Alfred Hermanni

Anderswelt

 

von Alfred Hermanni 08.04. 2021 Alle Rechte vorbehalten

 

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt

 

Guten Morgen, Alfred. Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag“, begrüßte mich Erika. Vor sieben Jahren waren wir ein verliebtes Pärchen und ein Jahr lang zusammen.

Jetzt lebte sie mit ihrem Mann Ullrich gemeinsam in Irland.

'n Morgen Alfred, auch von mir einen herzlichen Gromek“, kommentierte Ulli meine Ankunft am Frühstückstisch. Wie so oft am Morgen grummelte er die Begrüßung missmutig vor sich hin. Aber es war nicht böse gemeint, er war halt ein Morgenmuffel.

Vor sechs Wochen war ich in Irland angekommen und arbeitete für die beiden.

Sie betrieben ein kleines Unternehmen und verkauften Türen und Fenster aus Kunststoff; ich war mit einem Freund von ihnen für den Einbau beauftragt. Zur Zeit herrschte ein regelrechter Boom und wir kamen mit der Arbeit kaum nach.

Als mich Erikas Bruder vor über zehn Wochen daraufhin ansprach, ob ich Lust hätte für Ulli und Erika in Irland zu arbeiten, war ich erst einmal skeptisch und ließ mir das Angebot ein paar Tage durch den Kopf gehen.

Eigentlich gab es gar nicht viel zu bedenken, zur der Zeit war ich nämlich arbeitslos, und die Aussicht Erika wiederzusehen und auch noch nach Irland zu fahren, reizte mich doch sehr.

Also nahm ich Kontakt zu Erikas Bruder auf und ließ mir ihre Telefonnummer geben.

Am nächsten Tag rief ich an und Erikas Sekretärin meldete sich. Sie leitete meinen Anruf weiter und ich hörte die Stimme meiner Ex- Freundin. Seit Jahren hatte ich ihre Stimme nicht mehr vernommen und ich freute mich sie wieder zu hören.

Erinnerungen tauchten auf und wurden wieder lebendig. Ich sah ihr schönes Gesicht, spürte ihren Atem und fühlte ihre Hände auf meiner Haut. Es war eine schöne Zeit mit ihr.

Hallo Alfred“, begrüßte mich Erika „Mein Bruder hat deinen Anruf schon angekündigt. Schön, dass du dich meldest. Wie geht es dir?“

Hi Erika, mir geht es gut. Ich freue mich deine Stimme wieder zu hören. Nach so vielen Jahren.“

Ja, geht mir ebenso. Du hast Interesse für mich und meinen Gatten zu arbeiten?“

Ihr Gatte. Erika war also verheiratet. Und sie nannte ihren Mann Gatte, ist doch schon recht altmodisch. Aber, was soll's.

Ja, nur hab ich keine rechte Ahnung, was für eine Arbeit mich erwartet“,

antwortete ich.

Wir verkaufen Türen und Fenster, du wärst für die Installation zuständig. Hast du so etwas schon mal gemacht?“

Nein, aber ich traue mir das durchaus zu“, behauptete ich. Naja, handwerklich war ich recht geschickt und konnte mir gut vorstellen, auch in diesem Arbeitsbereich erfolgreich zu sein. Schließlich hatte ich von meinem Vater viel über das Metier Auto und Motoren gelernt, mit meinem Schwager auf dem Bau gearbeitet und mit ihm auch eine Weile Innenausbau betrieben.

Da sollten Fenster und Türen mir doch keine Angst machen. Das würde ich auch schon schaffen.

Hört sich gut an“, fuhr Erika weiter fort. „Du könntest bei uns wohnen. Sag mal, kannst du auch Mofa's reparieren? Wir haben eine, aber die fährt nicht. Mein Gatte hat für so etwas kein Geschick.“

Schon wieder dieses „mein Gatte“, hört sich echt ulkig an, dachte ich mir.

Wenn's weiter nichts ist, kein Problem.“

Im Garten könntest du uns auch helfen und ein wenig im Haushalt“, führte Erika mein zukünftiges Wirkungsfeld weiter aus.

Türen und Fenster einbauen, Gartenarbeit und auch Haushaltshilfe, fehlt nur noch der Butler, kam mir so in den Sinn. Sollte wohl ein rund um die Uhr Job werden.

Aber dennoch reizte mich das Angebot.

Das wird sich alles schon machen lassen, Erika. Ich schlafe darüber und rufe dich morgen an. Ist dir das recht so?“

Na klar, denke in Ruhe darüber nach und dann reden wir weiter. Tschüss Alfred. Hat mich gefreut von dir zu hören.“

Ich habe mich auch gefreut, nach so langer Zeit wieder mit dir zu sprechen. Bis morgen dann, Tschüss.“

Ich legte auf und blickte das Telefon an, aber ich sah nicht den Apparat, sondern Erikas Gesicht und spontan entschied ich mich nach Irland zu fahren. Ein neues Land, das ich noch nicht kannte, Erika wieder zu sehen und einen neuen Job, da konnte ich einfach nicht ablehnen.

Am nächsten Tag rief ich Erika an und erklärte ihr, dass ich den Job annehmen wollte.

Ein paar Dinge wollte ich noch klären und ihr den Termin meiner Abreise in ein paar Tagen mitteilen.

Anschließend fuhr ich in die Stadt und holte mir Preisinformationen für die Fahrt mit der Bahn nach Irland. Aber was ich dann hörte war mir eindeutig zu teuer.

Bei der Mitfahrerzentrale wurde ich dann nicht enttäuscht. Für 95.- DM nach London, da gab es nichts zu meckern. Jeden Freitagabend ab Dortmund mit dem Bus nach London, Victoria Station.

Das wäre dann die erste Etappe.

Von London mit der Regionalbahn bis Fishguard, dann mit der Fähre nach Rosslare und weiter mit der Bahn über Waterford, Tipperary und Limerick

nach Cork. Also erst in Richtung Westen, bis fast zur Küste und dann wieder nach Südosten. Die 100 Km von Rosslare nach Cork, wurden so zu 300 Km. Fast 5 Stunden mit der Bahn auf dieser kleinen Insel im Atlantik.

Nach 25 Stunden Reise kam ich Samstagnacht um 23:00 Uhr in Cork an.

Ich war müde, reichlich müde. Mit meinem Gepäck verließ ich den Bahnhof und sah in der Nähe ein Schild: Flanagans Bed & Breakfast. Ich schleppte mich ins Gebäude und wurde freundlich empfangen, ein Zimmer war auch frei und bald darauf übernachtete ich zum ersten Mal in Irland.

 

Gut ausgeschlafen erwachte ich in der Früh' und stand auf. Nach der Morgenhygiene stieg ich die schiefen Treppenstufen hinab und erreichte den Frühstücksraum.

Der Duft von frischem Kaffee erwartete mich und das Aroma von gebratenem Speck kitzelte meinen Gaumen. Ich grüßte die anwesenden Gäste und suchte mir einen freien Tisch.

Schon bald darauf erschien der Hausherr und fragte, ob ich Kaffee oder Tee wünschte.

Ich ließ mir eine Kanne Kaffee bringen und begann mein Frühstück mit gebratenem Speck, heißen Cherrytomaten, Eiern und den unvermeidlichen, kleinen englischen Würstchen.

Irgendwie schmeckten die Würstchen, als ob sie mit Sägemehl gefüllt wären, also ließ ich sie liegen, nahm mir ein paar Scheiben Toast und langte kräftig zu. Ich aß reichlich, nach der langen Reise war das auch kein Wunder. Ich hatte mächtig Hunger und stopfte mir ordentlich den Bauch voll.

Eine letzte Tasse Kaffee und mein Frühstück war beendet.

Zurück auf dem Zimmer nahm ich mein Gepäck und ging hinab, um den Zimmerschlüssel abzugeben.

Bezahlt hatte ich schon. Ich wollte gerade gehen, als ich ein Telefon an der Wand sah. Ich fragte, ob ich es benutzen dürfte und erntete ein freundliches: „Yes, Sir. Of course.“

Ich kramte in meinen Taschen und holte Erikas Telefonnummer hervor.

Die Verbindung kam zustande und ich erklärte Erika, wo ich mich befand.

Eine knappe Stunde später fuhr sie mit einem Opel Kadett Kombi vor und stieg aus.

Mit einer Umarmung begrüßten wir uns und lächelten uns an.

Hi Alfred, schön dass du hier bist“, begrüßte sie mich.

Hallo Erika, schön dich wiederzusehen.“

Komm, nimm dein Gepäck und steig ein. Wir haben noch eine Stunde Fahrt vor uns, da können wir noch ein wenig plaudern.“

Ich verstaute meinen Koffer und Rucksack und stieg ins Auto. Der Wagen roch noch irgendwie neu.

Ja, der ist erst drei Monate alt. Das Geschäft geht gut und wir konnten investieren. Morgen ist dein erster Arbeitstag. Mein Gatte und ich hoffen,

dass wir auch in dir gut investieren“, bemerkte sie mit einem süffisanten Lächeln.

Da war es wieder, dieses Wort Gatte.

Schon bald waren wir aus der Ortschaft heraus und ich schaute mir die Landschaft an.

Warum habt ihr eigentlich mich angeheuert und keinen Iren?“, fragte ich Erika.

Ja weißt du, das ist so eine Sache mit den Iren. Wir hatten ja schon einige irische Arbeitskräfte angestellt, aber die waren einfach zu unzuverlässig.

Manche hatten Ausreden, um nicht zu arbeiten, das glaubst du gar nicht.

Einer meinte sogar, aufstehen bevor die Sonne aufgeht wäre doch verrückt. Kannst du dir das vorstellen?“

Naja, im Hochsommer verstehe ich das. Aber jetzt im Herbst geht die Sonne doch gar nicht so früh auf, oder?“

Ich sagte es ja: Ausreden. Ein anderer hat einmal absichtlich sein Werkzeug kaputt gemacht, um nicht weiter zu arbeiten.“

Du sagtest, wir müssen etwa eine Stunde fahren. Gibt es denn keine Autobahn?“, wollte ich wissen.

Autobahn? In Irland. Die wissen hier noch nicht, dass wir mittlerweile das Jahr 1984 schreiben. Es gibt bei Dublin eine Autobahn, etwa zehn Meilen lang, das ist aber auch schon alles. Und diese einfache Landstraße, auf der wir jetzt fahren, gehört schon zu den gut ausgebauten Verkehrswegen, warte erst mal bis wir weiter im Landesinneren sind. Da ist manchmal nur Platz für ein Fahrzeug, so schmal sind die Straßen hier.“

Ich schaute mir die idyllische Landschaft an und sah ein leer stehendes Einfamilienhaus auf einer Hügelkuppe stehen. Ein Schild bot es zum Verkauf an. Bald darauf sah ich wieder ein modernes Haus, auch zu verkaufen.

Dann noch eines.

Hier werden aber viele neue Häuser verkauft“, bemerkte ich.

Ja, man kann hier mit zehn Prozent Eigenkapital ein Haus bauen. Den Rest zahlt die Bank als Kredit. Viele machen das, schaffen es aber nicht die Schulden zu begleichen, weil sie arbeitslos werden, oder sich einfach überschätzt haben. Jetzt gehören die Häuser den Banken und werden verkauft, sofern sich Käufer finden.“

Wie lange bist du eigentlich schon verheiratet?“, wechselte ich das Thema.

Weißt du, eigentlich wollten wir gar nicht heiraten. Als die Leute in unserer Umgebung aber erfuhren, dass wir unverheiratet zusammenleben, wurde uns noch nicht einmal ein Brot oder ein Glas Milch verkauft. Die sind hier so etwas von katholisch und konservativ, da hatten wir praktisch keine andere Wahl. Wir wollten doch nicht ständig bis nach Cork fahren, um einzukaufen.“

Wir plauderten noch ein wenig weiter, als wir über eine alte Steinbrücke fuhren, die über einen kleinen Fluss führte.

Das ist der River Bandon, gleich fahren wir durch Bandon und dann ist es nicht mehr weit“, kam Erika meiner Frage zuvor.

Nicht mehr weit ist in Irland allerdings relativ, wir fuhren nämlich noch eine gute halbe Stunde.

Schließlich verließ Erika die Landstraße und bog bei einem kleinen Schild auf dem Castle Workshop stand, in einen schmalen, von niedrigen Natursteinmauern begrenzten, asphaltierten Weg, der gerade mal genug Platz für ein kleines Auto bot. Für einen Lkw hätte es hier verdammt eng werden können.

Wir fuhren die schmale Straße hinauf und vor jeder Kurve hupte Erika ein paar mal, um etwaigen Gegenverkehr zu warnen.

Endlich erreichten wir Erikas Haus. Ich hatte mir eher eine Hütte oder einen alten Cottage vorgestellt, aber das hier war ein ordentliches Haus mit verputzten Außenmauern und einem kleinen Dachgiebel. Erika schloss die Tür auf und bat mich herein. Ich schnappte mir mein Gepäck, folgte ihr und ging hinein.

Drinnen befand sich Erikas Mann, der gerade an der Spüle das Geschirr abtrocknete.

Er wischte sich die Hände trocken und kam auf mich zu.

Hallo Alfred, willkommen, ich bin Ullrich. Sag einfach Ulli zu mir.“

Hallo Ulli, ich grüße dich“, antwortete ich und schüttelte die mir dargebotene Hand.

Ich blickte mich ein wenig um und sofort fiel mir das große Panoramafenster auf, durch das man einen atemberaubend schönen Ausblick auf das Land hatte.

Am Horizont war eine kleine Bergkette zu erblicken; grüne Weiden und vereinzelte kleine Wäldchen und Baumreihen vervollständigten den Ausblick. Die Krönung dieser Aussicht aber war ein kleiner, fast kreisrunder See, der etwa einen Kilometer weit entfernt in einer kleinen Senke lag und das Idyll vervollständigte.

Möchtest du etwas trinken, Tee oder Kaffee?“, fragte Erika, während ich immer noch die einzigartige Aussicht genoss.

Äh, ja, einen Kaffee und 'ne Zigarette könnte ich jetzt gut gebrauchen. Danke.“

Igitt igitt, 'n Raucher“, kommentierte Ulli mit einem Lächeln.

Mein Gatte ist Nichtraucher, aber mach dir nichts draus. Ich rauche auch gleich erst einmal eine. Kleiner Tipp aber noch, auf Dauer wird das Rauchen hier in Irland ganz schön teuer. Eine Schachtel Kippen kosten hier so ungefähr 7,50.- DM“, erklärte Erika.

Das ist heftig, das ist ja doppelt soviel wie in Deutschland“, stellte ich fest.

Yep, und auch Bier oder anderer Alkohol kosten hier doppelt soviel wie in Deutschland“, führte Erika weiter aus.

Eigentlich ist hier alles teurer als in Deutschland“, gab Ulli noch dazu.

Ich zeige dir jetzt dein Zimmer. Erika, machst du bitte den Kaffee. Komm mit, Alfred.“

Ich nahm mein Gepäck und folgte Ulli durch das Wohnzimmer, wo ein offener

Kamin meinen Blick auf sich zog. Das versprach wohl einige gemütliche Abende mit Whisky und Guinness.

Wir durchquerten die Lounge und Ulli öffnete eine Tür, durch die wir in einen

großen, als Werkstatt und Lager dienenden Raum gelangten. An der rechten Seite befand sich eine schmale Holzstiege über die man in eine Kammer im Dachgiebel gelangte.

Ein Hochbett dominierte diesen Raum.

Hier kannst du schlafen“, sagte Ulli und zeigte auf das Hochbett.

Früher haben Erika und ich hier geschlafen, aber vor einem Jahr habe ich das Haus erweitert und einen kleinen Anbau für unser Schlafzimmer gebaut. Erika ist einmal aus dem Hochbett gefallen und hat sich die Nase gebrochen. Als ich sie ins Krankenhaus brachte, hat niemand das geglaubt. Stattdessen dachten sie, ich hätte sie geschlagen. Die wussten noch nicht einmal, was ein Hochbett ist. Die wollten einfach nicht glauben, dass es nicht so war.“

Dieser Schlafraum sah recht gemütlich aus, das Bett befand sich genau im Giebel und wurde von zwei schrägen Wänden eingerahmt.

