Niklas Götz

Es tut WLAN

 

Wir kennen uns jetzt schon 2 Jahre. Erinnerst du dich daran, wie ich damals stundenlang auf den Telekomtechniker für dich gewartet habe? Du kamst 10 Tage nach deinem vereinbarten Geburtstermin! Wochenlang war ich angspannt, habe daraufhingefiebert dass wir endlich zueinander finden.

Als du endlich da warst konnte ich es kaum fassen. Du warst genau das wonach ich gesucht hatte, alles wurde so viel besser dank dir. Plötzlich war es mir nie wieder langweilig. Zusammen haben wir so viele tolle Dinge miteinander erlebt. Wir waren wie Bonnie&Clyde des halblegalen Streamings, wir haben uns durch die Lieferandoliste gefressen und durch die halbe Stadt geswipt. Bei zig Onlinediskussionen standest du an meiner Seite, stundenlang hielst du mir den Rücken frei während ich in der Schlammschlacht versank.

Wir hatten echt gute Zeiten zusammen. Klar, wir sind auch sehr unterschiedlich. Ich fass mich gerne kurz und bin offen für Menschen, während du meine Freunde nie wirklich mochtest. Jedes Mal hast du sie wieder vergessen, und sie mussten erst ewig auf dich mit den genau richtigen Worten und Zeichen-und-Ziffernkombinationen einreden bis du sie reingelassen hast. Und du warst manchmal sauer auf mich weil ich die Wohnung umgeräumt hatte und es dir nicht gefiel, dass der Router hinter der Wand stand. Aber wir fanden immer eine Lösung.

In letzter Zeit hat sich aber etwas zwischen uns verändert. Wir haben uns auseinandergelebt, glaube ich. Erinnerst du dich an letzte Woche? Ich wollte mit dir unsere Lieblingsserie schauen, aber du bist einfach nicht gekommen. Stundenlang saß ich alleine zu Hause und habe auf dich gewartet. Keine Ahnung wo du warst. Ehrlichgesagt hatte ich schon den Verdacht, dass du beim Typen nebenan warst, ich traue es ihm zu, sich in unsere Beziehung hineinzuhacken. Aber ich möchte meiner Eifersucht nicht nachgeben. Bestimmt warst du einfach nur sehr beschäftigt.

Aber es war nicht nur dieser eine Abend. In letzter Zeit hörst du mir einfach kaum noch zu. Immer wenn ich arbeite hast du diese Aussetzer, antwortest nur noch ganz langsam, schläfst fast ein. Als wärst du abwesend, kaum hier, im Herzen bei jemand anderen. Ich hatte ja schon versucht, uns Hilfe zu holen, habe mich an einen Experten gewendet. Ich glaubte daran, dass wir eine Zukunft haben. Aber er konnte uns auch nicht helfen, hat nichts gefunden. Ich war verzweifelt. Aber mir war klar: So kann es nicht weitergehen. Ich brauche dich. Aber noch mehr brauche ich eine stabile Verbindung. Und deshalb suche ich mir jetzt eine neue.

Du denkst vielleicht, ich bin auf dich angewiesen, ja? Ich könnte ohne dich weder arbeiten noch Freizeit haben. Dass ich dich mehr brauche als du mich? Aber was passiert denn wenn ich dir den den Stecker ziehe? Dann blinkst du plötzlich nicht mehr so dumm rum. Weißt du, es gibt da draußen viele Angebote die auf mich warten, die sich mehr für mich ins Zeug legen und treuer sind. Meine Ex, das Modem, dachte auch sie sei einzigartig. Jetzt hängt sie mit dem Festnetz ab, was für eine Karriere.

Ich hab es dir nicht gesagt aber in letzter Zeit, wenn du weg warst, habe ich manchmal mit einer anderen geschrieben. Sie ist neu in der Gegend, ist letztens auf dem Nachbardach eingezogen und hat sich darüber ausgeheult dass jeder denkt sie sei Schuld an Corona, 5G heißt sie. Sie war immer da als ich sie brauchte, immer.

Weißt du, WLAN, eigentlich brauche ich dich überhaupt nicht mehr. Ich komme jetzt auch so klar. Ich hoffe es findet sich jemand, der Geduld hat mit dir. Ich habe es nicht mehr.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Meine Gedanken bewegen sich frei von Andreas Arbesleitner



Andreas ist seit seiner frühesten Kindheit mit einer schweren unheilbaren Krankheit konfrontiert und musste den größten Teil seines Lebens in Betreuungseinrichtungen verbringen..Das Aufschreiben seiner Geschichte ist für Andreas ein Weg etwas Sichtbares zu hinterlassen. Für alle, die im Sozialbereich tätig sind, ist es eine authentische und aufschlussreiche Beschreibung aus der Sicht eines Betroffenen.

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