Hannes Gerlach

Macht (lang)

Eine kalte Brise traf meine Haut, der Sims war angenehm kühl. Ich hörte die Tür, gleich danach seine nervösen Schritte.
„Bitte, komm wieder rein. Ich mache was du willst, aber komm bitte wieder rein.“
Die Aussicht aus dem 13. Stock war atemberaubend. Ich stützte meine Hände gegen den Fensterrahmen und schob mich zurück in die Wohnung.
Es war bei Weitem nicht das erste Mal und wird auch lange nicht das Letzte sein.
„Was ist passiert? Habe ich etwas falsch gemacht?“
Seine Augen zeigten Verzweiflung. Aber er wusste genauso gut wie ich, dass ich ihn fest im Griff hatte.
„Hm… du warst lange fort. Du weißt doch, dass ich es nicht lange ohne dich aushalte. Vor allem, wenn ich nicht weiß, wo du bist.“ Er hielt einen Beutel in seiner Hand.
„Ich… ich war nur Einkaufen… ich wollte dir Pancakes zum Frühstück machen.“
Er hob ihn hoch. „Siehst du, ich war nur… war nur einkaufen. Ich werde das nächste Mal schneller sein, versprochen. Aber bitte… bitte tu das nicht.“
Dieser Anblick. Eine Genugtuung in sich.
„Und du wirst Bescheid geben. Was das andere betrifft kann ich leider nichts garantieren.“
Sein Blick glitt zurück auf den Boden.

Bevor ich die Wohnung verließ rief ich nach ihm. „Wenn ich heute Abend zurückkomme möchte ich, dass du bereit bist. Nach der Arbeit sehne ich mich nach dir.“ Nach kurzem Zögern, „Muss… muss…“
„Ja, muss es.“
Seine Antwort bestand in einem Nicken. Er gab klein bei, wie jedes Mal zuvor.

Welch eindrucksvolle Gefährte Autos doch sind. Ich könnte jetzt einfach eins, zwei Meter weiter rechts fahren und einem Betroffenen würden sich nur wenige Handlungsmöglichkeiten bieten. Vorausgesetzt man bemerke den unerwarteten Spurwechsel des Fahrers auf den Fußgängerweg überhaupt, bevor man vom Stoßdämpfer erfasst würde. Würden sie in Schockstarre verfallen oder hätten sie genügend Reaktionszeit und Durchführungsvermögen, um rechtzeitig beiseite zu hechten?
Erfahren werde ich es wohl nie, aber den Finger am Abzug zu haben berauscht enorm.

Der Fahrstuhl erschien auf mein Geheiß. Amanda stand bereits darin. Sie kam aus dem 4. Untergeschoss, Parkplätze, welche für die Assistenten und Schreiberlinge der Firma ausgelegt waren.
Die Türen schlossen.
Ich packte ihren Rock und griff nach dem, was sich darunter befand.
„Dich sehe ich nachher noch im Büro.“
Sie antwortete nicht, aber sie würde kommen, denn ihr war sehr bewusst, wer beim Thema ihrer Arbeitsstelle am längeren Hebel saß.

Der Whiskey floss zeitlupenartig in das Glas, seine ölige Textur schmeichelte meinen Gaumen. Ich zündete eine Zigarette an, dann klopfte es.
„Egh… Boss, es geht um den Konkav.“
Ernie setzte eine Pause und starrte mich einen momentlang an. Obwohl er wusste, wie sehr ich das verabscheute.
„Ähh… ja also die in der 11ten haben einen… ungünstigen Artikel veröffentlicht.“
„Worum geht es?“
Er zögerte. Erneut.
„Nun ja, sie schrieben unser letzter Artikel sei menschenunwürdig, wir würden uns am Leid anderer bereichern und seien eine Beleidigung für anständigen Journalismus.“
„Wer hatte diesem Artikel das grüne Licht gegeben?“
„Ähh… Sie, Sir.“
„Das ist mir schon bewusst! Ich meine davor Dummkopf!“
„Das war Mister Carter.“
„Dabei fand ich den Artikel gar nicht mal so schrecklich“, murmelte ich.
Dann deutlich:
„In Ordnung. Ich möchte, dass sie jetzt genauestens meinen Worten folgen. Sie werden seine Kündigung drucken gehen und werden eine Stellungnahme für die morgigen Ausgabe organisieren. Schieben sie es auf ihn. Und als Konsequenz seines Handels wurde er mit sofortiger Wirkung entlassen.“
„A… Aber Sir, er hat vor kurzem erst sein zweites Kind bekommen.“
„Was geht mich das an?! Und jetzt machen sie schnell, bevor sie gleich zwei Kündigungen drucken dürfen.“
Und er kroch davon. Die kleine Kakerlake, die er war.