Vielleicht lag es an diesem pyramidenähnlichen Aufbau, aber solch realistische und fantastische Träume, wie ich sie noch bekommen sollte, hatte ich noch nie in meinem Leben.

Ich stellte mein Gepäck unter das Hochbett, sah mich noch einmal kurz um und ging mit Ulli zurück in die Küche.

Bald schon gab es den Kaffee und ich genoss ihn zusammen mit einer meiner letzten Zigaretten.

Dann sah ich mir Ulli ein wenig genauer an.

Er war kleiner als ich, hatte aber nicht meine sportliche Figur. Einige Fettpolster umsäumten seinen Bauch und er wirkte eher gedrungen, nicht dick, aber auf dem Wege dorthin.

Dunkelblonde, halblange Haare und ein dichter Vollbart um sein rundliches Gesicht weckten Assoziationen in mir.

Ich konnte aber noch nicht konkret sagen, an wen sie mich erinnerten. Dann fiel mir die irische Band The Dubliners ein und ich musste lächeln.

Ja, das passte. Ulli sah so typisch irisch aus, der wäre wohl überall als Ire durchgegangen.

Und noch etwas fiel mir auf. Irgendwie passte er äußerlich nicht zu Erika. Denn sie hatte eine schöne, schlanke Figur, ein hübsches Gesicht und war genau so groß wie Ulli.

Ja, ich fand, sie sah zu gut für ihn aus. Aber so ist das, wo die Liebe hinfällt. Da hat Amor wohl sehr gut gezielt, und sein Pfeil traf direkt ins Herz. Naja, wichtig ist der Mensch und nicht die Äußerlichkeit. Niemand kann sich malen. Im Laufe meines Aufenthaltes sollte ich noch so manchen irischen Eingeborenen sehen, bei dem ich genau das dachte. Einmal sah ich einen Kerl, und es fiel mir nur eines ein:

Wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geformt hat, was hat er sich bei diesem Menschen wohl gedacht?

Ich hatte vor meiner Reise nach Irland das typische Vorurteil im Kopf. Iren sind große Kerle, rothaarig mit Vollbart, streitlustig und lauthalsig. Aber das stimmte ganz und gar nicht. Die meisten die ich sah, hatten schwarze Haare,

waren eher klein und überhaupt nicht aggressiv. Chris de Burgh fiel mir ein, der sah vielen hier ähnlich.

Und die Frauen? Tja, ich hatte den Eindruck, dass die hübschen Frauen alle das Land verlassen hatten. Die übrigen erregten keinerlei Interesse in mir, weil ich nun mal nicht auf flaschenförmige Figuren stehe.

Das soll nicht heißen, dass es keine hübschen irischen Frauen gibt, sie leben nur eben nicht mehr auf dem Lande, sondern in den Großstädten. Viele, so sagte mir Ulli, sind nach London gegangen oder leben in den USA.

Nun saß ich hier in der Küche und rauchte mit Erika eine Zigarette. Wieder bewunderte ich diese herrliche Aussicht auf das Land. Ja, hier könnte es mir gefallen.

 

Der Geburtstag

 

Und? Wie alt bist du nun geworden?“, fragte mich Ulli.

Mal wieder ein Jahr älter, immerhin schon 27“, antwortete ich und blickte durch das Küchenfenster hinaus.

Über dem im Tal befindlichen See hatte sich eine Nebelwand gebildet. Wie eine dichte, weiße Wolke stand sie über dem Gewässer und bildete einen fast kreisrunden, geschätzte fünf Meter hohen und für Blicke undurchdringlichen Wall.

Das sieht ja fantastisch aus“, bemerkte ich und deutete hinaus.

Ja, der alte Sparky sagt, das wäre der Eingang zu Tir na Nog“, ließ Erika wissen.

Tir na Nog? Was ist das?“

Tir na Nog ist das Land der ewigen Jugend. Die Insel der Unsterblichkeit oder so in etwa. Vielleicht die keltische Variante vom Paradies. So genau weiß ich das nicht. Da wird der alte Sparky wohl mehr wissen.“

Der alte Sparky war ein Nachbar, der ein Stück weiter den Hügel hinauf in einem kleinen Cottage wohnte. Er sah steinalt aus, aber niemand wusste wie alt er wirklich ist.

Den Spitznamen Sparky hatte er, weil er beim irischen Straßenbowling die Kugel mit einem solchen Drall warf, dass angeblich Funken sprühten.

Einige Male hatte ich ihn schon, wenn er abends vor der Tür stand und fragte, ob einer von uns ihn zum Pub bringen könnte, mit dem Auto hinunter nach Ballygurteen gefahren, wo sich sein bevorzugter Pub befand.

Die Türglocke läutete. Ulli öffnete die Tür und da war er.

Sparky stand im Eingang.

Hallo, ich wollte nur kurz Alfred zum Geburtstag gratulieren.“

Verblüfft starrte ich zur Tür.

Woher weiß er, dass ich heute Geburtstag habe?, fragte ich mich.

Ich schaute Ulli an, der zuckte mit den Schultern. Ich blickte zu Erika, aber auch sie machte nur große Augen und hatte keine Ahnung woher Sparky von

meinem Geburtstag wusste.

Ja, äh, hallo Sparky, komm erst einmal rein. Magst du einen Kaffee?“

Von eurem Kaffee immer gern. Der ist nämlich einfach köstlich. Ihr wisst, die irische Art schmeckt mir nicht. Da bevorzuge ich lieber Tee. Aber euer gefilterter Kaffee ist einfach um Klassen besser. Da nehme ich euer Angebot doch gerne an.“

Woher weißt du, dass ich Geburtstag habe?“, sprach ich ihn direkt an.

Das haben mir die Elfen geflüstert“, wich er meiner Frage aus.

Erika servierte den Kaffee, ich bot Sparky eine Zigarette an doch er lehnte ab.

Ich rauche schon lange nicht mehr, ist einfach zu teuer“, erklärte er.

Genüsslich trank Sparky den Kaffee und fragte: „Ich würde heute Abend gerne zu meinem Pub, könnte Alfred mich dorthin fahren?“

Ich kannte seinen bevorzugten Pub; etwa eine Woche nach meiner Ankunft war ich gemeinsam mit Sparky, Ulli und Erika dort. Als ich mir dann eine Zigarette, die ich noch von zu Hause mitgebracht hatte, anzündete und genüsslich den Rauch ausatmete, verstummten alle Gäste und schauten mich an, als ob ich ein Außerirdischer wäre. Dann dämmerte es mir, die glaubten ich hätte mir wohl einen Joint angesteckt. Ich nahm die Zigarettenschachtel und zeigte sie in die Runde.

Gauloises!“, rief ich. „Gauloises. French Cigarettes. Very strong, hard stuff.“

Ein Gast kam auf mich zu und bat um eine Kippe, aufgeraucht hatte er sie allerdings nicht. Sein Hustenanfall ließ keinen weiteren Zug an dieser Zigarette zu. Immerhin lagen die Kippen schon über eine Woche in der Schachtel und waren entsprechend trocken. Nun dachte keiner mehr, dass ich einen Joint rauchte.

 

Warum Alfred?“, wollte Ulli wissen.

Weil ich ihm zu seinem Geburtstag gerne ein Pint Guinness ausgeben möchte.“

Das Angebot würde ich sehr gerne annehmen“, sagte ich und freute mich schon. Mit Sparky ein Bier zu trinken, versprach lustig zu werden.

Erika und ich wollten dasselbe anbieten“, meinte Ulli. „Allerdings bei Shanley's, in Clonakilty. Heute Abend spielt Noel Redding auf der Gitarre und singt dazu. Vielleicht sollten wir alle dorthin. Was meinst du, Sparky?“

Ja, gerne, ich war schon lange nicht mehr bei Shanley's.“

Als ich mit Ulli ein paar Tage nach meiner Ankunft auf ein Guinness im besagten Pub einkehrte, saß dort ein Mann, dessen Gesicht mir irgendwie bekannt vorkam, auf einem Barhocker und spielte Peggy Sue von Buddy Holly.

Ich sagte zu Ulli, dass ich den Mann irgendwie zu kennen glaubte.

Das ist Noel Redding, früher mal Bassist bei Jimi Hendrix Experience.

Ich erinnerte mich sofort, mein Bruder besaß jede Schallplatte von dieser Band und auf dem Innencover einer der LP's war die Band abgebildet, darunter auch Noel Reddings markantes Gesicht.

Wie? Der spielt hier Gitarre für ein Bier oder Schnaps?“, hakte ich nach.

Nein, das hat der nicht nötig. Der hat in der Nähe sein eigenes Tonstudio. Wenn du Glück hast wirst du noch den ein oder anderen bekannten Musiker hier sehen. Ist noch nicht lange her, da war sogar Paul McCartney hier“, erzählte Ulli weiter. „Schau mal, über dem Tresen, siehst du die Fotogalerie? Die waren alle schon hier. Jimi Hendrix, Bob Dylan, Mick Jagger, Gary Moore und Phil Lynnott von Thin Lizzy und viele andere.“

Ist ja irre, hoffentlich sehe ich die irgendwann mal hier.“

Wie gesagt, wenn du Glück hast.“

 

Es war Abend, als wir uns auf den Weg nach Clonakilty machten.

Ulli fuhr den Wagen, ich saß mit Sparky im Fond. Diese wunderschöne Landschaft, mit ihren sanften Hügeln und sattgrünen Wiesen zog an uns vorbei. Nach einer Viertelstunde erreichten wir Shanley's Bar und gingen hinein. Wir setzen uns an einen freien Tisch, Ulli ging die Getränke bestellen und Erika verschwand für kleine Mädchen. Bei einem früheren Besuch hier bei Shanley's hatte ich mir einmal einen schottischen Whisky bestellt. Mit ernster Miene servierte der Wirt ihn mir, kam aber nicht umhin zu bemerken, dass dies ein schottischer Whisky sei. Daraufhin bestellte ich einen irischen und erklärte, dass ich nur vergleichen wollte, welcher besser schmeckt. Die kleine Lüge, dass er mir besser als der schottische schmeckte, kam mir allerdings leicht über meine Lippen. Wollte ihn ja nicht beleidigen, denn was Whisky angeht, sind Iren und Schotten sehr unterschiedlicher Meinung. Beide beanspruchen das historische Recht auf die jeweilige Herkunft. Uisce beatha, Ishkabaha oder so ähnlich klingt der keltische Name für Whisky. Ishkabaha...Wasser des Lebens, wie mir Sparky einmal erklärte.

Wie hast du das gemeint, als du sagtest die Elfen hätten dir geflüstert, dass ich Geburtstag habe?“, fragte ich Sparky.

Der grinste nur und erwiderte: „Genau wie ich es sagte, Alfred.“

Ich schaute ihn an und sah nur dieses geheimnisvolle Lächeln in seinem Gesicht.

Das meinst doch nicht ernsthaft Elfen, Tir na Nog und so...?“

Was weißt du über Tir na Nog?“, fragte Sparky.

Nicht viel, eigentlich gar nichts.“

Es ist die Anderswelt. Land der ewigen Jugend. Insel der Unsterblichkeit.

Es ist unsere, die keltische Vorstellung eines, sagen wir mal, himmlischen Paradieses. Eine Vorstellung des Jenseits, das aber unabhängig vom Tod ist.

Walhalla, Elysium, Garten Eden oder Shangri La sind nur andere Vorstellungen. Im Gegensatz zu diesen, können Menschen aber nach Tir na Nog gelangen und auch wieder zurück“, erklärte Sparky.

Wie, du meinst Menschen könnten sozusagen ins Paradies und zurück?“

Nicht einfach so. Kein Mensch kann dorthin gelangen, außer er wird eingeladen.“

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Eingeladen, von wem? Von Zwerg Nase oder Rotkäppchen?“

Mach dich darüber bitte nicht lustig. Du beleidigst mich damit“, erwiderte Sparky mit einem ernsten Unterton.

Sorry, aber ich dachte...“ Eigentlich wusste ich gar nicht was ich dachte, und dass ich Sparky damit beleidigte, tat mir leid.

Wir Iren haben einen anderen Bezug zu unseren Mythologien. Bei uns sind sie in gewisser Weise realer. Die Vorstellung auf immer und ewig in einem anderen, wie soll ich sagen, Totenreich, zu existieren, also auf immer und ewig im Himmel oder der Hölle zu sein, ist uns genauso befremdlich, wie dir unsere Vorstellungen sind.

Nach unserer Mythologie gibt es Wechselwirkungen zwischen der Anderswelt und unserer „wirklichen“ Welt“, führte Sparky seine Ausführungen fort.

Wechselwirkungen, wie das?“, hakte ich nach.

Nicht nur Menschen können dorthin gelangen, umgekehrt ist es auch möglich.“

Du meinst, Wesen aus der Anderswelt können in unsere gelangen?“

Ganz genau.“

Was sollen das für Wesen sein?“, fragte ich.

Na, zum Beispiel Elfen.“

Jetzt machst du aber Witze. Elfen. Vielleicht auch noch die gute Fee?“

Genau.“

Oder Kobolde?“

Genau.“

Und Druiden.“

Genau.“

Fehlen nur noch die sieben Zwerge.“

Ich sagte, mach dich darüber nicht lustig. Vermische nicht unsere Mythologien einfach mit irgendwelchen Märchen.“

Aber Feen, Elfen und so weiter sind nun mal Märchenfiguren“, konterte ich.

Und woher kommen Märchen?“, fragte mich der alte Sparky.

Ja, aus alten Legenden... und Mythologien“, musste ich zugeben.

Genau!“, sagte Sparky und grinste mich an.

Und wie gelangt man dann dorthin, vorausgesetzt man wird eingeladen?“

Es gibt besondere Orte, manchmal auch besondere Zeiten. Sagen wir, es gibt gewissen Schwellen, die einem die Reise dorthin ermöglichen.

Geheime Orte, Höhlen oder Gewässer sind solche Schwellen. Übertrittst du sie, gelangst in die Anderswelt. Nach Tir na Nog.“

Glaubst du das wirklich? Ich dachte ihr seid katholisch.“

Sind wir auch. Katholisch - alkoholisch.“ Sparky lachte und fuhr weiter fort.

Aber die Mythologien sind älter als die Kirche. Älter als das Christentum.

Und wir werden von unseren Mythologien zu nichts gezwungen. Was man

von der katholischen Kirche nun nicht gerade behaupten kann.

Für uns ist Tir na Nog ein anderer, realer Teil der Welt. Einige wenige sind sogar wissend.“

Wie meinst du das, wissend?“

Sie wissen, weil sie dort waren, oder Kontakt hatten.“

Im Ernst?“

Alfred, was glaubst denn du wo dein Name herkommt?“

Weiß ich nicht.“

Alfred. Alf von Elfen. Red von Rat. Von Elfen beraten.“

Ich wurde von Elfen beraten. Schöne Vorstellung“, sagte ich leise.

Sparky trank sein Guinness aus, erhob sich und ging zum Tresen, um zwei weitere zu holen. Auch ich leerte mein Glas und freute mich auf das nächste Guinness.

Wo stecken eigentlich Ulli und Erika?, dachte ich und erblickte sie an einem anderen Tisch. Dort hatten sie Bekannte gesehen und sich zu ihnen gesellt.

Unser Gespräch war ihnen wohl zu esoterisch. Was ich auch verstand.

Elfen, Anderswelt, Druiden, das war mir als Realisten auch eine Spur zu abgehoben.

Sparky kam mit zwei Pint Guinness zum Tisch und gab mir eines.

Sláinte, Alfred. Auf deine Zukunft.“

Danke, Sparky. Sláinte“, prostete auch ich ihm zu.

Wir nahmen einen großen Schluck und Sparky griff in seine Tasche.

Er holte eine Schachtel mit, Überraschung, Zigarillos hervor und bot mir einen an.

