Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 7

Im „Chat Noir“ herrschte ein großes Katzengedränge. Im Gefolge von Omar, der stadtbekannt war, drückten sie sich durch eine Unmenge von Katzen und ergatterten ein Plätzchen auf der Kellertreppe. Von dort oben hatte man eine gute Aussicht über den ganzen Raum. Nach den ganzen Mühen atmete Omar ziemlich schwer durch die Nase. Seine grünlichen Augen waren mit einer merkwürdigen Ausdruckslosigkeit auf Ralf gerichtet, der bereits aufgedreht mit seinem Schweif peitschte. Einen kurzen Augenblick spitzte das cognacfarbene Fell von Mitsou unter einem der Sessel hervor. Blitzschnell schoss ihr Kopf mit den spitzen Ohren nach vorne und sie sah Ralf an, als wäre sie trotz all seiner Bosheiten immer noch in ihn verliebt. In einer dunklen Ecke standen Magnolia mit Willie, die Totengräberkatze. Sie tuschelten und auch Magnolia ließ Ralf nicht aus den Augen. Ihre Pupillen waren schmale Schlitze. Sie steckten die Köpfe zusammen und lachten hämisch. Die kleine Mona zappelte vor Ungeduld und boxte Blue immer wieder aus Versehen mit der Pfote. Blue war ziemlich geistesabwesend. Das Gedränge und der schlechte Geruch mancher Katzen waren ihr lästig. Sie hoffte vergebens, Said würde sich nicht blicken lassen. Als sein großer silberner Kopf im Kellerfenster erschien, wandte sie sich schnell ab. Sie dachte an ihre Liebesnacht mit ihm, die voller Orangenduft gewesen war und so traurig geendet hatte. Sie wünschte sich, diese Veranstaltung wäre vorbei und sie könnte sich unter die Brücke verziehen. Niemals würde sie einer Perserkatze das Wasser reichen können. Als sie aufsah, begegnete sie Saids Blick, der auf ihr ruhte. Er lächelte ihr verstohlen zu und seine rosafarbene Schnauze warf ein Küsschen durch den Raum. Blue sah schnell wieder weg und verschloss ihr Herz. Sie konnte nicht aufhören, ihm zu grollen. Hinter Said saßen die drei Maskenkatzen. Ihre geschmeidigen Bewegungen erinnerten an schwebende Schmetterlinge. Eine süße Parfumwolke hüllte sie ein und wenn sie sprangen, entwich feinster Puderstaub ihrem pastellfarbenen Fell. Ihre Masken waren perfekt gezeichnet. Grazil tänzelten sie um Said herum. Sie kicherten und hüstelten und warfen versteckte Seitenblicke auf Ralf, der mit dem fetten Russen und Wehringhauser eine Show abzog. Die Maskenkatzen steckten die Köpfe zusammen und tuschelten und sahen immer wieder heimlich hin. „Wie sie sich verrenken…“, sagte Omar leise. Diese Luxusgeschöpfe amüsierten ihn köstlich. Blue fühlte sich allein. Niemand hier half ihr wirklich, ihr Bündel zu tragen. Sie wollte sich schon verstohlen davon machen, als endlich Robby erschien. Ein Raunen ging durch die versammelten Katzen. Sie miauten, redeten und sangen, dass es kilometerweit zu hören war. Hinter Robby trippelte Sugar in den Keller. All die grauen, grünen, braunen und bernsteinfarbenen Augen waren erwartungsvoll auf die beiden gerichtet. „Macht Platz,…haltet euch am Rand…“, rief Robby laut, „das „Chat Noir“ ist ein Treffpunkt für Rassekatzen… und kein verdammter Rockertreff…“ Hochmütig blickten seine blauen Augen in die große Runde. Viele der anwesenden Katzen wichen ängstlich zurück, weil Robby seinem Ruf als bissiger Kater immer wieder gerecht wurde. Sugar war rollig und becircte ihn. Sie gurrte und schnurrte. Ihr Fell schimmerte verführerisch in der Farbe von blasser Schokolade. Robby begann zu sprechen, und alle wurden still. Nur leises Flüstern war noch zu hören. Die Nacht breitete ihre tiefblaue, mit Sternen geschmückte Decke über die Party der Katzen. Sie verschmolzen mit der Dunkelheit. Es begann wieder zu regnen und das gleichmäßige Tropfen vermischte sich mit Robbys Erzählungen aus Birma Wort für Wort.

