Hartmut Wagner

Frühlingsausflug

Großnichte Lucy ist eine kapriziöse dreizehnjährige Teenagerin aus Brühl bei KöIn.

Höchst kreativ arrangiert sie zusammen mit ihren etwas jüngeren Kusinen Carli und Emmi

oft kleine unterhaltsame Sketche und graziöse Tanzvorführungen.

Mit den beiden versteht sie sich sehr gut. Sie bilden ein sehr grünes Kleeblatt, das zum

Glückskleeblatt heranwächst, kommt Bruder Leo hinzu. An ihm hängt Lucy sehr, auch

wenn sie ihn in aller Freundschaft manchmal ein ganz kleines Bisschen ärgert.

Sie steht gern im Mittelpunkt. Am Klavier begeistert sie ihr Publikum, wenn sie äußerst

musikalisch über die Tasten streichelt, vor allem ihren Großonkel ,,Prümie“.

Dieser alergrößte Großnichtenverehrer hat darüber ein Gedicht yerfasst. Ja, sieh mal

einer an! .

 

Wenn Lucy Klavier spielt

 

Wenn Lucy Klavier spielt,

verstummt alles Alltagsgeschrei,

schweben auf Wolken

Tauben herbei,

schweigen Schmerzen und Leiden,

tanzen Sterne auf himmlischen Weiden.

 

Wenn Lucy Klavier spielt,

Iächelt ein goldener Buddha Frieden,

flieht der Winter nach Norden,

um finstere Pläne zu schmieden,

das Glück singt fröhliche Sommerlieder,

im Garten blüht violetter Flieder

 

 

Wenn Lucy Klavier spielt,

schweben Töne durch Zeit und Raum,

erscheinen Chopin, Beethoven und Mozart

uns im Traum,

Nordlicht und Sternschnuppe umschlingen sich,

Palmen rascheln für dich und mich.

 

 

Wenn Lucy Klavier spielt,

streichelt ein Engel die Tasten,

verschwinden aus Herzen

Trauer und Lasten,

lächeln Welt und Erde mild und still,

pausiert sogar die Zeit, was sie nicht will.

 

Wenn Lucy Klavier spielt,

nehmen Gutes, Wahres und Schönes Platz,

umarmen Erniedrigte, Beleidigte,

hungrige Kinder, menschlichen Bodensatz,

Melodien breiten sich überall aus,

Musik baut harmonisch ein menschliches Haus.

 

Wenn Lucy Klavier spielt,

wächst Freude auf dem blauen Planeten,

ziehen Blumen und Liebe uns an,

unwiderstehlich starke Magneten.

Chefs und Bürokraten versenkt die Flut der Klänge,

Feenchöre jubeln überirdische Gesänge.

 

Wenn Lucy Klavier spielt,

verheißt Jugend ewige Dauer,

springt Hoffnung hoch

über alle Grenzen und jede Mauer,

strahlt so hell ein ganz neuer Tag

glüht die Sonne heiß, was sie am liebsten mag.

 

Wenn Lucy aufhört ist das Spiel aus, Leider! Traurig! Irgendwann

jedoch fängt wieder die raue Wirklichkeit an.

Uns wird sie niemals unterkriegen!

Wir werden sie mit Glücksmusik besiegen!

Wir denken an unsere Pianovirtuosin

und schon begleitet uns wieder Frohsinn!

 

Wer mit Lucie spazieren geht, muss immer‘ einen Stock auf der Erde finden oder aus

irgendwelchen pechyögeligen Bäumen, Büschen oder Sträuchern brechen,

jedenfalls, wenn er ein Großonkel oder so etwas Ähnliches ist.

Dieses Mal lag rechts und links des Schotterweges kein passendes Holzstück bereit. Und

der noch nicht durch ein reichhaltiges Mittagsmahl gestärkte und wegen bereits siebzig

Lebensjahren ohnehin ein wenig wackelige Großonkel prockelte etwas schwächlich im

Gebüsch am Wegesrand herum.

Schließlich gelang es ihm, einen zwar langen, aber umso dünneren und einen zwar

dicken, aber umso krummeren Stock aus einem recht kümmerlichen Holunderbusch

herauszubrechen. Hoffentlich ist der wegen dieser barbarischen und umweltfeindlichen

Stockbeschaffungsaktion nicht eingegangen.

Dame Lucy beäugte die Stabkollektion kritisch und entschied, den langen Dünnen zu

behalten, den kurzen Dicken aber zu verwerfen.

Er landete irgendwo in der Botanik. Der Dünne jedoch diente als Degen bzw. Säbel, mit

dem Lucy elegante Luftgefechte führte, als Spazierstock oder als Waffe gegen den

brüderlichen Begleiter, der ihr jedoch immer geschickt zu entwischen vermochte.