Danke Sparky. Ich liebe Zigarrillos. Die haben etwas cooles. Mit einem Zigarillo im Mundwinkel, komme ich mir vor wie Clint Eastwood in Für eine Handvoll Dollar. Kennst du den Film?“

Selbstverständlich. Der Film war sein großer Durchbruch. Keiner spielt in Western so gut wie Clint Eastwood. Wusstest du, dass angeblich Stan Laurel sein Vater sein soll?“

Stan Laurel? Von Dick und Doof? Nee, das glaube ich nicht“, erwiderte ich.

Sind ja auch nur Gerüchte“, beendete Sparky dieses Thema.

Plötzlich erklang eine Gitarre. Noel Redding spielte auf, ich hatte nicht bemerkt, dass er schon hier war.

Hi folks“, begrüßte er die Gäste. „Als erstes spiele ich Peggy Sue von Buddy Holly. Es ist mein Gruß an Alfred, der heute Geburtstag hat.“

Überrascht blickte ich auf und sah wie er mich anlächelte.

Ein seltener Anblick, normalerweise lag immer so ein zerknitterter, eher griesgrämiger Ausdruck in seinem Gesicht.

Wieso weiß der denn jetzt auch, dass ich Geburtstag habe, fragte ich mich.

Die Erklärung war diesmal aber einfach, ich sah nämlich wie Erika mich angrinste.

Und Noel spielte Peggy Sue und noch viele andere schöne Songs.

Und das Beste, die Gäste sangen mit. Es war schon ein wirklich schönes

Gefühl, das zu erleben. Anders als in der Heimat, wo hauptsächlich gegröhlt wurde, oder Lieder wie Im Puff von Barcelona zum deutschen Liedgut gehörten.

Der Höhepunkt für mich war, als alle Gäste Imagine von John Lennon mitsangen. Es war ein sehr erhebendes Gefühl, einfach nur schön.

Ich fand diesen Song schon immer gut, aber diesmal bekam er eine ganz besondere Note.

Hier war eine ausgelassene, fröhliche Stimmung, wie ich sie woanders noch

nie erlebt hatte. Die irische Kneipenkultur ist schon eine außergewöhnlich besondere.

Viele der Gäste riefen: „Sláinte, Alfred!“ und hoben ihr Glas.

Ich fühlte mich wohl, sehr wohl und ich liebte dieses Volk.

Wir tranken noch ein Guinness, aber kamen nicht mehr zum Thema Elfen, Kobolde und dergleichen zurück.

Dann hörten wir den Aufruf zum letzten Getränk. Ich hatte genug und wollte keines mehr.

Bestelle einfach eines, ich trinke das schon“, forderte mich Sparky auf und bestellte sich ein weiteres.

Okay. Mach ich“, antwortete ich und kam seiner Aufforderung nach.

Ich staunte nicht schlecht als Sparky binnen kürzester Zeit einen Liter Guinness in sich hineinschüttete und zufrieden rülpste.

Right folks, please folks, have any mercy with me, folks!“

Das war der letzte Aufruf, das Lokal zu verlassen, die Sperrstunde war schon überschritten. Sparky ging noch einmal auf's Klo, dann verließen wir Shanley's und gingen zum Auto.

Erika hatte keinen Alkohol getrunken und fuhr uns nach Hause. Ulli hatte mit Sparky, was den Alkoholkonsum angeht, gleichgezogen. Aber Sparky konnte einiges mehr vertragen. Im Gegenteil zu Ulli, lallte er beim Sprechen überhaupt nicht. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich behauptet, er sei nüchtern.

Du kannst aber 'ne Menge vertragen, Sparky.“

Du weißt doch: Katholisch - alkoholisch. Der Trick ist ganz einfach. Nach jedem Pint auf's Klo. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da gab es Pubs in denen vor dem Tresen eine Rinne war. Man brauchte nicht mehr auf die Toilette, sondern konnte sein Geschäft verrichten ohne das Glas abzusetzen.“

Glaub' ich nicht. Ist das wahr, Ulli?“

Wenn Sparky es sagt, yep“, lallte es vom Beifahrersitz.

Unvorstellbar“, murmelte ich.

 

Der See

 

Es war nicht mehr weit bis zur Straße, die zu Ulli's Haus führte.

Kurz vor der Einfahrt zur Straße bat Sparky darum, anzuhalten.

Lass uns aussteigen, Alfred. Ich möchte dir etwas zeigen“, sagte er.

Hier? Es ist dunkel und zum Haus ist es noch einen Kilometer den Hügel hinauf“, hielt ich dagegen.

Das weiß ich. Komm schon, die frische Luft wird uns gut tun. Morgen ist Sonntag, da kannst du ausschlafen. Mach schon. Du wirst es nicht bereuen.“

Wie stiegen aus und Erika fuhr mit Ulli nach Hause.

Hier entlang, Alfred.“

Sparky ging voraus. Nach fünfzig Meter kamen wir zu einer kleinen Lücke in der Straßenböschung. Wir schlüpften hindurch und ein

kleiner Pfad führte weg von der Straße. Den Pfad entlang gingen wir weiter.

Es war nicht so dunkel, wie ich anfangs befürchtete. Die Luft war klar, der Himmel war bewölkt. Genau in diesem Moment zog eine Wolke vorbei und der Mond erschien. Es war Vollmond. In seinem Licht getaucht konnte ich alle Einzelheiten gut erkennen.

Ich folgte Sparky weiter den Pfad entlang und nur wenige Schritte später sah ich sie.

Die dichte, weiße Nebelwand.

Wir gingen weiter darauf zu.

Das ist Lough Ballynacarriga. Heute Nacht ist eine besondere Nacht.

Deine Bestimmung hat uns hierher geführt, Alfred.“ Fast schon andächtig formulierte Sparky diese Worte.

Meine Bestimmung?“, fragte ich nach.

Du wirst sehen, du wirst wissen, Alfred. Geh weiter.“

Ich ging weiter und folgte Sparky, der in diesem Nebel nur ein Schemen war.

Wir drangen in die Nebelwand ein und ich sah nun gar nichts mehr. Nur weißes Streulicht konnte ich erkennen, doch ich ging trotzdem weiter. Vage konnte ich Sparky's Konturen ausmachen, da verschwand er auch schon im Nebel und ich konnte nur noch seine Stimme hören.

Alles verschwand im Nebel. Ich schaute zu meinen Füßen hinunter, konnte sie aber nicht erkennen.

Einen so dichten Nebel hatte ich noch nie gesehen.

Sparky!“, rief ich. „Wo bist du?“

Ich bin bei dir. Keine Angst. Du bist nicht allein.“

Die Stimme schien von überall her zukommen.

Plötzlich spürte ich eine Hand an meiner Schulter.

Geh weiter, Alfred. Ängstige dich nicht. Ich bin bei dir.“

Mit sanftem Druck schob Sparky mich vorwärts.

Gleich wirst du erkennen. Bald wirst du wissen.“

Mit diesen seltsamen Worten im Ohr ging ich noch ein paar Schritte weiter, als sich der Nebel um mich herum lichtete.

Und dann erkannte ich wo ich war.

Ich blickte hinunter zu meinen Füßen und die Erkenntnis traf mich mich wie ein Hammerschlag.

Der See. Unter mir war der See.

Ich...stand auf dem Wasser.

Was passiert hier?“, wollte ich fragen, als es auch schon geschah.

Ich versank nicht im Wasser, stattdessen bildete das Wasser einen Strudel um mich herum, und dennoch sank ich nicht hinein, in diesen rotierenden Schlund.

Der Strudel wirbelte, wirbelte immer schneller und jetzt spürte ich den Sog. Wurde von ihm ergriffen und in ein dunkles, schwarzes Nichts hinein gesogen.

Totale Finsternis umgab mich, das Gefühl eines freien Falls entstand in meinem Magen und ich dachte, ich müsse kotzen.

Ich stürzte. Fiel in eine bodenlose Tiefe. In die finsterste Finsternis. Die

Schwärze um mich herum war beängstigend. Ich fiel weiter und hatte das Gefühl immer schneller zu fallen. Allerdings spürte ich überhaupt keinen Luftwiderstand. Ich wusste auch nicht mehr, wo oben oder unten ist. Die Schwärze um mich herum bekam nun farbige Schlieren. Alles drehte sich, die Farben vereinigten sich und wurden zu einem weißen, hellen Licht am Ende eines Tunnels. Ich stürzte in dieses Licht und dann war alles nur noch hell. Schmerzhaft stach diese Helligkeit in meine Augen. Dann war nichts mehr. Ich versank in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

 

Tir na Nog

 

Ich erwachte auf dem Rücken liegend und sah über mir den blauen, mit weißen Wolken besprenkelten Himmel. Ein wahrlich schöner Anblick.

Ich atmete tief ein.

Hallo Alfred“, hörte ich Sparky's Stimme neben mir.

Hallo Sparky“, antwortete ich träge und stand langsam auf. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und sah Sparky neben mir.

Das war nicht Sparky. Mir stand ein mir unbekannter Mann gegenüber. Er war etwa so groß wie ich und hatte auch ungefähr mein Alter.

Wer...wer sind Sie?“, stotterte ich die Frage hinaus.

Der Mann lächelte mich an. Dieses Lächeln, ich kannte es.

Du weißt wer ich bin.“

Die Stimme war eindeutig von Sparky.

Die Stimme, das Lächeln, alles wie von Sparky.

Sparky, bist du das? Wie kann das sein? Wo sind wir? Was ist geschehen?“,

stellte ich gleich mehrere Fragen auf einmal.

Langsam, Alfred. Langsam. Schau dich um. Dann wirst du erkennen.“

Ich stand auf und blickte mich um. Und was ich sah, war einfach fantastisch.

Grüne Hügel, sanft in eine bewaldete Landschaft eingefügt. Auf den Wiesen blühten die schönsten Blumen in den prächtigsten Farben.

Das Gras war grüner, der Himmel war blauer und auch die Wolken strahlten weißer als das weißeste Weiß.

Es lag ein Glanz um alles, als ob es von innen heraus leuchten würde.

Eine Bergkette am Horizont zog meinen Blick auf sich. Ein leicht strahlender

Kranz aus Licht, in den Farben des Regenbogens, lag über den Bergen. Es

sah aus, als hätten die Berge eine...eine Aura.

Als ich genauer hinschaute, bemerkte ich, dass alles was ich hier ansah, diese Aura um sich herum hatte. So auch Sparky.

Ein Schmetterling flog an mir vorbei und hinterließ eine sich verflüchtigende

Spur aus glitzernden, farbigen kleinen Lichtpunkten. Wie bei einer brennenden Wunderkerze leuchteten sie kurz auf und verglühten.

Alle Farben waren intensiver und hatten dieses... innere Leuchten.

Ich blickte den Hügel hinauf, in Erwartung Erikas und Ullis Haus zu sehen,

konnte aber nichts erkennen.

Lass uns gehen“, sagte Sparky und ging voraus.

Ich stapfte hinterher und wir erreichten die Straße. Allerdings war dort keine Straße, sondern nur ein ausgetretener Pfad. Verwundert betrachtete ich diesen und blickte fragend zu Sparky. Doch der ging einfach weiter und so folgte ich ihm den Hügel hinauf. Die schmale Zufahrt zum Haus war nun ein Trampelpfad, der sich den Hügel hinauf schlängelte. Sparky schritt zügig voran und ich konnte kaum Schritt mit ihm halten. Plötzlich durchzuckte mich ein stechender Schmerz in meiner Wade. Ich schaute hinunter und konnte gerade noch erkennen, wie etwas in den den niedrigen Sträuchern am Wegesrand verschwand.

Was war das, Sparky? Das hat weh getan.“

Ah, nur ein Kobold.“

Kobold? Machst du Witze? Ein stechender Kobold?“

Er hat dich nicht gestochen, nur gezwickt.“

Nur gezwickt? Warum sollte mich ein Kobold zwicken? Das tat weh.“

Stell dich nicht so an. Der hat nur gebettelt.“

Wie, was? Gebettelt? Wieso?“

Du stellst zu viele Fragen, Alfred.“

Bettelnde Kobolde, ein magischer See, hör auf mich zu verarschen, Sparky!“

Der wollte nur was zu essen. Hier nimm, und wirf sie auf den Weg.“

Sparky gab mir etwas in die Hand, Reiskörner wie ich feststellte.

Ich warf sie vor mir auf den Weg und im Nu huschten kleine, pelzige Wesen, keine zwei Handspannen groß, vor mir her und schon bald war kein Reiskorn mehr zu sehen.

Damit haben die erst mal genug. Wenn sie nichts kriegen, können die ganz schön unangenehm werden. Die mögen nämlich auch Fleisch.“

Was sind das für Biester?“, fragte ich.

Warte einen Moment“, forderte Sparky mich auf und drehte sich um. Ich weiß nicht wie er es anstellte, aber einen Augenblick später zappelte eines dieser Viecher in seiner Hand.

Hier, schau ihn dir an.“

Was ich sah, konnte ich kaum glauben.

Dieses Wesen hatte den Körper einer Ratte, mit sehr langen Hinterbeinen, auf denen es durchaus auch stehen konnte. Ein kurzer, aber kräftiger

Schwanz zierte sein Hinterteil.

Am meisten überraschten mich seine Vorderpfoten, die in vierfingerigen, kleinen Händen endeten.

Der Kopf sah dem einer Fledermaus ähnlich, war aber noch hässlicher. Nur die Ohren waren wesentlich kleiner. Die Augen dagegen sehr groß. Und rot, ohne erkennbare Pupille.

Doch erschreckend war sein Maul, voller spitzer, schwarzer Zähne.

Sparky hielt es fest in der Hand, ein zischender Laut war zu hören, gefolgt von einem rhythmischen Piepsen.

Er ruft um Hilfe, aber keine Angst, gleich lasse ich ihn frei“, erklärte Sparky

und setzte das seltsame Wesen auf den Weg, wo es sofort im Dickicht

verschwand.

Das war ein Kobold?“, fragte ich unnötigerweise.

Ja und ich glaube, du musst noch viel lernen, bei den vielen Fragen, die du ständig stellst.“

Was geht hier vor, Sparky?“

Du musst vor allem lernen zu glauben, was du hier siehst. Denn es ist ebenso real, wie die Welt aus der wir kommen.“

Träume ich? Hast du mir irgendetwas ins Bier getan? Bin ich auf einem Trip?“

Wenn du LSD oder so etwas meinst, nein. Wir sind in der Anderswelt. In Tir na Nog. Begreife es. Nimm es an. Es ist so bestimmt.“

Ich begriff gar nichts. Das konnte alles nicht sein...und doch war ich hier.

Schweigend folgte ich Sparky und wir gingen den Hügel hinauf. Meine Erwartung endlich zu Erikas und Ullis Haus zu gelangen, wurde enttäuscht, denn hier war kein Haus, nur eine kleine, windschiefe Hütte, die mit allerhand seltsamen Zeichen und Symbolen verziert war. Das war eindeutig nicht Ullis und Erikas Haus, aber was dann?

Sparky, äh, was ist das hier? Wo sind wir?“

Sagte ich bereits, in Tir na Nog und das hier ist mein Haus. Komm hinein, sei bitte mein Gast.“

Über meinem Kopf bildete sich ein Fragezeichen, doch ich folgte ihm und trat ein. Die Hütte bot gerade einmal Platz für anderthalb Personen, irgendwie zwängte ich mich hinein und hockte mich auf einen kleinen Schemel, der neben einem winzigen Tisch stand.

Hast du Hunger? Möchtest du was essen oder trinken?“, fragte Sparky doch ich schüttelte den Kopf.

Nein danke, ich habe keinen Hunger“, antwortete ich, in meinem Kopf rumorte es. Das war alles irgendwie zu heftig, ich konnte es einfach noch nicht begreifen, was hier vor sich ging.

Keinen Hunger? Nach fast zwei Tagen ohne Essen hast du keinen Hunger? Das glaube ich nicht“, erwiderte Sparky.

Jetzt, als er es sagte, merkte ich, dass sich mein Magen plötzlich meldete und mir verkündete, dass ich aber doch hungrig zu sein hatte.