 

Ich bin ein Nachfahre des großen Katers Mahazedi und lebe auf einem helleren Stern als die gewöhnlichen Katzen. Meine Rasse strahlt auch in sternlosen Nächten am Firmament. Keine andere Katze kann eine Heilige Birmakatze bezwingen.“ Robby machte eine lange Pause und blickte herausfordernd in die Runde. Niemand muckste sich. „Ich lebte in einem großen Tempel…“, setzte Robby erneut an, „er war eine Brücke zwischen Himmel und Erde…, Zikaden schrien und in der aufgehenden Sonne erglühten die Sockel der Pagoden…, Geisterglöckchen bimmelten und Hähne schrien. Steile Stufen führten in die Pagode des Mahazedi, die die größte und höchste von allen war. Es gab mandalaförmige Terrassen und ein steinerner Drache schützte den Tempel vor dem Fluch der grünen Geister…, Blütenblätter regneten vom blauen Himmel, rote, weiße und gelbe Blumen…“ Plötzlich entstand ein Tumult unter den Katzen. Ralf und seine Freunde begannen laut zu werden und zu randalieren. Andere Katzen zischten wütend, weil sie Robby weiter zuhören wollten. „Alles Märchen,…hör auf mit dem langweiligen Gelaber,…wir wollen uns amüsieren…“, schrie Ralf in den Raum. Er bleckte die Zähne und wetzte seine Krallen an einem alten Sessel. Mehrere Rassekatzen fuhren dazwischen: „Halt die Klappe, Ralf, lass Robby sprechen…, oder verschwinde wieder…“ Als die Ruhe einigermaßen wiederhergestellt war, fuhr Robby mit näselnder Stimme fort: „Zu Füßen des Tempels lagen stille Häuser aus braunem Teakholz, in schmalen Gassen standen bemooste Mauern, auf denen Eidechsen mit der Zunge schnalzten…,verwunschene Gärten rahmten die goldenen Pagoden…Alle Katzen bewegten sich nur im Uhrzeigersinn. Meine Kammer war ausgelegt mit Diamanten und Edelsteinen, jeder Wochentag hatte seinen eigenen Schrein…, die Bodenornamente waren aus grüner Jade…“ „Wo war das Scheißhaus…?“ schrie Ralf in den Raum hinein und etliche begannen, laut zu lachen und mit den Pfoten zu scharren. „Oder kackst du weiße Bohnen…“ Wehringhauser stieß einen lauten Kampfschrei aus, um Ralf zu unterstützen. Sogar Sugar giggelte in einem hohen Ton und sah dann schnell verlegen zur Seite. „Was lasst ihr euch alles erzählen von dem weißen Scheißhauskater…“, brüllte Ralf, der sich ermutigt sah. Er warf Sugar einen schnellen Seitenblick zu und blinzelte mit einem seiner schräg stehenden Augen. Seine Gefährten johlten. Es waren gefährlich aussehende, verwahrloste Burschen, die schon viele Kämpfe ausgetragen hatten. Einer zog seine Oberlippe zurück und entblößte gelbe, reißende Eckzähne und blies seinen stinkenden Atem den Maskenkatzen entgegen. Ein anderer vierschrötiger Kater sabberte und sah verschlagen in die Runde. „Halt dein verkommenes Maul… du Stricher, ich bin der Kater, die mit einem Sprung tötet…“, zischte Robby ihn an. Man sah, dass er genervt war. Seine blauen Augen wurden blasser und verschmälerten sich. Lautes Gegröle antwortete ihm. „Mein Fell gleicht der Milchstraße am Himmel…“, fuhr Robby unbeirrt mit fester Stimme fort, obwohl mehrere kicherten und herum zu albern begannen. „Ich lag auf der höchsten Terrasse und sah herab, mein Blick schweifte über das karge Land mit den 2000 Pagoden, die sich über den geduckten Bambushäusern