer Höhle und dennoch glitt Licht überall hindurch, traf blendend wie ein scharfer Blitz ihre Augen, durchdrang das Unterholz, funkelte im Dickicht auf. Halb erwacht fühlte sie, dass Said sich wieder an ihrem Fell rieb, das elektrische Funken versprühte. Tief nahm sie seinen Körperduft nach Datteln und Honig in sich auf, um ihn nie mehr zu vergessen. Said sah sie an, seine langen Backenhaare entspannt nach unten gewinkelt als würde er immerzu lächeln.

 

Sie vertrödelten zusammen den Tag in dem dämmrigen, kleinen Laden. Sie lachten zusammen, neckten sich und träumten. „Hast du dich an Persien erinnern können, Said…?“ fragte Blue, um ihn zu necken. Said biss sie zärtlich in ihr linkes Ohr und sagte: „Du wirst es nicht glauben, aber kürzlich hatte ich im Rosengarten eine Art Traum…“ Blue stellte ihren Schwanz steil auf. Sie horchte auf, gespannt wartete sie auf Saids Bericht. „Hast du von einem Wald geträumt, so groß und weit wie die Kathedrale des Doms…?“ fragte sie wie aus der Pistole geschossen. Said schüttelte den Kopf: „Nein,…ich sog den Duft der Rosen ein, bis mir fast schwindlig wurde und dann sah ich plötzlich einen großen Garten, …mit überquellenden Terrassenbecken. Dort wuchsen Tamarindenbüsche, Hibiskus- und Jasminsträucher, die mild dufteten. Ein Pfau schlug ein Rad. Fontänen sprudelten und im Dunst der Wasserspiele erblickte ich einen blau-goldenen Palast mit einem Kuppeldach. Prinzessinnen spazierten durch den Garten mit goldenen Armreifen und Fächern aus Pfauenfedern. Eine sanfte Flötenmusik hüllte alles in lavendelfarbenes Licht. Gazellen sprangen. Ein sanfter Wind streifte mein Fell und die Bilder verwehten. Ich lag immer noch unter dem Rosenstrauch…“ Said stockte und sah Blue erwartungsvoll an. Blue schwieg. Sie war insgeheim enttäuscht, dass Said nicht ihren Ort gesehen hatte, der ihr soviel wilder und schöner erschien als dieser gepflegte Palastgarten. Sie brach in ein Lachen aus, das eine Spur gekünstelt klang. Dann streckte sie sich geschmeidig und drehte sich um ihre eigene Achse. „Haben dir meine Bilder nicht gefallen…?“ fragte Said ein wenig traurig. Er sah Blue überrascht an. „Ich habe noch mehr geträumt…“, sagte er dann mit einem kleinen, verschmitzten Lächeln. „Die Morgensonne warf ihr Gold über den Rosengarten und mein alter Herr war auch in goldgelbe Gewänder gekleidet, sogar am Finger trug er einen safranfarbenen Bernsteinring. Er lief auf einer Straße, die aussah wie mit zimtfarbenem Puderzucker bestreut. Ich folgte ihm zu einem kleinen weißen Palast zwischen Eukalyptusbäumen und Mimosenbüschen. Dort saß eine kleine schneeweiße Perserkatze auf blassblauen Damastkissen. Mit ihren bernsteinfarbenen Augen sah sie aus wie eine Elfenkatze aus 1001einer Katzennacht. Sie war federleicht und elegant wie eine Märchenprinzessin…, ihr Fell war daunenweich…“ Blue fühlte sich unbehaglich. Nicht nur, dass sie gehofft hatte, Said würde ihren Traum teilen und sie würden zusammen durch die Wälder reisen, sondern nun erzählte er auch noch von einer Perserdame. Sie fühlte Eifersucht und Wut in sich aufsteigen. Sie fühlte sich plump und schwer. Ihr wildfarbenes graublaues Fell mit schwarzer Zeichnung erschien ihr wie der Gipfel der Gewöhnlichkeit. Seine Träume waren ihr zu