Wie zwei Tage? Ich war doch ...vorhin... noch bei...Shanley*s.“

Vorhin ist relativ. Die Reise dauert immer eine Nacht, einen Tag und noch

eine Nacht. Das ist hier so. Also, möchtest du etwas essen?“

Ja, gerne“, antwortete ich kleinlaut.

Was spezielles? Braten, Gemüse, Obst, Fisch oder Geflügel? Brot, Toast oder Kuchen? Suppe, Auflauf, Pizza, Burger? Sag was!“

Ich war wohl noch zu verwirrt, um wirklich zu verstehen, was er mich fragte.

Vielleicht war ich auch schon zu lange auf der Insel.

Pizza wäre nicht schlecht“, war deshalb wohl die Antwort.

Noch ehe ich begriff, was ich da sagte, verschwand Sparky durch eine

Hintertür, die eigentlich nur nach draußen führen konnte. Doch kaum war er

durch die Tür, als er durch die Eingangstür wieder herein kam. Ich staunte nicht schlecht, als er mir eine riesige Pizza servierte, belegt mit Meeresfrüchten, Artischocken, Sardellen, Pilzen, Peperoni und sogar Oliven. Meine Lieblingspizza.

Diesmal bildeten sich gleich mehrere Fragezeichen über meinem Kopf.

Der Anblick und der Duft ließen mich aber alle Fragen vergessen und ich verschlang die Pizza bis zum letzten Krümel.

Noch etwas zum Nachspülen?“ Sparkys fragenden Blick antwortete ich mit einem Kopfnicken.

Und wieder verschwand er durch die Hintertür und kam durch die Eingangstür wieder hinein, in den Händen hielt er zwei Pint Guinness.

Ich gab es auf.

Erklärungen bitte später, dachte ich mir und mit einem Sláinte vertilgten wir das köstliche Gesöff.

Ich war pappsatt und ließ einen kräftigen Rülpser vom Stapel, den Sparky sogar noch übertraf, sowohl in Lautstärke, als auch in Dauer.

Ich hatte so viele Fragen, doch überkam mich plötzlich eine bleierne Müdigkeit.

Ruh dich aus, du kannst dich hier hinlegen“, schlug Sparky vor und deutete auf ein kleines Bett an der Wand. Da würde ich nie hineinpassen, schließlich war ich 1,83 Meter groß und das Bett war eher für Kinder gedacht. Und wo wollte Sparky schlafen?

Kaum lag ich darauf, konnte ich noch feststellen, dass ich doch irgendwie hineinpasste und fiel einen Augenblick später in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 

Als ich die Augen wieder aufmachte, schnupperte ich den Duft von Kaffee. Köstlich.

Ich stand auf und musterte das Bett.

Da habe ich hineingepasst?, wunderte ich mich.

Ich schaute mich um, fand aber nichts, was auf eine Toilette hindeutete.

Sparky ahnte was ich wollte und drehte den Kopf zur Tür.

Ich verstand und ging hinaus.

Das Erste, was mir auffiel, war der fehlende innere Glanz der Dinge, die Aura um alles, der Kranz aus Licht.

Was ist denn nun los?, fragte ich mich, doch ich schob die Frage beiseite und

ließ erst einmal Druck ab.

Wieder in der Hütte, Haus wäre auch nicht so passend, wollte ich Sparky sofort fragen, was hier vor sich geht. Doch der winkte ab und deutete auf den kleinen Tisch. Dort stand das Frühstück, Kaffee, goldbraun gerösteter Toast mit...Roquefort Käse.

Woher weiß er, was ich am liebsten mag?

Ich schaute ihn an, doch er lächelte nur und ich stellte keine weiteren Fragen.

Irgendwann wird er es mir schon erklären.

Auch das beste Frühstück hat ein Ende. Zeit, um ein paar Fragen zu stellen.

Sparky, was geht hier vor sich?“, wollte ich wissen.

Nun, du bist in der Anderswelt. Hier ist einiges... eben anders.“

Ja, aber, ich meine, wie machst du das? Woher kennst du meine Lieblingsspeisen? Und wieso kannst du sie plötzlich hervorzaubern?“

Sagen wir mal so: Dein Wunsch ist mir Befehl.“

Versteh ich nicht.“

Du magst Pizza. Du magst diesen...Schimmelkäse, igitt. Das alles steht dir ins Gesicht geschrieben, drücken wir es mal so aus.“

Du meinst, du siehst es mir an? Kannst du Gedanken lesen?“

Vielleicht nicht lesen, aber du projizierst ein Bild in mir, dann brauche ich es mir nur zu wünschen und du bekommst, was du gerne hättest.“

Du wünscht es dir und es geht in Erfüllung?“

Yep.“

So einfach?“

Für mich schon, für dich noch nicht.“

Was bedeutet das nun schon wieder?“

Dass du es auch lernen kannst.“

Häh, ich kann mir Wünsche erfüllen? Einfach so?“

Wenn du dich genügend fokussierst, dir deinen Wunsch bildlich vorstellst, schon.“

Wenn ich es jetzt versuche...“

Wird es nicht funktionieren, soweit bist du noch nicht.“

Warum nicht?“

Warum kann ein Kind sich noch nicht fortpflanzen, warum kann ein Küken nicht fliegen? Es braucht nun mal seine Zeit, es muss reifen“, antwortete Sparky ungeduldig.

Bedeutet das, nach einiger Zeit kann ich es auch?“

Ja, aber nicht von ganz allein. Auch hier ist ein Lernprozess notwendig, den du mit meiner Hilfe schneller durchlaufen kannst.“

Wie soll das gehen?“

Hier ist einiges anders, vergiss das nicht. Bisher hast du nur einen Bruchteil dessen wahrgenommen, was hier die „Wirklichkeit“ ist.“

Bin ich ...real?“

So wirklich wie überall anders auch, hier brauchst du dich nicht anpassen. Wenn du es beherrschst, passt sich die Realität dir an.“

Häh?“

Es ist schwer zu beschreiben, geschweige denn mit Worten zu erklären. Aber was du hier lernen kannst, kommt anderen wie Zauberei vor. Wie Magie.“

Magische Fähigkeiten?“

Wenn du es so ausdrückst...ja.“

Toll!“

Nicht toll. Erstens bist du noch lange, lange nicht soweit und ob meine Zeit dafür ausreicht, das zu erleben, weiß ich nicht. Aber, sagen wir mal so:

Du könntest ein guter Zauberlehrling werden.“

Wie meinst du das?“

Was ich über die Beherrschung der Realität sagte, können nur wahrhaftige Meister. Davon gibt es überaus wenige. Lehrlinge dagegen gibt es reichlich.“

Heißt das, es gibt mehr wie ich?“

Nein, im Gegenteil. Menschen aus deiner Realität, sind hier sehr, sehr selten. Aber die Menschen der Anderswelt sind schon zahlreich.“

Wo sind denn dann die … Einheimischen?“

Hier und da, manchmal überall, manchmal nirgends. Zur Zeit lasse ich sie außen vor. Bis du soweit bist, die Anderswelt zu erkunden. Hab Geduld.“

Du sagtest, ich hätte eine Bestimmung hier.“

Ja, das sagte ich.“

Welche?“

Komm mit hinaus!“, forderte Sparky mich auf, also gingen wir hinaus.

Als du vorhin draußen warst, um zu pinkeln, was hast du gesehen?“

Äh, da muss ich erst mal nachdenken...“

Was siehst du jetzt?“

Ich schaute mich um und sah die übliche Landschaft, die Berge und Hügel, den See...der See!

Dort wo Lough Ballynacarriga sein sollte, erkannte ich nur … eine schwarze, alles Licht verschluckende Oberfläche, die sofort ein Gefühl des...Grauens in mir erweckte.

Sparky, sag mir was das ist!“

Alfred, das ist deine Bestimmung.“

Meine Bestimmung? Wie meinst du das?“

Was du dort siehst, ist das Vergessen. Tir na Nog wird vergessen. Bald weiß deine Welt nicht mehr, dass es uns hier gibt, unsere Welt. Eine Welt die nur dann existiert, wenn es noch Menschen gibt, die von ihr wissen. Wenn die Legende stirbt, stirbt auch die Anderswelt.“

Dann werde ich von ihr verkünden, wenn ich wieder ...in meiner Welt bin.“

Das sollst du auch, aber bis dahin musst du noch lernen. Denn bald wirst du aufbrechen müssen, um aus eigener Kraft in deine Welt zurückzukehren.“

Moment mal! Du hast mich hergebracht, dann kannst du mich auch wieder zurück bringen.“

Ja und Nein. Brächte ich dich jetzt zurück, würdest du alles vergessen, was du hier erlebt hast und könntest deine Bestimmung nicht erfüllen.“

Das heißt, ich muss hier bleiben? Was ist, wenn ich nicht will?“

Dann wirst du, wie gesagt, alles vergessen. Auch wir werden vergessen und ins ewige Nichts eintauchen und für immer verschwunden sein. Darum bitte ich dich, bleib bist du genug gelernt hast, um zum alten McGillycuddy zu gehen.“

Zu wem? Wohin?“

In die McGillycuddy's Reeks, ein Gebirge Nordwestlich von hier, dort lebt der alte McGillycuddy. Seinen wahren Namen kennt keiner, aber er ist der, der dir

helfen wird, den Weg zu finden.“

Weg? Weg wohin?“

Zurück in deine Welt.“

Dann lass uns gehen.“

Du hast nicht zugehört. Du musst noch lernen. Und ungeduldig wie du bist, fangen wir am Besten gleich an.“

 

Der Zauberlehrling

 

Sparky ging voraus und wir folgten bergauf einem kaum erkennbaren Pfad, bis wir den höchsten Punkt erreicht hatten. Ich war doch ziemlich überrascht als ich den seltsamen Stein auf der Hügelkuppe sah. Ich musste, wen wundert es, an Asterix & Obelix denken, als ich diesen Hinkelstein sah. Aufrecht stand er und war gute 3 Meter groß.

Wie mag der wohl hierhin gekommen sein?, fragte ich mich.

Das ist ein Feenstein“, wurde mir erklärt, was mir meine Frage allerdings nicht beantwortete.

Wie kam der denn hier hin?“, wollte ich von Sparky wissen.

Keine Ahnung. Ist doch auch egal, er ist hier“, war die Antwort.

Sparky reichte mir sein schwarzes Halstuch, das ich eigenartigerweise bisher nicht bemerkt hatte und bat mich, es mir vor meine Augen zu binden.

Was siehst du?, fragte er.

Nichts.“

Berühre den Stein.“

Ich legte meine Hände auf die Oberfläche des Obelisken.

Was siehst du?“, fragte Sparky erneut.

Nichts...nein warte. Ich sehe ...einen Glanz, eine Art Aura, die den Stein umgibt.“

Sehr gut. Was siehst du noch?“

Seltsam. Heute morgen war dieser innere Glanz und die Aura, welche alles umgab verschwunden. Aber jetzt sehe ich all das wieder, obwohl ich die Binde vor meinen Augen habe. Wie geht das?“

Das ist egal. Wichtig ist, dass du es siehst.“

Es war wirklich seltsam, ich sah nichts durch die Augenbinde, konnte aber ein Leuchten und Glänzen um alles herum was mich umgab, erkennen. Doch je mehr Konturen ich erkennen konnte, desto weniger Glanz umgab die Dinge.

Immer mehr Konturen wurden sichtbar und nach kurzer Zeit sah ich alles fast so genau, als ob ich es mit meinen bloßen Augen sähe.

Ich nahm die Augenbinde ab und konnte kaum einen Unterschied zwischen dem erkennen, was ich vorher mit und jetzt ohne die verdeckten Augen sah.

Sparky, das wird mir jetzt ein wenig unheimlich.“

Schau mich an!“, forderte er mich auf. Ich blickte ihn an und sah...Sparky,

den jungen Mann und gleichzeitig Sparky, den alten Mann.

Als ob ein Stroboskop diese Szene beleuchten würde, wechselte seine Erscheinung zwischen jung und alt, so schnell, dass ich mit meinen

Augen kaum folgen konnte.

Dann beruhigte sich das Bild, und der junge Sparky stand wieder vor mir.

Es ist alles nur in deinem Kopf. Du bestimmst, was du siehst. Ich hätte nicht gedacht, dass du es so schnell kannst. Das ist ein gutes Zeichen.“

Gutes Zeichen? Wofür?“

Wie soll ich sagen, dass du...dass du auserwählt bist die Bestimmung zu erfüllen.“

All meine Fragen und doch keine Antworten, die mir halbwegs weiterhalfen, etwas zu verstehen, wovon ich sichtlich keine Ahnung hatte.

Ich nahm also meine Unwissenheit gelassen hin und wartete auf neue Merkwürdigkeiten.

Sparky bat mich die Augenbinde wieder anzulegen und drehte mich dann im Kreis.

Zeige mir in welcher Richtung du den See siehst.“

Ich zeigte mit dem Finger auf den See, den ich trotz der verhüllten Augen sehen konnte. Sparky drehte mich wieder.

Zeige mir wo die Berge sind.“

Ich deutete auf die Berge, die sich nordwestlich von uns am Horizont befanden. Und wieder eine Drehung.

Wo ist meine Hütte?“

Ich zeigte, wo sie sich befand und Sparky drehte mich erneut, diesmal mehrmals im Kreis.

Was siehst du noch?“

Ich blickte um mich und sah, trotz Augenbinde, als ob sich mein Blick plötzlich fokussierte, Kühe auf den Weiden, in einer Entfernung, in der mit bloßem Auge nicht einmal ein Megalith zu sehen wäre. Ich musste nur genau hinsehen, dann sprangen mir selbst kleine Objekte, wie z.B. Maulwurfhaufen, buchstäblich ins Auge.

Ich schaute mich um und erkannte so viele Details, dass ich mir die Augenbinde abnahm und Sparky verwundert ansah.

Augenblicklich verschwand die Fokussierung, und mein Blick reduzierte sich

auf das vorherige Niveau.

Ich erzählte Sparky alles was ich gesehen hatte.

Du bist besser als ich erwartet habe. Aber wir belassen es für jetzt dabei, später ist auch noch Zeit. Lass uns eine kleine Pause machen“, schlug er vor.

Ich hockte mich in den Schatten des Hinkelsteins, Sparky ließ sich neben mir nieder.

Als ich so da saß, breitete sich plötzlich Unbehagen in mir aus und ich fing an zu denken.

Was mach ich hier eigentlich? Wieso bin ich hier? Soll etwas lernen, was ich bisher für abgehoben, zu esoterisch und einfach als Quatsch abgetan habe. Magische Fähigkeiten, eine undefinierbare Bestimmung, ein schwarzer See des Vergessens. Und ich hier in...Tir na Nog. Ein Zauberlehrling der keiner sein will und ein alter,nein, komischerweise junger Mann, sollte mein Meister,

mein Lehrer sein. Das konnte doch alles nicht wahr sein und ich wollte nur noch weg. Nach Hause...zurück nach Deutschland. Heim.

Langsam schlich sich Verzweiflung in meine Emotionen und der Wunsch,

Tir na Nog einfach zu verlassen, wurde fast übermächtig. Sollen sie mich doch alle am Arsch lecken. Erika und Ulli. Sparky. Irland und scheiß Tir na Nog. Nur noch weg hier!

Doch Sparky musste meine aufgewühlte Emotionalität gespürt haben. Ruhig redete er mit mir und beruhigte mich nach und nach.

Das Heimweh verflog und ich akzeptierte mein neues Dasein hier im Land der ewigen Jugend, Tir na Nog.

Still nahm ich die Eindrücke wahr, die mich dann bis in mein tiefstes Innerstes erreichten, roch die mich umgebenden Gräser, Blumen und Sträucher.

Sah eine einfach schöne Landschaft vor mir, hörte dem Gesang der Vögel zu und fühlte mich nur noch wohl. Eins mit dem was mich umgab, auf eine

Weise, die ich so noch nie gespürt, erlebt oder erfahren hatte. Ich ließ mich

fallen in dieses fast berauschende Gefühl von Verbundenheit, atmete das Glück und die Freude des Erlebens dieses einzigartigen Moments der

inneren Stille.