erhoben. Mönche in safranfarbenen Kutten bedienten mich mit kleinen Schalen voll erlesener Leckerbissen und mein Stammbaum, der Stammbaum aller Mahazedis stand auf einem Papier des Seidelbaststrauches geschrieben, das ausschließlich königlichen Katzen vorbehalten war. Jeden Abend löste sich die Sonne im Westen in glühende Farben auf und überzog den Himmel über dem Irrawaddy. Um Mitternacht sah der Hofastrologe in die Abendsterne, um den Königsweg der Mahazedikatzen zu ergründen durch den Fluss der Jahrhunderte…“ Robby holte Luft, um weiterzusprechen, da rief Ralf wieder dazwischen: „Dieser weißliche Scheißhauskater verpestet die Luft mit seinem verweichlichten Geschwätz, man sollte ihm einen seiner Hoden abtrennen…, dann kann er noch besser in den Mond schauen…“ In diesem Moment sprang die kleine Mona auf. Sie war völlig außer sich. Sie drängte sich durch jede Lücke und überschlug sich fast in ihrem Eifer. Ihr Schwanz glich einer Drahthaarbürste. Sie fuchtelte mit ihren kleinen Pfoten vor Ralfs Schnauze herum und schrie: „Du redest nicht schlecht über Robby, keiner redet schlecht über Robby…, er ist der schönste Kater von der ganzen Welt…“ Ralf holte blitzschnell aus und wollte der kleinen Mona einen Tatzenhieb verpassen. Im gleichen Augenblick hechtete Blue mit einem gewaltigen Satz hinter der kleinen Mona her, um sie vor Ralf zu schützen. Ralfs Anhänger formierten sich, während auch Robby langsam in Kampfposition ging. Die Maskenkatzen kreischten und fächelten sich mit den Pfoten Luft zu. Robby und Ralf sahen sich wütend an und zischten. Die kleine Mona zappelte in Blues eisenhartem Griff und wollte sich vor Robby werfen. Es entstand ein übles Durcheinander und Gemenge. Die kleine Mona schüttelte sich, um Blue abzuschütteln. „Wenn du kämpfen willst, Robby…, das kannst du haben…“, fauchte Ralf mit gesträubtem Nackenfell. Wieder schielte er zu Sugar hinüber und zwinkerte ihr zu. Seine Räuberaugen glühten. Robby stellte sich bereits breitbeinig in Positur. Said wuselte aufgeregt hinter ihm herum. Robby duckte sich flach auf den Boden und streckte den Kopf vor. Alle warteten gespannt auf den Beginn des Kampfes. Der Keller dampfte von den Ausdünstungen der vielen Katzen und die Stimmung befand sich auf dem Siedepunkt. In diesem Augenblick geschah etwas völlig Unerwartetes. Sugar warf sich vor Ralf auf den Boden und begann sich vor ihm zu produzieren. Sie rief ihn, rollte mit den Augen und wand sich vor ihm wie ein loses Mädchen. Sie hatte jede Beherrschung verloren und war nur noch von dem Wunsch beherrscht, Ralf zu verführen. Ralf war so fasziniert von dem Schauspiel, dass er den Blick nicht mehr von ihr abwenden konnte. Die Kampfhandlungen waren schlagartig unterbrochen. Ungläubig starrte Robby auf die sich windende Sugar. Sie hatte ihre ganze Vornehmheit abgestreift und verschlang den dünnen gelben Kater mit Blicken aus ihren weit geöffneten himmelblauen Augen. Ihr Körper wuchs ihm entgegen. Ihre langen Vorderpfoten ruderten, sie bettelte um Berührung. Blue war fassungslos. Sugars hohes Summen klang durch den Keller. Die Hitze im Raum war fast unerträglich. Träge rollte Sugar hin und her. Sie presste sich auf den Boden, ihr strahlendes