süß, erinnerten sie fast an rosafarbenen Zuckerschaum. Plötzlich erinnerte sie sich an die kurze Präsenz des hochmütigen Katers in ihrem Traum, der an einen düsteren Abenteurer erinnert hatte und doch einen dunklen, dramatischen Reiz auf sie ausgeübt hatte. Sie wollte Said nicht länger zuhören. Sie sprang auf und sagte: „Komm wir müssen los, Said, heute sind alle Katzen im „Chat Noir“,…Robby bringt Sugar dorthin…, das sollten wir nicht verpassen…“ Said zögerte. Er wand sich. Ein seltsamer Riss tat sich auf. Dann sagte er nach einem lastenden Schweigen: „Sollte ich nicht besser allein…, du weißt ja, Robby ist so eigen…, wegen der Rasse,…entschuldige bitte, Blue…“ Blue schluckte schwer. Sie glaubte, sich verhört zu haben. Sie lauschte den weitschweifigen Erklärungen Saids, die er in seinen Bart hinein murmelte. Sie stand plötzlich wie auf glühenden Kohlen. Ein Teil von ihr riet ihr, Geduld mit ihm zu haben. Doch ein anderer wilder und urtümlicher Teil wollte ihn in diesem Augenblick zerstören vor blinder Wut. Plötzlich war sie eingeschlossen in einen tiefen Schmerz. Sie fühlte sich von ihm getäuscht. Sie hatte sich ihm und seiner Liebe anvertraut. Die Liebeserklärungen der letzten Nacht schienen zu zerplatzen wie Seifenblasen. Noch einmal dachte sie, dass sie ihm vergeben sollte, weil er nicht aus dem Gefängnis seines Kopfes hinausblicken konnte. Doch gleichzeitig sprang sie auf einen kleinen Ziertisch und schleuderte wütend einen Salzstreuer zu Boden. Ihre Augen schwollen und stachen vor Tränen. Plötzlich hasste sie den Geruch nach Zimt und Datteln. Sie hasste den kühlen Marmorboden und die dunkelroten Kissen. Sie sehnte sich nach windzerzausten Büschen und raschelndem Laub und dem alles übertönendem Dröhnen des Wasserfalls. Sie wünschte das Getöse des Wassers würde ihren Schmerz betäuben. Sie spürte auf ihren Lippen den bitteren Geschmack eines Abgrunds zwischen Said und ihr. Sie hatte zu spät erkannt, dass er nicht zu ihr stand. Sie beherrschte sich mühsam und sagte leise: „Ich gehe dann eben…“ Irgendwo knallte eine Türe, alles wirkte plötzlich unecht und aufgesetzt. Sie biss sich fest auf die Lippen und hörte noch ein paar Sekunden auf die beschwichtigenden Worte, mit denen Said sie einzuhüllen versuchte. „Vielleicht können wir mit der Zeit eine Rangänderung…von dir in Gang setzen,…aber das kostet alles Zeit…“ Blue wandte sich von ihm ab und sprang mit einem kühnen Satz in die enge Gasse hinaus. Hinter sich hörte sie das schnelle Trappeln von Saids Pfoten, dann blieb er zurück. Eine große verletzte Stille umgab sie.

 

Ein sanftes Spätnachmittagslicht liebkoste Blue. Doch sie fühlte sich verloren, wie ihrer Identität beraubt. Freudlos lief sie in Richtung Marktplatz. Sie bemühte sich vergeblich, ein gefasstes Gesicht zu machen. Sie lief an der Apotheke vorbei, deren Fenster fiebrig leuchteten und folgte der Räderspur eines Milchwagens. Auf dem Marktplatz herrschte reges Treiben. Mehrere Katzen hockten am Brunnen und unterhielten sich. Sie warteten schon gespannt darauf, dass Sugar und Robby zusammen im „Chat Noir“ auftauchten. Sie zerrissen sich das Maul über Sugar und ihre Freundinnen, die Maskenkatzen. Die Maskenkatzen waren so vornehm, dass sie beim Schnurren hüstelten. Sie trugen pastellfarbene