Du bist jetzt hier, hier in Tir na Nog. Diese Welt wird die schon bald helfen, die Kraft zu erlangen, die du brauchen wirst“, erklärte mir Sparky und holte mich in das Hier und Jetzt zurück.

Wie soll ich das verstehen?“, fragte ich.

Es ist alles in deinem Kopf, sagte ich bereits.“

Ich verstehe trotzdem nicht.“

Bald wirst du bereit sein. Bereit, deine Realität zu formen, und wenn du es beherrschst, wird das ein mächtiges Werkzeug, eine überaus starke Waffe.“

Werkzeug? Waffe? Sparky, wo führt das jetzt hin? Was du mir erzählst, klingt einfach...unglaublich. Bin ich für dich so eine Art...Jedi?“

Was ist ein Jedi?“

Das ist aus Star... egal. Du offenbarst mir, ich würde eine Art Superheld.“

Gibt es tatsächlich eine Steigerung von Held? Superheld? Super-

Superheld? Hyperheld? So ein Quatsch! Nein, nur ein Held, Alfred, nur ein Held.“

 

Sparky trainierte an diesem Nachmittag meine anderen Sinne. Es gelang mir Geräusche aus großer Entfernung zu hören, Düfte verschiedener Pflanzen und Tiere wahrzunehmen und feine Vibrationen der Luft, wenn ein Insekt vorbeiflog, oder Schwingungen aus dem Boden zu spüren, weil ein Maulwurf oder eine Wühlmaus aktiv war.

All diese neuen Erfahrungen ließen mich einfach nur staunen, aber auch fragen, wie das nur möglich war. Aber die Antwort war immer dieselbe.

Es ist alles in deinem Kopf.“

Es machte wohl keinen Sinn hier weiter zu insistieren, also ergab ich mich allem und lernte weiter.

 

Der Abend kam und wir gingen zu Sparkys Hütte. Zeit für das Abendessen.

Ich fragte nicht viel und wir redeten auch nicht viel.

Irgendwann servierte Sparky ein Guinness und bald darauf legte ich mich zur Ruhe.

Ich hatte soviel gelernt und nichts wirklich verstanden. Doch bevor ich mir selbst noch eine weitere Frage stellen konnte, war ich eingeschlafen.

 

Der folgende Tag bestand hauptsächlich aus Meditation. Etwas, das ich noch nie mochte. Stillsitzen und denken, dass man nicht denkt. Aktives Nichtdenken. Konnte ich noch nie. Aber irgendwie führte Sparky mich über seltsame Pfade zu meinem innersten Ego, Selbst, oder wie auch immer, bar jeglicher Emotionen, reine Vernunft, fähig mit mathematischer Präzision eruierte Erkenntnisse zu visualisieren. Doch nur für einen kurzen Moment. Mein „normales“ Denken gewann schnell wieder die Oberhand und ich

war wieder ich.

Aber mit etwas Übung gelang es mir irgendwann „den Spiegel“ zu sehen, wie Sparky es nannte. Eine spiegelnde Wasseroberfläche unter einem Himmel, der die Wasseroberfläche spiegelt.

Also, Alles und auch Nichts.

Am nächsten Tag lernte ich den Spiegel zu füllen. Zuerst mit Bildern, dann mit Gefühlen, mit Farben und Bewegung. Bis ich einen Film vor mir ablaufen sah, in dem ich Regie, Kamera und Besetzung war. Fantastisch. Kino von mir und für mich.

Und dann sah ich es. Ein Schemen, hell, fast durchscheinend, erschien auf meiner geistigen Leinwand, bildete einem Umriss, zerfloss in sich, formierte sich erneut zu einem amorphen Etwas und gestaltete sich zu einem menschlichen Körper.

Einer Frau.

Sie war schön. Außergewöhnlich schön.

Faszinierend schön.

Und zerplatzte wie eine Seifenblase, zerstob in kleinste Tröpfchen.

Aus den winzigen Tröpfchen wurden Tropfen. Aus den Tropfen wurden Blasen, dann Ballons und schließlich eine perfekte Kugel...eine Sphäre, die im von abertausenden Lichtpunkten erfüllt war.

Einer der Lichtpunkte flog scheinbar auf mich zu, doch dann realisierte ich, dass ich es war, der in diese Sphäre eintauchte und wie im Sturzlug auf das Licht hinab raste.

Das Licht wurde größer, bunter, differenzierter und ich konnte erkennen, dass es ein Planet war, eine Welt mit Meeren und Kontinenten, doch keine mir bekannten.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit stürzte ich auf diese Welt und der Spiegel zerbrach.

Ich war wieder in meiner Wirklichkeit.

Das war heftig“, entfuhr es mir und ich atmete erst einmal kräftig aus.

Was hast du gesehen?“, wollte Sparky wissen. Ich erzählte ihm alles so gut ich konnte. Es war nicht immer leicht, die richtigen Worte für das „Erlebte“ zu finden, doch am Ende nickte Sparky nur.

Das war sehr interessant. Es ist wie ich sagte, alles in deinem Kopf.“

Was habe ich denn gesehen? Wer war diese Frau? Was war das für eine Welt, die ich gesehen habe?“

Vivianae. Das ist Vivianae, die Herrin vom See. Sie weiß jetzt, dass du hier bist. Sie erwartet dich.“

Sie erwartet mich. Wo?“

Deswegen gehst du ja zum alten McGillycuddy. Er wird dich weisen.“

Ich dachte, dieser Alte würde mir zeigen, wie ich nach Hause komme.“

Indem er dich zu Vivianae schickt. So jetzt weißt du es. Frag nicht soviel.

Lass uns weitermachen.“

 

Die Tage vergingen und wurden zu Wochen. Dachte ich. Mein Zeitgefühl war völlig durcheinander und ich konnte bald gar nicht mehr bestimmen, welcher Tag war und wie lange ich schon mit Sparky an meinen neuen Fähigkeiten arbeitete.

Doch eines Morgens verließ er seine Hütte und kehrte erst Stunden später zurück.

Ich habe dir etwas mitgebracht, Alfred“, sagte er zu mir und überreichte mir einen Stock, sah aus wie ein Wanderstab. Schwarzes Ebenholz, unten daumendick und am Griff genau richtig für meine Hand. Über dem Griff befand sich eine kunstvoll geschnitzte Darstellung, die aus drei Tieren bestand. Zuunterst ein Schlangenkopf, darüber der Kopf eines Wolfs und darüber der Kopf eines Adlers. Der Stab hatte meine Größe und sah alt, sehr alt aus.

Dieser Stab wir dir noch gute Dienste leisten. Deine Kräfte, die du bis jetzt erlernt hast, kannst du in ihm bündeln. Er kann Werkzeug, aber auch Waffe

sein. Also, wähle sorgsam, zu was du ihn benutzen willst. Denn er lässt sich nicht missbrauchen.“

Was meinst du mit missbrauchen?“

Das wirst du sehen, wenn du es versuchst. Aber soviel, er ist einer der Guten. Weiß nicht, wie ich es sagen soll. Er ist eben...positiv.“

Ich wog den Stab in meiner Hand. Er war leicht, aber auch sehr hart und fest.

Lag gut in der Hand, und ich hatte das Gefühl, als wäre er eine Verlängerung meines Armes. Er gefiel mir.

Danke Sparky, das ist eine große Ehre für mich.“

Das soll es auch sein. Ich habe lange gewartet, bis der ...Würdige mir offenbart wird. Du bist der Auserwählte, davon bin ich überzeugt.“

Das ist aber nicht der einzige Grund, warum du ihn mir gibst, denke ich.““

Da hast du wohl recht. Ich übergebe ihn dir, weil du heute aufbrechen wirst.“

Heute schon?“

Heute Abend schon. Wenn die Sonne untergegangen ist, brichst du auf.“

Dann ist es doch dunkel“, entgegnete ich, wissend, dass die Nächte in Irland wirklich finster und dunkel sind.

Ja, genau. Dann wirst du den Weg leichter finden“, erwiderte Sparky.

Über meinem Kopf bildete sich mal wieder ein Fragezeichen.

 

 

Begegnungen

 

Der Abschied war kurz. Zu kurz für mich, aber Sparky drängte und schob mich fast aus seiner Hütte. Draußen umarmte er mich kurz, und ich sah eine kleine Träne in seinem Augenwinkel. Sparky reichte mir einen leeren Beutel aus Leinen, den ich an der Schulter tragen konnte, damit ich mich unterwegs mit Proviant versorgen konnte.

Schließlich zog ich los. In die Dunkelheit. In eine finstere Nacht in

Irland...nein, Tir na Nog. Denn da befand ich mich nun. Aber wirklich dunkel war es nicht. Ich konnte klar und deutlich alles erkennen, allerdings in

schwarz weiß. Wie in den alten TV- Geräten. Die Frage, warum ich alles so gut sehen konnte, stellte ich mir nicht. Ich dachte an Sparky, der mir sagte, es sei alles in meinem Kopf. Also nahm ich es so hin.

Die Richtung gab mir der Stab vor. Er zog mich, dem geringsten Widerstand folgend, in Richtung Nordwesten.

Ich wusste, dass die Berge noch weit, sehr weit entfernt waren. Da war es also noch ein gutes Stück zu wandern.

Irgendwie fielen mir aus einem alten Märchen, das ich noch aus meinen Kindheitstagen kannte, die berühmten Siebenmeilenstiefel ein.

Kaum gedacht zog sich mein Blickfeld zusammen, fokussierte sich auf einen Punkt weit vor mir und schon war ich da.

Hoppla, das ging aber schnell, dachte ich.

Wie ich das gemacht hatte, wusste ich nun wirklich nicht, aber das schien

wohl zu meinen neu erlernten Fähigkeiten zu gehören.

Ich befand mich auf einer Straßenkreuzung. Straße wäre aber übertrieben, eher eine Wegkreuzung.

Ich ging ohne Hilfe der Superstiefel weiter und gelangte zu einem Haus, das etwa hundert Meter abseits des Weges lag. Neugierig ging ich darauf zu, blieb aber plötzlich stehen, weil mir einfiel, dass es Nacht ist und die Bewohner durchaus in Panik geraten könnten, wenn ich mitten in der Nacht an ihr Haus klopfen würde.

Also ließ ich das und wanderte weiter durch die Nacht. Wolken zogen auf und auch der Wind frischte deutlich auf. Es wurde kühl.

Jetzt war ich froh, dass Sparky mir einen warmen, langen Mantel mit Kapuze überlassen hatte. Ich bekam nun langsam Hunger und dachte an ein leckeres Sandwich mit meinem Lieblingskäse. Ein Geräusch wie ein leises Magenknurren erregte meine Aufmerksamkeit. Es kam eindeutig aus dem Beutel. Also schaute ich hinein und entdeckte ein leckeres Brot mit Roquefort Käse.

Sehr praktisch, war mein erster Gedanke. Ich hockte mich auf einen Stein am Wegesrand, biss herzhaft hinein und ließ es mir schmecken. Um mich herum verstreut sah ich viele Dutzend, eher hunderte kleiner, schwarzer runder Kugeln. Woraus sie bestanden, konnte ich mir nicht erklären. Doch ich sollte es auf etwas unangenehme Art noch herausfinden.

Jetzt noch ein Stück Salami, fiel mir ein und das leise Knurren war wieder zu hören. Eine prächtige Salami fischte ich aus dem Beutel und biss mit Genuss ein Stück davon ab. Pikant und scharf, sehr wohlschmeckend.

Dazu noch ein Guinness, das wäre perfekt, dachte ich. Doch nichts geschah, kein Bier im Beutel, noch nicht mal Wasser.

Anscheinend konnte dieser Futterbeutel nur feste Nahrung generieren.

Ich beschloss diesen Beutel von nun an Fress- Sack zu nennen.

Durst hatte ich zwar noch nicht wirklich, aber zur Vorsicht wünschte ich mir eine saftige Orange, die ich gleich nach dem Knurren verzehrte. Jetzt wusste ich also, wie Sparky all die leckeren Speisen in der Hütte hervorzauberte. Dem Fress- Sack sei Dank.

Ich wollte gerade aufbrechen, als ein leises, scharrendes Geräusch unter mir zu hören war. Erst wölbte sich der Boden etwas, dann brach die Erde darunter weg und ein kleiner Trichter entstand, so groß wie ein Maulwurfhügel, nur andersherum. Etwas braunes, pelziges wühlte sich aus der Erde heraus steckte kurz seinen Kopf hinaus und drehte sich bis seine Kehrseite nach außen ragte, nicht weit, nur ein paar Zentimeter. Bis an die frische Luft, die nicht mehr lange frisch bleiben sollte, denn dann furzte es.

Laut, flatternd, mehrmals die Tonlage wechselnd und lange, sehr lange. Einen solchen Furz hatte ich bisher weder gehört, noch jemals davon gehört und schon gar nicht gerochen. Er stank fürchterlich. Ich spürte sprichwörtlich, wie meine Gesichtsfarbe ins grünliche wechselte. Der Furz war wirklich übel, nie hätte ich geglaubt, dass es einen solchen Gestank geben könnte.

Lassen die Blumen wirklich ihre Köpfe hängen?, dachte ich, als ich die Wiese so sah. Gut, dass ich schon gegessen hatte, denn sonst wäre mir der Appetit vergangen. Doch es war noch nicht vorbei. Um mich herum begann eine Sinfonie der Fürze. Es müssen Dutzende dieser...Meister der Darmwinde gewesen sein, die da aus dem Erdreich heraus ihren Beitrag zur Gasversorgung leisteten. Ich bildete mir ein, eine Melodie in dieser Ouvertüre der Düfte zu hören, doch es entwickelte sich eine Sinfonie des Grauens. Denn plötzlich begann mit einem lauten Plopp und vielen weiteren Plopps ein Hagelschauer aus Stinkerkacke auf mich abzuregnen. Kleine, kugelförmige Kotbrocken prasselten auf mich nieder. Der Gestank war ekelhaft. Widerlich, wie er meine Nasenhöhlen verätzte. Bildete ich mir das ein, oder konnte ich diese Ausdünstungen der Hölle wirklich...schmecken? Einfach nur abartig. Für die Kobolde aber anscheinend nicht abartig genug, denn ich sah mindestens ein halbes Dutzend von ihnen in den Erdlöchern verschwinden. Sie stürzten sich geradezu in die Löcher hinein und ich hörte ihr Fiepsen, als sie die unterirdischen Gänge entlangliefen. Sie waren wohl auf der Jagd.

Ich dagegen fühlte mich geradezu genötigt, diese Stätte des übelsten Miefs zu verlassen und wanderte zügig weiter, bis der Morgen graute und ich am Horizont die Berge erkennen konnte. Es war noch ziemlich frisch, also zog ich mir die Kapuze über den Kopf.

Zwei Superschritte und ich war am Fuße der McGillycuddy's Reeks und die Sonne ging auf.

Dann sah ich ihn, den ersten Menschen aus Tir na Nog, nach Sparky. Freudig ging ich auf ihn zu und wollte ihn begrüßen. Doch er schaute mich nicht an und ging grußlos an mir vorbei.

Seltsam, dachte ich und drehte mich zu ihm um, aber er ging einfach weiter. Ich rief ihm einen Morgengruß zu und sichtlich erschrocken blickte er sich um, schaute nach links und rechts, schüttelte den Kopf und ging weiter. Ich rief ihm erneut einen Gruß zu. Wieder drehte er sich um, doch bevor er weitergehen konnte, grüßte ich erneut und der Mann lief panisch davon. Ich verstand das nicht und lief ihm hinterher, bittend das er stehen bleiben möge. Der Mann blieb stehen und schaute suchend umher. Vom Laufen war mir warm geworden und ich setzte die Kapuze ab.

Ein Zauberer, ein Meister der Magie bist du also. Hätte ich ich mir doch gleich denken können. Warum hast du mich so erschreckt?“, beklagte er sich.

Ich schaute mir den Mann an. Eigentlich war er eher ein Bursche von vielleicht 16 oder 17 Jahren. Lang, schlaksig und rothaarig stand er vor mir.