Fell verfärbte sich matt durch den Kohlenstaub, der das Haar mit einem feinen schwarzen Netz überzog. Zum ersten Mal, seit Blue ihn kannte, war Robby eine gewisse Nervosität anzumerken. Seine Pfoten zuckten. Dann erhob er sich umständlich und stakste in den Kreis, den Sugar um sich warf. Er blickte angeekelt auf Sugar hinunter und fauchte: „Reiß dich zusammen und benimm dich nicht wie eine daher gelaufene Schlampe…“ Sugar sprang auf und attackierte Robby mit ihren Vorderpfoten. Sie legte die Ohren an und verpasste ihm mehrere Ohrfeigen. Blue spürte, wie die kleine Mona zitterte. Sie hielt sie eisern fest. Mona wollte Robby unbedingt helfen. „Was fällt dir ein, mich zu schlagen…“, fuhr Robby Sugar an. Sein elfenbeinfarbenes Fell sträubte sich. Er sah angewidert aus. Er schüttelte die Pfote, mit der er Sugar berührt hatte, als müsste er sie von einer widerlichen Substanz säubern und winkte ab. „Ich werde nicht um eine Katze kämpfen, die vergisst, woher sie stammt…“, sagte er dann, „ich will nichts mit diesem Abschaum zu tun haben,…bestimmt hat sie mehrere unreine Linien in ihrem Erbgut…, wie gut, dass sich das rechtzeitig gezeigt hat…“ Robby wirkte äußerst reserviert. Er rief Said, der pflichtgetreu an seine Seite eilte. „Treuer Freund…“, sagte er, „begleite mich zu meinem Haus, …dieser ganze Pöbel, der hier versammelt ist, ist mir mehr als widerwärtig…“ Die Maskenkatzen beobachteten entsetzt und fasziniert zugleich, wie Ralf auf Sugar sprang und ihr mit seiner langen Zunge über den weichen Kopf leckte. Blue wusste nicht, was sie von dem ganzen Geschehen halten sollte. Sie biss sich auf die Zunge und schwieg. Ungelenk schickte sich Robby an, das „Chat Noir“ zu verlassen. Immer wieder schüttelte er seinen Kopf, als könnte er nicht glauben, wie tief eine Rassekatze sinken konnte. Trotz seiner Niederlage war die weiße Pracht seiner Erscheinung ungebrochen. Ein Lichtstreif schien hinter ihm durch das „Chat Noir“ zu ziehen. Etliche andere Rassekatzen mit Said an der Spitze marschierten hinter ihm aus dem „Chat Noir“. Die Maskenkatzen steckten ihre Köpfe zusammen und entschlossen sich im letzten Augenblick, Sugar Ralf zu überlassen und hinter Robby herzuhasten. Sie stöhnten und tuschelten die ganze Zeit. Flame war nahe daran, die Fassung zu verlieren. Blue umklammerte immer noch die kleine Mona. Ihr Herz fühlte sich rau an, als sie die Rassekatzen an sich vorbeiziehen sah. Sie fühlte sich tief gespalten. Einerseits gefiel ihr Said immer noch, andererseits verachtete sie seine Feigheit Robby gegenüber und fühlte sich ihm haushoch überlegen. Eifersüchtig beobachtete sie, wie eine der Maskenkatzen sich eng an Said drängte. Das „Chat Noir“ begann sich schnell zu leeren. Die kleine Mona zappelte wild: „Ich will zu Robby, lass mich endlich los, ich muss zu Robby…“ Als Blue nicht reagierte, hieb sie ihr mit ihren kleinen spitzen Krallen in die Pfote. „Au…, spinnst du…“, rief Blue erschrocken und versetzte ihr einen Klaps. Ralf und Sugar umkreisten sich. „Baby,…schwing deinen Schokoladenschweif…, Baby, du bist die perfekte Rockerbraut…“, hörte sie Ralfs Singsang. Ralf sang seine kurze und ziemlich gewöhnliche Liebesfuge. Blue erinnerte sich, dass