Halsbänder und fraßen Surimi und Austerngelee. Sie tranken Edelsteinwasser, in dem Rosenquarze oder Türkise schwammen und diskutierten die neuesten Massageverfahren für Katzen, wie den „Touch“ oder die Reiki. Omar hielt sich den fetten Bauch vor Lachen, während er heißhungrig Reste vom Dönerstand verschlang. „Suzette lässt sich mit violettem Licht bestrahlen…“, japste er, „und jetzt ist ihre Pisse davon lila geworden… und wenn sie einherschreitet, dann ist ihr Schatten durchsichtig, so vornehm ist sie…“ Wider Willen musste Blue lachen, doch ihre Bedrückung wollte nicht weichen. Insgeheim beneidete sie nach Saids Erzählung die Maskenkatzen um ihre hohen Backenknochen und ihr glänzendes Fell, das manchmal schimmerte, als sei es mit Goldfäden durchwirkt. Eine der Maskenkatzen, Flame, hatte ein rotes Fell, das ihren Körper umschmiegte und sich bauschte wie ein Schleier. Sie bewegte sich tänzelnd und wiegte sich in kleinen Pirouetten. Sie trug ein goldenes Halsband. Wieder brauste eine Woge von Wut durch Blues Bauch, als sie an Saids dünkelhaftes Benehmen dachte. Das Dämmerlicht senkte sich nieder, der Klang der Domglocken hallte über den Marktplatz. Blue fröstelte. „Hast du dich gut amüsiert mit Said…?“ fragte Omar. Seine Ohren zuckten und ein durchtriebenes Grinsen huschte über sein faltiges Gesicht. Einen Augenblick lang wollte Blue ihn anlügen, ihr Blick ruhte nachdenklich auf seiner massigen Gestalt. Immer noch spürte sie Saids Zärtlichkeiten wie einen warmen Hauch und sie fand nicht zu ihrer Gelassenheit zurück. Sie entdeckte Clarence mit dem leichten Silberblick, der nur in adligen Familien vorkommt und Lucy, die dicht aneinander geschmiegt an ihr vorbeistreiften wie ein Liebespaar. Ihr Anblick versetzte Blue einen Stich in der Herzgegend. Sie sah wieder zu Omar hinüber und seine vertraute, verrupfte Gestalt besänftigte ihr Gemüt. Sie sagte leise: „Er schämt sich, weil ich keiner dieser alten Rassen angehöre…“ Omar zuckte die Achseln, als hätte er nichts anderes erwartet und fast hätte Blue vor Wut geweint. Sie sah in die Ferne über die Hügel, die hinter der Stadt lagen in dem grauen, fahlen Gelb des Herbstes und wollte sich gerade davon schleichen, als die kleine Mona um die Ecke schoss und Blue überschwänglich begrüßte. Sie rieb ihren Kopf an Blues Stirn, leckte ihr die Ohren und tobte übermütig über die Pflastersteine. „Kommst du mit ins „Chat Noir“, rief sie laut, „ich bin so schon gespannt auf die blöde Sugar und die anderen Maskenkatzen…“ Blue wollte schon grob ablehnen, da meinte Omar: „Wir wollen sie mal richtig verspotten…, Blue, wenn sie in ihrer vornehmen Blässe in den Keller schreiten und ihre Pfoten staubig werden…“ Er grinste teuflisch und begann vom Brunnenrand hinunter zu wackeln. Mona schoss wie eine Rakete an ihm vorbei, drehte wieder um und raste aufs Neue voraus. Sie erreichten schnell die steile Treppe, die hinauf in den Kern der Altstadt führte. Blue zögerte noch einen Augenblick, dann schloss sie sich ihnen an. Der Wind trieb sie die Stufen hinauf, am Wirtshof „Der rote Löwe“ und mehreren Läden vorbei. Er wehte die Blätter auf. Blues Ohren klangen immer noch von Saids Worten und ihr Herz pochte schneller bei dem Gedanken, dass er auch im „Chat Noir“ sein würde.