Ich wollte dich nicht erschrecken, sehe ich denn so erschreckend aus?“, wollte ich wissen.

Du hast gar nicht ausgesehen, deine Stimme kam aus dem Nichts, du warst unsichtbar“, antwortete er ruhig, fast schon beiläufig.

Jetzt verstand ich, wenn ich die Kapuze überzog wurde ich unsichtbar, ein nettes Gimmick dieses Mantels.

Ich möchte mich entschuldigen. Darf ich dir etwas zu Essen anbieten?“,

fragte ich ihn. Ich hoffte mit ihm reden zu können, dem ersten Menschen, dem ich in Tir na Nog begegnete, nach Sparky natürlich.

Gerne. Tatsächlich habe ich noch nicht gefrühstückt.“

Was möchtest du essen?“, fragte ich.

Bacon and eggs, dazu gebratene Würstchen, heiße Cherrytomaten und Toast, wären schön.“

Also ein englisches Frühstück, dachte ich und schon konnte ich ihm das Gewünschte darbieten. Er schien aber überhaupt nicht überrascht zu sein und nahm es dankend an. Ich wünschte mir dasselbe und schon nahmen wir zusammen ein englisches Frühstück zu uns. Ein englisches Frühstück in Tir na Nog, ist doch irgendwie... surreal. Ich erzählte ihm von meiner Begegnung mit den Flatulenzlern.

Das waren die Stinker, die müssen regelmäßig an die frische Luft, weil sie sonst in ihrem Bau an den eigenen Fürzen ersticken würden.“

Wohl eher...erstinken“, gab ich noch lachend dazu.

Allerdings locken sie damit die Kobolde an“, erklärte mir der junge Bursche.

Die fressen Stinker für ihr Leben gern“, fügte er noch hinzu.

Wie heißt du?“, fragte ich ihn schließlich.

Henry. Henry Miller vom Holly Hill.“

Ich grüße dich Henry, mein Name ist Alfred und ich komme aus Deutschland.“

Deutschland? Wo ist das? Ich kenne mich hier gut aus, aber einen solchen Namen für einen Ort, habe ich noch nie gehört.“

Deutschland ist ein Land“, erklärte ich.

Quatsch, es gibt kein anderes Land. Es gibt nur Tir na Nog.“

Was ist mit England, Schottland...Irland?“, konterte ich.

Nie gehört. Wie gesagt, es gibt nur Tir na Nog.“

Klang für mich erst einmal seltsam, aber seltsames gab es hier wohl öfter.

Schade, dass ich dir nichts zu trinken anbieten kann, aber mein Fress- Sack

kann wohl nur Speisen erschaffen.“

Da kann ich abhelfen. Was möchtest du denn trinken?“, fragte mich Henry vom Holly Hill.

Tee wäre nicht schlecht, denke ich.“

Der Junge nahm seinen Rucksack, der mir vorher gar nicht aufgefallen war, vom Rücken, griff hinein und reichte mir einen Becher mit köstlichem Earl Grey Tee.

Nanu, du kannst Getränke zaubern?“, fragte ich.

Kann jeder. Du hast nur keinen Becher im Beutel, deswegen geht es nicht. Hier, nimm einen von meinen.“

Kannst du auch Speisen aus deinem Rucksack...hervorzaubern?“, fragte ich vorsichtig.

Selbstverständlich. Das kann hier jeder. Ist nichts besonderes.“

Ich dachte kurz über das Gesagte nach und kam zu folgender Frage: „Wenn alle ihr Essen selber erschaffen können, geht ihr dann noch arbeiten?“

Arbeiten? Was ist arbeiten?“

Wie soll ich das erklären? Hm, wie verdienst du Geld?“

Was ist Geld?“

Oh Gott, wo führt das jetzt hin?, dachte ich.

Naja, man tut etwas für jemand anderen und bekommt als Lohn eben Geld, mit dem man sich Essen kaufen kann.“

Hier brauche ich kein Essen zu kaufen. Warum soll ich dann arbeiten?“

Heißt das, dass inTir na Nog niemand arbeitet?“

So ist es. Was ist das an deinem linken Arm?“

Ich schaute und sah meine...Armbanduhr. Ich hatte die ganze Zeit nicht bemerkt, dass ich sie trug. War wohl zu selbstverständlich.

Eigenartigerweise bewegte sich der Sekundenzeiger immer eine Sekunde vor und zurück. Sehr seltsam.

Das ist eine Uhr. Damit wird die Zeit gemessen.“

Die Zeit gemessen. Wie meinst du das?“

Ich weiß dann, wann die Sonne aufgeht, wann es Mittag ist und wann der Abend kommt.“

Dazu brauch ich keine Uhr. Ich sehe den Sonnenaufgang, sehe sie am höchsten Punkt und ich sehe sie untergehen. Wozu also eine Uhr?“

Ich erkannte, das die Diskussion zu nichts führen würde und fragte: „Wie alt bist du?“

Weiß ich nicht, ich bin schon immer.“

Und die anderen Menschen hier?“

Die auch“, antwortete er lapidar.

Und die jungen und alten Menschen?“

Hier gibt es nur junge Menschen. Hier ist Tir na Nog“, antwortete er, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Es gibt doch den alten McGillycuddy?“

Der heißt nur so.“

Ich bin unterwegs zu ihm.“

Das ist schön, grüße ihn von mir. Auf Wiedersehen“, sagte Henry, stand auf und ging los. Doch dann drehte er sich um und fragte mich: „ Würdest du diese Uhr tauschen? Mir gefällt dieser Glanz.“

Das ist eine Rolex...“, erklärte ich und fügte kleinlaut „...Kopie“, hinzu.

Ich hatte sie irgendwann für kleines Geld einem Bekannten abgekauft.

Ich gebe dir diese gelben Metallstücke dafür“, bot er an und reichte mir zwei Goldmünzen. Eigenartige Runen und Zeichen befanden sich auf beiden Seiten der Münzen.

Da ich mit der Uhr hier offensichtlich nichts anfangen konnte, willigte ich dem Tauschgeschäft zu und gab ihm meine...Rolex.

Danke und viel Glück auf deinem Weg“, war das Letzte, was ich von ihm hörte, bevor er hinter der nächsten Biegung verschwand.

Ich folgte dem Weg in Richtung der Berge und hörte nach einer Weile ein rumpelndes Geräusch voraus, als mir auch schon ein Wagen mit Pferd und

Kutscher entgegenkam. Das Pferd war wirklich eine alte.. Schindmähre. Es war abgemagert, sein ehemals weißes Fell nur noch matt, verfilzt und von Schmutz verdreckt. Der Kutscher aber war hässlich und abstoßend. Hatte er doch ein Gesicht wie ein...Schwein. Seitlich ragten Hauer aus seinem Unterkiefer, Sabber tropfte hinab und er stank. Seine Augen waren nur Schlitze und der Rüssel, eine Nase war das sicher nicht, war riesig und die, naja, Nasenlöcher waren wie der Eingang in zwei schwarze Grotten.

Vereinzelte graue Borsten sprossen seitlich aus seiner Kopfhaut, aber ein Fell war das nicht. Eher eine lichte Behaarung. In seinen nach oben stehenden Ohren wucherten Büschel aus schwarzen, öligen Haaren. Völlig schräg war aber seine Kleidung. Er sah aus wie der Rattenfänger von Hameln, mit seiner an der Schulter hängenden Holzflöte und dem spitzen, kleinen Hut zwischen seinen großen Lauschern.

Auf seinem Wagen hatte er einen großen Käfig geladen, in dem Dutzende Kobolde hin und her wuselten, sich übereinander drängten und ständig nach Hilfe piepsten. Das erklärte mir die Flöte, damit lockte er die Kobolde in die Falle.

Hey, Kutscher! Wohin des Weges?“, rief ich dem Schweinegesicht zu.

Geh aus dem Weg, Bursche, sonst zieh ich dir mit der Peitsche eins über!“, brüllte mich der Kutscher an, obwohl ich doch höflich fragte. Schon schwang er die Peitsche und schlug nach mir. Doch ich reckte die Spitze des Stabes auf sie, die Peitsche ringelte sich um meinen Stab und ich zog die Schweinebacke vom Bock. Wütend rappelte sich diese Kreatur auf und kam drohend auf mich zu. Doch ich brauchte nichts tun, denn mein Stab erwachte zum Leben. Der Wolf mischte sich ein. Wie aus dem Nichts erschien er zwischen mir und dem Angreifer und knurrte furchterregend. Das Schwein hielt inne und machte sich davon. Ich hörte es undeutlich schimpfen

und zetern, aber eines hörte ich genau. Mit einem Meister lege ich mich nicht an, waren einige der vielen Worte. Ich aber hatte aber noch Fragen und zog

dieses „Geschöpf“ mit der Kraft des Stabes zurück.

Ich habe dich, freundlichst, gefragt, wohin des Weges. Du bist mir noch eine

Antwort schuldig. Und was machst du mit den Kobolden? Antworte, schnell!“

Ich bin unterwegs zur Herrin vom See und die Kobolde sind für die Herrin“, beeilte sich diese Schimäre zu sagen.

Was macht sie mit den armen Viechern?“

Das weiß ich nicht, ...Meister“, war die kleinlaute Antwort.

Was bekommst du dafür?“, wollte ich wissen.

Die Herrin sagt, wenn ich genügend Kobolde gebracht habe, werde ich wieder meine frühere Gestalt bekommen. Ich war nämlich einmal eine hübsche, junge Frau, Meister, müsst ihr wissen.“

Ich wollte lieber nicht wissen, was sie getan haben musste, um so eine Strafe zu verdienen.

Du lässt die Kobolde jetzt wieder frei, dann werde ich von einer Bestrafung absehen“, trug ich ihr auf.

Selbstverständlich, Meister. Selbstverständlich.“

Die Kobolde wurden vom Wagen geladen, die Käfige geöffnet und im Nu waren alle im Dickicht verschwunden.

Nun zieh deines Weges und wehe dir, ich sehe dich wieder mit Kobolden als Ladung. Also, hüte dich!“

Ja, Meister.“

 

Das Gespräch mit Henry vom Holly Hill hatte mich ins Grübeln gebracht und ich beschloss eine Antwort zu finden. Ich schaute mich um, und sah einen Hügel, dessen Kuppe ich mit meinem Superschritt schnell erreichte. Weites Land vor meinen Augen. Hügel, Täler, Wälder und Wiesen offenbarten sich mir als ein wahrer Augenschmaus.

Meinen Blick fokussierend erkannte ich Häuser, Höfe, Wege und Menschen.

Tatsächlich, alle Menschen die ich erblickte, waren...jung. Tir na Nog, das Land der ewigen Jugend. Anderswelt. Hier bewahrheitete sich sein Name.

Jetzt wusste ich erst einmal genug. Zeit, mich auf den Weg zum alten McGillycuddy zu machen.

Doch wo genau ich zu suchen hatte, erschloss sich mir noch nicht. Ich wanderte also mehr oder weniger ziellos umher und durchstreifte das Land.

Eine Gestalt in der Ferne erregte meine Aufmerksamkeit. Sie kam mit Riesenschritten auf mich zu, und war schon bald bei mir. Noch nie habe ich jemanden mit solch langen Beinen gesehen. Es sah aus, als ob er auf langen Stelzen ging. Ein kleiner Kopf auf seinen Schulter, mit einer extrem langen und gebogenen Nase, ließ ihn wie einen Storch aussehen. Nein, Storch war nicht passend, eher ein...Marabu. Ein schwarzer, etwas zu kurz geschnittener Frack und ein langer, ebenfalls schwarzer Zylinder auf seinen Kopf, vervollständigten das Bild dieses afrikanischen, hässlichen Vogels, der aufgrund seines Aussehens, als der...Leichenbestatter unter den Vögeln galt. Ich setze zu einem Gruß an, doch der “Marabu“ sagte nur: „Keine Zeit. Keine Zeit, muss weiter. Immer weiter, immer weiter...“

Dabei klapperte sein Gebiss und rundete damit auch klanglich den Eindruck eines komischen Vogels ab. Eine seltsame Gestalt, die weiter stakste und nach ein paar Schritten hinter der nächsten Kurve verschwand. Dieses Land war voller Überraschungen.

Wie der komische Vogel, musste auch ich weiter, immer weiter.

Ich „katapultierte“ mich auf einen der höheren Berge und da sah ich ihn, diesen seltsamen Berg. Über 1000 Meter hoch, schätzte ich und geformt wie eine ...Pyramide. Dieser Anblick faszinierte mich. Perfekt wie eine ägyptische Pyramide erhob sich dieses Massiv, umsäumt von kleineren Bergen, inmitten einer fantastischen Landschaft.

Das konnte nur der richtige Berg sein. Es dauerte auch nicht lang, bis ich am Fuß des Berges war. Ich ließ meinen Blick schweifen und fand schon bald einen dunklen Fleck, der sich als Eingang zu einer Höhle entpuppte.

 

Der Alte

 

Natürlich ging ich hinein.

Ich erwartete nichts und so war es auch.

Geröll und Steine jeglicher Größe lagen im Eingangsbereich herum, doch je weiter ich hineinging, um so weniger wurden sie.

Nach ein paar Biegungen wurde es dunkel. Doch nicht für mich, für mich war es dank meines Trainings mit Sparky, taghell, in schwarzweiß.

Ich erkundete weiter die Höhle und gelangte zu einem kleinen Teich inmitten einer riesigen Grotte. Helles Licht fiel durch Spalten und Löcher weit oben in der Höhlendecke. Dann sah ich etwas, dass wie ein Stuhl oder Sessel

aussah, von einem Lichtstrahl durch die Decke hell erleuchtet. Doch als ich näher kam, erkannte ich, was es war. Ein Thron aus Stalagmiten und Stalaktiten. So etwas Kunstvolles hatte ich noch nie gesehen. Das Werk des Künstlers namens: Natur. Anders konnte ich es nicht benennen.

Voll Ehrfurcht näherte ich mich diesem Kunstwerk und konnte den aufkommenden Impuls nicht unterdrücken. Ich setzte mich auf diesen steinernen Thron.

Welch unsägliche Kreatur wagt es meinen Platz einzunehmen? Hinfort mit dir, Unhold! Wage es nicht, diesen Ort mit deiner abscheulichen Anwesenheit zu beschmutzen!“ Lautes Gezeter durchdrang die Höhle und warf sogar Echos.

Eine Gestalt, genau wie ich in einen langen Kapuzenmantel gehüllt, stapfte auf mich zu.

Wer bist du, dass du es wagst deine Ausdünstungen hier zu verbreiten?“

Halt ein, guter Mann. Hab keine Angst. Mein Name ist Alfred...aus Deutschland und ich suche den alten McGillycuddy.“

Wer wagt es hier mich alt zu nennen? Fremder, hüte er seine Zunge!“

Bitte um Vergebung, edler Herr“, beeilte ich mich zu sagen. „Aber ich suche...genau euch.“ Ich beschloss lieber in der dritten Person mit ihm zu reden und stand schnell auf, um dem alten Mann seinen Platz zu überlassen.

Dann sage er mir seinen Grund.“

Ich bin auf dem Weg zur Herrin vom See und mir wurde kundgetan, Ihr könntet mir helfen.“

So so, zur Herrin vom See, will er also, hihihi.“

Warum lacht Ihr?“

Viele wollten zu ihr. Doch keiner kam zurück.“

Warum kam keiner zurück?“

Warum? Ganz einfach. Sie wollten das Falsche.“

Wie meint Ihr das?“

Junge, hör auf in der dritten Person zu reden. Ist doch albern.“

Ja, gut. Also, wie meintest du das, das Falsche?“

Ah, das erkennst du, nachdem du es dir gewünscht hast.“

Aber dann ist es doch zu spät, das Richtige zu wünschen.“

Darum wähle sorgsam und sei reinen Geistes.“

Was ist denn mit den Menschen, die bei der Herrin waren und nicht mehr

zurückkamen?“

Die sind noch bei ihr. In ihr. Sie hat sie verzehrt, weil sie eine unreine Seele

hatten.“

Sie hat sie...gefressen?“

Nein, was du schon wieder denkst. Nein, sie hat sich ihre Seelen einverleibt. Sie nährt sich von deren Lebensenergie. Bis der Richtige mit reinem Herzen kommt. Dann wird sie wieder.. zur Frau und der Fluch ist gebannt.“

Ausgerechnet diese Frau sollte ich aufsuchen? Das waren ja schöne Aussichten.

