Helga Moosmang-Felkel

Maurice Kap 8

Ägypten

 

Verwundert blickte Maurice sich um. Er lag in einem gewölbten Raum mit einer Kuppel aus Lapislazulisteinen und sah in eine klare Sternennacht hinaus. Aus einem der hinteren Räume drang ein gleichförmiger, anschwellender Gesang und ein starker Geruch nach Sandelholz. Er richtete sich auf und witterte in die schwülwarme Nacht hinaus. Ganz in der Nähe konnte er einen Fluss riechen. Doch plötzlich hielt er überrascht inne. Das Fell an seiner rechten Vorderpfote war aus reinem Gold, die Krallen blitzten metallisch. Neben ihm standen Schälchen mit edelsten Speisen in großer Auswahl und sobald er sich bewegte, eilten zwei safrangelbe Kätzchen herbei und begannen, sein Fell zu putzen. Es kitzelte, wenn ihre rosigen Zungen ihn berührten.

Doch trotz allem Luxus lag eine große Last auf ihm wie ein zu schweres Gewicht. Er lauschte dem monotonen Gesang und plötzlich dämmerte es ihm. Er war der Kater des Pharao, sein persönliches Orakel, das er bei allen Entscheidungen befragte. Tag und Nacht studierten die Priester im Tempel der Bastet sein Verhalten und jede seiner Gesten.

Eine einzige Fehlentscheidung würde er mit seinem Leben bezahlen. Maurice seufzte. Er ahnte, dass er schon bald wieder gezwungen sein würde, über den Sinn oder Unsinn einer Schlacht zu befinden. Die vorbereitenden Rituale zu einer Orakelbefragung waren schon im Gang.

Er dehnte und streckte sich, dann bedeutete er den beiden assyrischen Kätzchen zurückzubleiben und erhob sich. Es zog ihn zu einem Seitenkanal des Nil hinunter. Er wollte allein sein und mit den Sternen sprechen.. Nur so konnte er seinen Instinkt bis in die Knochen hinein fühlen. Sein Blut pulsierte, als er durch einen Säulengang schritt und darüber meditierte, dass ein Katzenleben nur ein Funken in einem Meer aus Staub war, ein Stern in einem dunklen Grab. Er sehnte sich danach, die Bürde seines Daseins als Orakel abzuwerfen.

Er setzte sich auf den Marmorboden und wachte in der Nacht. Dunkel lag das Wasser des Kanals vor ihm. Ein einsames Boot war dort unten vertäut. Er labte sich an der kühlen Nachtluft.

Plötzlich hörte er hastende Schritte. Eine dunkelhäutige Frau tauchte wie ein Geist aus den Schatten auf. Sie war von außergewöhnlicher Schönheit und Maurice erinnerte sich, sie schon einmal unter den Frauen des Pharaos im Harem gesehen zu haben. In ihren Augen stand eine große Angst und sie wirkte gehetzt. Sie sah sich dauernd nach Verfolgern um. Erstaunt sah Maurice, dass sie eine strahlend weiße Katze an einem goldenen Halsband mit sich zog, der er noch nie begegnet war. Die Ohren der Katze waren fast durchsichtig. Die Katze wehrte sich gegen das Halsband, das mit Smaragden durchwirkt war und scheute immer wieder zurück. Doch die Frau zerrte sie weiter. Sie miaute kläglich, als die Frau mit ihr die Stufen zum Boot hinunter stieg und das Wasser näher kam. Die dunklen mandelförmigen Augen der Frau blitzten böse. Sie schlug nach der störrischen Katze. In diesem Augenblick erklangen laute Rufe und ein Aufseher des Harems stürzte zwischen den Säulen hervor. Seine schwarzen Locken glänzten ölig. Er hatte das Profil eines Falken. Mit wenigen Schritten holte er die Frau ein und riss sie am Oberarm zurück. „Kiya..., du wirst dich dem Urteil des Pharaos nicht auf diese Weise entziehen...“, sagte er und zückte einen Dolch. Die Frau wehrte sich verbissen und strangulierte dabei fast die Katze. Das Halsband verwickelte sich immer mehr. Die Katze drehte sich um ihre eigene Achse und plötzlich sah Maurice ihre Augen. Sie waren von unterschiedlicher Farbe, eines gelb und eines blau. Maurice stockte der Atem. Mit einem Sprung warf er sich zwischen die Beine der Frau. Sie strauchelte und stürzte. Sie ließ das Halsband los. Die weiße Katze zögerte, blickte zu Maurice und wieder zurück zu ihrer Herrin. Dann rannten sie zusammen los. Maurice wusste, dass er etwas Verbotenes tat und sein Gefühl war süß und bitter zugleich. Die Augen der Katze übten einen seltsamen Zauber auf ihn aus und ihm war klar, dass er sie besitzen musste.

