Angelika Güth

Ein Wels trifft Courths-Mahler oder Frage Blickwinkel

Ein Wels trifft Courths-Mahler

oder  Alles eine Frage des Blickwinkels

Vor mir liegt die El-Torero-Story, zur Häfte fertig, aber ich komme gerade nicht weiter mit dem Text. Neben mir auf dem Schreibtisch liegt ein Stapel Zeitungen und mir fällt die dick geschwärzte Zeitungsanzeige auf über einen Wels, der einen Angler getötet hat. Wels, was für ein Wort. Aber ja, da fällt mir das Märchen vom „Fischer und seiner Frau“ ein, in dem auch ein Fisch, der Wels, das Kommando führte. Das Wort WELS interessiert mich. Im Internet finde ich unter dem Begriff „Wels“, dass es einen Ort in Oberösterreich gibt, der Wels heißt, aha. Den SPD-Politiker Otto Wels, der 1873 lebte, nehme ich so nebenbei in den Augenwinkeln mit.

Ich lese weiter. Der Körper des Wels ist nackt und schuppenlos. Während ich so an den Wels denke, stelle ich fest, ich mag keine Welse, auch nicht gedünstet.  Ich frage mich, gibt es etwas, worüber ich lieber schreiben möchte als über Toreros ? Über meinen schwulen Friseur ? Unser skurriles Hausmeister-Ehepaar Rudimaus und Hildachen?

Und dann ist da plötzlich diese fiese Stimme in meinem Kopf, „ die El-Torero-Story ist schmalzig, rührselig, kitschig, wie Courths-Mahler“. Also schmalzig kitschig, aha. OK, weniger kitschig kann auch mehr sein, denke ich, aber mehr Kitsch ist auch nicht schlecht. Mir wird immer klarer, der Blickwinkel ist entscheidend.

Vielleicht brauche ich ein neues Gebiss, damit ich meinen schmalzig-kitschigen Courths-Mahler-Touch genussvoll wegbeißen kann. Was mache ich aber mit den gefühlvollen, sinnlichen Bildern, die mir in den Zahnlücken hängen ? Eine pervertierte Form meines Perfektionismus ? Mit geradem Rücken setze ich mich wieder an meinem PC und versuche den Body Maß Index meiner El Torero-Story in Rekordzeit auf 20 BMI zu bringen, fast magersüchtig also. Ich streiche, putze und reinige den Torero von Schmalz und Kitsch. Glatt und abgespeckt frage ich mich allerdings, ob das noch mein Torero ist ? Tja, der Blickwinkel entscheidet eben doch.

Ich frage mich, was spricht denn gegen Hedwig Courths-Mahler ? Sie war mit 17 Jahren ein Erfolgsautorin, schrieb über 200 Romane und erreichte mit ihren Themen alle Schichten der Bevölkerung. Die Welt in ihren Romanen entsprach dem Wunschdenken vieler Frauen damals, die sich sozial und emotional benachteiligt fühlten und es auch waren. Frauen sehnten sich vielleicht verschämt nach einem erfüllteren Leben, und träumten von Grafen, Gutsbesitzern, von Glück, Liebe und Reichtum. Und Hedwig Courths-Mahler bediente diese Sehnsucht. Kein Wunschtraum blieb in ihren Romanen ungeträumt. Ist das nichts ? Vielleicht trug sie dazu bei, dass Frauen vom schönen Leben träumen und in Gedanken der dominanten Männerwelt damals (damals ?)  „ein Schnippchen schlagen konnten“.  Was wissen wir heute schon, wie der oft harte Alltag der Frauen wirklich war ?
Eben, der Blickwinkel entscheidet.

Stunden später finde ich folgenden Text: „Ein frischer, kühler Windhauch, der zugleich weich wie Balsam war, strich über meine nackten Arme. Tief unten im Tal lagen Zuckerrohrfelder“.

In meinem Kopf fängt es schon wieder an,  STREICHEN : frisch, weich wie Balsam, Windhauch.  „Moment mal“,  denke ich „das ist doch Perl S. Buck, die hat den Nobelpreis bekommen“. 

Ich sag es ja , alles eine Frage des Blickwinkels.
Der Blickwinkel entscheidet - immer !

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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