Du hast einen sehr schönen Wanderstab, darf ich ihn mal sehen?“, fragte

mich der Alte. Der Alte war gar nicht so alt, wenn ich ihn genauer betrachtete. Er war nicht älter als ich, nur sein langer, spitz zulaufender, mit silbernen Fäden durchflochtener Vollbart, ließ ihn so alt erscheinen.

Ich reichte ihm den Stab und er begutachtete ihn sehr genau.

Das ist eine schöne Arbeit. Kommt mir bekannt vor. Ich kann nur nicht sagen, wo ich so einen schon mal gesehen habe. Muss wohl schon sehr lange her sein.“

Die geschnitzten Figuren erregten sichtlich seine Aufmerksamkeit.

Alfred, dass du diesen Stab hast, ist etwas sehr besonderes. Bist du ein... Auserwählter?“, fragte er sehr vorsichtig. Auserwählter, das hatte ich schon von Sparky gehört.

Sparky nannte mich so.“

Sparky? Kenne ich nicht. Aber egal, dass du ihn hast und er dir nicht die Hand verbrannt hat, beweist mir, dass du würdig bist“, erklärte er.

Würdig für was?“, fragte ich.

Würdig für das, was jetzt kommt.“

Der Alte gab mir den Stab zurück und sprach in einer sehr seltsamen Sprache, die seltsamsten Laute, die ich je vernommen hatte.

Als erstes kroch eine Schlange auf mich zu. Ich wollte zurückweichen, doch der Alte gebot mir stehen zu bleiben. Zischend richtete sich die Schlange auf und wurde immer größer. Bis ihr Kopf, doppelt so groß wie meiner wurde und sich unmittelbar vor mir zu den Seiten wiegend hin und her bewegte. Sie starrte mich aus ihren dunklen Augen an. Sie wollte mich...hypnotisieren! Doch ich starrte stattdessen zurück und die Bewegungen der Riesenschlange wurden langsamer und hörten auf. Sie schrumpfte zur Größe einer...Blindschleiche und kroch auf mich zu.

Dann wand sie sich den Stab hinauf, bis sie das obere Ende erreichte und im geschnitzten Schlangenkopf, der sich auf einmal in edles Silber verwandelte, verschwand.

Erstaunt blickte ich den Stab an. Doch es ging weiter. Ein Wolf trabte heran und begann bedrohlich zu knurren. Auch er wuchs ins Riesenhafte und schlich um mich herum. Ich drehte mich mit ihm im Kreis, ihn immer im Auge

behaltend. Mein Blick wurde zum Blick der Schlange und es gelang mir dem riesigen Wolf direkt in die Augen zu sehen. Sofort blieb der Wolf stehen und kuschte vor mir. Dann schrumpfte er, kam auf mich zu und wurde zum

güldenen Wolfskopf, genau dort wo die Schnitzerei war.

Nun fehlte nur noch der Adler. Kaum gedacht, flog er heran und stürzte sich

auf mich. Reflexartig duckte ich mich und der Adler verfehlte mich um Haaresbreite. Mit ausgestreckte Krallen startete er seinen neuen Angriff. Ich wollte ihn mit dem Stab zur Seite schlagen, doch der Stab gehorchte nicht meinem Willen.

Soviel dazu, das er sich nicht missbrauchen lässt, dachte ich, als auch der nächste Angriff begann. Ich ließ den Stab fallen, doch er fiel nicht, er blieb einfach wie angewurzelt stehen. Ich wich den Krallen geschickt mit einer Körperdrehung aus. Ich wunderte mich über meine Schnelligkeit, mit der ich reagierte. So schnelle Reflex kannte ich nicht von mir.

Das war die Schnelligkeit des Wolfes.

Dem nächsten Angriff wich ich wieder geschickt aus. Der Adler startete einen erneuten Angriff, flog auf mich zu und blitzschnell ergriff ich seine Klauen. Sofort begann auch hier der Schrumpfungsprozess und ich setzte den Adler auf sein geschnitztes Konterfei. Es wurde zu reinem Kristall.

Nun seid ihr vereint. Die Kraft der Erden Tiefe, die Kraft des weiten Landes und die Kräfte der Lüfte und Winde. Vereint in diesem Stab. Mögest du ihn weise benutzen.“

Der Alte blickte mich an und lächelte.

Ich habe schon so lange hier gesessen und darauf gewartet, dass eines Tages ein Jüngling erscheint und endlich mein Traum sich erfüllt.“

Welcher Traum?“, wollte ich wissen.

Der Traum es vollbracht zu haben. Die Kraft der Elemente in diesen Stab zu

vereinen. Das war meine Bestimmung. Nun darf ich endlich ruhen, schlafen...“ Die letzten Worte hörte ich nur noch sehr leise. Seine Stimme erstarb und der alte McGillycuddy wurde zu Stein.

In seinem steinernen Thron vereint zu einer in Stein, in Tropfstein gehauenen Plastik eines unbekannten Künstlers.

 

Es war nun Zeit zu gehen. Doch wohin? Zur Herrin vom See, natürlich. Aber wo genau? Wo ist der See, der ihr diesen Namen gab? Wenn ich die Höhle auf dem Weg verließ, den ich benutzt hatte, um hierhin zu gelangen, würde ich keinen See finden, das wusste ich. Also schaute ich mich weiter um.

Meine Schritte hallten in der Höhle, ließen Echos ertönen und manchmal hörte ich etwas, das sich wie Wassertropfen die in ein Becken fallen, anhörte.

Ich sah fünf dunkle Schatten auf der Höhlenwand. Eingänge in die Unterwelt oder Ausgänge, das war hier die Frage. Der Adler stieg aus dem Stab empor, flog in den mittleren Schatten und ich folgte ihm. Der Weg schlängelte sich weit durch den Berg hinauf, bis ich einen hellen Schimmer bemerkte, der mich tatsächlich zum Ausgang führte.

Dort endlich offenbarte sich mir der See.

In einem grünen Tal liegend, von Bergen umgeben und mit einer Insel in der Mitte. Als ich genauer hinschaute, erblickte ich die Burg und mir wurde klar, wo ich hin musste.

Bis zum Ufer war es für mich nicht so weit, für alle anderen wären es mehrere

Kilometer. Bergab, durch Dornenbüsche und Geröll. Doch ich entschloss mich, diesen Weg ganz normal zu Fuß zurück zu legen. Der Abstieg von der

Bergspitze war gar nicht so schwer und schon bald entdeckte ich einen schmalen Wildpfad, der mich stetig bergab führte. Nach etwa halber Strecke bemerkte ich, dass es mit jedem Schritt dunstiger wurde, bis ich schließlich

durch dichten Nebel gehend, das Seeufer erreichte. Der Nebel war selbst für meinen Blick undurchdringlich und lag wie eine dichte Wolke über dem See.

Am Ufer stehend, stellte ich mir die Frage, wie ich zur Burg kommen sollte. Mal eben ein Boot bauen, schied ich aus. Doch dann kam die Eingebung, die Idee. Eigentlich unwahrscheinlich, aber hier in Tir na Nog schien ja alles möglich zu sein. Ich nahm eine der Goldmünzen, die ich von Henry hatte und warf sie in den See. Doch ich hörte kein Geräusch, kein Plätschern, keinen Aufprall. Stattdessen kam ein Boot mit einer, in einem schwarzen Gewand mit Kapuze über dem Kopf gehüllten Gestalt, auf mich zu gerudert, welche die Münze in der Hand hielt.

Die Gestalt nickte mir zu und ich stieg ein. Wortlos setzte mich dieser seltsame Fährmann über.

Ich stieg aus dem Boot und sah die Burg, der Nebel lag rings um dieses Eiland und ließ mich das Bauwerk ungetrübt erblicken. Es war schon gewaltig. Die Mauer mit ihren vielen Zinnen war mindestens 15 Meter hoch und vermutlich mehrere Meter dick. Aber sie war nicht aus einzelnen Ziegeln oder Steinen gefertigt, sondern wirkte wie aus einem Stück gehauen. Fest und undurchdringlich, das war die eindeutige Botschaft dieser grauen Festung. Die Außenmaße dieses Bauwerks betrugen über hundertfünfzig Meter in jede Richtung dieser vom Grundriss her quadratischen Fläche. An jeder Ecke erhoben sich Wachttürme 30 Meter über der Mauer und waren durch kegelförmige Dächer geschützt.

Es gab keinen Burggraben, keine Zugbrücke, sondern nur einen runden Eingang, der wie durchbohrt aussah. Sein Durchmesser betrug gute 10 Meter, aber er verjüngte sich auf etwa 5 Meter, bevor man den Burghof betreten konnte.

Dieser trichterförmige Eingang machte sofort auf mich den Eindruck einer Falle.

Ein leichtes Flimmern war im Eingang zu sehen und machte den Blick hindurch unscharf, wie durch einen Schleier. Ich warf einen Stein, doch er prallte an diesem Schleier einfach ab. Vorsichtig näherte ich mich, berührte mit den Fingerspitzen diese flimmernde Sphäre und durchdrang sie mit meiner Hand. Einen Schritt später stand ich zwischen zwei Sphären. Die Eingangssphäre lag hinter mir, die Ausgangssphäre in den Hof nun vor mir.

Bevor ich weiterging, wollte ich aber noch etwas wissen und ging zurück. Wie erwartet konnte ich nicht mehr hinaus. Das war eine Einbahnstraße. Ich saß nun also in der Falle und es gab nur noch den Weg hinein.

Also ich ging hinein und erreichte den Innenhof, der völlig einsam und leer

nun vor mir lag. Niemand war zu sehen. Keine Menschen oder Tiere. Noch nicht einmal Pflanzen. In der Mitte waren mehrere Käfige, die ich schon beim Koboldfänger gesehen hatte, zu Stapeln aufgetürmt.

Das Haupthaus bestand aus einem mächtigen, mit reichlich Stuckarbeiten verzierten Bau. Mit einer Breite von etwa 80 Meter und einer Höhe von

mindestens 30 Meter war es noch gewaltiger als die Festungsmauer. Das aus weißen Kalkstein erbaute Haus war um einen sich nach oben verjüngenden, weiß getünchten Turm errichtet. Weit oben, über 100 Meter hoch, kragte ringsum eine Brüstung heraus, die von einem kegelförmigen, schwarzen Dach überbaut war.

Das war mein Ziel. Wie konnte es auch anders sein. Ganz oben in diesem...Mäuseturm.

Doch um dort hinzukommen musste ich durch das Haupthaus, das war mir auch klar, also machte ich mich auf die Socken.

 

Die Herrin vom See

 

Ich ging auf das Eingangstor zu. Es bestand aus zwei tiefschwarzen Türflügeln, die sich wie von Geisterhand öffneten und mir den Weg ins Innere freimachten. Ich trat hinein und die Türen schlossen sich wieder.

Es war ein atemberaubender Anblick. In der Mitte eines auf acht Säulen ruhenden Kuppeldaches stand aufrecht der Fuß des Turmes, der durch den Oculus in der Mitte nach oben strebend, in den Himmel zu wachsen schien.

Das Licht, welches durch den ringförmigen Oculus fiel, ließ mich alles in diesem riesigen Raum bestens erkennen. Auch die vielen kleinen Löcher in der Wand, die unregelmäßig angeordnet waren und wie durch die Wand gebrochen aussahen. Sahen aus wie Mauselöcher, nur größer. Das hatte

seinen Grund, denn es waren keine Mäuse, die zu Dutzenden, nein

hunderten aus den Löchern strömten, sondern Ratten. Und der Strom schien nicht zu versiegen.

Doch bevor mich die erste Ratte erreichte, zog ich die Kapuze über den Kopf und wurde unsichtbar. Dann erwachte mein Stab wieder zum

Leben. Die Schlange mischte sich ein, wand sich den Stab hinab und zerteilte

sich plötzlich in zwei, dann vier, dann 8, 16... und immer mehr Schlangen. Und sie fraßen. Sie fraßen sämtliche Ratten, bis der Nachschub an Nagetieren versiegte und keines mehr übrig war.

Dann vereinten sich die Schlangen zu einem gigantischen Knoten aus Schlangenleibern und wurden zu einer, meiner Schlange.

Doch was dann kam, verschlug mir den Atem. Ein leichtes Zittern des

Bodens, ein Vibrieren in der Luft und ein helles, kaum hörbares Pfeifen, welches immer lauter wurde, ließ mich kurz die Luft anhalten. Und dann, urplötzlich erschien er, der Fels inmitten des Raumes. Und ein Schwert steckte in ihm. Das kam mir allerdings bekannt vor. In Tausend Ritterfilmen schon gesehen. Ich nahm meine Kapuze vom Kopf und wurde wieder sichtbar.

Wenn da jetzt Excalibur draufsteht, fress' ich 'n Besen, dachte ich mir und ging hin. Einmal ging ich um den Fels herum, und auch ein zweites Mal.

Dann wechselte ich meinen Stab in die linke Hand, umfasste den Griff mit meiner rechten, und zog das Schwert ohne Mühe heraus.

Das metallisch klirrende Singen beim Herausziehen war wohl obligatorisch.

Ich wog das Schwert in meiner Hand, schaute es an und konnte nichts erkennen, außer seltsamen Zeichen in einer mir unbekannten Sprache. Vielleicht steht tatsächlich Excalibur drauf. Nur in einer andren Sprache, stellte ich mir vor.

Intuitiv reckte ich Schwert und Stab in die Höhe und kreuzte sie über meinem Kopf. Als sie sich berührten leuchtete es kurz und sehr hell auf und mein Stab verschwand im Schwert, das ich in meiner rechten Hand hielt.

Die haben wohl fusioniert, dachte ich scherzhaft, aber die Frage wo mein Stab nun ist, blieb dennoch.

Doch die Antwort war leicht, denn als ich das Schwert in die linke Hand nahm, wurde es zum Stab. In meiner rechten wieder zum Schwert.

Das war ja wohl wirklich praktisch, so zwei in Einem.

Das Herausziehen des Schwertes schien etwas ausgelöst zu haben, denn ein Geräusch, als wenn Kreide über eine Tafel gezogen wird, erzeugte eine Gänsehaut und ließ mich zum Fuße des Turmes schauen, in dem sich auf einmal eine Öffnung bildete.

Das ist dann wohl die Einladung, die Aufforderung zum Tanz, dachte ich mir.

Ich trat hindurch und sah die sich nach oben windende Treppe, übersät mit Knochen, Splittern und Skeletten von...Kobolden.

Lautes Pfeifen und Fiepsen drang von oben an mein Ohr und ich ahnte was kommen würde. Hunderte, Tausende Kobolde stürmten die Treppe hinab auf mich zu. Für mein Schwert waren das zu viele, doch mein Stab hatte die Antwort, der Wolf erschien und vermehrte sich wie auch die Schlange in viele, überall auftauchende Wölfe, welche die Kobolde im Nu vertrieben.

Natürlich blieben reichlich Kobolde auf der Strecke.

Doch so schnell dieser Spuk auch begann, so schnell war es auch wieder

vorbei. Das Treppenhaus lag nun vor mir und ich begann den Aufstieg. Doch ich hatte eine Idee, denn der Aufstieg zu Fuß war mir zu mühselig. Ich schaute den Wolf an und ließ ihn in meiner Vorstellung wachsen.

Und er wuchs. Er wuchs zu einer Größe, die selbst den nordischen Fenriswolf hätte vor Neid erblassen lassen. Ich schwang mich auf seinen Rücken und ließ mich von ihm nach oben tragen.