sie Mitsou versprochen hatte, Ralf eine Abreibung zu verpassen. „Komm endlich, Blue,…beeile dich doch,…wir müssen zu Robby…“, drängte Mona. Blue zögerte immer noch. Aus der Ferne sah sie Omar mit der Apothekerkatze flüstern. Sie überlegte, wie Said auf ihr Erscheinen reagieren würde und sie fürchtete Robbys spitze Bemerkungen. Mona zerrte sie vorwärts zum Fenster des „Chat Noir“. Draußen regnete es in Strömen. Blue sah hinauf in die Bäume und zu den schnell dahinjagenden dunklen Wolken. „Lauf…, so lauf doch endlich…“, rief die kleine Mona, „sonst holen wir sie nicht mehr ein…“ Sie hörten den Wind in den dorrenden Blättern. Blue begann zu rennen. Als sie die frische Luft schnupperte, überkam Blue plötzlich eine große Leichtigkeit. Sie rannte hinter der kleinen Mona durch den Regen und fühlte sich befreit. Sie haschte nach den Regentropfen. Sie bogen ab in den Rosengarten und die feuchten Gräser kitzelten ihre Pfoten. Nach einer Weile entdeckten sie vor sich Robby und Said, gefolgt von mehreren Katzen und Blue begann laut zu lachen übe die absurden Ereignisse dieser Nacht. Kichernd holten sie die Rassekatzen ein. Plötzlich drehte sich Robby um und sah ihnen böse entgegen. „Ich glaube es einfach nicht, schon wieder diese Regenkatze…“, sagte er in mäkeligem Ton, „du hast dich fern von mir zu halten…, ich habe von Katzenschlampen die Nase voll…“ Blue schwieg wütend. Seine Worte streuten Salz in ihre Wunden. Sie suchte den Blick von Said. Er sah kurz zu ihr hinüber, doch dann wich er zur Seite aus. „Lass sie doch in Ruhe, Robby,…sie ist…“, stotterte die kleine Mona hilflos. Die Maskenkatzen jammerten unentwegt über die Nässe des Rasens und begannen nun wieder die Köpfe zusammen zu stecken. „…Sie ist eine Straßenkatze…“, beendete Robby Monas Satz. „Das ist nicht wahr…“, stieß Blue zu ihrer eigenen Überraschung plötzlich hervor: „Ich bin eine Yankeekatze…“ Sie sah zu den Bäumen hinüber, als sollten die ihre Aussage bezeugen. „Eine was,…“, rief Robby angeekelt, was für ein Yankeeding…?“ Wieder sah Blue flehend zu Said hinüber, der verlegen von einer Pfote auf die andere trat. Die Maskenkatzen kicherten albern und zwitscherten: „Ein Yankeebiest…ist sie,…hihihi…“ Ein wilder Hass stieg in Blue auf. Sie fühlte plötzlich eine ungeheure Kraft in sich aufsteigen: „Ich bin eine Yankeekatze aus Maine, dem Land der roten Ahornwälder und der steilen Küsten…“, sagte sie und ein Gefühl von Freiheit und Stolz schwellte ihre Brust. „Ich gehöre zu einer freien und großen Rasse…, wir waren keine bequemen Schosskatzen, sondern unabhängige, wilde Geschöpfe…“ Sie spürte, wie das Lied er Wälder in ihren Adern zu pulsieren begann. Es drängte aus ihr heraus und sie suchte Laute, die den Empfindungen gerecht wurden, die ihr Herz weiteten. „Halt deinen vorlauten Mund…“, fuhr sie Robby an, „was wagst du in meiner Gegenwart für einen Unsinn zu reden…, du erfindest irgendeine Rasse, die es gar nicht gibt. Hast du Papiere,…oder einen Stammbaum,…du hast nichts und du bist nichts,…du wirst immer eine Regenkatze bleiben.