Sie ließen den Tumult und die lauten Stimme der herbei laufenden Wachen hinter sich und flüchteten in die Gärten des Pharaos.

Sie verbargen sich zwischen jungen Dattelpalmen und Maurice zitterte, als der schlanke Körper der Katze zum ersten Mal den seinen streifte. Die Augen der Katze stürzten ihn in einen Strudel ohne Halt und Ausweg. „Wie heißt du?“ fragte er und vergaß, dass er das Orakel des Pharao war, dass er die goldene Pfote trug, dass er sein Leben riskierte. „Ich heiße Fleur,...“, wisperte die Katze, „ich bin erst vor kurzem auf einem Schiff hierher gebracht worden...“ Maurice leckte über ihren Kopf und ihre zierlichen Ohren und seine Augen leuchteten. Das einzige, was er fürchtete war, dass sich alles wie ein Traum auflösen könnte oder etwas von außen diese überwältigende Wirklichkeit zerstören würde. Ein leichter Wind trug den Duft von blühendem Jasmin zu ihnen herüber. Er sah, dass Fleur durch die goldene Leine behindert wurde, die sie immer noch hinter sich herschleifte. Die Steine funkelten im Licht des Mondes, der orange und voll am Himmel stand. Er begann zärtlich an ihrem Halsband zu knabbern, während sie ihn aus ihren umwerfenden Augen ansah. „Beiß es durch...“, sagte sie plötzlich, „ich will frei für dich sein...“ Maurice tat sein Bestes. Er hatte einen Kloß im Hals und sein Herz raste. Fleur gurrte ihn an wie ein Täubchen. Das Halsband zerriss. Blitzschnell war Maurice über ihr und biss sie zärtlich in den Nacken. Schrille Schreie begleiteten ihr Liebesspiel.

Eng aneinander geschmiegt verbrachten sie die Nacht und leckten sich gegenseitig das Fell. Maurice entdeckte ihre empfindliche Stelle hinter den Ohren. Der Morgen graute schon, als sie Rufe und Schritte hörten. Ein kahlköpfiger Priester hastete ihnen entgegen. Zornig hob er den Arm und schlug nach Maurice, der geschickt auswich. Ein letztes Mal rieb er sich an Fleur und saugte ihren Körperduft tief in sich ein. Er lächelte ihr zu, während er den braunen, muskulösen Arm des Mannes wieder auf sich zukommen sah.

Plötzlich verblassten die Bilder, die Szene, die gerade noch so wirklich gewesen war, zerbrach wie ein gläserner Spiegel. Maurice hustete, spuckte. Er lag hinter dem schwarzen Schuppen und ihm war übel. Ein grauer Morgen dämmerte, er war allein in einem fremden Garten. Als er begriff, dass Fleur wieder entschwunden war, packte ihn eine abgrundtiefe Traurigkeit. Doch gleichzeitig wurde ihm klar, dass ihre Liebe bis heute nicht unterbrochen war und immer noch andauerte und das machte ihn atemlos vor Glück und Sehnsucht.

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