Nach den Spiegelfechtereien begaben sich die vier Wanderer auf die sonnige Terrasse des

Ausflugslokals ,,Haus Oveney“ am Nordufer des Kemnader Sees. Dort saßen bereits viele

Leute. Deswegen versuchten die Verwandten, habichtsäugig einen freien Tisch zu

erspähen.

Erspähten sie aber nicht. Alle Stühle waren besetzt. Doch da, genau an der Hecke, verließ

eine Jungfamilie, Mutter, Vater und zwei Töchter, ihren Tisch und mit einem rasanten

Zwischenspurt, bei dem Oma Hanne etwas ins Schnaufen kam, erreichten unsere Vier

den vorübergehend verlassenen Ort.

Dort ließen sie sich bei guter Aussicht gemütlich nieder, schauten mit Interesse zunächst

auf vorbei rollende Rennradfahrer(innen), Inlineskater, kläffende bzw. schweigsame, große

bzw. kleine, lang- bzw. kurzhaarige Hunde, mehr oder weniger verliebte Pärchen, so

Manches mehr und zum Schluss auf die reichhaltige Speisenkarte.

Wahrend Lucy, Oma Hanne, Bruder Leo und Großonkel ,,Prümie“ vorher schöne und

hässliche, schlanke und vollschlanke, tätowierte und nicht tätowierte Passanten kritisch

begut- oder beschlechtachtet hatten, wandten sie jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit dem

Kartenangebot zu.

Schließlich fanden alle etwas. Pommes, Salat, Rinder-, Schweine- und Hähnchenbraten

schmeckten sehr gut. Und weder Lucy noch Leo,Oma oder Großonkel ,,Prümie“ taten die

armen Pflanzen oder Tiere leid. Wie schrecklich!

SchIießlich hockten die Allesesser gesättigt, zufrieden und bequem am leeren Tisch und

Lucy hub an, eine Anekdote über die Oma zu erzählen.

Die errötete ein wenig, als die Enkelin mit heller Stimme der ganzen Gästeschar auf der

Terrasse ein dickes Omalob verkündete: ,,Ha, die Oma hat einmal fünf Euro Trinkgeld

gegeben.“ Und „Prümie“ konnte das gar nicht glauben. Der hat sie ganz erstaunt gefragt:

„Sag mal Hanne! Hast du dich geirrt?“

Einige Gäste Iächelten still vergnügt vor sich hin. Der Kellner kam mit der Rechnung und

Oma Hanne musste wohl oder übel zumindest drei Euro Trinkgeld zahlen.

,,Lucy“, sprach sie, ,,so was posaunst du bitte vor so vielen Leuten nicht noch einmal aus!“

Obwohl man mit vollem Magen nicht baden soll, besuchten die vier danach das Hevener

Spaßbad am Ostende des Sees.

Im Solebecken strömten warme Fluten aus Massagedüsen, sprudelte es heftig unter bequemen Sitzen, schossen Fontänen empor und spülten Gegenströme die Schwimmer kraftvoll fast in den Stausee hinaus.

All diese wirklich famosen und segensreichen Wasserspiele besaßen allerdings an diesem

Tag eine merkwürdige Eigenschaft. Näherte sich die verwandte Mehrgenerationengruppe,

war es vorbei mit der Sprudelei unter den Sprudelsitzen, zerrannen die prächtigen

Fontänen zu plätschrigen Nichtsen und die tosenden Gegenströme vergluckerten zu

harmlosen Bächlein.

Dabei hatte Oma Hanne doch für alle Eintrittsgeld bezahlt!

Lucy aber fiel etwas ganz Tolles ein. Sie tauchte einmal quer durch das ganze Becken und

ihre lange blonde Mähne folgte gehorsam. Diese Tauchvorführung genügte der kühnen

Schwimmerin jedoch keineswegs: ,,Jetzt tauche ich noch ein Mal durch und dann sofort

wieder zurück.“ ,,Ach was, das schaffst du niemals“, wandten Oma, Bruder und Großonkel

ein.

Sie behielten drei Mal hintereinander Recht, aber beim vierten Mal widerlegte eine

halbtote und um Atemluft ringende Lucy die pessimistische Verwandtenprognose.

Zum Schluss fiel ihr noch etwas ganz Besonderes auf: ,,“Prümie“, deine Badehose ist fast

durchsichtig!“

Der bespitznamte Großonkel Stefan blickte an sich herunter und teilte mit:

,,Das ist keine richtige Badehose. Das sind Boxershorts. Es handelt sich also eher um

eine Unterhose. Aber du hast Recht. Die liegt wirklich etwas eng an. Das ist mir allerdings

jetzt tatsächlich ein kleines Bisschen peinlich.“

 

Ostermontag, 6.4.2015, um 21 Uhr 3 beendet!

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