Eine letzte Unterschrift und der Tag ist gegessen.
Ich setzte den Stift an, dann merkte ich ein Stechen in der Brust.
Es wurde schnell stärker, wie eine große Nadel im Herzen.
Die Welt wankte und ich fiel zu Boden.
Ich sah, wie sich die Tür öffnete und Amanda herein trat.
Mit der letzten verbleibenden Kraft: „Tun sie etwas!“.
Aber sie drehte sich nur um und verließ das Büro wieder.

„Letztendlich auch nur eine Marionette“, dachte Gott, als er an seinem Herzen herumspielte.
Gott suchte sich ein weiteres Opfer. Ein weiterer böser Mensch.
„Du landest in der Hölle.“
Ein weiterer.
„Du im Himmel.“
Er zupfte das nächste Blütenblatt ab.
„Du in der Hölle.“
Und noch eins.
„Du im Himmel.“
Er blickte zurück auf die Erde.
Eine Ameisenkolonie.

Der amerikanische Präsident schärt sich einen Dreck um Rassismus, im darauffolgenden Jahr wird er in Folge eines Bürgerkrieges abgesetzt.
In Russland brennt ein Erdgasdepot aus. Man ziehe zwei Jahre vom Ende der fossilen Brennstoffe ab.
Der Bürgermeister einer kleinen Gemeinde trifft eine umstrittene Entscheidung.
Von der Gegenwart kritisiert, von der Nachwelt geliebt.
Ein Mann wird in einer Gasse erschossen. Seine Kinder wachsen hasserfüllt auf.
Sie sterben in einem Selbstmordattentat. Mehr Leid für jeden.
Eine Frau wird verwitwet. Ein ungeahnt erfülltes Leben erwartet sie.
Jemand zeigt seinem Mitmenschen Zuneigung und pflanzt einen Samen.
Ein Buschfeuer brennt den Wald ab und schafft neue Böden.
Eine Bakterienkolonie mutiert und wird tödlich.
Eine Nervenzelle wird erregt und löst Emotionen aus.
Eine Zelle teilt sich und erschafft bald Leben.
Ein Atom zerfällt und nimmt dieses wieder.

Sie krabbeln auf diesem Haufen Dreck herum und wenn der Haufen Dreck zertreten ist und die Kolonie längst Geschichte ist wäre es ein Wunder, wenn jemand dessen Existenz überhaupt bemerkte.

Sie ist ein Gehirn.
Ein Gewirr aus Ursache und Wirkung. Mit mehr oder mit weniger Sinn.
Die Ameisen sind die Fäden der Kolonie. Die Ameisen entscheiden über ihre Entwicklung. Die Kolonie selbst besitzt dort nicht einmal ein Veto.

Gott blickte, der Gegenwart müde, auf zukünftige Ereignisse.
Ein Experiment zog ihn an.

„100 Generationen Arbeit kulminieren in diesem Augenblick.“
„Möge das Universum uns beistehen.“
Ein heller Blitz erleuchtet.

Gott blickte weiter.
Sterne werden zu roten Riesen, dann weißen Zwergen und explodieren.
Galaxien stürzen ineinander.
Schwarze Löcher verschlucken seine Kreation.
So erschuf ich diese Welt nicht, dachte er.

Äonen in der Zukunft, eine weite Welt des Nichts.
Ein Wesen steht in ihrer Mitte.
Gott näherte sich ihm.
Seine Gestalt war unbegreiflich, seine Form undefinierbar, seine Natur unendlich.
Ein Geräusch ertönte, als würde die Existenz selbst vor dieser Gewalt, dieser Allgegenwärtigkeit, in die Knie gehen.

Ich erwachte an einem kühlen Wintermorgen. Frischer Schneefall.
Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg zum Berggipfel.
Seit der Vorkommnisse letzten Jahres war ich dort jeden Tag.
An jenem Tag, an dem die Sonne erlosch.
Abermilliarden blutrote Sterne erleuchteten nun den Himmel.
Am Gipfel angekommen. Die Aussicht stets umwerfend, mit einem gewissen Gefühl des Armageddon. Nicht die klügsten Köpfe dieser Welt fanden eine Antwort.
Ein Knall im Himmel.
Ein leuchtender Strahl, einige hundert Meter entfernt.

Der Krater war beeindruckend. Überraschenderweise keine Schockwelle.
Am Boden dessen stand ein unbekleideter älterer Herr.
Ich blieb in sicherer Distanz: „Guten… guten Tag, werter Herr!“
„Werter Herr?! Ich bin Gott du erbärmlicher Primat!“

Doch etwas war anders. Ein Gefühl im Inneren. Er konzentrierte sich auf dieses niedere Wesen, wollte sein Dasein beenden, doch schien es unmöglich.
Dann spürte er stechende Kälte.
Die war jedoch Tauwetter, verglichen mit der Realisation die folgte.

Die Ameisen krabbelten auf ihrem Haufen herum, zerlegten zügig den Rattenkadaver. Doch ihr Schicksal war besiegelt, ihre Königin im Sterben.
Ein letztes Mal erblickten sie Licht, erblickten den Leichnam des alten Herren durch die Scheibe.
Gänzlich eine Frage der Perspektive.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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