Hie und da wagten wenige heldenhafte Kobolde sich ihm in den Weg zu

stellen, mit dem Erfolg, dass der Wolf sie einfach herunterschluckte. Manchmal genoss er auch die Zwischenmahlzeit, indem er sie zerbiss, zerkaute, sich das Maul leckte und rülpste. Das waren gewaltige Rülpser. Und sie stanken erbärmlich.

Ich musste ihm aber auch Einhalt gebieten, bevor er sich überfraß und eventuell ein Nickerchen machen wollte.

So dauerte der Weg nach oben auch nicht lange und ich stand vor dem Tor, welches ins Innere der Turmspitze führte. Von unten sah sie sehr klein aus, doch ich betrat eine in fahles, glanzloses Licht getauchte Halle. Ich stieg vom Rücken des Wolfs und er verschwand im Stab.

Dort saß sie, die Herrin vom See. Auf einem schwarzen Thron, in schwarzen

Gewändern und mit schwarzem Haar.

Vivianae.

Vor ihr lagen die abgenagten Skelette von Kobolden. Sie hielt ein gebratenes Koboldbein in der Hand und biss ein Stück heraus.

Doch sie war nicht allein. Ein Mann stand abseits, gekleidet in einer schwarzweißen Priesterrobe.

Ich schaute Vivianae an und wollte gerade etwas zum Gruß sagen, als die Stimme des Priesters scharf dazwischen schnitt.

Wage es nicht die Herrin anzuschauen, geschweige denn anzusprechen, Ungläubiger! Denn du kannst nur ein Ungläubiger sein, der da auf einer Höllenkreatur reitend in diese heilige Halle gelangt ist! Was ist dein Begehr? Lass es mich wissen, bevor ich dich in Satans Hölle schicke.“

Jetzt schaute ich mir diesen Kerl noch genauer an. Insbesondere seinen schwarzen Helm, aus dem ein Kreuz in einem Rad herausragte.

Wer bist du?“, fragte ich.

Wer ich bin? Mein Name ist... Maerloinius, der Hohepriester der heiligen Herrin vom See!

Der Herr wird dich richten, wenn du die Sünde mit dir trägst und unser Land vergiften willst! Denn hier zählt nur der reine Glaube. Die versprochene Erlösung widerfährt nur dem, der reinen Glaubens an die Lehre des Herrn ist.“

Daher wehte also der Wind. In meinem Kopf begann ich mir so langsam alles zusammen zu reimen. Der schwarze See. Das Vergessen. Tir na Nog's Verschwinden aus der Welt der...Gläubigen, der Christen und deren Kirchenbotschaft. Hier lag die Wurzel des Übels. Und diese Wurzel wollte ich nun zerschlagen. Ich ging zu diesem... Priester. Mit einem wuchtigen Hieb

meines Schwertes schlug ich das Kreuzsymbol von seinem Helm.

Unfassbar was dann geschah. Das Licht in der Halle änderte sich und

machte einer Helligkeit Platz, die einfach nur als unbeschreiblich schön zu beschreiben war. Ein Zittern durchfuhr den Körper des Priesters. Konvulsivische Zuckungen ließen ihn erbeben und er begann grässlich zu

schreien.

Vivianae saß weiter auf ihrem Thron und schaute sich mit unbewegten, fast

steinernen Gesicht, dieses Schauspiel an.

Der Priester verwandelte sich. Die ehemals große, mächtige Gestalt schrumpfte, wurde dünner, fast schon klapperdürr und offenbarte sich als ein Greis mit langem weißen Bart. Der Priesterumhang war verschwunden, stattdessen trug er jetzt einen dunkelblauen Umhang, auf dem viele eigenartige Symbole und Zeichen gestickt waren.

Runen, Spiralen, verdrehte Kreuze und all so seltsame Figuren und unbeschreibliche Formen und Abbildungen, zierten seine Garderobe. Zweifellos ein Zauberer.

Doch noch wundersamer war die Verwandlung seines Helmes. Die Schwärze wich einem goldenen, strahlend schönen Glanz. Aus den Seiten wuchsen Hörner bis er, ich zählte schnell, ein 24ender war.

Der alte Zauberer lächelte mich an und kam auf mich zu. Er umarmte mich

innig und ich sah eine Träne in seinem Augenwinkel.

Danke, Fremder, danke. Endlich können wir erwachen“, hörte ich von

hinten und dort stand sie vor ihrem Thron. Vivianae.

Im goldenen Licht der Halle, vor ihrem goldenen Thron stehend und mit goldenem Gewand und Haar, schaute sie mich an. Endlich ließ mich der Zauberer los und ich drehte mich zu ihr um.

Ja, sie war wirklich schön, sehr schön, fast überirdisch schön.

Lange mussten wir auf diesen Moment warten, bis du, der Auserwählte, zu uns fandest und mit einem Hieb deines Schwertes den Fluch zerbrachst, der uns schon so lange quälte. Nun sag mir deinen Namen, fremder Jüngling.“

Mein Name ist Alfred...aus Deutschland.“

Deutschland? Habe ich noch nie gehört. Doch erkläre mir, Alfred aus Deutschland, warum du nicht wie all die anderen, Merlin mit deinem Schwert erschlagen hast?“

Merlin, der alte Zauberer war der sagenhafte Merlin? Ich konnte es nicht fassen. Ich hatte Merlin, den Zauberer aus der Artussage gerettet? Aber vielleicht ist die Sage keine Sage und es ist mehr dran, als man glaubt. Das alles wurde jetzt aber wirklich surreal. Da stand ich nun mit dem Schwert in der Hand vor Merlin und war völlig gebannt von der Situation. Ich sammelte mich kurz und sprach erhobenen Hauptes:

Ich habe noch nie einen Menschen getötet und ich weiß auch nicht, ob ich ein solcher Held bin, dass ich es könnte.“

Jeder wackere Recke, der hier war, um zum Helden zu werden, hat es so getan und damit seine reine Seele verloren, aber du...? Du musst eine reine Seele haben.“

Ich habe bestimmt keine reine Seele, kein Mensch auf Erden hat eine solche, aber ich habe das Unheil erkannt, welches Tir na Nog widerfahren ist. Dann habe ich gehandelt, wie ich handeln musste.“

Wenn du keine reine Seele hast, wie hast du das Böse dann erkannt? Bitte gib mir Antwort, um besser zu verstehen.“

Es ist das Kreuz. Das Symbol der christlichen Kirche, welche den Glauben

an eine einzige Gottheit vorschreibt, alles andere verbietet und bestraft. So

erkannte ich, dass wir in meiner Welt, dadurch von den alten Mythen kaum

noch etwas wissen und ihr ins Vergessen geratet. Darum wollte ich euch von

diesem Symbol befreien und euch ermöglichen, zu euren Wurzeln

zurückzukehren. Denn ein Folterinstrument mit einem zu Tode gequälten Opfer, als Symbol einer Religion hier in euer Reich eindringen zu lassen, hätte verheerende Folgen, davon bin ich überzeugt. Denn in meiner Welt hat diese Religion nur Krieg, Armut und Ungerechtigkeit gebracht. Das darf hier nicht passieren. Zu viele unbeschreibliche Gräuel hat dieser ...Glaube über so viele Länder und Völker gebracht. Es wäre wahrhaft das Verhängnis für Tir na Nog, sollten Priester über eure Welt herrschen, euch sagen wie ihr zu leben, zu denken habt und euch mit Höllenqualen drohen, wenn ihr nicht gefügig seid. Darum darf ich diesen Irrweg nicht zulassen. Eurer Welt zuliebe.“

Ich wechselte das Schwert in meine linke Hand und der Stab erschien wieder. Er kaum wahrnehmbares Vibrieren ging von ihm aus und ich spürte wie er mich zu Merlin zog.

Würdevoll und stolz schritt ich zu Merlin und gab den Stab in seine Hände. Dorthin, wo er hingehörte, das spürte ich in meinem Inneren ganz genau.

Merlin nahm den Stab, atmete tief ein und die Hörner an seinem Helm verwandelten sich in reines Kristall.

Danke, Alfred aus Deutschland. Wir alle sind dir zu großen Dank verpflichtet,

du hast unser Land wieder erwachen lassen, doch es ist noch nicht vorbei.

Eine Prüfung musst du noch bestehen.“

Eine weitere Prüfung, hat das nicht gereicht? Doch Merlin fuhr weiter fort.

Du musst jetzt weise wählen und weiterhin von reiner Seele sein, entschuldige, und weiterhin auf dein Herz hören. Dein Wirken war das eines wahrhaftigen Helden und nun darfst du deine Belohnung erhalten.“

Was kann denn die Belohnung für einen Helden sein? Natürlich, in allen Märchen und Legenden bekommt der Held die Frau.

Ich schaute Vivianae an und fand sie hinreißend, betörend. Sie könnte meine Frau werden. So anmutig und schön, dass jeder Mann auf der Stelle von ihr verzaubert sein musste. Ein Geschöpf solcher Schönheit würde doch jeder zu seiner Liebsten zählen wollen.

Du erwählst sie zu deiner Braut?“, fragte Merlin.

Ich schaute Vivianae an, horchte lange in mein Herz hinein und antwortete:

Nein. Ich werde Tir na Nog verlassen. Ihr aber braucht eure Königin. Es fehlt mir auch etwas, das unbedingt nötig ist, um sie zu meiner Frau werden zu lassen.“

Was fehlt unserer Herrin denn, dass du sie verschmähst?“

Ihr fehlt nichts, sie hat alles. Doch mir fehlt die Liebe zu ihr. Sie ist nicht aus meiner Welt und ich will hier nicht bleiben. Und selbst wenn ich sie nähme, wäre es wie Bezahlung, ein Tausch, so wie man Dinge tauscht. Aber sie ist kein Ding. Sie ist die Herrin vom See, eure Königin. Und sie soll es bleiben.“

Du hast sehr weise gesprochen. Das war die richtige Entscheidung, Alfred aus Deutschland“, sagte Merlin und griff freundschaftlich meinen Arm.

Kehre nun zurück in deine Welt und erzähle von uns“, erklang Vivianae's Stimme. „Beende das Vergessen und lass Tir na Nog wieder in deine Welt einkehren. Denn du sollst unser Botschafter sein, Elfred. Elfred von Tir na Nog. Das soll von nun an dein Name sein, ein Name, den jeder in Tir na Nog mit Ehrfurcht und großen Respekt verkünden wird. Lebe wohl, Elfred von Tir na Nog.“

Merlin führte mich zur Brüstung und klopfte mit den Stab auf den Boden.

Der Schrei eines Greifvogels erklang und schon sah ich, wie sich ein Adler auf Merlins Arm niederließ.

Hier, nimm du ihn!“, forderte er mich auf. Der Adler wechselte auf meinen Arm und flog, stetig größer werdend, mich dabei in seinen Klauen haltend, bis seine Flügel riesig groß über mir auf und ab schlugen, in den blauen Himmel. In einem ruhigen Gleitflug brachte er mich dann bis hinunter zum Wasser, wo er mich sanft am Ufer absetzte.

Hier stand ich also wieder am Burgsee, und auch wieder im Nebel. Ich warf die andere Münze, der Fährmann erschien und brachte mich ans andere Ufer.

Nun musste ich nur noch zurück. Zurück zum See, wo alles begann. Zurück

zu Sparky.

Die Siebenmeilenstiefel funktionierten ohne Merlins Stab nicht mehr und so machte ich mich zu Fuß auf den Weg. Lautes Rumpeln und Hufgeklapper

kündigten einen Wagen mit Pferd an, der auch gleich aus der Kurve

kommend vor mir stand.

Da ist ja der edle Herr, der mich vom Fluch befreite. Guten Tag, Elfred von

Tir na Nog. Ich freue mich dich zu sehen“, begrüßte mich ein junges

hübsches Mädchen mit wallendem, roten Haar.

Es war das Schweinegesicht, welches sich nun in das hübsche Antlitz

einer schönen, jungen Frau verwandelt hatte.

Ich freue mich auch dich zu sehen, junges Fräulein. Vor allem erfreut mich deine schöne Gestalt. Du bist wirklich sehr schön. Aber sag mir, wie hast du mich genannt?“

Elfred von Tir na Nog. Das ist hier dein Name. Jeder kennt ihn. Elfred, der Bewahrer von Tir na Nog. Sag mir wohin du willst, ich werde dich fahren, das bin ich dir wohl schuldig.“

Elfred von Tir na Nog, ein Name, der mir gefiel.

Ich muss zurück zum Lough Ballynacarriga, falls du ihn kennst.“

Natürlich, kenne ich ihn. Sparky wohnt dort.“

Du kennst Sparky?“

Natürlich, jeder kennt Sparky, der dem Auserwählten die Kraft von Tir na Nog lehrte.“

Da möchte ich hin. Zu Sparky.“

 

 

Die Reise dauerte zwei Tage und am Abend erreichten wir den See. Ich verabschiedete mich von Eileena, so hieß die junge Frau und ging den Hügel hinauf zu Sparkys Hütte.

Doch Sparky war nicht dort. Die Sonne ging unter und ich ging in die Hütte.

Da war das kleine Bett, in dem ich schon einmal gut geschlafen hatte. Jetzt merkte ich deutlich, dass ich müde wurde, sehr müde. Also legte ich mich hin und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen war von Sparky immer noch nichts zu sehen.

Ich hatte Hunger. Ein Frühstück musste her. Kaum gedacht, hörte ich das bekannte Magenknurren und holte mir ein leckeres Frühstück aus dem

Fress- Sack.

Ich werde ihn zurücklassen müssen, dachte ich. Da wo ich hin will, wird er nicht funktionieren.

Anschließend ging ich hinaus und genoss noch einmal den Blick über dieses fantastische Land. Der See wurde von einer weißen Nebelwolke bedeckt und ließ einen Blick auf seine Oberfläche nicht zu.

Schade, dass ich mich nicht von Sparky verabschieden konnte.

Der Weg hinab zum See fiel mir nicht so leicht. Sollte alles bald enden und ich in meine Welt zurückkehren?

Ich erreichte das Ufer und blieb stehen. Den Schritt auf das Wasser scheute

ich noch. Doch wie von Geisterhand teilte sich der Nebel vor mir und Sparky

erschien auf dem See.

Ich ging los, vorsichtig meinen Fuß auf das Wasser setzend und wanderte auf

dem Wasser, bis ich Sparky erreichte.

Sparky, ich bin so froh dich zu sehen. Wenn du wüsstest, was ich alles erlebt

habe...“

Ich weiß, was du erlebt hast, Elfred, Bewahrer von Tir na Nog. Wir alle

wissen es. Das war Teil deiner Bestimmung, und ich bin stolz dein Lehrer

gewesen zu sein.

Nun kehre zurück und erfülle deine letzte Bestimmung.“

Sparky, noch eines...Bist du Merlin?“

Merlin, der gute alte Merlin.“

Sparkys Blick verklärte sich irgendwie und voller Inbrunst verkündete er: „Merlin ist mein Meister. Der größte Zauberer aller Zeiten.“

Dann versank ich im See...

 

..und erwachte an seinem Ufer. Sparky stand neben mir, der alte Sparky, der alte Sparky aus Ballynacarriga in Irland.

Dein letztes Pint war wohl zu viel, Alfred. Oder war es der Zigarillo? Oder die magic mushrooms, die Pilze, die ich da mal reingebröselt habe?“, sagte Sparky lachend.

Du warst ja auf einmal völlig neben dir, Alfred. Wolltest auf dem See spazieren gehen. Es war nicht leicht, dich zurückzuhalten, dann bist du völlig

besoffen eingeschlafen.“

Besoffen, eingeschlafen...Pilze? War das alles nur ein Traum? Wie hatte Sparky von Tir na Nog noch gesagt: Es ist alles nur in deinem Kopf. Nun wusste ich, was er meinte. Diese Legende, die Legende von Elfred, dem Bewahrer von Tir na Nog. Alles in meinem Kopf.

Die letzten Worte von Vivianae fielen mir ein. Ich solle der Welt von Tir na Nog erzählen, damit dieses fantastische Land nicht in Vergessenheit gerät. Meine Bestimmung.

Die ich hiermit erfüllt habe.

 

Ende

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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