“ Said sah betroffen zu Boden. Sie waren weitergelaufen und näherten sich der prachtvollen Vorortvilla, in der Robby lebte. Es war ein weißes Gebäude mit glänzenden weißen Säulen an der Eingangsfront und einem schmiedeeisernen Tor. Die kleine Mona zupfte Robby vorsichtig am Fell. „Sie ist eine nette Yankeekatze…“, sagte sie leise und sah Robby treuherzig an. Robby schüttelte wütend ihre Pfote ab. „Was fällt dir ein,…entweder du benimmst dich wie eine Rassekatze oder du bleibst genauso draußen wie diese Regenkatze, die so große Töne spuckt…“ Mona war hin- und hergerissen. Sie sah flehend zu Robby und dann wieder zu Blue. Said hatte sich in den tiefen Schatten einer großen Linde verzogen. Blue hatte plötzlich genug. Sie sah noch, wie Mona unentschlossen in sich zusammensackte und verstummte. Sie verlor fast die Fassung und war nahe davor, in Tränen auszubrechen. Sie wollte weder Robby noch ihre Freundin Blue verlassen. Die Zerreißprobe verursachte Mona Marterqualen. Blue blieb einfach zurück, bis die Dunkelheit sie verschluckte. Sie nahm Robby und Said ihr Benehmen zutiefst übel.

 

Unschlüssig stand Blue im Rosenpark. Die Bäume wogten, die Wolken zogen vorbei. Eine Brise wellte ihr Fell und schüttelte die Blätter, die vor – und zurückschnellten. Ihre Brust fühlte sich an, als wäre sie von einem stählernen Ring umschlossen und plötzlich packte sie eine große Sehnsucht nach Sooty.

Sie wollte mehr erfahren über die roten, weiten Wälder, über die Yankeekatzen und ihre Vergangenheit. Sie sehnte sich nach der derben, bodenständigen Art Sootys und nach ihrem tiefen Lachen, das direkt aus ihrem Bauch aufstieg. Sie dachte an die überzüchteten Maskenkatzen und ihre Empfindlichkeit und an die Vorsicht Saids und schüttelte innerlich den Kopf. Am liebsten hätte sie ihren Groll am nächsten Baum ausgelassen. Ein Windstoß fuhr ins Rosenbeet und die letzten Blütenblätter fielen ab. Kurz zögerte Blue. Bei dem Gedanken, allein am Friedhof entlang zu laufen, sträubten sich ihre Nackenhaare. Aber ihre enttäuschten Gefühle trieben sie vorwärts. Ihr Blick glitt an einem hohen Baum hinauf, ein Riese, fast wie in Maine. Sie lief weiter, versuchte nicht an die Gräber zu denken. Sobald sie die Gassen verließ, drang der Wind völlig ungehindert in ihr Fell, bis in die Unterwolle. Bald lag der Friedhof schwarz vor ihr. Sie beschleunigte ihre Schritte. Ihre Augen leuchteten im Dunkeln, sie richtete sie auf die immergrüne Hecke, die den Friedhof umrahmte. Plötzlich hörte sie lang gezogenes, verstohlenes Miauen und erschrak. Es klang bedrohlich. Sie wollte sich schnell in die Büsche schlagen, da baute sich plötzlich die Totengräberkatze vor ihr auf. Sie rümpfte die Nase und zeigte ihre scharfen Zähne. Sie musterte Blue von oben bis unten und sagte: „Was schleichst du nachts hier herum… Regenkatze, der Friedhof ist mein Terrain…, willst du was auf deine freche Nase?“ Mit ihren großen, fledermausähnlichen Ohren und den gebleckten Zähnen wirkte sie vor der Kulisse der hügeligen Gräber ziemlich einschüchternd auf Blue. Sie wollte einfach wortlos an der Totengräberkatze vorbeihuschen. Wieder wellte sich ihr Fell im Wind, da tauchte plötzlich mit einem schadenfrohen Grinsen Magnolia hinter ihr auf und rempelte sie mit der Schulter an. „Lass sie nicht durch…, Willie,…sie hat meine Milch verschüttet, das dumme Ding…“, rief Magnolia. Sie bewegten sich von zwei Seiten auf Blue zu und schüchterten sie ein. In den Augen Magnolias brannte ein kaltes Feuer. Wieder rempelte sie Blue grob an. Mehrere Sekunden lang fühlte sich Blue völlig verloren. „Das ist unser Territorium, hier hast du nichts verloren…“, wiederholte Magnolia fauchend. „Lasst mich durch, ich will nur zu Sooty...