Plötzlich stutzte Blue. Ganz oben auf der Treppe entdeckte sie einen fremden Kater. Er war von hohem Wuchs und seine Gestalt warf in der einfallenden Dämmerung einen Schatten von fast brutaler Körperlichkeit gegen die Wand. Das schwindende Licht flirrte um ihn herum. Er streckte sich und zeigte sich in seiner stolzen Größe. Er schien zu Blue hinunter zu lachen und gleichzeitig schien er bereit, jedes Hindernis, das sich ihm in den Weg stellen sollte, rücksichtslos beiseite zu stoßen. Er bewegte sich langsam und Blue bemerkte, dass er ein wenig hinkte. Er war verletzt. Plötzlich blitzten seine Augen auf. Sein in dichten Fetzen herabhängendes Fell glänzte metallisch auf. Es war von einem aschefarbenen Schwarz und wurde an den Seiten durch einen silbernen Schimmer aufgehellt. Auf seinen Wangen zeichnete sich eine dunkle Maske ab, die um die Augen herum lag. Sein Profil war abrupt und beunruhigend. Der fremde Kater straffte sich, zeigte sich noch einmal in seiner ganzen Pracht, hob stolz den Kopf und sah einen Augenblick lang fast gebieterisch zu Blue hinunter. Zwei tiefe Narben furchten sein Gesicht. Sie zogen sich über das halbe Augenlid. Einen endlosen Moment lang starrte er Blue an, dann wandte er sich um und verschwand. Die Strenge seines Blicks schüchterte Blue ein. Eine Stelle in Blues Herzen reagierte auf ihn und plötzlich erinnerte sie sich an den Kater, den sie im Traum gesehen hatte. Eine seltsame Angst griff nach ihr. Sie redete sich ein, dass sie sich das alles einbildete. Doch trotzdem fühlte Blue eine Schwäche in sich aufsteigen, eine seltsame Schwermut stieg aus dem Traum auf. In übermütigen Tanzschritten eilten mehrere Katzen, die auf dem Weg ins „Chat Noir“ waren, an ihr vorbei. In ihrer Mitte erkannte sie den gelben Kater Ralf. Mit wilden Schreien stürmte er voran. Omar erzählte ihr eine Geschichte über den Wirt des „Roten Löwen“ und die kleine Mona plapperte ununterbrochen vor Aufregung. Blue hörte nicht zu und antwortete mechanisch. Sie musste dauernd an den fremden Kater denken und war wie betäubt. Sie fühlte sich fast so, als hätte sie wieder Katzengras gefressen. Immer wieder suchte sie die Straße nach seiner Gestalt ab, drehte sich um und spähte in jeden Mauervorsprung. Als ein Schatten über sie fiel, hätte sie fast aufgeschrien. Was sie erlebte, fühlte sich unwirklich und verrückt an. Sie war einsam einem irren Traum ausgeliefert. Erst als sie sich dem „Chat Noir“ näherten, das bereits von etlichen Katzengrüppchen belagert wurde, wagte sie Omar zu fragen: „Hast du…hast du diesen großen Kater oben an der Treppe auch gesehen…?“ Fast erstarrt vor Furcht wartete sie auf seine Antwort. Omar blies mit vollen Backen in den schwarzen Staub der Straße und sagte lachend: „Was hast du denn? Du bist doch sonst nicht so ängstlich, Blue…dieser Said scheint dir wirklich nicht gut zu tun,… na ja, er drückt sich ja selbst immer nur an den Rändern herum…“ „Hast du diesen fremden Kater auch gesehen?“ fragte Blue drängend noch einmal. Sie platzte fast vor Spannung. Omar nickte: „Ich hänge ja viel draußen herum,… ich kenne ihn vom Sehen, er taucht ab und zu auf und verschwindet wieder,…er ist überall und nirgends,…man nennt ihn den Schwarzen Korsar…, niemand möchte ihm gerne unter die Krallen geraten…“ Erleichtert atmete Blue auf, er war also kein Geisterkater. „Du kennst wirklich fast alle Katzen…“, sagte Blue beeindruckt zu Omar. Doch ihre Neugier quälte sie immer noch. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich wieder: „Weißt du, wo sein Unterschlupf ist…?“ fragte sie schnell weiter und hatte das Gefühl, dass der weitere Verlauf ihres Lebens von Omars Antwort abhing. Omar schüttelte den Kopf und lachte glucksend in sich hinein: „Ich bin nicht gerade ein Langstreckenläufer… und man munkelt, dass er weit draußen hinter der Altstadt im kleinen Kiefernwäldchen lebt…, er ist ein absoluter Einzelgänger…“ Blue kannte das Kiefernwäldchen nicht. Bisher hatte sie es gemieden, weil man sich hinter vorgehaltener Pfote zuflüsterte, dass man flüsterte, dass es dort nicht ganz geheuer war. Der Gedanke, dort einfach mal herumzustreunen, drängte sich ihr nun mit Macht auf. Omar sah sie prüfend an und sagte ernst: „Blue, mit dem schwarzen Korsar scherzt man nicht,…du solltest besser nicht allein dort hingehen…“ „Ich kann ja mit…, ich gehe gerne mit…, ich möchte den schwarzen Korsar besuchen…“, rief die kleine Mona wie aus der Pistole geschossen. Blue schwieg, ihr angeborener Stolz verbot ihr, zu zeigen, wie entschlossen sie tief innen war, diesem Korsar zu begegnen. Sie versuchte sich zu konzentrieren und sagte schnell: „Ist das hier ein Gedränge, die ganze Altstadt ist versammelt, um Robby und Sugar zu bestaunen…“

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