“, protestierte Blue. Sie duckte sich eingeschüchtert flach auf den Boden. „Ich muss weitergehen, einfach nur weitergehen…, aber sie kam nicht mehr hoch…“, dachte Blue. „Du liederliche Schlampe…“, hörte sie Magnolia zischen. Blue fühlte sich nach dem langen Tag restlos erschöpft. Sie wollte nur noch in den Schlaf sinken und das angstvolle Brennen in ihren Eingeweiden nicht mehr spüren. Außerdem hatte sie zu lange nichts gefressen. In diesem Augenblick stimmte die Totengräberkatze ihren Kampfgesang an. Er klang blechern und dröhnte langgezogen und seltsam hohl über den Friedhof hin. Auch Magnolia begann nun abgehackt und seltsam stoßweise zu singen. In ihren Augen flackerte ein wahnsinniger Funke auf. Ihre spitzen Laute durchbohrten Blue fast die Brust. Sie hörte verwundert, wie sich auch von ihren Lippen ein Schrei löste. Sie wusste nicht einmal, was sie sang. Tief in ihr war alles stumm, und doch hörte sie sich schreien, dass sie Gänsehaut bekam. Ihre Seele schien Wie eine dunkle Flut ergossen sich die Kampflieder in die Nacht und schnitten durch die eisige Luft. Die Klänge verflochten sich und lösten sich wieder voneinander, wurden wilder und greller. Blue versuchte ihre Gegner abzutasten, um einzuschätzen, ob sie eine Chance hatte. Sie war eine junge Katze fast ohne jede Erfahrung im Kampf. Ihr Kopf schien leichter zu werden, aber ihre Füße klebten am Boden fest, bleischwer. Ihr Schwanz peitschte auf und ab, ihre Augenlider waren halb gesenkt. Sie wartete auf den unvermeidlichen Angriff. Magnolia saß einige Katzenlängen von ihr entfernt geduckt und steif wie eine Statue. Plötzlich streifte Blue eine Ahnung, dass ihre Lage gefährlich war, von tödlichem Ernst. Sie musste mit zwei entschlossenen Gegnern fertig werden. Ihre Augen begannen unruhig hin- und herzuwandern. Sie versuchte sich zu entscheiden, ob sie sich nach hinten oder nach vorne wenden sollte. Ihr dichtes, langes Fell schimmerte im bleichen Licht des Mondes. Schließlich machte sie einen vorsichtigen Schritt in die Richtung der Totengräberkatze und im gleichen Augenblick sprang Magnolia mit einem flachen und schnellen Satz auf Blue. Magnolia stieß einen durchdringenden Schrei aus und Blue drehte sich instinktiv zur Seite und rollte sich mit ausgefahrenen Krallen auf den Rücken, um an Magnolias Bauch heranzukommen. Magnolia war eine eckige Katze mit schwerem Knochenbau. Sie landete mit ihrem vollen Gewicht auf Blue und grub ihre Fänge tief in ihren Nacken. Blue versuchte, ihre Krallen in Magnolias Bauch zu schlagen. Sie rollten über den Boden in einem unentwirrbaren Knäuel und ein tiefes Knurren löste sich aus Blues Kehle. Haarbüschel flogen durch die Luft, die messerscharfen Krallen knirschten auf dem Asphalt. Wieder wälzte sich Magnolia mit ihrer ganzen Masse auf die schlanke Blue und hielt sie unten. Im gleichen Augenblick warf sich die Totengräberkatze auf Blues Kopf und zielte mit den gezückten Krallen auf ihre ungeschützten Augen. Blue fühlte, dass sie zu bluten begann. Ihre Kraft sank, ihr Mut verließ sie. Verzweifelt versuchte sie, Magnolia abzuschütteln und sich zur Seite zu werfen, aber sie begann der Übermacht ihrer Gegner zu unterliegen. Noch bäumte sie sich innerlich gegen die unvermeidbare Niederlage auf, da biss die Totengräberkatze wieder in ihren Kopf. Blut und Speichel liefen aus Blues Mund. Immer noch gellten Schreie durch die Nacht. Sie klangen triumphierend. „Mach sie fertig, Willie…“, hörte sie Magnolia kreischen, die immer noch auf ihr saß, „dann sind wir sie los…“ In Blues Ohren begann die Nacht zu rauschen. Der Wind trug die Schreie über die Gräber. Blues Leben hing am seidenen Faden. Schon fühlte sie, wie die Flügel des Todes sie streiften. Ihr Blut rann aus zahlreichen Wunden. Die schmale Tür zur Hoffnung fiel langsam zu. Die Krallen der anderen wurden zu ihrer Hölle.

Wie aus weiter Ferne vernahm sie plötzlich einen anderen Gesang, einen wilden, schnell anschwellenden Ton, eine Kaskade von Tönen, in einem dunklen Bariton. Der Gesang zitterte durch ihren Kopf, wuchs zu einer rauschenden Fuge an und verlor sich wieder. Schon glaubte sie, über die Grenze zu springen ins Niemandsland zwischen den Leben. Ihr Schattentanz hatte wohl begonnen. Doch dann riss sie die Augen auf und sah im scharfen und doch trügerischen Licht des Mondes einen Kater von der Friedhofsmauer springen. Magnolia und Jo fuhren erschrocken auseinander. Blue rollte sich würgend zur Seite und versuchte auf die Pfoten zu kommen. Einige Minuten sah sie nur verschwommen und leckte ihre Wunden. Dann erkannte sie den fremden Kater wieder, den sie flüchtig auf den Treppenstufen der Altstadt gesehen hatte, der schwarze Korsar. Jetzt, wo sie ihn aus der Nähe sah, bemerkte sie, dass er ein Kater im Vollbesitz seiner Kraft war. Er war vollendet, fest gefügt, eine Persönlichkeit ohne Unsicherheiten, geschmiedet durch Abenteuer, Tod und Leidenschaft. Schnell und überraschend ging er in die Offensive und griff Magnolia an. Sein Ziel war ihr Gesicht. Er sprang und verbiss sich über ihrem Auge. Er traf gut, die Haut riss sofort und Blut sickerte über das weiße Fell. Willie schrie: „Hau ab, Magnolia lauf um dein Leben, das ist der schwarze Korsar…“ Willie setzte in riesigen Sprüngen über den Friedhof und verschwand zwischen den Gräbern, als wäre sie vom Erdboden verschluckt. Inzwischen nahm das rinnende Blut Magnolia jede Sicht und sie begann rasend vor Wut nach dem schwarzen Korsar zu schlagen. Sie bekam ihn jedoch nicht zu fassen, weil er sich geschickt weg duckte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Andreas ist seit seiner frühesten Kindheit mit einer schweren unheilbaren Krankheit konfrontiert und musste den größten Teil seines Lebens in Betreuungseinrichtungen verbringen..Das Aufschreiben seiner Geschichte ist für Andreas ein Weg etwas Sichtbares zu hinterlassen. Für alle, die im Sozialbereich tätig sind, ist es eine authentische und aufschlussreiche Beschreibung aus der Sicht eines Betroffenen.

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